RCKSTR Mag. #169

online.magazines
  • Keine Tags gefunden...

Vor nicht allzu langer Zeit, da wachte ich jeden Morgen auf und fragte

mich, was zur Hölle ich tun sollte: In der Schweiz bleiben oder auswandern?

Meinen 20-minütigen Arbeitsweg verbrachte ich geistesabwesend

auf meinem Fahrrad damit, mir verschiedene Szenarien durchzuspielen,

während ich den See, neben dem ich her fuhr, kaum wahrnahm.

Soll ich in der Schweiz bleiben? Oder nach London ziehen?

Während ich im Büro eine Nespresso-Kapsel in die Maschine stopfte und

auf meinen Kaffee wartete, fragte ich mich, ob ich das denn alles aufgeben

wollen würde? War doch alles ganz nett hier. Und wenn mir am

Abend wiedermal der Kopf schwirrte vor lauter Denken, vor lauter Fragen,

vor DER FRAGE, da machte ich Pro-Kontra-Listen.

Soll ich in der Schweiz bleiben? Oder nach London ziehen?

Wenn ich so zurückblicke, merke ich, dass ich schon zu dem Zeitpunkt eigentlich

gar nicht mehr so richtig da war. Aber wie entscheidet man sich

denn? Ob man jetzt auswandern soll oder nicht? Irgendwann nutzen alle

Pro-Kontra-Listen nichts mehr, und da muss man einfach mal machen.

Einfach mal machen

Ich habe einfach mal gemacht – und was kann ich sagen: Es ist hart. Es ist

scheisse. Du wirst deine Freunde und deine Familie vermissen, du wirst

komplett auf dich allein gestellt sein, du wirst diese kleine Scheissstadt,

die dir sonst immer zu eng und klein war, hoch in den Himmel loben während

du dein neues Zuhause verfluchst – aber du wirst es auch lieben.

Die Freiheit, dich komplett neu zu erfinden, das Wissen, das du über den

neuen Ort aufsaugen kannst, all die fremden Menschen, die dir nicht mit

Griesgram und Missmut begegnen, die Distanz, die Verwunderung, die

Erweiterung und Bereicherung, die du seltsamerweise immer dann am

stärksten spürst, wenn du wieder in deiner Heimat bist. Es fühlt sich ein

bisschen an wie Fahrradfahren mit geschärften Sinnen: Du fährst durch

eine komplett fremde Landschaft und nimmst alles sehr intensiv wahr.

Die schönen Farben etwa, aber auch die grosse Angst vor der unbekannten

Silhouette da vorne.

Die Schweizer, die Auswanderer

Jeder zehnte Schweizer lebte 2018 im Ausland – und fast jeder zweite

träumt gelegentlich vom Auswandern. Dies hat eine Umfrage des Link-Instituts

im Jahr 2002 ergeben. Viele dieser Menschen haben sich einst wie

ich die Frage gestellt, ob sie es tun sollen oder nicht – für den Job, das

Abenteuer, das Projekt, den Wunsch, etwas zu verändern, die Liebe. Für

mich war es letzteres: Die Schweiz bot nicht gerade einfache Einwanderungsbedingungen

für meinen Mann, und als mein Arbeitsvertrag auslief,

sah ich keinen Grund mehr, es nicht zu tun: Als Schweizerin habe ich

schliesslich das Privileg, in Europa leben und arbeiten zu dürfen, ohne ein

Visum zu benötigen. Doch wie sieht es beim Rest der Schweizer aus? Die

Expat-Plattform Internations hat letztes Jahr 18'000 Auswanderer aus

187 Ländern gefragt, warum sie der Heimat den Rücken gekehrt haben,

darunter auch 173 Personen aus der Schweiz. Daraus hat Internations

sieben Typen definiert:

#169 | AUGUST 2019

17

6

7

1

1) Der Optimierer 18 Prozent

Diesen Typen zieht es ins Ausland, weil er im Ausland mehr Vorteile für sich

sieht, sei dies durch bessere Lebensqualität oder mehr Lohn.

5

2) Die Entsandte 16 Prozent

Die Entsandte wird von ihrem Arbeitgeber in die Fremde geschickt. Sie verbringt

überdurchschnittlich viel Zeit bei der Arbeit und sieht ihren Aufenthalt nicht als

permanente Station: 58 Prozent möchten früher oder später wieder in die Heimat

zurückkehren.

4

2

3) Der Romantische 14 Prozent

Der romantische Auswanderer folgt seinem Partner ins Ausland. Für ihn ist die

Karriere ein Problemfeld: Er ist häufiger auf Arbeitssuche und öfter unzufrieden

mit seinem Job.

4) Die Entdeckerin 13 Prozent

Der Hauptgrund für die Auswanderung ist für die Entdeckerin die Lust auf Abenteuer.

Sie geniesst das Leben im Ausland und ist mit ihrem Sozialleben und dem

Freizeitangebot sehr zufrieden.

5) Der Karrieremensch 13 Prozent

Der Karrieremensch möchte seine Karriere im Ausland vorantreiben. Dafür lässt

dieser Typ zur Not auch mal seinen Partner zu Hause: Fast ein Viertel der Karrieremenschen

in einer festen Beziehung 24% leben derzeit nicht im selben Land

wie ihr Partner.

6) Die Mitreisende 6 Prozent

Die Mitreisende folgt ihrem Partner, der seine Karriere im Ausland vorantreiben

will. Fast neun von zehn Personen dieser Gruppe sind Frauen. Sie sind mit ihrer

eigenen Karriere unzufrieden, und 33 Prozent fühlen sich in der Kultur des Gastlandes

nicht zu Hause.

7) Der Student 4 Prozent

Der Student zieht ins Ausland, um zu studieren oder einen Sprachaufenthalt zu

absolvieren. Trotz guter Sprachkenntnisse bekunden zwei von fünf Studenten

Mühe, einheimische Freunde zu finden.

3

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine