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Bunte Salze, weiße Berge

Wachstum und Wandel der Kaliindustrie zwischen Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg

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<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong><br />

Wachstum und Wandel<br />

der Kaliindustrie zwischen<br />

Thüringer Wald, Rhön<br />

und Vogelsberg<br />

Hermann-Josef Hohmann und Dagmar Mehnert (Hg.)


<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong><br />

Wachstum und Wandel<br />

der Kaliindustrie zwischen<br />

Thüringer Wald, Rhön<br />

und Vogelsberg<br />

Hermann-Josef Hohmann und Dagmar Mehnert (Hg.)


Die Herausgeber bedanken sich bei allen, die die<br />

Veröffentlichung von „<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong>“<br />

mit Fotomaterial, Tipps, Anregungen, Hilfe und<br />

Wohlwollen unterstützt haben.<br />

Ein besonderer Dank geht an unsere Familien und<br />

Freunde, die in der letzen Zeit wenig von uns hatten<br />

und geduldig ertragen haben, dass bunte <strong>Salze</strong><br />

und <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong> monatelang unseren Alltag ganz<br />

stark mitbestimmt haben!<br />

Impressum<br />

Herausgeber | Hermann-Josef Hohmann<br />

Dr. Dagmar Mehnert<br />

Herausgeben im Auftrag des Landesverbandes Hessen e.V. im<br />

Bund Deutscher Bergmanns-, Hüttten und Knappenvereine;<br />

des Bergmannsvereins „Glückauf Wintershall Heringen e.V.“<br />

und des Förderkreises Werra-Kalibergbau-Museum e.V.<br />

Konzept | Hermann-Josef Hohmann<br />

Texte | Dr. Lothar Brückner, Norbert Deisenroth, Hermann-<br />

Josef Hohmann, Dr. Rudolf Kokorsch, Dr. Dagmar<br />

Mehnert, Hartmut Ruck<br />

Textbearbeitung | Dr. Dagmar Mehnert<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Lektorat | Heike Bilgenroth-Barke<br />

Bildauswahl | Hermann-Josef Hohmann<br />

Fotos und Abbildungen | Titelseite, K +S AG (3), Walter<br />

Blankenbach (1); Fotos Vorsatz,<br />

Josef Müller (2); Inhaltsseiten,<br />

siehe Bildnachweis<br />

Scans | Hermann-Josef Hohmann, H A B E K O S T<br />

Gestaltung, Bildbearbeitung, Layout, Satz | H A B E K O S T<br />

Verlag | Ulmenstein, Hardtweg 5, 36088 Hünfeld<br />

www.verlag-ulmenstein.de<br />

Druck | Hoehl Druck, Bad Hersfeld<br />

Printed in Germany ISBN 3-9809738-0-8<br />

Copyright 2004 Verlag Ulmenstein<br />

Der Fließtext und die Texte der Themenkästen sind in der<br />

neuen Rechtschreibung gehalten. Die Quellentexte sind aus<br />

Gründen der Authentizität in der originalen Form übernommen<br />

worden.<br />

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, oder Teile daraus, darf<br />

nicht ohne die schriftliche Genehmigung des Herausgebers<br />

vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder elektronisch,<br />

fotomechanisch oder auf Tonträger übertragen und kommerziell<br />

weiter verwendet werden.<br />

Die Fotografen sind, soweit sie den Herausgebern bekannt geworden<br />

sind, namentlich genannt. Berechtigte Ansprüche auf<br />

Bildrechte können nachgemeldet werden.


Vorwort 6<br />

Entstehung, Zusammensetzung und 7<br />

Veränderungen der Salzlagerstätte<br />

Norbert Deisenroth<br />

Eine lange Vorgeschichte 25<br />

Dr. Lothar Brückner<br />

Der Aufbau des Kalireviers und 35<br />

die Jahre bis 1945<br />

Dr. Dagmar Mehnert<br />

Die Kaliindustrie an der Werra in Thüringen 101<br />

1945-1989<br />

Hartmut Ruck<br />

Wiederaufbau und Rationalisierung 135<br />

– Kaliindustrie in Hessen 1945-1989<br />

Dr. Rudolf Kokorsch<br />

Wieder vereinigt – die Jahre nach 1989 177<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Glossar 184<br />

Hermann-Josef Hohmann und Dr. Dagmar Mehnert<br />

Abkürzungen, Anmerkungen, Literatur, 186<br />

Bildnachweis, Leihgeber und Autoren<br />

5


6<br />

Vorwort<br />

Die Geschichte des Kalibergbaus zwischen Thüringer<br />

Wald, Rhön und Vogelsberg beginnt unspektakulär:<br />

1893 brachte in der Nähe des kleinen thüringischen<br />

Ortes Kaiseroda ein Bohrkern Kalisalze aus<br />

der Tiefe ans Tageslicht. Kaum hatte sich die Nachricht<br />

verbreitet, rückten weitere Bohrtrupps an und<br />

wiesen innerhalb weniger Monate zwei abbauwürdige<br />

Kalilager nach, die sich im Untergrund über<br />

viele Kilometer erstreckten. Seitdem die ersten<br />

Schächte niedergebracht sind, fahren die Bergleute<br />

tagaus tagein in ihre Bergwerke ein und gewinnen<br />

in einer Tiefe von bis zu 1.000 Metern die begehrten<br />

Kalirohsalze. Über Tage angekommen werden sie in<br />

großen Werksanlagen in ihre Bestandteile zerlegt,<br />

gereinigt und zu hochwertigen Düngemitteln für<br />

die Landwirtschaft sowie zu chemischen oder medizinischen<br />

Produkten verarbeitet.<br />

Die Fördertürme und Fabrikanlagen stehen heute<br />

am Fuß riesiger „<strong>weiße</strong>r <strong>Berge</strong>“, die fast liebevoll<br />

„Monte Kali“ oder „Kalimandscharo“ genannt werden.<br />

Die drei landschaftsprägenden Salzhalden in<br />

Heringen, Neuhof und Philippsthal sind zu Wahrzeichen<br />

im Werra-Fulda-Revier geworden. Durch<br />

den Kalibergbau entwickelten sich aus ehemals verträumt<br />

wirkenden Dörfern Bergbau- und Industrieorte<br />

mit einer für Bergmannssiedlungen charakteristischen<br />

Struktur.<br />

Dennoch hat sich die Region weiter eine ländliche<br />

Prägung bewahrt. Nicht nur romantische Haldenblicke,<br />

sondern auch idyllisch gelegene Plätze, ruhig<br />

dahinfließende Gewässer sowie seltene Tiere und<br />

Pflanzen in ausgewiesenen Naturschutzgebieten zeugen<br />

davon, dass Mensch, Natur und Kaliindustrie zu<br />

einem Miteinander gefunden haben. Dies ist besonders<br />

wichtig, weil die Entwicklung der Kaliindustrie<br />

im Werra-Fulda-Revier nicht geradlinig verlief: Ausgehend<br />

vom ersten Kalifund entstand eine Industrie,<br />

die als wirtschaftliches Ganzes begann, sich<br />

nach 1945 in verschiedenen politischen Systemen<br />

wiederfand und nach der Wende wieder zusammengefügt<br />

wurde. Jeder der Zeitabschnitte ist auf seine<br />

Art spannend. Stets sind neue Entwicklungen ebenso<br />

zu beobachten wie das Festhalten an Traditionen.<br />

Auch an Werra, Ulster und Fliede entwickelte sich<br />

eine bergmännische Kultur mit eigenen Vereinen,<br />

Musikkapellen, Liedern, Festen und Umzügen. Mit<br />

der Heiligen Barbara besitzen die Bergleute eine<br />

eigene Schutzpatronin, die über ihr Wohlergehen<br />

wacht. Der Bergbau findet seinen Nachhall selbst in<br />

sprachlichen Besonderheiten: So „fahren“ Bergleute<br />

auch wenn sie gehen, reden von „Teufe“, wenn die<br />

Tiefe gemeint ist, kennen über sich in der Grube<br />

keine Decke, sondern nur „Firste“, nennen die Luft<br />

unter Tage „Wetter“ und sagen „Glückauf“, wenn sie<br />

sich begrüßen.<br />

Das Buch erhebt nicht den Anspruch, eine umfassende<br />

Bergbaugeschichte des Reviers zu sein, sondern<br />

will seine durch die Lagerstätte vorgegebene<br />

Einheit aufzeigen und die allgemeine Entwicklung<br />

im Überblick darstellen. Den Texten an die Seite<br />

gestellt sind Tabellen, Grafiken, Abbildungen und<br />

vor allem viele Fotos. Bildmaterial von beeindrukkender<br />

Menge und Vielfalt illustriert die Geschichte<br />

des Reviers. Die Bilder zeigen die Kaliwerke über<br />

und unter Tage genauso wie die Feste und Feiern<br />

der Bergleute. Sie vermitteln so einen tiefen Einblick<br />

in die Arbeitswelt und die bergmännische<br />

Kultur im Wandel der Zeit.<br />

„<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong>“ lädt ein zu einer Zeitreise,<br />

die vor 250 Millionen Jahren mit der Entstehung<br />

der Lagerstätte beginnt und in der jüngsten<br />

Vergangenheit endet. Seit Generationen sind die<br />

Menschen in den Kaliorten durch einen Bergbauzweig<br />

geprägt, der bis heute alle politischen, gesellschaftlichen,<br />

wirtschaftlichen und technischen Stürme<br />

überstanden und seine bergmännischen Traditionen<br />

bewahrt hat.„<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong>“<br />

möchte etwas von der Faszination vermitteln, die<br />

von über 100 Jahren Bergbaugeschichte zwischen<br />

Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg ausgeht. Das<br />

Werra-Fulda-Revier ist heute eine der wenigen Regionen<br />

in Deutschland, in denen der Bergbau nicht<br />

nur mehreren tausend Menschen Arbeit gibt, sondern<br />

Land und Leuten auch in den kommenden<br />

Jahrzehnten seinen Stempel aufdrücken wird.<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Dr. Dagmar Mehnert


Norbert Deisenroth<br />

Entstehung, Zusammensetzung und<br />

Veränderungen der Salzlagerstätte<br />

2<br />

3<br />

1 4<br />

Wie bunt und vielfältig <strong>Salze</strong> sind, zeigt die etwa 250 Millionen<br />

Jahre alte Salzlagerstätte an Werra und Fulda nicht nur in<br />

ihren beiden Kaliflözen. Nachdem das aus dem Zechsteinmeer<br />

auskristallisierte Salz von jüngeren Gesteinen überdeckt worden<br />

war, blieb es über alle geologischen Zeiträume hinweg erhalten.<br />

Doch die vielen Jahrmillionen sind nicht spurlos an der<br />

Salzlagerstätte vorüber gegangen: Vulkanschlote durchschlugen<br />

die Salzschichten, im Salz wurden Gase eingelagert, die<br />

Zusammensetzung und der Mineralbestand der Lagerstätte<br />

änderten sich und eingedrungenes Grundwasser hat das Salz<br />

aufgelöst.<br />

1 Rotes Steinsalz, unteres Werrasteinsalz,<br />

Na1alpha, Grube Hattorf, Philippsthal,<br />

Südostfeld<br />

2 Buntsandstein<br />

3 Weißer Carnallit, Grube Merkers<br />

4 Ein handgezeichnetes Streckenprofil<br />

von 1926 aus dem Kaliwerk Alexandershall


EIN PLANET IN STÄNDIGEM WANDEL<br />

Norbert Deisenroth<br />

8<br />

Solange es die Erde gibt, ist ihre Oberfläche ständigen Veränderungen unterworfen:<br />

Weil die Kontinente wandern, breiten sich Meere aus, schrumpfen,<br />

verschwinden und entstehen an anderer Stelle neu. Andernorts<br />

wachsen Gebirge in die Höhe und unterliegen sofort wieder den Kräften<br />

der Abtragung. Solche geologischen Prozesse laufen jedoch so langsam<br />

ab, dass sie sich der menschlichen Wahrnehmung fast völlig entziehen.<br />

So entfernen sich zum Beispiel Nord- und Südamerika von Europa und<br />

Afrika jährlich um circa zwei Zentimeter, so viel, wie ein menschlicher<br />

Fingernagel durchschnittlich pro Jahr wächst.<br />

Der Motor dieser Bewegungen befindet sich im Erdinneren: Die Erdkruste,<br />

wie die oberste Schicht des Planeten Erde bezeichnet wird, zerfällt in<br />

mehrere Platten, die auf dem zähflüssigen oberen Erdmantel schwimmen.<br />

Konvektionsströme, die von den Temperaturunterschieden zwischen der<br />

kalten Erdkruste und dem heißen Erdkern hervorgerufen werden, halten<br />

die Platten in ständiger Bewegung. Durch das Triften der Platten und die<br />

Kräfte der Abtragung entstand im Verlauf vieler Millionen Jahre das heutige<br />

Bild der Erdoberfläche.<br />

A<br />

A<br />

Die Lage der Kontinente<br />

im Perm<br />

G<br />

r ö<br />

n l<br />

d<br />

a n<br />

Themse<br />

Rhein<br />

Elbe<br />

Duna<br />

Weichsel<br />

Wolga<br />

Dnjepr<br />

Dnjestr<br />

1<br />

Die Salzlagerstätte –<br />

an Werra und Fulda<br />

Zur Sedimentation von Salzlagerstätten ist es gekommen,<br />

weil es zeitweise Meeresteile gab, in denen<br />

die von der Sonneneinstrahlung ausgelöste Wasserverdunstung<br />

größer war als die aus dem offenen<br />

Ozean, aus Flüssen oder aus Niederschlägen stammenden<br />

Wasserzuflüsse. Sind diese Voraussetzungen<br />

gegeben, beginnt ein Eindunstungsvorgang und die<br />

circa 35 Gramm in einem Liter Meerwasser gelösten<br />

<strong>Salze</strong> kristallisieren nach und nach aus. Dadurch<br />

entstehen Ablagerungen, die vor allem aus<br />

Kochsalz (NaCl) und in geringeren Mengen aus kaliund<br />

magnesiumhaltigen <strong>Salze</strong>n bestehen.<br />

Als die Salzlagerstätte an Werra und Fulda am Ende<br />

des Erdzeitalters Perm entstanden ist, gab es nur einen<br />

riesigen Kontinent, die so genannte Pangäa, in<br />

dem alle Landmassen zusammenhingen. Im heutigen<br />

Deutschland bestanden vor circa 250 Millionen<br />

Jahren im Zechstein, einem etwa 10 Millionen Jahre<br />

dauernden Unterabschnitt des Perm, günstige Voraussetzungen<br />

für die Ablagerung von <strong>Salze</strong>n. Damals<br />

war Deutschlands nördlicher Teil vom flachen Zechsteinmeer<br />

bedeckt, das nur über eine schmale Verbindung<br />

zum offenen Ozean verfügte. Europa insgesamt<br />

lag sehr viel weiter südlich, etwa dort, wo sich<br />

heute die Sahara befindet; es herrschte ein heißes<br />

und trockenes Klima. Neben den Klimaverhältnissen<br />

und der geringen Frischwasserzufuhr durch<br />

Flüsse und Niederschläge kam bei der Ablagerung<br />

von <strong>Salze</strong>n als dritter Einflussfaktor die „Barre“ ins<br />

Spiel. 1 Dabei handelt es sich um untermeerische<br />

Schwellen, die den Zufluss von Frischwasser aus dem<br />

offenen Ozean zeitweise behinderten oder ganz unterbanden.<br />

War das der Fall, reicherten sich die<br />

gelösten Stoffe im Wasser durch die starke Verdunstung<br />

immer weiter an. Phasenweise floss<br />

jedoch wieder neues Wasser zu. In den tieferen<br />

Bereichen des Zechstein-Beckens sammelte sich deshalb<br />

immer mehr Wasser, in dem die gelösten<br />

Minerale hochkonzentriert waren. Es konnte wegen<br />

seines höheren Gewichts nicht über die Barre zurück<br />

in den offenen Ozean gelangen. Zuerst war im<br />

am weitesten südlich gelegenen Teilbecken, dem<br />

heutigen Kalirevier Werra-Fulda, der Punkt erreicht,<br />

an dem die gelösten Stoffe auskristallisierten und


sich als Feststoffe ablagerten. Da gleichzeitig der Beckenboden<br />

wohl relativ schnell einsank, bildeten<br />

sich bis über 300 Meter dicke Salzschichten. Als das<br />

Werra-Fulda-Becken bereits trocken gefallen war<br />

und sich das Meer zurückgezogen hatte, lagerten<br />

sich auch im flächenmäßig viel größeren norddeutschen<br />

Becken mächtige Salzschichten ab. Sie reichen<br />

bis weit unter die heutige Nordsee und erstrecken<br />

sich von Mittelengland im Westen bis nach Polen<br />

im Osten.<br />

Salzminerale bilden Salzgesteine<br />

In den Ablagerungen sind in sehr unterschiedlichen<br />

Mengenanteilen eine ganze Reihe von Salzmineralen<br />

vorhanden. Nur ausnahmsweise kommen die Minerale<br />

in völlig reiner Form vor. Der Normalfall sind<br />

Gesteine, in denen mehrere Salzminerale stark gemischt<br />

und eng miteinander verwachsen sind. Deshalb<br />

können die Kali- und Magnesiumsalze nicht in<br />

reiner Form, sondern nur als Salzgesteine, vor allem<br />

mit Steinsalz vermischt, abgebaut werden. Das geförderte<br />

Rohsalz wird über Tage in der Fabrik in seine<br />

verschiedenen Bestandteile zerlegt. Die begehrten<br />

2<br />

1 Die Ausdehnung des Zechsteinmeeres in Mittel- und Nordeuropa<br />

2 Die Barrentheorie ist die allgemein anerkannte Erklärung<br />

für die Entstehung von Salzlagerstätten<br />

Die wichtigsten Salzminerale und ihre Eigenschaften<br />

9


Salzgesteine und ihre Zusammensetzung<br />

Bezeichnung<br />

Zusammensetzung<br />

prozentualer Anteil<br />

Mineral<br />

Sylvinit 15 bis 40%* Sylvin<br />

60 bis 85%* Halit (=Steinsalz)<br />

wechselnd<br />

Anhydrit und Kieserit<br />

Hartsalz 10 bis 25%* Sylvin<br />

30 bis 75%* Halit (=Steinsalz)<br />

10 bis 50%* Kieserit<br />

wechselnd<br />

Anhydrit, Langbeinit, Polyhalit, Kainit<br />

Carnallitit 40 bis 60%* Carnallit<br />

30 bis 40%* Halit (=Steinsalz)<br />

10 bis 15 %* Kieserit<br />

wechselnd<br />

Anhydrit, Polyhalit, Tachhydrit, Bischofit<br />

* Die Prozentangaben sind Richtwerte, die von Fall zu Fall auch über- oder unterschritten<br />

werden können<br />

1<br />

Calciumkarbonat und -sulfat<br />

Natriumchlorid (Steinsalz)<br />

Magnesiumsulfat<br />

Kaliumchlorid<br />

Magnesiumchlorid<br />

Angaben in Prozent<br />

10<br />

Wertstoffe sind kaliumhaltige Minerale wie Sylvin,<br />

Carnallit und der magnesiumsulfathaltige Kieserit.<br />

Das Vorhandensein von Kieserit ist eine Besonderheit<br />

der deutschen Kalilagerstätten, die von größter<br />

wirtschaftlicher Bedeutung ist. Kieserit ist ein begehrter<br />

Mineraldünger für bestimmte Kulturpflanzen,<br />

wie etwa Ölbäume. Zusammen mit dem in der<br />

Fabrik gewonnenem Kaliumchlorid bildet er die<br />

Grundlage für die Herstellung von hochwertigem<br />

2<br />

Kaliumsulfat (K2SO4).<br />

Salzablagerung –<br />

immer der Reihe nach<br />

Für den Aufbau einer Salzlagerstätte ist die unterschiedliche<br />

Löslichkeit der im Meerwasser gelösten<br />

<strong>Salze</strong> von entscheidender Bedeutung. Bei der Eindunstung<br />

kristallisieren die schwerer löslichen Verbindungen<br />

zuerst aus, die am leichtesten löslichen<br />

zuletzt, wenn nahezu alles Wasser verdampft ist. Zuerst<br />

setzen sich dementsprechend Dolomit und Kalk<br />

ab. Darauf folgen Gips und Steinsalz. Da im Meerwasser<br />

vor allem Steinsalz gelöst ist, fällt es in großen<br />

Mengen aus und stellt den Hauptanteil der Ablagerungen.<br />

Im Werra-Fulda-Gebiet sind insgesamt<br />

über 200 Meter dicke Steinsalzschichten vorhanden.<br />

Kalium- und magnesiumhaltige <strong>Salze</strong> kristallisieren<br />

erst ganz zuletzt aus, wenn die Verdunstung weiter<br />

fortschreitet. Verglichen mit dem Steinsalz bilden<br />

sie wegen ihres niedrigen Anteils an den gelösten<br />

Stoffen nur Ablagerungen von geringer Mächtigkeit.<br />

Über den kalium- und magnesiumhaltigen Schichten<br />

befindet sich in der Werra-Fulda-Lagerstätte normalerweise<br />

wieder Steinsalz. Seine neuerliche Bildung<br />

und die stellenweise zu beobachtende Ausfällung<br />

von Gips geht auf verminderte Salzgehalte im Wasser<br />

des Zechstein-Beckens zurück. Ihre Ursache war<br />

frisches Wasser, das aus dem offenen Ozean zugeflossen<br />

ist. Sobald die Zuflüsse aufhörten, stieg durch<br />

die starke Verdunstung die Salzkonzentration wieder<br />

an, und auch die mit dem Frischwasser in das<br />

Becken gelangten <strong>Salze</strong> kristallisierten nun aus. Der<br />

geschilderte Vorgang wiederholte sich mehrfach.<br />

Dies erklärt den Aufbau der Lagerstätte mit ihren<br />

drei mächtigen Steinsalz- und zwei Kalischichten.


3 4<br />

1 Die gelösten Stoffe im Meerwasser, ihr prozentualer Anteil<br />

und ihre Löslichkeit<br />

2 Profil des Schachtes Herfa in Heringen<br />

3 Blaues Steinsalz, Grube Wintershall, Heringen, 1.Sohle<br />

Südostfeld („Blauer Himmel“)<br />

4 Blauer Steinsalzkristall, Grube Unterbreizbach<br />

5 Steinsalzkristall, Grube Merkers<br />

6 Sekundär gebildete Steinsalzkristalle, unbekannte Grube,<br />

Werrarevier<br />

7 Steinsalzlocke, Grube Hattorf, Philippsthal<br />

5 6<br />

7<br />

11


KUPFERSCHIEFER<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Am Nordrand der Lagerstätte, am Richelsdorfer Gebirge, streichen die Gesteinsablagerungen<br />

aus dem Zechstein an der Oberfläche aus. Beginnend<br />

vor etwa 70 Millionen Jahren wurden sie bei der Heraushebung von Thüringer<br />

Wald und Richelsdorfer Gebirge mit nach oben geschleppt. Dadurch<br />

kam Wasser in Kontakt mit den wasserlöslichen Salzgesteinen und löste sie<br />

auf. Nicht wasserlösliche Zechsteinablagerungen wie der Kupferschiefer blieben<br />

erhalten. Aufgrund seines Kupfergehaltes war der Kupferschiefer früher<br />

ein begehrter Rohstoff für die Kupfergewinnung. Im Richelsdorfer Gebirge<br />

tritt er direkt an der Erdoberfläche aus oder befindet sich in nur geringer<br />

Tiefe. Er wurde mit wechselndem wirtschaftlichen Erfolg bis zur Mitte des<br />

20. Jahrhunderts bergmännisch abgebaut.<br />

A<br />

B<br />

A<br />

B<br />

Bergleute (v.l.n.r.: Kollmann, Rabe, Röder und Schmelz) auf der Erzbank, Grube Wolfsberg,<br />

Zweite Sohle Nord, Vollstreb, 1954<br />

Mit einer Seilbahn wurde das Erz aus 9,3 Kilometer Entfernung zur Hessenhütte nach<br />

Sontra transportiert und dort weiter verarbeitet [um 1940]<br />

Die Sedimentation von Kalk bis hin zu den kaliumund<br />

magnesiumhaltigen <strong>Salze</strong>n erfordert eine steigende<br />

Konzentration der gelösten Stoffe und wird<br />

daher als progressive Ausscheidungsphase bezeichnet.<br />

Die rezessive Phase ist die umgekehrte Ausscheidung<br />

bei sinkender Salzkonzentration nach Wasserzuflüssen<br />

aus dem Weltmeer. Verursacht vom unterschiedlichen<br />

Grad der daraus resultierenden Verdünnung,<br />

kann die im Normalfall ablaufende Gesteinsbildung<br />

unterbrochen werden. Anschließend setzt<br />

sie sich entsprechend der Zusammensetzung der<br />

nach dem Zufluss im Meeres-Becken enthaltenen<br />

und im Wasser gelösten Stoffe fort.<br />

Ganz unterschiedlich:<br />

Beckenzentrum und Beckenrand<br />

Auch im Werra-Fulda-Becken haben sich die mächtigsten<br />

Salzschichten dort gebildet, wo im Zentrum<br />

des Ausscheidungsbeckens das Wasser am tiefsten<br />

war. Hier sind die leichtlöslichen kali- und magnesiumhaltigen<br />

<strong>Salze</strong> in der größten Mächtigkeit ausgeschieden<br />

worden, weil die Eindunstung am längsten<br />

andauerte und sich das Wasser mit den höchsten<br />

Salzkonzentrationen sammelte. Im Beckenzentrum<br />

kommen viel größere Mengen des Minerals<br />

Carnallit vor als am Beckenrand; die Gehalte an<br />

Reinkali (K 2 O) und an Magnesiumchlorid (MgCl2)<br />

sind hier am höchsten. Zum Beckenrand hin nehmen<br />

der K 2 O- und der MgCl2-Gehalt kontinuierlich<br />

ab. Im Gegensatz dazu ist der Kieserit-Gehalt im Zentrum<br />

geringer und steigt zum Rand hin an.<br />

Im Werra-Fulda-Revier weist das obere Kaliflöz<br />

„Hessen“ im Beckenzentrum bis zu 12Prozent K 2 O<br />

auf, am Beckenrand jedoch höchstens sieben Prozent.<br />

Im Gegensatz dazu wächst der Kieserit-Gehalt<br />

zum Rand hin von etwa 15Prozent auf circa 22 Prozent<br />

an. Im unteren Flöz „Thüringen“ beträgt der<br />

MgCl 2 -Gehalt im Beckenzentrum bis zu 10Prozent,<br />

kann aber als Bestandteil des Carnallitits auf bis zu<br />

30 Prozent MgCl 2 anwachsen. Zum Beckenrand hin<br />

nimmt er kontinuierlich ab, zum Teil bis auf unter<br />

ein Prozent. Der K 2 O-Gehalt liegt im Zentrum bei<br />

durchschnittlich 13 Prozent und fällt zum Rand hin<br />

auf etwa acht Prozent ab. Der Gehalt an Kieserit<br />

steigt hingegen auch im unteren Lager zum Becken-<br />

12


1<br />

2<br />

rand hin an.<br />

Die zuerst entstandenen Kalk- und Gipsablagerungen<br />

sind am Beckenrand grundsätzlich mächtiger ausgebildet.<br />

Dort, wo an den Schwellen die Wassertiefe<br />

geringer war, sind sie stärker vertreten als in Bereichen<br />

mit größerer Wassertiefe. Die Ursache hierfür<br />

ist in der höheren Wassertemperatur der Flachwasserbereiche<br />

zu suchen, die zu einer bevorzugten<br />

Ablagerung dieser Gesteine geführt hat.<br />

Überdeckt, schwach geneigt<br />

und flach gelagert<br />

Die Zechsteinsalze wurden in späteren geologischen<br />

Zeitabschnitten mit anderen Gesteinsschichten überdeckt.<br />

Ihre maximale Überdeckung im Werra-Fulda-<br />

Becken wurde im Jura vor circa 180 Millionen Jahren<br />

mit etwa 2.000 Metern erreicht. Seitdem ist ein großer<br />

Teil wieder abgetragen worden und die Überdeckung<br />

beträgt heute noch zwischen 300 und<br />

1.000 Meter. Im Norden der Lagerstätte ist sie mit<br />

300 Metern am geringsten. Im mittleren Bereich<br />

zwischen Eiterfeld-Reckrod und Fulda befinden<br />

sich die Kalilager weitgehend horizontal gelagert<br />

unter einer circa 800 Meter mächtigen Überdekkung.<br />

Im Süden um Neuhof herum ist das Deckgebirge<br />

nur noch circa 500 bis 600 Meter stark ausgebildet,<br />

da bereits ein größerer Teil des Buntsandsteins<br />

abgetragen worden ist.<br />

Wegen der vergleichsweise geringen Gesteinsüber-<br />

deckung ist die Lagerstätte über viele Millionen<br />

Jahre hinweg weitgehend in ihrer ursprünglichen<br />

flachen Lagerung verblieben. Allerdings haben die<br />

insbesondere bei der Heraushebung des Thüringer<br />

Waldes, beginnend vor etwa 70Millionen Jahren,<br />

wirksamen tektonischen Kräfte ihre Spuren auch in<br />

der Salzlagerstätte hinterlassen. Sie stellen die Ursache<br />

für eine leichte Schrägstellung der Salzschichten<br />

mit etwa zwei Grad Neigung von Nordosten nach<br />

Südwesten dar. Daher haben die Abbaue der Kalibergwerke<br />

eine unterschiedliche Tiefe von circa 400<br />

bis über 1.000Meter. Tektonische Kräfte waren es<br />

auch, die den Kalilagern eine weitgespannte Welligkeit<br />

aufgeprägt haben. Sie wird an manchen Stellen<br />

so intensiv und steil, dass ihr die Gewinnungsmaschinen<br />

beim Abbau nicht nachfahren können.<br />

Auch die manchmal vorkommenden, kleinräumigen<br />

Verfaltungen der einzelnen Schichten in den<br />

Kaliflözen gehen auf tektonische Einwirkungen zurück.<br />

Sehr mächtige Carnallitite sind in einigen Bereichen<br />

des Beckenzentrums vorhanden. Sie geraten durch<br />

erhöhten Druck und höhere Temperaturen leicht in<br />

Bewegung. Bedingt durch tektonische Kräfte und<br />

hohe Überdeckung begann der Carnallitit zu wandern<br />

und ist in Form von kuppenartigen Aufwölbungen<br />

bis zu 80 Meter in die darüber liegenden Salzschichten<br />

hochgepresst worden.<br />

Die Kaliflöze erstrecken sich über eine Fläche von<br />

1 Gesteine aus dem Buntsandstein prägen weite Teile des<br />

Werra-Fulda-Gebietes<br />

2 Verfaltungen im Flöz Hessen im Kaliwerk Neuhof<br />

13


STEILE LAGERUNG<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

In Norddeutschland trifft man Salzlagerstätten im Normalfall in einer Tiefe<br />

von mehreren tausend Metern unter der Erdoberfläche an. Da Salz, wenn<br />

es unter hohem Druck steht, plastische Eigenschaften entwickelt und in<br />

Bewegung geraten kann, beginnt es an unterirdischen Störungslinien aufzusteigen.<br />

Nach und nach entstehen pilz- oder glockenförmige Salzgebilde,<br />

die so genannten Salzstöcke. Beim Aufstieg werden die ursprünglich flach<br />

gelagerten Salzschichten stark beansprucht, steil aufgerichtet, zerrissen und<br />

verfaltet. Auf diese Weise sind mit dem Salzgebirge stellenweise auch die<br />

eingelagerten Kaliflöze bis nahe unter die Erdoberfläche vorgedrungen, so<br />

dass sie bergmännisch gewonnen werden können. Im Gegensatz zu früher<br />

gibt es mit Siegmundshall heute nur noch ein Kaliwerk, in dem steil gelagerte<br />

Kaliflöze abgebaut werden.<br />

A<br />

A<br />

1<br />

Steile Lagerung. Profil durch die Schächte von Salzdetfurth<br />

circa 1.200 Quadratkilometer und sind auf den nördlichen<br />

und südwestlichen Teil der größeren Salzlagerstätte<br />

beschränkt. Die Steinsalzvorkommen erstrecken<br />

sich östlich der Rhön bis weit nach Unterfranken<br />

hinein. Allerdings kristallisierte im so genannten<br />

„Fränkischen Becken“ nur Steinsalz aus, da<br />

die zur Ablagerung von kali- und magnesiumhaltigen<br />

<strong>Salze</strong>n notwendigen höheren Konzentrationen<br />

nicht erreicht wurden.<br />

Regional kann die Stärke der einzelnen Gesteinsschichten<br />

erheblich voneinander abweichen. Die<br />

Schichtenfolge beginnt an der Erdoberfläche meist<br />

mit dem Buntsandstein, der ursprünglich noch von<br />

im Muschelkalk, Keuper und Jura gebildeten Gesteinen<br />

überlagert war. Die Jura-Gesteine sind inzwischen<br />

völlig verschwunden. Dasselbe gilt auch für<br />

den Keuper, abgesehen von ganz geringen Resten<br />

im Hessischen Kegelspiel, etwa am Soisberg. Der<br />

Muschelkalk tritt im hessischen Teil der Lagerstätte<br />

vor allem bei Friedewald, Schenklengsfeld und Eiterfeld<br />

in Form charakteristischer Zeugenberge wie<br />

Landecker, Dreien- und Ringberg auf. Im thüringischen<br />

Teil der Lagerstätte nimmt er zur Rhön hin,<br />

etwa um Geisa herum, größere Flächen ein. Auch<br />

der obere Buntsandstein ist weitflächig wieder abgetragen.<br />

Über den Salzschichten stehen heute im<br />

Werra-Fulda-Gebiet an der Erdoberfläche meist<br />

Gesteine an, die im Mittleren und Unteren Buntsandstein<br />

entstanden sind.<br />

Sperrschichten und<br />

Ablaugungsvorgänge<br />

Zwischen dem Unteren Buntsandstein und den ersten<br />

Steinsalzschichten liegen die Tonschichten des<br />

Braunroten Salztons, der Unteren und Oberen Letten<br />

und des Bröckelschiefers. 2 Sie überdecken die<br />

Salzlagerstätte seit ihrer Entstehung vollständig und<br />

sorgen seitdem dafür, dass aus den darüber liegen-<br />

14<br />

1 Blick aus dem Werratal bei Wölfershausen zum Landecker<br />

mit seinen Muschelkalkgesteinen. Die wichtigsten Gesteinsarten<br />

sind farblich gekennzeichnet<br />

2 Profil durch den hessischen Teil der Werra-Fulda-Lagerstätte<br />

3<br />

3 Die Werra-Fulda-Lagerstätte mit einem Teil des<br />

Fränkischen Beckens 4


2<br />

3<br />

15


Kaliflöze<br />

16<br />

TIEFENGRUNDWASSER<br />

Norbert Deisenroth<br />

Das aus den seitlich die Salzlagerstätte umgebenden Nebengesteinen ausgetretene<br />

und für ihre randliche Auflösung verantwortliche Wasser bildet<br />

heute Vorkommen von salzhaltigem Grundwasser im Umfeld der Salzlagerstätte.<br />

Es tritt stellenweise,<br />

oft weit entfernt von<br />

der Salzlagerstätte entweder<br />

aus natürlichen<br />

Quellen oder in künstlichen<br />

Bohrlöchern zu Tage<br />

und ist eine der Grundlagen<br />

für den Kurbetrieb<br />

in Heilbädern. Wie ein<br />

Kranz umgeben die Kurorte<br />

Sooden-Allendorf,<br />

Hersfeld, Salzschlirf,<br />

Soden-Salmünster, Orb,<br />

Brückenau, Kissingen,<br />

Bocklet und Salzungen<br />

die Salzvorkommen an<br />

Werra, Fulda und in<br />

Unterfranken.<br />

A<br />

Kurgäste im Gradierwerk<br />

Bad Salzungen<br />

1<br />

2<br />

A<br />

den Gesteinsschichten kein Grundwasser eindringt.<br />

Wassereinflüsse, die zur Auflösung der <strong>Salze</strong> führten,<br />

waren allerdings zeitweise großflächig an den<br />

seitlichen Rändern der Lagerstätte zu verzeichnen.<br />

Dort, wo solche, auch als „Ablaugung“ bezeichneten<br />

Lösungsvorgänge stattgefunden haben, ist ein „Salzhang“<br />

entstanden. Am Salzhang fand von oben nach<br />

unten fortschreitend die Auflösung der <strong>Salze</strong> statt,<br />

wobei sich eine schräge Ablaugungsfläche gebildet<br />

hat. Die über dem Salz liegenden, wasserundurchlässigen<br />

und leicht verformbaren Tonschichten sind<br />

nachgesunken und haben sich auf den Salzhang aufgelegt.<br />

Dadurch wurde der Salzhang abgedichtet,<br />

der weitere Zutritt von Wasser verhindert und die<br />

Ablaugung kam weitgehend zum Stillstand.<br />

Ursprünglich war die Werra-Fulda-Salzlagerstätte<br />

eine zusammenhängende Einheit. Mit dem Einbruch<br />

des Fuldaer Grabens im Tertiär wurde ein circa 150<br />

Quadratkilometer großer Teil südlich von Fulda abgetrennt.<br />

Bei der Grabenbildung sind wasserführende<br />

Schichten des Deckgebirges so weit abgesunken,<br />

dass sie seitlich in Kontakt mit dem Salzgebirge kamen<br />

und die angrenzenden Salzgesteine auflösten.<br />

Auch hier bildete sich an beiden Grabenseiten ein<br />

Salzhang. Nachdem die wassersperrenden Tonschichten<br />

auf die schräge Ablaugungsfläche und das<br />

Liegende abgesunken waren, endeten die Lösungsvorgänge<br />

im Salzgebirge fast vollständig.<br />

Eine besondere Erscheinung ist die Auslaugungssenke<br />

Oberzella nördlich von Vacha. Normalerweise<br />

kann wegen der schützenden Tonschichten kein Wasser<br />

aus dem über den Salzschichten liegenden Deckgebirge<br />

zum Salz vordringen. Dennoch ist diese Auslaugungssenke,<br />

in der die 300 Meter dicken Salzschichten<br />

vollständig fehlen, durch Auflösung von<br />

oben entstanden. Die Ursache ist die hier verlaufende<br />

Störungszone Öchsen-Vitzeroda, an der die schützenden<br />

Tonschichten nicht intakt waren. So konnte<br />

ein Auslaugungsgebiet inmitten der intakten Salzlagerstätte<br />

entstehen, das von einem ringförmigen<br />

Salzhang umgeben ist.<br />

Die Kaliflöze<br />

und ihre Wertstoffgehalte<br />

In den Kalibergwerken werden die Kaliflöze Hessen<br />

und Thüringen planmäßig abgebaut. Eine begrenzte


1 Salzhangbildung am Rand der Lagerstätte<br />

2 Entstehung von Subrosionssenken innerhalb der Lagerstätte<br />

3 Hartsalz, unbekannte Grube, Werrarevier<br />

4 Roter Carnallitit, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle,<br />

Süd-Ost-Feld<br />

5 Dreidimensionale Darstellung einer Carnallititkuppe im<br />

Grubenfeld Unterbreizbach<br />

3<br />

Menge Steinsalz wird in der Grube Hattorf zur Nutzung<br />

als Auftausalz aus dem Mittleren Werrasteinsalz<br />

gewonnen. Ansonsten werden in den Steinsalzschichten<br />

bei Bedarf langlebige Strecken angelegt.<br />

In den beiden Kaliflözen hat sich bei der Auskristallisation<br />

aus dem Zechsteinmeer der relativ geringe<br />

Anteil an Kalium- und Magnesiumsalzen angereichert.<br />

Aber auch die Kalilager enthalten nicht nur<br />

kalium- und magnesiumhaltige, sondern immer<br />

auch andere Salzminerale. Das Flöz Hessen weist in<br />

etwa folgende Zusammensetzung auf:<br />

13 bis 19 Prozent Kaliumchlorid (KCl)<br />

= 8 bis 12 Prozent K 2 O<br />

15 bis 20 Prozent Kieserit (MgSO 4 • H2O)<br />

60 bis 72 Prozent Steinsalz (NaCl).<br />

4<br />

Für das untere Lager, Flöz Thüringen, gelten als<br />

Durchschnittswerte:<br />

13 bis 20 Prozent Kaliumchlorid (KCl)<br />

= 8 bis 13 Prozent K 2 O<br />

8 bis 10Prozent Kieserit (MgSO 4 • H2O)<br />

circa 70Prozent Steinsalz (NaCl)<br />

circa 10Prozent Magnesiumchlorid (MgCl 2 ; aus<br />

dem Carnallit).<br />

Der Anteil an Kaliumchlorid (KCl), das begehrte Kali,<br />

liegt in den beiden Flözen mineralogisch entweder<br />

als Sylvin (KCl) oder als Bestandteil des Carnallits<br />

(KCl • Mg Cl 2 • 6 H2O) vor. Abgebaut wird vor allem<br />

das so genannte „Hartsalz“, ein Gemisch aus Sylvin,<br />

Kieserit und Steinsalz. Wo entsprechende Lagerausbildungen<br />

vorliegen, werden Sylvinit oder Carnallitit<br />

gewonnen. Das obere Kalilager besteht fast voll-<br />

5<br />

17


1 2<br />

3 4<br />

1 Flockensalz, Grube Wintershall, Heringen, Flöz Hessen,<br />

Nord-West-Feld, nahe Schacht Herfa<br />

2 Carnallit-Kristalle, weiß, Grube Hattorf, Philippsthal, aus<br />

Laugensumpf, 2. Sohle, Süd-Ost-Feld<br />

3 Sylvin-Kristall, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle,<br />

nahe Schacht Herfa<br />

4 Blau-grauer Kainit, Grube Wintershall, Heringen, 1. Sohle,<br />

Ostfeld<br />

5 Gelber Carnallit, Grube Hattorf, Philippsthal, 1. Sohle,<br />

Westfeld<br />

6 Ein Basaltgang hat das Salz durchschlagen<br />

7 Verschiedene Formen von Basaltgängen in der Lagerstätte<br />

und im Deckgebirge<br />

5<br />

18


ständig aus Hartsalz. Die Normalausbildung des unteren<br />

Lagers zeigt einen Hartsalzfuß, der zwei Drittel<br />

seiner Höhe ausmacht. Das restliche Drittel bildet<br />

eine Carnallititauflage, deren Mächtigkeit im<br />

Beckenzentrum mehrere zehn Meter erreichen<br />

kann. Infolge von tektonischen Beanspruchungen<br />

haben sich auch bis zu 80 Meter hohe Carnallititkuppen<br />

entwickelt.<br />

Der Vulkanismus<br />

beeinflusst die Lagerstätte<br />

6<br />

7<br />

Südlich grenzt die Rhön, ein im Tertiär vor etwa<br />

20 Millionen Jahren entstandenes und vulkanisch<br />

überformtes Mittelgebirge, an die Werra-Lagerstätte.<br />

Die Fulda-Lagerstätte bei Neuhof liegt zwischen Europas<br />

größtem Basaltmassiv, dem Vogelsberg im<br />

Westen und der Rhön im Osten.<br />

Von den vulkanischen Aktivitäten in Rhön und Vogelsberg<br />

ist auch die Salzlagerstätte stark beeinflusst<br />

worden. Im Tertiär sind Magmen aus einer Kammer<br />

in großer Tiefe in alt angelegten, etwa in Nord-<br />

Süd-Richtung verlaufenden Schwächezonen im Untergrund<br />

aufgestiegen. Beim Aufstieg haben sie das<br />

oberhalb befindliche Salzgebirge durch explosionsartiges<br />

Aufreißen von Spalten durchschlagen. 5 In diesen<br />

Spalten ist das Magma zu Basalt erkaltet. Die damals<br />

entstandenen Basaltvorkommen bilden die charakteristischen<br />

Kegelberge der nördlichen Rhön wie<br />

Öchsen, Dietrichsberg, Soisberg und Stoppelsberg.<br />

In der Lagerstätte erreichen die steil stehenden Basaltgänge<br />

eine durchschnittliche Stärke von etwa<br />

einem Meter. Allerdings schwankt dieser Wert zwischen<br />

zwanzig Zentimetern und zehn Metern. Vorgegeben<br />

durch die Richtung der im Tertiär aufgerissenen<br />

Schwächezonen verlaufen die oft mehrere Kilometer<br />

langen Basaltgänge von Norden nach Süden.<br />

Ihr Abstand voneinander beträgt in der Regel<br />

ein bis drei Kilometer, in seltenen Fällen sind die<br />

Abstände geringer. Im Bereich von Neuhof sind die<br />

Basaltgänge in nordwestlicher Richtung ausgerichtet.<br />

Im Rahmen vulkanischer Erscheinungen werden<br />

nicht nur Gesteinsschmelzen zur Oberfläche<br />

transportiert, sondern in der hydrothermalen Phase<br />

auch große Mengen von Gasen, wie Kohlendioxid<br />

(landläufige Bezeichnung: Kohlensäure) und Wasserdampf.<br />

Beim Aufsteigen in kühlere Gebirgsschichten<br />

kondensierte der Wasserdampf zu Wasser, in<br />

dem die Kohlensäure in Lösung ging. Das kohlensäurereiche<br />

Wasser löste zunächst selektiv einige<br />

Salzbestandteile auf, vor allem MgCl 2 und KCl. Bei<br />

den folgenden Um- und Rekristallisationsvorgängen<br />

im Salzgebirge wurden die Moleküle der Kohlensäure<br />

intrakristallin in die Salzkristalle und<br />

interkristallin zwischen den Salzkristallen eingebaut.<br />

Basaltgänge werden daher von einer unterschiedlich<br />

weit ausgedehnten Zone begleitet, in der<br />

19


1<br />

2<br />

das Salz von Kohlensäure durchsetzt („imprägniert“)<br />

ist. Solches Salz enthält die Kohlensäure in<br />

Form winzig kleiner, flüssiger Tröpfchen. In einer<br />

Tonne Salz sind durchschnittlich circa zehn<br />

Kubikmeter Kohlensäuregas gespeichert.<br />

Kohlensäure ist bei einer Gebirgstemperatur von<br />

circa 26 Grad Celsius nur flüssig, wenn der Druck<br />

mindestens 70 bar beträgt. Dass die unter hohem<br />

Druck stehende Kohlensäure im Verlauf von etwa 20<br />

Millionen Jahren nicht entweichen konnte, belegt<br />

eindrucksvoll, wie gasdicht das Salzgebirge insgesamt<br />

und die Trennflächen zwischen Basaltgängen<br />

und <strong>Salze</strong>n sind.<br />

Wasser und Salz vertragen sich nicht<br />

Wasserzuflüsse bedrohen den Salzbergbau, weil die<br />

Salzgesteine wasserlöslich sind und eindringendes<br />

Wasser das Salzgebirge in den Bergwerken weglöst,<br />

wodurch völlig unkontrollierbar neue Hohlräume<br />

entstehen. Größte Aufmerksamkeit muss deshalb<br />

an Werra und Fulda den vorhandenen Vorkommen<br />

von meist salzhaltigem Wasser oder Lösungen geschenkt<br />

werden, die bergmännisch als „Laugen“ bezeichnet<br />

werden. Sie sind auf unterschiedliche Weise<br />

entstanden und speisen sich aus verschiedenen<br />

Quellen.<br />

Im Gefolge des Rhönvulkanismus ist es zu umfangreichen<br />

Lösungsvorgängen gekommen, die aus dem<br />

Erdinneren eingedrungener Wasserdampf verursacht<br />

hat. Im Regelfall sind die dabei entstandenen<br />

Lösungen wieder auskristallisiert. In seltenen Fällen<br />

sind die Laugen allerdings erhalten geblieben. Aber<br />

auch bei chemischen Umwandlungsprozessen bestimmter<br />

<strong>Salze</strong> fallen Laugen an. So enthält Carnallit<br />

sechs Moleküle Kristallwasser. Wenn sich der<br />

Carnallit zu anderen Salzmineralen umbildet, wird<br />

das Kristallwasser abgespalten und es entsteht eine<br />

20<br />

3<br />

1 Einlagerung von Kohlensäure im Salzgestein<br />

2 Ein von einem Gas-Salz-Ausbruch freigesprengter<br />

Hohlraum („Rachel“) in der Grube Hattorf<br />

3 Die Kristallgrotte im Erlebnisbergwerk Merkers – das<br />

Ergebnis von Lösungs- und Umkristallisationsvorgängen<br />

im Gefolge des Rhönvulkanismus<br />

4 Schema Zuflüsse von Wässern aus dem Liegenden im<br />

Grubenfeld Springen


freie, salzhaltige Flüssigkeit. Doch auch eindringendes<br />

Wasser aus grundwasserführenden Gesteinsschichten,<br />

die unterhalb des Salzgebirges liegen, verursacht<br />

eine Laugengefahr. Beispiele dafür sind eine<br />

seit Jahrzehnten bekannte Laugenstelle im Werk Neuhof-Ellers,<br />

wo Salzwässer aus dem Cornberger<br />

Sandstein des Rotliegenden auftreten, und die<br />

Laugenzuflüsse aus dem Wartburg-Konglomerat im<br />

Grubenfeld Springen.<br />

Auch vom Salzhang her können Laugen eindringen,<br />

die von den angrenzenden grundwasserführenden<br />

Gesteinsschichten gespeist werden. Denkbar ist auch,<br />

dass Laugen aus dem grundwasserführenden Deckgebirge<br />

über der Salzlagerstätte stammen. Dies ist<br />

aber sehr unwahrscheinlich wegen der wassersperrenden<br />

Eigenschaften der flächenhaft verbreiteten<br />

Tonschichten im Werra-Fulda-Revier.<br />

Die im Gefolge des Vulkanismus gebildeten Laugenvorkommen<br />

sind für den Bergbau ungefährlich, weil<br />

sie in begrenzter Menge zufließen, an Salz gesättigt<br />

sind und daher kein weiteres Salz lösen können.<br />

Das gilt auch für Laugen, die aufgrund von Umwandlungsvorgängen<br />

bestimmter Salzminerale entstehen.<br />

Das Eindringen von Tiefengrundwasser aus Gesteinsschichten<br />

unterhalb der Lagerstätte weist einen mittleren<br />

Gefährdungsgrad auf, da diese Laugen zwar gelöste<br />

<strong>Salze</strong> enthalten, aber nicht vollständig gesättigt<br />

sind. Bislang haben sie sich als stets beherrschbar erwiesen.<br />

Dagegen sind Laugenzutritte aus dem Salzhangbereich<br />

für den Kalibergbau höchst bedrohlich.<br />

Hier könnten sehr große ungesättigte Wassermengen<br />

einbrechen und in den Salzschichten unkontrollierte<br />

Lösungsprozesse hervorrufen. Daher ist es<br />

von großer Wichtigkeit, beim Salzabbau einen ausreichenden<br />

Abstand vom Salzhangbereich einzuhalten.<br />

Um dies zu gewährleisten, wird mit Untertage-<br />

Bohrungen und -Radar eine entsprechende Erkundung<br />

betrieben.<br />

4<br />

Beispiele für Lösungsmetamorphosen<br />

1. Carnallitit ➡ Umwandlungssylvinit<br />

KCl • MgCl 2 • 6H 2 O + NaCl = Carnallitit<br />

+ NaCl – Lösung<br />

➡<br />

KCl + NaCl = Umwandlungsylvinit<br />

+ MgCl 2 – Lösung<br />

2. Carnallitit ➡ kieseritisches Hartsalz<br />

KCl • MgCl 2 • 6H 2 O + MgSO 4 + NaCl = kieseritischer Carnallitit<br />

+ NaCl – Lösung<br />

➡<br />

MgSO 4 • H 2 O + KCl + NaCl = Kieserit + Sylvin + Steinsalz = Hartsalz<br />

+ MgCl 2 – Lösung<br />

3. Hartsalz ➡ Kainitit<br />

KCl + NaCl + MgSO 4 • H 2 O = Hartsalz<br />

+ H 2 O<br />

➡<br />

KCl • MgSO 4 • 2,75 H 2 O + NaCl = Kainitit<br />

Der Mineralbestand<br />

der Kalilager verändert sich<br />

Mit der Überdeckung der Salzlagerstätte durch jüngere<br />

Gebirgsschichten sind die abgelagerten <strong>Salze</strong><br />

tiefer in die Erde gelangt, wodurch der auf sie einwirkende<br />

Druck ebenso wie die Temperaturen gestiegen<br />

sind. Weitere Einflussfaktoren waren der Vulka-<br />

21


22<br />

1 Blauer Umwandlungssylvinit, Grube Wintershall, Heringen,<br />

1. Sohle, Nordfeld<br />

2 Im Zuge des Sylvinitprojektes werden kalireiche sylvinitische<br />

Rohsalze auch der Fabrik Wintershall zugeführt<br />

3 Gipskristalle, Grube Springen<br />

4 Anhydrit-Kristall, Grube Unterbreizbach<br />

5 Douglasit, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle, nahe<br />

Wackenbühlbasalt<br />

6 Blauer Polyhalit, Grube Wintershall, Heringen, 1. Sohle,<br />

nahe der östlichen Basaltzone<br />

7 Leonit- und Steinsalz-Kristalle, unbekannte Grube, Werrarevier<br />

8 Langbeinit auf Hartsalz, Grube Wintershall, Heringen,<br />

2. Sohle, Flöz Thüringen, Süd-West-Feld<br />

1<br />

2<br />

nismus und die zeitweise Einwirkung von Wasser<br />

unterschiedlicher Herkunft. Dadurch hat sich der<br />

ursprünglich auskristallisierte Mineralbestand der<br />

Kalilager zum Teil erheblich verändert. In der Geologie<br />

werden Veränderungen von Mineralen und<br />

Gesteinen durch die Einwirkung von Wasser, Druck<br />

und Temperatur als Metamorphosen bezeichnet.<br />

Lösungsmetamorphosen in der Lagerstätte stehen<br />

mit dem Auftreten von wässrigen Lösungen in der<br />

Salzlagerstätte in Zusammenhang. Bei der Einwirkung<br />

ungesättigter Lösungen auf Salzgesteine werden<br />

verschiedene Salzminerale entweder gelöst oder<br />

unter Bildung neuer Minerale zersetzt. Ein Beispiel<br />

ist der so genannte Umwandlungssylvinit. In den Bereichen,<br />

in denen das Kalilager hauptsächlich aus<br />

Carnallitit bestanden hat, konnte das im Gefolge vulkanischer<br />

Prozesse eingedrungene Wasser der Auslöser<br />

einer Lösungsmetamophose sein. Unter Bildung<br />

großer Mengen MgCl 2 -Lösung wurde Carnallit in<br />

Sylvinit umgewandelt. Die MgCl 2 -Lösungen wurden<br />

zu einem geringen Teil als Restlauge im Salzgebirge<br />

eingeschlossen, zum weitaus größeren Teil aber ins<br />

Deckgebirge abgepresst und bilden dort salzhaltige<br />

Tiefengrundwässer. So sind die K 2 O-reichen Sylvinite<br />

im Grubenfeld Unterbreizbach Süd entstanden,<br />

auf deren Abbau sich das Sylvinitprojekt gründet.<br />

Im Zuge seiner Umsetzung soll ab 2005 dort abgebauter<br />

Sylvinit unter Tage mit einer neu eingerichteten<br />

Förderverbindung über die hessisch-thüringische<br />

Landesgrenze hinweg auch der Fabrik des<br />

Standortes Wintershall zugeführt werden.<br />

Neben dem Auftreten von Wasser führten auch Temperaturerhöhungen<br />

im Rahmen von Thermometamorphosen<br />

zu Änderungen im Mineralbestand. Aufgrund<br />

der engen Stabilitätsbereiche der Salzgesteine<br />

finden bereits bei einer Temperaturerhöhung von<br />

50Grad auf 100Grad Celsius umfangreiche Mineralreaktionen<br />

statt. Hierbei können sich ohne Zufuhr<br />

von zusätzlichen Lösungen aus kristallwasserhaltigen<br />

Salzmineralen Verbindungen bilden, die<br />

weniger Kristallwasser enthalten oder sogar wasserfrei<br />

sind. Aus dem freigesetzten Kristallwasser entsteht<br />

eine Salzlösung. Die Thermometamorphose<br />

wurde wirksam, als die Zechsteinsalze durch die<br />

Überdeckung mit anderen Gesteinsschichten in<br />

größere Tiefen gerieten und dort entsprechend hö-


3 4<br />

5 6<br />

7 8<br />

23


1<br />

1 Vertaubungen und Anreicherungen an Basaltgängen im<br />

Kaliflöz Thüringen. Ausgelöst durch relative Anreicherung<br />

in Folge des Wegführens des MgCl2 - Anteils aus dem<br />

Carnallit<br />

2 Kleinräumige Vertaubungen im Flöz Thüringen<br />

2<br />

Carnallitit über Hartsalz<br />

Lager, ausschließlich Hartsalz<br />

Langbeinitisches Hartsalz<br />

Lagerausbildung halitisch<br />

24<br />

heren Temperaturen ausgesetzt waren. Eine dritte<br />

Möglichkeit, den Mineralbestand der Kalilager zu<br />

verändern, ist die so genannte Dynamometamorphose.<br />

Sie bewirkt vor allem mechanische Differentziationen<br />

zwischen verschiedenen Salzmineralen,<br />

die zwar die Mächtigkeiten der Kalilager verändern,<br />

den chemischen und mineralogischen Stoffbestand<br />

der Salzgesteine aber unangetastet lassen.<br />

Auf Dynamometamorphosen gehen vor allem Erhöhungen<br />

und Reduzierungen der Stärke von Schichten<br />

bis zum völligen Fehlen von normalerweise<br />

vorhandenen Salzschichten zurück.<br />

Mal mehr, mal weniger<br />

Je nach Lage eines Lagerstättenteils im Beckenzentrum<br />

oder am Beckenrand schwankt innerhalb der<br />

Lagerstätte der Wertstoffgehalt. Auch kleinräumiger<br />

finden sich Zonen, in denen sich die Wertstoffe angereichert<br />

haben oder verarmte Gebiete mit zu niedrigen<br />

Wertstoffgehalten. Schließlich gibt es nicht abbauwürdige<br />

Bereiche ohne Wertstoffe, die völlig vertaubt<br />

sind. Solche Vertaubungen können schon bei<br />

der Entstehung der Kalilager angelegt worden sein.<br />

Sie können aber auch später innerhalb des Salzgebirges<br />

durch Lösungsvorgänge oder Dynamometamorphose<br />

entstanden sein.<br />

Neben Verarmungen und Vertaubungen gibt es am<br />

Rand der Lagerstätte Bereiche, die so genannte<br />

Beckenrandfazies, die wegen ihres zu niedrigen<br />

K 2 0-Gehaltes von unter acht Prozent wirtschaftlich<br />

nicht nutzbar sind. Stellenweise ist in Auslaugungsbereichen<br />

der Wertstoff KCl durch Wasser selektiv<br />

gelöst und mit der Flüssigkeit abtransportiert worden.<br />

In einiger Entfernung kann er in einer Anreicherungszone<br />

jedoch wieder auskristallisiert worden<br />

sein. Oft werden K 2 O-haltige Salzlösungen in<br />

das Nebengebirge abgepresst und der Vertaubung<br />

steht keine Anreicherung gegenüber.<br />

Eine besondere Form von Vertaubungen tritt nur<br />

außerhalb des Beckenzentrums im Flöz Thüringen<br />

auf. Diese zwischen zwanzig und mehreren hundert<br />

Meter breiten Lagerstättenteile kündigen sich oft<br />

durch eine sehr unruhige Lagerausbildung an, die<br />

von einer leuchtend roten Carnallitit-Auflage begleitet<br />

wird. Am Beginn der Vertaubung senkt sich<br />

das Lager ab, manchmal um mehrere Meter. Die<br />

Herkunft dieser häufig auftretenden Vertaubungsart<br />

ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sie kann bereits<br />

während der ursprünglichen Ablagerung entstanden<br />

sein oder hat sich später durch Thermo- und<br />

Lösungsmetamorphose entwickelt.


Lothar Brückner<br />

Eine lange Vorgeschichte<br />

2<br />

3<br />

1 4<br />

Der Nebel der Frühzeit, in dem es eine sagenhafte Schlacht um<br />

Salzquellen im Werragebiet gegeben haben soll, lichtet sich im<br />

Jahr 775 unserer Zeitrechnung, als in einer Urkunde eine Saline<br />

in Salzungen erwähnt wird. Seitdem geht es an der Werra über<br />

viele Jahrhunderte hinweg nicht um die Kaligewinnung, sondern<br />

um die Herstellung von Speisesalz durch Versieden von<br />

salzhaltiger Sole. Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts<br />

die technischen Voraussetzungen gegeben waren, wurde nach<br />

neuen Solequellen gebohrt und das kompakte Steinsalzlager<br />

unter dem Werratal entdeckt. Aber erst als sich das „Kalifieber“<br />

von Staßfurt in die Region südlich des Harzes ausgebreitet<br />

hat, wird auch im Werratal Kali gesucht und gefunden.<br />

1 Salzungen und die Salinenanlagen<br />

auf dem Haad [um 1800]. Nach<br />

einem Gemälde des Salzungers<br />

J. Michael Meffert<br />

2 Die Mannschaft einer Probebohrung<br />

des Kaliwerks Alexandershall<br />

um 1900 vor dem Bohrturm<br />

3 Kristallaggregat des Pfannensalzes,<br />

auskristallisiert in Form typischer<br />

Hohlpyramiden<br />

4 Kristallines Steinsalz aus der Grube<br />

Merkers, unweit der Kristallgrotte


26<br />

Die Ersterwähnung der Saline Salzungen<br />

„wir [Karl der Große] wollen, daß die Schenkung für beständig demselben<br />

[Kloster Hersfeld] verbleiben soll: das heißt, der Zehnte von unserem<br />

Reichsorte Salzungen im Thüringer Lande am Fluß Werra; und zwar vom<br />

Grund und Boden, den Hufen, den Feldern, den Wiesen, den Wäldern,<br />

den Obstgärten, den Kanälen, den Gewässern und Wasserläufen, den abhängigen<br />

und unabhängigen Gemeinden, den vorhandenen Salzstätten,<br />

wo Siedepfannen zum Salzmachen stehen, samt allen daran haftenden<br />

Nutznießungen. Überhaupt alles, was zum Zehnten des Herrenhofes selbst<br />

gehört, ... schenken wir ... zum beständigen Besitz; es ist zu haben, zu<br />

halten, zu verwalten, zu vertauschen, oder was auch später die Obern des<br />

Klosters selbst oder ihrer Nachfolger zum Gedeihen ihres Klosters zu tun<br />

für gut befinden.“<br />

Demme, L.: Nachrichten und Urkunden zur Chronik von Hersfeld.<br />

Erster Band. Hersfeld 1891.<br />

1<br />

2<br />

Salzquellen und Salinen<br />

Austritte von salzhaltigem Quellwasser sind im mittleren<br />

Werratal schon seit Jahrtausenden bekannt.<br />

Bereits die vor Beginn unserer Zeitrechnung hier<br />

siedelnden Kelten gewannen aus natürlich zu Tage<br />

tretenden Solquellen Salz, indem sie die Sole so lange<br />

in flachen Pfannen erhitzten, bis sämtliches Wasser<br />

verdampfte und das Salz auskristallisierte. Als<br />

die Germanen ihren Einflussbereich bis in das Werratal<br />

und die angrenzenden Gebiete ausdehnten,<br />

übernahmen sie die keltische Technik, die von Generation<br />

zu Generation weitergegeben und verfeinert<br />

wurde. 1<br />

Viele der seit der früh- und hochmittelalterlichen<br />

Kolonisation bekannten Ortsnamen wie Salzungen<br />

und Salzschlirf beziehen sich auf das Vorhandensein<br />

von Salz ebenso wie Flurbezeichungen („Salztröge“<br />

bei Tiefenort, der „Salzkopf“ bei Merkers, der<br />

„Salzgraben“ bei Dorndorf,„Salzlakenrück“ bei Hönebach,<br />

„Salzberg“ bei Burghaun-Rothenkirchen).<br />

Der älteste urkundliche Nachweis für die Salzgewinnung<br />

datiert schon aus dem späten achten Jahrhundert,<br />

als Karl der Große im Jahr 775 dem Kloster<br />

Hersfeld den Zehnten des königlichen Besitzes Salzungen<br />

mit allem Zubehör, eingeschlossen der dort<br />

betriebenen Siedepfannen, schenkt. Die Saline in<br />

Salzungen ist damit eine der ältesten europäischen<br />

Pfannensalinen.<br />

Die Stadt Salzungen und mit ihr die Saline gehörten<br />

über viele Jahrhunderte zum Herzogtum Sachsen-<br />

Meiningen. Da Sachsen-Meiningen seinen Bedarf<br />

weitgehend mit Salzunger Salz deckte, wurden die<br />

Kapazitäten der Saline ständig und erfolgreich ausgebaut.<br />

Weniger Glück mit seiner Salzversorgung<br />

hatte das angrenzende Großherzogtum Sachsen-<br />

Weimar-Eisenach. Es versuchte unter anderem mit<br />

der nur etwa 30 Kilometer von Salzungen entfernten<br />

Saline Wilhelmglücksbrunn bei Creuzburg eine<br />

eigene Salzproduktion aufzubauen, um von Importen<br />

unabhängig zu werden. Weil sich die genutzte,<br />

nur 1,4-prozentige Sole als nachteilig für eine wirtschaftlich<br />

erfolgreiche Produktion erwies, begann<br />

Anfang des 19. Jahrhunderts mit Bohrungen die Suche<br />

nach höher konzentrierter Sole. Diese Versuche<br />

scheiterten 1819 und man erinnerte sich nun daran,<br />

dass schon Mitte des 17.Jahrhunderts an der Werra


in der Nähe von Tiefenort auf weimarischem Gebiet<br />

Solquellen gefunden worden waren.<br />

Carl Christian Martini, der an der Bergakademie<br />

Freiberg eine fundierte bergmännische Ausbildung<br />

absolviert hatte, kam im Jahr 1825 als Salineninspektor<br />

nach Creuzburg. 2 Im Oktober 1826 begann<br />

unter seiner Leitung in der Nähe des Dorfes Kaiseroda<br />

an der Werra eine Bohrung, über die ausführliche<br />

Berichte erhalten geblieben sind. Obwohl dem<br />

Stand der Technik entsprechend in Handarbeit gebohrt<br />

wurde, schritten die Arbeiten anfangs zügig<br />

voran und schon Ende Dezember 1826 hatte das<br />

Bohrloch 104 Fuß Tiefe erreicht. Auch im Winter<br />

wurde weitergearbeitet und das Bohrloch war Mitte<br />

April 271 Fuß tief. Nachdem die Bohrung bei etwa<br />

311 Fuß Tiefe ins Stocken geraten war, musste<br />

Martini am<br />

9. Juni 1828 seiner Regierung mitteilen, dass er ein<br />

Mergelvorkommen angebohrt hatte und „in ihm<br />

war ein tieferes Niederkommen des Bohrloches seit<br />

nunmehr acht Tagen unmöglich, da alles triebsandartig<br />

wieder zusammenläuft.“ 3 Trotz aller Bemühungen<br />

ging es nicht mehr vorwärts und aus Weimar<br />

kam im August die Weisung zur Einstellung der Arbeiten,<br />

zur „Verspundung des Bohrloches“ und zum<br />

Abtragen der technischen Anlagen.<br />

Wirtschaftlich hatte die Unternehmung keinen Erfolg<br />

gebracht, denn es war nicht gelungen, brauchbare<br />

Sole oder gar Steinsalz nachzuweisen. In wissenschaftlicher<br />

Hinsicht war sie jedoch sehr ertragreich,<br />

wie Martini dem Bergamt 1836 in seiner Auswertung<br />

unter dem Titel „Eine vergleichende Uebersicht der<br />

3<br />

4<br />

1 Nachbildung einer Salzsiedeanlage aus der Eisenzeit<br />

2 Rekonstruktion eines keltischen Salzsiedeofens<br />

3 Schnitt durch die Wand eines Gradierwerkes. Mit ihrer Hilfe<br />

wurde die Brunnensole höher konzentriert, um beim<br />

folgenden Sieden Brennstoff zu sparen<br />

4 Ein von Salzkristallen ummantelter Weißdornzweig aus<br />

dem Bad Salzunger Gradierwerk<br />

5 Meißelbohrung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit Hebelwirkung<br />

bewegen ein oder mehrere Männer den Bohrer<br />

auf und ab. Bei jedem anheben wird der Meißel ein wenig<br />

gedreht, um zu vermeiden, dass er sich festfrisst<br />

5<br />

27


geognostischen Verhältnisse zwischen der Saline<br />

Creuzburg, Salzungen und Schmalkalden behufs<br />

der Bohrversuche nach Steinsalz oder besserer Sole“<br />

zeigte. Mit neuer Energie wollte er wieder an die<br />

Arbeit gehen und beantragte die Wiederaufnahme<br />

der Bohrarbeiten, weil er zu dem Ergebnis gekommen<br />

war,„dass keine Gegend im Eisenacher Kreis<br />

mehr zur Auffindung von Steinsalz geeignet ist, als<br />

die von Kaiseroda und Unterrohn.“ 4<br />

Der neue Antrag auf Fortsetzung der Bohrungen<br />

vom 18. Januar 1837 blieb zunächst unbeantwortet<br />

und wurde im April 1837 von den Weimarer Behörden<br />

schließlich mit der Begründung abgelehnt, dass<br />

das Unternehmen keine Erfolgsaussichten habe.<br />

Martini widersprach der Ablehnung heftig und wies<br />

darauf hin, dass mit den Bohrungen auch wissenschaftliche<br />

Zwecke verfolgt, die Gegend genau erforscht<br />

und eine petrographische Karte erarbeitet<br />

werden sollte. Sein Schreiben schloss er mit den pathetischen<br />

Worten „Wenn jedoch die Höchste Behörde<br />

geruhte, das Bohren nach Sole (oder nach Steinsalz)<br />

in dem Eisenacher Kreise im allgemeinen zu<br />

untersagen, so kann hier wohl vorerst Gehorsam<br />

nur in der Hoffnung vorwalten, dass man in einem<br />

Staate, wie das Großherzogtum Weimar, wo Kämpfe<br />

in den Wissenschaften von je her geschätzt wurden<br />

und noch werden, vielleicht künftig geneigt sein<br />

wird, auch geologische Untersuchungen nicht unberücksichtigt<br />

zu lassen ...“ 5<br />

1<br />

28


Neue Bohrungen und<br />

der Nachweis der Salzlagerstätte<br />

Auch wenn Martinis Suche nach Sole und Salz keine<br />

greifbaren Ergebnisse gebracht hatte, besteht sein<br />

bleibender Verdienst darin, dass er als Erster aufgrund<br />

seiner Kenntnisse das Vorhandensein einer<br />

Salzlagerstätte im Untergrund des Werratals theoretisch<br />

erschlossen hat, auch wenn er sich von deren<br />

Ausdehnung und späterer Bedeutung noch keine<br />

Vorstellung machen konnte.<br />

Beinahe vier Jahrzehnte blieben seine Ergebnisse<br />

für das Werratal weitgehend folgenlos, obwohl es<br />

schon vor 1840 in Staßfurt gelungen war, in 256 Metern<br />

Tiefe eine kompakte Salzlagerstätte zu erbohren.<br />

Von einer Salzlagerstätte im Werratal war auch<br />

Mitte der 1840er Jahre noch keine Rede, als in Salzungen<br />

Bohrungen durchgeführt wurden, die der<br />

Saline neue, wesentlich konzentriertere Solevorkommen<br />

erschlossen.<br />

Erst nach 1870 wurde wieder nach Salzlagerstätten gesucht.<br />

Am 24. Dezember 1874 beantragte der Unternehmer<br />

Louis Finger aus Eisenach beim weimarischen<br />

Bergamt in Kaltennordheim die Übereignung<br />

eines Grubenfeldes bei Kaiseroda, um dort Salz zu<br />

gewinnen. 6 Das Bergamt ließ sich Zeit und erst im<br />

Frühjahr 1876 wurde die Errichtung einer Saline<br />

unter dem Namen „Saline Kaiseroda“ genehmigt.<br />

Inzwischen gab es im Gefolge der Reichsgründung<br />

1871 grundlegende Änderungen der politischen und<br />

wirtschaftlichen Verhältnisse und ganz Deutschland<br />

war zu dem von den Unternehmern lange geforderten<br />

einheitlichen Markt geworden. Nach dem siegreichen<br />

Krieg gegen Frankreich und der Annexion<br />

von Elsass-Lothringen florierte die deutsche Wirtschaft<br />

und mit ihr entwickelte sich Deutschland bald<br />

zu einer der führenden Wirtschaftsmächte der Welt.<br />

Wie alle anderen Wirtschaftszweige machten auch<br />

die Bohr- und Bergbautechnik rasante Fortschritte.<br />

Im Gegensatz zu früheren Zeiten musste Finger bei<br />

einer wirtschaftlichen Erschließung seines Grubenfeldes<br />

viel weniger technische Probleme, etwa beim<br />

Bohren, befürchten. Trotzdem unternahm er nichts,<br />

um sein Salineprojekt zu verwirklichen. Daher ist<br />

zu vermuten, dass Finger sein Grubenfeld vor allem<br />

als Spekulationsobjekt einsetzen wollte und er verkaufte<br />

es auch bald weiter.<br />

Ablehnung weiterer Bohrungen<br />

„So müssen wir doch unter den jetzigen Verhältnissen und der beträchtlichen<br />

Zahl der in der Nähe des Eisenacher Kreises vorhandenen Salinen<br />

vor der Hand um so mehr Bedenken tragen, auf diesen Antrag sofort einzugehen,<br />

als eines Theils dieser Antrag sich mit der von Martini hinsichtlich<br />

der Bohrversuche bei Kaiseroda mittelst Bericht vom 9. Januar 1827<br />

geäußerten Ansicht durchaus nicht vereinbaren läßt, anderen Theils aber<br />

auch der Gewinn an einer dergleichen neuen Salinenanlage, wenn sie<br />

auch den Erwartungen entsprechen sollte, aus diesem Grunde nur sehr<br />

gering ausfallen dürfte, weil es solcher an Absatz in das Ausland gegenwärtig<br />

ganz fehlen und folglich das Werk mit dem Steinsalzabsatz im<br />

Eisenacher Kreise mit Ausnahme der Ämter Tiefenort und Ostheim beschränkt<br />

seyn würde und wir über dieses von der höchsten Behörde befehligt<br />

worden sind, das Bohren nach Steinsalz im Eisenacher Kreise im<br />

allgemeinen einzustellen.“<br />

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr. 234.<br />

2<br />

1 Bohrtürme der Saline Salzungen am Gradierwerk in den<br />

1930er Jahren<br />

2 Schon im 19. Jahrhundert war Salzungen ein beliebter<br />

Kurort. Eine Szene im Gradierwerk von einer 1901 verschickten<br />

Postkarte<br />

29


Kauf des Grubenfeldes Saline Kaiseroda<br />

„Kauf Contract:<br />

Zwischen dem Kaufmann Herrn Jean Jaques Koppel in Berlin, Wilhelmstraße<br />

3 wohnhaft, einerseits und dem Kaufmann Herrn Leopold Lippmann<br />

Hadra in Berlin, Oranienburgerstraße 73 wohnhaft andererseits ist heute<br />

nachstehender Kaufcontract verabredet und geschlossen worden.<br />

N.: 1<br />

Herr Jaques Koppel verkauft an den Herrn Leopold Hadra das von ihm durch<br />

Versteigerungspatent des Großherzoglichen Sächsischen Bergamtes zu Eisenach<br />

vom 14. Februar a. cr. erstandene Grubenfeld, welches nach der Verleihungsurkunde<br />

vom 8ten Maerz 1876 in den Berg-Grundbüchern wie folgt<br />

eingetragen ist.<br />

„Auf eingelegte Muthung ist dem Herrn Louis Finger in Eisenach das nachstehend<br />

bezeichnete in den Ortsfluren von Kaiseroda und Tiefenort des<br />

Großherzogtums Sachsen Weimar Eisenach gelegene und<br />

640 Hectar 21 ar und 10 Q Meter<br />

oder<br />

1601 Maßeinheiten<br />

haltende Grubenfeld zur Gewinnung des darin liegenden <strong>Salze</strong>s und zur<br />

Anlegung und Betrieb einer Saline unter dem Namen<br />

Saline Kaiseroda<br />

nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen von dem großherzoglichen<br />

Bergamt in Eisenach verliehen worden.“<br />

Kaufvertrag zum Erwerb des Grubenfeldes „Saline Kaiseroda“ durch Leopold Hadra vom<br />

24.12.1879. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Bergamt Dermbach, Nr. 5814.<br />

1<br />

30<br />

Nachdem das Grubenfeld binnen weniger Jahre noch<br />

mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, ging es am<br />

24.12.1879 in den Besitz des Berliner Bankiers Leopold<br />

Hadra über 7 und nun wehte ein frischer Wind.<br />

Offensichtlich hatte Hadra bereits vor dem Kauf damit<br />

begonnen, einige hundert Meter westlich von<br />

Kaiseroda zu bohren. Denn schon kurz nach Abschluss<br />

des Kaufvertrags teilte er dem Bergamt mit,<br />

dass seine Bohrung an der Straße von Tiefenort nach<br />

Stadtlengsfeld 330 Fuß Tiefe erreicht habe und dass<br />

im Bohrloch eine „Mineralquelle, bestehend aus freier<br />

Kohlensäure, Chlorverbindungen und mineralischen<br />

<strong>Salze</strong>n“ austrete. 8 Mit diesem Ergebnis konnte<br />

er jedoch noch nicht die Zuteilung eines Grubenfeldes<br />

beantragen und die so genannte Mutung einlegen,<br />

weil ihm das Bergamt mitteilte, dass nach Salz<br />

zu schürfen sei. Dieses wurde kurze Zeit später im<br />

Hadra’schen Bohrloch gefunden. Damit war erstmals<br />

der Nachweis eines Steinsalzlagers gelungen.<br />

Eine zweite Bohrung im Jahr 1881 bestätigte nochmals<br />

dessen Existenz.<br />

Zunächst entstand der Eindruck, dass Hadra nun<br />

schnell mit der Errichtung der Saline beginnen wollte.<br />

Im einem Steinbruch bei Kaiseroda beschäftigte<br />

er 24 Arbeiter mit der Gewinnung von Steinen für<br />

den Bau. 1888 kam es überraschend zur Einstellung<br />

aller Aktivitäten mit dem Ziel, die Salzgewinnung<br />

direkt aus der Lagerstätte aufzunehmen. Hadra begündete<br />

das damit,„dass man einen günstigeren<br />

Zeitpunkt abwarten wollte, weil der Ertrag aus dem<br />

Unternehmen wegen des niedrigen Standes der Salzpreise<br />

nicht lohnend sei“. 9<br />

Dieser Zeitpunkt war nur wenige Jahre später – wenn<br />

auch unter anderen Vorzeichen – gekommen. In Staßfurt<br />

war beim Bau der Schächte für ein Salzbergwerk<br />

buntes, bitteres Kalirohsalz gefunden worden. Dieses<br />

ließ sich bereits 1861 zu Kaliumchlorid, einem gesuchten<br />

Rohstoff in der florierenden Textil-, Glasund<br />

Sprengstoffindustrie sowie in der Medizin, aufarbeiten.<br />

Das Staßfurter Kalisalz konnte kostengünstig<br />

und in immer gleicher Qualität hergestellt<br />

werden. Die anderen Quellen zur Herstellung von<br />

Kalium dagegen, vor allem die aus Pflanzenasche gewonnene<br />

„Pottasche“, waren wenig ergiebig und lieferten<br />

Produkte, deren Kaliumchloridgehalt ständig<br />

schwankte.Vor diesem Hintergrund etablierten sich<br />

die Kalisalze aus Staßfurt schnell auf dem Markt<br />

und fanden vor allem in der Industrie viele Abnehmer.<br />

Justus von Liebig hatte erkannt, dass das Kalium<br />

ein für das Wachstum von Pflanzen unbedingt


1 Antrag von Leopold Hadra vom 25.01.1887 auf Mutung<br />

für Salz und Sole nach dem Fund einer Mineralquelle in<br />

seinem Bohrloch<br />

2 Die ersten Kaliabbaue der Welt mit den Schächten von der<br />

Heydt und von Manteuffel des Königlichen Salzbergwerks<br />

in Staßfurt<br />

2<br />

JUSTUS VON LIEBIG UND DIE MINERALDÜNGUNG<br />

Dagmar Mehnert<br />

Justus von Liebig erkannte in der ersten Hälfte des<br />

19. Jahrhunderts, dass Pflanzen für ihr Wachstum<br />

verschiedene Nährstoffe, wie zum Beispiel Phosphor,<br />

Stickstoff und Kalium benötigen. Ferner stellte<br />

er im so genannten „Gesetz des Minimus” fest,<br />

dass derjenige Nährstoff, der in der kleinsten verfügbaren<br />

Menge vorhanden ist über das Wachstum<br />

der Pflanzen entscheidet. Wenn in der Landwirtschaft<br />

gleichbleibend gute Ernten erzielt werden<br />

sollen, müssen dem Boden immer wieder die Nährstoffe<br />

zugeführt werden, die ihm die vorher angebauten<br />

Kulturpflanzen entzogen haben.<br />

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Herstellung<br />

von kaliumhaltigen Stoffen, die etwa bei der Glasund<br />

Sprengstoffherstellung benötigt wurden, mühsam<br />

und teuer. So wurde Holz verbrannt, um aus<br />

der Asche die kaliumhaltige „Pottasche“ zu gewinnen.<br />

Erst nachdem der Kalibergbau von Staßfurt<br />

ausgehend den Verbrauchern Kalium in großen<br />

Mengen und kostengünstig zur Verfügung stellen<br />

konnte, fand es als Düngemittel weite Verbreitung.<br />

A<br />

B<br />

C<br />

A<br />

B<br />

C<br />

Justus von Liebig<br />

Der Kaliverbrauch in der<br />

Landwirtschaft von 1880 bis 1920<br />

Eine Illustration zu Justus von<br />

Liebigs’ Gesetz des Minimums<br />

31


notwendiger Nährstoff ist. Deshalb wurde die Düngewirkung<br />

der Kalisalze eingehend untersucht und<br />

nachgewiesen, dass mit ihrer Hilfe den Kulturpflanzen<br />

ganz einfach das benötigte Kalium zugeführt<br />

werden kann. In der Landwirtschaft fand sich<br />

schnell ein neuer Absatzmarkt, der bereits in den<br />

1880er Jahren mehr Kaliumchlorid abnahm als die<br />

Industrie. 10 Die Gewinnaussichten wurden vom<br />

„Kalihunger der ganzen Welt“ beflügelt, da weltweit<br />

die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde<br />

und sich der deutschen Kaliindustrie immer neue<br />

Absatzmöglichkeiten erschlossen.<br />

1<br />

2<br />

32


Kalisalze werden gefunden<br />

Die vom Geologen Carl Ochsenius aufgestellte und<br />

weit verbreitete These, dass Kalisalze nur nördlich<br />

des Harzes zu finden seien, wurde 1888 durch den<br />

Fund eines Kalisalzlagers unweit von Bleicherode<br />

im Südharz widerlegt. Damit veränderten sich auch<br />

an der Werra die Rahmenbedingungen für das seit<br />

Jahren ruhende Unternehmen der Hadras. Jetzt wurde<br />

nicht mehr nach Steinsalz, sondern nach Kalisalz<br />

gebohrt. Der Antrag auf Vergrößerung des Grubenfeldes<br />

war vom Kaltennordheimer Bergamt bereits<br />

genehmigt, als die Arbeiten im Januar 1892 begannen.<br />

Gegen hypothekarisch gesicherte Kredite in Höhe<br />

von 43.000Mark erklärten sich zwei Unternehmer<br />

aus Westfalen bereit, die Bohrarbeiten durchzuführen.<br />

Zunächst sollten die beiden alten Bohrlöcher<br />

vertieft werden, um das schon bekannte Steinsalzlager<br />

zu erforschen. Da in mehreren Schichten ohne<br />

Unterbrechung gearbeitet wurde, ging es zügig voran.<br />

Zu vermuten ist, dass sich bei der Kalisuche<br />

schon im Frühsommer 1893 erste positive Ergebnisse<br />

einstellten, über die die Familie Hadra aber Stillschweigen<br />

bewahrte. Erst als die vorgesetzten Behörden<br />

aus Weimar beim Bergamt Kaltennordheim<br />

auf Aufklärung drängten, kontrollierte Bergrat Henniger<br />

in den ersten Augusttagen 1893 den Stand der<br />

Arbeiten, konnte aber noch nicht von Ergebnissen<br />

berichten. Ganz anders war die Situation am 5. Oktober<br />

1893. An das Bohrloch Nummer 5 gerufen, beurkundete<br />

der Bergrat den ersten Nachweis von Kalisalzen<br />

und stellte damit die „Geburtsurkunde“ des<br />

Kalibergbaus im Werratal aus.<br />

Die vermutete größere Ausdehnung der Lagerstätte<br />

brachten in aller Eile überall innerhalb des Grubenfeldes<br />

vorgenommene Bohrungen an den Tag. Aber<br />

noch ahnte niemand, dass hier eine der bis heute<br />

weltweit wirtschaftlich bedeutendsten Kalilagerstätten<br />

entdeckt worden war.<br />

„Eine vorzügliche Beschaffenheit der <strong>Salze</strong>“ bestätigten<br />

die Gutachten über die chemische Zusammensetzung<br />

der Aufschlüsse, die im Januar und August<br />

1894 unter anderem von Adolf Frank, dem „Vater<br />

der Staßfurter Kaliindustrie“ abgegeben wurden.<br />

Frank war sich der Bedeutung des Fundes bewusst,<br />

hat aber wohl etwas übertrieben, als er schrieb,<br />

„dass es sich hier um einen Aufschluss von großer<br />

3<br />

Die Geburtsurkunde des Kalibergbaus an der Werra<br />

„Verhandelt Kaiseroda, den 5. Oktober 1893<br />

Nach vorhergegangener Anzeige der Frau Hadra, daß sie in ihrem Grubenfelde<br />

Saline Kaiseroda mit dem Bohrloch Num. 5 Kalisalze aufgeschlossen<br />

habe und den ergebenst Unterzeichneten bat, die Konstatierung des Fundes<br />

vorzunehmen, begab sich derselbe am 5. Oktober zunächst nach<br />

Salzungen und von hier mit Wagen und in Begleitung der Frau Hadra und<br />

des Bohrunternehmers Nitzsche auf dem Bohrloch Num. 5, welches in der<br />

Nähe von Hämbach liegt.<br />

Hier angekommen fand man das Bohrgestänge ausgezogen, dasselbe<br />

wurde untersucht und durchweg leer gefunden, weshalb nunmehr der Befehl<br />

zum Einhängen des Gestänges erteilt wurde.<br />

Beim Einhängen wurden die eingehangenen Theile des Gestänges gemessen<br />

und auf diese Weise die Tiefe des Bohrloches = 373 Meter constatirt.<br />

Es wurde nun Befehl zum Bohren erteilt und der Apparat setzte sich in<br />

Bewegung.<br />

Als das Bohrloch um weitere 4 Meter, also bis zu einer Gesamtteufe von<br />

377 Meter abgebohrt war, wurde das Ausziehen des Gestänges angeordnet,<br />

um den im Kernrohr befindlichen Kern ans Tageslicht zu bringen. Bei<br />

Entleerung des Kernrohres fand sich ein 4 Meter langer Bohrkern – reines<br />

Carnallit – wodurch also das Vorhandensein von Kalisalzen constatiert<br />

wurde. Dieser Carnallit wurde in die bereit gestellten Gläser gethan und<br />

auf Licht abgeschlossen, damit er gegen Zersetzung geschützt wird.<br />

Bei näherer Betrachtung der bereits schon früher gezogenen Kerne läßt<br />

sich Carnallit schon bei einer Teufe von 368 Meter nachweisen, so daß<br />

sich hier ein mächtiges Lager von Kalisalzen nachweisen lassen wird.<br />

Henniger“<br />

Bericht Bergrat Henniger vom 05.10.1893 über den Fund von Kalisalzen, Thüringisches<br />

Hauptstaatsarchiv Weimar, Bergamt Dermbach, Nr. 5814.<br />

1 Das vom Preußischen Staat betriebene Kalibergwerk von<br />

Bleicherode im Südharz auf einer 1908 verschickten Postkarte<br />

2 Die Bohrmannschaft der Probebohrung Alexandershall 2<br />

vor ihrem Bohrturm<br />

3 Die erste Zeitungsmeldung nach dem Kalifund bei Kaiseroda<br />

in der Eisenacher Zeitung vom 14. Oktober 1893<br />

33


Bohrwettkampf im Werratal<br />

„Mitte Dezember 1893 wurde die erste Recognoscierung an Ort und Stelle<br />

vorgenommen und bei dieser Gelegenheit sogleich festgestellt, daß wir<br />

nicht die einzigen Respektanten waren. [...] Unter solchen Umständen<br />

konnte nur ein rascher Entschluß und energisches Handeln zum Ziele führen.<br />

Es wurden schleunigst Bohrgeräthe nach Salzungen dirigiert [...] und<br />

bereits am 2. Januar 1894 konnte der Bohrbetrieb beginnen. [...] Die Bohrmannschaften<br />

der Schutzbohrgemeinschaft treffen zwischen Weihnachten<br />

und Neujahr in Salzungen ein; unmittelbar darauf folgten ganze Extrazüge<br />

mit Bohrgeräthen, und es entbrannte ein Bohrwettkampf, wie er wohl<br />

seinesgleichen noch nicht gehabt hat. Binnen weniger Wochen erhoben<br />

sich nicht weniger als 8 Bohrtürme im Werratal – fünf von Privaten, drei<br />

vom preußischen Fiskus für die Schutzbohrgemeinschaft – zum heißen<br />

Streit um die erhofften Kalischätze.“<br />

Gewerkschaft Bernhardshall (Hg.): Prospekt betreffend das Kaliwerk „Bernhardshall“ bei<br />

Salzungen im Herzogthum Sachsen-Meiningen. Halle/Saale u. Cöthen 1894, S. 2 -3.<br />

1 Die territorialen Verhältnisse im Werratal in der zweiten<br />

Hälfte des 19. Jahrhunderts<br />

Mächtigkeit und von vorzüglicher Qualität der <strong>Salze</strong><br />

handelt.“ 11 Er wollte vielleicht mit seiner fachlichen<br />

Autorität Vertrauen bei potenziellen Geldgebern für<br />

das nun zu gründende Kaliunternehmen schaffen.<br />

Mit zwölf Kuxen beteiligte er sich selbst daran und<br />

ließ sich in den ersten Grubenvorstand wählen.<br />

Die im Oktober von Henniger ermittelten Ergebnisse<br />

machten überall in Deutschland die Runde – aber<br />

es gab auch Zweifler. So meldete die „Eisenacher Zeitung“<br />

am 14. Oktober 1893 in Kurzform die Kalifunde,<br />

dementierte sie bald darauf und berichtete dann<br />

am 3.November: „Hier steht aber trotz alledem fest,<br />

dass nach den Bohrungen und gemachten Analysen<br />

Kalisalze in einer Mächtigkeit von 20 bis 30 Metern<br />

vorhanden sind, und zwar hauptsächlich Carnallit,<br />

dann Kainit, Kieserit und in ausgezeichneter Reinheit<br />

und Menge Sylvin (reines Chlorkalium), das von<br />

allen Kalisalzen am meisten geschätzt wird. Wie man<br />

jetzt erfährt, ist bereits in früheren Bohrlöchern Kali<br />

gefunden worden. Es ist aber bis vor kurzem von<br />

den Wissenden tiefes Schweigen darüber beobachtet<br />

worden“. 12 Spätestens jetzt verwandelte sich das<br />

bis dahin stille Werratal zu einem Gebiet, in dem Kalibergbau<br />

möglich war und somit setzte ein regelrechtes<br />

Rennen um die Verteilung von Abbauberechtigungen<br />

ein.<br />

1<br />

34


Dagmar Mehnert<br />

Der Aufbau des Kalireviers<br />

und die Jahre bis 1945<br />

2<br />

3<br />

1 4<br />

Der Kalifund löst im Werratal hektische Betriebsamkeit aus<br />

und innerhalb weniger Jahre entwickelt sich, von der Konkurrenz<br />

nicht gern gesehen, ein neues Kalirevier. Die Kaliindustrie<br />

verändert das Gesicht der Region und viele Menschen finden<br />

Arbeit in den Bergwerken und Fabriken. Bis zum ersten Weltkrieg<br />

dauert der Aufschwung. Dann sind Werkstilllegungen<br />

und Entlassungen zu verkraften. Doch das Zusammenfügen der<br />

einzelnen Werke zu wenigen starken Konzernen und die technische<br />

Neuerungen sorgen bis 1929 dafür, dass das Revier zum<br />

leistungsfähigsten Kaliabbaugebiet der Welt wird. Die Jahre<br />

der Nazidiktatur beginnen mit einem erneuten Aufschwung,<br />

der jedoch in den II. Weltkrieg mündet.<br />

1 Zwei Hauer [um 1920] unter Tage<br />

mit einer elektrischen Säulenbohrmaschine<br />

2 Das vom Gerstunger Baumeister<br />

Hermann Apel 1912 erbaute Abteufgerüst<br />

des Schachtes Abteroda in der<br />

Bauphase<br />

3 Einige Mitglieder des Bergmannsvereins<br />

„Glückauf“ Wintershall<br />

[um 1910]<br />

4 Die Schule von Hämbach, deren Bau<br />

das Kaliwerk Kaiseroda finanziell<br />

unterstützt hat


36<br />

Kali im nationalen Überschwang<br />

„’Deutsch’ heißt das stolze Wort, in dem das charaktervolle Gesamtgebilde<br />

der Kaliindustrie in seinem Hauptgrundzug den schlagendsten Ausdruck<br />

findet. Deutsch und nur deutsch die <strong>Berge</strong>, wo in der Tiefe der köstliche<br />

Schatz der Meere ruht, deutsch die Hände und der Wagemut, die ihn zu<br />

Tage heben und für den Gebrauch zurichten: Ein herrliches Schaffensgebiet,<br />

von der Vorsehung auf die heimischen Lande beschränkt und unserem<br />

Volkstum allein vorbehalten, so stellt sich der Kalibergbau als eine im<br />

umfassendsten Sinne vaterländische Industrie unseren Augen dar. ... Wahrlich<br />

ein glänzender Hintergrund für eine Industrie, um nationale Wirtschaftsziele<br />

darin zum Siege zu führen, ein Feld, wie geschaffen zur Betätigung<br />

echt vaterländischen Geistes auf dem Kampfplatz der Arbeit! ... In<br />

der Tat wuchs unter solch’ stolzen Zeichen die junge Kaliindustrie heran<br />

und, wie wenig andere Industrien, hat sie auch den Dienst für die Allgemeinheit<br />

auf ihre Fahnen geschrieben. Daß daran nicht gerüttelt werde,<br />

dafür gilt es auch fürderhin einzustehen. Stets bleibe in dieser Industrie<br />

dem nationalen Gedanken die Treue gewahrt und‚’deutsch immerdar’ sei<br />

auch für ihren künftigen Werdegang die verheißungsvolle Losung.“<br />

Paxmann, H.: Wirtschaftliche, rechtliche und statistische Verhältnisse der Kaliindustrie. In:<br />

Deutschlands Kalibergbau. Festschrift zum 10. Allgemeinen Bergmannstage zu Eisenach 1907.<br />

Berlin 1907. Beitrag Paxmann, S. 1-2.<br />

1<br />

2<br />

Der Kalifund und seine Folgen<br />

Der Kalisalzfund bei Kaiseroda sorgte 1893 dafür,<br />

dass ein regelrechtes „Kalifieber“ ausbrach und<br />

überall in der Region nach Kalisalz gebohrt wurde.<br />

Der vorgesehene Abbau musste – je nach Fundort –<br />

entweder von der Landesregierung des Großherzogtums<br />

Sachsen-Weimar-Eisenach, der des Herzogtums<br />

Sachsen-Meiningen oder der preußischen Provinz<br />

Hessen genehmigt werden. Dies geschah in der<br />

Regel umgehend, weil die staatlichen Stellen ein finanzielles<br />

und strukturpolitisches Interesse am zügigen<br />

Aufbau der Kaliindustrie hatten: Auf jede Tonne<br />

gefördertes Salz musste von den Bergwerken der<br />

„Förderzins“ als Abgabe gezahlt werden. Aber auch<br />

dringend benötigte Arbeitsplätze sollte die Kaliindustrie<br />

in die wirtschaftlich unzureichend entwikkelte<br />

Region bringen.<br />

Die Aussichten auf gute Gewinne schmälerte der<br />

niedrig bemessene Förderzins nur unerheblich, da<br />

ausreichende Absatzmöglichkeiten für Kali gegeben<br />

waren: Neben den Stammkunden aus der Industrie<br />

und dem Gesundheitswesen nahmen auch die deutsche<br />

und die ausländische Landwirtschaft immer<br />

mehr ab. 1 Das Schlagwort vom unerschöpflichen<br />

„Kalihunger der ganzen Welt“ beflügelte noch immer<br />

die Gewinnprognosen. Ein entscheidender Faktor<br />

für die glänzenden wirtschaftlichen Aussichten bei<br />

Investitionen in die Kaliindustrie war das damals<br />

bestehende natürliche Monopol Deutschlands auf<br />

bergmännisch gewinnbare Kalisalze. Schon lange<br />

vor dem Kalifund im Werratal hatten sich die Betreiber<br />

der deutschen Kaliwerke in einem freiwilligen<br />

Syndikat organisiert, das den Absatz regelte und<br />

so seinen Mitgliedern hohe Gewinne ohne interne<br />

Konkurrenzkämpfe ermöglichte.<br />

In den anderen Kalirevieren hatte das eingesetzte<br />

Anfangskapital bereits nach wenigen Jahren Gewinne<br />

in Millionenhöhe erwirtschaftet. Deshalb war<br />

das Werratal für Investoren plötzlich sehr attraktiv.<br />

Gleichzeitig betrachteten die im Kalisyndikat bereits<br />

zusammengeschlossenen Werke das absehbare Entstehen<br />

eines weiteren Kalireviers mit größtem Argwohn<br />

und taten ihr Möglichstes, um seine Entwicklung<br />

zu verhindern. Ein Mittel war die so genannte<br />

Schutzbohrgemeinschaft, deren Aufgabe es war, dort,<br />

wo Kali gesucht oder gefunden wurde, möglichst


viele Grubenfelder in Besitz zu nehmen. So trat sie<br />

auch im Werratal mit modernsten Bohrausrüstungen<br />

auf, errichtete oft in Sichtweite ihres Konkurrenten<br />

einen Bohrturm, um ihre Bohrungen schneller<br />

als dieser bis in das Salz niederzubringen. Gelang<br />

ihr dies, legte sie Mutung ein, erhielt ein Grubenfeld,<br />

in dem auch das Bohrloch des Konkurrenten lag, der<br />

hier kein Grubenfeld mehr erwerben konnte. So sollte<br />

neuer Konkurrenz die Tür vor der Nase zugeschlagen<br />

werden. Dieses Vorgehen führte zwar dazu, dass<br />

im Werratal innerhalb kürzester Zeit zehn Bohrgesellschaften<br />

die Suche nach Kali aufgenommen hatten;<br />

es war aber nicht erfolgreich. Es etablierten sich<br />

fast ausschließlich neue Firmen, die bald ihren Anteil<br />

am vom Syndikat verteilten „Kalikuchen“ forderten.<br />

Schon 1894 wurden mit Bernhardshall und<br />

Kaiseroda die ersten Bergbauunternehmen gegründet.<br />

Sie begannen kurz darauf mit dem Bau eines<br />

Schachtes, um die beiden Kaliflöze für den Abbau<br />

zu erschließen.<br />

Beide wählten die betriebswirtschaftliche Form der<br />

Gewerkschaft. Eine Gewerkschaft im Bergbau gründete<br />

sich zumeist auf 1.000 Anteilsscheinen (Kuxen).<br />

Die Besonderheit dieser Betriebsform besteht darin,<br />

dass die Kuxinhaber (Gewerken) nicht nur Gewinnerträge<br />

auf ihre Anteile (Ausbeute) erhalten, sondern<br />

sich verpflichten, auch nach dem Kauf weitere<br />

Zuzahlungen auf ihre Anteile (Zubußen) zu leisten.<br />

Mit den Zubußen deckten die Gewerkschaften vor<br />

allem den immens hohen Kapitalbedarf beim<br />

Schacht-, Werks- und Fabrikbau und hatten auch<br />

später die Möglichkeit bei Bedarf zusätzliche Finanzspritzen<br />

einzufordern. Genauso wie Aktien wurden<br />

Kuxe an der Börse zum jeweiligen Tageskurs gehandelt.<br />

Das machte die Werratal-Kalikuxe zu einem<br />

willkommenen Investitions- und Spekulationsobjekt<br />

für kapitalstarke Anleger aus ganz Deutschland.<br />

Aus dem wirtschaftlich schwachen Werra-Fulda-Gebiet<br />

hatten nur wenige die Finanzmittel, um beim<br />

Kuxhandel an der Börse mitzuhalten. Deshalb stammten<br />

nur ganz wenige Gewerken aus der Region.<br />

3<br />

1 Das Verwaltungsgebäude des Kalisyndikates in Staßfurt-<br />

Leopoldshall vor 1910<br />

2 Eine Tiefbohrung bei Unterrhon im Jahr 1911. Stolz werden<br />

die erbohrten Kerne vorgezeigt<br />

3 Ein Kuxschein der Gewerkschaft Bernhardshall<br />

37


1<br />

2<br />

3<br />

4<br />

Die Belegschaft von<br />

Bernhardshall vor 1900<br />

1 Die Betriebsleitung<br />

2 Die Schreiner und Zimmerleute<br />

3 Das Drittel Mehne der Abteufmannschaft<br />

4 Die Werksanlagen während des Abteufens<br />

5 Das Drittel Laschkewitz der Abteufmannschaft<br />

6 Die Schmiede und Schlosser<br />

7 Die Transport- und Bauabteilung<br />

8 Das Drittel Franke der Abteufmannschaft<br />

9 Das Drittel Pannier der Abteufmannschaft<br />

5<br />

38


6<br />

7<br />

8<br />

9<br />

39


1<br />

2<br />

1893–1906: „Kalifieber“ mit<br />

regionalen Besonderheiten<br />

Das „Kalifieber“ traf das Werratal und die Vorderrhön<br />

völlig unvorbereitet. Vor 1893 waren Strom<br />

und fließendes Wasser weitgehend unbekannt. Da<br />

jedoch an den Abteufplätzen für Seilwinden, Pumpen<br />

und andere maschinelle Einrichtungen Strom<br />

benötigt wurde, stellte man Dampfkessel auf. Zur<br />

Wasserversorgung nutzten die Gewerkschaften Quellen,<br />

Bäche oder Brunnen, die zum Teil auch der Versorgung<br />

der Bevölkerung dienten. Probleme bereitete<br />

der Transport von Materialien aller Art, denn<br />

die Deutsche Reichsbahn umfuhr das Werra-Kaligebiet<br />

in einem Bogen: Östlich führte die Werrabahn<br />

von Meiningen über Bad Salzungen und den Thüringer<br />

Wald nach Eisenach und von dort in Richtung<br />

Bebra bzw. Gotha; westlich dieser Achse gab es nur<br />

eine schmalspurige Strecke, die von Bad Salzungen<br />

nach Kaltennordheim durch das Werra- und Fuldatal<br />

verlief und Vacha mit einer Stichbahn angebunden<br />

hat. Mit ihr konnte das Material für die sich in<br />

der Nähe befindlichen Kaliwerke Bernhardshall, Kaiseroda<br />

und Großherzog von Sachsen herangeschafft<br />

werden. Das Kaliwerk Alexandershall und die in Hessen<br />

gelegene Gewerkschaft Wintershall bei Heringen<br />

mussten auf den Bahnhof Gerstungen ausweichen<br />

und ließen von dort die Materialien mit Pferde-<br />

und Ochsengespannen zum Teufplatz bringen.<br />

Im Fuldaer Bereich besaß Neuhof zwar einen Bahnhof<br />

an der Hauptstrecke Frankfurt-Kassel, aber<br />

3<br />

40


auch hier musste mit Fuhrwerken das Material zum<br />

einige Kilometer entfernten Werksgelände transportiert<br />

werden. Die Gewerkschaft Sachsen-Weimar begann<br />

mit dem Schachtteufen unter anderem erst am<br />

21.8.1905, weil abzusehen war, dass mit der Eröffnung<br />

der neu gebauten, einspurigen Reichsbahnstrecke<br />

Gerstungen-Vacha, der so genannten „Kalibahn“,<br />

am 1.10.1905 die Transportprobleme wenigstens<br />

bis Vacha gelöst sein würden. 2 Die Inbetriebnahme<br />

der Stichbahn Vacha-Geisa am 1.8.1906<br />

schloss auch das Werk Sachsen-Weimar endgültig<br />

an das Bahnnetz an.<br />

Sobald das nötige Material vor Ort und das Personal<br />

gefunden war, begann das Teufen des Schachtes.<br />

Es war anfangs für die Gewerkschaften schwierig,<br />

ausreichend Mannschaften für die Teufarbeiten zu<br />

finden, da viele Männer aus der Region als Saisonarbeiter<br />

in der Landwirtschaft oder im Ruhrgebiet<br />

und anderen Industrieregionen als Handwerker<br />

oder Fabrikarbeiter arbeiteten. Damit verdienten sie<br />

das notwendige Geld für den Unterhalt ihrer Familien,<br />

das auf den fast immer zu kleinen Höfen auch<br />

mit zusätzlicher Heimarbeit (Weberei, Korkschnitzerei)<br />

nicht zu erwirtschaften war. Zwar kamen einige<br />

der „fleißigen und geschickten Arbeiter“ 3<br />

zurück, und mancher davon besaß auch Erfahrung<br />

im Bergbau, aber dennoch waren die Gewerkschaften<br />

gezwungen, die meisten Spezialisten für ihre Teufmannschaften<br />

außerhalb, vor allem im Staßfurter<br />

Raum anzuwerben. Diese gut bezahlten Facharbeiter<br />

wurden oft in schnell zusammengezimmerten<br />

Unterkünften untergebracht, weil es an Wohnraum<br />

mangelte. Die ungelernten einheimischen Arbeiter<br />

mussten sich, auch weil sie über Wohnraum verfügten<br />

und ihre Landwirtschaft weiter betrieben, mit<br />

zwei Dritteln des Lohnes zufrieden geben. Erst als<br />

Hilfsarbeiter und Handlanger angeworben, entwikkelten<br />

sie sich nach und nach zu besser bezahlten<br />

Landwirtschaft, Wander- und Heimarbeit in der Rhön<br />

„Im weimarischen Rhönanteil ist schon mehr geschehen. Hier wurden in<br />

den ersten 25 Jahren seit Bestehen des Separationsgesetzes (1869) zusammengelegt:<br />

in 23 Gemeinden (7 Prozent der Gesamtheit) die Grundstücke<br />

von 3936 Nachbarn, 9823 Hektar. Hierbei verminderte sich die<br />

Anzahl der Parzellen von 72675 auf 13016 (!); allein in der Gemeinde<br />

Tiefenort von 9326 auf 1648 [...] und als Rekord in Wiesenthal von<br />

13144 auf 1106.“<br />

Wanderarbeit:<br />

„Auf meiner Wanderung nach Frankenheim hole ich unterwegs drei Bauersfrauen<br />

ein. [...] Auf meine Frage, was denn die Männer machten, erhielt<br />

ich die übliche Antwort: die sind nach Westfalen! Ich erhielt wieder bestätigt,<br />

daß diese oft mit Ausnahme weniger Wochen im Jahr in den Bergwerken<br />

– hier in Hörde – arbeiten. Andere gingen auf kürzere Zeit in die<br />

Zuckerfabriken.“<br />

„In Oberweid wird noch viel gewebt. Wir finden hier in dem typischen<br />

Weberhäuschen einen 32-jährigen Weber, der glatte Plüschweberei betreibt.<br />

In dem engen Wohnraum hausen Mann und Frau, zwei Kinder und<br />

zwei Ausflügler. 14-16 Stunden dauert die Arbeitszeit. Das Meter wird<br />

mit fünfzig Pfennig bezahlt. [...] Ein anderer Weber hatte sechs Kinder bei<br />

sich, zwei Mädchen verdienen aber zu Hause schon mit; sie wickeln Zigarren;<br />

täglich 10-11 Stunden. Sie bringen es auf 400 Stück. Für das Tausend<br />

gibt es 5,50-6,00 Mark.“<br />

„In Frankenheim finden wir 1911 einen verhältnismäßig noch jungen<br />

Mann, 40 Jahre, abgehärmt und mager; seine Frau das elendste Jammerbild,<br />

sie ist hochgradig schwindsüchtig und hat furchtbares Asthma. [...]<br />

Ein halbes Dutzend Kinder kriechen bei kaltem Wetter in der Stube herum,<br />

die gleichzeitig als Wohn-, Küchen-, Schlaf- und Arbeitsraum dient.“<br />

Oesterreich, Julius: Die arme Rhön. Ein Kultur und Sittenbild aus den letzten 100 Jahren vor<br />

dem Kriege. Hamburg 1919, S. 127, 207-208, 253, 251.<br />

4<br />

Facharbeitern. 4<br />

1 1911 steht ein Kesseltransport für die Gewerkschaft<br />

Heiligenmühle in Oechsen abfahrbereit am Bahnhof Geisa<br />

2 Der letzte, festlich geschmückte Schmalspurzug und das<br />

Bahnhofspersonal stehen am 06.07.1906 im Bahnhof<br />

Vacha<br />

41<br />

3 Gesamtansicht des Kaliwerks Alexandershall während des<br />

Abteufens [um 1900]<br />

4 Das Kaliwerk Wintershall sucht 1904 Arbeiter für den Bau<br />

des Wasserkraftwerks in Widdershausen


DAS ABTEUFEN DER SCHÄCHTE<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Bergmännisch wird unter anderem der Bau eines<br />

Schachtes als „abteufen“ bezeichnet. Bei Kalioder<br />

Salzbergwerken gelten ganz besondere Anforderungen,<br />

denn wegen der Wasserlöslichkeit des<br />

<strong>Salze</strong>s muss der Schacht völlig wasserdicht sein.<br />

An Werra und Fulda hat vor allem der, nur wenig<br />

oberhalb der Salzschichten liegende, meist 20 bis<br />

30 Meter mächtige Plattendolomit wegen seiner<br />

starken Wasserführung große Schwierigkeiten verursacht.<br />

Hier waren Wassereinbrüche keine Seltenheit,<br />

bei denen viele tausend Liter Wasser pro Minute<br />

zuflossen.<br />

Als die Kalischächte angelegt wurden, war das Abteufen<br />

in Handarbeit die gebräuchlichste Methode.<br />

Nur im Plattendolomit kamen bei Bedarf Spezialverfahren,<br />

wie das Schachtbohren nach Kind-Chaudron<br />

oder das Zementierverfahren zur Anwendung. Das<br />

Thomson’sche Wasserziehverfahren ermöglichte es<br />

bei einigen Schächten, auch im Plattendolomit weiter<br />

von Hand zu teufen.<br />

Damit die Schachtröhre dauerhaft gegen den Zufluss<br />

von Wasser gesichert war, wurde sie mit Tübbingen,<br />

großen Elementen aus Gusseisen, ausgekleidet.<br />

Diese konnten abgedichtet werden und<br />

wurden zusätzlich mit Zement hintergossen. In<br />

trockenen Bereichen sind die Schächte mit Ziegelsteinen<br />

ausgemauert worden.<br />

A Schacht Neuhof: Der Abteufschacht mit eingehängter Thomson'scher<br />

Wasserziehanlage [zwischen 1906 und 1909]<br />

B Das Innere eines Abteufturmes [vor 1907] mit Schachtbohrer<br />

und Teufkübel.<br />

C Ansicht der Gewerkschaft Buttlar<br />

D Der Einbau der Tübbinge im einem Schacht [vor 1907]<br />

E Schachtsohle im Kaliwerk Ronnenberg, Revier Hannover<br />

beim Abteufen [vor 1906]<br />

A<br />

B<br />

42


Schweres Unglück beim Abteufen<br />

am 28. Juni 1913<br />

„Ein Unglück, wie es schwerer ein Kalibergwerk<br />

noch nicht getroffen haben dürfte, hat sich heute<br />

morgen gegen 1/2 3 Uhr in der hiesigen Gewerkschaft<br />

ereignet. Sechs Mann tot, 3 schwer und<br />

2 leicht verletzt. Durch Bruch und Einsturz von<br />

Tübbings wurden die 7 Mann, die auf dem Gerüst,<br />

50 Meter über der Sohle mit Verdichtung beschäftigt<br />

waren, auf die Sohle geschleudert. Dem Umstande,<br />

daß hier das Wasser zirka 2,50 Meter hoch<br />

stand, ist es zuzuschreiben, daß sie nicht sämtlich<br />

getötet sind. Diese kolossalen Eisenteile durchschlugen<br />

aus 12 Meter Höhe das Gerüst und die<br />

nachströmenden Wasser- und Zementmassen rissen<br />

alles mit in die Tiefe. Die Überlebenden kletterten<br />

mühsam aufwärts, indem sie sich an den durch<br />

Schrauben verbundenen Vorsprüngen der Tübbings<br />

halten konnten. Die mit ungeheurer Wucht niedergehenden<br />

Wasser- und Zementmassen wirbelten<br />

die beiden Förderkübel um die Leitungen und<br />

machten zugleich auch die Pumpen und den<br />

Motor, der diese in Bewegung setzte, unbrauchbar.<br />

Und da die elektrische Leitung auch sofort gestört<br />

war, so war es im ersten Augenblick unmöglich,<br />

den Abgestürzten in ihrem finsteren Grabe zu Hilfe<br />

zu kommen. Furchtbar schauerlich drangen die<br />

Hilferufe aus der Tiefe und niemand konnte Hilfe<br />

bringen. Ärztliche Hilfe von Geisa war bald zur<br />

Stelle und legte den Schwerverletzten die ersten<br />

Notverbände an. Sie wurden später in das<br />

Krankenhaus nach Geisa gebracht.<br />

C<br />

Zur Bergung der Toten kann vorerst nichts unternommen<br />

werden, weil der Betrieb stockt und der<br />

400 Meter tiefe Schacht sich immer mehr mit Wasser<br />

füllt. Dann ist zu befürchten, daß sie in den<br />

niedergegangenen Zement eingeschlossen sind, der<br />

bis zur Entfernung des Wassers gebunden hat, so<br />

daß sie dann herausgemeißelt werden müssen. Vier<br />

Bergleute sind unverletzt. Ein Mann, Waider aus<br />

Geismar, der schon mit dem getöteten Mennecke<br />

im Förderkorb stand, verdankt seine Rettung dem<br />

Umstande, daß er vom Steiger zu einer Arbeit über<br />

Tag befohlen wurde. Nach Aussage von Beteiligten<br />

kann der Betriebsleitung eine Schuld an dem Unglück<br />

nicht gegeben werden. Ob schadhaftes Material<br />

oder andere Ursachen die Katastrophe herbeigeführt<br />

haben, wird die Untersuchung ergeben.“<br />

Eisenacher Tagespost, vom 30.6.1913.<br />

D<br />

E<br />

43


1<br />

44<br />

1 Bau eines Lagerschuppens für Fertigprodukte durch die<br />

Gewerkschaft Heiligenroda in Dorndorf [um 1915]<br />

2 Zeitungsanzeige für den Landabsatz von Kainit<br />

3 Einziehung einer Zubuße von 50,- Mark durch die Bohrgesellschaft<br />

Sachsen-Weimar (Unterbreizbach) am<br />

02.04.1898<br />

4 Basaltgänge und Kohlensäurerachel im Grubenfeld des<br />

Schachtes I der Gewerkschaft Großherzog von Sachsen<br />

[vor 1928]<br />

2<br />

Die starken Wasserzuflüsse vor allem im Bereich<br />

des Plattendolomits verursachten größte Probleme<br />

und verhinderten oft ein schnelles Abteufen, wie die<br />

folgenden Beispiele zeigen: Im Schacht KaiserodaI<br />

dauerte es zwei Jahre, bis der nur wenige Meter<br />

mächtige Plattendolomit durchteuft und abgedichtet<br />

war, so dass erst nach insgesamt fünf Jahren Bauzeit<br />

und etwa 2,3 Millionen Mark Gesamtkosten die<br />

Endteufe erreicht wurde. 5 Beim Schacht Neuhof, südlich<br />

von Fulda, waren zum Abdichten des Plattendolomits<br />

8.670 Tonnen Zement notwendig. 6<br />

Der Ausbau der Schächte, also ihre dauerhafte Sicherung<br />

gegen Wasserzuflüsse und den Gebirgsdruck,<br />

geschah in wasserfreien Gesteinsschichten<br />

durch Ausmauern mit Ziegelsteinen. Wo jedoch Wasserzutritte<br />

zu befürchten waren, kamen Tübbinge<br />

zum Einsatz, große miteinander fest verschraubte<br />

und aufwändig abgedichtete Elemente aus Gusseisen.<br />

Die beiden Kaliflöze im Werra-Fulda-Revier enthalten<br />

maximal 15 Prozent Reinkali (K 2 O), meist aber<br />

weniger. Lediglich stellenweise und kleinflächig besitzen<br />

die Flöze höhere Kaligehalte. Insgesamt gese-


hen war das im Vergleich zu den Gruben der bereits<br />

existierenden Kalireviere wenig. An Werra und Fulda<br />

waren die Bereiche sehr begrenzt, in denen der<br />

Kaligehalt so hoch war, dass das geförderte Rohsalz<br />

nur gemahlen und als verkaufsfähiges Produkt versandt<br />

werden konnte.<br />

Um wenigstens das gewinnbringende 20er, 30er und<br />

40er Kalidüngesalz verkaufen zu können, musste<br />

der Großteil des Rohsalzes erst in einer Fabrik aufgearbeitet<br />

und höher konzentriert werden. Daher<br />

sahen sich die Gewerkschaften gezwungen, nicht<br />

nur Schächte zu teufen, sondern auch Fabriken zur<br />

Weiterverarbeitung des <strong>Salze</strong>s zu bauen. Das bedeutete<br />

nicht nur eine Erhöhung der Anzahl der Schächte<br />

und der Fabriken, sondern im Verbund mit den<br />

großen Problemen beim Abteufen, dass die Unternehmen<br />

im Werra-Fulda-Revier in den ersten Jahren<br />

mehr Kapital benötigten, als ihre Konkurrenten<br />

in den anderen Revieren. So zahlte zum Beispiel jeder<br />

Wintershall-Gewerke bis zur Inbetriebnahme<br />

einer kleinen, noch auszubauenden Kalifabrik im<br />

Jahre 1904 bereits 4.660 Mark Zubuße pro Kux. Davon<br />

entfielen allein 3079,50 Mark auf den Schachtbau.<br />

7 Zum Vergleich: Das Werk Desdemona bei Alfeld<br />

an der Leine (Kalirevier Hannover) errichtete<br />

einen Schacht von immerhin 702 Meter Teufe mit<br />

1516 Mark Zubuße pro Kux. 8<br />

Schon bei den Probebohrungen 1894 machte die Gewerkschaft<br />

Bernhardshall Bekanntschaft mit einer<br />

Besonderheit der Werra-Fulda-Lagerstätte: der Kohlensäure.<br />

Auch beim Teufen ihres Schachtes, des<br />

ersten im Werratal, wurde durch den Rhönvulkanismus<br />

mit Kohlensäuregas imprägniertes Salz angetroffen.<br />

Beim explosionsartigen Ausgasen kam zwar<br />

noch niemand zu Schaden, aber kurz nach Aufnahme<br />

der Förderung kamen in der Grube bei weiteren<br />

Kohlensäureausbrüchen drei Bergleute ums Leben. 9<br />

Hinzu kam, dass die unter Tage angetroffene, flache<br />

Lagerung der Flöze im Kalibergbau bis dahin unbekannt<br />

war. Erst 1906 wurden deren Vorteile erkannt,<br />

benannt und ein für diese Lagerstätte geeignetes Abbauverfahren<br />

entwickelt.<br />

Bis dahin stand die Rentabilität der Werra-Schächte<br />

wegen der niedrigeren Wertstoffgehalte, noch nicht<br />

auf die Lagerstätte abgestimmter Abbauverfahren<br />

und Problemen bei der Grubensicherheit in Frage.<br />

3<br />

4<br />

45


46<br />

KALIGEWINNUNG IN HANDARBEIT<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Bis nach dem I. Weltkrieg erfolgte der Abbau weitgehend in Handarbeit.<br />

1) Zunächst wurden die Sprenglöcher auch noch von Hand gebohrt. Aber<br />

schnell setzten sich elektrisch betriebene Bohrmaschinen durch, die immer<br />

weiter verbessert worden sind. 2) In den Abbauen erfolgte die Förderung<br />

und das Beladen der Förderwagen von Hand mit der Schaufel. Waren sie<br />

gefüllt, mussten sie auf den soweit wie möglich in die Abbaukammern<br />

hineinverlegten Schienen zur nächsten Förderstrecke geschoben werden.<br />

3) Von dort aus wurde das Rohsalz maschinell mit Seil- oder Kettenbahnen,<br />

teilweise auch mit Grubenlokomotiven zum Schacht transportiert.<br />

C<br />

B<br />

A<br />

B<br />

C<br />

Schematisches Grubenbild mit Handförderung<br />

Bergrat Gustav Kost entwickelte das erste, in den<br />

Werrawerken viele Jahre gültige, Abbauverfahren<br />

Das typische Grubenbild einer Grube im Werrarevier<br />

A<br />

Die Gewerkschaft Bernhardshall zog bereits 1901<br />

Konsequenzen und gab den Kalibergbau auf. Der<br />

Betrieb wurde aber bereits Ende 1902 von der Heldburg<br />

AG wieder aufgenommen. Nun begann Bernhardshall<br />

das 1895 bei Hermannsroda erbohrte<br />

Kohlensäurevorkommen wirtschaftlich zu nutzen.<br />

Die Kohlensäure wurde in Flaschen abgefüllt und<br />

verkauft. Das damals entstandene, seit 1905 selbstständige<br />

Werk existierte viele Jahrzehnte lang.<br />

Das durch die Kohlensäure verursachte schwere Unglück<br />

und die anderen Probleme führten dazu, dass<br />

die Kux-Kurse an der Börse fielen und die Existenz<br />

des gesamten Reviers kurzfristig in Frage stand.<br />

Da sich die Ausbrüche aber vorerst weitgehend auf<br />

Bernhardshall beschränkten und die anschließend<br />

in Förderung gehenden Werke an Werra, Ulster und<br />

Fliede als sicher galten und rentabel arbeiteten, etablierte<br />

sich das Werra-Fulda-Revier mehr und mehr.<br />

Dies war auch eine Folge der Gepflogenheiten des<br />

Kalisyndikates, an dessen Tisch nun auch die Vertreter<br />

der Werra- und Fuldawerke saßen. Das Monopol<br />

ermöglichte es, die Preise der Kaliprodukte so festzulegen,<br />

dass auch dann Gewinne gemacht wurden,<br />

wenn eine Grube äußerst schlecht wirtschaftete.<br />

Das Mittel dazu war die Regulierung des Absatzes<br />

über die „Quoten“. Jeder förderfähige Schacht bekam<br />

als Quote seinen Anteil in Tausendsteln am Gesamtabsatz<br />

der deutschen Kaliindustrie zugewiesen.<br />

Die Höhe der Quote richtete sich nach der Leistungsfähigkeit<br />

eines Werkes im Hinblick auf Förderund<br />

Verarbeitungsmenge, Produktspektrum und<br />

nach dem K 2 O-Anteil im Rohsalz. Zunächst bekamen<br />

die Kaligruben im Werra-Fulda-Revier nur geringe<br />

Quoten, doch bereits damit war der Bergbau<br />

sehr gut zu finanzieren: Jeder Kaiseroda-Gewerke<br />

bekam 1903 – nur zwei Jahre nach Inbetriebnahme<br />

der Fabrik – auf jeden Kux 100 Mark Ausbeute gezahlt;<br />

jeder Wintershall-Gewerke bekam 1906, ebenfalls<br />

zwei Jahre nach Produktionsbeginn, bereits<br />

800 Mark Gewinn pro Kux ausgezahlt. 10<br />

1 Ansicht des Kaliwerks Neuhof auf einer am 17.07.1914<br />

verschickten Postkarte<br />

2 Ansicht der chemischen Fabrik der Gewerkschaft<br />

Großherzog von Sachsen in Dorndorf<br />

3 Ansicht des Kaliwerks Hattorf mit Fördergerüst aus dem<br />

Jahr 1915


1<br />

1906–1914:<br />

„Glückauf, Kameraden“<br />

Bis 1906 waren mit Alexandershall, Wintershall,<br />

Hattorf, Kaiseroda, Heiligenroda, Großherzog von<br />

Sachsen, Sachsen-Weimar und Neuhof die Unternehmen<br />

entstanden und zum Teil bereits in Förderung<br />

gegangen, die das Revier in den kommenden Jahrzehnten<br />

prägen sollten.<br />

Dennoch wurden weitere Schächte in Betrieb genommen:<br />

Zum einen geschah dies, um die gesetzliche<br />

Vorgabe eines zweiten Ausganges („Sicherheitsschacht“)<br />

zu erfüllen, zum anderen, um betriebswirtschaftliche<br />

Gewinne einzufahren. Um höhere Quoten<br />

und damit größere Gewinne erzielen zu können,<br />

trennten die bestehenden Werke einen Teil ihres<br />

Grubenfeldes ab und schlugen es einer neuen, mit<br />

ihnen wirtschaftlich auf das Engste verbundenen<br />

Gewerkschaft zu. Diese teufte einen neuen Schacht<br />

und nahm ein weiteres Bergwerk in Betrieb. Dessen<br />

Quotenanspruch wurde dem Syndikat gemeldet<br />

und dort geprüft. Sobald die Quote zugewiesen war,<br />

gab es einen neuen „Quotenschacht“, dessen einzige<br />

Existenzberechtigung darin bestand, dass er seinem<br />

Mutterwerk höhere Quotenanteile verschaffte. Die<br />

gewonnenen Kalisalze wurden in die Fabrik der Muttergewerkschaft<br />

transportiert, um deren Kapazitäten<br />

besser auszunutzen.<br />

Im hessischen Teil des Reviers gründete Wintershall<br />

die Gewerkschaften Heringen, Herfa und Neurode,<br />

Hattorf die Gewerkschaften Heimboldshausen und<br />

Ransbach, Neuhof initiierte die Gewerkschaft Ellers. 11<br />

Im Thüringischen war das Bild ähnlich, aber auf-<br />

2<br />

3<br />

47


48<br />

Die Bevölkerungsentwicklung der Kali-<br />

Standortgemeinden an der Werra 1900–1950<br />

Ort um 1900 1925 1939 1950<br />

Dippach 591 1.224 1.300 1.576<br />

Berka 1.056 1326 1.310 1.665<br />

Heringen 1.165 2.254 2.891 4570<br />

Herfa 225 390 333 644<br />

Röhrigshof 121 300 418 924<br />

Philippsthal 704 1282 1839 3457<br />

Unterbreizbach 440 1.229 1.336 1.917<br />

Springen/Frauensee 495 1.035 975 1.385<br />

Dorndorf 701 2.195 2.266 2.896<br />

Dietlas 279 551 502 799<br />

Stadtlengsfeld 1.207 2.091 1.995 2.580<br />

Merkers 252 707 550 1.057<br />

Tiefenort 1.748 3.347 3.456 4.644<br />

Leimbach 633 1.361 1.631 2.106<br />

Summe 9.617 19.292 20.802 30.050<br />

Schachtvermehrung – Stellungnahme 1913<br />

„Die kaninchenartige Fortpflanzung der Kaliwerke hat bekanntlich Zustände<br />

herbeigeführt, welche den Anschauungen, die man sonst von einer gesunden<br />

wirtschaftlichen Entwicklung eines Gewerbezweiges hat, hohnsprechen.<br />

Wenn man in früheren Jahren zeitweilig mit Unrecht behauptete,<br />

daß der Kalibedarf der Welt von einem Bruchteil der Kaliwerke gedeckt<br />

werden könne, so steht man doch heute unzweifelhaft vor der bedauerlichen<br />

Tatsache, daß die geschaffene Produktionsmöglichkeit weit<br />

über den Bedarf hinausschießt, und daß dieses Mißverhältnis zwischen<br />

Erzeugung und Bedarf sich noch weiter und zwar sehr beträchtlich verschärfen<br />

wird.“<br />

Denkschrift zum Kaligesetz von H. Paxmann, im Januar 1913. ThStA Meiningen. Weimarisches<br />

Staatsministerium für Inneres Neu. 3032. 210/3.<br />

1 Zwei Bergleute mit Bohrmaschine und Werkzeug auf der<br />

380-Meter-Sohle im Kaliwerk Kaiseroda I auf einer am<br />

27.02.1908 abgestempelten Postkarte<br />

1<br />

grund anderer bergrechtlicher Vorgaben konnten die<br />

Grubenfelder geteilt werden, ohne formal eine neue<br />

Gewerkschaft ins Leben zu rufen. In Thüringen<br />

brauchten keine neuen Namen gefunden zu werden,<br />

um wirtschaftliche „Unabhängigkeit“ zu demonstrieren.<br />

Die Schächte wurden einfach durchnummeriert,<br />

so z.B. Alexandershall I, Alexandershall II (Abteroda)<br />

und Alexandershall III (Dankmarshausen)<br />

oder Kaiseroda I (Hämbach) und die Doppelschachtanlage<br />

Kaiseroda II/III (Merkers). Die Vermehrung<br />

der Schächte führte zu einer immer größer werdenden<br />

Fördermenge: Waren 1900 deutschlandweit<br />

aus etwa 30 Schächten noch 3.037.036 Tonnen Kalirohsalz<br />

gefördert worden, so war 1913 die Förderleistung<br />

auf 11.607.511 Tonnen Kalirohsalz bei 164<br />

fördernden und 77 im Teufen begriffenen Schächten<br />

angestiegen. Allerdings darf diese Steigerung<br />

nicht über ein grundlegendes Problem hinwegtäuschen.<br />

Trotz gestiegener Gesamtfördermenge, war<br />

die durchschnittliche Menge pro Schacht von über<br />

100.000 Tonnen um fast ein Drittel auf wenig mehr<br />

als 70.000 Tonnen gefallen. Genaue Förderzahlen<br />

für die insgesamt 29 quotenberechtigten Schächte<br />

an Werra und Fliede liegen nicht vor, aber die Förderung<br />

dürfte ihrem Quotenanteil von etwa elf<br />

Prozent entsprochen haben.<br />

Trotz der vom Syndikat überwachten Regulierung<br />

waren die Werke bestrebt, mehr als die ihnen zustehende<br />

Quote zu fördern, und versuchten anschließend,<br />

für die erhöhten Förderzahlen eine größere<br />

Quote zugewiesen zu bekommen. Denn mehr Quote<br />

hieß mehr Gewinn. Die Belegschaften unter und<br />

über Tage wurden ständig aufgestockt, um diese<br />

Kapazitätsausweitungen zu bewältigen.<br />

Mit dem Aufkommen des Kalibergbaus im Werratal<br />

und bei Neuhof drehte sich die Bevölkerungsentwicklung<br />

um. Aus Regionen, die mit Abwanderung<br />

zu kämpfen hatten, wurden binnen weniger Jahre<br />

Zuwanderungsgebiete. Die Einwohnerzahl der thüringischen<br />

Kleinstadt Vacha wuchs zwischen 1890<br />

und 1900 von 1.447 auf 1.627 und stieg bis 1919 weiter<br />

auf 2.459 an. Die hessischen Werra-Orte verzeichneten<br />

1919 mit 12.096 knapp 3.100 Einwohner mehr<br />

als 1900. 12 Die wachsenden Gemeinden mussten Bauland<br />

ausweisen, Straßen anlegen und für Gemeinschaftseinrichtungen,<br />

sowie für Strom und Wasser


A<br />

SEILBAHNEN - EIN VIELSEITIGES<br />

TRANSPORTMITTEL<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Früher waren Luft-Seilbahnen für verschiedene Transportaufgaben<br />

weit verbreitet. Auf Stützen über Berg<br />

und Tal geführt, ermöglichten sie es, Rohsalz aus<br />

kilometerweit entfernten Schachtanlagen zur chemischen<br />

Fabrik zu bringen. An der Werra gab es<br />

größere Seilbahnen - unter anderem vom Schacht<br />

Heiligenroda I zur Fabrik Wintershall, vom selben<br />

Schacht zum Schacht Heiligenroda II/III und von<br />

dort weiter nach Dorndorf. Die Seilbahn von Schacht<br />

II/III zur Dorndorfer Fabrik war mit Abstand am<br />

längsten in Betrieb und wurde erst Mitte 1990 stillgelegt.<br />

Zeitweise transportierte auch das Kaliwerk<br />

Großherzog von Sachsen in Dietlas gefördertes Rohsalz<br />

per Seilbahn zu seiner Fabrik in Dorndorf.<br />

Seilbahnen gab es aber auch in und an den Fabriken.<br />

Sie brachten zum Beispiel Fertigprodukte in<br />

die Lagerschuppen oder nicht weiter verwendbare<br />

Abfallstoffe auf Halden. Über solche Haldenseilbahnen<br />

verfügten zeitweise die Fabriken der Kaliwerke<br />

Wintershall, Heiligenroda und Hattorf.<br />

In den Gruben bewegten Stand-Seilbahnen oft die<br />

Förderwagen. Hierzu wurden in den Förderstrecken<br />

über Umlenkrollen geführte, endlose Drahtseile gespannt<br />

und mit speziellen Maschinen angetrieben.<br />

Die Förderwagen verfügten über eine drehbare Mitnehmergabel,<br />

in die das Drahtseil eingehakt wurde.<br />

Sobald sich das Seil in Bewegung setzte, verkeilte<br />

es sich in der Mitnehmergabel und zog den<br />

Förderwagen mit. Das Kaliwerk Hattorf nutzte keine<br />

Seil-, sondern Kettenbahnen, die nach dem selben<br />

Prinzip arbeiteten. Solche Transporteinrichtungen<br />

waren auch nach dem II. Weltkrieg weit verbreitet.<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

Profile der Seilbahnen von Heiligenroda, Schacht I, zum<br />

Kaliwerk Wintershall in Heringen und vom Schacht I der<br />

Gewerkschaft Großherzog von Sachsen in Dietlas zur<br />

Fabrik in Dorndorf<br />

Zeichnung der doppelten mittleren Tragseilspannvorrichtung<br />

der Seilbahn von Heiligenroda, Schacht I, nach<br />

Wintershall aus dem Jahr 1909<br />

Seilbahn von Heiligenroda, Schacht I, nach Wintershall:<br />

Die Entladestation in Wintershall<br />

Arbeiter auf einem Mast der Haldenseilbahn des Kaliwerks<br />

Hattorf<br />

B<br />

C<br />

D<br />

49


1 Schnitt durch das vom Kaliwerk Wintershall erbaute<br />

Wasserkraftwerk in Lengers<br />

2 Die 1926 ausgebaute alte Dampfmaschine mit 500 Kilowatt<br />

Leistung im Kesselhaus des Kaliwerks Hattorf<br />

1<br />

sorgen. Durch den Bau eigener Wohnsiedlungen,<br />

zum Beispiel in Heringen, Dippach, Hämbach und<br />

Dorndorf schufen die Kaliwerke damals dringend<br />

benötigten Wohnraum. Dazu kamen oft Darlehen<br />

für Belegschaftsmitglieder, die sich mit Bauabsichten<br />

trugen. Zu gemeinnützigen Einrichtungen wie<br />

Bädern oder Gemeindeschwesternstationen gewährten<br />

die Gewerkschaften einmalige oder jährlich wiederkehrende<br />

Zuschüsse; Strom konnte direkt aus<br />

den Kalifabriken bezogen werden. Schwierigkeiten<br />

gab es in der Frage der Wasserversorgung, denn nicht<br />

nur die wachsenden Gemeinden, sondern auch die<br />

Kaliwerke benötigten zunehmend mehr Wasser. Die<br />

Werke erzeugten den über und unter Tage benötigten<br />

Strom zum Teil in Wasserkraftwerken in der<br />

Werra, hauptsächlich aber mit Dampfturbinen in<br />

ihren Kesselhäusern.<br />

2<br />

50


Zu deren Betrieb wurde weiches, sauberes Wasser<br />

benötigt, da der beim Eindampfen des Wassers entstehende<br />

Kesselstein sonst die Funktionsfähigkeit<br />

der gesamten Anlagen gefährdete. Mit zunehmender<br />

Produktion stieg der Bedarf immer mehr an und<br />

Wasser in Trinkwasserqualität wurde vorzugsweise<br />

den Brunnen in der Umgebung der Werke entnommen.<br />

Flusswasser aus Werra, Felda, Ulster und<br />

Fliede wurde dazu verwendet, um das Rohsalz im<br />

ersten Verfahrenschritt der Kaliherstellung in Wasser<br />

zu lösen.<br />

Um überhaupt produzieren zu können, erwarben die<br />

Kaliwerke immer mehr Brunnen und Wasserrechte.<br />

Konflikte waren vorprogrammiert, da immer mehr<br />

Trinkwasser auch zur Versorgung von Mensch und<br />

Vieh benötigt wurde. Die Gewerkschaften versuchten<br />

sich mit den wachsenden Gemeinden gütlich zu<br />

einigen. So lieferte zum Beispiel Wintershall seit 1908<br />

der Gemeinde Heringen Überschusswasser aus den<br />

eigenen Leitungen.1910 sagte Wintershall zu, aus<br />

dem eigenen Hochbehälter Wasser in den der Gemeinde<br />

Heringen zu leiten und den Bau der Leitung<br />

zu bezahlen. Gleichzeitig wurde dem Ort gestattet,<br />

aus dem Brunnen auf der Schachtanlage Heringen<br />

Wasser zu entnehmen, da er bereits 150 Kubikmeter<br />

Frischwasser am Tag benötigte. 13<br />

DAS HEISSLÖSEVERFAHREN<br />

Dagmar Mehnert<br />

Bei der Verarbeitung des Rohsalzes mit dem Heißlöseverfahren wird die<br />

unterschiedliche Löslichkeit der Salzminerale ausgenutzt. Während die<br />

Löslichkeit von Steinsalz in Wasser weitgehend von der Temperatur unabhängig<br />

ist, nimmt die von Kalisalzen wie Sylvin und Carnallit bei höherer<br />

Temperatur deutlich zu. 1) Zur Trennung wird die Löselauge, eine bei 25<br />

Grad Celsius an gelösten Salzmineralen gesättigte Lösung, auf 110 Grad<br />

Celsius erhitzt. 2) In die heiße Lösung wird weiteres Kalirohsalz eingebracht.<br />

3) Im günstigsten Fall lösen sich die Kalisalze Sylvin und Carnallit<br />

vollständig auf, während Kieserit und Steinsalz nicht in Lösung gehen und<br />

sich als Feststoffe absetzen. 4) Diese werden von der Sylvin-Carnallit-Lösung<br />

durch Filtern abgetrennt. 5) Wird die Lösung abgekühlt, kristallisiert<br />

Chlorkalium (KCl) aus und kann als Feststoff abgezogen werden. 6) Übrig<br />

bleibt die so genannte Mutterlauge, die nach erneutem Erhitzen wieder<br />

als Löselauge eingesetzt werden kann.<br />

Soll Kieserit das Endprodukt sein, kann das im Heißlöseverfahren angefallene<br />

Kieserit-Steinsalz-Gemisch einer Kieseritwäsche unterzogen werden,<br />

bei der das Steinsalz ausgewaschen wird. Am Ende dieser Verarbeitungsprozesse<br />

stehen auskristallisiertes Chlorkalium und Kieserit, die entweder<br />

in den Verkauf gehen oder in einer nachgeschalteten Sulfatfabrik zu<br />

schwefelsaurem Kali weiter verarbeitet werden.<br />

A<br />

A<br />

Schematische Darstellung des Heißlöseverfahrens<br />

1914–1918: Der I. Weltkrieg<br />

Nach Kriegsausbruch führten die Einberufungen an<br />

die Fronten des I. Weltkriegs bald zu einem derartigen<br />

Arbeitskräftemangel, dass einige Kalibergwerke<br />

ihren Betrieb einstellten, u.a. Wintershall, Kaiseroda<br />

I-III und Neuhof. Die Produktivität litt erheblich, weil<br />

die freien Stellen mit ungelernten Kräften – zuerst<br />

mit Jugendlichen, später auch mit Kriegsgefangenen<br />

– besetzt werden mussten. Dennoch gelang es bis<br />

1915, die nicht fertig abgeteuften Schächte Alexandershall<br />

II und III, Heiligenroda IV, Kaiseroda II,<br />

Menzengraben II, Heimboldshausen und Ransbach<br />

auf Endteufe zu bringen. Danach ruhte meistens<br />

der Betrieb, nur Heimboldshausen und Ransbach<br />

bereiteten die Grubenfelder für den Abbaubetrieb<br />

vor und engagierten 1917 Fremdarbeiter der Gewerkschaft<br />

Urania aus Bochum, um bei der Quotenzuweisung<br />

besonders gute Ergebnisse präsentieren<br />

zu können. Im Schacht Ellers wurde aufgrund des<br />

51


52<br />

Kaiseroda 1914 nach Ausbruch des I. Weltkrieges<br />

„Die Sperrung des Bahnverkehrs zwang sofort zur Einstellung des Versandes,<br />

die Einberufung zahlreicher Beamten und Arbeiter zu Stillegung<br />

der Betriebe. Als gegen Ende August allmählich der Versand wieder aufgenommen<br />

werden konnte, haben wir zunächst die spärlich eingehenden<br />

Lieferungsaufträge aus unseren Lagerbeständen zur Erledigung gebracht.<br />

Vom September ab wurden dann zur Ergänzung der Rohsalzbestände<br />

periodisch Feierschichten eingelegt. In der Fabrik ruhte dagegen der Produktionsbetrieb<br />

bis Ende des Jahres.“<br />

Vgl. Geschäftsbericht 1914. Gewerkschaft Kaiseroda. In: ThStA Gotha. Amtsgericht Vacha,<br />

175. S. 46.<br />

1 Schacht II in Merkers mit Abteufgerüst 1918. Links der Vermessungssteiger<br />

Hermann Klein, rechts der Vermesser und<br />

Markscheider Egon Klute-Simon<br />

2 An einer Verladerampe für Fertigprodukte stehen 1923<br />

Eisenbahnwaggons in großer Zahl im Kaliwerk Hattorf<br />

3 Die Anlage zur Erzeugung von flüssiger Luft im Kaliwerk<br />

Wintershall in einer Aufnahme von Walter Blankenbach<br />

senior aus dem Jahr 1935<br />

4 Die chemische Fabrik Großherzog von Sachsen in<br />

Dorndorf mit der von Schacht I in Dietlas kommenden<br />

Seilbahn [um 1910]<br />

1<br />

Arbeitermangels das Teufen während der Kriegszeit<br />

genauso eingestellt 14 wie die Arbeiten an den geplanten<br />

Schächten Haidkopf, Hessenmühle und<br />

Schacht V. Still lagen auch die Schächte Kaiseroda<br />

III und Menzengraben III. Sie wurden, genauso wie<br />

der Schacht Ellers, erst in den Jahren nach dem I.<br />

Weltkrieg vollendet.<br />

Neben den Arbeitermangel trat die staatliche Einstufung<br />

als nicht kriegswichtiger Industriezweig.<br />

Die Bereitstellung von Eisenbahnwaggons wurde<br />

eingeschränkt, was sich im Werra-Fulda-Revier<br />

gleich doppelt verheerend auswirkte. Zum einen<br />

konnte weniger Kohle für den Antrieb der Dampfturbinen<br />

angeliefert werden, wodurch die Versorgung<br />

der Fabrikbetriebe mit Strom und Prozessdampf<br />

unsicher wurde. Strom fehlte auch unter<br />

Tage. Zum anderen wurden die Produkte nicht<br />

abtransportiert und die Lager füllten sich trotz<br />

geringerer Produktion.<br />

Da Kali als Grundstoff zur Sprengstoffherstellung für<br />

die Front diente und als Düngemittel die Nahrungsmittelproduktion<br />

in der Heimat mit sicherstellen<br />

sollte, wurde die Kaliindustrie 1915 als kriegswichtig<br />

anerkannt und erhielt wieder mehr Waggons zugewiesen.<br />

Doch von einer Normalisierung kann nicht<br />

gesprochen werden, denn noch 1917 sprachen Vertreter<br />

der Werrawerke wegen Kohlenmangels persönlich<br />

beim Reichskommissar vor. 15 Damals waren die<br />

meisten Kaliwerke bereits dazu übergegangen, anstelle<br />

von Steinkohle mit hohem Brennwert minderwertigere<br />

Braunkohle zu verwenden. Da auch<br />

hier die Belieferung nicht sichergestellt werden konnte,<br />

entwickelte das Kaliwerk Großherzog von Sachsen<br />

eine Methode zur kalten Zersetzung von Carnallit,<br />

mit der der Kohlenverbrauch bei der Herstellung<br />

des Kaliumchlorids nochmals gesenkt werden konnte.<br />

Von den anderen Werken wurde die Methode aus<br />

verfahrenstechnischen Gründen erst zu Beginn der<br />

1920er Jahre übernommen.<br />

Neben Kohle fehlte es an Sprengstoffen und Ersatzteilen.<br />

Durch die Verwendung von „flüssiger Luft“<br />

konnten Sprengsalpeter und andere Sprengmittel<br />

eingespart werden – allein 18.000 Kilogramm zwischen<br />

Juli und August 1918 im Werk Sachsen-Weimar.<br />

16 Ersatzteilmangel zwang dort dazu, eine Maschine<br />

so lange einzusetzen, bis es unmöglich war,<br />

sie zu reparieren.


Als während der Kriegsjahre allmählich wieder<br />

mehr Eisenbahnwaggons zugewiesen wurden, erleichterte<br />

dies die Lieferung der Produkte an die<br />

Kunden. Allerdings war die Kaliindustrie von den<br />

meisten Großkunden in den USA, in Frankreich, in<br />

England und in Russland abgeschnitten, die in der<br />

Regel die gewinnbringenden Fabrikate nachfragten.<br />

Die wenigen Exporte in das neutrale Ausland konnten<br />

diese Verluste bei weitem nicht aufwiegen. Im<br />

Inland wurden die Preise vom Reichstag festgelegt<br />

und deckten in der Regel die Produktionskosten.<br />

Wegen der weiterhin schwierigen Transportsituation<br />

empfahl das Kalisyndikat den deutschen Bauern<br />

nicht mehr die beliebte, aber wenig kalihaltige Rohsalz-Marke<br />

Kainit, sondern das kalireichere 40er<br />

Kalidüngesalz. Der Düngeerfolg mit dieser hochprozentigen<br />

Marke sprach für sich. Das bereitete die<br />

stark steigende Zahl der Bestellungen aus der Landwirtschaft<br />

in den nächsten Jahrzehnten vor. 17<br />

2<br />

1918–1939: Die Zwischenkriegszeit<br />

Neue Verhältnisse<br />

Mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges sahen sich<br />

die Kaliindustriellen sowohl außen- als auch innenpolitisch<br />

völlig neuen Verhältnissen gegenüber. Außenpolitisch<br />

sorgte die Abtretung Elsass-Lothringens<br />

dafür, dass siebzehn seit 1912 im Elsass geteufte Kaligruben<br />

sowie zwei Fabriken an Frankreich übergingen.<br />

Auch wenn der Verlust dieser 17 Schächte bei<br />

insgesamt etwa 260 quotierten Schächten quantitativ<br />

kaum zu Buche schlug, zerbrach das bis dahin<br />

rein deutsche Kalimonopol. Während das Deutsche<br />

Kalisyndikat die Auslandspreise auch weiter hochhalten<br />

wollte, um jeder Grube Gewinne zu ermöglichen,<br />

begann der französische Konkurrent mit<br />

günstigeren Preisen deutsche Absatzgebiete zu übernehmen.<br />

18<br />

In der jungen Weimarer Republik wurden innenpolitisch<br />

starke Stimmen laut, die die Verstaatlichung<br />

der Kaliindustrie forderten. Die Verstaatlichung<br />

scheiterte hauptsächlich daran, dass alle Staatsbetriebe<br />

Reparationsleistungen zu zahlen hatten, 19 vor<br />

denen man die nichtstaatliche Kaliindustrie bewahren<br />

wollte. Dieses Vorgehen hatte aber institutionelle<br />

Folgen: Offiziell leitete der Reichskalirat – inoffi-<br />

3<br />

4<br />

53


ziell weiter wie bisher die Kaliindustriellen – die Geschicke<br />

der Industrie. Die Kaliprüfungsstelle, die die<br />

Quoten zuwies, wurde jetzt eine staatliche Stelle.<br />

Unter den nun herrschenden demokratischen Verhältnissen<br />

wurden die Rechte der Arbeitnehmer gestärkt.<br />

Erstmals mussten sich die Kaliindustriellen<br />

bei Lohn- und Arbeitszeitfragen mit Vertretern ihrer<br />

Belegschaften auseinandersetzen, die über weitgehende<br />

und klar verbriefte Mitspracherechte verfügten.<br />

1<br />

Neue Produktionsweisen<br />

Am Ende des I. Weltkrieges war die Kaliindustrie an<br />

Werra, Ulster und Fliede hoch verschuldet. 20 Ihre finanzielle<br />

Lage verschlechterte sich in den ersten Monaten<br />

nach dem Krieg nochmals. Die dringend gebrauchten<br />

Eisenbahnwaggons wurden hauptsächlich<br />

zum Rücktransport der Truppen und für Nahrungsmitteltransporte<br />

eingesetzt.<br />

Wieder herrschte Kohlenmangel und die Auslieferung<br />

der Produkte stockte. Die vom Reichswirtschaftsminister<br />

festgelegten Kohlezuweisungen reichten für<br />

einen durchgängigen Betrieb kaum aus. Das war<br />

umso gravierender, da die Soldaten in ihre Heimatorte<br />

zurückströmten und laut Verordnung an ihren<br />

ehemaligen Arbeitsplätzen wieder beschäftigt wer-<br />

54<br />

A<br />

ARBEITERBEWEGUNG, GEWERKSCHAFT UND STREIKS<br />

Dagmar Mehnert<br />

Die Weimarer Republik ist geprägt durch eine arbeitnehmerfreundliche Politik: Der Achtstundentag für die Arbeiter<br />

verringerte die Arbeitszeit in den Fabriken um immerhin vier Stunden pro Tag, Kranken- und Unfallversicherungen<br />

sollten einem finanziellen Ruin vorbeugen, die ersten Betriebsräte bildeten ein – wenn<br />

auch anfangs geringes – Gegengewicht zu den politisch starken und organisierten Arbeitgebern und<br />

durch Tarifverträge fielen die – an der Werra von Werk zu Werk – unterschiedlichen Sätze der<br />

Löhne und Gehälter fort.<br />

Es gelang den Gewerkschaften immer mehr Mitspracherecht zu erlangen, immer mehr<br />

sozialverträgliche Regelungen einzufordern, die Arbeiter zu mobilisieren und<br />

zu politisieren: 1920 legten Arbeiter in ganz Deutschland die Arbeit nieder<br />

und vereitelten dadurch den Kapp-Putsch. 1923 fuhren Arbeiter<br />

ins besetzte Ruhrgebiet und holten von dort Kinder, um<br />

sie auf eigene Kosten zu versorgen. Die Arbeitslosenversicherung<br />

gesetzlich zu verankern gelang 1927 mit breiter<br />

Zustimmung der Arbeiterschaft. Die festen Verbandsstrukturen<br />

schufen Vertrauen, auch wenn in den Krisenjahren der<br />

Republik die Mitgliedszahlen stagnierten. Die Arbeitgeber<br />

konnten zwar die Sozialisierung sämtlicher Bergbaubetriebe abwenden<br />

und die Wiedereinführung der Vorkriegsarbeitszeit zum<br />

1.1.1924 erreichen, dennoch waren besonders im Kalibergbau die<br />

politischen Verhältnisse seit November 1918 geklärt: Die gewerkschaftlich<br />

organisierten Arbeiter standen – und stehen – der Sozialdemokratie<br />

am nächsten, die Unternehmer eher den bürgerlichen Parteien.


den mussten. Dies führte dazu, dass der Arbeitskräftemangel<br />

in einen Arbeitskräfteüberschuss umschlug,<br />

obwohl gleichzeitig die Arbeitszeit auch über<br />

Tage auf täglich acht Stunden verringert wurde. 21<br />

Ein geregelter Betrieb war aufgrund des Kohlenmangels<br />

nicht möglich. Um Feierschichten zu vermeiden,<br />

wurden die noch nicht endgültig quotierten<br />

Gruben Herfa-Neurode, Großherzog von Sachsen<br />

II/III und Kaiseroda II/III für die Befahrung<br />

und anschließende Quotenzuweisung vorgerichtet.<br />

Als sich die Kohlensituation auch zu Beginn des<br />

Jahres 1919 nicht besserte, sandten die Werke einen<br />

Teil ihrer Belegschaft zur Kohlengewinnung in das<br />

mitteldeutsche Braunkohlerevier. 22 Doch auch dies<br />

nutzte wenig: Die Kalifabriken lagen überwiegend<br />

still und wurden nur in dem Umfang, den die Kohlenlieferungen<br />

zuließen, betrieben. 23 Selbst das Werk<br />

Großherzog von Sachsen, das einen Teil der Feuerung<br />

auf Öl umgestellt hatte, konnte nicht arbeiten,<br />

weil ab Mitte des Jahres auch der Bezug von Öl ausgeschlossen<br />

war. 24 Einzig die Fabrik der Gewerkschaft<br />

Wintershall produzierte fast durchgängig, da<br />

dort die Befeuerungsanlagen komplett auf Braunkohlen<br />

umgestellt waren, die in einem eigenen Bergwerk<br />

in Glimmerode bei Hessisch-Lichtenau gewonnen<br />

wurden. Nur vom 30.6.–3.7. und vom 8.–10.7.<br />

2<br />

1 Eine zeitgenössische Darstellung zum Verlust des deutschen<br />

Weltmonopols auf Kali nach 1918<br />

2 Das Kaliwerk Wintershall [um 1920]<br />

Lohnstreik Hattorf – 1921<br />

„Wir teilen Ihnen ergebenst mit, daß unsere gesamte Belegschaft heute wegen des Wagengedinges in den Streik<br />

getreten ist. Die Belegschaft weigert sich, die Verrichtung von Notstandsarbeiten durchzuführen. Sie fordert ferner<br />

das Fernbleiben von Angestellten und droht, ein Betreten des Werkplatzes seitens der Angestellten zu verhindern.<br />

Zahl der Streikenden 856.“<br />

Schreiben des Kaliwerk Aschersleben, Schachtanlage Hattorf vom 1.3.1921. ThStA Weimar, AS Gotha. Bergrevier Schmalkalden, 56, S. 78.<br />

Streik im Werratal – 1923<br />

„Auf sämtlichen Kaliwerken im Werratal ruht zur Zeit die Arbeit vollständig. Am Donnerstag voriger Woche trat<br />

zunächst die Belegschaft der Schachtanlagen Heiligenroda II/III in Streik. Dieser griff sehr bald nach Kaiseroda<br />

und Großherzog von Sachsen sowie auch nach der Gewerkschaft Sachsen-Weimar und Hattorf über. Die Leute<br />

stellten verschiedentliche Forderungen auf einmalige Wirtschaftsbeihilfen, die sich zwischen 5 und 20 Millionen<br />

Mark bewegten. Ferner wurde auch hier und da die Forderung nach Beschaffung von Lebensmitteln und Kleidung<br />

gestellt. ... Die Belegschaft der Gewerkschaft Salzungen sowie diejenige der Werke Wintershall und Alexandershall<br />

haben zunächst noch weiter gearbeitet, wurden dann aber auch durch Streikende, die von den übrigen<br />

Werken in großer Anzahl an Ort und Stelle erschienen, durch Drohung gezwungen, ebenfalls die Arbeit niederzulegen,<br />

sodaß von heute morgen ab ... auf sämtlichen Werken der Betrieb ruht.“<br />

Schreiben der Untergruppe Eisenach des Arbeitgeberverbandes der Kaliindustrie an den Bergrevierbeamten in Saalfeld vom 14.8.1923.<br />

ThStA Rudolstadt. Thüringisches Bergamt Saalfeld, 131/1, S. 61-62.<br />

A Ein Gewerkschaftsbuch aus dem Jahr 1921<br />

55


1<br />

2<br />

3<br />

1-2 Motive von alten Kali-Werbepostkarten [um 1930]<br />

3 Verladeanlagen der Braunkohlenzeche Glimmerode<br />

mit Feld- und Seilbahn, [um 1920]<br />

4-6 Motive von alten Kali-Werbepostkarten [um 1930]<br />

7 Werbung der französischen Kaliindustrie<br />

[vor 1945]<br />

1919 standen auch hier die Räder still, weil ein Eisenbahnerstreik<br />

den Transport verhinderte. 25<br />

Auch wenn die Fabriken ruhten, gelang es den Werken<br />

mit Ausnahme von Heiligenroda und Neuhof<br />

im Jahr 1919 mehr zu verkaufen als 1918. Dies war<br />

nur möglich, weil jetzt wieder der Absatz der niedrigprozentigen<br />

Rohsalzmarke Kainit forciert wurde.<br />

Weil das einzige Unterscheidungskriterium der chloridreichen<br />

Kalimarken der K 2 O-Gehalt war, konnten<br />

andere Kalidüngemittel mit 20 , 30 oder 40 Prozent<br />

K 2 O-Anteil aus dem geförderten maximal 15 Prozent<br />

K 2 O-haltigen Rohsalz und dem im Jahre 1918<br />

auf Lager gelegten Produkt Chlorkalium (60 Prozent<br />

K 2 O) gemischt werden. Dieses Produkt wurde somit<br />

unter Wert verkauft. Selbst die großen Mengen an<br />

schwefelsauren <strong>Salze</strong>n, die die Gewerkschaften absetzen<br />

konnten, stammten aus Lagerbeständen. 26 Der<br />

Absatz reichte aus, um Gewinne zu erwirtschaften 27<br />

und damit einen Teil der Kriegsverluste auszugleichen.<br />

Dennoch hinterließen die ersten beiden Jahre<br />

nach Kriegsende sowohl bei den Kaliindustriellen<br />

als auch bei den Arbeitern ihre Spuren: Die Zeiten<br />

hoher Gewinne bei niedrigem wirtschaftlichen Risiko<br />

schienen beendet, die sicher geglaubten Arbeitsplätze<br />

waren nachfrageabhängig geworden. Der<br />

Überlebenskampf vieler Werke begann.<br />

56


4 5 6<br />

Neue Wege<br />

Alle Kaliindustriellen waren sich einig, dass eine<br />

deutsche Kaliindustrie mit etwa 240 Schächten, von<br />

denen viele nur aus Quotengründen betrieben wurden,<br />

der Preispolitik der Franzosen kaum etwas<br />

entgegensetzten konnte. Deshalb bestimmte der<br />

Reichstag in der so genannten<br />

„Stilllegungsnovelle“ 28 vom 28.10.1921, dass erstens<br />

unrentable Schächte bis zum Jahr 1953 stillgelegt<br />

werden konnten, dass zweitens die Quote für den<br />

gesamten Zeitraum zugewiesen wurde und dass<br />

drittens die Quote auf ein oder mehrere arbeitende<br />

Kaliwerke übertragen werden konnte.<br />

So einig sich die Kaliindustriellen in Bezug auf die<br />

Stilllegung waren, so unterschiedlich waren ihre Ansichten<br />

über die Art und Weise, mit der den Franzosen<br />

dauerhaft begegnet werden sollte. Der so genannte<br />

Kaliblock hielt an der Vorstellung von ständig steigender<br />

Nachfrage auf der ganzen Welt fest. Seine Vertreter<br />

gingen davon aus, dass die Franzosen nicht in<br />

der Lage seien, eine steigende Nachfrage zu bedienen.<br />

Deshalb investierte er in weltweite Werbung,<br />

um die Nachfrage weiter anzukurbeln, und favorisierte<br />

die Produktion in mittleren und kleineren<br />

Kaliwerken.<br />

Der andere Teil der Kaliindustrie und hier vornehmlich<br />

August Rosterg, der Generaldirektor des später<br />

aus der gleichnamigen Werra-Gewerkschaft hervorgegangenen<br />

Wintershall-Konzerns, entwickelte ein<br />

7<br />

57


1<br />

2<br />

1 Die 1907 bis 1911 abgeteufte Schachtanlage Heringen. In<br />

der 1923 stillgelegten Anlage wurde Ende der 1920er<br />

Jahre die Zentral- und Lehrwerkstatt der Wintershall-<br />

Werke im Werratal eingerichtet<br />

2 Nur ein Jahrzehnt nach Förderbeginn wurde die Doppelschachtanlage<br />

Herfa-Neurode 1923 stillgelegt und erst<br />

nach dem II. Weltkrieg wieder in Betrieb genommen<br />

3 Die beiden Schächte Heiligenroda II und III bei Springen<br />

waren untereinander und mit dem Schacht I durch Seilbahnen<br />

verbunden. Sie wurden in den Jahren 1911 bis<br />

1913 abgeteuft<br />

4 Über eine kilometerlange Seilbahn (nicht im Bild) erhielt<br />

die chemische Fabrik der Gewerkschaft Heiligenroda in<br />

Dorndorf ihr Rohsalz von ihren Schächten in Springen<br />

5 Das Kaliwerk Kaiseroda war das erste Unternehmen im<br />

Werratal, das 1895 mit dem Schachtbau begonnen hat.<br />

Sein Förderbeginn war im Jahr 1901. Kaiseroda I war das<br />

Mutterwerk von Merkers. Nach dessen Produktionsaufnahme<br />

Mitte der 1920er Jahre wurde das Kaliwerk<br />

Kaiseroda I zwar weiter betrieben, seine Bedeutung sank<br />

aber beträchtlich<br />

Alle Aufnahmen [um 1920]<br />

58


3<br />

4<br />

5<br />

59


für die Kaliindustrie völlig neues Konzept: Über eine<br />

günstigere Produktion sollten die Kalipreise gesenkt<br />

werden, um mit den Franzosen auf allen Märkten<br />

konkurrieren zu können. Dazu brauchte er große,<br />

leistungsfähige Bergwerke und Fabriken.<br />

1 Das Stammwerk des Burbach-Konzerns in Beendorf im<br />

oberen Allertal<br />

2 Der Petersen-Schacht in Sondershausen mit seinem aufwändigen<br />

Fördergerüst. Er ist einer der Schächte der<br />

Gewerkschaft Glückauf-Sondershausen im Südharz, die<br />

sich bis Mitte der 1920er Jahre zu einem bedeutenden<br />

Kalikonzern entwickelt hatte<br />

3 Genauso unvollendet wie die Schächte Buttlar und Großherzogin<br />

Sophie bei Stadtlengsfeld blieben die beiden,<br />

hier während der Teufarbeiten [um 1912] aufgenommenen<br />

Schächte Heiligenmühle und Mariengart bei Oechsen<br />

1<br />

2<br />

Die Kaliindustrie A.G.<br />

Die Kaliwerke an Werra, Ulster und Fliede gehörten<br />

zu den jüngeren und kleineren deutschen Kaliwerken.<br />

Um mehr Einfluss im Kalisyndikat zu erlangen,<br />

hatten einige bereits vor dem Ersten Weltkrieg<br />

Anteile an anderen Werken übernommen oder sich<br />

mit ihnen zusammengeschlossen.<br />

Von 1.000 Kuxen des Kaliwerks Neuhof waren 999<br />

auf das sächsische Eisensteinbergwerk Rothenberg<br />

ausgestellt. 29 Rothenberg war eine Mantel-Gewerkschaft,<br />

die völlig von der Kaligewerkschaft Hedwigsburg<br />

kontrolliert wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg<br />

wurden die Schächte Neuhof und Ellers (ebenso<br />

Neindorf, Revier Hannover) auch offiziell Hedwigsburg<br />

zugeordnet, das kurze Zeit später zuerst im<br />

Burbach-Konzern und dann in der Gewerkschaft<br />

Glückauf-Sondershausen (Revier Südharz) aufging.<br />

Glückauf-Sondershausen hatte 1918 bereits die Aktienmehrheit<br />

von Großherzog von Sachsen in Dietlas<br />

erworben; beide fusionierten 1920.<br />

Das Kaliwerk Hattorf in Philippsthal besaß nicht nur<br />

Kuxe seiner Tochtergewerkschaften Heimboldshausen<br />

und Ransbach, sondern schloss sich 1919 mit der<br />

bereits aus mehreren Werken bestehenden Kaliwerke<br />

Aschersleben AG zusammen.<br />

Die Gewerkschaft Alexandershall bei Berka war 1919<br />

über die Kuxmehrheit an den Gewerkschaften Sachsen-Weimar<br />

bei Unterbreizbach, Kaiseroda bei Hämbach<br />

und Merkers, sowie Heiligenroda in Springen<br />

und Dorndorf beteiligt und am weitesten von allen<br />

Werra-Werken bei der Konzernbildung vorangekommen.<br />

3<br />

60


Dies sollte sich ab Dezember 1919 ändern: Um das<br />

von August Rosterg entwickelte Konzept durchzusetzen,<br />

begann die Gewerkschaft Wintershall, so viele<br />

Kaligruppen, Schächte und Werke wie möglich<br />

aufzukaufen; zum einen, um produktiv arbeiten zu<br />

können, zum anderen, um die Quotenmehrheit und<br />

damit das Sagen im Kalisyndikat zu erlangen. Die<br />

Firma Wintershall, der bereits die Gewerkschaften<br />

Herfa, Neurode und Heringen angehörten, übernahm<br />

1920 die vier nicht fertig geteuften Schächte Mariengart,<br />

Großherzogin Sophie, Buttlar und Heiligenmühle,<br />

den Alexandershall-Konzern (Alexandershall,<br />

Heiligenroda, Kaiseroda und Sachsen-Weimar),1922<br />

den Konzern Glückauf-Sondershausen (Neuhof, Ellers<br />

und Großherzog von Sachsen). Im Werra-Fulda-<br />

Revier verblieben dem Kaliblock nur die Werke Hattorf,<br />

Heimboldshausen und Ransbach. Damit kontrollierte<br />

Wintershall den Kalibergbau im Werra-Fulda-Revier<br />

und konnte beginnen, seine Pläne umzusetzen.<br />

Als seine Dachgesellschaft („Holding“) formte<br />

Wintershall die Kaliindustrie A.G., deren Aktienmehrheit<br />

die Gewerkschaft Wintershall hielt. 30<br />

Stilllegung versus Kapazitätsausbau<br />

Die Kaliindustrie A.G. ging nach der Verabschiedung<br />

der Stilllegungsnovelle sofort daran, unrentable<br />

Schächte stillzulegen. Zwar zog sich das Verfahren<br />

über Jahre hin, 31 dennoch wurde reger Gebrauch gemacht<br />

von der endgültigen Stilllegung bis zum Jahr<br />

1953 mit dem Ausbau der Untertage-Anlagen und<br />

dem Verschluss des Schachtes. Auch die Möglichkeit,<br />

Schächte vorübergehend als so genanntes Reservewerk<br />

bei Instandhaltung der Grube für die sofortige<br />

Wiederinbetriebnahme bei entsprechender Nachfrage<br />

zeitweise stillzulegen, wurde eifrig genutzt.<br />

Nach Abschluss der Stilllegungen wurden im Werra-Fulda-Revier<br />

von den ehemals 29 Schächten nur<br />

noch zehn weiter betrieben: Auf Seiten der Kaliindustrie<br />

A.G. waren dies die Schächte Grimberg<br />

(Wintershall), Heiligenroda I und II,Kaiseroda II/III,<br />

Sachsen-Weimar, Großherzog von Sachsen I und II<br />

und Alexandershall I; auf Seiten des Kaliblocks nur<br />

der Schacht Hattorf.<br />

Alle diese Schächte konnten relativ große Mengen<br />

fördern und lieferten in eine eigene Fabrik (Heiligenroda<br />

I und II in die Fabrik Dorndorf, Großher-<br />

4<br />

5<br />

4-5 Die Kalischächte und Fabriken an Werra und Fulda vor 1918 und nach 1926<br />

61


Endlaugenproblematik 1923<br />

„Die den Kaliwerken im Werragebiet durch die zuständigen Stellen<br />

in Preußen und in den ehemaligen Bundesstaaten Sachsen-<br />

Weimar und Sachsen-Meiningen erteilten Genehmigungen enthalten<br />

über die Abwässer-Ableitungen so voneinander abweichende,<br />

nach verschiedenen Grundsätzen aufgestellte Bedingungen,<br />

die zum Teil auf unrichtigen Voraussetzungen bezüglich der<br />

zur Verarbeitung kommenden <strong>Salze</strong> beruhen, daß ein geregeltes<br />

Arbeiten zum Teil erschwert, zum Teil unmöglich ist, sofern die<br />

Bedingungen innegehalten werden sollen. ... Um diesen<br />

Uebelstand zu beseitigen, haben wir uns gemeinsam mit allen<br />

anderen Kaliwerken im Werragebiet entschlossen, den Antrag zu<br />

stellen, uns statt der bisherigen Bedingungen uns solche aufzuerlegen<br />

(!), die den tatsächlichen Verhältnissen der Werke angepaßt<br />

sind und für alle Werke auf gleicher Grundlage beruhen.<br />

Die Kaliwerke an der Werra haben sich dahin geeinigt, daß unter<br />

Zugrundelegung der jeweils für zulässig erachteten Höchstversalzung<br />

des Weserwassers bei Bremen ... eine Verteilung von<br />

Chlor und Härte auf die einzelnen Werke nach Maßgabe, deren<br />

Beteiligungsziffer am Kaliabsatz erfolgen soll und für die einzelnen<br />

Werke selbst von der zuständigen Kaliabwässer-Kommission<br />

errechneten Zahlen, die wir als richtig anerkennen.“<br />

Schreiben der Gewerkschaft Sachsen-Weimar an das Thüringische Bezirksverwaltungsgericht<br />

vom 1.9.1923. AP Suhl. Sachsen-Weimar, 1 e 15.<br />

Wohnungsbau Hattorf, 1925<br />

„Philippsthal. Neue Arbeitersiedlung. Auf dem Gelände südlich<br />

des Zollhauses beginnt jetzt eine rege Bautätigkeit. Die Kaliwerke<br />

Aschersleben, welche den Baugrund von einem hier veräußerten<br />

Anwesen erwarben, lassen dort 72 Wohnungen entstehen, die<br />

für Arbeiter des Werkes Hattorf bestimmt sind. Durch diese Siedlung<br />

wird unser Dorf einen ganz bedeutenden Bevölkerungszuwachs<br />

erhalten und sich noch weit mehr als bisher zu einem ausgesprochenen<br />

Industrieort umwandeln. Die Herstellung der Häuser<br />

ist an drei Unternehmer vergeben, die mit den Vorarbeiten<br />

bereits begonnen haben.“<br />

Hersfelder Zeitung, vom 3.6.1925.<br />

„Philippsthal. ... Die von den Kaliwerken Aschersleben, Schachtanlage<br />

Hattorf errichtete Siedlung geht ihrer Fertigstellung entgegen.<br />

Einige Wohnungen konnten bereits bezogen werden und es<br />

scheint, dass die hier herrschende Wohnungsnot infolgedessen<br />

wesentlich herabgemindert wird. In Kürze wird noch eine größere<br />

Anzahl auswärtiger Familien in diese Wohnungen ziehen.<br />

– Da sich die Räumlichkeiten der hiesigen Schulen bereits jetzt<br />

als unzulänglich erwiesen haben, wird dadurch das Problem des<br />

Schulneubaus akut und die maßgebenden Stellen werden sich in<br />

Kürze über diese Frage schlüssig werden müssen.“<br />

Hersfelder Zeitung vom 16.11.1925.<br />

62<br />

zog von Sachsen zuerst in die 1922 in Betrieb gegangene<br />

Fabrik in Menzengraben, ab 1924 in die Fabrik<br />

Heiligenroda). Dank der Quotenübertragung<br />

sowie einer allgemeinen Modernisierung und Rationalisierung<br />

des Bergbaubetriebes stiegen die Förderzahlen<br />

jährlich an: So förderte zum Beispiel Sachsen-Weimar<br />

1921 insgesamt 61.320 Tonnen. 1928<br />

waren es schon 263.334 Tonnen, also mehr als das<br />

Vierfache. Hattorf steigerte seine Produktion um<br />

mehr als das Dreifache von 188.504 Tonnen auf<br />

657.715 Tonnen. Wintershall konnte seine Förderung<br />

von 1921 (277.554 Tonnen) bis 1928 (635.087 Tonnen)<br />

mehr als verdoppeln. 32 Um diese Mengen zu<br />

den gewünschten Produkten zu verarbeiten, wurden<br />

die Fabriken modernisiert und erweitert. Nicht immer<br />

zur Freude der umliegenden Gemeinden war<br />

das verbunden mit steigenden Flächenansprüchen,<br />

erhöhtem Wasserbedarf und größeren Abwassermengen.<br />

Nachfragesituationen<br />

Schon damals war die Kaliindustrie exportorientiert;<br />

zwischen 1920 und 1939 gingen die meisten Exporte<br />

in die USA. Das führte nicht nur dazu, dass der<br />

Kampf zwischen der französischen und der deutschen<br />

Kaliindustrie hauptsächlich auf dem US-<br />

Markt ausgefochten wurde, sondern erzeugte auch<br />

eine direkte Abhängigkeit von US-Aufträgen.<br />

Zwischen 1920 und 1923 orderten die USA mehr<br />

und mehr deutsches Kali, das mit dem zunehmenden<br />

Verfall der deutschen Währung im Export immer<br />

günstiger wurde. Das bedeutete für das Werra-<br />

Fulda-Revier besonders 1922/1923 rauchende Schlote,<br />

ausgelastete Werke und den Verdienst von harten<br />

US-Dollar. Das hieß aber auch: Liquiditätsprobleme<br />

infolge der Inflation, Warten auf Ersatzteile aus dem<br />

besetzten Ruhrgebiet, Einstellung von Studenten, arbeitslosen<br />

Schauspielern und Lehrern zur Kapazitätserweiterung<br />

und immenser Wohnraummangel<br />

in der Region.<br />

Als 1924 die Nachfrage aus Übersee stagnierte, ruhten<br />

einige Kaliwerke wochenlang, starke Gewinneinbußen<br />

und Entlassungen von Arbeitskräften waren<br />

die Folge. Dennoch konnten viele Kaliarbeiter sich<br />

und ihre Familien mehr schlecht als recht über Wasser<br />

halten, besaßen sie doch häufig Bauernhöfe oder<br />

bewirtschafteten große Nutzgärten. Ein Teil der entlassenen<br />

oder vorübergehend freigesetzten Arbeiter<br />

fand Beschäftigung in Merkers, wo die sich gerade<br />

im Bau befindliche Kalifabrik schnellstmöglichst<br />

vollendet werden sollte.


Kaiseroda II/III, Fabrik Merkers<br />

Die zwischen 1911 und 1920 geteuften Schächte Kaiseroda<br />

II und III erschlossen die besten Kalisalzvorräte<br />

im Werratal. Da es an der Doppelschachtanlage<br />

weder eine Fabrik noch geeignete Transportmöglichkeiten<br />

zur mehrere Kilometer entfernten Fabrik<br />

Kaiseroda I gab, wurde das Rohsalz vorerst nur vermahlen<br />

und gelangte direkt in den Versand. Das<br />

Rohsalz wurde ab 1923 in der Fabrik Heiligenroda 33<br />

verarbeitet, die aber für die ständig steigenden Produktionsmengen<br />

nicht ausgestattet war.<br />

Ihrem Betriebskonzept folgend entschloss sich die<br />

Kaliindustrie A.G. deshalb, eine völlig neue „Fabrik<br />

Merkers“ für eine tägliche Verarbeitung von 6.000<br />

Tonnen Rohsalz zu erbauen. Damit war die Fabrik<br />

dreimal so leistungsfähig wie alle anderen deutschen<br />

Kalifabriken und sollte auch dem immer größer<br />

werdenden Bedarf an chemischen Spezial-<br />

Produkten nachkommen.<br />

Die Fabrik wurde – trotz Inflation – zwischen 1922<br />

und Mai 1925 zügig gebaut. Sie ging am 15. Mai 1925<br />

mit einer Verarbeitungskapazität von 2.500 Tonnen<br />

pro Tag in Betrieb; die gewünschten 6.000 Tonnen<br />

Tagesproduktion wurden 1928 erreicht. 34<br />

Damit verfügte der Wintershall-Konzern nicht nur<br />

über die leistungsfähigste Kalifabrik der Welt, sondern<br />

auch über die teuerste Neuinvestition der Kaliindustrie.<br />

Sie war ein Prestigeobjekt, das funktionieren<br />

musste – besonders vor dem Hintergrund,<br />

dass der Kaliblock die Fabrik argwöhnisch beobachtete.<br />

1 Luftaufnahme der chemischen Fabrik Heiligenroda in<br />

Dorndorf [um 1928]<br />

2 Werksansicht Kaliwerk Merkers mit den Fördergerüsten<br />

der beiden Schächte und der Fabrik [um 1925]<br />

1<br />

2<br />

63


1<br />

64<br />

Theorie versus Praxis<br />

Mit Ausnahme des Jahres 1924 stieg die Nachfrage<br />

zwischen 1921 und 1925 kontinuierlich an. Das führte<br />

nicht nur zu rauchenden Schloten und hohen Gewinnen,<br />

sondern auch zur Vollbeschäftigung. Als<br />

aufgrund einer weltweiten Agrarkrise 1926 die Nachfrage<br />

stagnierte, drosselte die Kaliindustrie A.G. im<br />

Werra-Revier mit Ausnahme von Merkers, das uneingeschränkt<br />

weiterbetrieben wurde, die Produktion<br />

und ordnete Feierschichten an. Als sich die wirtschaftliche<br />

Lage nicht besserte wurden weitere<br />

Schächte und Fabriken stillgelegt. Davon betroffen<br />

war das Werk Sachsen-Weimar, weil die Fabrik<br />

noch nicht ausgebaut war und im engen Ulstertal<br />

erst nach der Ulsterkanalisierung Ende 1925 genügend<br />

Platz für eine Fabrikerweiterung geschaffen<br />

wurde.<br />

Als zweites stellte Großherzog von Sachsen II/III den<br />

Betrieb ein, weil die hier geförderten <strong>Salze</strong> seit 1922<br />

in die Fabrik Heiligenroda in Dorndorf geliefert wurden<br />

und Transportkosten gespart werden sollten.<br />

Da der Fabrik nun zu wenig Rohsalz geliefert wurde,<br />

mussten auch die Schächte und die Fabrik Heiligenroda<br />

ihren Betrieb einstellen. Nur so gelang es, die<br />

Fabriken Merkers, Wintershall und Alexandershall<br />

und ihre Schachtanlagen weiterhin auszulasten.<br />

Dieses Vorgehen bedeutete für die Kaliindustrie A.G.<br />

einen immensen Investitionsverlust, da Schächte<br />

und Fabriken den Betrieb einstellten, in die bereits<br />

große Summen investiert worden waren. Um noch<br />

weitere Verluste zu vermeiden, änderte die Kaliindustrie<br />

A.G. ihr Vorgehen: Anstatt alle zugelassenen<br />

und gängigen Kalidüngermarken auf einem Werk<br />

zu produzieren, ging sie dazu über, nur die Marken<br />

auf den Werken herzustellen, die am günstigsten aus<br />

dem jeweils vorhandenen Rohsalz gewonnen werden<br />

konnten. Auf dem Werk Sachsen-Weimar wurde lediglich<br />

eine neue, leistungsfähigere Mühle installiert,<br />

da es über sehr hochprozentiges Rohsalz verfügte<br />

und die Marke Kainit, an guten Tagen auch<br />

das 20er Kalidüngesalz, aus der Grube vermahlen<br />

und direkt abgesetzt werden konnte. Großherzog von<br />

Sachsen förderte vorwiegend Carnallit, die Fabriken<br />

Merkers und Wintershall stellten hauptsächlich 40er<br />

Kalidüngesalz her und Heiligenroda produzierte<br />

schwefelsaure <strong>Salze</strong>. Chlorkalium wurde nur noch in<br />

sehr geringen Mengen als Ausgangsstoff zur Herstellung<br />

von schwefelsauren <strong>Salze</strong>n versandt; selbst<br />

auf dem Kaliblock-Werrawerk Hattorf ist neben der<br />

Steigerung der Förder- und Produktionskapazität


2<br />

Betriebseinschränkung im Werk<br />

Großherzog von Sachsen<br />

„Am heutigen Tag fand der ... Termin zur örtlichen<br />

Besprechung über die Betriebseinschränkung unserer<br />

Anlagen statt. ... Von der Werksleitung wurde<br />

ausgeführt, daß die wirtschaftliche Lage ein weiteres<br />

Durchhalten des Betriebes, sowohl auf SchachtI<br />

als auch auf Schacht II/III und auf den beiden Fabriken<br />

nicht mehr möglich sei. Schon seit mehreren<br />

Monaten arbeitet der Betrieb mit Verlusten von<br />

etwa Mark 75.000,- monatlich. Die katastrophale<br />

Lage gehe auch daraus hervor, daß nicht nur das<br />

Werk Großherzog von Sachsen, sondern auch viele<br />

andere Werke der Kaliindustrie in den verschiedensten<br />

Gegenden Deutschlands zur Zeit aus Mangel<br />

an Geld und aus Mangel an Absatz ihre Betriebe<br />

schließen müßten, zumal so erhebliche Lagerbestände<br />

vorrätig seien, daß ein Jahresbedarf damit<br />

gedeckt werden könne.<br />

Schreiben der Kali-Industrie A.G. vom 19.5.1924. Thüringisches<br />

Staatsarchiv Rudolstadt. Thüringisches Bergamt Saalfeld, 363,<br />

S. 65-68.<br />

1 Das Kaliwerk Sachsen Weimar in Unterbreizbach mit seinem<br />

Doppelbock-Fördergerüst[um 1920]<br />

2 Werbe-Postkarte für Hederich-Kainit zur Unkrautbekämpfung<br />

die Anpassung der Produktion an das vorgefundene<br />

Salz zu beobachten. Damit lösten sich nicht nur<br />

die Unterschiede zwischen Kaliblock und Kaliindustrie<br />

A.G. wie Salz in heißer Lauge auf, sondern<br />

beide Parteien zogen am gleichen Strang: Schwefelsaures<br />

Kali wurde 1928 hauptsächlich von den Werken<br />

Wintershall, Alexandershall, Heiligenroda und<br />

Hattorf geliefert. Insgesamt 63,52 Prozent des Weltjahresabsatzes<br />

dieser Marke stammten damals aus<br />

den genannten vier Werken.<br />

Dass die Werrawerke die Produktion von schwefelsauren<br />

Produkten in den Mittelpunkt stellten, wundert<br />

nicht, denn der einzigen konkurrierenden ausländischen<br />

Kalilagerstätte im Elsass fehlte das Salzmineral<br />

Kieserit, das zur Produktion von schwefelsauren<br />

<strong>Salze</strong>n notwendig ist. Deshalb existierte das<br />

deutsche Monopol für die schwefelsauren Produkte<br />

faktisch weiter. Hätte man sich früher auf diese Pro-<br />

duktion konzentriert, wäre manche Stilllegung an<br />

Werra und Fulda vielleicht zu umgehen gewesen. Besonders<br />

hart von der Betriebsschließung betroffen<br />

war die Belegschaft der Schächte Neuhof und Ellers,<br />

weil die nächsten Arbeitsplätze in einem Kaliwerk<br />

über 60 Kilometer entfernt lagen und es vor Ort an<br />

anderen Arbeitsmöglichkeiten mangelte. Die Anpassungen<br />

an herrschende Marktverhältnisse waren<br />

aber unumgänglich, weil die französische Konkurrenz<br />

zum einen im Bereich der chloridreichen Kalimarken<br />

zu Gewinneinbußen führte. Zum anderen<br />

aber auch, weil die Quotenregelung nur dem Werk<br />

große Liefermengen erlaubte, das die größte Produktvielfalt<br />

herstellen konnte. Mit der Möglichkeit<br />

der Quotenübertragung wurde dieses starre System<br />

offiziell beibehalten, in der Praxis jedoch ausgehebelt:<br />

Jetzt durfte etwa Merkers die Quote für 40er Kali von<br />

Neuhof, Heiligenroda, Sachsen-Weimar und anderen<br />

Werken verarbeiten und so günstig produzieren, dass<br />

die Preise der chloridreichen Marken herabgesetzt<br />

werden konnten. 1926 schlossen sich deutsche und<br />

französische Kaliwerke in einem gemeinsamen Syndikat<br />

zusammen: Die elsässischen Werke sollten ein<br />

Drittel, die deutschen Werke zwei Drittel des Gesamtjahresabsatzes<br />

dieser Marken herstellen.<br />

65


A<br />

Bergmannsvereine<br />

B<br />

Vereinsname Ort Werk gegründet Nachweis<br />

Knappenverein Dankmars- Alexanders- 1928<br />

hausen hall<br />

Knappenverein Kieselbach K II/III 1935<br />

(Merkers)<br />

Knappenverein Dietlas Großherzog 1935<br />

v. Sachsen<br />

Knappenverein Tiefenort vorw. 1902<br />

Kaiseroda I<br />

Knappenverein Leimbach Bernhardshall/ 1903<br />

Heldburg<br />

Knappenverein Berka Alexanders- 01.05.1904<br />

„Wilhelm Ernst“<br />

hall<br />

Bergmannsverein Heringen Wintershall 18.12.1904<br />

„Glückauf“<br />

Knappenverein Frauensee/ vorw. 13.08.1905<br />

Dönges Heiligenroda<br />

Bergmannsverein Neuhof Neuhof-Ellers 10.08.1907<br />

„Glückauf“<br />

Knappenverein Unterbreiz- Sachsen- 29.10.1910<br />

„Sachsen Weimar“ bach Weimar<br />

„Verein Glückauf“ Merkers Kaiseroda 08.10.1933<br />

66


C<br />

BERGMANNSVEREINE - DIE TRÄGER BERGMÄNNISCHER KULTUR<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

Die Bergmannsvereine Wintershall, Dankmarshausen und<br />

Alexandershall haben sich mit ihren Fahnen zum<br />

Gruppenfoto aufgestellt<br />

Der Bergmann Adam Möllbrich war eines der<br />

Gründungmitglieder des Bergmannsvereins „Glückauf“<br />

Wintershall<br />

Der Bergmannsverein „Glückauf“ Wintershall aus Heringen<br />

1913 mit seinem Vorsitzenden Adam Möllbrich<br />

Die Fahne des Bergmannsvereins Kieselbach auf einer zur<br />

Fahnenweihe [um 1907] aufgelegten Postkarte<br />

Die Arbeit im Bergwerk ist etwas Besonderes: Sie<br />

ist hart, findet unter Tage statt und ist ausgesprochen<br />

wichtig. Denn seit jeher gewinnen die Bergleute<br />

Rohstoffe, ohne die viele Produkte nicht hergestellt<br />

werden könnten. Aus Stolz auf den eigenen<br />

Berufsstand hat sich im Verlauf vieler Jahrhunderte<br />

im Bergbau überall eine reiche Tradition und<br />

Kultur entwickelt.<br />

Bevor der Kalibergbau begann, waren die Orte im<br />

Werratal und Neuhof Bauerndörfer, in denen die<br />

bergmännische Kultur unbekannt war. Schon die<br />

ersten aus anderen Bergbauregionen stammenden<br />

Bergleute, die maßgeblich am Aufbau des Werra-<br />

Fulda-Reviers mitgewirkt haben, brachten ihre berufsständischen<br />

Traditionen mit. Wohl von ihnen<br />

angeregt sind schon vor 1910 eine ganze Reihe von<br />

Bergmannsvereinen entstanden. Ihre Gründung ist<br />

Ausdruck dafür, dass der Stolz auf den Bergmannsberuf<br />

im neuen Revier schnell Fuß gefasst hat. Bis<br />

zur NS-Zeit waren die Bergmannsvereine weit verbreitet<br />

und pflegten untereinander bei Festen, Bergparaden<br />

und anderen Gelegenheiten rege Kontakte.<br />

Die in den 1930er Jahren erfolgte Gleichschaltung<br />

und Auflösung als eigenständige Vereine hat<br />

vielerorts diese Entwicklung unterbrochen. Nur in<br />

Neuhof existierte der Verein in bescheidenem Umfang<br />

weiter, obwohl das Werk stillgelegt und als<br />

Munitionsanstalt genutzt wurde. Nach dem II. Weltkrieg<br />

brachten die Neuhofer Bergleute im Zuge der<br />

Wiederinbetriebnahme des Kaliwerks ihren Verein<br />

schnell zu neuer Blüte und konnten 1957 mit einem<br />

großen Fest ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum feiern.<br />

Heute ist der sehr aktive Bergmannsverein Neuhof<br />

der größte hessische Bergmannsverein. Im hessischen<br />

Werratal hat es bis 1994 gedauert, bevor<br />

der Bergmannsverein Glückauf Wintershall, der<br />

von 1904 bis 1935 bestanden hat, wieder ins Leben<br />

gerufen wurde. Auf thüringischer Seite gab es<br />

ehemals die meisten Vereine. Aber zu DDR-Zeiten<br />

war ein Anknüpfen an alte Traditionen nicht möglich<br />

und auch nach der Wiedervereinigung hat sich<br />

bislang nur der Bergmannsverein Unterbreizbach<br />

wieder gegründet und pflegt die bergmännische<br />

Kultur sehr rege.<br />

D<br />

4<br />

67


KRISTALLISIERKÄSTEN UND KÜHLANLAGEN<br />

Dagmar Mehnert<br />

Beim Heißlöseverfahren geht das Kaliumchlorid in einer heißen Löselauge<br />

in Lösung. Kühlt sich die Lauge ab, kristallisiert das Kaliumchlorid aus.<br />

Anfangs ließ man die Lösung unter dem Einfluss der Außentemperatur in<br />

großen Kristallisierkästen langsam abkühlen. Diese waren in eigens dafür<br />

erbauten Hallen aufgestellt, die zwar ein Dach, aber keine Seitenwände<br />

besaßen. Dabei ging viel Wärme ungenutzt verloren und eine gleichbleibende<br />

Produktion war unmöglich, da je nach Außentemperatur die Abkühlung<br />

unterschiedlich lange dauerte.<br />

Mit der vom Wintershall-Konzern entwickelten Vakuumkühlanlage wurde<br />

diese Energieverschwendung Anfang der 1920er Jahre beendet: Nun wurde<br />

die heiße Lösung in große Kühlerapparate gefüllt, in denen sie unter<br />

Vakuum abkühlte. Die dabei freiwerdende Wärme wurde zurückgewonnen<br />

und wärmte die Löselauge für die Heißverlösung vor.<br />

A<br />

A<br />

B<br />

Kühlraum mit Kühlkästen<br />

Vakuum-Kühlanlage<br />

B<br />

1<br />

Standortsicherung<br />

Der Ausbau der Förder- und Verarbeitungsleistung<br />

war nur mit weitgehender Technisierung der Abläufe<br />

möglich, die zwischen 1920 und 1939 in allen Bereichen<br />

über und unter Tage vorgenommen wurden.<br />

In den Fabriken gelang es bereits ab 1922, durch den<br />

Bau von Vakuumkühlanlagen die beim Heißlöseverfahren<br />

entstehenden heißen Salzlösungen sehr viel<br />

schneller und präziser abzukühlen und die bei der<br />

Abkühlung abgegebene Wärme wieder zu verwenden.<br />

Damit wurden nicht nur Brennstoffe eingespart,<br />

sondern gleichzeitig wurde auch Qualitätssicherung<br />

betrieben.<br />

Im Bereich der Schachtförderung begann gegen Ende<br />

der 1920er Jahre die Umstellung von der Gestell- auf<br />

die Gefäßförderung. Die erste Gefäßförderung wurde<br />

bereits 1913/1914 im Schacht Heimboldshausen<br />

installiert. Da die Be- und Entladung sehr anfällig<br />

war und der Personentransport mittels unterhängendem<br />

Korb erst erprobt werden musste, wurde sie<br />

erst nach Detailverbesserungen ab 1924 im Schacht<br />

Hattorf, im Jahre 1929 im Schacht Grimberg (Wintershall)<br />

und nach und nach auf allen anderen Werken<br />

eingeführt. 36<br />

Der Abbau unter Tage war schwere körperliche Arbeit:<br />

angefangen vom Bohren der Sprenglöcher per<br />

Hand, über das Beladen der Förderwagen mit Schippe<br />

und Schaufel bis hin zum Schieben der gefüllten<br />

Förderwagen. Bereits um 1900 wurden die Handbohrmaschinen<br />

von Maschinen mit elektrischem<br />

Antrieb verdrängt. Nach und nach wurden die elektrischen<br />

Bohrmaschinen bei in etwa gleich bleibendem<br />

Gewicht mit immer stärkeren Motoren ausgestattet.<br />

Das mechanisierte Befüllen der Förderwagen<br />

ermöglichte erst ab Ende der 1920er Jahre der Einsatz<br />

von Schrappern. Diese mechanische Fördereinrichtung<br />

brachte das Rohsalz vom Abbauort durch<br />

die bis über 200 Meter langen Abbaustrecken zu den<br />

Förderstrecken und füllte dort die bereitstehenden<br />

Förderwagen.<br />

Zur wachsenden Leistungsfähigkeit trug auch die Lösung<br />

des Abwasserproblems bei. Seit 1929 war es<br />

auch großtechnisch möglich, einen erheblichen Teil<br />

68<br />

1 Bohrturm zur Errichtung eines Schluckbrunnens für das<br />

Kaliwerk Hattorf im Ulstertal im Jahr 1928


des in den Kalifabriken anfallenden salzigen Abwassers<br />

in den Plattendolomit – die wasserführende<br />

Schicht über den Kaliflözen, die das Teufen extrem<br />

verteuert hatte – zu versenken. Die Versenkung eröffnete<br />

den Werken endlich einen zweiten Entsorgungsweg<br />

neben dem Einleiten ihres Abwassers in<br />

die Flüsse. Nunmehr konnten die von Seiten des<br />

Staates zum Schutz der Flussanrainer vorgegebenen<br />

Grenzwerte auch bei steigenden Produktionsmengen<br />

eingehalten werden. Damit gehörten auch die langwierigen<br />

Verhandlungen über Versalzungsquoten,<br />

die Anpassung der Produktion an die Wassermengen<br />

der Werra und das Aufstellen von teuren Abwassersammelbehältern<br />

weitgehend der Vergangenheit an.<br />

Die Modernisierung und verbesserte Technik über<br />

und unter Tage hatten für die Belegschaften Folgen:<br />

Da die Leistungsfähigkeit gestiegen war, konnte Personal<br />

abgebaut werden. Zu einer großen Entlassungswelle<br />

kam es nur deshalb nicht, weil durch den Ausbau<br />

der Nebenproduktpalette wieder Arbeitsplätze<br />

geschaffen wurden.<br />

Chemische Produkte<br />

und Mischdünger<br />

Aus dem Kalirohsalz lassen sich nicht nur Kalidüngemittel,<br />

sondern auch eine Vielzahl von chemischen<br />

Produkten herstellen. Anders als die Kalidüngemittel<br />

wurde der Absatz dieser Nebenprodukte<br />

nicht vom Kalisyndikat überwacht, so dass sich die<br />

Kaliwerke in diesen Märkten als Konkurrenten gegenüberstanden.<br />

1921 gründete die Kaliindustrie<br />

A.G. die „Salzgewinnungs- und Vertriebsgesellschaft<br />

des Wintershall-Konzerns“, kurz: SAWIKO, die zwar<br />

für alle Belange des Vertriebs zuständig war, sich in<br />

die Produktion jedoch nicht einmischte.<br />

Die Zusammensetzung des Werratal-Rohsalzes ermöglicht<br />

es, mehrere der auf Kalium basierenden<br />

Produkte zu erzeugen. Deshalb stellten alle Werke<br />

aus den Reststoffen der Kalidüngemittelgewinnung<br />

Nebenprodukte her und sicherten sich damit zusätzliche<br />

Gewinne. Neben Brom (Alexandershall, Wintershall)<br />

und Chlormagnesium (Großherzog von<br />

Sachsen), deren Preise und Produktion vom Syndikat<br />

geregelt wurden und nicht der SAWIKO unterstanden,<br />

lieferten 1924 alle Werke hauptsächlich Kieseritprodukte<br />

(55- oder 65-prozentiger Kieserit<br />

GESTELL- UND<br />

GEFÄSSFÖRDERUNG<br />

Dagmar Mehnert<br />

Wenn ein Schacht mit einer Gestellförderung<br />

versehen ist, werden im Förderkorb die vollen<br />

Förderwagen ans Tageslicht und die leeren zurück<br />

in die Grube transportiert. Die schweren<br />

eisernen Förderwagen müssen dabei immer als<br />

Totlast mitbefördert werden. Das Aufschieben<br />

der vollen in den Förderkorb und das Abschieben<br />

der leeren Förderwagen vom Förderkorb<br />

nimmt jedes Mal Zeit in Anspruch. Dies erschwert<br />

eine effiziente Förderung.<br />

Bei einer Gefäßförderung hängen zwei siloartige<br />

Fördergefäße im Schacht, die immer abwechselnd<br />

auf und ab bewegt werden. Ist eines am<br />

Füllort angekommen, öffnet sich der Verschluss<br />

einer Messtasche, aus der heraus das Fördergefäß<br />

befüllt wird. Die in ihr zwischengespeicherte<br />

Materialmenge ist genau auf den Betrieb der Anlage<br />

abgestimmt. Wieder über Tage angekommen<br />

entleeren sich die vollen Gefäße selbsttätig. Solche<br />

Fördereinrichtungen bewegen nur wenig Totlast<br />

und sind sehr leistungsfähig.<br />

B<br />

C<br />

A<br />

B<br />

C<br />

A<br />

Das Fördergefäß von Wintershall<br />

[vor 1930]<br />

Schachtscheibe Grimbergschacht<br />

[vor 1930], links und rechts:<br />

Fördergefäß<br />

Der Füllort des Schachtes I der<br />

Gewerkschaft Kaiseroda mit Gestellförderung<br />

auf einer am<br />

07.03.1908 abgeschickten Postkarte<br />

69


70<br />

1


zw. Kieseritschutt).1928 produzierte von den Wintershall-Werrawerken<br />

nur noch Wintershall Kieserit<br />

in einer Größenordnung von 67,47 Prozent des Gesamtjahresabsatzes<br />

aller deutschen Werke.<br />

Die Fabrik Merkers übernahm ab 1925 hauptsächlich<br />

die Lieferung von Glaubersalz. Dies verwundert<br />

nicht weiter, da bei der Produktion von Glaubersalz<br />

das 40er Kalidüngesalz quasi als „Abfallprodukt“<br />

entsteht.<br />

Neben den industriell gewünschten Produkten wie<br />

Magnesiumchlorid, Kalimagnesia, Natriumsulfat etc.<br />

wurde auch für das Gesundheitwesen (Natron, medizinisches<br />

Bittersalz, Badezusätze) sowie für die<br />

Küche (Natron als Backtriebmittel) produziert.<br />

Der Wintershall-Konzern versuchte nicht nur im<br />

Bereich der chemischen Produkte, sondern auch im<br />

Bereich der Volldünger, damals als Mischdünger bezeichnet,<br />

Gewinne abzuschöpfen. Für ein ungehindertes<br />

Wachstum benötigt jede Pflanzenart eine bestimmte<br />

Menge der Pflanzennährstoffe Stickstoff,<br />

Phospor und Kalium. Um den Absatz anzukurbeln,<br />

wurden in den USA bereits vor dem Ersten Weltkrieg<br />

die drei Komponenten vor dem Ausliefern für<br />

die Farmer gemäß der von ihnen angebauten Kulturpflanzen<br />

gemischt. In Deutschland dagegen<br />

mischten die Landwirte auch nach dem Ersten Weltkrieg<br />

die Nährstoffe selbst zusammen und achteten<br />

dabei oft nicht auf ein optimales Mischverhältnis.<br />

Zwar diskutierte man offiziell bis 1927 über den<br />

Sinn des Mischdüngersystems, doch bereits 1926<br />

hatte die I.G. Farbenindustrie, der größte deutsche<br />

Stickstofflieferant, mit Nitrophoska I und Nitrophoska<br />

II die ersten Volldünger Deutschlands auf<br />

den Markt gebracht. Im November 1926 schlossen<br />

namentlich August Rosterg als Vertreter des Wintershall-Konzerns<br />

und Peter Klöckner als Vertreter der<br />

2<br />

3<br />

4<br />

1 Der Baum des Kali zeigt, welche Produkte aus den<br />

Kalirohsalzen herstellbar sind<br />

2 Kälteerzeugungsanlagen für die Glaubersalzherstellung<br />

im Kaliwerk Merkers [vor 1950]<br />

3 Werbe-Postkarte für den von der BASF hergestellten<br />

„Nitrophoska-Dünger“<br />

4 Die Neubauer Düngungstabelle für Kali hilft, den<br />

Kalibedarf der Nutzpflanzen zu ermitteln<br />

71


DER SCHRAPPER ERLEICHTERT DIE ABBAUFÖRDERUNG<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Bis in die Mitte der 1920er Jahre hinein mussten<br />

die Bergleute in den Abbauen die Förderwagen<br />

von Hand beladen und mit Muskelkraft auf Schienen<br />

in die nächste Förderstrecke schieben.<br />

Mit der Einführung des Schrappers änderte sich<br />

diese Situation grundlegend. Um einen möglichst<br />

effektiven Betrieb der Schrapperanlagen zu gewährleisten,<br />

waren Änderungen in der Abbauführung<br />

erforderlich. Die Abbaue waren nun bis über 200<br />

Meter lang und so angeordnet, dass eine Schrapperanlage<br />

das Rohsalz von zwei Abbauen abfördern<br />

konnte, ohne versetzt zu werden. Zwei Bergmänner<br />

bohrten 1) Sprenglöcher mit der elektrischen<br />

Säulenbohrmaschine und bereiteten diese anschließend<br />

für die Sprengung vor. Währenddessen förderte<br />

der dritte Bergmann mit dem 2) Schrapper das<br />

zuvor losgesprengte Rohsalz ab. 3) Dabei befand er<br />

sich am Steuerstand des außerhalb des Abbaus installierten<br />

Schrapperantriebes, des so genannten<br />

Schrapperhaspels. 4) Der Schrapperkasten war ein<br />

aus Metall angefertigter, U-förmiger, oben und<br />

unten offener Kasten, der in ein endloses Drahtseil<br />

eingebunden war. Am Ende der Abbaustrecke wur-<br />

de das Seil über eine Endrolle geführt. Der Haspel<br />

war eine Art motorgetriebene Seilwinde, die mit<br />

einer Kupplung versehen war und eine zweigeteilte<br />

Seiltrommel antrieb. Die Bewegungsrichtung des<br />

Schrapperkastens war umkehrbar, je nachdem ob<br />

die Vollseiltrommel oder die Leerseiltrommel das<br />

Seil aufwickelte, während es sich von der anderen<br />

abwickelte. Zum Abfördern wurde der Schrapperkasten<br />

zurück zum Streckenende gezogen. Dort angekommen,<br />

kehrte der Bergmann am Steuerstand<br />

die Bewegungsrichtung um und der Kasten grub sich<br />

durch sein hohes Eigengewicht in das losgesprengte<br />

Rohsalz. War er gefüllt, wurde er zur Förderstrecke<br />

gezogen, wo eine spezielle 4) Entladestation, die<br />

Schrapperschurre, aufgebaut war. War der unten<br />

offene Kasten über eine schiefe Ebene auf der mit<br />

einer Öffnung versehenen Schurre angelangt, fiel<br />

das Rohsalz von alleine in die unter der Schurre bereitstehenden<br />

Förderwagen. 5) Diese wurden meist<br />

mit Seil- oder Kettenbahnen zum Schacht gebracht.<br />

Damit war nicht nur das Laden der Förderwagen<br />

mechanisiert, sondern es konnte nunmehr auch<br />

darauf verzichtet werden, mit großem Arbeitsauf-<br />

A<br />

72


B<br />

C<br />

D<br />

wand Gleise in die Abbaustrecken hineinzuverlegen.<br />

Ein weiterer Vorteil kam hinzu: Am besten einsetzbar<br />

war er in einer Lagerstätte, in der die Kaliflöze<br />

wie an der Werra flach im Untergrund lagen. So ermöglichte<br />

der Schrapper einen großen Anstieg der<br />

Förderleistung und trug maßgeblich zum Aufstieg<br />

des Werra-Reviers zum wichtigsten deutschen und<br />

zeitweise weltgrößten Kaliabbaugebiet bei.<br />

E<br />

A Blick in eine Schrapperstrecke im Kaliwerk Heiligenroda.<br />

Kupferstich von E. Mayerhofer<br />

B Prinzipskizze Schrapperförderung<br />

C Portrait des Bergwerksdirektors Albert Korpien, der maßgeblich<br />

für die Einführung des Schrappers an der Werra<br />

verantwortlich war<br />

D Schrapperbühne mit Schrapper im Kaliwerk Hattorf 1928<br />

E Abbaustrecke mit Schrapperkasten im Kaliwerk Merkers<br />

[vor 1950]<br />

73


stickstofferzeugenden Klöckner-Werke einen Vertrag<br />

über die Produktion von Stickstoff-Kalidünger.<br />

Nachdem im Herbst 1928 die erste Fabrik in Rauxel<br />

und im Frühjahr 1929 eine weitere auf dem Kaliwerk<br />

Sondershausen in Betrieb gegangen waren, plante<br />

man eine weitere Fabrik zur Mischdüngerherstellung<br />

auf dem Kaliwerk Heringen. Gebaut wurde sie aufgrund<br />

der kurz nach der Fertigstellung der Pläne<br />

ausbrechenden Weltwirtschaftskrise nicht.<br />

1 Das 1931 erstmals stillgelegte Kaliwerk Alexandershall bei<br />

Berka [um 1920]<br />

2 Aushänge für Feierschichten vom Schwarzen Brett des<br />

Kaliwerks Kaiseroda<br />

3 Ein Teil der Fabrikanlagen des Kaliwerks Merkers [vor<br />

1945]<br />

1<br />

2<br />

Die Kaliwerke<br />

während der Weltwirtschaftskrise<br />

Die Kaliindustrie spürte die Kapitalvernichtung von<br />

90 Milliarden US-Dollar am 24.Oktober 1929, dem<br />

so genannten „Schwarzen Freitag“, schon am Jahresende<br />

1929, als die US-Nachfrage nach den gewinnbringenden<br />

schwefelsauren <strong>Salze</strong>n fast völlig wegbrach.<br />

Da die Nachfrage aus Deutschland gleichzeitig<br />

sank, kämpften die Werrawerke um schwarze<br />

Zahlen. Die Produktion brach weitgehend zusammen<br />

und es wurde Personal abgebaut. Alexandershall<br />

stellte 1931 seinen Betrieb komplett ein, das<br />

Werk Großherzog von Sachsen ruhte 1932 ganzjährig.<br />

37 Die Rationalisierungs- und Mechanisierungsmaßnahmen<br />

wurden forciert, um die Effektivität des<br />

Gruben-, Förder- und Fabrikbetriebes zu erhöhen<br />

und noch günstiger produzieren zu können. Deshalb<br />

wundert es nicht, dass sich gerade in den absatzschwachen<br />

Jahren 1930 und 1931 beispielsweise<br />

der Schrapper endgültig in allen Gruben durchsetzte.<br />

Hatten bereits die 1920er Jahre den Beschäftigten in<br />

der Kaliindustrie vor Augen geführt, wie abhängig<br />

die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze von der Nachfrage<br />

war, so wurden sie in den beschäftigungsarmen Jahren<br />

1929 bis 1932 erneut stark getroffen, denn das<br />

Geld wurde aufgrund von Feierschichten und Freisetzungen<br />

sehr knapp. Dennoch wirkte sich nach<br />

Meinung der Zeitgenossen die Krise im Werratal<br />

„erheblich milder aus als in den Großstädten“, 38<br />

weil die Unternehmen darauf achteten, dass hauptsächlich<br />

Arbeiter vorübergehend entlassen wurden,<br />

die über eine Nebenerwerbslandwirtschaft verfügten<br />

und sich relativ gut selbst versorgen konnten.<br />

74


1933–1939: Kali und Nationalsozialismus<br />

in Friedenszeiten<br />

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 die politische<br />

Macht in Deutschland übernahm, standen die Kaliindustriellen<br />

und auch August Rosterg vom Wintershall-Konzern<br />

diesem Wechsel sehr optimistisch<br />

gegenüber. Rosterg hatte die Nationalsozialisten bereits<br />

vor der Machtübernahme finanziell unterstützt<br />

und erhoffte sich – wie viele Repräsentanten der<br />

deutschen Industrie mit ihm – eine Stabilisierung<br />

der politischen und sozialen, besonders aber der<br />

wirtschaftlichen Verhältnisse. Zwar war schon seit<br />

etwa der Mitte des Jahres 1932 die Nachfrage aus<br />

dem In- und Ausland langsam gestiegen, so dass die<br />

Kaliwerke kontinuierlich produzieren konnten, doch<br />

von ausgelasteten Betrieben und Gewinnen waren<br />

die Werke im Januar 1933 noch weit entfernt. Bis<br />

zum Jahresende 1933 hatte sich die Situation nicht<br />

grundlegend gebessert. Deshalb senkte das Reichswirtschaftsministerium,<br />

dem die Kaliindustrie per<br />

Reichsgesetz vom 18.12.1933 unterstellt war, die Preise<br />

für Kali im Inland. Dies geschah nicht auf Wunsch<br />

der Kaliwerke, sondern wurde im Einklang mit der<br />

nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik bestimmt,<br />

denn die benötigten Lebensmittel sollten im In-<br />

3<br />

land hergestellt werden; Deutschland sollte unabhängig<br />

von Importen werden. Die niedrigeren Kalipreise<br />

erhöhten die Nachfrage, was zu einem Beschäftigungsschub<br />

auf den Werrawerken führte. Bis<br />

November 1934 fielen alle Betriebseinschränkungen<br />

fort und die Belegschaften wurden aufgestockt: Beschäftigte<br />

Wintershall im Krisenjahr 1932 noch 587<br />

Personen, so standen 1936 insgesamt 871 Arbeiter,<br />

Angestellte und Beamte in Lohn und Brot. 39 Sie förderten<br />

insgesamt 949.082 Tonnen Rohsalz und setzten<br />

88.810 Tonnen Kalidüngerprodukte ab. 40 Heiligenroda<br />

erreichte mit 1.009 Beschäftigten und der<br />

Verdoppelung der Förderleistung des Jahres 1934<br />

fast die Wintershaller Ergebnisse. 1935 beschäftigte<br />

Kaiseroda/Merkers 1.982 Personen, die 1.676.652<br />

Tonnen Rohsalz förderten.Aus 1.566.852 Tonnen<br />

dieses Rohsalzes wurden 155.792 Tonnen 40er Kalidüngesalz,<br />

153.405 Tonnen Glaubersalz, 26.089 Tonnen<br />

Magnesiumsulfat und 36.610 Tonnen Bittersalz<br />

hergestellt. 41<br />

Unterstützung für die Nationalsozialisten<br />

„Das von der Regierung Hitler noch im Jahr der Machtergreifung erlassene<br />

Kaligesetz war nicht zuletzt auch eine Art Gegenleistung für die Unterstützung,<br />

die führende Repräsentanten der Kaliunternehmen und des Kalisyndikats<br />

im Vorfeld des 30. Januar 1933 den Nationalsozialisten gewährt<br />

hatten. So hatten bereits der Generaldirektor des Kalisyndikats,<br />

Dr. August Diehn, und der Generaldirektor der Wintershall AG, August<br />

Rosterg, an der gemeinsamen Beratung von deutschen Großindustriellen<br />

mit Adolf Hitler am 26. Januar 1932 im Düsseldorfer Industrieclub teilgenommen,<br />

auf der dieser das nationalsozialistische Konzept für den Fall<br />

einer Machtübernahme vorgestellt hatte. Nachdem die NSDAP bei den<br />

Novemberwahlen 1932 deutliche Stimmenverluste gegenüber den Reichstagswahlen<br />

vom Juli des gleichen Jahres zu verzeichnen hatte, forderte<br />

auch Rosterg in einem Schreiben an Hindenburg die unverzügliche Übertragung<br />

der Regierungsmacht auf die Nationalsozialisten. Aber die Unterstützung<br />

des NSDAP beschränkte sich vor 1933 nicht nur auf Appelle,<br />

sondern war auch von finanziellen Zuwendungen begleitet. Eine wichtige<br />

Rolle in den Beziehungen zwischen Wirtschaft und NSDAP spielte der im<br />

Mai 1932 gegründete „Freundeskreis der Wirtschaft“; nach seinem<br />

Initiator, dem mittelständischen Chemieunternehmer Wilhelm Keppler,<br />

zunächst „Keppler-Kreis“ genannt. Aus ihm sollte 1935 der „Freundeskreis<br />

des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler“ hervorgehen. Dem exklusiven<br />

Gremium gehörte u.a. auch August Rosterg an, dessen Jahresbeitrag<br />

sich auf 100.000 Reichsmark belief.“<br />

Moczarski, Norbert: Kalibergbau in der NS-Zeit 1933-1945. In: Eisenbach, Ulrich und Paulinyi,<br />

Akos (Hg.): Die Kaliindustrie an Werra und Fulda. Darmstadt 1998, S. 80-81.<br />

75


1<br />

2<br />

3<br />

Die Diktatur bestimmt die<br />

Arbeits- und Lebensverhältnisse<br />

Die ersten Jahre der nationalsozialistischen Diktatur<br />

erschienen vielen Zeitgenossen in wirtschaftlicher<br />

Hinsicht als Erfolgsgeschichte. Endlich gab es nach<br />

quälenden Jahren der Wirtschaftskrise wieder genügend<br />

Arbeit, in Deutschland ging es scheinbar wieder<br />

aufwärts. Für diesen Aufschwung bezahlten aber<br />

nicht nur die Gewerkschaften einen hohen Preis,<br />

sondern alle, die Widerspruch gegen die Diktatur<br />

wagten. Die Gewerkschaften wurden nach ihrer offiziellen<br />

Auflösung am 24.Oktober 1933 in der Deutschen<br />

Arbeitsfront zusammengefasst und durchweg<br />

machtlos. Das Kaligesetz vom 18.Dezember 1933 entfernte<br />

die Arbeitnehmervertretungen auch aus dem<br />

Reichskalirat und hob gleichzeitig viele der arbeits-,<br />

tarif- und sozialrechtlichen Errungenschaften der<br />

Weimarer Republik auf.<br />

In den Betrieben galt spätestens mit dem „Gesetz zur<br />

Ordnung der nationalen Arbeit“ vom 20. Januar 1934<br />

das Führerprinzip, Arbeiter und Angestellte bildeten<br />

in den Betrieben die Gefolgschaft. Für überzeugte<br />

Gewerkschafter war hier genauso wenig Platz wie<br />

für Sozialdemokraten, Kommunisten oder Demokraten.<br />

Selbst unpolitische berufsständische Vereinigungen<br />

wie Bergmannsvereine oder die der Arbeiterkultur<br />

entstammenden Radfahr- und Gesangsvereine<br />

wurden gleichgeschaltet und aufgelöst. So bestand<br />

beispielsweise der Bergmannsverein Glückauf<br />

Wintershall Heringen nur bis 1935. Mit breit gefächerten<br />

Angeboten vom Kameradschaftsabend über<br />

Bergmannsfeste und Maifeiern bis zu Urlaubsreisen<br />

mit der Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF)<br />

sollten die Belegschaften an das nationalsozialistische<br />

System angebunden werden.<br />

76<br />

1 Drei Bergleute im September 1937. Tiefenort ist zur 800-<br />

Jahrfeier im „Stil der Zeit“ geschmückt<br />

2 Ein Festwagen mit Bergleuten in Tracht im Kaliwerk Merkers<br />

[um 1938]<br />

3 Titelgrafik der Werkszeitschrift des Wintershall-Konzerns<br />

„Der Kalibergmann“, wie sie von Anfang 1934 [bis Ende<br />

1935] verwendet wurde<br />

4 Ein Magnewin-Barren vom 18.10.1935. Er soll aus der ersten<br />

Schmelze in der Heringer Leichtmetallfabrik stammen<br />

5 Ein Magnewin-Ring, ebenfalls aus den ersten Tagen der<br />

Leichtmetallproduktion Ende 1935


4 5<br />

Leichtmetallherstellung und<br />

Rationalisierungen<br />

Bis Mitte der 1930er Jahre hatte der Wintershall-<br />

Konzern mit der Produktion von Düngemitteln einen<br />

festen Kundenstamm in der Landwirtschaft versorgt,<br />

chemische Spezialprodukte für die Industrie<br />

hergestellt und war 1931 in die Erdölsuche und -veredelung<br />

eingestiegen. Einen völlig neuen Absatzbereich<br />

eroberte sich der Konzern mit der Herstellung<br />

von Leichtmetall. Nach einem eigens entwickelten<br />

Verfahren wurde das in den Kaligruben gewonnene<br />

Salzmineral Carnallit entwässert, einer elektrolytischen<br />

Trennung unterworfen und sein Magnesium-<br />

anteil rein oder in Form von Legierungen einer Verwendung<br />

in Leichtmetallprodukten zugeführt. In Verbindung<br />

mit Aluminium konnten nach entsprechender<br />

Weiterverarbeitung Press- und Spritzgussteile<br />

aller Art hergestellt werden. Die Produktion benötigte<br />

viel Energie und war nur rentabel, weil die Unabhängigkeit<br />

von Rohstoffimporten höher bewertet<br />

wurde als die Wirtschaftlichkeit der Produktion. Im<br />

Zusammenhang mit der umfassenden Aufrüstung<br />

benötigte Deutschland Leichtmetall in großen Mengen.<br />

Einen Teil davon lieferte der Wintershall-Kon-<br />

GRUBENUNGLÜCK IN MERKERS<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Das bislang schwerste Grubenunglück im Werra-<br />

Fulda-Revier ereignete sich am 30. Juli 1938. Betroffen<br />

davon waren elf Bergleute, die am Gesenk<br />

III eingesetzt waren. Dabei handelte es sich um<br />

eine Verbindung zwischen dem Flöz Hessen und<br />

dem etwa 65 Meter darunter liegenden Flöz Thüringen.<br />

Es war mit einer Fördermaschine zum Transport<br />

von Menschen, Material und Rohsalz ausgestattet.<br />

Von hier aus sollte ein verstärkter Abbau des<br />

unteren Flözes begonnen werden. Als das Unglück<br />

geschah, waren die Bergleute aus den Gesenk zur<br />

oberen Sohle ausgefahren und der Steiger zündete<br />

die vorbereiteten Sprengungen. Damit löste er einen<br />

Gasausbruch aus, der etwa 3.700 Tonnen Salz auswarf<br />

und etwa 50.000 Kubikmeter Kohlensäuregas<br />

freisetzte. Die Bergleute versuchten zwar noch zu<br />

flüchten, aber das aus dem Gesenk hochschießende<br />

Gas erreichte und tötete sie.<br />

A<br />

Die Trauerfeier für die umgekommenen Bergleute wurde<br />

von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke vereinnahmt<br />

A<br />

77


1 Magnewin wird im Flugzeugbau eingesetzt<br />

2 Eine Spannstation der Seilbahn von Schacht II/III zur chemischen<br />

Fabrik Heiligenroda im Jahr 1936<br />

3 Ein Großraumwagen wird im Kaliwerk Merkers von einem<br />

Schrapper beladen<br />

4 Gruppenaufnahme anlässlich der Übergabe der Werksanlage<br />

des Kaliwerks Neuhof-Ellers an die Wehrmacht zur<br />

Einrichtung einer Munitionsanstalt (Muna) [um 1935]<br />

1<br />

zern aus seiner Leichtmetallfabrik in Heringen. Diese<br />

verkaufte bereits im Dezember 1935, nur drei Monate<br />

nach Betriebsbeginn, die ersten Produkte, 1936<br />

hatte sich der Name Magnewin bereits als Markenname<br />

etabliert. Auf die Bilanz der erstrebten Rohstoffautarkie<br />

Deutschlands wirkten sich die 565<br />

Tonnen Leichtmetall, die die Wintershaller Fabrik<br />

von Januar bis September 1936 produziert hatte sowie<br />

die doppelte Menge im Jahr 1937 sehr positiv<br />

aus. 42 Vor allem beim Flugzeug- und Fahrzeugbau<br />

hat Magnewin Verbreitung gefunden. Weitere technische<br />

Investitionen in den Jahren 1938 und 1939 erhöhten<br />

die Produktionsmengen. 43<br />

Gleichzeitig investierte der Wintershall-Konzern weiter<br />

in die Rationalisierung seiner Gruben- und Fabrikbetriebe:<br />

So bekam zum Beispiel Wintershall<br />

eine neue Dampfturbine und eine neue Rohsalzaufbereitungsanlage,<br />

Heiligenroda erhöhte die<br />

Leistung der 1912 erbauten Drahtseilbahn von den<br />

Schächten zur Fabrik in Dorndorf und 1938 wurden<br />

in der Grube Kaiseroda/Merkers die ersten<br />

Großraumförderwagen im Werratal eingesetzt. Nach<br />

mehrmonatiger Stilllegung und Modernisierung<br />

konnten Schacht und Fabrik Sachsen-Weimar am 1.<br />

Januar 1938 wieder in Betrieb gehen. 44<br />

2 3<br />

78


Heeresmunitionsanstalten<br />

Schon kurz nach der Machtergreifung wurde im Zusammenhang<br />

mit der militärischen Aufrüstung Deutschlands<br />

nach neuen Produktionsstätten gesucht,<br />

an denen einzelne Komponenten wie Hülsen, Treibladungen,<br />

Explosivstoffe und Zünder zur fertigen<br />

Munition zusammengesetzt werden konnten.<br />

Bereits 1934 stellte sich heraus, dass sich stillgelegte<br />

Kalischächte hervorragend zur Anlage solcher Munitionsanstalten<br />

eigneten. Über Tage waren meist<br />

Räumlichkeiten für die Produktion, Werkstätten,<br />

Anlagen zur Energieversorgung und Gebäude für die<br />

Verwaltung, die Belegschaften und die Wachmannschaften<br />

vorhanden. Unter Tage konnten die vor<br />

Luftangriffen geschützten, bombensicheren Hohlräume<br />

vor allem zur Lagerung der hergestellten Munition<br />

genutzt werden. Der einzige Nachteil, der alleinige<br />

Zugang durch den Schacht mit manchmal begrenzten<br />

Transportkapazitäten, wurde oft durch den<br />

Einbau einer leistungsfähigeren Schachtförderung<br />

ausgeglichen. 45 Insgesamt mietete die Wehrmacht<br />

Einrichtung der Muna Neuhof-Ellers 1936<br />

„Wie Ihnen bekannt ist, sind die Grubenräume der Werke Ellers und Neuhof<br />

von der Wintershall Aktiengesellschaft, Kassel, der Heeresverwaltung<br />

für Einlagerungszwecke zur Verfügung gestellt worden. Bevor die Einlagerung<br />

beginnen kann, sind die für diesen Zweck geeigneten Räume besonders<br />

herzurichten.<br />

Die Sohle ist söhlig bzw. absatzweise söhlig zu legen, die Firste dieser<br />

Räume zu befestigen und die zum größten Teil noch vorhandene Grubenbahn<br />

instandzusetzen, zu ergänzen und mit Weichen zu versehen. ... in<br />

der Regel zieht ... Schacht Ellers ein und Schacht Neuhof aus. In den warmen<br />

Monaten wechselt der Wetterzug in die entgegengesetzte Richtung.<br />

… Die Beförderung des Einlagerungsgutes in den Hauptstrecken wird durch<br />

Akkumulatorenlokomotiven bewerkstelligt. ... Das Füllort, die Hauptstrekken<br />

und die Zuführungsstrecken zu den Lagerräumen erhalten ausreichende<br />

elektrische Beleuchtung. ... Die Einrichtung einer Fernsprechanlage zwischen<br />

Füllort, Hängebank und Steigerbüro ist beabsichtigt. ... Das Einhängen<br />

des Gutes erfolgt in der Regel im Schacht Ellers, während Neuhof als<br />

Reserveeinlagerungsschacht dient. Sämtliche elektrischen Einrichtungen<br />

unter Tage und auf der Hängebank (Transformatoren, Motoren, Beleuchtungsanlage,<br />

Fernsprech- und Schachtsignalanlage) werden schlagwettergeschützt<br />

hergestellt. Von Beginn der Einlagerungen an werden als<br />

Handleuchten nur noch elektrische Sicherheitslampen benutzt.<br />

Betriebsplan der Schachtanlagen Ellers und Neuhof für das Betriebsjahr 1936, soweit sie für<br />

die Einlagerung von Heeresmunition in Frage kommen vom 24.3.1936. HSt Marburg, Bestand<br />

56. BA Schmalkalden, Acc. 1987/50. Akten Paket 43. Nr. 760.<br />

4<br />

79


48 Kalischächte als Munitionsanstalten (Muna) von<br />

den Kalikonzernen. Darunter im Werra-Fulda-Revier<br />

seit 1935 die Schächte Alexandershall, Abteroda<br />

(Alexandershall II), Neuhof, Ellers, Herfa und Neurode.<br />

Alle Förderanlagen wurden umgebaut und<br />

unter Tage große Kammern angelegt, die zum Teil<br />

als Produktionshallen, zum Teil als Lagerräume dienten.<br />

Da vorwiegend Nicht-Bergleute in den Anlagen<br />

beschäftigt wurden, unterstanden die Anlagen nicht<br />

nur einem militärischen, sondern auch einem bergbehördlichen<br />

Sicherheitsbeauftragten. Trotz des ständigen<br />

Umgangs mit Explosivstoffen kam es in den<br />

Munas an Werra und Fliede zu keinen schweren Unfällen<br />

oder Explosionen.<br />

„Arbeit, Arbeit<br />

und nochmals Arbeit!“ 46<br />

Die steigende Förderung und Verarbeitung der Kalisalze<br />

auf allen produzierenden Werken, die Leichtmetallfabrik<br />

in Heringen, mit der allein 650 zusätzliche<br />

Arbeitsplätze geschaffen wurden, 47 und die<br />

vier Munas führten zu einem noch höheren Bedarf<br />

an Arbeitern im Werratal. In Neuhof brachte die<br />

Muna einen Teil der arbeitslosen Kaliarbeiter wieder<br />

in Lohn und Brot. Der erhöhte Arbeitskräftebedarf<br />

im Werratal – allein auf Wintershall hatte sich<br />

die Belegschaft von etwa 700 im Jahre 1933 auf knapp<br />

1400 im August 1939 verdoppelt – führte erneut zu<br />

A<br />

DER GEPLANTE<br />

WERRA-MAIN-KANAL<br />

Dagmar Mehnert<br />

Nur im Unterlauf ist die Werra als Schifffahrtsstraße<br />

ausgewiesen und für kleine Wasserfahrzeuge<br />

befahrbar. Schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts<br />

gab es erste Pläne, die Flussgebiete von Weser und<br />

Main unter Nutzung der Werra mit einem Kanal zu<br />

verbinden. Da als Folge des I. Weltkrieges vor allem<br />

der Rhein und seine Nebenflüsse nach 1918 „internationalisiert“<br />

waren, besann man sich erneut der<br />

Idee eines Werra-Main-Kanals. Realistisch überarbeitete<br />

Pläne zu seinem Bau lagen bereits seit 1914<br />

vor. Nun wurde er in Verbindung mit einer „rein<br />

deutschen Großschifffahrtsstraße“ von der Nordsee<br />

bis zur Donau propagiert. Bis 1926 standen einem<br />

Baubeginn fehlende Finanzmittel und Diskussionen<br />

über andere Varianten entgegen, die die Fulda nutzen<br />

wollten. Obwohl sich die Streckenführung über<br />

die Werra planerisch durchsetzte, wurde das Vorhaben<br />

nicht verwirklicht. Es hätte sich wirtschaftlich<br />

nur gerechnet, wenn es gelungen wäre, den an<br />

den notwendigen Staustufen erzeugten Strom gewinnbringend<br />

unter anderem an die Kaliwerke zu<br />

verkaufen. Wegen der hohen Frachtkosten beim<br />

Bahntransport ihrer Produkte versuchte die Kaliindustrie<br />

wenigstens eine Schiffbarmachung der<br />

Werra von Hann. Münden bis nach Heringen und<br />

später bis Wartha bei Eisenach durchzusetzen. Obwohl<br />

die Pläne 1929 weit vorangeschritten waren,<br />

wurden sie ebenso wenig realisiert wie weitergehende<br />

Kanalplanungen in den 1930er Jahren.<br />

80<br />

A<br />

Der geplante Verlauf des Werra-Main-Kanals mit verschiedenen<br />

Streckenvarianten


einem extremen Wohnungsmangel. Auf hessischer<br />

Seite förderten die Kaliwerke im Verbund mit der<br />

Hessischen Heimstätte sowie staatlicher Darlehen<br />

den Haus- und Wohnungsbau, auf thüringischer Seite<br />

im Verbund mit dem thüringischen Pendant.<br />

Allein in Heringen wurden bis 1939 insgesamt 105<br />

Wohnungen in 67 neu erbauten Häusern bezugsfertig.<br />

Dies hatte nur eine minimale Entlastung des<br />

Wohnungsmarktes zur Folge. Weitere 300 Wohneinheiten<br />

wurden in Heringen und Umgebung bis<br />

1943/44 fertiggestellt. 48 Mit dem heutigen Ortsteil<br />

Räsa entstand bei Unterbreizbach eine dorfähnliche<br />

Siedlung nur für Bergleute und Fabrikarbeiter der<br />

Kaliindustrie. Für die übrigen hessischen Werke und<br />

die komplette thüringische Seite fehlen genaue Angaben.<br />

Die Zahl der erbauten Wohnungen dürfte jedoch<br />

die 2.000er Marke weit überschritten haben.<br />

1939–1945: Kali und<br />

Nationalsozialismus in Kriegszeiten<br />

Kriegsbedingte Änderungen<br />

Der Ausbruch des II. Weltkrieges hatte im Gegensatz<br />

zum I.Weltkrieg im Werra-Fulda-Revier zunächst nur<br />

wenige direkt spürbare wirtschaftliche Folgen. Das<br />

lag daran, dass die Kaliindustrie sowohl Düngemittel<br />

als auch Rohstoffe zur Herstellung von Sprengmitteln<br />

lieferte. Zwar konnten die Kaliwerke die<br />

staatlichen Vorgaben – 100.000 Tonnen K 2 O Vorrat<br />

an jedem Monatsersten 49 – nicht erfüllen, weil die<br />

Eisenbahnwaggons zum Truppen- und nicht zum<br />

Brennstofftransport eingesetzt wurden. Die Auswirkungen<br />

waren jedoch nicht so schwerwiegend,<br />

da die Abberufungen von Belegschaftsmitgliedern<br />

zum Heeresdienst die Produktionsmöglichkeiten<br />

einschränkten und der Überseehandel infolge des<br />

Krieges unterbunden wurde. Diesen Absatzverlust<br />

glich in den ersten Kriegsjahren die Besetzung Europas<br />

durch das NS-Regime weitgehend aus, da auch<br />

in den besetzten Gebieten die Autarkie im Lebensmittelbereich<br />

verordnet wurde, 50 wovon die Kaliindustrie<br />

wirtschaftlich profitierte.<br />

In der Kriegswirtschaft wurden die Kaliwerke nicht<br />

nur angehalten, die notwenigen Kalidüngesalze zu<br />

produzieren, sondern auch bei den kriegswichtigen<br />

Nebenprodukten das Möglichste aus dem Salz her-<br />

1<br />

2<br />

3<br />

1 Straßenansicht und Wohngiebel eines Einzelhauses in der<br />

Kleinsiedlung Heringen vom 29.10.1938<br />

2 Plan der Hessischen Heimstätte, Außenstelle Rotenburg,<br />

für die Siedlung Heringen, Bauabschnitt 2 vom 04.01.1939<br />

3 August Rosterg in der Betriebszeitung „Der Kalibergmann“<br />

am 09.09.1939 zum Ausbruch des II. Weltkrieges<br />

81


1 Eine Darstellung der Verbundenheit von Bauer und Bergmann<br />

anlässlich des von den Nazis 1936 mit großem<br />

Pomp auf dem Bückeberg gefeierten Erntedankfestes<br />

2 Mitteilung über den Tod des Gefreiten Friedrich Deisenroth<br />

1<br />

2<br />

auszuholen. Deshalb ging 1940 in Hattorf eine Schwefelsäurefabrik<br />

in Betrieb und in den Räumen der<br />

Bittersalzfabrik Merkers wurde zwischen 1941 und<br />

1944 doppelt gereinigtes Kaliumchlorid und Sulfat<br />

produziert, 51 alles Produkte, die für die Herstellung<br />

von Sprengstoffen notwendig waren. Das seit 1940<br />

auf Hattorf hergestellte Brom lieferte die Grundlage<br />

zur Produktion von Tränengasen. Die Leichtmetallfabrik<br />

in Heringen produzierte nun keine zivilen,<br />

sondern ausschließlich kriegsrelevante Produkte.<br />

Trotzdem blieben die Düngemittel der hauptsächliche<br />

Produktionszweig, galt es doch, die „Erzeugungsschlacht“<br />

zur Sicherstellung der autarken Nahrungsmittelversorgung<br />

zu schlagen.<br />

Der II. Weltkrieg war anfangs durch die rationierten<br />

Lebensmittel, das Fehlen der an die Fronten abberufenen<br />

Männer und die Todesanzeigen von Gefallenen<br />

im Revier präsent. Wer nicht an die Front<br />

musste oder politisch auffällig war, hatte weiterhin<br />

seine geregelte Arbeit mit acht Stunden pro Tag in<br />

der Grube und seit 1924 wieder mit zehn Stunden<br />

pro Tag in den Fabriken. Auch jetzt konnten sich<br />

wieder viele Kaliarbeiter mit der eigenen Landwirtschaft<br />

oder aus dem Garten relativ gut mit Nahrungsmitteln<br />

versorgen. Trotz Krieg organisierte die<br />

KdF weiter die seit 1933 durchgeführten und in der<br />

Regel gut besuchten Theater-, Musik- und Tanzveranstaltungen.<br />

Aus den Lautsprechern der Radios<br />

tönten die Meldungen der gleichgeschalteten Medien<br />

von Erfolgen an allen Fronten und in den Kinos<br />

wurden „gute deutsche“ Filme gezeigt.<br />

Die allgemeine Materialverknappung, die Abberufungen<br />

von Facharbeitern an die Front und die Sonderdienste<br />

der Belegschaften belasteten die Kaliindustrie<br />

seit 1941 jedoch zusehends. Deshalb wurden<br />

Männer aus dem Werratal zunehmend vom Kriegsdienst<br />

entbunden, 52 zumal der Einsatz von Kriegsgefangenen<br />

den Facharbeitermangel nicht auffangen<br />

konnte. Dennoch waren 1943 gut ein Drittel der Beschäftigten<br />

auf den Kaliwerken, in den Munas und<br />

in der Heringer Leichtmetallfabrik Zwangsarbeiter<br />

oder Kriegsgefangene. 53 Viele dieser zeitweise über<br />

3.000 Menschen wohnten in speziellen Lagern, etwa<br />

in Dankmarshausen, in der Nippe am Schacht Heimboldshausen-Ransbach<br />

oder in Unterbreizbach.<br />

82


ZWANGSARBEITER, KRIEGSGEFAN-<br />

GENE UND KZ-HÄFTLINGE<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Im Krieg wurden auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene<br />

in den Kaliwerken beschäftigt. Auch die<br />

Munitionsanstalten setzten viele Zwangsarbeiter<br />

ein. Sie alle waren meist in speziellen Lagern untergebracht<br />

und hatten je nach Nationalität eine unterschiedliche<br />

Behandlung zu erdulden: Westeuropäer<br />

waren besser, Osteuropäer schlechter gestellt.<br />

A<br />

B<br />

Aufnahme eines Lagers für britische Luftwaffenangehörige<br />

in Unterbreizbach<br />

Luftaufnahme der Fabrik der Bayerischen Motorenwerke<br />

(BMW) in Abteroda. Im Fertigungsgebiet war das KZ-<br />

Außenlager „Anton“ untergebracht. Eine Aufnahme der<br />

US-Luftaufklärung aus dem Sommer 1944<br />

A<br />

B<br />

83


84<br />

„... um sie vor Verlust durch<br />

Bombenangriffe zu schützen“ 54<br />

Während des II. Weltkrieges wurden nicht nur Kali,<br />

Leichtmetall, chemische Grundstoffe und Heeresmunition<br />

von einheimischen oder zur Arbeit gezwungenen<br />

Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen<br />

produziert, sondern ganze Belegschaften fremder<br />

Firmen im Werratal angesiedelt. Denn mit Andauern<br />

des Krieges und immer häufigeren alliierten<br />

Bombenangriffen suchten größere Betriebe aus den<br />

Ballungszentren nach Standorten, die mehr Sicherheit<br />

boten. So kam es, dass in den Übertageanlagen<br />

auf Heiligenroda I, II und III Produktionsbereiche<br />

der AEG-Reparaturenfabrik (Mühlheim/ Ruhr), der<br />

Firma Kellermann (Wuppertal), der Firma Louis<br />

Eilers (Hannover-Herrenhausen), der Firma Henschel<br />

(Kassel) und der Firma Schmalfuß (Berlin) untergebracht<br />

wurden. Die Anlagen von Großherzog von<br />

Sachsen I übernahm die Firma Hasenclever (Düsseldorf).<br />

Die BMW-Werke (Eisenach) mieteten sowohl<br />

über als auch unter Tage Produktionskapazitäten<br />

am Schacht Abteroda, um Flugzeugmotoren<br />

zu produzieren.<br />

In den Fertigungskomplex integriert war ein mit<br />

dem Tarnnamen „Anton“ versehenes Außenlager<br />

des KZ-Buchenwald mit etwa 230 weiblichen Häftlingen,<br />

die ursprünglich aus dem KZ-Ravensbrück<br />

bei Berlin gekommen waren.„Anton“ wurde am<br />

4.12.1944 mit einem Brandbomben-Teppich belegt,<br />

der allerdings die Anlage verfehlte und zwischen<br />

Dippach und Leimbach niederging. 55 Ab Januar<br />

1945 wurde unter dem Namen „Heinrich Kalb“ mit<br />

etwa 1.100 Häftlingen im Grubenfeld Heiligenroda<br />

III eine untertägige Produktionsanlage von BMW<br />

vorbereitet. Eine weitere Anlage namens „Ludwig<br />

Renntier“ war auf Kaiseroda I geplant, wurde jedoch<br />

bis Kriegsende nicht vollendet.<br />

Die Kalibergwerke wurden im Laufe des Zweiten<br />

Weltkrieges nicht nur als sichere Produktionsstätten,<br />

sondern zunehmend auch als bombensichere Aufbewahrungsorte<br />

für Kulturgüter und Wertgegenstände<br />

aller Art gesehen. Doch auch das nützte nichts<br />

mehr: Am Ostersamstag, den 31.März 1945, standen<br />

amerikanische Truppen auf dem Werksgelände von<br />

Wintershall in Heringen, hatten einen Tag später<br />

ganz Heringen eingenommen, rückten am 3. April<br />

EINLAGERUNGEN VON KULTUR-<br />

UND ANDEREN GÜTERN<br />

Dagmar Mehnert<br />

Als sich der Bombenkrieg der Alliierten immer<br />

weiter steigerte und je näher die militärische<br />

Niederlage rückte, desto dringender war es, in<br />

Deutschland sichere Orte zur Unterbringung<br />

von Kulturgütern und anderen wertvollen oder<br />

wichtigen Dingen zu finden. Da die Kaligruben<br />

sicher vor Bombenangriffen waren und günstige,<br />

trockene Lagerungsbedingungen boten, brachten<br />

die Fördertürme seit Januar 1944 nicht nur<br />

Salz nach über Tage, sondern beförderten auch<br />

Wertgegenstände in die Tiefe. Fast alle Schächte<br />

waren eingebunden in die Einlagerungsaktivitäten<br />

und an Werra und Fulda befanden sich unter<br />

Tage Bibliotheken, Kunstschätze, Theaterkostüme,<br />

Akten, Geld und Gold, aber auch Munition<br />

und Ausrüstungsgegenstände der Wehrmacht.<br />

Auch der Wintershall-Konzern brachte seine<br />

Aktenbestände in den Bergwerken in Sicherheit.<br />

Ausgewählten Konzernmitarbeitern und<br />

verschiedenen Nazi-Größen wurde ebenfalls<br />

gestattet, private Wertgegenstände einzulagern.<br />

A<br />

B<br />

C<br />

Die US-Generäle Patton, Eisenhower und Bradley bei<br />

der Begutachtung von eingelagerten Gegenständen im<br />

Kaliwerk Merkers<br />

Ende 1944 wurden Sakralgegenstände aus Ostpreußen<br />

in der Grube Springen eingelagert. Reste davon<br />

konnten 1992 geborgen werden<br />

In den Grubenbauen der Schachtanlage II/III des Kaliwerks<br />

Heiligenroda war während des II. Weltkrieges<br />

der Weinkeller einer Nazigröße namens Claußnitzer<br />

eingelagert. Hier begutachtet ein Bergmann lange<br />

nach dem Krieg die Überreste.<br />

A


B<br />

C<br />

85


1<br />

nach heftigen Kämpfen im Ort Unterbreizbach und<br />

am 4. April im Ort und auf der Schachtanlage Merkers<br />

ein. Innerhalb weniger Wochen waren sämtliche<br />

Einlagerungen entdeckt, gehoben und in amerikanischen<br />

Besitz übergegangen.<br />

Von den Kaliwerken wurde nur Sachsen-Weimar in<br />

direkte Kriegshandlungen verwickelt und brannte<br />

zum Großteil ab. Ansonsten kam es nur zu geringen<br />

Schäden: Das Fördergerüst des Schachtes Herfa der<br />

Muna Herfa-Neurode wurde gesprengt, in Heringen<br />

brannte durch einen am Bahnhof stehenden und in<br />

Brand geratenen Munitionszug der benachbarte Lagerschuppen<br />

der Gewerkschaft Wintershall ab und<br />

in Merkers wurde ein vollbeladener Munitionszug<br />

in der Werra versenkt.<br />

1 Völlig ausgebrannt steht der am 31.03.1945 im Heringer<br />

Bahnhof explodierte Munitionszug auf den Gleisen<br />

2 Die Bohrmannschaft der Probebohrung „Siegel IV“ im<br />

Bereich von Neuhof [um 1905]<br />

3 Am Bohrturm einer Erkundungsbohrung im Werratal ist<br />

die Bohrmannschaft angetreten. Es fehlt nicht an „flüssiger<br />

Nahrung“<br />

86


2<br />

3<br />

87


1<br />

2<br />

3<br />

88


4<br />

1 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers bei Neuhof am 1. September<br />

1911<br />

2 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 15. Oktober 1911<br />

3 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 1. Dezember 1911<br />

4 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 15. Februar 1912<br />

5 Am Schacht Heiligenroda IV wird der Abteufturm errichtet<br />

[um 1912]<br />

5<br />

89


1<br />

2<br />

90<br />

1 Obwohl der hölzerne Abteufturm noch steht, wird am<br />

Schacht Hattorf [um 1908] bereits damit begonnen, das<br />

eiserne Fördergerüst zu errichten<br />

2 Der Aufbau des eisernen Fördergerüstes, der Schacht- und<br />

Fabrikanlagen des Kaliwerks Hattorf ist [um 1908] weiter<br />

vorangeschritten<br />

3 Die Schachthalle und das eiserne Fördergerüst werden<br />

1911 am Schacht Heiligenroda I errichtet


3<br />

91


1<br />

2<br />

1 Zwei Hauer [um 1920] mit einer elektrischen Bohrmaschine,<br />

möglicherweise vom Typ GBD 123<br />

2 Der Betriebsführer Dreyer [um 1918] unter Tage in Merkers<br />

3 Schon früh hat der Kalibergbau Besucher angezogen, wie<br />

das Bild auf einer im Jahr 1906 abgeschickten Postkarte<br />

belegt: Es zeigt Besucher unter Tage in der Grube Kaiseroda<br />

I mit mehreren Bergleuten und den für den Abbau<br />

notwendigen Werkzeugen und Geräten<br />

4 Im Kaliwerk Hattorf sind 1925 Bergleute mit einer elektrischen<br />

Säulenbohrmaschine vor Ort<br />

5 Der Blindschacht führt 1925 unter Tage zur zweiten Sohle<br />

in der Grube Hattorf<br />

3<br />

92


4<br />

5<br />

93


1<br />

1 Das Kaliwerk Alexandershall bei Berka/Werra auf einer<br />

am 12. März 1925 verschickten Postkarte<br />

2 Das Kaliwerk Wintershall in Heringen von der Bahnhofstraße<br />

aus betrachtet auf einer am 22. April 1926<br />

verschickten Postkarte<br />

3 Gesamtansicht der Werksanlagen des Schachtes Kaiseroda<br />

I nach einem Stich der Kunstanstalt Eckert und Pflug<br />

aus Leipzig [um 1919]<br />

2<br />

94


3<br />

95


1<br />

2<br />

96


3<br />

1 Die chemische Fabrik der Gewerkschaft Heiligenroda in<br />

Dorndorf auf einer von der Werraue aus [um 1925] aufgenommenen<br />

Postkarte<br />

2 Werksansicht des Kaliwerks Merkers [um 1936] vom Krayenberg<br />

aus<br />

3 Werksansicht des Kaliwerks Hattorf von Westen im Jahr<br />

1926<br />

4 Das Kaliwerk Sachsen-Weimar in Unterbreizbach in einer<br />

Luftaufnahme vom Juni 1928<br />

5 Der Schacht Heimboldshausen auf einer am 2. August 1911<br />

versendeten Postkarte. Der Schacht Ransbach im Hintergrund<br />

wird noch abgeteuft, wie der Teufturm belegt<br />

4<br />

5<br />

97


1<br />

2<br />

3<br />

98


4<br />

1 Schon kurz nach der Fertigstellung des Schachtes Grimberg<br />

gab es in Heringen Bergmusikanten, wie das [um<br />

1904] entstandene Foto mit dem am 20. Mai 1885 geborenen<br />

Peter Laun (2. v. l.) belegt<br />

2 Beim Bergmannsfest [um 1934] in Merkers tragen Bergkapelle<br />

und Bergleute ihre Bergmannstracht. Mit auf dem<br />

Foto sind (rechts im Bild) einige Besatzungsmitglieder des<br />

Zeppelins, der 1917 bei Tiefenort notlanden musste<br />

3 Der Bergmannsverein Wintershall hat sich für ein Erinnerungsfoto<br />

vor seiner Vereinsgaststätte aufgestellt<br />

4 Mit der Bergkapelle zieht ein Festzug [um 1925] durch<br />

Merkers<br />

Folgende Seite:<br />

1 Am 1. April 1926 hat Friedrich Wölkner eine Ehrenurkunde<br />

der südthüringischen Industrie- und Handelskammer in<br />

Sonneberg für seine 25-jährige Tätigkeit im Kalibergbau<br />

erhalten<br />

99


1<br />

100


Hartmut Ruck<br />

Die Kali-Industrie an der Werra<br />

3<br />

1 4<br />

Nachdem die Grenze das Revier gespalten hat, fällt sein thüringischer<br />

Teil an die DDR. Die Kaliproduktion wird nach 1945<br />

unter schwierigsten Bedingungen, zunächst unter sowjetischer<br />

Leitung, wieder aufgenommen. Die Schlote rauchen, weil die<br />

DDR den Kalidünger wirtschaftlich dringend benötigt. In der<br />

Folge werden die Werke weiter ausgebaut und die Infrastruktur<br />

der Region zwischen Bad Salzungen und der „Staatsgrenze<br />

West“ wird auf die Bedürfnisse der dominierenden Kaliindustrie<br />

ausgerichtet. Die Kaliwerke übernehmen immer mehr Aufgaben,<br />

sie unterhalten Ferienobjekte, Schwimmbäder, Kulturhäuser<br />

und stellen darüber hinaus auch noch Konsumgüter<br />

her. Kurz vor der Grenzöffnung befindet sich die Kaliindustrie<br />

entsprechend den Maßstäben der Planwirtschaft auf hohem<br />

Niveau – der Marktwirtschaft ist sie nur zum Teil gewachsen.<br />

2<br />

in Thüringen 1945–1989 1 1 Bergleute sind 1986 auf der Schachtanlage<br />

Springen II/III nach ihrer<br />

Ausfahrt aus der Grube auf dem Weg<br />

zur Kaue<br />

2 Festwagen des Kraftwerks Merkers<br />

[um 1964] zum Tag des Bergmanns<br />

mit der Figur „Wattfrass“<br />

3 Der Bohrkopf eines Großlochbohrwagens<br />

4 1950 verlässt der erste Förderwagen<br />

festlich geschmückt die neu eingerichtete<br />

Werkstatt in Merkers


102<br />

Kriegsende in Unterbreizbach<br />

„Die Mißachtung der Kapitulation durch einen SS-Mann veranlaßte die<br />

anrückende amerikanische Armee, das Dorf und auch das Werk unter Beschuß<br />

zu nehmen. 57 Wohnhäuser, 86 Scheunen und Ställe mit dem<br />

Viehbestand sowie 10 Gebäude des Kaliwerks wurden so am 3. April<br />

1945 ein Raub der Flammen. Der große Fabrikateschuppen sowie die<br />

Verladung brannten mit allen Einrichtungen bis auf die Grundmauern ab.<br />

Auch die Trockenstation brannte vollständig aus, ebenso die Rohsalzmühle,<br />

das Magazin, die Bauwerkstatt und sieben werkseigene Wohnhäuser. An<br />

weiteren Gebäuden und Einrichtungen entstanden ebenfalls erhebliche<br />

Schäden.“<br />

Aus: 1905-1995, 30 Jahre Kalischacht Unterbreizbach. Hrsg. v. Bergmannsverein<br />

Unterbreizbach o.O. [Unterbreizbach], 1995, S. 21<br />

1<br />

Situation am Ende<br />

des Zweiten Weltkrieges<br />

Das Ende des Zweiten Weltkrieges markierte einen<br />

tiefen Einschnitt in der Entwicklung des Kalibergbaus<br />

an der Werra, wenngleich sich auf thüringischem<br />

Gebiet die Kriegsschäden in Grenzen hielten:<br />

Im Gegensatz zu den Werken Heiligenroda und Kaiseroda,<br />

die den Krieg ohne nennenswerte Schäden<br />

überstanden, waren am 3. April 1945 infolge von<br />

Kampfhandlungen verschiedene Gebäude des Werkes<br />

Sachsen-Weimar abgebrannt. 2<br />

Brückensprengungen im Umfeld der Kaliwerke hatten<br />

allerdings das Eisenbahnnetz der Region stellenweise<br />

zerstört.<br />

Eine Produktionsaufnahme unmittelbar nach Beendigung<br />

des Krieges im Frühjahr/Sommer 1945 wurde<br />

durch Brennstoffmangel und fehlendes Fachpersonal<br />

weitgehend verhindert. Zwar ordnete die amerikanische<br />

Militärverwaltung die Steinsalzförderung<br />

auf Kaiseroda I ab 1.7.1945 an, zog aber gleichzeitig<br />

270 Bergleute im Mai und Juni 1945 zur Arbeit in<br />

der Braunkohlengrube Borken ab. Zusätzlich forderten<br />

die Amerikaner materielle und technische<br />

Hilfe für das Werk Wintershall ein, damit dieses die<br />

Steinsalzförderung am 1. August 1945 aufnehmen<br />

konnte. 3<br />

Entsprechend den Beschlüssen der Alliierten auf<br />

der Krimkonferenz in Jalta 1945 wurde Thüringen<br />

Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone, so<br />

dass die Sowjetarmee die US-Armee Anfang Juli<br />

1945 als Besatzungsmacht ablöste.<br />

Ein schwerer Start –<br />

Kali als Reparationsleistung<br />

Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland<br />

(SMAD) ließ durch ihre ersten Befehle frühzeitig<br />

erkennen, dass sie gewillt war, sich neben der Demontage<br />

auch in großem Umfang industrielle Vermögenswerte<br />

zu sichern. Ein wesentlicher Bestandteil<br />

dieser Politik war die Bildung von Sowjetischen<br />

Aktiengesellschaften (SAG), die bald zu den wichtigsten<br />

Lieferanten von Reparationsgütern gehörten.<br />

In diesen nach Branchen organisierten Konzernen<br />

wurden zunächst über 200 der wichtigsten Großbetriebe<br />

der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)<br />

zusammengeschlossen. 4 Die thüringischen Kaliwer-


2<br />

3<br />

ke an der Werra wurden nach Gründung einer Treuhandgesellschaft<br />

im März 1946 ab dem 1.9.1946 der<br />

sowjetischen „Staatlichen Aktiengesellschaft für<br />

Düngemittel in Deutschland“ zugeordnet. 5 Alle Werke<br />

erhielten eine sowjetische Leitung. Der alliierte<br />

Kontrollrat hob das Kali-Gesetz von 1933 mit seiner<br />

Quotenbeschränkung und das Kali-Syndikat auf.<br />

Damit war der Weg für eine ungebremste Entwicklung<br />

offen, die auch im Interesse der Besatzungsmacht<br />

war.<br />

Zur Aufnahme der Produktion in den Kaliwerken erließ<br />

die SMAD am 9.1.1946 den Befehl Nummer 9,<br />

der Produktionsziele und die Verfahrensweise zur<br />

Lösung der zu bewältigenden Probleme grundsätzlich<br />

regelte. 6 Die Werke Heiligenroda und Kaiseroda<br />

nahmen nach Maßgabe dieses und des nachfolgenden<br />

Befehls Nummer 55 der Sowjetischen Militäradministration<br />

für Thüringen (SMATh) den Betrieb<br />

Mitte Januar 1946 wieder auf. 7 Der Wiederaufbau<br />

der zerstörten Werksanlagen Sachsen-Weimar bei<br />

Unterbreizbach begann im November 1945, so dass<br />

das Werk am 1.9.1946 wieder in Produktion gehen<br />

konnte. 8 Im Januar und Februar 1946 konnten die<br />

Werke Heiligenroda und Kaiseroda die Vorgaben<br />

des SMAD-Befehls Nummer 9/1946 und des SMATh-<br />

Befehls Nummer 55/1946 nur zu 44 Prozent beziehungsweise<br />

23 Prozent erfüllen, 9 weil Fachpersonal,<br />

Material, Brennstoffe und Transportmöglichkeiten<br />

für die Belieferung der Kunden fehlten.<br />

Da das Personalproblem auch durch Zwangsverpflichtung<br />

auf Grundlage des SMAD-Befehls Nummer<br />

9/1946 seitens der Arbeitsämter nicht zufriedenstellend<br />

gelöst werden konnte, bestanden die Belegschaften<br />

zur Hälfte aus im Bergbau unerfahrenen<br />

Hilfsarbeitern, darunter waren auch unter Tage<br />

zunehmend weibliche Arbeitskräfte. Als Anreiz für<br />

die Arbeit in den strukturbestimmenden Industriezweigen<br />

der Sowjetischen Besatzungszone – und damit<br />

auch im Kalibergbau – erließ die SMAD im Jahr<br />

1947 den sozialpolitisch orientierten Befehl Nummer<br />

234. 10 Soziale Maßnahmen wie die Gewährung von<br />

Sonderurlaub, die Ausgabe von markenfreiem Essen<br />

und die Bereitstellung von knappen Gütern wie Bekleidung<br />

und Schuhen sollten die Menschen dazu bewegen,<br />

die Arbeitsproduktivität nachhaltig zu steigern.<br />

Doch noch 1950/51 wurden Fehl- und Bummelschichten<br />

sowie die zum Teil schlechte Arbeitsmoral<br />

von den sowjetischen Werksleitungen kritisiert. 11<br />

1 Amerikanische Panzer im Kaliwerk Merkers, April 1945<br />

2 Von der Sowjetunion eingeführt und von der DDR bis<br />

1990 beibehalten: Der „Schachtschnaps“, von dem jedem<br />

Beschäftigten monatlich eine bestimmte Menge zustand.<br />

Für diese Zuwendung in flüssiger Form hat der Volksmund<br />

schnell die Bezeichnung „Kumpeltod“ gefunden<br />

3 Befehl der Sowjetischen Militäradministration vom<br />

19.08.1946 zur Übergabe des Kaliwerkes Heiligenroda an<br />

die SAG Kaliindustrie<br />

4 Am Werkseingang beim Schichtwechsel in Merkers vor 1950<br />

4<br />

103


1<br />

2<br />

3<br />

104


4<br />

1 Blick über Merkers in Richtung Kaliwerk, März 1965<br />

2 Werkseingang der Schachtanlage Springen II/III mit dem<br />

Fördergerüst von Schacht II. Das Kind auf dem 1969 aufgenommenen<br />

Foto ist Achim Burghardt<br />

5<br />

3 Das Kaliwerk beherrscht das Ortsbild von Unterbreizbach.<br />

Im Hintergrund die Bergarbeitersiedlung Räsa und der<br />

Ulsterberg<br />

4+5Die Kalischächte und Fabriken an Werra und Fulda vor<br />

1945 und nach 1955<br />

105


1<br />

Die Ankündigung von Tarifvertragsänderungen in<br />

der Jahresmitte 1949 hatte umgehend sinkende Leistungen<br />

im Werk Kaiseroda zur Folge. Auch die seit<br />

Oktober 1948 staatlich angekurbelte Aktivistenbewegung<br />

nach dem Beispiel des Steinkohlenhauers<br />

Adolf Hennecke, die auf Selbstverpflichtungen der<br />

Beschäftigten zu höheren Leistungen setzte, kam<br />

nur schleppend in Gang. Bereits im Herbst 1946 wurden<br />

SED-Betriebsgruppen gebildet, deren Vorsitzende<br />

von den Werken bezahlt wurden. Sie sollten der<br />

negativen Entwicklung längerfristig mit politischen<br />

Mitteln beikommen. 12<br />

Nach der Zonengrenzziehung war die seit 1928 bestehende<br />

Zentralwerkstatt für die Werrawerke der<br />

Wintershall AG in Heringen nicht mehr verfügbar.<br />

In den thüringischen Werken bestanden nur kleine<br />

Werkstätten mit einem veralteten Maschinenpark.<br />

Die Herstellerfirmen für dringend benötigte Bergbauausrüstungen<br />

saßen nun in den Westzonen. Deshalb<br />

kaufte die Staatliche Aktiengesellschaft für Kalidüngemittel<br />

am 11. März 1948 die auf der Schachtanlage<br />

Dietlas (Großherzog von Sachsen I) vorhan-<br />

2<br />

106


3 4<br />

denen Maschinen und Ausrüstungen des kriegsbedingt<br />

nach Dietlas verlagerten Werkes der Maschinenfabrik<br />

Hasenclever AG aus Düsseldorf auf. 13<br />

Das Werk Dietlas, das 1953 im „VEB Betriebsmaschinen<br />

Dietlas“ 14 aufging, wurde der Ausrüstungsproduzent<br />

der Staatlichen Aktiengesellschaft. Seine<br />

Möglichkeiten in der Zuarbeit für die Kaliindustrie<br />

waren aber stets in hohem Maße abhängig von der<br />

nicht immer gewährleisteten Versorgung mit Betriebsstoffen<br />

und Materialien.<br />

Es wurde gefordert, die thüringischen Kaliwerke an<br />

der Werra wieder auf das Leistungsniveau der Jahre<br />

1938 bzw. 1944 zu bringen, so dass neben der Inbetriebnahme<br />

und der Auslastung der Gruben- und<br />

Fabrikanlagen auch in den stillgelegten Schachtanlagen<br />

Menzengraben und Alexandershall die Förderung<br />

von Rohsalz aufgenommen wurde. Der Transport<br />

erfolgte per Schiene zu den Fabriken in Dorndorf<br />

und Unterbreizbach. Die Schachtanlage Kaiseroda<br />

I, die seit 1926 nur Steinsalz förderte, lieferte<br />

seit 1946 zusätzlich Kalirohsalze für die Fabrik Merkers,<br />

während die Saline am Schacht Salzungen<br />

nicht wieder in Betrieb ging.<br />

1 Collage [um 1950] unter dem Titel „Und über allem steht<br />

die Aktivistenbewegung“<br />

2 Ein DDR-Grenzwachturm [um 1950] auf der Werrabrücke<br />

zwischen Philippsthal und Vacha<br />

3 Während des Krieges war die Maschinenfabrik Hasenclever<br />

aus Düsseldorf, ein wichtiger Produzent für Schrapperhaspel,<br />

in Dietlas untergebracht<br />

4 Der weiterentwickelte Schrapper S 4000 wird zum Werkssymbol<br />

der Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas<br />

5 Nach dem Krieg wird in der Grube Menzengraben die Förderung<br />

wieder aufgenommen<br />

5<br />

107


BERGLEUTE IN<br />

MENZENGRABEN 1953<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Der am 25. Oktober 1896 in Weimar geborene Maler<br />

Horst de Marées absolvierte seine Ausbildung<br />

an den Kunstakademien Weimar und München.<br />

Nach mehreren Aufenthalten in Italien siedelte er<br />

1934 nach Ostpreußen über, wo er die Landschaft<br />

und die ländliche Arbeitswelt in den Mittelpunkt<br />

seines Schaffens stellte. Seinen dort erworbenen Besitz<br />

verlor Horst de Marées durch den Krieg. Von<br />

Wasungen an der Werra aus bereitete er nach 1945<br />

seinen künstlerischen Neubeginn vor. Besuche im<br />

Kalibergwerk Menzengraben regten ihn 1953 zu<br />

einer Reihe von Bergwerks- und Bergmannsdarstellungen<br />

an und die Landschaften an der Werra lieferen<br />

ihm die Motive für zahlreiche Werke. 1960<br />

verließ er die DDR, um sich, seit Jahren an den Folgen<br />

eines Autounfalls leidend, in Westdeutschland<br />

medizinisch behandeln zu lassen. Seine künstlerische<br />

Arbeit nahm Horst de Marées 1963 wieder auf<br />

und bis zu seinem Tod 1988 entstand ein reiches<br />

Spätwerk.<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

E<br />

Der Blick in eine Abbaustrecke<br />

Zwei Bergmänner beim Bohren von Sprenglöchern<br />

Ein Hauer mit Säulenbohrmaschine<br />

Die Entladestation („Schorre“) einer Schrapperstrecke<br />

Ein Bergmann am Steuerstand eines Schrappers<br />

A<br />

B<br />

108


C<br />

D<br />

E<br />

109


1 Entwicklung der Rohsalzförderung in den thüringischen<br />

Werragruben zwischen 1938 und 1959<br />

2 Ein Blick in das Lösehaus der Fabrik Merkers vor [1950]<br />

3 Briefkopf des Werkes Unterbreizbach [um 1952]<br />

4 Namensgeber für Merkers, das damals größte Kaliwerk<br />

der DDR war der von den Nazis ermordete Kommunist<br />

Ernst Thälmann<br />

1<br />

2<br />

In den Grubenbetrieben hatte das Fehlen von ausgebildeten<br />

Hauern und Steigern eine Verschlechterung<br />

des K 2 O-Gehaltes gegenüber den Vorjahren<br />

zur Folge. Fehlende Aus- und Vorrichtung und die<br />

von dem Leistungsdruck geprägte „Philosophie des<br />

Förderns um jeden Preis“ trugen ebenfalls dazu bei,<br />

die Qualität der Arbeit zu mindern. 15 Trotz der seit<br />

1946 steigenden Leistungen der Kaliwerke Kaiseroda<br />

und Sachsen-Weimar konnten diese ihre bisherigen<br />

Bestwerte erst 1948, das Werk Heiligenroda<br />

sogar erst 1950, erreichen oder überbieten.<br />

Die Basis hierfür waren eine verbesserte Mechanisierung<br />

und die Erweiterung der bestehenden Betriebe.<br />

So wurde in Kaiseroda II/III mit einer Veränderung<br />

der Nutzlast der vorhandenen Gefäßoder<br />

Gestellförderanlagen in den Jahren 1946 und<br />

1952 eine Erhöhung der Schachtförderleistung<br />

erzielt. Gleichzeitig gab es in Merkers Kapazitätserweiterungen<br />

der Mahlsysteme und des Lösebereiches.<br />

Die Produkttrocknung wurde zwischen 1946<br />

und 1952 von Gas- auf Kohlenstaubfeuerung umgestellt.<br />

Darüber hinaus wurden in den Gruben die<br />

Abbaubreiten vergrößert. 16<br />

Am 24.6.1952 erfolgte die Übergabe der drei bisherigen<br />

SAG-Betriebe Kaiseroda, Heiligenroda und<br />

Sachsen-Weimar in das Staatseigentum der DDR. 17<br />

Vorausgegangen war dem ein Beschluss der Regierung<br />

der UdSSR, den Deutschen anlässlich des<br />

1. Mai 1952 weitere ehemalige SAG-Betriebe zurückzugeben.<br />

Am 5.7.1953 wurden die drei thüringischen<br />

Kaliwerke umbenannt: Das Werk Kaiseroda<br />

erhielt den Namen „Ernst Thälmann“ mit Sitz in<br />

Merkers, das Werk Sachsen-Weimar den Namen<br />

„Marx-Engels“ mit Sitz in Unterbreizbach und das<br />

Werk Heiligenroda den Namen „Einheit“ mit Sitz in<br />

Dorndorf. Das Kaliwerk Alexandershall in Berka<br />

(Werra) vereinigte sich am 2.8.1953 mit dem VEB<br />

Kaliwerk „Einheit“ in Dorndorf. 18<br />

3<br />

110


Kali-Industrie – Devisenbringer für<br />

die Planwirtschaft der DDR<br />

Die Werke unterstanden nach ihrer Übergabe an die<br />

DDR als volkseigene Betriebe seit dem 1.10.1952<br />

der Hauptverwaltung „Kali“ in Berlin, die später als<br />

„VVB Kali“ ihren Sitz in Erfurt hatte. Die ehemaligen<br />

Werrawerke Heiligenroda, Kaiseroda und<br />

Sachsen-Weimar wurden am 29. Dezember 1958 19<br />

zum Kalikombinat „Werra“ mit Sitz in Merkers zusammengeführt,<br />

das seit 1. Januar 1970 20 als Werk<br />

„Werra“ dem bis 1990 bestehenden VEB Kombinat<br />

„Kali“ mit Sitz in Sondershausen angehörte. Bereits<br />

seit 1954, also weit vor dem Zusammenschluss zum<br />

VEB Kalikombinat „Werra“ (Merkers) arbeiteten<br />

alle drei Kaliwerke zusammen.<br />

Nachdem die Werke im ersten Jahrzehnt nach 1945<br />

auf- und ausgebaut wurden, stand die anschließende<br />

Entwicklung im Zeichen von Betriebskonzentration<br />

und Rationalisierung. Überlegungen und eingeleitete<br />

Maßnahmen in den 50er Jahren konnten<br />

aber nur in Teilbereichen zum Erfolg führen, weil<br />

die fehlende Eigenproduktion von Bergwerksmaschinen<br />

in der DDR und der Devisenmangel den<br />

Einsatz der gewünschten Ausrüstungen verhinderte.<br />

Eigenlösungen, z.B. für Bohrwagen, erwiesen sich<br />

als untauglich, so dass die technische Entwicklung<br />

der Gruben im wesentlichen auf den Einsatz leistungsstärkerer<br />

Schrapper und Bohrmaschinen ausgerichtet<br />

werden musste. Die Gruben waren geprägt<br />

von Kleinmechanisierung an Schrapperanlagen und<br />

Seilbahnanschlagspunkten sowie in bergbaulichen<br />

Nebenprozessen oder im erweiterten Einsatz der<br />

Gefäßförderung. Durch die zunehmende Ausdehnung<br />

der Grubengebäude infolge der Massenförderung<br />

wurden vermehrt Kraftfahrzeuge und Fahrräder<br />

unter Tage eingesetzt. Durch die Intensivierung<br />

des Abbaus im Flöz Thüringen nahm der Carnallitit-Anteil<br />

zu, so dass seit 1951 in Kaiseroda<br />

wieder die kalte Vorzersetzung von Carnallitit durchgeführt<br />

wurde. In den 1960er Jahren mussten aus<br />

gleichem Grund die Fabriken in Unterbreizbach und<br />

in Merkers auf Mischsalzverarbeitung bei steigenden<br />

Verlöseleistungen umgestellt werden. In Unterbreizbach<br />

wurde 1963 ein neues Lösehaus erbaut.<br />

Zur Gewinnung von Steinsalz für die Natriumsulfatproduktion<br />

ging eine Flotationsanlage in Merkers in<br />

4<br />

Bildung des VEB Kalikombinat „Werra“ 1958<br />

„Der V. Parteitag der SED stellte die Aufgabe, unsere Volkswirtschaft so<br />

zu entwickeln, daß die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung<br />

gegenüber der kapitalistischen Ausbeuteordnung umfassend bewiesen<br />

wird. Er setzte eine schnelle Steigerung der Arbeitsproduktivität<br />

zur Erhöhung des Nationaleinkommens auf die Tagesordnung. Für den<br />

Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in unserer Republik galt es alle<br />

Reserven aufzudecken und auszunutzen. Das traf auch für die Kaliwerke<br />

an der Werra zu. Deshalb hatte die 4. Bezirksdelegiertenkonferenz der<br />

Bezirksparteiorganisation Suhl der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands<br />

vom 20. bis 22. Juni 1958 in ihrer Entscheidung festgelegt:<br />

„In den Kalibetrieben ... müssen die Parteiorganisationen und verantwortlichen<br />

Wirtschaftsfunktionäre den Kampf führen, daß die im Staatsplan<br />

festgelegten Aufgaben für die Kaliindustrie bis 1960 erfüllt werden. Die<br />

Bezirksleitung wird beauftragt, gemeinsam mit den Genossen in den Kalibetrieben<br />

zu überprüfen, wie eine wesentliche Steigerung der Kaliproduktion<br />

... erreicht werden kann. Zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der<br />

Kalibetriebe ist bis zum 31. Dezember 1958 die Bildung des Großkombinates<br />

an der Werra abzuschließen.“<br />

Aus: 10 Jahre VEB Kalikombinat Werra. Festschrift. 1968, S. 11.<br />

Schrapper aus Dietlas<br />

„Unter der Leitung der SAG hatte die Parteiorganisation von den sowjetischen<br />

Genossen gelernt, wie die Werktätigen unter den neuen Produktionsverhältnissen<br />

zu führen sind. Eine neue Einstellung zur Arbeit prägte<br />

sich bei vielen Werktätigen heraus, die materiellen Voraussetzungen hatten<br />

sich in dieser Zeit bedeutend verbessert. Das ermöglichte es,1952 eine<br />

neue Schrapperanlage zu entwickeln, die auf der Herbstmesse 1953 in<br />

Leipzig als erstes Produkt des Betriebes ausgestellt werden konnte. Der<br />

Schrapperhaspel „Kali 4“ wurde zu einem bedeutenden Absatzprodukt<br />

und beherrschte jahrelang die Förderung des Kalibergbaus der DDR. Die<br />

Weiterentwicklung zum S 4000 dokumentierte die geschlossene Leistung<br />

aller Kollektive. Deshalb wurde er zum Betriebssymbol. Der jährliche Export<br />

dieser Schrapperhaspel in die Sowjetunion wurde zur wichtigsten<br />

Aufgabe.“<br />

Aus: VEB Bergwerksmaschinen im VEB Kombinat Kali, o.O. [Dietlas], o.J. [1983], S.8.<br />

111


DAS FLOTATIONSVERFAHREN<br />

Dagmar Mehnert<br />

Bei sehr fein gemahlenem Rohsalz liegen viele im<br />

Rohsalz enthaltene Minerale nicht mehr verwachsen<br />

mit anderen Mineralen vor. Kommen kalihaltige<br />

Minerale in einer gesättigten Lösung mit Flotationsmitteln<br />

und Luftblasen in Berührung, sammeln<br />

sie sich auf der Lösung als Schaum. Dieser Schaum<br />

wird abgeschöpft und aufbereitet.<br />

1) Fein gemahlenes Rohsalz mit unverwachsenen<br />

Kali- und Steinsalzkörnchen wird in die Flotationslauge<br />

gegeben. 2) Ein Flotationsmittel wird zugegeben<br />

und umhüllt die Kaliminerale mit einer wasserabstoßenden<br />

Schicht. 3) Wird Luft eingeblasen<br />

und zu feinen Bläschen zerstäubt, lagern sich die<br />

Bläschen bevorzugt an den vorbehandelten Kalisalzteilchen<br />

an, während sie vom Steinsalz abperlen.<br />

4) Mit Kali beladene Luftblasen steigen zur<br />

Oberfläche und bilden dort einen Schaum, die anderen<br />

Rohsalzanteile setzen sich ab. 5) Der Kali-<br />

Schaum und der Bodensatz können getrennt entfernt<br />

werden; die Flotationslauge steht für eine<br />

erneute Trennung zur Verfügung.<br />

112<br />

1 Die Tagesanlagen des zwischen 1955 und 1963 geteuften<br />

Schachtes II [um 1965]. Er verschaffte dem Bergwerk<br />

Unterbreizbach endlich einen zweiten Ausgang<br />

2 Neubau des Fördergerüstes Schacht II Merkers [um 1960]<br />

3 Springen ist die letzte thüringische Grube, in der bis 1984<br />

Seilbahnen in der Streckenförderung eingesetzt wurden<br />

4 1967 wurde das Kaliwerk Alexandershall endgültig stillgelegt<br />

1<br />

Betrieb, die zu einem Rückgang der Steinsalzförderung<br />

der Schachtanlage Kaiseroda I führte. Nach<br />

mehr als 30-jähriger Abteufpause im Werrarevier<br />

wurde in den Jahren 1955 bis 1963 der Schacht<br />

Unterbreizbach II abgeteuft. Dabei wurde erstmals<br />

weltweit für das schwierige Durchteufen des Plattendolomits<br />

mit dem Zementierverfahren ein spezieller<br />

Stahlboden entwickelt und erfolgreich anstelle der<br />

üblichen Betonpfropfen eingesetzt. Gleiches gilt für<br />

die beim Schachtausbau zur Anwendung gekommenen<br />

Doppeltübbinge. 21<br />

An den Schächten Merkers II (1960), Merkers III<br />

(1962) und Springen III (1964) wurden neue Fördergerüste<br />

errichtet.<br />

Rationalisierung und Konzentration<br />

der Produktion<br />

Seit 1966 gingen die Gruben Merkers und Unterbreizbach<br />

zum Einsatz von Bergbaugroßgeräten in<br />

der Gewinnung und Abbauförderung über. 22 Damit<br />

begann der Übergang zur dritten Technologiegeneration<br />

im deutschen Kalibergbau. Spätere Eigenentwicklungen<br />

von Bohrwagen und Ladern durch die<br />

VEB Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas seit 1967<br />

wurden vorrangig in der Grube Merkers erprobt<br />

und zur Einsatzreife gebracht. In der Grube Springen


wurden die ersten Großgeräte 1973 eingesetzt.<br />

Verbunden damit war der Übergang zum „roomand-pillar-Abbau“<br />

und eine weitere Steigerung von<br />

Förderleistungen und Grubenproduktivität. Unter<br />

diesen Bedingungen konnten die kleinen Schachtanlagen<br />

Springen I (1964), Kaiseroda I (1965), Menzengraben<br />

(1966) sowie Alexandershall (1967) stillgelegt<br />

werden.<br />

Die Schachtförderanlagen der verbleibenden Standorte<br />

wurden durch Schachtfallleitungen für Diesel,<br />

Öle, Wasser und Sprengstoff entlastet oder es wurden<br />

besondere Transportschächte geschaffen. Die<br />

Grube Merkers wurde zwischen 1961 und 1974 von<br />

Seilbahn- auf Bandanlagenförderung umgestellt. In<br />

Unterbreizbach lösten 1965 Bandanlagen auf der<br />

ersten Sohle die dort zeitweise vorhandene Lokförderung<br />

ab. Erst 1984 wurde das Westfeld der Grube<br />

Springen auf Bandförderung umgestellt. Eine Zentralisierung<br />

der Grubenförderung auf dem erneuerten<br />

Schacht III in Springen ermöglichte 1964 die<br />

Stilllegung der Zubringerluftseilbahn von Springen I.<br />

1965 begannen erste Versuche mit ANC-Sprengstoff<br />

in Merkers.<br />

In den Fabriken Unterbreizbach und Merkers wurden<br />

carnallitreiche Mischrohsalze heiß verlöst. Es<br />

wurden nur noch die höherprozentigen Sorten der<br />

Kali-Düngemittel produziert und hochkonzentriertes<br />

Kaliumchlorid für die chemische Industrie er-<br />

2<br />

3<br />

4<br />

113


DIE PARTEI IST IMMER DABEI<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

In der DDR hatte die Sozialistische Einheitspartei<br />

Deutschlands (SED) eine führende Rolle in Staat,<br />

Gesellschaft und Wirtschaft inne. Auch den verschiedenen<br />

Massenorganisationen gab sie die Ziele<br />

im Hinblick auf ihre Tätigkeit beim Aufbau des<br />

ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden<br />

vor. Im planwirtschaftlichen System der DDR machte<br />

die SED über verschiedene Kanäle den Betrieben<br />

wirtschaftliche Vorgaben. Dementsprechend war<br />

die Partei auch in der Kaliindustrie immer präsent.<br />

Mit nie erlahmender Energie wurde auf Versammlungen,<br />

mit Wandzeitungen und Flugschriften, in<br />

den Massenorganisationen und Kollektiven versucht,<br />

die Überlegenheit des sozialistischen Systems<br />

deutlich zu machen, die Belegschaften auf seine<br />

Ziele einzuschwören und bei der Planerfüllung zu<br />

immer neuen Höchstleistungen anzuspornen.<br />

B<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

A<br />

Zum 20. Jahrestag der SED verpflichtet sich die Kaliindustrie<br />

zu zusätzlicher Produktion über den Plan hinaus.<br />

Eine Tafel aus der Grube Menzengraben [um 1966]<br />

Festveranstaltung in Merkers anlässlich des 33. Jahrestages<br />

der russischen Oktoberrevolution im Jahr 1950<br />

Kundgebung der FDJ vor dem Werkseingang in Merkers<br />

[um 1980]<br />

Urkunde zur Erinnerung an die Verleihung des „Karl-<br />

Marx-Ordens” an die Beschäftigten des Kalibetriebs<br />

„Werra“ im Februar 1974<br />

D<br />

C<br />

114


zeugt. 1964 begann die Granulatproduktion in<br />

Unterbreizbach. Merkers erhielt 1967/68 eine<br />

Zentralwerkstatt und 1976 eine neue, leistungsfähigere<br />

Bromfabrik. 1978 ging in Merkers ein neues<br />

Lösehaus in Betrieb. Zur Lösung der wettertechnischen<br />

Probleme der Grube Unterbreizbach wurde<br />

1978 der Wetterverbund Werra geschaffen. Dazu<br />

wurde in Verbindung mit der Öffnung der Schächte<br />

Möllersgrund (früher Dönges I und II) und deren<br />

Anschluss an das Grubengebäude von Springen<br />

und Merkers ein Durchschlag nach Unterbreizbach<br />

aufgefahren. Die Gruben Merkers, Unterbreizbach<br />

und Springen sind seitdem miteinander verbunden.<br />

Nach einem Gebirgsschlag 1958 bei Merkers wurden<br />

Dimensionierungsregeln auf der Grundlage<br />

mathematischer Modelle und gesteinsmechanischer<br />

Untersuchungen für das Werra-Revier entwickelt.<br />

Mit ihrer Einführung begann eine intensivere Ausnutzung<br />

der Lagerstätte, die besonders seit 1975<br />

von einer umfangreichen und vielfältigen Forschungstätigkeit<br />

begleitet war.<br />

1968 erhielt die Grube Merkers eine Großbunkeranlage<br />

mit einem Speichervolumen von 7.000 Tonnen.<br />

Diese wurde 1989 durch einen Flachbunker<br />

mit 50.000 Tonnen Speicherkapazität ersetzt. Seit<br />

1981 ist in Merkers Schacht III eine Schachtfallleitung<br />

für Sprengstoff in Betrieb.<br />

Nachdem bereits Ende der 50er Jahre kurzzeitig eine<br />

Streckenvortriebsmaschine in der Grube Unterbreizbach<br />

verwendet worden war, wurde seit 1987<br />

im CO 2 -ausbruchsgefährdeten Süd-West-Feld der<br />

Grube Merkers eine im Vollschnitt arbeitende Gewinnungsmaschine<br />

erfolgreich eingesetzt. In allen<br />

Gruben wurden seit 1958 die vorhandenen Grubenlüfter<br />

durch modernere und leistungsfähigere Hauptgrubenlüfter<br />

ersetzt. 1990 wurde ein Förderverbund<br />

zwischen den Gruben Springen und Merkers einge-<br />

1<br />

2<br />

3<br />

1 Ein Großprojekt war der Neubau des Lösehauses in Merkers,<br />

das 1978 in Betrieb gegangen ist<br />

2 Ein Erinnerungsfoto, aufgenommen nach dem Durchschlag<br />

zu den Schächten in Möllersgrund<br />

3 Erweiterung der Granulierung in Unterbreizbach [vor<br />

1968]<br />

115


A<br />

B<br />

C<br />

DIE KALIINDUSTRIE KÜNSTLERISCH<br />

BETRACHTET<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Lange Zeit war der vor einigen Jahren verstorbene<br />

Rudolf Schäbitzer im Kaliwerk Merkers als Geologe<br />

tätig. Neben seiner Arbeit hat er gemalt, gezeichnet<br />

und mit anderen Techniken künstlerisch gearbeitet.<br />

Im Laien-Kunstzirkel des Kaliwerkes hat er<br />

sich viele Jahre, auch in leitender Funktion künstlerisch<br />

betätigt. Die Kaliindustrie, in der er sein Arbeitsleben<br />

verbracht hat, ließ ihn auch bei seinem<br />

Hobby nicht los. So sind eine Vielzahl von Arbeiten<br />

entstanden, die die Kaliindustrie im Werratal,<br />

ihre Anlagen und ihre Arbeitswelt zum Thema<br />

haben.<br />

A Hauer mit Säulenbohrmaschine. Linolschnitt aus dem<br />

Zyklus „Der Bergmann im Wandel der Zeit", 1975<br />

B Dorndorf mit dem Oechsenberg in der Ferne. Aquarell,<br />

1991<br />

C Seilbahn von den Schächten II und III in Springen zur chemischen<br />

Fabrik in Dorndorf. Aquarell, 1990<br />

D Der Neubau des Lösehauses im Kaliwerk Merkers.<br />

Linolschnitt, 1974<br />

E Der Steiger. Radierung, 1969<br />

D<br />

E<br />

116


ichtet. Insgesamt konnten in wesentlichen Produktionsabschnitten<br />

große Fortschritte erzielt und ein<br />

mit den hessischen Werken in etwa vergleichbares<br />

technisches Niveau erreicht werden. Die Kalibergleute<br />

aus Thüringen, denen die Nachkriegsgeschichte<br />

ein besonderes und wechselvolles Schicksal beschert<br />

hatte, erbrachten dabei beachtenswerte Leistungen.<br />

1974 produzierten die thüringischen Kaliwerke erstmals<br />

mehr als eine Million Tonnen K 2 O-Kalidüngemittel.<br />

Damit wurden zwar die Kapazitäten voll<br />

ausgelastet, aber im Vergleich zu anderen<br />

Kaliproduzenten nicht das erforderliche<br />

Produktivitäts- und Effektivitätsniveau erreicht. Die<br />

physikalische Zusammensetzung und das<br />

Lagerverhalten der Produkte, besonders von K60,<br />

Brom und Natriumsulfat, entsprachen nicht den<br />

Anforderungen des Marktes. Großgeräte- und<br />

Brechertechnologie konnten aufgrund der fehlenden<br />

Leistungsfähigkeit der Zulieferindustrie – die<br />

Bergwerksmaschinenfabrik in Dietlas war der einzige<br />

Maschinenproduzent für den Bergbau der DDR –<br />

nicht den internationalen Stand erreichen.<br />

Aufgrund eines seit 1988 von einer Absatzkrise<br />

erfassten Kali-Weltmarktes und der Anbindung an<br />

die Marktwirtschaft 1990 wurden diese Defizite in<br />

den thüringischen Kaliwerken zum Problem und<br />

führten zur Stilllegung der Standorte Dorndorf und<br />

Merkers.<br />

1<br />

2<br />

1 Die Kalifabrik in Dorndorf beherrscht um [um 1980] mit<br />

ihrer Silhouette das Werratal<br />

2 Das charakteristische Fördergerüst des Kaliwerks in Unterbreizbach<br />

mit einem Teil der Fabrikanlagen<br />

3 Zeichnungen einiger der im VEB Bergwerksmaschinenfabrik<br />

Dietlas hergestellten Bergbaugeräte<br />

3<br />

117


A<br />

BERGWERKSMASCHINEN<br />

AUS DIETLAS<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Viele der in der DDR-Kaliindustrie unter Tage benötigten<br />

Maschinen und Ausrüstungen stellte die<br />

Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas her. Sie hatte<br />

sich nach bescheidenen Anfängen bis 1989 zum<br />

wichtigsten Hersteller für in der Kaliindustrie eingesetzte<br />

Bergbaugroßgeräte entwickelt. 1949 verließen<br />

die ersten Schrapperanlagen und Seilbahnmaschinen<br />

das Werksgelände. Ab Mitte der 1960er<br />

Jahre wurde der Betrieb großzügig ausgebaut und<br />

1966 entstand das erste eigengefertigte Großgerät,<br />

ein Schwerlasttransportfahrzeug. Nach und nach<br />

kam die gesamte Palette der im modernen Kalibergbau<br />

benötigten Großgeräte wie Sprenglochund<br />

Großlochbohrwagen, Lader, Beraubemaschinen<br />

und Ankerbohrwagen hinzu. Die Ingenieure<br />

und Arbeiter vollbrachten dabei ohne Zweifel<br />

große Leistungen. Dessen ungeachtet gab es aber<br />

auch viele Diskussionen darüber, ob und in wieweit<br />

Teile der Großgeräte westdeutschen Vorbildern<br />

nachgebaut worden sind.<br />

118<br />

Seismische Erscheinungen<br />

1<br />

Der Zeitraum nach 1945 war im thüringischen Kali-<br />

Revier eine Periode, während der die Lagerstätte<br />

beispiellos ausgebeutet wurde. Der Hintergrund<br />

dafür war die Notwendigkeit, mit Kaliexporten im<br />

Ausland möglichst viele Devisen für die Volkswirtschaft<br />

der DDR zu erwirtschaften. Die starke Ausbeutung<br />

der Lagerstätte führte auch zu negativen<br />

Auswirkungen und Risiken für die Oberfläche über<br />

den Grubenbauen. Waren bislang im Werra-Revier<br />

vor allem Ausbrüche von CO 2 und Salz bekannt, so<br />

traten seit Beginn der 1970er Jahre als Folge intensiver<br />

Ausbeutung der Lagerstätte neue Risiken für<br />

die Tagesoberfläche auf. Der verstärkte Carnallititabbau<br />

und neue Maßnahmen zur Senkung der Abbauverluste<br />

führten zu einer an der Tagesoberfläche<br />

zunehmend spürbaren Seismizität. Die zunehmend<br />

kritische Betrachtung des Geschehens durch die<br />

Bewohner der betroffenen Ortschaften veranlasste<br />

die staatlichen Stellen zu einer weiteren Einschränkung<br />

ihrer Informationspolitik. In den 1980er Jahren<br />

entwickelten sich die Themen Behandlung und<br />

Entscheidung der vom Bergbau verursachten Probleme<br />

daher zur „Geheimen Kommandosache“ der<br />

DDR. Denn das Ziel war weiterhin, die maximale<br />

Menge an Devisen zu erwirtschaften.<br />

Die Gebirgsschläge von 1975 und 1989 mit Epizentren<br />

in Sünna und Völkershausen zeigten die eingegangenen<br />

Risiken und Mängel beim Abbau auf sowie<br />

die Grenzen der damaligen Messtechnik und


A Ein Spezial- Sprenglochbohrwagen für Bohrtiefen bis 30<br />

Meter [um 1985]<br />

B Ein Bohrwagenfahrer im Fahrstand seines Bohrwagens<br />

C Ladetransportfahrzeug S 10000/2 bei der Endmontage in<br />

der Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas<br />

C<br />

B<br />

der Möglichkeiten zur mathematischen Modellierung.<br />

23 Durch spätere Gutachten wurde für die vorhandenen<br />

großflächigen Carnallititpfeilersysteme<br />

eine Unterdimensionierung nachgewiesen. Hinzu<br />

kam, dass die angewandten Verfahren zur Berechnung<br />

der Pfeilerdimensionen nicht ausreichend berücksichtigt<br />

hatten, dass die Carnallititpfeiler einem<br />

verformungsabhängigen Entfestigungsverhalten<br />

unterlagen. Das erforderte seit 1993 umfangreiche<br />

1 Menge der Güter, die für eine verkaufte Tonne Kalidünger<br />

durch die DDR importiert werden konnte<br />

2 Schäden in der chemischen Fabrik Dorndorf nach dem<br />

Gebirgsschlag im März 1989<br />

3 Zerstörungen im Ortskern von Völkershausen nach dem<br />

Gebirgsschlag<br />

2 3<br />

119


120<br />

CO2-Ausbrüche in Menzengraben<br />

„Die Grube Menzengraben ist durch eine besondere geologische Beschaffenheit<br />

gekennzeichnet. ... So litt seit der Inbetriebnahme der Grube Menzengraben<br />

diese ständig unter kleineren und größeren CO 2 -Ausbrüchen. Am<br />

7.7.1953 erfolgte ein CO 2 -Ausbruch von bis dahin noch nicht bekanntem<br />

Ausmaß. Die Kohlensäure drang aus der Schachtröhre hinaus und überflutete<br />

teilweise das tiefer gelegene Feldatal. Die Entgiftung der Grube gestaltete<br />

sich äußerst schwierig. Die durch den Ausbruch verursachten Schäden in der<br />

Grube und in der Schachtröhre waren beträchtlich und hatten ... einen längeren<br />

Stillstand zur Folge. Am 17.4.1958 kam es zu einem [weiteren] schweren<br />

CO 2 -Austritt. Leider waren bei beiden Ereignissen auch eine Anzahl<br />

Menschenleben [07.07.1953: 3 Tote; 17.4.1958: 6 Tote] über und unter<br />

Tage zu beklagen.“<br />

Aus: Menzengraben 1911-1966. Merkers 1966, S. 12.<br />

A<br />

B<br />

A<br />

B<br />

Zerstörungen in einer Seilbahnstrecke nach einem Gasausbruch<br />

Zerstörtes Stahlbetondach über dem 520 Meter tiefen Schacht Menzengraben II nach<br />

dem Kohlensäuregasausbruch vom 07.07.1953<br />

Verwahrungsarbeiten in der Grube Merkers. 24<br />

Mehrere folgenschwere Gas-Salz-Ausbrüche auf der<br />

Schachtanlage Menzengraben in den 1950er Jahren<br />

erforderten eine intensive wissenschaftliche Untersuchung<br />

dieses Phänomens. An der Bergakademie<br />

Freiberg und in den thüringischen Gruben des Werrareviers<br />

wurde von 1958 bis 1969 von der „Forschungsgemeinschaft<br />

mineralgebundene Gase“ ein<br />

komplexes Schutzsystem zur Beherrschung der vom<br />

CO 2 -Gas ausgehenden Gefahren entwickelt. Auch<br />

mit Hilfe der Ergebnisse weiterer Auftragsforschung<br />

an der Bergakademie Freiberg konnte gewährleistet<br />

werden, dass sich das parallel zu den großen Abbaufortschritten<br />

in Richtung Süden steigernde Gas-<br />

Salz-Ausbruchsgeschehen in den 1980er Jahren<br />

zunehmend besser beherrschen ließ. 25<br />

An der Grenze prägt die Kaliindustrie<br />

die regionalen Strukturen<br />

Der Grenzverlauf zwischen Thüringen und Hessen<br />

ist das Ergebnis der historischen Entwicklung seit<br />

dem Mittelalter. Bis zum Ende des II. Weltkrieges<br />

hatte die Grenze lediglich eine verwaltungstechnische<br />

Bedeutung und behinderte das Zusammenleben<br />

der Menschen auf beiden Seiten in keiner<br />

Weise. Die deutsche Teilung als Folge des II. Weltkrieges<br />

unterbrach die gewachsenen, vielfältigen<br />

ökonomischen, verkehrstechnischen, sozialen und<br />

kulturellen Verflechtungen. Der zuvor einheitliche<br />

Wirtschaftsraum des Werra-Gebiets zerfiel nun in<br />

zwei Teile.<br />

So wurden die bestehenden Verbundstrukturen für<br />

die Gewinnung und den Transport von Rohsalz,<br />

Energie und Material zwischen den Werken des Reviers<br />

aufgelöst. Die Zonengrenze veränderte die Einzugsbereiche,<br />

aus denen die Belegschaften stammten,<br />

und die vorhandenen Verkehrsverbindungen,<br />

insbesondere die Eisenbahnstrecken, wurden unterbrochen.<br />

Dadurch verloren ursprüngliche Zentren<br />

wie Vacha, Gerstungen und Geisa einen Teil ihrer<br />

früheren Bedeutung. Das Revier geriet verkehrsmäßig<br />

in eine Randlage, an der auch der Bau von<br />

Eisenbahnstrecken für den Kalitransport zwischen<br />

Unterbreizbach und Vacha (1952) sowie zwischen<br />

Gerstungen und Förtha (1961/62) nichts änderte.<br />

Der permanente Personalbedarf der Kaliindustrie


1<br />

nach Beendigung des II. Weltkrieges ermöglichte in<br />

der Region die Beschäftigung zahlreicher Flüchtlinge<br />

aus den deutschen Ostgebieten und erlaubte<br />

es ihnen, an der Werra heimisch zu werden.<br />

Nachdem die Grenze das Schienennetz unterbrochen<br />

hatte, verlagerte sich der Personenverkehr zunehmend<br />

auf die Straße. Dieser Prozess verstärkte<br />

sich noch, weil sich die Einzugsbereiche für die Mitarbeiter<br />

der Kaliwerke erweiterten. Als Reaktion auf<br />

die geschilderte Entwicklung schufen und betrieben<br />

die Werke ein umfangreiches Autobusnetz.<br />

Die DDR war der zweitgrößte Kaliexporteur der<br />

Welt. Im Devisenhaushalt der DDR hatten die Kali-<br />

1 Besprechung im Rahmen der Forschungsarbeiten der<br />

„Arbeitsgemeinschaft mineralgebundene Gase“ in der<br />

Grube Menzengraben [um 1960]<br />

2 Verlegen von Gleisen beim ersten sozialistischen Bahnbau<br />

von Vacha nach Unterbreizbach im Jahr 1952<br />

3 Markscheider Egon Clute-Simon noch auf bundesdeutschem<br />

Gebiet in Philippsthal mit Leiter unterwegs zum<br />

Überschreiten der Grenze [um 1950]<br />

4 Die Grenze ist überquert und über die Vachaer Brücke<br />

geht er zu seinem Arbeitsplatz in der DDR [um 1950]<br />

2<br />

3 4<br />

121


1<br />

1 Vor allem für Kaliarbeiter errichtete Wohnblocks in<br />

Bad Salzungen [um 1970]<br />

122<br />

verkäufe eine erhebliche Bedeutung. Die Kaliindustrie<br />

war einer der wenigen Industriezweige, der auf<br />

den Märkten dringend benötigte Devisen erwirtschaftete.<br />

So exportierten im Jahr 1976 die thüringischen<br />

Kaliwerke 86,4 Prozent ihrer Erzeugnisse.<br />

Nicht zuletzt deswegen wurde der Kalibergbau in<br />

der DDR umfangreich staatlich gefördert. Im Rahmen<br />

der staatlichen Planwirtschaft wurde das Werra-<br />

Kali-Gebiet im damaligen Landkreis Bad Salzungen<br />

schwerpunktmäßig auf den Kalibergbau ausgerichtet,<br />

wodurch sich auch die Krisenempfindlichkeit<br />

verstärkte. Am 7.4.1964 beschloss der Bezirkstag in<br />

Suhl das „Programm zur territorialen Sicherung der<br />

Entwicklung der Kaliindustrie im Bezirk Suhl“. Es<br />

sah Maßnahmen zur Sicherung des Bedarfes an Arbeitskräften<br />

für den Bergbau, die Ausrichtung der<br />

Berufsausbildung auf die Belange der Kaliindustrie<br />

und ein Wohnungsbauprogramm mit Schwerpunkt<br />

in Bad Salzungen vor. 26 Die Umsetzung der genannten<br />

Maßnahmen prägte die regionale Situation in<br />

steigendem Maße.<br />

Die Bedeutung der Kaliindustrie für die Volkswirtschaft<br />

der DDR, insbesondere die des Werra-Reviers,<br />

belegt nicht zuletzt auch eine Vielzahl von<br />

Besuchen ranghoher Vertreter des Politbüros der<br />

SED und der Regierung der DDR. So besuchte im<br />

Januar 1976 der damalige Erste Sekretär und spätere<br />

Staatsratsvorsitzende Erich Honecker die Grube<br />

Merkers und nahm anschließend an der Betriebs-<br />

delegiertenkonferenz der SED-Grundorganisation<br />

teil. Honecker hielt sich bereits in den 1960er Jahren<br />

mehrmals im Kalirevier an der Werra auf und hatte<br />

dort eine zeitlang seinen Volkskammerwahlkreis.<br />

Im zunehmenden Maße traten in der Region, besonders<br />

seit 1970, ökologische Probleme auf. Die seit<br />

1913 existierenden Obergrenzen für die <strong>Salze</strong>inleitung<br />

der Kaliwerke in die Werra wurden seit Mitte<br />

der 1960er Jahre erheblich überschritten. 1968 stellten<br />

die thüringischen Kalifabriken das Versenken<br />

salzhaltiger Abwässer ein. Durch die Einleitung der<br />

gesamten Endlauge in die Vorflut gelangten jährlich<br />

fast neun Millionen Tonnen Salz in die Werra. 27 Der<br />

Fluss war damit praktisch biologisch tot. Regierungsverhandlungen<br />

zwischen der Bundesrepublik<br />

Deutschland und der DDR seit Anfang der 1970er<br />

Jahre blieben ohne greifbares Ergebnis.<br />

Steigende Umweltbelastungen verursachten auch die<br />

teilweise stark veralteten Kraftwerksanlagen. Fehlende<br />

und schadhafte Filteranlagen sowie ständig<br />

wechselnder Brennstoffeinsatz hatten einen immensen<br />

Staubausstoß und hohe Gasemissionen zur<br />

Folge.Vorhandene Pläne zur Reduzierung dieser<br />

Umweltbelastungen wurden nicht in die Tat umgesetzt<br />

aufgrund fehlender Baubilanzen und nicht<br />

beschaffbarer Ausrüstungen. 28<br />

Mit dem Rückgang der Kaliproduktion und der<br />

Stilllegung der Standorte Dorndorf und Merkers<br />

sowie der Umstellung des Standortes Unterbreiz-


A<br />

B<br />

DIE BERGMANNSTAGE - DAS FEST<br />

DER BERGLEUTE<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Einmal in Jahr hatten die Bergbaubetriebe in der<br />

DDR ihren eigenen Ehrentag. Was zunächst als<br />

„Tag des deutschen Bergmanns“ begann, „Tag des<br />

Bergmannes der DDR“ und schließlich „Tag des<br />

Bergmannes und Energiearbeiters“ hieß, waren Veranstaltungen,<br />

mit denen die Bedeutung der DDR-<br />

Bergbauindustrie betont und das Selbstbewusstsein<br />

der Bergarbeiter gefördert werden sollte. Der Bergbau<br />

erfuhr seitens der Politik stets eine ideologische<br />

Aufwertung, weil die rohstoffarme DDR auf<br />

seine Erzeugnisse angewiesen war. So konnte zum<br />

Beispiel mit der Braunkohlenförderung die Energieerzeugung<br />

auf eigener Rohstoffbasis betrieben<br />

werden, die Kupfergewinnung half, teure Importe<br />

zu vermeiden und dem Kalibergbau gelang es,<br />

durch Exporte harte Devisen zu erwirtschaften.<br />

Auch an der Werra waren die Umzüge und Veranstaltungen<br />

zu den Bergmanntagen besondere Höhepunkte,<br />

die viele tausend Menschen anzogen. Trotz<br />

ihrer ideologischen und propagandistischen Ausrichtung<br />

im Sinne des DDR-Systems waren sie stets<br />

auch Ausdruck des bergmännischen Standesbewusstseins<br />

und nicht zuletzt einfach große Familienfeste.<br />

Dabei gab es eine anfangs freudig begrüßte,<br />

sich später zum Ärgernis entwickelnde Besonderheit:<br />

Die Ausgabe von Bezugsscheinen für<br />

verbilligten Trinkbranntwein, den so genannten<br />

„Schachtschnaps“. Auch die Flut von Orden und<br />

Auszeichnungen, die aus diesem Anlass vergeben<br />

wurden, sind noch heute bei den Beteiligten in<br />

Erinnerung.<br />

A Die Ehrentribüne in Bad Salzungen 1974<br />

B Ein Festwagen des Kraftwerkes Merkers steht 1982 vor<br />

der Abfahrt in Merkers<br />

C Der Festzug zum Tag des Bergmanns der DDR in Bad<br />

Salzungen 1966<br />

D Bei den Bergmannstagen verteilte Anstecknadeln<br />

C<br />

D<br />

D<br />

123


PROMINENTER BESUCH BEI “KALI”<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Mit etwa 8.000 Beschäftigten gehörte der VEB<br />

Kalibetrieb „Werra“ zu den Großbetrieben in der<br />

DDR. Für den damaligen Bezirk Suhl war er ein<br />

strukturprägender Schlüsselbetrieb. Der Bergbau<br />

insgesamt wurde von der Staatsführung meist mit<br />

besonderem Wohlwollen betrachtet. Vor diesem<br />

Hintergrund ist es naheliegend, dass die Kaliindustrie<br />

im thüringischen Werratal häufiger prominenten<br />

Besuch bekam. Neben Vertretern der politischen<br />

Elite der DDR wie Erich Honecker und Egon<br />

Krenz, um nur zwei zu nennen, blieben besonders<br />

die beiden Kosmonauten bei Vielen im Gedächtnis.<br />

1964 kam der erste Weltraumflieger der Welt, Juri<br />

Gagarin, auf Stippvisite ins Kalirevier. Besonders<br />

stolz war die DDR darauf, dass sie es war, die den<br />

ersten Deutschen, Siegmund Jähn, auf Weltraumreise<br />

geschickt hatte. Nach seiner Landung ging der<br />

DDR-Kosmonaut auf Rundreise und kam dabei am<br />

1. Februar 1979 nach Merkers.<br />

A<br />

B<br />

1<br />

bach auf Erdgas zu Beginn der 1990er Jahre ist die<br />

Umweltbelastung wesentlich reduziert worden. Der<br />

Preis der Stilllegungen war allerdings die Freisetzung<br />

von vielen arbeitsfähigen Menschen, für die<br />

eine anderweitige Beschäftigung in der Region häufig<br />

nicht vorhanden war.<br />

Mit über 8.000 Beschäftigten allein an der Werra gehörte<br />

die Kaliindustrie zweifelsohne zu einem der<br />

größten industriellen Kerne der DDR-Industrie, war<br />

ein wichtiger Faktor in der DDR-Wirtschaft und<br />

stellte gleichzeitig einen wichtigen Devisenbringer<br />

dar. Deshalb hatte die SED-Führung stets ein besonderes<br />

Augenmerk auf die Entwicklung der Werke.<br />

Letztendlich zeigte sich aber zum Ende der 1980er<br />

Jahre, dass der Preis der einseitig auf die Kaliförderung<br />

ausgerichteten Entwicklung und die jahrelange<br />

intensive Ausbeutung der Gruben, verbunden<br />

mit den ökologischen Gefahren, zu hoch war, um<br />

der Region eine dauerhafte und sichere Perspektive<br />

zu bieten.<br />

124


A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

E<br />

Juri Gagarin, der erste Kosmonaut der Welt, besucht am<br />

18.10.1963 das Kaliwerk Merkers<br />

Anläßlich seines Besuchs am 1.2.1979 begrüßt Siegmund<br />

Jähn die Kumpel in der Grube Merkers<br />

Die Schwester von Wilhelm Pieck, Elly Winter, unter Tage<br />

bei einer Grubenfahrt in Springen 1967<br />

Egon Krenz, der spätere Nachfolger von Erich Honecker<br />

als Vorsitzender des Zentralkomitees der SED ist am<br />

17.3.1978 zu Besuch beim Kalibetrieb Werra in seiner<br />

damaligen Funktion als Vorsitzender der FDJ<br />

Erich Honecker unter Tage in der Grube Merkers am<br />

15.1.1976<br />

C<br />

D<br />

E<br />

1 Übersicht über Produktions- und Abwassermengen aller<br />

Kaliwerke an der Werra<br />

2 Werksansicht Kaliwerk Merkers. Das Kraftwerk wird noch<br />

mit Braunkohle befeuert [um 1990]<br />

3 Sprengung eines Schornsteins der chemischen Fabrik in<br />

Dorndorf [um 1993]<br />

4 Letztes Entzünden des kohlenbefeuerten Mitteldruckkessels<br />

III im Kraftwerk Merkers im Februar 1992<br />

2<br />

3 4<br />

125


UNTER REGIE DES KALIBETRIEBS<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Neben der Kaligewinnung übernahm der Kalibetrieb<br />

im Lauf der Jahre, wie andere DDR-Betriebe<br />

auch, immer weiter reichende Aufgaben im Sozial-,<br />

Kultur- und Freizeitbereich. So unterhielt er drei<br />

große Kulturhäuser in Unterbreizbach, Dorndorf<br />

und Merkers. Die Eltern unter den Kaliarbeitern<br />

schickten ihre Kinder gerne in die in den Sommerferien<br />

fast kostenlos angebotenen Ferienlager. Der<br />

Belegschaft wurde es ermöglicht, sich in Ferienheimen<br />

an der Ostsee und bei Dresden zu erholen.<br />

Den Betrieben näher lagen die Ferien- und Freizeiteinrichtungen<br />

in Dörrensolz und am Amönenhof in<br />

der Rhön. Aber auch sportliche Aktivitäten wurden<br />

von den Kaliwerken unterstützt: Vom in der DDR<br />

weithin bekannten Fußballklub FC Kali Werra Tiefenort,<br />

über das Moto-Cross-Gelände an der Hohen<br />

Warth bei Gumpelstadt bis hin zu mehreren Freibädern.<br />

A<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

Das Ferienheim in Nienhagen an der Ostsee<br />

Das Schichtarbeiter-Erholungsheim Amönenhof in der<br />

Rhön [um 1970]<br />

Das Clubhaus das Kaliwerks „Ernst Thälmann“ in Merkers<br />

[um 1966]<br />

Das Schwimmbad in Tiefenort erhielt wie viele andere<br />

Einrichtungen Unterstützung vom Kalibetrieb Werra<br />

B<br />

C<br />

D<br />

126


1<br />

1 Drei Bergleute in der Grube Merkers unter Tage mit<br />

elektrischen Säulen-Drehbohrmaschinen<br />

2 Eine Seilbahn unter Tage in der Grube Merkers<br />

3 In der Grube Springen sind vier Bergleute mit dem<br />

Gleisbau beschäftigt<br />

2<br />

3<br />

127


1<br />

1 In Merkers und Unterbreizbach findet die Ausbildung am<br />

Bergbaugroßgerät unter Tage statt<br />

2 In den ersten Jahren des Abbaus mit Großgeräten waren<br />

in der Grube Merkers auch französische Secoma-Bohrwagen<br />

im Einsatz [vor 1970]<br />

3 Großlochbohrwagen unter Tage in der Grube Merkers<br />

[um 1980]<br />

4 An einem fertig vorbereiteten Abbau wird [um 1980]<br />

Sprengstoff in die gebohrten Sprenglöcher eingeblasen<br />

5 Ein Lader fördert das losgesprengte Rohsalz ab und bringt<br />

es zur nächsten Bandstrecke [um 1980]<br />

6 Die Entfernung von lose hängendem Gestein an der Firste<br />

übernimmt ein Beraubefahrzeug [um 1980]<br />

2<br />

128


3 4<br />

5 6<br />

129


1 2<br />

3 4<br />

130<br />

1 Eine Ansicht entlang der Seilbahn über das Werratal hinweg<br />

zur chemischen Fabrik in Dorndorf kurz vor oder<br />

nach der Stilllegung [um 1990]<br />

2 Eine [um 1970] angefertigte Aufnahme zeigt, wie die<br />

Seilbahntrasse ansteigt, um die vor der Beladestation an<br />

der Schachtanlage Springen II/III liegenden Hügel zu<br />

überwinden


5<br />

6 7<br />

3 Gut gefüllte Seilbahnwagen auf dem Weg zur Fabrik nach<br />

Dorndorf<br />

4 Ein Arbeiter hängt hoch über dem Boden bei Montagearbeiten<br />

an den Trageseilen<br />

5 Sichtlich gut gelaunt sind die bei einer Veranstaltung aufgenommenen<br />

Bergleute<br />

6 Der Bus steht bereit. Vom Werksparkplatz in Merkers aus<br />

geht es in die Ferien<br />

7 Die Buchhandlung der Kalikumpel direkt vor dem Werkseingang<br />

in Merkers<br />

131


1 An einem der beiden Fördergerüste in Merkers wird ein<br />

Hubschrauber bei Montagearbeiten eingesetzt<br />

2 Schichtwechsel in Merkers [um 1970]<br />

3 Der Schacht Kaiseroda I mit Förderturm und einem Teil der<br />

Fabrik vor der Stilllegung im Jahr 1965<br />

4 Früher ein sehr attraktives Bild: das Kaliwerk Merkers bei<br />

Nacht<br />

5 Eine Luftaufnahme aus Richtung Dorndorf verdeutlicht die<br />

Dimensionen der damals noch produzierenden Fabrik Merkers<br />

[um 1990]<br />

1<br />

2 3<br />

132


4<br />

5<br />

133


1 2<br />

3 4<br />

134<br />

1 Fassungslos stehen die Beschäftigten 1993 auf dem<br />

Werksgelände: Gerade ist der Beschluss zur Stilllegung<br />

von Merkers bekannt gegeben worden<br />

2 Eine ganze Reihe von Protestkundgebungen gegen die<br />

Werksstilllegung fanden in Merkers vor dem Werkseingang<br />

statt<br />

3 Das Arbeiterwohnheim des Kaliwerks Merkers fällt nach<br />

der Sprengung in sich zusammen [um 1995]<br />

4 Im April 1996 befindet sich eine große freie Fläche an der<br />

Stelle, an der früher die chemische Fabrik des Kaliwerkes<br />

Dorndorf stand


Rudolf Kokorsch<br />

Wiederaufbau und Rationalisierung –<br />

Kaliindustrie in Hessen 1945–1989<br />

2<br />

3<br />

1 4<br />

Die innerdeutsche Grenzziehung trifft nicht nur die Menschen<br />

im hessischen Werratal, sondern auch die westdeutsche Kaliindustrie<br />

hart, denn mit der „Ostzone“ gehen ihr viele Werke<br />

verloren. Als das westdeutsche Wirtschaftswunder einzusetzen<br />

beginnt, profitiert davon auch die Kaliindustrie und weitet ihre<br />

Kapazitäten aus. Aber kein Aufschwung hält ewig. Als in den<br />

1960er Jahren neue Konkurrenten auf den Weltmarkt drängen,<br />

müssen die Produktion konzentriert, neue Technologien eingeführt,<br />

Personal abgebaut und in Norddeutschland Werke geschlossen<br />

werden. Dennoch haben Ende der 1980er Jahre die<br />

hessischen Kaliwerke dank hoher Investitionen, großer Rationalisierungserfolge<br />

und weitreichender Umweltschutzmaßnahmen<br />

eine gute Position auch im internationalen Wettbewerb<br />

erreicht.<br />

1 Abgesackte Ware wird 1952 im Kaliwerk<br />

Wintershall in Eisenbahnwaggons<br />

verladen<br />

2 Das Fördergerüst des Hattorfer Seilfahrtschachtes<br />

Hera am 12.01.1995<br />

im winterlichen Sonnenlicht<br />

3 Am 30.06.1957 durchschreitet der<br />

Bergmannsverein Neuhof aus Anlass<br />

seines 50-jährigen Bestehens beim<br />

Festzug ein festlich geschmücktes Tor<br />

4 Ein Lader LF 15 beim Einsatz in der<br />

Grube Hattorf [um 1990]


1<br />

2<br />

Startbedingungen und Produktionsaufnahme<br />

nach Kriegsende<br />

Die Voraussetzungen für eine erfolgversprechende<br />

und dauerhafte Aufwärtsentwicklung der Kaliindustrie<br />

in Hessen nach dem Ende des II. Weltkrieges<br />

waren gegeben. Die Kaliwerke, die Infrastruktur 1<br />

und die Bevölkerung hatten die Folgen der Kriegshandlungen<br />

und die Wirren der letzten Kriegstage<br />

vergleichsweise glimpflich überstanden.<br />

Die hessischen Kaliwerke hatten bis Ende 1944 voll<br />

produziert. Ihre technische Ausrüstung über wie<br />

unter Tage war für europäische Verhältnisse modern.<br />

Die Schächte der aktiven Werke waren zwar<br />

alle älter als 35 Jahre, aber ihr Bau war zu einem<br />

Zeitpunkt angesetzt worden, als man schon erfahren<br />

war im Niederbringen von Schächten im Salinar.<br />

Die bis 1945 als Muna-Werke genutzten so genannten<br />

Reserveschächte waren betriebsbereit.<br />

Die Infrastruktur im Werra-Fulda-Revier hatte durch<br />

Kriegseinwirkungen einigen Schaden genommen<br />

(Brücken, Eisenbahnen, Stromversorgung). Viel folgenschwerer<br />

aber war, dass die Teilung Deutschlands,<br />

die sich nach der Kapitulation 1945 sehr schnell abzeichnete,<br />

„mitten durch’s Revier“ ging: Familien,<br />

Dörfer, Verwaltungseinheiten, Schulbezirke, kulturelle<br />

Verbindungen, Verkehrswege, Arbeitsplätze,<br />

136<br />

3<br />

Mannstiefe Gräben an der<br />

Zonengrenze<br />

Nachdem am ... Vormittag der ostzonale Zonengrenzübergangspunkt<br />

Vacha – Philippsthal noch als<br />

einziger kleiner Übergangspunkt für den Interzonenverkehr<br />

geöffnet war, schickten die ostzonalen<br />

Grenzbehörden am ... Nachmittag alle Interzonenreisenden<br />

nach Philippsthal zurück. Gleichzeitig<br />

begannen sie damit, unmittelbar vor ihrem Schlagbaum<br />

einen etwa ein Meter breiten und mannstiefen<br />

Graben quer über die Straße auszuheben.<br />

Das ostzonale Abfertigungsgebäude wurde geräumt.<br />

Die Straßen der Stadt Vacha schienen fast ausgestorben.<br />

...<br />

Auch wurde uns erklärt, daß Arbeiter beauftragt<br />

waren, durch Herausnahme der Schienenteile den<br />

Eisenbahnverkehr zwischen Ost und West zu unterbrechen.<br />

Entlang der ganzen hessisch-thüringischen Landesgrenze<br />

bot sich dem Beschauer das gleiche Bild.<br />

Überall wurden quer zu den Straßen Gräben aus-


Wasser- und Stromversorgungsunternehmen, Industriebetriebe<br />

und -unternehmen wurden schlagartig<br />

getrennt und mussten neu geschaffen und strukturiert<br />

werden. Die deutsche Kaliindustrie verlor viele<br />

Werke an der Werra, am Südharz und im Bezirk<br />

Staßfurt, insgesamt 60 Prozent ihrer Kapazität.<br />

Die Teilung Deutschlands, die 45 Jahre anhalten sollte,<br />

war im Werragebiet so greifbar und folgenreich<br />

wie nur an wenigen Stellen in Deutschland, wenn<br />

man von der deutschen Hauptstadt absieht.<br />

Trotzdem: Es wurde aufgeräumt, zusammengerückt<br />

und angepackt in einer Art und Weise, die einige<br />

Historiker heute sogar damit erklären, dass wir<br />

Deutschen dadurch unsere Fehler aus der Hitler-<br />

Zeit vergessen machen wollten. Jedenfalls entstand<br />

aus diesem Aufbauwillen heraus das, was später den<br />

Namen Wirtschaftswunder erhielt, ein Wiederaufbau<br />

und ein Wirtschaftsboom auf breiter Basis.<br />

Bis zum 30. März 1945 hatten die Kaliwerke an der<br />

Werra in Betrieb gestanden.Am 8.Mai hatte Deutschland<br />

kapituliert. Und bereits im August 1945 wurde<br />

auf Wintershall wieder Steinsalz gefördert (unter<br />

anderem als Tauschobjekt gegen Steinkohle aus der<br />

Tschechoslowakei für die Kraftwerke), im Frühjahr<br />

1946 auf Hattorf und Wintershall auch wieder Kali.<br />

Die Zeit für den Neuaufbau der beiden Reserve-<br />

4<br />

Kaliwerke Herfa-Neurode und Neuhof-Ellers, die<br />

seit den 30er Jahren als Muna-Werke genutzt worden<br />

waren, kam erst später.<br />

Die folgende Aufwärtsentwicklung der Kaliindustrie<br />

in der Bundesrepublik, und darin an hervorragender<br />

Stelle eingebunden die Werra-Werke, verlief jedoch<br />

nicht so gleichmäßig, wie die Erinnerung vielleicht<br />

wahrhaben möchte. So wurde die Unterbrechung<br />

der Transportmöglichkeiten auf dem Schienenweg<br />

mehrfach als politisches Druckmittel erst durch die<br />

Sowjets und später von der DDR eingesetzt.<br />

gehoben. Der Bahnhof Gerstungen lag völlig verlassen.<br />

Er war vor einigen Tagen restlos von der<br />

Ostzoneneisenbahn geräumt worden. Lediglich die<br />

Haupteisenbahnlinie Bebra-Obersuhl-...-Eisenach<br />

war noch frei, während der restliche Zwischenzonenverkehr<br />

gesperrt wurde. Inwieweit sich die<br />

Sperrung dieses Zwischenzonenverkehrs auf die<br />

Beförderung der Kaliarbeiter aus den Landkreisen<br />

Rotenburg und Eschwege und auf den Transport<br />

der Kalizüge aus dem Kaligebiet der Werrawerke<br />

Heringen (Wintershall) und Philippsthal (Hattorf)<br />

hindernd bemerkbar machen bleibt abzuwarten.<br />

Wie uns am Samstag in Heringen erklärt wurde,<br />

erhielten die in der Ostzone wohnenden Kaliarbeiter<br />

der Gewerkschaft Wintershall nicht ihre Papiere<br />

ausgehändigt, sondern gingen zunächst drei<br />

Wochen in Jahresurlaub. Man hofft innerhalb der<br />

nächsten Tage oder Wochen eine Klärung dieser<br />

Angelegenheit herbeiführen zu können und die<br />

erneute Genehmigung zum Grenzübertritt für die<br />

Kaliarbeiter zu erhalten. [...]<br />

Aus: Hersfelder Zeitung vom 01.06.1952.<br />

1 Mit dem Wipper werden am Füllort des Schachtes Hattorf<br />

die Kettenbahnwagen [vor 1945] entladen<br />

2 Das Kaliwerk Neuhof, nach dem II. Weltkrieg, noch vor<br />

Beginn der Wiederinbetriebnahme<br />

3 Schema der DDR-Grenzsperren [um 1960]<br />

4 Neben dem Kaliwerk Merkers war das Werk Sondershausen<br />

einer der wichtigsten Standorte, der dem Wintershall-<br />

Konzern durch die Grenzziehung verloren ging<br />

137


1<br />

Die Kreisbahn von Bad Hersfeld nach Heimboldshausen<br />

schuf zwar Entlastung. Nach Reparatur der<br />

zerstörten Brücke über die Fulda bei Bad Hersfeld<br />

konnte sie den Betrieb im September 1945 wieder<br />

aufnehmen. Aber erst nach Verstärkung der Gleisanlagen<br />

und der Ausrüstung war sie in der Lage,<br />

den Abtransport großer Kalimengen sicherzustellen.<br />

Noch gab es immer wieder Waggonmangel bei der<br />

Bundesbahn und Lücken bei der Versorgung der<br />

Kraftwerke mit Kohle.<br />

Der Kalivertrieb musste, nachdem die Alliierten das<br />

1910 gegründete deutsche Kalisyndikat, das von<br />

Berlin aus den Kaliverkauf zentral geleitet hatte, neu<br />

aufgebaut und strukturiert werden. So wurde zum<br />

Beispiel in Bad Hersfeld vorübergehend eine Verkaufsstelle<br />

eingerichtet.<br />

Andererseits konnte die westdeutsche Kaliindustrie<br />

bei ihrem Aufbau nach 1945 auf die Erfahrungen<br />

der Vorkriegsjahre zurückgreifen. Das galt für die<br />

Wiederinbetriebnahme und Vergrößerung ihrer im<br />

Westen verbliebenen Betriebe genauso wie bei der<br />

Errichtung neuer Werke. Dazu gehörte zum Beispiel<br />

die Kenntnis der internationalen Märkte. Schon<br />

1950 betrug die Exportquote wieder 35 Prozent. Sie<br />

138<br />

A Wie eine Schlange windet sich ein Kalizug zwischen Dankmarshausen<br />

und Widdershausen durch die DDR-Grenzsperren<br />

B Übersicht über die durch die Grenzziehung nach 1945<br />

unterbrochenen Eisenbahnstrecken<br />

A<br />

KALITRANSPORTE ÜBER DIE<br />

INNERDEUTSCHE GRENZE<br />

Autor: Hermann-Josef Hohmann<br />

Nachdem die russischen Besatzungstruppen 1945 in<br />

Thüringen eingerückt waren, sperrten sie bis März<br />

1946 die Bahnlinien im Werratal. Der erste hessische<br />

Kalizug nach dem Krieg fuhr am 10.9.1945<br />

über die Hersfelder Kreisbahn nach Hersfeld, nachdem<br />

eine zerstörte Brücke über die Fulda instand<br />

gesetzt worden war. Als der Bahnverkehr wieder<br />

rollte, konnten mit Ausnahme von Unterbreizbach<br />

alle thüringischen Kaliwerke ihre Transporte bei Bedarf<br />

so organisieren, dass dabei das hessische Werratal<br />

umgangen wurde. Im Mai 1952 riegelte die<br />

DDR die Grenze endgültig ab. Dadurch wurde das<br />

Werk Unterbreizbach isoliert und musste seine Produktion<br />

am 6.7.1952 einstellen. Deshalb wurde in<br />

kürzester Zeit unter der Bezeichnung „Erster sozialistischer<br />

Bahnbau“ eine nur über DDR-Gebiet verlaufende<br />

5,2 Kilometer lange Anschlussbahn gebaut.<br />

Bevor von der DDR im November 1954 die<br />

Werratalbahn nach Gerstungen wieder freigegeben<br />

wurde, waren die hessischen Werrawerke vom An-


stieg bis 1990 auf über 55 Prozent. Eine weitere<br />

Voraussetzung für den Aufbau eines erfolgreichen<br />

Marketings war der hervorragende Beratungsdienst<br />

für die Kunden in Landwirtschaft und Industrie in<br />

Verbindung mit eigener landwirtschaftlicher Forschungsarbeit,<br />

zunächst am Kaliforschungs-Institut<br />

in Hannover, seit den 1980er Jahren in Heringen.<br />

Etwa seit 1910 gab es im Deutschen Reich staatlich<br />

festgesetzte Höchstpreise für Kalidüngemittel. Daher<br />

standen die deutschen Kalihersteller nicht nur untereinander<br />

in Konkurrenz, sondern waren auch von<br />

Staatsseite zu einem ausgeprägten Kostendenken<br />

angehalten waren. Dadurch konnten beim Wiederaufbau<br />

nach 1945 mehrfach Fehleinschätzungen<br />

und -investitionen vermieden werden.<br />

Die Werrawerke verfügten für die sich abzeichnenden<br />

Produktionsausweitungen über bodenständige,<br />

bergbauerfahrene und handwerklich in eigener Regie<br />

bestens ausgebildete Belegschaften. Schon 1950<br />

wurden anlässlich des 50-jährigen Bestehens des<br />

Kaliwerkes Wintershall 736 Belegschaftsangehörige<br />

für 25-jährige und 71 für 40-jährige Werkszugehörigkeit<br />

geehrt. Der steigende Bedarf an Arbeitskräften<br />

konnte gedeckt werden, weil viele Vertriebene<br />

und Flüchtlinge aus Ost- und Mitteldeutschland<br />

gerne die angebotenen Arbeitsplätze angenommen<br />

haben.<br />

Die Umstellung von staatlich gelenkter Planwirtschaft<br />

auf die weltoffene Marktwirtschaft traf die<br />

deutsche Kaliindustrie also nicht unvorbereitet.<br />

1 An der Sacknähmaschine werden im Kaliwerk Wintershall<br />

[um 1955] Säcke mit der Aufschrift Kaliverkaufsstelle Bad<br />

Hersfeld GmbH zugenäht<br />

2 Die von der Verkaufsgemeinschaft deutscher Kaliwerke<br />

GmbH getragene landwirtschaftliche Versuchsanstalt Büntehof<br />

in Hannover-Kirchrode<br />

2<br />

schluss an die leistungsfähige Bahnlinie von Eisenach<br />

nach Bebra abgeschnitten. Während der Sperrung<br />

gelang es alle Transporte über die Hersfelder<br />

Kreisbahn abzuwickeln, obwohl deren Strecke für<br />

solche Mengen nicht ausgelegt war. Nachdem<br />

Alexandershall die Förderung wieder aufgenommen<br />

hatte, war auch die DDR an Fahrten ihrer Kalizüge<br />

über westdeutsches Gebiet interessiert, weil<br />

dieses Rohsalz in den Fabriken Dorndorf und Unterbreizbach<br />

verarbeitet werden sollte. Die nach 1961<br />

eröffnete Bahnlinie von Förtha nach Gerstungen ermöglichte<br />

die Salzabfuhr von Alexandershall über<br />

DDR-Territorium. Als die Grube 1967 stillgelegt<br />

worden war, untersagte die DDR kurz danach den<br />

hessischen Zugverkehr über Gerstungen. Wieder<br />

meisterte die Kreisbahn die immensen Transportaufgaben<br />

mit Erfolg und verhinderte Produktionseinschränkungen.<br />

Der Anlass für die Sperrung waren<br />

finanzielle Forderungen der DDR für die Genehmigung<br />

der Kalitransporte. Nachdem eine Einigung<br />

erzielt war, öffnete sich am 28.9.1969 der<br />

Grenzzaun wieder und von da an verlief der Verkehr<br />

bis 1989 reibungslos, weil er der DDR dringend<br />

benötigte Devisen einbrachte.<br />

B<br />

x<br />

xx<br />

x<br />

x<br />

x<br />

x<br />

x<br />

x<br />

139


1 Gläserne Bromtürme in der Hattorfer Bromfabrik<br />

2 Im Kaliwerk Wintershall wird [um 1960] unter anderem<br />

die Sulfatfabrik umgebaut<br />

3 Das Kaliwerk Neuhof in einer Luftaufnahme [um 1960]<br />

1<br />

Produkte – Märkte – Produzenten<br />

Im Jahre 1888 überstieg der Kaliabsatz an die Landwirtschaft<br />

erstmals die Verkäufe an alle übrigen Abnehmer.<br />

Heute landen über 90 Prozent der hergestellten<br />

Kalisalze auf dem Acker. Weltweit überwiegen<br />

dabei lagerstättenbedingt die Kaliumchloride,<br />

die aus rund 95 Prozent KCl bestehen. Als Kalidüngemittel<br />

spielen eine wichtige Rolle auch Kaliumsulfate,<br />

also schwefelsaures Kalium, und schließlich die<br />

so genannten Mehrnährstoff-Düngemittel, also<br />

Kombinationen aus wasserlöslichen Kalium- mit<br />

Magnesium-, Phosphor- und/oder Stickstoffsalzen.<br />

Die aus den Anfängen der Kaliindustrie herrührende<br />

Direktvermarktung des Rohsalzes als „Kainit” hatte<br />

nur noch bis in die 1970er Jahre eine gewisse Bedeutung.<br />

Seitdem bekannt ist, dass neben Stickstoff, Phosphor,<br />

Kalium und Kalzium auch die Elemente<br />

Magnesium und Schwefel eine tragende Rolle bei<br />

der Pflanzenernährung spielen, gewinnt die Produktgruppe<br />

Magnesiumsulfat, MgSO 4 , mit unterschiedlichen<br />

Anteilen an Kristallwasser, zunehmende<br />

Bedeutung in der Produkt-Palette der deutschen<br />

Kaliindustrie.<br />

2 3<br />

140


Schließlich sind die chemische und pharmazeutische<br />

Industrie Abnehmer für die meisten der genannten<br />

<strong>Salze</strong> in chemisch reiner („hochreiner“)<br />

Qualität sowie für weitere Spezialsalze, z.B. Magnesiumchlorid,<br />

und Brom, die aus den Rohsalzen gewonnen<br />

werden können.<br />

Es ist ein Vorteil für den deutschen, speziell für den<br />

hessischen Kalibergbau, dass sich in den Zechstein-<br />

Kaliflözen Thüringen, Hessen und Staßfurt neben<br />

Kalium auch Magnesium und neben Chloriden auch<br />

Sulfate abgelagert haben. Dadurch erhalten die deutschen<br />

Kalilagerstätten einen natürlichen Ausgleich<br />

gegenüber den KCl-reicheren in Kanada und Russland.<br />

Die deutsche Kaliindustrie hat in ihrer Produkt-<br />

Palette diese Vorteile sehr konsequent umgesetzt:<br />

1952 wurden noch über 85 Prozent Kaliumchloride<br />

und nur 12 Prozent Sulfate hergestellt. 30 Jahre später<br />

lag der KCl-Anteil unter 70 Prozent und der Anteil<br />

an Sulfaten, Mehrnährstoff-Düngern und Magnesiumchlorid<br />

bei fast einem Drittel 2 . Die hessischen<br />

Werke hatten in dem Sektor K- und Mg-Sulfate<br />

schon immer eine dominierende Stellung: Neuhof-<br />

Ellers als „Kieseritwerk“, Hattorf und Wintershall als<br />

„Sulfatwerke“ liefern 30 Prozent der Weltproduktion<br />

an Kaliumsulfat.<br />

1945 war in den drei westlichen Besatzungszonen<br />

Deutschlands die Kaliproduktion mit zehn Werken,<br />

davon zwei in Hessen, aufgenommen worden.1955<br />

waren fünf Werke hinzugekommen, darunter Herfa-<br />

Neurode (1950) und Neuhof-Ellers (1954) in Hessen.<br />

Wieder zehn Jahre später war mit 17 die Höchstzahl<br />

an fördernden Werken erreicht. Die Produktion war<br />

zwischen 1949, dem ersten Jahr nach der Währungsreform,<br />

und 1965 von 0,7 auf 2,4 Millionen Tonnen<br />

K 2 O, d. h. auf das dreieinhalbfache gesteigert worden.<br />

Aber mit diesem Jahr war auch für lange Zeit der<br />

Höhepunkt der Wachstumskurve erreicht. Die Bedingungen<br />

auf dem Weltmarkt hatten sich grundlegend<br />

geändert: Neue Lagerstätten in Russland<br />

(seit 1956) und Kanada (seit 1963) gingen in Ausbeute<br />

und neue Produzenten drängten auf den<br />

Markt. Zu den genannten kamen in den 1970er und<br />

1980er Jahren noch Großbritannien, der Kongo,<br />

Israel mit großen Zuwachsraten und Jordanien am<br />

Toten Meer sowie Brasilien.<br />

Für die weltweit geschaffenen neuen Produktionskapazitäten<br />

fehlten die Abnehmer. Die Erlöse bra-<br />

Weltkaliproduktion nach Regionen 1944–1989 in 1.000 Tonnen K2O u. Weltanteil<br />

Region 1944 1950 1960 1970 1980 1989 Anteil<br />

BRD 906 1.978 2.306 2.737 2.186 absolut<br />

20,5 21,8 13,1 9,9 7,5 % Welt<br />

Hessen 294 710 925 1.321 1.353 absolut<br />

6,6 7,8 5,3 4,8 4,6 % Welt<br />

DDR 1.160 1.600 2.400 3.422 3.200 absolut<br />

26,1 17,6 13,6 12,4 10,9 % Welt<br />

Deutschland gesamt 1.604 2.066 3.578 4.706 6.159 5.386 absolut<br />

52,7 46,6 39,4 26,7 22,3 18,4 % Welt<br />

Frankreich, Spanien, 629 1.196 1.790 2.526 2.959 2.554 absolut<br />

Italien, Großbritannien 20,7 27,0 19,7 14,3 10,8 8,7 % Welt<br />

UdSSR --- --- 1.250 4.200 8.070 10.231 absolut<br />

--- --- 13,8 23,9 29,3 34,9 % Welt<br />

USA, Kanada, Brasilien 759 1167 2.369 5.648 9.541 9.049 absolut<br />

24,9 26,3 26,1 32,1 34,6 30,9 % Welt<br />

Israel, Jordanien 53 --- 84 520 790 2.065 absolut<br />

1,7 --- 0,9 3,0 2,9 7,0 % Welt<br />

China --- --- --- --- 21 56 absolut<br />

--- --- --- --- 0,1 0,2 % Welt<br />

3.045 4.429 9.071 17.600 27.540 29.341 1.000 t K2O<br />

Welt = 100<br />

141


1<br />

2<br />

3<br />

142


Jahresproduktion Welt - BRD - Hessen 1945 bis 1990<br />

(1.000 Tonnen K2O und prozentualer Anteil)<br />

Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert<br />

Jahre 1945-55 Jahre 1956-65 Jahre 1966-77 Jahre 1978-89<br />

Welt absolut 4.230 9.840 16.690 28.020<br />

Welt in Prozent 100 100 100 100<br />

BRD absolut 910 1.940 2.320 2.410<br />

%-Anteil 21,5 20,5 11,8 8,6<br />

Hessen absolut 290 700 960 1.280<br />

%-Anteil 6,9 7,4 4,9 4,6<br />

chen ein. Nicht nur die im Weltmaßstab sehr hohen<br />

Löhne und Energiepreise in Deutschland belasteten<br />

den Kaliexport, sondern auch die Tatsache, dass der<br />

Wertstoffanteil Kali in den deutschen Rohsalzen<br />

deutlich unter dem der kanadischen und russischen<br />

Rohsalze liegt. Hinzu kamen ungünstige Wechselkursrelationen<br />

der Deutschen Mark gegenüber dem<br />

amerikanischem Dollar und dem russischem Rubel.<br />

Schließlich stiegen die Frachtkosten im Inland und<br />

für die Seefracht. 3 Es gab Zeiten, da waren die Frachtkosten<br />

vom Werratal bis nach Hamburg höher als<br />

die für den Transport von den kanadischen Kaliwerken<br />

bis nach Europa. Immer deutlicher wurde<br />

auch, dass die auf den älteren deutschen Kaliwerken<br />

im Einsatz stehenden Gewinnungs-, Förder- und<br />

Verarbeitungsausrüstungen, -verfahren und -technologien,<br />

ja sogar ein Teil der Produkte (50er Kali,<br />

Staubanteil, Rieselfähigkeit) international nicht<br />

mehr wettbewerbsfähig waren. 4 Im innerdeutschen<br />

Konkurrenzkampf kam ein weiteres hinzu: 1967<br />

übertraf die Kaliproduktion der DDR erstmals die<br />

der alten Bundesrepublik um 3,5 Prozent. Sie lag von<br />

1975 an regelmäßig zwischen 25 und 35 Prozent<br />

über der westdeutschen Produktionsmenge. Als<br />

Folge davon gingen einige alte deutsche Exportmärkte<br />

(Indien, Brasilien, China) zum Teil an die<br />

DDR.<br />

Kurz gesagt, es war den westdeutschen Kaligesellschaften<br />

trotz vieler Verbesserungen der herkömmlichen<br />

Technik nicht mehr möglich, im Export mit<br />

den großen Konkurrenten mitzuhalten. Diese haben<br />

die auf dem Weltmarkt bis 1977 durchaus vorhandenen<br />

Zuwachsraten ausgeschöpft. Dass dabei auch<br />

Preisdumping eine gewichtige Rolle gespielt hat, vor<br />

allem beim damaligen Konkurrenten DDR und in<br />

der UdSSR, sei nur am Rande vermerkt.<br />

4<br />

5<br />

1 In Neuhof werden die alten Anlagen Anfang der 1950er<br />

Jahre gesprengt, um Platz für die Neubauten zu schaffen<br />

2 Das Neuhofer Werk in der Aufbauphase 1954<br />

3 Betrieb [um 1960] auf dem Wintershaller Werksbahnhof<br />

4 Unter einer Schrapperbühne steht ein Großförderwagen<br />

[um 1960] bereit, um beladen zu werden<br />

5 Hauptstrecke im Kaliwerk Neuhof [um 1963] mit Lokomotivförderung<br />

143


144<br />

Kurzarbeit wegen Absatzschwierigkeiten<br />

„Wie bestätigt wurde, wird das Werk Hattorf von Kali und Salz zunächst<br />

vom 8. bis 21. März kurzarbeiten. Von der Belegschaft – beschäftigt werden<br />

zur Zeit 1.500 Arbeitnehmer – werden lediglich etwa zehn Prozent<br />

für bestimmte Aufgaben eingesetzt. Während der zwei Wochen Kurzarbeit<br />

wird die Produktion völlig eingestellt. ... Ob es am Jahresende noch<br />

einmal Kurzarbeit gibt, kann noch nicht gesagt werden. Da mit einer Steigerung<br />

des Kaliabsatzes in absehbarer Zeit nicht gerechnet wird, soll die<br />

Produktion von 410.000 Tonnen im vorigen Jahr 1982 auf 368000 Tonnen<br />

reduziert werden.<br />

Ähnlich liegen die Dinge bei Wintershall in Heringen. ... Von den Maßnahmen<br />

sind dort rund 1.800 Arbeitnehmer betroffen.“<br />

Aus: Hersfelder Zeitung vom 19.02.1982.<br />

„Trotz zwei- bis dreiwöchiger Kurzarbeit im Frühjahr und verlängerten<br />

Betriebspausen ist die Kali und Salz AG gezwungen, auch im Herbst noch<br />

einmal Kurzarbeit einzulegen. In diese Maßnahme werden rund 6.300<br />

Mitarbeiter des Unternehmens einbezogen. Die Kurzarbeit muss sich<br />

durchschnittlich über zwei bis drei Wochen in der Zeit von September bis<br />

Dezember erstrecken. ... Wie das Arbeitsamt Fulda dazu mitteilte, sei für<br />

das Werk Neuhof noch keine Kurzarbeit angemeldet worden. Ein Sprecher<br />

der Kali und Salz ging jedoch davon aus, das etwa 500 bis 600 der<br />

rund 800 Beschäftigten des Neuhofer Werkes betroffen seien.“<br />

Aus: Fuldaer Zeitung vom 20.08.1982.<br />

1<br />

Die westdeutsche Kaliindustrie konnte – zum wiederholten<br />

Male in ihrer Geschichte – nur dadurch<br />

überleben, dass sie den mit neuester Technik ausgestatteten<br />

Produktionsstätten der Konkurrenz mit<br />

grundlegenden Umstrukturierungs-, Konzentrations-<br />

und Rationalisierungsmaßnahmen auf ihren<br />

leistungsfähigsten älteren Kaliwerken entgegentrat.<br />

Als Ergebnis dieses Konzentrations- und Rationalisierungsprozesses<br />

ist festzuhalten: Die Anzahl der<br />

produzierenden deutschen Kaliwerke musste von<br />

1965 bis 1989 von 17 auf sieben reduziert werden.<br />

Das hessische Kalirevier hat dabei kein Werk verloren<br />

(die Stilllegung von Herfa-Neurode ist Teil eines<br />

Werksverbundes). 5 Dennoch trafen vor allem die ersten<br />

fünf Jahre dieser Umstellungsperiode auch die<br />

hessischen Kaliwerke sehr. Die Produktion musste<br />

wegen des rückläufigen Absatzes zurückgefahren<br />

und Kurzarbeitspausen mussten eingelegt werden.<br />

In den Grubenbetrieben kamen neue Verfahren und<br />

Technologien zum Einsatz, die Kalifabriken wurden<br />

auf umweltverträglichere Produktionsverfahren (am<br />

deutlichsten sichtbar an der damals einsetzenden<br />

Aufhaldung der nicht verwertbaren Rohsalzanteile)<br />

und die gesamte Produkt-Palette auf international<br />

konkurrenzfähige Produkte umgestellt. Infolge stagnierender<br />

Förder- und Produktionszahlen musste<br />

sich der Rationalisierungseffekt 6 all der genannten<br />

Maßnahmen allein im Personalabbau niederschlagen:<br />

Zwischen 1965 und 1970 gingen im westdeutschen<br />

Kalibergbau insgesamt über 6.400 Arbeitsplätze<br />

verloren, ein Viertel (1.613) davon in Hessen.<br />

1961 war im hessischen Kalibergbau mit 6.554 die<br />

höchste Beschäftigtenzahl erreicht worden, im<br />

Dezember 1970 verblieben davon noch 4.457<br />

Beschäftigte. Die größte Zahl an Arbeitplätzen<br />

wurde 1967 mit 538 eingespart.<br />

1 Am 21. Februar 1969 wurde das nach dem II. Weltkrieg<br />

mit großem Aufwand wieder in Betrieb genommene Kaliwerk<br />

Königshall-Hindenburg unweit von Göttingen stillgelegt.<br />

Luftaufnahme aus dem Jahr 1956<br />

2 Mit einem Großlochbohrwagen GB 420 der Salzgitter<br />

Maschinen AG bohrt Georg Lotz im Kaliwerk Wintershall<br />

ein vier Meter tiefes Großloch


Belegschaft, Anzahl und Produktion der Werke und Exportquote<br />

der westdeutschen und hessischen Kaliwerke 1945 bis 1989<br />

Mittelwert der Jahre<br />

1945-55 1956-65 1966-77 1978-89<br />

Gesamtbelegschaft BRD 15.123 19.413 11.784 8.962<br />

Hessen 4.097 6.226 4.576 4.415<br />

Anzahl der produzierenden BRD 12,4 15,8 13,2 8,6<br />

Kaliwerke Hessen 2,7 4,0 3,4 3,0<br />

Durchschnittliche Jahrespro- BRD 73 123 176 281<br />

duktion je Werk in 1.000 t K2O Hessen 108 176 282 427<br />

Exportquote in Prozent BRD 33,2 40,4 44,6 55,1<br />

Allerdings vollzogen sich diese Personalabgänge relativ<br />

sozialverträglich. Viele Bergleute gingen mit 55<br />

Jahren in den gesetzlich ermöglichten vorzeitigen<br />

Ruhestand, andere konnten über Tage im Fabrikbereich<br />

untergebracht werden. Ein Teil fand Beschäftigung<br />

in dem Werk der Hoechst AG in Bad Hersfeld<br />

und in weiteren Gewerbebetrieben in der näheren<br />

Umgebung. Insgesamt verliefen diese schwierigen<br />

Jahre aber ohne soziale Unruhen, was nicht zuletzt<br />

den kooperativen Betriebsvertretungen und Gewerkschaften<br />

zu verdanken ist.<br />

Erfreulich und bemerkenswert ist aber auch, dass es<br />

der hessischen Kaliindustrie im Rahmen dieser Umstrukturierungen<br />

gelungen ist, ihren Anteil an der<br />

westdeutschen Produktion zwischen den Jahren<br />

1960 und 1980 von 36 auf 48 Prozent, in absoluten<br />

Zahlen von 710.000 auf 1,321 Millionen Tonnen<br />

K 2 O zu erhöhen. Und damit auch ihren Beschäftigtenanteil<br />

von 32 auf 44 Prozent.<br />

2<br />

2.000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen<br />

„Eine Denkschrift zur Lage im Industriegebiet Werratal<br />

hat die Gemeinde Heringen der hessischen<br />

Landesregierung zugeleitet. In ihr wird festgestellt,<br />

die Zahl der Beschäftigten der Kaliindustrie sei von<br />

5.444 im Jahre 1961 auf 3.529 in Januar dieses<br />

Jahres abgesunken. Bei den Ergänzungsbetrieben<br />

gingen weitere 150 Arbeitsplätze verloren, so daß<br />

sich im letzten Jahrzehnt ein Verlust von 2.000<br />

Arbeitsplätzen errechnen lasse.<br />

Heringen ... ist von der Rationalisierung in der<br />

Kaliindustrie am stärksten betroffen. Die Zahl der<br />

Beschäftigten des Werkes Wintershall sank von<br />

3.300 auf 1.800 ab. Die Einwohner der Kaligemeinde<br />

Heringen (ohne Eingemeindungen) verringerte<br />

sich von 4.955 im Jahre 1962 auf 4.503 im<br />

April des vergangenen Jahres. Dabei sei davon auszugehen<br />

... , daß in der Hauptsache jüngere Familien<br />

abgewandert seien, während die Zahl der Einwohner<br />

im Rentenalter in diesem Gebiet überdurchschnittlich<br />

hoch sei. Diese missliche Lage lasse sich<br />

nur ändern und verbessern durch die Schaffung<br />

neuer Arbeitsplätze. ... Benötigt würden zwischen<br />

500 und 1.000 neue Arbeitsplätze.“<br />

Aus: Hersfelder Allgemeine vom 15.05.1971.<br />

145


KONZENTRATION DER WESTDEUTSCHEN KALIINDUSTRIE NACH 1945<br />

B<br />

A<br />

B<br />

Die Entwicklung der westdeutschen Kaliindustrie nach<br />

1945 von mehreren Unternehmen hin zur Konzentration<br />

der Aktivitäten unter dem Dach der Kali und Salz AG<br />

Die Logos der Salzdetfurth AG, der Wintershall AG und<br />

das erste Logo der Kali und Salz AG<br />

A<br />

Ein neues Unternehmen entsteht<br />

„Liebe Mitarbeiter, mit dem 1. Juli 1970 hat ein neuer Abschnitt in der 110-jährigen Geschichte des deutschen Kali- und Steinsalzbergbaus<br />

begonnen. Die beiden größten Gesellschaften dieses Bergbauzweiges in der Bundesrepublik haben ihre Kali- und Steinsalzbergwerke<br />

in einem gemeinsamen neuen Unternehmen vereinigt: der KALI UND SALZ GmbH.<br />

Für die Wintershall AG und die Salzdetfurth AG, die beide vor mehr als 70 Jahren als Bergbaugesellschaften ihren traditionsreichen Weg<br />

begonnen haben, bedeutet der Abschied von ihrem ältesten Unternehmenszweig eine schicksalhafte Entscheidung.<br />

... So soll auch dieser Zusammenschluß als ein folgerichtiger, der veränderten Situation auf dem Weltmarkt angepaßter Schritt gesehen<br />

werden. Wir hoffen zuversichtlich, daß die KALI UND SALZ GmbH mit mehr als 10.000 Beschäftigten und dem tragfähigen Fundament<br />

ihrer 14 Werke den harten Anforderungen des Wettbewerbs kommender Jahrzehnte besser gewachsen sein wird als die bisher getrennten<br />

Werksgruppen, obwohl diese bereits auf vielen Gebieten eng zusammengearbeitet haben. ...<br />

Die Geschäftsführung der KALI UND SALZ GmbH Dr. Denzel, Heim, Schulze, Dr. Singewald“<br />

„Liebe Kollegen, seit dem ersten Juli haben wir einen neuen Arbeitgeber, die KALI UND SALZ GmbH. Unsere Werke sind zu einem neuen<br />

Unternehmen vereinigt worden, daß in seiner Größe internationalen Maßstäben entsprechen soll. Wir erwarten, daß dadurch unsere Konkurrenzfähigkeit<br />

gestärkt wird und unsere Arbeitsplätze auch in der Zukunft erhalten bleiben.<br />

... Wir vertrauen darauf, daß auch alle kommenden Maßnahmen gemeinsam im Geiste einer vertrauensvollen und loyalen Zusammenarbeit<br />

zwischen Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat, zwischen Werksleitungen und Betriebsräten, getroffen werden und daß<br />

diese gute Zusammenarbeit einheitlich auch in der KALI UND SALZ GmbH Platz greifen möge.<br />

Wir Betriebsräte begrüßen in der neuen gemeinsamen Firma unsere Kollegen, die bisher in getrennten Gesellschaften und Werksgruppen<br />

tätig waren. Wir hoffen, daß sie sich recht bald zufrieden als zu e i n e m Unternehmen gehörig fühlen. ....<br />

Für die Gesamtbetriebsräte der Wintershall AG, der Burbach Kaliwerke und der Salzdetfurth AG Schüler, Böllersen, Runge“<br />

Aus: K+S, Werkzeitschrift der K+S GmbH, Nr. 1 Kassel 1970, S. 3.<br />

146


Aber nicht nur Personalabbau und die Stilllegung<br />

von Werken in Norddeutschland waren die Folgen<br />

des lange anhaltenden Konzentrationsprozesses. Die<br />

auch im Kalibereich tätigen Gesellschaften Preußag<br />

und Kalichemie AG gaben 1965 und 1982 ihre Werke<br />

auf. Nachdem zum 1.1.1969 der Chemie-Konzern<br />

BASF die Wintershall AG übernommen hatte, kam<br />

es am 1.6.1970 zur Gründung der Kali und Salz<br />

GmbH, später Kali und Salz AG, in der die Unternehmensbereiche<br />

Kali und Steinsalz der beiden Muttergesellschaften<br />

Wintershall AG und Salzdetfurth AG<br />

zusammengeführt wurden. Dieser Zusammenschluss<br />

aller westdeutschen Kaliaktivitäten unter einem<br />

Dach sollte sich für den deutschen Kalibergbau als<br />

segensreich erweisen, nicht nur gegenüber der weltweiten<br />

Konkurrenz mit viel größeren Werks- und<br />

Unternehmenseinheiten, sondern auch nach der Wiedervereinigung,<br />

als es galt, die beiden deutschen<br />

Kaligesellschaften zu vereinen. Ohne diese Entwicklung<br />

wäre die westdeutsche Kaliindustrie spätestens<br />

in den 1980er Jahren in Existenznöte geraten.<br />

Entwicklung von Verfahren und<br />

Technik unter Tage<br />

Unverändert seit hundert Jahren wird die Kalisalzgewinnung<br />

unter Inkaufnahme von bis zu 50 Prozent<br />

Abbauverlusten versatzlos betrieben. Das Verfahren<br />

hat sich vom Örterbau mit Langpfeilern zu<br />

quadratischen Pfeilern (room and pillar) hin entwickelt.<br />

Die Lösung des <strong>Salze</strong>s aus dem Gebirgsverband<br />

erfolgt immer noch fast ausschließlich mit<br />

Bohr- und Sprengarbeit. Die Sprenglöcher wurden<br />

noch bis in die 1960er Jahre mit Säulendrehbohrmaschinen,<br />

heute mit dieselfahrbaren, elektrisch<br />

angetriebenen Bohrwagen hergestellt. Die Entwicklung<br />

des Sprengstoffes lief von patroniertem zu losem<br />

Sprengstoff, der mit Luft eingeblasen wird. Als<br />

Energieträger im Sprengstoff diente früher teilweise<br />

Kaliumchlorat, Ruß und flüssige Luft, heute nur noch<br />

Ammoniumnitrat mit Dieselölzusatz.<br />

Nachdem sich Anfang der 50er Jahre die deutschen<br />

Fachleute 7 mit dem internationalen Stand der Bergbautechnik<br />

vertraut gemacht hatten, wurden auch<br />

in den hessischen Kalibergwerken mehrfach und<br />

bis in die jüngste Zeit kontinuierlich arbeitende Ge-<br />

ÖRTERBAU MIT QUADRATISCHEN PFEILERN (ROOM AND PILLAR-ABBAU)<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Mit der Einführung der modernen Großgerätetechnologie<br />

hat sich auch die Abbauführung verändert.<br />

Statt bis zu 200 Meter langen Kammern werden<br />

nun kleinere Abbaue aufgefahren, zwischen denen<br />

quadratische Pfeiler stehen bleiben. Die neuen Maschinen<br />

machten die Neuorganisation der Arbeitsabläufe<br />

in den Gruben erforderlich und seitdem<br />

werden zunächst mit dem 1) Großlochbohrwagen<br />

die Einbruchlöcher hergestellt, bevor mit dem<br />

2) Sprenglochbohrwagen die Sprenglöcher gebohrt<br />

werden. In diese wird anschließend der mit einem<br />

Spezialfahrzeug angelieferte Sprengstoff mit Pressluft<br />

eingeblasen. Nach dem Sprengen bringt der<br />

3) Schaufellader das Rohsalz bis zum 4) Brecher,<br />

wo es zerkleinert wird. Anschließend wird das Rohsalz<br />

auf ein 5) Förderband aufgegeben und zum<br />

Schacht transportiert.<br />

(Die Illustration ist idealisiert. Die Pfeiler entsprechen<br />

nicht den realen Dimensionen.)<br />

A<br />

147


1 2<br />

3<br />

4<br />

5<br />

räte zur schneidenden Gewinnung und Streckenauffahrung<br />

im Dauereinsatz erprobt. 8 Derartige Verfahren<br />

sind weltweit in der Gewinnung rein chloridischer<br />

und geologisch ungestörter, flach gelagerter<br />

Kalisalze längst Stand der Technik und haben viele<br />

verfahrenstechnische Vorteile gegenüber dem Sprengbetrieb.<br />

Im hessischen Bergbau ist es bisher nicht<br />

gelungen, die schneidende Gewinnung konkurrenzfähig<br />

zum Bohren und Sprengen einzusetzen. Bisher<br />

waren alle Anstrengungen vergeblich, die sich aus<br />

der welligen Lagerung, aus der Kohlensäuregas-<br />

Höffigkeit und durch die schlechte Schneidbarkeit<br />

des sulfatischen Salzgesteins ergebenden Schwierigkeiten<br />

wirtschaftlich erfolgreich zu meistern. Nur<br />

im Streckenvortrieb und bei der Herstellung großer<br />

Räume unter Tage kommen in Sonderfällen so genannte<br />

Teilschnittmaschinen zum Einsatz.<br />

Die Abförderung des gesprengten Rohsalzes zu den<br />

mit Brechern gekoppelten Bandaufgaben erfolgte<br />

noch bis in die späten 1960er Jahre mit Schrappern.<br />

Diese sind heute längst durch Fahrlader ersetzt, die<br />

bis 17 Tonnen Schaufelinhalt haben können und in<br />

zunehmender Zahl elektrisch und nicht mehr mit<br />

Dieselkraftstoff angetrieben laufen.<br />

Die Streckenförderung aus den Gewinnungsrevieren<br />

148<br />

1 In der Grube Wintershall wird 1989 versuchsweise Rohsalz<br />

schneidend mit der VMK gewonnen<br />

2 Die Schneidköpfe der VMK in Betrieb<br />

3 In Hattorf ist im Februar 1990 bei einer Streckenauffahrung<br />

eine Eickhoff-Teilschnittmaschine im Einsatz<br />

4 Ein Lader LF 9 im Juni 1990 an einer Kippstelle im Kaliwerk<br />

Neuhof<br />

5 Bandanlagen und Bandübergabe von der Firma Eickhoff<br />

in der Grube Herfa-Neurode [um 1967]


6<br />

zu den Förderschächten erfolgte früher in Förderwagen<br />

– der Schrapper füllte die Wagen über eine<br />

Schurre – gleisgebunden in Seil- oder Kettenbahnen<br />

oder in Lokzügen. In den 1970er Jahren wurde<br />

auf automatisch gesteuerte Bandförderung umgestellt.<br />

In den Schächten waren, von Ausnahmen abgesehen,<br />

schon während des Krieges die Wagen- durch<br />

sehr leistungsfähige Gefäßförderungen ersetzt worden.<br />

Hier wurde später nur noch automatisiert und<br />

verstärkt. Zwischen Band- und Schachtförderung<br />

sind Feld- und Großbunker eingerichtet worden, die<br />

als Zwischenspeicher, zur Vergleichmäßigung des<br />

häufig unterschiedlich zusammengesetzen Rohsalzes<br />

und zur Koordinierung der unterschiedlichen<br />

Betriebszeiten von Grube und Fabrik dienen.<br />

Aber nicht nur in den Gewinnungs- und Förderverfahren<br />

unter Tage stecken die technischen Fortschritte<br />

eines halben Jahrhunderts, sondern auch in der<br />

Infrastruktur und der Logistik der Grubenbetriebe,<br />

die sich an der Werra über die Fläche einer Großstadt<br />

erstrecken und pro Tag Mengenströme von<br />

30 bis 40.000 Tonnen bewältigen müssen. Das sind<br />

rund 30 Güterzüge mit 40 Waggons täglich oder das<br />

Fünffache dessen, was das größte Kaliwerk Europas<br />

in Merkers in den Vorkriegsjahren geleistet hat.<br />

Die Gruben müssen laufend mit elektrischem Strom,<br />

Frischluft, Spreng- und Kraftstoff, Material und<br />

Reserveteilen, Wasser und vielem mehr versorgt<br />

werden. Die hierbei anfallenden Transport-, Beschaffungs-<br />

und Verteilungsaufgaben sind enorm<br />

und nur mit Hilfe modernster Technik und Sonderentwicklungen<br />

aller Art zu bewältigen. Die vielen,<br />

meist dreischichtig betriebenen mobilen und stationären<br />

Gewinnungs-, Lade-, Transport- und Spezialmaschinen<br />

erfordern unter Tage große Werkstätten<br />

7<br />

8 9<br />

6 Ein Michigan-Lader mit 30 Tonnen Schaufelinhalt versorgt<br />

in Hattorf seit 1976 die Fabrik an Wochenenden mit Salz<br />

7 Einer der Wintershaller Schachtbunker 1972 im Bau<br />

8 Einhängen von Großraumförderwagen am Schacht Ellers<br />

bei Neuhof vor ihrem Transport in die Grube, [um 1957]<br />

9 Am Schacht Neurode werden Großgeräte eingehängt<br />

149


KALIBERGBAU IN ÖL GEMALT<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Der 1954 in Bayreuth geborene Maler H. D. Tylle<br />

lebt heute bei Kassel. Schon während seines Kunststudiums<br />

von 1975 bis 1980 begann er, sich mit<br />

der Arbeitswelt künstlerisch auseinander zu setzen.<br />

Anfang der 1980er Jahre entstanden im deutschen<br />

Steinkohlen- und Salzbergbau Arbeiten, die das<br />

Deutsche Bergbau Museum in Bochum 1984 ausgestellt<br />

hat. Mehrmals war der Künstler in Kalibergwerken,<br />

um unter Tage seine Themen zu finden, zu<br />

skizzieren und anschließend in seinem Atelier, meist<br />

in Öl auszuarbeiten. Seine zu diesem Thema geschaffenen<br />

Gemälde zeigen eindrucksvoll die besondere<br />

Arbeitswelt im Kalibergbau. Bei seinem Aufenthalt<br />

im Werra-Revier hat er 1995 unter anderem<br />

eine großformatige Unter-Tage-Szene im Kaliwerk<br />

Wintershall gemalt, die sich heute im Werra-Kalibergbau-Museum<br />

in Heringen befindet. Sein vor<br />

der Kulisse des Zementwerks Deuna im Eichsfeld<br />

angesiedeltes 230 mal 630 Zentimeter großes Tryptychon<br />

„9. November in Deuna, am Morgen danach“<br />

hängt im Deutschen historischen Museum in<br />

Berlin als fiktives und symbolisches Portrait der Arbeiter<br />

nach dem Kollaps des sozialistischen Systems<br />

in der DDR.<br />

1<br />

1 Sprengfahrzeug, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,<br />

65x90 cm, Öl/Leinwand, Besitz des Künstlers<br />

2 Ankerbohrwagen, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,<br />

70x110 cm, Öl/Leinwand, Eckhard Grohmann Collection,<br />

Milwaukee USA<br />

3 Bandmontage, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,<br />

80x110 cm, Öl/Leinwand, Besitz des Künstlers<br />

4 Butterpause, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,<br />

75x110 cm, Öl/Leinwand, Privatsammlung Berlin<br />

2<br />

150


3<br />

4<br />

151


1<br />

152<br />

für Reparatur- und Wartungsaufgaben. In den Abbaubereichen<br />

stellen schnell umsetzbare Wartungseinheiten<br />

die hierfür erforderlichen Kapazitäten zur<br />

Verfügung.<br />

Schließlich seien hier noch drei „werratypische“<br />

Aufgabenkomplexe genannt, deren Lösung seit dem<br />

letzten Krieg gelungen oder doch entscheidend vorangebracht<br />

worden ist. Es wurden verlässliche Berechnungsverfahren<br />

für die Stützpfeiler entwickelt,<br />

die nach dem Abbau des Salzgesteins die Gebirgslast<br />

tragen müssen, und zwar für unterschiedliche<br />

Lagermächtigkeiten und wechselnde petrographische<br />

Lagerzusammensetzung. Die Gehalte an den<br />

Wertstoffen Magnesiumsulfat und Kaliumchlorid<br />

im Rohsalz können inzwischen vor Ort, nach dem<br />

Sprengen und auf dem Wege nach über Tage kontinuierlich<br />

gemessen und optimiert werden. Und<br />

schließlich: Die Voraussagemöglichkeiten von Gas-<br />

Salz-Auswürfen bei der Bohr- und Sprengarbeit<br />

sind weiter erforscht und verbessert worden.<br />

Die Rohsalzverarbeitung über Tage<br />

Im zu Tage geförderten Kalirohsalz sind nur rund<br />

30 bis 35 Prozent Wertstoffe enthalten. Mehr als zwei<br />

Drittel sind unverwertbarer Rückstand, der in fester<br />

oder flüssiger Form entsorgt werden muss.<br />

Kalisalze sind Evaporite, das heißt aus Meerwasser<br />

ausgeschiedene, leicht wasserlösliche Chloride und<br />

weniger gut oder schwer wasserlösliche Sulfate. Die<br />

physikalischen Eigenschaften dieser beiden Salzgruppen<br />

sind untereinander sowohl in wässriger<br />

Lösung als auch in festem Zustand sehr ähnlich,<br />

entsprechend schwierig ist deren Trennung.<br />

Anfänglich erfolgte die Trennung des Rohsalzes in<br />

wässriger Lösung, wobei die unterschiedliche Löslichkeit<br />

der verschiedenen <strong>Salze</strong> bei unterschiedlichen<br />

Temperaturen ausgenutzt wurde. Die gelösten<br />

Wertstoffe (KCl) wurden in möglichst reiner<br />

Form wieder auskristallisiert, die unlöslichen<br />

(Magnesiumsulfat) aus der verbleibenden Lösung<br />

„ausgewaschen“. Die restlichen flüssigen und festen<br />

Rückstände wurden auf die Abraum-Halde und in<br />

die Vorflut, später auch in die porösklüftigen<br />

Schichten des Plattendolomits im Untergrund, entsorgt.<br />

Heute wird dieses bis in die 1980er Jahre weit verbreitete<br />

Heißlöseverfahren in Deutschland nur noch<br />

in Ergänzung der weiter unten genannten Sortierverfahren<br />

angewendet, etwa zur Herstellung besonders<br />

staubfreier Produkte und zur Verwertung von<br />

Stäuben und mechanisch nicht weiter aufschließbarer<br />

Zwischenfraktionen des Rohsalzes.<br />

Das als nächstes entwickelte Sortierverfahren war<br />

die Trennung der Rohsalzbestandteile in gesättigter<br />

Salzlösung, in der sich die Wertstoffe nicht mehr<br />

auflösen können, sondern in festem Zustand mit<br />

angelagerten Luftbläschen „aufgeschwommen“ werden,<br />

flotiert, wie der Fachausdruck heißt. Die Rück-


stände können fest auf der Halde oder flüssig in die<br />

Vorflut oder in den Untergrund entsorgt werden.<br />

Das Verfahren stammt aus der Erzaufbereitung und<br />

wird in der Kaliindustrie heute weltweit eingesetzt.<br />

Das jüngste Sortierverfahren ist die „trockene“ Aufbereitung<br />

im Hochspannungsfeld. Dabei wird die<br />

unterschiedliche elektrostatische Aufladbarkeit der<br />

<strong>Salze</strong> ausgenutzt. Mit der „ESTA“ 9 (elektrostatische<br />

Aufbereitung) sind heute alle drei hessischen Kaliwerke<br />

ausgestattet. Das Verfahren kommt vor allem<br />

in den Verfahrensschritten zum Einsatz, bei denen<br />

früher sehr große Abwassermengen entstanden<br />

sind. Der nunmehr trocken anfallende Rückstand<br />

wird aufgehaldet. Allein in der Kalifabrik Neuhof-<br />

Ellers wird das Chlorkalium nach wie vor flotativ<br />

gewonnen und nur der Kieserit elektrostatisch abgetrennt.<br />

Dort kommt der Flotationsrückstand auf die<br />

Halde. Für die ESTA wurden allein auf Hattorf und<br />

Wintershall 130 Millionen Euro investiert.<br />

Dafür werden je Tonne aufgehaldeten Steinsalzes<br />

3,5 Kubikmeter Salzabwasser, zusammen rund 30<br />

Millionen Kubikmeter pro Jahr, eingespart. Inzwischen<br />

wird auch der Kieserit auf allen hessischen<br />

Werken elektrostatisch abgetrennt.<br />

Von der Vielzahl weiterer Verfahrensverbesserungen<br />

zur Verminderung der Umweltbelastung, zur Kostensenkung<br />

und Verbesserung der Produkte seien<br />

nur noch die wichtigsten hervorgehoben: Herstellung<br />

staubfreien Chlorkaliums in Vakuum-Kühlanlagen,<br />

Umstellung der Kraftwerke von Braunkohle<br />

auf Erdgas, Einbau von Elektrofiltern und Abgasreinigungsanlagen,<br />

Optimierung der Kraft-Wärme-<br />

Kopplung in der Energieversorgung und die Produktion<br />

„hochreiner“ Produkte.<br />

2<br />

3<br />

4<br />

1 Ein Blick in die Großgerätewerkstatt der Grube Wintershall<br />

[um 1975]<br />

2 Laugenteiche dienen dem Kaliwerk Hattorf als Absetzbecken<br />

und Zwischenspeicher für in der Fabrik entstehende<br />

Abwässer, August 1980<br />

3 Die Flotationsanlage im Kaliwerk Neuhof [um 1966]<br />

4 Die Vakuumkühlanlage 4 im Kaliwerk Hattorf im Februar<br />

1992<br />

153


A<br />

DAS ESTA-VERFAHREN<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Das von der westdeutschen Kaliindustrie entwickelte<br />

ESTA-Verfahren ermöglicht es, die unterschiedlichen<br />

<strong>Salze</strong> nicht in wässrigen Lösungen voneinander<br />

zu trennen, sondern auf trockenem Wege.<br />

Die grundlegende Voraussetzung dabei ist, das<br />

Rohsalz auf eine so feine Korngröße zu vermahlen,<br />

dass die darin enthaltenen Minerale nicht mehr<br />

miteinander verwachsen vorliegen. 1) Durch eine<br />

spezielle Vorbehandlung unter genau definierten<br />

klimatischen Bedingungen und mit der Zugabe<br />

spezieller Chemikalien gelingt es, die einzelnen<br />

Rohsalzbestandteile durch gegenseitige Reibung<br />

unterschiedlich elektrostatisch aufzuladen. Bei dieser<br />

so genannten Konditionierung nimmt das<br />

Kaliumchlorid (KCl) eine negative, das Steinsalz<br />

(NaCl) eine positive Ladung an. 2) Anschließend<br />

rieseln die aufgeladenen <strong>Salze</strong> durch ein starkes<br />

elektromagnetisches Feld, wo das KCl zum positiven<br />

Pol (Anode) und das Steinsalz zum negativen<br />

Pol (Kathode) hin abgelenkt werden und sich<br />

im freien Fall voneinander trennen. 3) Einstellbare<br />

„Trennzungen“ fangen die sortierten Salzbestandteile<br />

auf.<br />

B<br />

A Erweiterung der Mühle und Bau der ESTA-Anlage im Kaliwerk<br />

Hattorf<br />

B Schema der elektrostatischen Aufbereitung von <strong>Salze</strong>n<br />

C+D Eine ganz besondere Ästhetik in Edelstahl offenbart die<br />

Hattorfer ESTA-Anlage im Oktober 1982<br />

E Eine Innnenansicht der ESTA-Anlage im Kaliwerk Neuhof<br />

August 1990<br />

C D E<br />

154


Technische Besonderheiten der<br />

einzelnen Werke<br />

Kaliwerk Hattorf<br />

Das Grubenfeld liegt, bezogen auf das Werra-Kalibecken,<br />

zentraler als die Nachbarfelder und hat deshalb<br />

die größten Lagermächtigkeiten. Hier erreichen<br />

die Gerätelinien für die mechanisierte Gewinnung<br />

und Abbauförderung ihre größten Leistungsstärken<br />

im Revier. Hier läuft auch mit 30 Tonnen<br />

Schaufelinhalt der größte unter Tage eingesetzte<br />

Fahrlader.<br />

1968 hat das Werk neben der Kali- die Auftausalzproduktion<br />

aufgenommen.<br />

1979 wurde ein Überwachungssystem 10 mit Messstationen<br />

sowohl über als auch unter Tage zur Erfassung<br />

lokaler seismischer Ereignisse in den hessischen<br />

Grubenbetrieben aufgebaut. Diese können als<br />

Folge von Gebirgsabsenkungen beim Kaliabbau auftreten.<br />

Die Anlage spielte eine wichtige Rolle bei der<br />

Aufklärung des Gebirgsschlages am 13. März 1989,<br />

als im Westfeld des thüringischen Kaliwerkes Kaiseroda<br />

in Bereich von Völkershausen ein rund sieben<br />

Quadratkilometer großes Abbaufeld zu Bruch<br />

ging.<br />

Die Entwicklung zum heutigen Kaliwerk Werra 11 ,<br />

die Zusammenfassung der Standorte Hattorf, Wintershall<br />

und Unterbreizbach, wurde 1976 mit dem<br />

Stromverbund Hattorf-Wintershall eingeleitet, dem<br />

1979 unter Tage die Verbindung über ein Förderrollloch<br />

zur Versorgung der Fabrik Wintershall mit einem<br />

Rohsalz-Teilstrom aus dem Grubenfeld Hattorf<br />

und 1990 eine Streckenverbindung unter Tage folgte.<br />

Kaliwerk Wintershall<br />

Schon 1957 begann hier mit dem ersten Einsatz<br />

amerikanischer automobiler Großgeräte das Ende<br />

der konventionellen Betriebsweise mit Säulendrehbohrmaschinen<br />

und Schrappern.<br />

1953 ging im zu diesem Zeitpunkt menschenleeren<br />

Bergwerk im Norden des Grubenfeldes, ausgelöst<br />

durch ein externes tektonisches Ereignis, eine 0,8<br />

Quadratkilometer große Abbaufläche zu Bruch.Von<br />

nun an wurden im ganzen Werra-Revier die gebirgsmechanischen<br />

Forschungen und Senkungsbeo-<br />

1<br />

2<br />

1 Stellenweise ist in der Grube Hattorf die Mächtigkeit des<br />

Kalilagers so groß, dass [um 1972] aus niedrigen<br />

Abbauen große Kammern wurden<br />

2 Die feierliche Inbetriebnahme der Streckenverbindung vom<br />

Kaliwerk Wintershall zum Kaliwerk Hattorf im Jahr 1990<br />

155


MECHANISIERUNGSVERSUCHE<br />

IM KALIWERK WINTERSHALL<br />

Rudolf Kokorsch<br />

Nach dem II. Weltkrieg machte ein Blick über den<br />

Ozean deutlich, dass die Konkurrenten in den USA<br />

bei der Gewinnung flach gelagerter Kaliflöze schon<br />

in den 50er Jahren zu bergmännischen Verfahren<br />

und Maschinenausrüstungen gefunden hatten, die<br />

die körperliche Belastung der Bergleute verminderte<br />

und zu großen Mechanisierungserfolgen führte.<br />

Es lag nahe, diese Geräte auch im deutschen Kalibergbau<br />

zu erproben.<br />

Der Grubenbetrieb Wintershall war im Jahrzehnt<br />

nach 1955 die zentrale Versuchsstätte für diese Geräteerprobung.<br />

In zwei Gewinnungsrevieren ersetzten<br />

elektrisch angetriebene und mit Reifenfahrwerk ausgestattete<br />

automobile Sprenglochbohrwagen und<br />

Schrämmaschinen die Säulendrehbohrmaschine, bewegliche<br />

Lademaschinen und Pendelwagen, die<br />

Schrapper. Zu den aus den USA importierten, beim<br />

damaligen Wechselkurs von eins zu vier, sehr teuren<br />

Maschinen traten sehr schnell auch Maschinen<br />

deutscher Fertigung, zum Beispiel Frässcheibenlader<br />

und Pendelwagen aus den Fabrikhallen der SMAG.<br />

In diese Zeit fällt ebenfalls der erste Einsatz eines<br />

Continuous Miners, ein auf einem Raupenfahrwerk<br />

montierter Schneidkopf zur schneidenden Auffahrung<br />

von Strecken.<br />

Auch wenn sich diese Maschinen letzten Endes noch<br />

als zu leistungsschwach erwiesen, waren sie doch<br />

in zwei Punkten zukunftsweisend: Sie zeigten zum<br />

einen eine Alternative zum Örterbau mit langen<br />

Pfeilern auf, den Quadrat-Pfeilerbau. Zum anderen<br />

war die Verwendung automobiler Geräte und elektrohydraulischer<br />

Antriebe für die Bohr- und Ladearbeit<br />

im Abbaubereich richtungsweisend.<br />

A<br />

156<br />

A In Wintershall werden [um 1959] schon Bohrwagen, hier<br />

ein Joy-Bohrwagen vom Typ CD 25, eingesetzt<br />

B Eine Joy-Schrammmaschine 15 RU [um 1959] in der Grube<br />

Wintershall<br />

C Kaliwerk Wintershall: Ein Continuous Miner<br />

D Kaliwerk Wintershall: Ein SMAG-Frässcheibenlader im Einsatz<br />

[um 1960]<br />

E Ein Joy-Lader belädt im Kaliwerk Wintershall [um 1959]<br />

einen Joy-Pendelwagen<br />

F Ein Frässcheibenlader übergibt das abgeförderte Haufwerk<br />

an einen Pendelwagen, Wintershall [um 1959]<br />

G Kaliwerk Wintershall: Ein SMAG-Pendelwagen beim Entladen<br />

[um 1959]<br />

H Übergabe des Rohsalzes von der Abbauförderung mit<br />

Pendelwagen an die Streckenförderung mit gleisgebundenen<br />

Großförderwagen in einem mechanisierten Betrieb<br />

der Grube Wintershall [um 1959]<br />

B<br />

C


D<br />

E<br />

G<br />

F<br />

H<br />

157


achtungen mit großem Nachdruck intensiviert.<br />

1969 wurde zwischen den Grubenbetrieben Herfa<br />

und Wintershall eine erste Streckenverbindung hergestellt,<br />

der die Konzentrierung der Schachtförderung<br />

auf den Schacht Grimberg und die Einstellung<br />

des Salztransportes mit Eisenbahnzügen von Herfa<br />

nach Wintershall folgte.<br />

1976 starteten die Arbeiten zum Verbundwerk Hattorf-Wintershall,<br />

die unter Hattorf näher beschrieben<br />

sind. 1989 wurde das Kaliforschungs-Institut,<br />

eine Gemeinschaftsgründung der deutschen Kaliindustrie<br />

von 1919, von Hannover nach Heringen verlegt.<br />

158<br />

1<br />

2<br />

3<br />

Herfa-Neurode<br />

Die Förderung aus dieser Grube, deren Rohsalz schon<br />

immer in der Fabrikanlage Wintershall verarbeitet<br />

wurde, kam 1920 zum Erliegen.1935 bis 1945 war<br />

das Werk Heeres-Munitionsanstalt.1945 wurden<br />

von den Amerikanern die Fördergerüste gesprengt.<br />

Aber schon 1950, im Zuge der Schaffung von Ersatzkapazitäten<br />

für die in Mitteldeutschland enteigneten<br />

Betriebe, konnte die Grube wieder fördern. Sie<br />

war dabei durch den Umstand begünstigt, dass in<br />

der nahen Kalifabrik Wintershall ausreichende Verarbeitungskapazitäten<br />

zur Verfügung standen.<br />

In den Jahren 1967 bis 1976 wurden Herfa-Neurode<br />

und Wintershall auch unter Tage durch die Schaffung<br />

einer Streckenverbindung, die Vereinigung der<br />

Gewinnungsreviere und den Ausbau von Herfa zur<br />

Seilfahrt- und Transportanlage zu einem Verbundbergwerk<br />

zusammengeführt. Nun war das alte<br />

Grubenfeld Herfa für eine völlig neue Nutzung frei:<br />

1973 begann die Untertage-Deponie Herfa-Neurode<br />

mit der Einlagerung von Sonderabfällen.<br />

Neuhof-Ellers<br />

Das Werk war ein Opfer der Werksstilllegungen nach<br />

dem I. Weltkrieg. Die Periode als Heeresmunitionsanstalt<br />

überstand die Anlage weitgehend unbeschadet,<br />

so dass um 1951 mit den Planungen und der<br />

Errichtung eines Kaliwerks mit von Grund auf neuem<br />

Zuschnitt begonnen werden konnte. Das Hartsalzlager<br />

Hessen, in dem die Gewinnung begann, ist<br />

hier nur von relativ geringer Mächtigkeit, weist aber<br />

einen hohen Sylvin- und Kieseritgehalt auf. Die Ein-


ichtungen für Gewinnung und Abbauförderung<br />

wurden an die geringe Mächtigkeit angepasst. Die<br />

Streckenförderung zum Schacht wurde rund zehn<br />

Meter unterhalb des Lagers in ein eigens dafür angelegtes<br />

Streckennetz im Mittleren Steinsalz verlegt.<br />

Bei seiner Inbetriebnahme 1954 hatte das Werk 654<br />

Beschäftigte, die überwiegend aus dem Nahbereich<br />

der Gemeinde Neuhof stammten, darunter auch<br />

noch einige ehemalige Mitarbeiter der Muna. Hinzu<br />

kamen einige wenige Bergleute und vor allem entsprechend<br />

qualifizierte Angestellte aus anderen<br />

Werken des Unternehmens und aus anderen Bergbauzweigen.<br />

Rund 250 Werksangehörige aus dieser<br />

Anfangsphase feierten 1980 ihre 25-jährige Werkszugehörigkeit.<br />

Der Förderbeginn war gekoppelt mit<br />

der ersten vollautomatisch arbeitenden Schachtförderung<br />

in Deutschland. Die Fabrik erhielt als Kern<br />

eine KCl-Flotationsanlage und 1974 die weltweit<br />

erste ESTA-Anlage zur abwasserfreien Herstellung<br />

von Kieserit. Die Produkt-Palette des besonders für<br />

die süddeutschen Abnehmer günstig gelegenen<br />

Werkes wurde auf hochprozentigem Chlorkalium<br />

und Magnesiumsulfat aufgebaut.<br />

Die hessische Kaliindustrie<br />

als Arbeitgeber<br />

Ein Industrieunternehmen, das sich durch die wechselhafte<br />

Geschichte des letzten Jahrhunderts mit<br />

gleichbleibenden Standorten als größter Arbeitgeber<br />

einer Region behauptet hat, ist mehr als nur<br />

ein Teil von ihr: Es hat sie geprägt, ihre Menschen,<br />

die Gesellschaft, das wirtschaftliche Bild ihrer<br />

Standorte in Philippsthal, Heringen, Neuhof und<br />

anderswo.<br />

Der Aufbau des Kaliwerks Neuhof im Bild der Presse<br />

„Das in Neuhof-Ellers im Ausbau befindliche Kaliwerk der Gewerkschaft<br />

Wintershall wird ... das modernste Kalibergwerk der Welt werden. Unter<br />

großem finanziellen Aufwand werden Abbau- und Förderungsanlagen<br />

errichtet, die nach den neuesten Erkenntnissen des Kalibergbaues eingerichtet<br />

sind und weder in der Bundesrepublik noch in irgendeinem Land<br />

auf der Welt ihresgleichen haben. Mit Hilfe dieser Anlagen sollen im<br />

Neuhöfer Gebiet umfangreiche Kalilager abgebaut werden. Diese Lager<br />

sollen die Rentabilität des hessischen Kalibergbaus auf Jahrzehnte hinaus<br />

gewährleisten. Durch die Aufnahme des Kalibergbaus sollen im südlichen<br />

Teil des Fuldaer Landkreises 600 Menschen Lohn und Brot finden. Darüber<br />

hinaus werden durch die Wohnungsbauvorhaben und die Ankurbelung<br />

der gewerblichen Wirtschaft natürlich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse<br />

in diesem Kreisteil erheblich verbessert. ... Die hessische Landesregierung<br />

hat den Ausbau durch eine Staatsbürgschaft von 15 Millionen<br />

Deutscher Mark gestützt und überhaupt erst möglich gemacht.“<br />

Aus: Fuldaer Volkszeitung vom 01.04.1954.<br />

4<br />

5<br />

1 Ein Rohsalzzug steht [um 1960] abfahrbereit nach Wintershall<br />

am Schacht Herfa<br />

2 Durchschlag der Strecke von Herfa nach Wintershall in die<br />

Grubenbaue von Wintershall. Obersteiger Schneider aus<br />

Wintershall begrüßt am 28.01.1969 Betriebsführer Hotze<br />

vom Grubenbetrieb Herfa<br />

3 Richtfest beim Bau des neuen Fördergerüstes am Schacht<br />

Grimberg in Heringen [um 1971]<br />

4 Erstmals im deutschen Bergbau wurde der Förderschacht<br />

Neuhof mit einer automatisch betriebenen Fördermaschine<br />

ausgestattet [um 1956]<br />

5 Schichtwechsel am Kaliwerk Wintershall im April 1971<br />

159


160<br />

Neubürger in Herfa<br />

„Das sprunghafte Ansteigen der Bevölkerungszahl [in Heringen-Herfa]<br />

war nur durch das Ansiedeln und Eingliedern des Flüchtlings- und Vertriebenenstroms<br />

aus der SBZ [Sowjetische Besatzungszone], aus den deutschen<br />

Ostgebieten und aus dem Sudetenland möglich. ... ‚Altbürger’ und<br />

‚Neubürger’ halten sich heute anteilsmäßig in der Gemeinde die Waage.<br />

Alteingesessene und Neueingegliederte besitzen gleiche Wohnstätten, Berufspositionen<br />

und Konsumgewohnheiten. Ebenfalls sind in Sitten, Gebräuchen<br />

und in der Lebensführung kaum noch Unterscheidungsmerkmale,<br />

die gruppenspezifisch zu nennen wären, zu beobachten. Die ‚Neubürger’<br />

eigneten sich weitgehend Sprache, Sitten, Gebräuche ihrer alteingesessenen<br />

Nachbarn an. Beibehalten und teilweise von den ‚Altbürgern’<br />

übernommen wurden Nahrungsspezialitäten, z.B. die der Ungarndeutschen<br />

und die der Sudentendeutschen.<br />

Eine unterschiedliche Einstufung in der sozialen Rangordnung des Dorfes<br />

aufgrund der Herkunft, wie sie noch Anfang der 50er Jahre häufig beobachtet<br />

werden konnte, ist nicht mehr festzustellen. Zur Zeit bestimmen<br />

andere Kriterien maßgebend den Platz in dieser Rangordnung. Die Gruppe<br />

der Heimatvertriebenen dürfte vermutlich nach dem Ableben der jetzigen<br />

Elterngeneration völlig in der einheimischen Bevölkerung aufgehen.“<br />

Aus: Schwarz, Theodor: Veränderung der Lebensform in Herfa, Kreis Hersfeld.<br />

Maschinenschrift, o.O. [Herfa] 1966, S. 13-14.<br />

Kleinensee – Bergarbeiterdorf an der Zonengrenze<br />

„Kleinensee hätte ... verdient, vom Schicksal etwas milder behandelt zu<br />

werden. Verkehrstechnisch liegt es nämlich denkbar ungünstig. Fast kreisrund<br />

ist es auf allen Seiten von der Zonengrenze umgeben. Nur eine Lücke<br />

ist offen geblieben, und durch diese hindurch hat man nach der Zonengrenzziehung<br />

schnell einen Waldweg zu einer festen Straße ausgebaut.<br />

Auch diese ist noch recht schmal, so daß man wohl auf die Hinweisschilder<br />

mit den Fahrzeiten des Autobusses acht geben muß. Die alten Grenzsteine<br />

zwischen Preußen und Sachsen-Weimar stehen nun einmal, und<br />

sie trennen, was in Generationen organisch zusammengewachsen war.<br />

Gleich hinter der Zonengrenze liegt Großensee. An der mächtigen Linde<br />

ist die Straße doppelt gesperrt. „Attention!“ Ein Verbotsschild für Kraftfahrzeuge.<br />

„Halt! 50 m Zonengrenze!“ Noch einmal ein Schild mit dem<br />

Hinweis „Halt. Zonengrenze“. Gleich viermal wird man gewarnt. ... Ebenso<br />

ist die Straße nach Dankmarshausen gesperrt. Früher gingen die Bergleute<br />

dorthin und fuhren mit dem Zuge nach Heringen. Fast alle haben Geschwister,<br />

Verwandte drüben wohnen. Hier spürt man so recht die Tragik<br />

der Trennung und den ganzen Widersinn eines geteilten Deutschlands.“<br />

Aus: Kleinensee – Bergarbeiterdorf an der Zonengrenze. In: Salz und Oel. Werkzeitschrift<br />

Wintershall AG. 11. Jg. H. 5, Kassel 1961, S. 20.<br />

1 Die nach 1945 mit Unterstützung des Kaliwerks erbaute<br />

Werratal-Schule in Heringen<br />

2 Heringen, Kaliwerk Wintershall: Weihnachtliche Betriebsversammlung<br />

unter Tage<br />

3 Heringen, Kaliwerk Wintershall: Eine [vor 1959] mit Unterstützung<br />

des Kaliwerks Wintershall neu errichtete Bergarbeitersiedlung<br />

in Heringen-Leimbach<br />

Das galt besonders vor dem I. Weltkrieg, aber auch<br />

nach dem II. Weltkrieg, als das Werratal Grenzgebiet,<br />

die Infrastruktur zerstört, die Mobilität sowie<br />

die Reisemöglichkeiten der Menschen stark eingeschränkt<br />

waren. Und es gilt für alt eingesessene<br />

Bewohner ebenso wie für die vielen Ostvertriebenen,<br />

die hier eine neue Heimat fanden.<br />

Aber auch umgekehrt haben die Menschen ihren<br />

Arbeitsplatz mitgestaltet und in Krisenzeiten um<br />

ihn gerungen. Einige Beispiele: Es waren vor allem<br />

Mitarbeiter des Werkes (und eine Gruppe flämischer<br />

Arbeiter, die während des Krieges in den<br />

Bergwerken zwangsverpflichtet gewesen waren), die<br />

am Ostermontag 1945 einen brennenden bzw. explodierenden<br />

Munitionszug aus der Muna Herfa-<br />

Neurode auf dem Heringer Bahnhof unter Einsatz<br />

ihres Lebens löschten und ein Übergreifen des<br />

Brandes auf weitere Fabrikanlagen und Wohnhäuser<br />

verhinderten.<br />

Mitarbeiter des Werkes widersetzten sich später erfolgreich<br />

der Flutung der Schachtanlage Herfa und<br />

der Sprengung der Leichtmetall-Anlage Heringen II<br />

durch amerikanische Soldaten. Herfa blieb erhalten<br />

(was manchen allzu Wagemutigen auch dazu verführte,<br />

in die Schächte einzusteigen und sich mit<br />

der begehrten Kartuschenseide und „Eisernen Rationen“<br />

zu versorgen), und in der Leichtmetallfabrik<br />

konnten noch lange Zeit dringend benötigte<br />

Haushaltsgegenstände hergestellt werden.<br />

Die totale Grenzschließung am 30. Mai 1952 zwang<br />

mehrere Hundert auf den Kaliwerken Beschäftigte<br />

aus dem thüringischen Grenzbereich dazu, ihre<br />

Arbeitsplätze aufzugeben oder über die Grenze zu<br />

gehen. Viele wählten die zweite Möglichkeit. In der<br />

Heringer Steinbergstraße entstanden in der Folge<br />

156 Flüchtlingswohnungen, im Volksmund wurde<br />

die Straße lange Zeit „Stalin-Allee“ genannt.<br />

Der Ausbau der Werratal-Schule Heringen zur integrierten<br />

Gesamtschule mit gymnasialem Zweig ist<br />

ein besonders gutes Beispiel für die gegenseitige<br />

Befruchtung und Unterstützung von Verwaltung,<br />

Werken und Bürgern. So konnte den Kindern im<br />

Werratal bald nach der Schließung der Grenzen 1945<br />

und dem Verlust des Zuganges zu den weiterführenden<br />

Schulen in Vacha und Gerstungen eine zur Hochschulreife<br />

führende Schule angeboten werden.


Im Laufe der Jahre hat sich auch im hessischen Kalibergbau<br />

eine beachtliche und feste Bergbautradition<br />

entwickelt. Es gibt sehr aktive Bergmannsvereine.<br />

Am 4. Dezember werden zu Ehren der Schutzpatronin<br />

regelmäßig die Barbarafeste gefeiert. Im<br />

Werk Neuhof wird der ökumenische Barabara-<br />

Gottesdienst unter Beteiligung prominenter Gäste<br />

sogar unter Tage abgehalten, in Heringen der Bergdank-Gottesdienst<br />

in der Kirche. Die Betriebsversammlungen<br />

am Jahresende finden regelmäßig<br />

unter Tage und unter aktiver Mitwirkung eines Geistlichen,<br />

des örtlichen Gewerkschaftssekretärs und<br />

der Bergmannskapelle statt. Besonders sichtbar und<br />

erfolgreich war die Zusammenarbeit von Werken,<br />

Gemeindevertretern und Bevölkerung, als es um die<br />

Errichtung des Werra-Kalibergbau-Museums ging,<br />

das inzwischen einen sehr bedeutenden Namen<br />

unter den deutschen Montanmuseen hat. 1989<br />

eröffnete der mit Werksunterstützung gegründete<br />

Kunstverein Heringen in der „K + S-Villa“ seine<br />

erste Kunstausstellung.<br />

Die Ortsparlamente haben unter ihren Mitgliedern<br />

eine ganze Reihe von Werksangehörigen, die manches<br />

Band knüpfen zwischen den Menschen der Region<br />

und den Kaliwerken.<br />

Seit 1928 bildet die hessische Kaliindustrie in technischen,<br />

chemischen und kaufmännischen Berufen<br />

ihren Nachwuchs selbst aus und entsendet besonders<br />

qualifizierte Mitarbeiter in die Weiterbildung<br />

an Fachschulen. Die Ausbildung der künftigen Bergmechaniker,<br />

Handwerker, Kaufleute und Techniker<br />

gilt in der Region als vorbildlich.<br />

Die Belegschaften sind bodenständig. Es gibt Familien,<br />

die in der dritten Generation in der Kaliindustrie<br />

beschäftigt sind. Von 1953 bis 1988 haben<br />

auf dem Werk Werra 4.200 Werksangehörige das<br />

25-jährige, 910 das 40-jährige und 27 das 50-jährige<br />

Betriebsjubiläum feiern können.<br />

Die drei hessischen Werke stellen ihren Mitarbeitern<br />

rund 300 Werkswohnungen zur Verfügung und<br />

gewährten seit der Währungsreform Darlehen im<br />

Wert von rund 25 Millionen Deutsche Mark für den<br />

Eigenheimbau. 80 Prozent der Belegschaft wohnten<br />

1989 in den eigenen „vier Wänden“.<br />

Natürlich gab es und gibt es immer wieder auch<br />

Spannungen zwischen den Menschen der Region<br />

1<br />

2<br />

3<br />

161


10,5 Prozent mehr Lohn<br />

„Die rund 12000 Beschäftigten im Kali- und Steinsalzbergbau der Bundesrepublik<br />

werden vom 1. Oktober an 10,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt<br />

erhalten. Auch die Lehrlingsvergütungen werden im gleichen Umfang erhöht.<br />

Dieses Ergebnis dreitägiger Tarifverhandlungen in Bad Hersfeld teilte<br />

am Mittwoch ein Sprecher der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie<br />

mit. Der neue, in der Nacht zum Mittwoch ausgehandelte Tarifvertrag wurde<br />

nach seinen Angaben ohne feste Laufzeit abgeschlossen. Er ist mit einer<br />

zweimonatigen Kündigungsfrist zum Quartalsende kündbar. Die Tarifvertragsparteien<br />

behielten sich eine Zustimmungsfrist bis zum 21. September<br />

vor. Die IG Bergbau und Energie hatte ursprünglich eine Lohn- und<br />

Gehaltserhöhung von 12,8 Prozent gefordert.“<br />

Aus: Fuldaer Zeitung vom 20.09.1973.<br />

1<br />

2<br />

und den Werken. Es seien nur drei Konfliktpunkte<br />

genannt, die erst nach vielen Gesprächen ausgeräumt<br />

werden konnten: Die notwendigen Haldenerweiterungen,<br />

der Ausbau der Untertage-Deponie<br />

Herfa-Neurode (auf ausdrückliches Betreiben des<br />

damaligen hessischen Umweltministers Joschka<br />

Fischer) und in den 1960er Jahren die Umlegungen<br />

und Kündigungen von Belegschaftsmitgliedern.<br />

Andererseits waren Belegschaft und Betriebsrat<br />

immer offen, wenn Werksangehörige von norddeutschen<br />

Schwesterwerken, die von Betriebseinschränkungen<br />

betroffen waren, zu übernehmen waren.<br />

Die Aufträge an heimische Firmen haben jährlich<br />

ein Volumen von circa drei Millionen Euro. Der<br />

Stadt Heringen und der Gemeinde Philippsthal flossen<br />

bis zur Wiedervereinigung über 100 Millionen<br />

Deutsche Mark an Steuern zu. Im Gebiet der Bundesbahndirektion<br />

Frankfurt sind die hessischen Kaliwerke<br />

der größte Frachtzahler.<br />

Für den westdeutschen Kalibergbau gilt das Betriebsverfassungsgesetz<br />

von 1952 beziehungsweise 1972.<br />

Zuständige Gewerkschaft war ab 1945 die Industriegewerkschaft<br />

Bergbau (IGB), später die Industriegewerkschaft<br />

Bergbau und Energie (IGBE), heute<br />

die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und<br />

Energie (IGBCE). Die Betriebsvertretungen auf den<br />

Werken gelten als fachkompetent, bodenständig,<br />

selbstbewusst und kooperativ. Sie entsenden Vertreter<br />

in die leitenden Gremien von Knappschaft,<br />

Berufsgenossenschaft und in die Tarifkommission<br />

des deutschen Kalibergbaus. Tarifpartner ist dort<br />

der Kaliverein. Tarifgebiet waren bis 1989 die Länder<br />

Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen<br />

und Baden-Württemberg. Der erste Tarifabschluss<br />

nach dem II. Weltkrieg wurde am 1.8.1948 besiegelt.<br />

Im August 1956 gab es den ersten Tarifabschluss<br />

über Arbeitszeitverkürzungen.1968 wurde die tarifliche<br />

Sieben-Tage-Woche in den Kalifabriken eingeführt.<br />

Seit dem 1. Mai 1981 gibt es den monatlichen<br />

Festlohn für gewerbliche Arbeitnehmer. Zu Streiks<br />

162<br />

1 DIe Gasanschlussleitung zwischen den Werken Hattorf und<br />

Werk Wintershall wird [um 1971] in die Werra abgesenkt<br />

2 Auf der Halde Wintershall wird [um 1980] am Haldenabsetzer<br />

gearbeitet


ist es bis 1989 in der westdeutschen Kaliindustrie<br />

nicht gekommen. Dies unterstreicht angesichts wiederholter<br />

kritischer Beschäftigungssituationen,<br />

Kurzarbeit und Teilstilllegungen auf den Werken die<br />

Kooperationsbereitschaft der Vertragspartner.<br />

Umweltbelästigung und<br />

Umweltschutz<br />

Früher bestimmten Halden das Bild von Bergbaurevieren,<br />

vielfach auch dunkler Rauch aus Schornsteinen,<br />

biologisch geschädigte Vorfluter und lästige<br />

Gerüche beim Einatmen der Luft, wenn die aus der<br />

Tiefe geförderten Rohstoffe schwierigen Verarbeitungsprozessen<br />

unterworfen werden mussten.<br />

Heute sind davon im hessischen Kalibergbau nur<br />

noch die Halden als typische Merkmale geblieben.<br />

Und sie werden es bleiben, da zwei Drittel des geförderten<br />

<strong>Salze</strong>s bei der Verarbeitung in den Fabriken<br />

als nicht weiter verwertbarer Rückstand anfallen,<br />

der aus verschiedenen Gründen nicht in die<br />

Gruben zurückgebracht werden kann. Die Kraftwerke<br />

sind auf Erdgas umgestellt und die Abluft wird<br />

gereinigt.<br />

Eine Besonderheit des Kalibergbaus ist, dass die bei<br />

der Kaliproduktion entstehenden Abfallsalze wasserlöslich<br />

sind. Die Trennungsverfahren erfolgten<br />

lange Zeit über die wässrige Phase, wodurch versalzene<br />

Abwässer anfielen, die anfänglich in den Vorfluter,<br />

seit Ende der 1920er Jahre zunehmend in den<br />

Plattendolomit versenkt wurden, ein kalkigdolomitisches<br />

Schichtenpaket mit rund fünf Prozent Porenund<br />

Kluftvolumen etwa 400 Meter unter der Erdoberfläche.<br />

Seit 1913 sorgten gesetzliche<br />

Regelungen und staatliche Überwachung dafür, dass<br />

die Abstoßmengen in den Vorfluter im gesetzlichen<br />

Rahmen blieben – auf der hessischen Seite auch in<br />

der Zeit, als das Kalirevier geteilt war.<br />

Die Werra-Versalzung ist seit der Umstellung der<br />

Kalifabriken auf ESTA und ergänzende umweltverträgliche<br />

Verarbeitungsverfahren auf unter zweieinhalb<br />

Gramm pro Liter zurückgeführt und erreicht<br />

damit wieder den Wert, der „bereits 1917 vom<br />

Reichsgesundheitsamt als Grenzwert für die Trinkwassergewinnung<br />

in Bremen“ festgesetzt wurde. In<br />

der Werra konnte sich wieder eine „Vielfalt biologischer<br />

Lebensgemeinschaften bilden“. 12<br />

VERSENKUNG VON ABWÄSSERN<br />

IM PLATTENDOLOMIT<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

Die seit den 1920er Jahren betriebene Versenkung<br />

in den Plattendolomit ist eine der Möglichkeiten,<br />

um salzhaltige Abwässer zu entsorgen.<br />

Hierbei wird ausgenutzt, dass der im Zechstein<br />

gebildete Plattendolomit viele Poren und Klüfte<br />

aufweist, die aber von Natur aus nur teilweise<br />

mit salzhaltigem Wasser gefüllt sind. Nachdem<br />

er von über Tage aus angebohrt worden ist,<br />

werden die salzhaltigen Abwässer eingeleitet.<br />

A<br />

B<br />

A<br />

Schema eines Schluckbrunnens für salzhaltige<br />

Abwässer<br />

Die Entwicklung der Versenkmengen in Hessen und<br />

Thüringen zwischen 1925 und 2002<br />

B<br />

163


POLITIKER AUF STIPPVISITE<br />

Hermann-Josef Hohmann<br />

In Nord- und Osthessen ist der Kalibergbau seit<br />

vielen Jahrzehnten einer der ganz großen industriellen<br />

Arbeitgeber. Die Kaliwerke Wintershall und<br />

Hattorf gehören mit dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg<br />

zum wirtschaftlich strukturschwachen Nordhessen.<br />

Auch dem Kreis Fulda, dem die Gemeinde<br />

Neuhof angehört, ist es erst in den letzten Jahren<br />

gelungen, seine früheren Strukturprobleme in vielen<br />

Bereichen hinter sich zu lassen.<br />

Bis 1989 gehörten das Werratal und auch Neuhof<br />

zum Zonenrandgebiet. Dicht an der deutsch-deutschen<br />

Grenze gelegen, hatten gerade die beiden<br />

hessischen Werrawerke eine immense strukturpolitische<br />

Bedeutung. Deshalb haben immer wieder<br />

prominente Landes- und Bundespolitiker bis hin zu<br />

den Bundespräsidenten die hessische Kaliindustrie<br />

besucht. Insbesondere in den heißen Zeiten des<br />

Kalten Krieges sollten solche Besuche auch demonstrieren,<br />

dass die Politik die Menschen im westdeutschen<br />

Zonenrandgebiet nicht vergessen hat.<br />

Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1972 wird Herfa-Neurode<br />

mit seiner Unter-Tage-Deponie gerne von Politikern<br />

aufgesucht, da sich die Deponie für die<br />

Entsorgung von Sonderabfällen einen guten Ruf als<br />

„Problemlöser“ erworben hat.<br />

A<br />

A<br />

B<br />

C<br />

D<br />

Der langjährige Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordnete und<br />

spätere Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag<br />

Dr. Alfred Dregger, nach seiner Grubenfahrt in Neuhof am<br />

30.01.1980<br />

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm besucht das Werk<br />

Neuhof-Ellers am 30.4.1991<br />

Der hessische Ministerpräsident Holger Börner beim Besuch<br />

in Herfa-Neurode am 16.03.1977<br />

Besuch des Bundespräsidenten Heinrich Lübke im Kaliwerk<br />

Hattorf<br />

C<br />

B<br />

D<br />

164


1<br />

Was bleibt, sind die wachsenden Halden. Das mit<br />

Bandanlagen feucht aufgeschüttete Salz bindet<br />

schnell ab, so dass die Salzverwehungen minimal<br />

sind. Salzhaltiges Niederschlagswasser wird aufgefangen<br />

und in den Fabrikkreislauf zurückgeführt.<br />

Schließlich arbeitet seit 1973 eine Arbeitsgruppe aus<br />

Vertretern von Behörden, Forschungsinstituten und<br />

der Kaliindustrie an den Voraussetzungen und Möglichkeiten<br />

zur Begrünung der Rückstandshalden.<br />

Von den zwischen 1945 und 1989 in die hessischen<br />

Kaliwerke investierten rund 900 Millionen Euro<br />

sind ein gutes Viertel, 250 Millionen Euro, für Umweltschutz-Investitionen<br />

aufgewendet worden. 13<br />

Die Steinsalzhalden sind inzwischen ein Symbol für<br />

das Kalirevier wie die <strong>Berge</strong>halden für den Steinkohlen-<br />

und Erzbergbau. Sie sind nicht von jedem<br />

akzeptiert, aber sie prägen das „Land der <strong>weiße</strong>n<br />

2<br />

1 Die beiden Reststoffhalden von Hattorf und Wintershall<br />

sind weithin sichtbare Wahrzeichen im „Land der <strong>weiße</strong>n<br />

<strong>Berge</strong>“<br />

2 Der „Monte Kali“ von Heringen hat sich in den letzten<br />

Jahren zu einem beliebten touristischen Anziehungspunkte<br />

entwickelt<br />

165


1<br />

3<br />

2<br />

4<br />

166<br />

<strong>Berge</strong>“. Für manchen sind sie ein willkommener<br />

Aussichtspunkt; für viele ein Merkmal ihres Berufes<br />

und Arbeitsplatzes und ein Zeichen für eine lebende<br />

und erfolgreiche Industrie.<br />

Die Unter-Tage-Deponie<br />

Herfa-Neurode 14<br />

Giftige Abfälle sind vor allem durch ihre Wasserlöslichkeit<br />

gefährlich. Die vor mehreren hundert Millionen<br />

Jahren entstandenen Salzlager sind seit ihrer<br />

Verfestigung zu Gestein absolut trocken. Ihr Abbau<br />

hinterlässt Hohlräume. Daher lag die Idee nahe, diese<br />

für dauerhafte wie befristete Einlagerungen unterschiedlichster<br />

Dinge zu nutzen.<br />

So konnte das Projekt Unter-Tage-Deponie (UTD)<br />

Herfa nach sorgfältiger Recherche und Planung sowie<br />

mit behördlicher Mithilfe und Genehmigung<br />

1973 in dem stillgelegten Grubenfeld des Kaliwer-<br />

kes Herfa-Neurode verwirklicht werden. Von Anfang<br />

an wurde der Grundsatz umgesetzt, giftige und umweltschädliche<br />

Abfälle nicht mehr im Biokreislauf<br />

zu belassen, sondern sie ihm in möglichst konzentrierter<br />

Form zu entziehen und, systematisch geordnet,<br />

mit einem Höchstmaß an Sicherheit für die damit<br />

befassten Bergleute unter Tage zu deponieren.<br />

Bis 1989 wurden in Herfa weit über 3.000 Arten von<br />

Abfällen zur Einlagerung genehmigt und 882.000<br />

Tonnen Sonderabfall eingelagert. Die Abfälle sind in<br />

chemisch miteinander verwandten Stoffgruppen<br />

zusammengefasst und in jeweils gesonderten Räumen<br />

untergebracht. Die eingelagerten Stoffe sind<br />

zum großen Teil Rückstände aus der metallverarbeitenden,<br />

der chemischen und der Elektroindustrie<br />

sowie aus Verbrennungsanlagen und reichen von<br />

Galvanikschlämmen und Rückständen aus Rauchgasreinigungen<br />

bis zu kontaminierten Transforma-


toren und überlagerten Medikamenten. Die vom<br />

damaligen hessischen Oberbergamt entwickelten<br />

Genehmigungs- und Betriebsanforderungen sind<br />

als vorbildhaft in die „Technische Anleitung Abfall“<br />

des Umweltministeriums eingegangen.<br />

Selbstbewusst in das wiedervereinigte<br />

Deutschland<br />

Die Bilanz der hessischen Kaliindustrie für die Jahre<br />

nach dem II. Weltkrieg ist beeindruckend. Die hessischen<br />

Werke haben in diesen 45 Jahren 476 Millionen<br />

Tonnen Rohsalz gefördert, daraus über 37 Millionen<br />

Tonnen K 2 O-Produkte und rund 3 Millionen<br />

Tonnen Steinsalz hergestellt sowie 882.000 Tonnen<br />

Sonderabfälle eingelagert. Ihr Anteil an der westdeutschen<br />

Produktion betrug in diesem Zeitabschnitt<br />

43,5 Prozent, an der gesamtdeutschen Produktion<br />

20 Prozent.<br />

Innerhalb Westdeutschlands haben die hessischen<br />

Kaliwerke ihren Anteil von einem Drittel in der ersten<br />

Dekade auf über die Hälfte in den letzten zwölf<br />

Jahren vor der Wiedervereinigung steigern können.<br />

Es brauchte kein Werk stillgelegt zu werden. Dank<br />

sehr hoher Investitionen und großer Rationalisierungserfolge<br />

haben die Werke international übliche<br />

Produktionskapazitäten erreicht.<br />

Die Grubenbetriebe haben unter dem Zwang stärkster<br />

Konkurrenz auf dem Weltmarkt in mehreren<br />

Schüben die eingesetzten technischen Ausrüstungen<br />

modernisiert, die einzelnen Betriebsbereiche<br />

mechanisiert und mit dem Ergebnis auch im internationalen<br />

Vergleich hoher Leistungen pro Mann<br />

und Schicht rationalisiert.<br />

In den Fabrikbetrieben war die Umstrukturierung<br />

und Umstellung auf energiesparende und umwelt-<br />

5<br />

6<br />

1 In der Unter-Tage-Deponie Herfa-Neurode (UTD) eingelagerte<br />

Trafos<br />

2 Eine gefüllte Lagerkammer wird in der UTD vermauert<br />

3 Die Einlagerung der 200.000sten Tonne Sondermüll in der<br />

UTD am 17.10.1979<br />

4 Ein mit in Fässern verpacktem Sondermüll beladener Tieflader<br />

wird in der UTD 1995 entladen<br />

5 Kaliwerk Wintershall: Werksansicht mit Fördergerüst und<br />

einem Teil der Fabrik am 14.5.1980<br />

6 Förderturm, Mühle und ESTA beherrschen im Jahr 1988<br />

optisch die Anlagen des Kaliwerks Hattorf<br />

167


168<br />

1<br />

verträgliche Verfahren weit fortgeschritten. Die Produkt-Palette<br />

nützte alle Möglichkeiten aus, die die<br />

Rohsalzzusammensetzung eröffnete.<br />

Der westdeutschen Kaliindustrie ist es in enger Zusammenarbeit<br />

mit den Aufsichtsbehörden gelungen,<br />

unter größtmöglicher Schonung der Umwelt die Probleme<br />

Werraversalzung, Abwasserversenkung und<br />

Aufhaldung der Rückstände langfristig zu lösen,<br />

ohne die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen<br />

Kalimarkt einzubüßen.<br />

Mit der UTD Herfa-Neurode ist eine richtungsweisende<br />

und weltweit anerkannte Lösung eines brennenden<br />

Umweltproblems gelungen.<br />

Nicht gelungen ist es, den Anteil an der Weltproduktion,<br />

der für die BRD 1960 noch bei 22 Prozent gelegen<br />

hatte, auf diesem Niveau zu halten. Die Folge<br />

war in der hessischen Kaliindustrie ein Personalabbau<br />

um 30 Prozent; von rund 6.400 Mitarbeitern<br />

1960 auf 4.500 30 Jahre später. Er fiel niedriger aus<br />

als in den anderen deutschen Kalirevieren und lief<br />

in den allermeisten Fällen sozialverträglich ab.<br />

In mehreren zwischenstaatlichen Abkommen mit<br />

der DDR war es zu Lösungen der grenzüberschreitenden<br />

technischen Fragen des Kalibergbaus gekommen,<br />

zum Beispiel über die Begradigung der Markscheiden,<br />

die Substanzgewinn für beide Seiten<br />

brachte, über den Austausch von Grubenrissen im<br />

unmittelbaren Grenzbereich und über die Abstimmung<br />

der Sprengzeiten unter Tage.<br />

1950 konnte der Werksleiter bei einem 50-jährigen<br />

Werksjubiläum im Werratal voller Pathos ausführen:<br />

„Man kann wohl sagen, dass auf dem Unternehmen<br />

immer ein sichtbarer Segen geruht hat, und dass wir<br />

die Erfolge, die errungen worden sind, doch wohl in<br />

erster Linie der Gnade Gottes, der immer über uns<br />

gewaltet hat, zu verdanken haben. Natürlich haben<br />

auch immer Männer an der Spitze und … alle<br />

Arbeitskameraden in der ganzen Zeit in treuer<br />

Pflichterfüllung mitgeholfen…“ 15<br />

Auch aus den Worten des Betriebsratsvorsitzenden<br />

klingen Dankbarkeit und Stolz: „50 Jahre Arbeitsplatz!<br />

Welch ein Glück zog für das Dorf und die weitere<br />

Umgebung ein, als vor mehr als 50 Jahren Männer<br />

zur Tat schritten und einen Arbeitsplatz erschlossen,<br />

der innerhalb der gesamten Wirtschaft von<br />

größter Bedeutung wurde. Kalidünger – Erntebringer!<br />

… Unser Arbeitsgeist, gepaart mit dem<br />

Sinn für Gemeinschaft, schuf bessere Verhältnisse<br />

und die heutige Kultur…“ 16<br />

36 Jahre später war die Wortwahl nüchterner, aber<br />

nicht weniger selbstbewusst, als eine Einschätzung<br />

von kompetenter Seite lautete: „Die historische Entwicklung<br />

des erst 125 Jahre jungen Weltkalibergbaus<br />

beweist, dass wir weltweit einen hohen Standard<br />

beim Abbau der Kalilagerstätten erreicht haben,<br />

der sich gegenüber der Entwicklung in allen anderen<br />

Bergbauzweigen sehr wohl sehen lassen kann.“ 17<br />

1925 hat August Rosterg, eine der großen Persönlichkeiten<br />

der deutschen Kaliindustrie, seine Leitideen<br />

wie folgt zusammengefasst: „… durch Konzentration<br />

der Kaliproduktion und größte Vervollkommnung<br />

der technischen und bergbaulichen Einrichtungen<br />

eine möglichste Verminderung der<br />

Selbstkosten herbeizuführen und der deutschen<br />

Landwirtschaft die Kaliprodukte entsprechend der<br />

Senkung der Selbstkosten möglichst billig zu liefern<br />

…“ 18 Diese Vision hat sich erfüllt.<br />

1989, vor sich die nächste große Aufgabe, die Vereinigung<br />

der beiden deutschen Kaligesellschaften zu<br />

meistern, konnte die westdeutsche Kaliindustrie mit<br />

Selbstvertrauen in die Zukunft sehen.


2 3<br />

1 Werksansicht des Kaliwerks Neuhof mit Fördergerüst und<br />

einem Teil der Fabrik im September 1991<br />

2 Im Kaliwerk Neuhof bohren [um 1960] Bergleute mit der<br />

Säulenbohrmaschine Sprenglöcher<br />

3 Ein Opel-Blitz dient [um 1966] in der Grube Wintershall<br />

als Fahrzeug für den Mannschaftstransport<br />

4 Schrapperfahrstand und Schrapperhaspel in der Grube<br />

Neuhof [um 1955]<br />

5 Bergleute am Schacht Ellers [um 1955] vor der Ausfahrt<br />

aus der Grube<br />

4<br />

5<br />

169


1<br />

2<br />

3<br />

170<br />

4<br />

1 Eine Strecke mit Lokförderung in Wintershall [um 1963]<br />

2 In der Grube Hattorf erfolgt 1967 die Streckenförderung<br />

noch zum Teil gleisgebunden mit Kettenbahnen<br />

3 Ein Bergmann am Steuerstand für einen Wipper am<br />

Schacht Neuhof<br />

4 Der Antrieb einer Kettenbahn in Hattorf im Jahr 1967<br />

5 Wahrscheinlich aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der<br />

Lehrwerkstatt Heringen findet 1978 eine Feier in den festlich<br />

geschmückten Räumen der Lehrwerkstatt statt


5 6<br />

7<br />

6 Die Bergkapelle Wintershall blickt 1974 auf ihr 40jähriges<br />

Bestehen zurück<br />

7 Ein Erinnerungsfoto zum Rückbau der Halde 1974 und<br />

der Zuführung von Haldenmaterial zur Verarbeitung in<br />

der Fabrik des Kaliwerks Hattorf<br />

8 Festlich geschmückt steht am 4. Januar 1955 der erste<br />

Eisenbahnwaggon mit Produkten des Kaliwerks Neuhof-<br />

Ellers auf dem Werksbahnhof<br />

8<br />

171


172<br />

1<br />

2<br />

1 Das Setzen von Firstankern erfolgt Anfang 1981 in der<br />

Grube Wintershall mit einem Firstankerbohrwagen<br />

2 Im Februar 1986 sind zwei Bergleute in Wintershall mit<br />

dem bohren von Großlöchern beschäftigt<br />

3 Ein Salzgitter-Sprenglochbohrwagen steht im März 1986<br />

in Arbeitsposition vor Ort im Grubenfeld Hattorf<br />

4 Ein Lader in der Grube Hattorf lädt 1976 mehrere Tonnen<br />

Rohsalz in seiner mächtigen Schaufel<br />

5 An einer Kippstelle entlädt der Lader das Rohsalz in einen<br />

Brecher, vom dem aus es einem Förderband zugeführt<br />

wird<br />

6 Eine Bandübergabe unter Tage in der Grube Wintershall<br />

[um 1981]<br />

7 Ein Wartungsplatz für Großgeräte in einem Abbaurevier<br />

der Grube Neuhof im April 1971<br />

8 Mannschaftstransportfahrzeug in der Grube Hattorf 1976


3 4<br />

5 6<br />

7 8<br />

173


1<br />

2<br />

3<br />

174


4 5<br />

6<br />

1 Der Werkseingang des Kaliwerks Hattorf mit dem Förderturm<br />

1976<br />

2 Das von der Firma EILERS aus Hannover errichtete Fördergerüst<br />

des Schachtes Herfa im Jahr 1963<br />

3 Die Schachthalle des Schachtes Neurode vor dem Abriss<br />

der Fördergerüstes<br />

4 Das alte Fördergerüst steht noch über dem Schacht Ellers<br />

bei Neuhof<br />

5 Blick auf einen Teil des Kaliwerks Neuhof mit dem Fördergerüst<br />

[um 1960]<br />

6 Eine Nachtaufnahme des Kaliwerks Wintershall aus Richtung<br />

Südwesten [um 1965]<br />

175


1 2<br />

3<br />

4<br />

5<br />

1 Ein Mast der Seilbahn auf die Rückstandshalde mit einem<br />

vollen Seilbahnwagen, im Hintergrund ein Teil der Hattorfer<br />

Werksanlagen<br />

2 Die neue ESTA-Anlage im Kaliwerk Hattorf mit Blick über<br />

das Haldenband 1983<br />

3 Auf dem Plateau des „Monte Kali“ in Heringen ist [um<br />

1980] ist noch wenig Platz<br />

4 Wintershall [um 1976]: Die erste Stufe der ESTA-Anlage<br />

und das Haldenband befinden sich im Bau<br />

5 Ein Blick von der Halde [um 1985] auf die Ortslage von<br />

Neuhof<br />

176


Hermann-Josef Hohmann<br />

Wieder vereinigt –<br />

die Jahre nach 1989<br />

2<br />

3<br />

1 4<br />

Nachdem die eigenen Bürger 1989 das Ende der DDR erzwungen<br />

haben, bringen die Wiedervereinigung und die Einführung<br />

der Deutschen Mark in Ostdeutschland auch für die Kaliindustrie<br />

einschneidende Veränderungen mit sich. Der Rückstand<br />

der DDR gegenüber den technisch modern ausgestatteten<br />

westlichen Kaliproduzenten wird offensichtlich. Die Region<br />

ist vor allem in Thüringen zu einem tiefgreifenden Strukturwandel<br />

gezwungen. In seinem Verlauf müssen viele Arbeitsplätze<br />

abgebaut werden. 1993 schließt sich die deutsche Kaliindustrie<br />

zu einem Unternehmen zusammen. In der Folge werden<br />

1997 alle Kalistandorte an der Werra im Verbundwerk<br />

„Werra“ vereinigt.<br />

1 Mit Pressluft wird der granulierte<br />

Sprengstoff in die vorbereiteten<br />

Bohrlöcher eingeblasen<br />

2 Aus den bunten <strong>Salze</strong>n wird eine<br />

ganze Palette unterschiedlicher<br />

Produkte herstellt<br />

3 Die elektrostatische Trennanlage ist<br />

das Herzstück der meisten Kalifabriken<br />

im Werra-Fulda-Revier<br />

4 Die Halde des Kaliwerks Neuhof-<br />

Ellers ist eine imposante Landmarke


178<br />

1<br />

2<br />

Über 40 Jahre lang mussten wegen der deutschdeutschen<br />

Grenze die Menschen und die Kaliindustrie<br />

im Werratal, getrennte Wege gehen. Während<br />

der hessische Teil des Reviers in der Bundesrepublik<br />

den Weg der freiheitlichen Demokratie<br />

und der Marktwirtschaft einschlug, hatte sich sein<br />

thüringischer Teil mit dem real existierenden Sozialismus<br />

der DDR und der Planwirtschaft zu arrangieren.<br />

Dennoch, so unterschiedlich die Systeme<br />

und damit die Absatzregionen und Märkte der<br />

Kaliindustrie waren, hier wie dort ging es darum,<br />

möglichst viel „<strong>weiße</strong>s Gold“ zu fördern und zu verarbeiten.<br />

Die Wiedervereinigung Deutschlands eröffnete der<br />

jahrzehntelang geteilten deutschen Kaliindustrie die<br />

Chance, unter einem Dach eine nachhaltige Perspektive<br />

für die Herausforderungen der Zukunft zu erlangen.<br />

Denn Anfang der 1990er Jahre war ihre Situation<br />

alles andere als einfach, weil innerhalb weniger<br />

Jahre die Kalinachfrage weltweit um rund ein Drittel<br />

gesunken war. Der Zerfall des Ostblocks ließ die dortigen,<br />

für die ostdeutschen Werke besonders wichtigen,<br />

Kalimärkte nahezu vollständig zusammenbrechen.<br />

Der frühere DDR-Binnenmarkt kollabierte<br />

weitgehend, weil die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften<br />

(LPG) in der Anpassungsphase<br />

an die Marktwirtschaft zunächst um ihr Überleben<br />

kämpften. Über Nacht verteuerte die Einführung<br />

der Deutschen Mark die Produkte der ostdeutschen<br />

Kaliindustrie für die Kunden erheblich, und<br />

das auf einem Weltmarkt, der von großen Überkapazitäten<br />

gekennzeichnet war. Hinzu kamen von<br />

ungünstigen Währungsrelationen verursachte Effekte,<br />

weil viele Kaligeschäfte in Dollar abgewickelt<br />

wurden. Sein damals schwacher Kurs ließ den bei<br />

solchen Geschäften notwendigen Rücktausch in die<br />

Deutsche Mark ungünstig ausfallen.<br />

Aus den genannten Gründen waren die Kapazitäten<br />

der deutschen Kaliindustrie nicht ausgelastet und<br />

Strukturanpassungen unvermeidlich. Zwar betrafen<br />

die meisten der geschilderten Problembereiche auch<br />

die westdeutsche Kaliindustrie. Es gab aber einen<br />

entscheidenden Unterschied zu den Werken in der<br />

ehemaligen DDR. Nach umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen<br />

war es im Westen in den Jahren<br />

vor 1990 gelungen, mit weitaus weniger Personal


3 4<br />

die Produktivität entscheidend zu steigern. Im Rahmen<br />

dieser Maßnahmen waren die Belegschaftszahlen<br />

um etwa zwei Drittel gesenkt und zehn Werke<br />

stillgelegt worden. Demgegenüber verharrte die<br />

Zahl der Beschäftigten in der ostdeutschen Kaliindustrie<br />

seit langem auf hohem Niveau und die Produktivität<br />

war geringer.<br />

In den neuen Bundesländern wurde 1990 das frühere<br />

Kombinat "Kali" in die Mitteldeutsche Kali AG<br />

umgewandelt, die sich zu 100 Prozent im Eigentum<br />

der Treuhandanstalt befand. Für die drei thüringischen<br />

Werrawerke rief sie eine Tochterfirma mit<br />

dem Namen Kali Werra AG ins Leben.<br />

Die geschilderte Marksituation bedeutete auch für<br />

die thüringischen Werrawerke Anfang der 1990er<br />

Jahre den Beginn eines wirtschaftlich unumgänglichen,<br />

einschneidenden Strukturwandels. Denn zu<br />

groß waren die Unterschiede zwischen der Planund<br />

der Marktwirtschaft, zu bedeutend mancher<br />

Modernisierungsrückstand und zu schlecht die<br />

Nachfragesituation, als dass es für die thüringischen<br />

Werke möglich gewesen wäre, ohne tiefe Einschnitte<br />

weiter zu bestehen. Hinzu kam, dass es in<br />

den thüringischen Werken kosten- und personalintensive<br />

Bereiche gab, die nicht zur eigentlichen Produktion<br />

gehörten, im DDR-System aber von den Betrieben<br />

unterhalten werden mussten. Soziale und<br />

kulturelle Einrichtungen, aber auch die von oben<br />

verordnete Produktion von Konsumgütern hatten<br />

die Belegschaftszahlen zusätzlich erhöht und belasteten<br />

nun die betriebswirtschaftliche Situation der<br />

Kali Werra AG.<br />

Nachdem bereits die nicht mit der Kaliproduktion<br />

verbundenen Bereiche ausgegliedert worden waren,<br />

ließen sich auch im Kalibereich drastische Einschnitte<br />

nicht umgehen. So musste zunächst das<br />

Werk Dorndorf statt wie geplant 1993 schon 1991<br />

stillgelegt werden.<br />

1 Die von der DDR-Regierung errichteten schwarz-rot-goldenen<br />

Grenzsäulen waren eines der Symbole der deutschen<br />

Teilung<br />

2 In der DDR unterhielten die Kaliwerke umfangreiche<br />

Sozial-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen<br />

3 Die Fördermenge und die Belegschaft der thüringischen<br />

Werrawerke von 1945 bis 1990<br />

4 Die Fördermenge und die Belegschaft der hessischen<br />

Kaliwerke von 1945 bis 1990<br />

179


180<br />

1<br />

2<br />

3<br />

In Deutschland bestanden Anfang der 1990er Jahre<br />

mit der Kali und Salz AG und der Mitteldeutschen<br />

Kali AG zwei voneinander unabhängige Kaliproduzenten.<br />

In einem von sinkender Nachfrage und Überkapazitäten<br />

gekennzeichneten Markt war absehbar,<br />

dass zwei in Konkurrenz zueinander stehende deutsche<br />

Kaliunternehmen sich gegenseitig nur schaden<br />

und diese Konstellation das wirtschaftliche Überleben<br />

der Kaliindustrie längerfristig gefährden würde.<br />

Nachdem die Treuhandanstalt im April 1992 die<br />

Mitteldeutsche Kali AG zur Privatisierung ausgeschrieben<br />

hatte, forcierte anfangs vor allem die Industriegewerkschaft<br />

Bergbau und Energie die Fusion<br />

der deutschen Kaliindustrie unter dem Dach der<br />

Kali und Salz AG. Ihr Ziel war dabei, eine möglichst<br />

hohe Zahl an Arbeitsplätzen in Deutschland zu erhalten<br />

und langfristig zu sichern. Nachdem alle<br />

deutschen Werke auf ihre Wirtschaftlichkeit hin<br />

überprüft waren, wurde ein von Treuhandanstalt,<br />

Kali und Salz AG und Gewerkschaft IGBE gemeinsam<br />

erarbeitetes Fusionskonzept vorgelegt. Auch<br />

externe Sachverständige aus Politik und Wirtschaft<br />

wurden zu Rate gezogen. Das Konzept sah unter anderem<br />

eine gemeinsame Führung für ein neu zu<br />

schaffendes Kaliunternehmen vor und konzentrierte<br />

die Produktionskapazitäten dort, wo die besten<br />

Lagerstätten vorhanden waren. Erklärtes Ziel war<br />

die Erhaltung einer möglichst großen Zahl von Arbeitsplätzen<br />

und die Schaffung einer zukunftsfähigen<br />

deutschen Kaliindustrie. Das Fusionskonzept<br />

wurde Ende April 1993 von der Treuhandanstalt und<br />

der Hauptversammlung der Kali und Salz AG beschlossen<br />

und nach Zustimmung der Kommission<br />

der Europäischen Union (EU) umgesetzt. Mit dem<br />

handelsrechtlichen Vollzug der Fusion im Dezember<br />

1993 wurde die deutsche Kaliindustrie auch formal<br />

unter einem Dach wiedervereinigt.<br />

Für die thüringischen Werrawerke bedeutete die Umsetzung<br />

des Fusionskonzeptes, dass am Standort<br />

Merkers die Kaliproduktion endgültig eingestellt<br />

wurde und als produzierendes Werk nur Unterbreizbach<br />

weiter betrieben werden sollte. Aber auch die<br />

hessischen Werke waren in diesen Jahren zum Arbeitsplatzabbau<br />

gezwungen.<br />

Obwohl die Kaliproduktion beendet wurde, ging es<br />

in Merkers unter Tage weiter. Zum einen waren, be-


dingt durch spezielle Abbausituationen, umfangreiche<br />

Sicherungs- und Verwahrungsarbeiten notwendig.<br />

Hierzu werden von derzeit 280 Bergleuten pro<br />

Jahr über zwei Millionen Tonnen Salz abgebaut und<br />

in die Teile des Grubenfeldes wieder eingebracht,<br />

deren langfristige Standsicherheit nur so gewährleistet<br />

werden kann. Daneben hat sich Merkers mit<br />

seinem Erlebnis Bergwerk zu einer touristischen<br />

Attraktion ersten Ranges entwickelt. Die Grubenbefahrungen,<br />

die noch zu Zeiten der Kali Werra AG<br />

aufgenommen worden sind, ziehen mittlerweile zwischen<br />

70.000 und 80.000 Besucher im Jahr an, die<br />

unter Tage die Welt des „<strong>weiße</strong>n Goldes“ erleben<br />

wollen. Für die K + S Gruppe hat das Erlebnis Bergwerk<br />

mittlerweile eine besondere Bedeutung. Das<br />

belegt auch die Eröffnung eines neugebauten und<br />

großzügig ausgestatteten Besucherzentrums im Jahr<br />

2003.<br />

Obwohl mit Vorruhestands-, Übergangsregelungen<br />

und anderen Maßnahmen in Thüringen versucht<br />

wurde, den Arbeitsplatzabbau so weit wie möglich<br />

sozial abzufedern, gestaltete sich die Situation für<br />

viele früher im Kalibergbau beschäftigte Menschen<br />

sehr schwierig. Einen kleinen Teil der weggefallenen<br />

Arbeitsplätze fingen Neugründungen auf, mit denen<br />

sich ehemalige Mitarbeiter im Rahmen der Privatisierung<br />

von einzelnen Betriebsteilen der stillgelegten<br />

Kaliwerke, etwa im Elektro- und Anlagenbaubereich,<br />

selbstständig machten. Weitere Arbeitsplätze<br />

sind durch Neuansiedlungen von Unternehmen<br />

auf dem ehemaligen Werksgelände in Merkers<br />

entstanden.Viele ehemalige Kalikumpel aus Thüringen<br />

pendeln heute nach Hessen oder in andere Bundesländer<br />

und gehen einer anderen Tätigkeit nach.<br />

4<br />

5<br />

6<br />

1 Die im Erlebnis Bergwerk Merkers veranstalteten Konzerte<br />

unter Tage bereichern das regionale Kulturangebot<br />

2 Spezielle, fernsteuerbare Raupen werden bei den Verwahrungsarbeiten<br />

in Merkers eingesetzt<br />

3 Teile des Grubenfeldes von Merkers müssen durch die Verwahrungsarbeiten<br />

langfristig gesichert werden<br />

4 Das Kaliwerk Unterbreizbach 1993 mit seinem imposanten<br />

Kraftwerksschornstein<br />

5 Nachdem das Kraftwerk aus Gas umgestellt ist, wird sein<br />

Schonstein zum Teil abgetragen<br />

6 Der Bau der Grubenanschlussbahn von Unterbreizbach<br />

nach Hattorf. Im Hintergrund das Werk Hattorf<br />

181


Vertragsgebiet<br />

Großensee´er Zipfel<br />

Wintershall<br />

Hattorf<br />

182<br />

Hessen<br />

Vertragsgebiet<br />

Dankmarshäuser Aue<br />

Vertragsgebiet<br />

Großer und kleiner Kiel<br />

Springen<br />

Merkers<br />

Thüringen<br />

1<br />

2<br />

Und schließlich sind einige hundert Arbeitnehmer<br />

aus Thüringen heute auf den hessischen Standorten<br />

der Kaliindustrie tätig. Dennoch wird es noch einige<br />

Zeit dauern, im thüringischen Werratal dafür zu<br />

sorgen, dass die früher einseitig auf Kali ausgerichtete<br />

Region zu einem ausgeglichenen wirtschaftlichen<br />

Branchenmix findet.<br />

Nach der Fusion hatte die Treuhandanstalt dem neuen<br />

Kaliunternehmen mehrere hundert Millionen<br />

Deutsche Mark zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe<br />

die verbleibenden ostdeutschen Standorte, neben<br />

Unterbreizbach in Thüringen, Zielitz bei Magdeburg<br />

und Bernburg bei Halle, beide in Sachsen Anhalt,<br />

modernisiert und ausgebaut werden konnten.<br />

So wurde in Unterbreizbach eine Vielzahl von Investitionsmaßnahmen<br />

verwirklicht, etwa der Bau einer<br />

neuen Grubenanschlussbahn nach Hattorf, ein neuer<br />

Rohsalzschuppen, die Umstellung des Kraftwerks<br />

auf Erdgas und die Einrichtung einer Anlage zur<br />

Einbringung von Spülversatz in der Grube. Insgesamt<br />

erfolgten in den Jahren 1993 bis 1997 Investitionen<br />

in einer Höhe von 200 Millionen Deutscher<br />

Mark, um Unterbreizbach über und unter Tage zu<br />

einem hochmodernen Standort auszubauen.<br />

Nicht ohne Bedenken und Befindlichkeiten auf thüringischer<br />

Seite wurde 1996 zwischen den Ländern<br />

Hessen und Thüringen ein Vertrag unterzeichnet,<br />

der den Kaliabbau unter der Landesgrenze hinweg<br />

zulässt. Dabei ging es vor allem um zwei Lagerstättenteile<br />

mit fast 60 Millionen Tonnen Rohsalzvorräten,<br />

die in Thüringen gelegen, von Hessen aus<br />

abgebaut werden sollten. Während das Rohsalz im<br />

Feld „Dankmarshäuser Aue“ vom Standort Wintershall<br />

her gewonnen werden sollte, sollte der Abbau<br />

im Grubenfeld „Unterbreizbach Süd“ von Hattorf<br />

aus erfolgen. Bei der Umsetzung des Projektes wurde<br />

die hessisch-thüringische Landesgrenze am<br />

5.7.1996 erstmals unterfahren. Derzeit wird noch ein<br />

weiterer Schritt unternommen. In den kommenden<br />

30 Jahren sollen in Unterbreizbach 53 Millionen Tonnen<br />

hochwertiges sylvinitisches Rohsalz gewonnen<br />

und davon ein großer Teil unter Tage über eine Förderverbindung<br />

dem hessischen Standort Wintershall<br />

zugeführt werden. Damit wird die Wettbewerbsund<br />

Leistungsfähigkeit des Werkes Werra beträchtlich<br />

gesteigert. Eine erfolgreiche Umsetzung des Vor-


habens verbessert die Perspektiven des ganzen Werkes<br />

Werra, ermöglicht es doch, auf viele Jahre hinaus<br />

bei erhöhtem Wertstoffgehalt im Rohsalz mehr Ware<br />

zu produzieren. Da weniger Reststoff auf die Halden<br />

gebracht und weniger Abwasser entsorgt werden<br />

muss, profitiert auch die Umwelt vom so genannten<br />

Sylvinit-Projekt.<br />

In den Jahren nach der Kalifusion wurden immer<br />

mehr Verbundstrukturen zwischen den Standorten<br />

an der Werra aufgebaut, etwa bei der Energieversorgung,<br />

in der Logistik und bei der Umweltüberwachung.<br />

Folgerichtig kam es nach der großen Fusion<br />

im deutschen Kali- und Steinsalzbergbau 1997 zur<br />

„kleinen“ Fusion an der Werra, bei der die Standorte<br />

Hattorf und Wintershall in Hessen sowie Unterbreizbach<br />

und Merkers in Thüringen zum Werk<br />

Werra zusammengelegt wurden.<br />

Das Werk Neuhof-Ellers, in einiger Entfernung zur<br />

ehemaligen Grenze gelegen, war von den ereignisreichen<br />

Jahren nach der Wiedervereinigung weniger<br />

betroffen. Die im Vorfeld der Fusion vorgenommene<br />

Überprüfung der Wirtschaftlichkeit hatte das Werk<br />

überstanden und damit stand fest, dass auch nach<br />

der Fusion in Neuhof weiter produziert wird. Bei<br />

dieser Prüfung profitierte Neuhof-Ellers davon, dass<br />

es der am weitesten südlich gelegene Kaliproduktionsstandort<br />

ist und mit dem Hanauer Hafen über<br />

eine gute Anbindung an den Binnenschiffsverkehr<br />

über Rhein, Main und Donau verfügt. Diese günstige<br />

Lage erweist sich heute als besonders vorteilhaft.<br />

Seit der Stilllegung des letzten elsässischen Kaliwerkes<br />

im Jahr 2002 werden von Neuhof aus die vielen<br />

wichtigen Kaliabnehmer in Frankreich kostengünstig<br />

bedient. Mit einer Umstellung auf höhere Verträglichkeit<br />

der Verarbeitungseinrichtungen für die<br />

Minerale Carnallit und Langbeinit in der Fabrik hat<br />

sich unter Tage die Vorratssituation beträchtlich verbessert.<br />

Nun können auch Rohsalze verarbeitet<br />

werden, die mehr Anteile der genannten Minerale<br />

enthalten. Die Maßnahme ermöglichte auch, den<br />

Abbau schachtnah zu konzentrieren und so die<br />

Produktivität des Grubenbetriebs zu steigern.<br />

Zudem wurden in den letzten Jahren im Südfeld in<br />

Richtung Flieden hochwertige neue Lagerstättenteile<br />

gefunden, die dem Werk neue Perspektiven<br />

eröffnen.<br />

3<br />

Im Werratal fördert das Werk Werra als eines der<br />

größten Kaliwerke der Welt heute alleine über 50<br />

Prozent der gesamten deutschen Kalirohsalze und<br />

beschäftigt mehr als 4.000 Mitarbeiter. Die turbulente<br />

Zeit der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung<br />

ist mittlerweile Vergangenheit. Seit 1998 gilt<br />

gleicher Lohn für gleiche Arbeit, denn die K + S war<br />

eines der ersten deutschen Unternehmen, das die<br />

west- und ostdeutschen Löhne vereinheitlicht hat.<br />

In den Kaliwerken ist es alltäglich, dass Hessen und<br />

Thüringer zusammenarbeiten und mehrere hundert<br />

Belegschaftsmitglieder pendeln in beiden Richtungen<br />

über die Landesgrenze. Damit ist in den Kalistandorten<br />

das Miteinander wieder zur Normalität<br />

geworden, die das Revier über die Landesgrenze<br />

hinweg schon vor der deutschen Teilung ausgezeichnet<br />

hat.<br />

1 Austauschflächen an der hessisch-thüringischen Landesgrenze<br />

im Bereich des Standortes Wintershall. Dargestellt<br />

sind die Grubenbaue auf der ersten Sohle<br />

2 Das Zentralmagazin versorgt das gesamte Werk Werra<br />

mit Material und Ersatzteilen<br />

3 Das Werk Neuhof-Ellers betreibt neben der ESTA auch eine<br />

große Flotationsanlage<br />

183


GLOSSAR<br />

Abbau | 1) Bergmännische Tätigkeit zur Gewinnung eines Rohstoffes<br />

2) Bezeichnung für einen Grubenbau, in dem ein nutzbares Mineral<br />

gewonnen wird<br />

Abbauverfahren | Kennzeichnung für die Form und Größe der Abbauräume,<br />

ihre Richtung und die Behandlung der über ihnen liegenden<br />

Schichten (zum Beispiel zu Bruch gehen lassen oder mit Sicherheitspfeilern<br />

den Bruch verhindern)<br />

abteufen | Herstellung eines senkrechten Grubenbaus, etwa eines<br />

Schachtes oder Blindschachtes<br />

Abtragung | durch Wasser und Wind unter dem Einfluss Schwerkraft<br />

herbeigeführte Massenverlagerungsprozesse durch die sich das Bild<br />

der Erdoberfläche verändert. Das Endziel der Abtragung (Ersosion)<br />

ist die Einebnung aller Oberflächenformen<br />

ANC-Sprengstoff | aus Ammoniumnitrat und flüssigen Kohlenwasserstoffen<br />

(zum Beispiel: Dieselöl) bestehender Sicherheitssprengstoff<br />

(Handelsname: Andex), der in loser Form als Granulat geliefert und<br />

erst bei elektrische Zündung mit hohe Zündtemperatur explodiert<br />

Anhydrit | Calciumsulfat (CaSO 4 ), geht bei Wasseraufnahme in Gips<br />

über<br />

auffahren | herstellen einer waagerechten oder geneigten Strecke<br />

Aufmischen von <strong>Salze</strong>n | Kalidüngersorten unterscheiden sich mit<br />

Ausnahme der schwefelsauren <strong>Salze</strong> nur durch den K 2 O-Wert, daher<br />

konnten K 2 O-ärmere Kalidüngersorten nur durch das Mischen mit dem<br />

Produkt Chlorkalium zu K 2 O-reicheren Sorten aufgewertet werden<br />

Ausbeute | pro Kux gewährte Auszahlung an den Gewerken, wenn die<br />

Gewerkschaft einen Gewinn erzielt hat<br />

Ausfällung | das Auskristallisieren eines Stoffes aus einer Lösung<br />

Auslaugung | durch Wasser verursachte chemische Lösung wasserlöslicher<br />

Substanzen (zum Beispiel <strong>Salze</strong>n) aus Gesteinen und Böden<br />

Auslaugungssenken | meist ausgedehnte Hohlformen, entstanden<br />

durch Nachsinken ungestörter Gesteinsschichten über Bereichen, in<br />

denen Auslaugungsprozesse stattfinden<br />

Barre | hier im Sinne einer im Zechstein-Meer manchmal über,<br />

manchmal unter dem Meeresspiegel liegenden Schwelle gebraucht<br />

Bittersalz | auch Epsomit genannt; Magnesiumsulfat mit sieben Kristallwassern<br />

(MgSO 4 x 7H 2 O), Langzeitdünger, weil er im Boden lange<br />

stabil bleibt<br />

Blindschacht | nicht zu Tage führender Schacht zwischen den Sohlen<br />

eines Bergwerks<br />

Blockkieserit | Kieserit (MgSO 4 x H 2 O) mit 55 oder 65 Prozent Kieseritanteil,<br />

der in feuchtem Zustand in rechteckige Blechkästen eingebracht<br />

und nach der Trocknung in Blockform verkauft wurde<br />

Bunker | Grubenräume unter Tage, die vorwiegend zur Zwischenspeicherung<br />

der gewonnenen Rohstoffe dienen, etwa um Schwankungen<br />

in der Förderung zu vermeiden und um sie zu verstetigen<br />

Buntsandstein | ältester Abschnitt des Trias (250-243 Millionen<br />

Jahre v.Chr.)<br />

Deutsches Kalisyndikat | Zusammenschluss aller deutschen Kaliwerke<br />

zur Vermeidung von Konkurrenz und zur Überwachung der<br />

Absatzmengen<br />

Dolomit | 1) Calcium-Magnesium Karbonat: farbloses, <strong>weiße</strong>s, graues<br />

oder gelbliches, glasglänzendes Mineral<br />

2) vorwiegend aus Dolomit aufgebautes Gestein; aus Kalkstein durch<br />

Zufuhr von Magnesium entstanden (Dolomitisierung)<br />

Doppelschachtanlage | Schachtanlage mit zwei räumlich eng nebeneinander<br />

abgeteuften Schächten<br />

Durchschlag | planmäßiges oder unplanmäßiges Erreichen eines<br />

vorhandenen Grubenbaues beim Herstellen eines anderen<br />

Elektrolyse | Trennung von Teilchen mittels elektrischer Spannung<br />

Entfestigungsverhalten | hier in dem Sinn gebraucht, dass sich bei<br />

Grubenbauen im Carnallit Teile („Schalen“) von Pfeilern aufgrund<br />

der Einwirkung des Gebirgsdrucks ablösen, wodurch die Standfestigkeit<br />

der Pfeiler schwindet<br />

Erdkern | innerste Schale des Erdkörpers, untergliedert in den äußeren<br />

(ab 2.900 Kilometer Tiefe) und inneren (ab 5.100 Kilometer<br />

Tiefe) Kern<br />

Erdkruste | äußere Erdschale, unter Kontinenten etwa 30-60 Kilometer,<br />

unter Gebirgen bis 70 Kilometer, unter Ozeanen nur fünf bis zehn<br />

Kilometer mächtig<br />

Erdmantel | mittlere Schicht des Erdinneren zwischen Erdkruste und<br />

Erdkern, gegliedert in den oberen und den unteren Erdmantel<br />

Evaporation | Abscheidung von Stoffen (zum Beispiel <strong>Salze</strong>n) bei der<br />

Verdampfung von Lösungen<br />

fahren | bergmännische Bezeichnung für alle Formen der Fortbewegung<br />

von Menschen unter Tage<br />

Feierschicht | Schicht, in der ein einzelner Bergmann oder die gesamte<br />

Grubenbelegschaft wegen Auftragsmangels nicht arbeitet<br />

Firste | die Decke von Grubenbauen oder Strecken<br />

Flöz | bergmännische Bezeichnung für eine Gesteinsschicht mit einer<br />

Anhäufung an wirtschaftlich verwertbaren Stoffen<br />

Fördern | transportieren von rohstoffhaltigem oder unhaltigem Haufwerk<br />

und von Material<br />

Förderung | 1) alle Einrichtungen und Anlagen, die dem Transport<br />

von Rohstoffen oder nicht verwertbarem Haufwerk, oder Fortbewegung<br />

von Personen und Material dienen<br />

2) manchmal auch im Sinne von Fördermenge, also der Menge eines<br />

geförderten Materials gebraucht<br />

Gebirgsschlag | im Bergbau: Die plötzliche Auslösung von Spannungen<br />

im Gebirge, geht einher mit dem Zusammenbruch von Grubenbauen<br />

und Erschütterungen an der Erdoberfläche<br />

gesättigte Salzlösung | eine Flüssigkeit, die so viele <strong>Salze</strong> aufgenommen<br />

hat, dass sie keine weiteren <strong>Salze</strong> mehr aufnehmen kann<br />

Gestein | verschieden stark verfestigte Mineralgemenge. Gesteine bilden<br />

die äußere Erdkruste. Ihre Entstehung ist über Erstarrung magmatischer<br />

Schmelzen an oder nahe der Erdoberfläche (Eruptivgesteine),<br />

Ablagerung und Verfestigung von abgetragenem Material (Sedimentgesteine)<br />

oder durch Umwandlung bei Temperatur und Druckeinwirkung<br />

(metamorphe Gesteine) möglich<br />

Gewerken | Personen, die Kuxe einer Gewerkschaft besitzen<br />

Gewerkschaft | gängige Form eines Bergbauunternehmens<br />

Gips | wasserhaltiger schwefelsaurer Kalk (CaSO 4 x 2H 2 O)<br />

Glaubersalz | Natriumsulfat (Na 2 SO 4 ), Chemikalie zur Glasherstellung<br />

und Ausgangsprodukt zur Herstellung von Soda (Natriumcarbonat)<br />

Grabenbildung | Einsinken von Stücken der Erdkruste zwischen<br />

zwei Verwerfungen<br />

Grube | der unter Tage gelegene Bereich eines Bergwerks<br />

Grubenbaue | Planmäßig hergestellte Hohlräume unter Tage<br />

Grubenfeld | Bereich, in dem zum Betrieb eines Bergwerks berechtigte<br />

natürliche oder juristische Personen die Inhalte einer Lagerstätte<br />

abbauen und sich aneignen dürfen<br />

Grubengebäude | die Gesamtheit aller bergmännisch hergestellten<br />

Hohlräume in einem Bergwerk<br />

Hauer | qualifizierte Fachkraft im Bergbau<br />

Haufwerk | aus dem Gebirgsverband gelöste Minerale oder Gesteine<br />

Heeresmunitionsanstalt | während des NS-Regimes Bezeichnung<br />

für Produktionsanlagen, in denen im Auftrag des Heeres Munition<br />

hergestellt wurde<br />

Höffigkeit | bergmännisch für Gehalt im Sinne von Inhalt<br />

Jura | Erdzeitalter (205-135 Millionen Jahre v.Chr.)<br />

K 60 | der gängige Kalidünger in der DDR<br />

K 2 O | Recheneinheit zur Unterscheidung der Kalisalzqualitäten (ein<br />

Prozent K 2 O = 1,583 Prozent KCl; ein Prozent KCl = 0,6317 Prozent<br />

K 2 O); je höher der K 2 O-Anteil eines Produktes ist, desto größer ist<br />

sein Kaligehalt.<br />

Kaliblock | Zusammenschluss der kleineren Kaliwerke während der<br />

1920er Jahre<br />

kalte Zersetzung | Trennung von Salzmineralien mit kaltem Wasser<br />

KCl | Kaliumchlorid, das eigentliche „Kali“<br />

Konvektionsströme | hier: Aufsteigen oder Absinken von Gesteinen<br />

in höhere oder tiefere Gesteinsschichten im flüssigen bis zähflüssigem<br />

Zustand<br />

184


Kristall | ein aus einem chemisch einheitlichen Stoff entstandener<br />

Körper mit einer geometrisch-regelmäßigen Raumverteilung (Kristallgitter)<br />

Kristallisation | Entstehung und Wachstum von Kristallen aus Lösungen,<br />

Schmelzen oder Gasgemischen<br />

Kristallwasser | in einem Kristall gebundenes Wasser<br />

Kupferschiefer | ein Kupfer enthaltender schwärzlicher Mergelschiefer,<br />

entstanden als Faulschlamm während des Zechsteins<br />

Kuxe | Anteilsscheine einer Gewerkschaft<br />

Lagerstätte | abbauwürdige natürliche Anhäufung von Bodenschätzen<br />

Lagerung | Einteilung der Lagerstätten nach ihrer Neigung gegenüber<br />

der Horizontalebene<br />

Lauge | im Sprachgebrauch der Kaliindustrie Bezeichnung für eine<br />

Salzlösung<br />

Löselauge | bis nahe an den Siedepunkt (108 bis 114 Grad Celsius)<br />

erhitzte Mutterlauge beim Heißlöseverfahren<br />

Löslichkeit | hier: das Lösevermögen von <strong>Salze</strong>n in Wasser bei unterschiedlichen<br />

Temperaturen<br />

mächtig/Mächtigkeit | die Stärke (senkrecht gemessen) einer Gesteinsschicht<br />

oder eines Flözes<br />

Magma | glutheiße, oft gasreiche Gesteinsschmelzen, entstehen in tieferen<br />

Bereichen der Erdkruste<br />

Markscheide | seitliche Begrenzung eines Grubenfeldes<br />

Mergel | unterschiedlich gefärbtes Sedimentgestein aus Ton und kohlensaurem<br />

Kalk in unterschiedlichen Mischungsverhältnisen<br />

Mineral | ein bezüglich seiner physikalischen und chemischen Beschaffenheit<br />

stofflich einheitlicher Bestandteil der irdischen Gesteine<br />

Molekül | Gruppe von miteinander verbundenen Atomen<br />

Muna | Kurzform für Heeresmunitionsanstalt<br />

Muschelkalk | Mittlerer Abschnitt der Trias (243-230 Millionen Jahre<br />

v. Chr.)<br />

Mutterlauge | bei Zimmertemperatur an Salz gesättigte Lösung beim<br />

Heißlöseverfahren<br />

Mutung | Antrag auf Erteilung der Abbaurechte für ein Grubenfeld<br />

Pangäa | Urkontinent, der in die heutigen Kontinente zerbrach<br />

Perm | Erdzeitalter (290-250 Millionen Jahre v.Chr.), untergliedert in<br />

die Abschnitte Rotliegendes und Zechstein<br />

Plattendolomit | eine im Zechstein gebildete Schicht aus dolomitischem<br />

Kalkgestein, hohes Kluft- und Porenvolumen, oft stark wasserführend<br />

Quote | prozentualer Anteil am Gesamtjahresabsatz<br />

Revier | 1) im engeren Sinne eine Abteilung zur Ausführung von Abbau-<br />

und sonstigen Arbeiten an mehreren Betriebspunkten in einem<br />

bestimmten Teil eines Grubenfeldes<br />

2) im weiteren Sinne Bezeichnung für ein Gebiet, in dem bestimmte<br />

mineralische Rohstoffe abgebaut werden<br />

Rollloch | senkrechter oder schräger Grubenbau mit meist kleinem<br />

Querschnitt zur Abwärtsförderung von Haufwerk mit Hilfe der<br />

Schwerkraft<br />

Rotliegendes | älterer Abschnitt des Perm (290-270 Millionen Jahre<br />

v. Chr.)<br />

Saline | Anlage, in der Kochsalz aus wässrigen Lösungen durch<br />

Eindunstung des Wassers gewonnen wird<br />

Salz | 1) im weiteren Sinne die Gruppe aller aus Ionen aufgebauten<br />

Verbindungen, die nicht Säuren, Basen oder Oxide sind<br />

2) im Alltagssprachgebrauch häufig verwendet als Bezeichnung für<br />

Steinsalz (NaCl)<br />

Salzhang | unterirdische Randbereiche flach gelagerter Salzlagerstätten<br />

mit schrägen Fronten, an denen Lösungsprozesse stattfinden<br />

Salzlagerstätte | natürliches Vorkommen von <strong>Salze</strong>n, bilden sich vor<br />

allem durch Verdunstung von Meerwasser, enthalten meist verschiedene<br />

<strong>Salze</strong><br />

Salzton | salzdurchtränkter, wasserundurchlässiger Ton, der Salzlagerstätten<br />

bedeckt und sie vor Auflösung schützt<br />

Salzstock | glocken- bis pilzförmiger Salzkörper, der aus dem Untergrund<br />

in die darüber liegenden Gesteinsschichten eingedrungen ist<br />

Sandstein | durch Verfestigung von Sanden entstandene Gesteine<br />

Schacht | lotrecht hergestellter Grubenbau, von dem aus eine Lagerstätte<br />

erschlossen wird<br />

Schwächezone | Bereich im Untergrund, in dem die Struktur der Gesteine,<br />

etwa durch tektonische Einflüsse geschwächt ist<br />

schwefelsaure <strong>Salze</strong> | Produkte der Kaliindustrie, die über eine Sulfatkomponente<br />

verfügen<br />

Sedimentation | Ablagerung von Verwitterungsprodukten der Erdkruste;<br />

hierdurch entstehen die Sedimentgesteine<br />

Seismizität | Bezeichnung für Erdbebenhäufigkeit und -intensität<br />

eines Gebietes<br />

sekundär | hier im Sinne von nicht natürlich entstandenen, sondern<br />

durch die Bergbauaktivitäten ausgelösten Mineralbildungen<br />

Sohle | 1) die Gesamtheit der in einem etwa gleichen Niveau aufgefahrenen<br />

Grubenbaue (Stockwerk eines Grubengebäudes)<br />

2) der Boden von Grubenbauen Strecken<br />

Sole | Bezeichnung für salzhaltiges Wasser, in dem mindestens 14<br />

Gramm Salz pro Liter gelöst sind<br />

Stabilitätsbereich | Bereich, in dem sich Salzminerale und -gesteine<br />

durch steigende oder sinkende Temperaturen nicht verändern<br />

Störung | zentimeter- bis kilometerlange Trennfuge im Gebirge, an<br />

der eine Verschiebung zweier aneinander angrenzender Gesteinsschollen<br />

stattgefunden hat<br />

Strecke | weitgehend regelmäßig aufgefahrener Grubenbau, der waagerecht<br />

oder flach geneigt verläuft<br />

Subrosion | siehe Auslaugung<br />

syndiziert | hier anderer Begriff für: vom Deutschen Kalisyndikat<br />

überwacht<br />

Tektonik | die Lehre von den Bewegungen und Kräften, die für den<br />

Bau der Erdkruste verantwortlich sind; Adjektiv: tektonisch<br />

Tertiär | Erdzeitalter (65-1,8 Millionen Jahre v.Chr.)<br />

Teufe | bergmännischer Ausdruck für Tiefe<br />

teufen | siehe abteufen<br />

Trias | Erdzeitalter (250-205 Millionen Jahre v.Chr.), untergliedert in<br />

die Abschnitte Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper<br />

Tübbing | Segmente aus Gusseisen oder Stahl, die zum Abdichten<br />

von Schächten gegen Wasserzuflüsse dienen<br />

Versenkung | Verfahren, um Abwässer in den Plattendolomit zu entsorgen<br />

Vertaubung | Bereich einer Lagerstätte, in dem der gesuchte Rohstoff<br />

entweder völlig fehlt oder in nicht abbauwürdiger Menge vorliegt<br />

Vorflut | natürliche (Bach, Fluss) oder künstlich geschaffene Möglichkeit<br />

(Kanal, Pumpwerk) um Wasser (auch: Abwasser) abzuführen<br />

Zechstein | (270-250 Millionen Jahre v.Chr.) jüngerer Abschnitt des<br />

Perm, im Zechstein sind alle deutschen Kalilagerstätten mit Ausnahme<br />

des Oberrheingebietes entstanden<br />

Zeugenberg | Einzelberge, die noch existieren, obwohl die Gesteine,<br />

die sie aufbauen, in der Umgegend bereits abgetragen wurden<br />

Zubuße | von den Gewerken zu leistende finanzielle Unterstützung<br />

der Gewerkschaft in den Anfangsjahren bzw. in Krisenzeiten<br />

185


ABKÜRZUNGEN<br />

a.a.O. | am angegebenen Ort<br />

Abt. | Abteilung<br />

AD Suhl | Archivdepot Suhl<br />

BA K | Bildarchiv Michael Knauf, Am Lindig 5, 36269 Philippsthal.<br />

BA SM | Bestand 56. BA Schmalkalden. Acc. 1987/50.<br />

Best. | Bestand<br />

BMV UB | Bergmannsverein Unterbreizbach<br />

bzw. | beziehungsweise<br />

DBBM | Deutsches Bergbaumuseum Bochum<br />

Dtls. KI | Deutschlands Kaliindustrie<br />

ebd. | ebenda<br />

Gem Nh | Gemeindeverwaltung Neuhof<br />

Ger. | Gerstungen<br />

HM | Heimatmuseum<br />

Hg. | Herausgeber<br />

hrsg. | herausgegeben<br />

HStAM | Hessisches Staatsarchiv Marburg<br />

HV Rö | Heimatverein Röhrigshof<br />

i.a. | im Allgemeinen<br />

k.A. | keine Angaben<br />

K+S | K+S AG, Unternehmensleitung, Kassel<br />

KuvS | Kali und verwandte <strong>Salze</strong>. Zeitschrift für den Kalibergbau.<br />

Knh. | Kaltennordheim<br />

LA Hef | Landratsamt Bad Hersfeld<br />

Me | Merkers<br />

Nhf | Neuhof<br />

Nr. | Nummer<br />

Oe. | Oechsen<br />

o.J. | ohne Jahr<br />

o.O. | ohne Ort<br />

Orig. | Original<br />

o.S. | ohne Seitenangabe<br />

Phi. | Philippsthal<br />

Repro | Reproduktion<br />

S. | Seite<br />

Stadt-A Hgn | Stadtarchiv Heringen<br />

Std. HA | K+S Kali GmbH, Werk Werra, Standort Hattorf.<br />

ThHStA | Thüringisches Hauptstaatsarchiv<br />

ThStA Mgn | Thüringisches Staatsarchiv Meiningen<br />

TI | Tourist-Information Waldhessisches Werratal<br />

Tief. | Tiefenort<br />

u.a. | unter anderem<br />

vgl. | vergleiche<br />

z.T. | zum Teil<br />

v.Chr. | vor Christus<br />

Va. | Vacha<br />

WKM | Fotoarchiv Werra-Kalibergbau-Museum<br />

ANMERKUNGEN<br />

1. Kapitel: „Entstehung, Zusammensetzung und<br />

Veränderungen der Salzlagerstätte“<br />

1<br />

Wenn eine circa 300 Meter mächtige Salzschicht aus einen eindunstenden<br />

Meer aussedimentieren soll - wie es im Werrabecken geschehen<br />

ist - so müsste dessen Wassertiefe rechnerisch 26 Kilometer<br />

betragen haben. Eine solche Wassertiefe des Zechsteinmeeres<br />

ist völlig unrealistisch. Daher ist die Barrentheorie heute allgemein<br />

als Erklärung für die Bildung großer Salzlagerstätten anerkannt.<br />

2<br />

Alte Bezeichnungen nach Richter-Bernburg. Die genannten Schichten<br />

werden heute als Oberer Werra-Ton, Oberer Staßfurt-Ton, Leine-Ton,<br />

Aller-Ton, Friesland-Ton, Fulda-Ton bezeichnet.<br />

3<br />

Beer, S.18-30.<br />

4<br />

Käding, S. 23-28.<br />

5<br />

Ein langsames Aufsteigen durch das Gebirge war nicht möglich, da<br />

dabei der Wärmeverlust der Lava so groß gewesen wäre, dass diese<br />

die Oberfläche nicht erreicht hätte; sie wäre vorher erkaltet und<br />

fest geworden. Der ungeheure Gasdruck über der in der Tiefe liegenden<br />

Magmakammer hat vor den Basaltintrusionen einen Wert<br />

erreicht, der das darüber liegende Gebirge immer wieder aufriss. In<br />

die entstehenden Rissen schoss unmittelbar danach die Lava ein<br />

und stieg im Gebirge in Richtung Erdoberfläche auf.<br />

2. Kapitel: „Eine lange Vorgeschichte“<br />

1<br />

Vgl. dazu: Emons/Walter, S. 84-86.<br />

2<br />

Vgl. dazu: Wagenbreth, S.18-20.<br />

3<br />

Vgl. dazu: ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen,<br />

Akte Nr. 234.<br />

4<br />

ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr.<br />

234.<br />

5<br />

ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr.<br />

234.<br />

6<br />

ThHStA Weimar, Bestand Thüringische Bergbauinspektion, Bergamt<br />

Saalfeld, Nr. 5814. Nach dem BGB war die Berggesetzgebung<br />

den einzelnen Bundesstaaten vorbehalten. Diese hatten entweder<br />

Bergbaufreiheit gewährt oder sich selbst die Bergbauberechtigung<br />

vor behalten. In Preußen wurde nach dem Gesetz vom 24. Juni<br />

1865 Bergbaufreiheit gewährt. Im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach<br />

war durch das Gesetz vom 22.06.1857 die Suche<br />

nach und die Gewinnung von Steinsalz aus Bergwerken und Solequellen<br />

an eine staatliche Erlaubnis geknüpft, die in Form eines<br />

Schürfscheines erteilt wurde. Die bergmännischen Aktivitäten begannen<br />

mit dem Schürfen, dass heißt dem Aufsuchen natürlicher<br />

Rohstoffe, zum Beispiel durch Bohrungen. War der Schürfer fündig<br />

geworden, hatte er das Recht, eine Mutung einzulegen. Mit der Erteilung<br />

der Mutung erhielt der Antragsteller ein Grubenfeld in einer<br />

bestimmten Größe zugesprochen und konnte dort in einem<br />

Bergwerk Rohstoffe gewinnen. Die Mutung musste erteilt werden,<br />

wenn das Vorhandensein einer nutzbaren Lagerstätte nachgewiesen<br />

und amtlicherseits bestätigt worden war. Sie erfolgte durch die<br />

Aushändigung einer Urkunde. Für die Ausbeutung des Grubenfeldes<br />

stellte der Staat gesonderte Bedingungen.<br />

7<br />

ebd.<br />

8<br />

ebd. Brief Hadras vom 25. 12. 1879.<br />

9<br />

ebd. Brief Hadras vom 9. 9. 1886.<br />

10<br />

Hoffmann, S. 17.<br />

11<br />

Dr. Adolph Frank: Gutachten über die Kalilagerstätte bei Kaiseroda.<br />

1894. In: AD Suhl. Werk Kaiseroda. 1 d 2.<br />

12<br />

Eisenacher Zeitung, Okt. u. Nov. 1893.<br />

3. Kapitel: „Der Aufbau des Kalireviers“<br />

1<br />

Hoffmann, S. 17.<br />

2<br />

1905-1995, S. 7.<br />

3<br />

Dr. Adolph Frank: Gutachten über die Kalilagerstätte bei Kaiseroda.<br />

1894. In: AD Suhl. Werk Kaiseroda. 1 d 2.<br />

4<br />

Fischer, S. 7-15.<br />

5<br />

Vgl. Brückner/Büxel/Hohmann, S. 56.<br />

6<br />

Vgl. Bannert (1997), S. 6.<br />

7<br />

Handbuch 1926/1927, S. 493.<br />

186


8<br />

Vgl. Handbuch 1906, S. 46 (Wintershall) und S. 69 (Desdemonia).<br />

9<br />

Vgl. Brückner/Büxel/Hohmann, S. 56.<br />

10<br />

Handbuch 1926/1927, S. 495 (Wintershall) und S. 533 (Kaiseroda).<br />

11<br />

Vgl. Krische, S. 74/75.<br />

12<br />

Errechnet aus „Statistische Daten der allgemeinen Volks-, Berufsund<br />

Betriebszählung.“ In: HStAM. 180 (LA Hef)/1024.<br />

13<br />

Zu 1908 vgl. Vertrag zwischen der Gemeinde Heringen und der Gewerkschaft<br />

Heringen. März 1908. Zu 1910 vgl. Erläuterungsbericht<br />

zum Bau einer Wasserleitung für die Gemeinde Heringen (Werra).<br />

3.11.1910. Beides in: HStAM. 180 (LA Hef)/2372.<br />

14<br />

Vgl. Bannert, S. 34.<br />

15<br />

Zur Kriegswichtigkeit: „Die Kaliindustrie während des Krieges unter<br />

Beifügung statistischen Materials.“ In: Kali 16/1918, S. 252-259<br />

und 17/1918, S. 267-274 und S. 274. Zum Einsatz von Kriegsgefangenen:<br />

vgl. ebd., S. 258 und u.a. den Geschäftsbericht der Gewerkschaft<br />

Heimboldshausen. 1915. In: HStA Marburg, Bestand 56, BA<br />

Schmalkalden, Acc. 1987/50, Akten. Paket 66, Nr. 938. Zur Vorsprache<br />

beim Reichskommissar: Abschrift des Schreibens von Dr.<br />

Mayer an die Direktion der Gewerkschaft Alexandershall vom<br />

8.12.1917. In: AD Suhl, Sachsen-Weimar. 1 f 7.<br />

16<br />

Vgl. das Schreiben des Betriebsführers der Gewerkschaft Sachsen-<br />

Weimar an den Verein der deutschen Kaliinteressierten vom<br />

15.8.1918. In: AD Suhl. Werk Sachsen-Weimar. 1 e 94.<br />

17<br />

Vgl. Crotogino, S. 20 f.<br />

18<br />

Verhandlungen, S. 55.<br />

19<br />

Dies zeigen die elsässischen Kaligruben: Bis zur endgültigen Abtretung<br />

von Elsass-Lothringen im Jahre 1920 überwiesen die bis dahin<br />

offiziell als „deutsch“ deklarierten Kaligruben einen Teil ihres<br />

Gewinnes auf das Reparationskonto. Vgl. Lagerstätten-Chronik.<br />

Jahrgänge XXVI/ 1928-XXXVII/1929, S. 108.<br />

20<br />

Da das Zeichnen von Kriegsanleihen personengebunden war, gingen<br />

einige finanzkräftige Gewerken dazu über, für die Gewerkschaften<br />

Anleihen zu zeichnen. So kam es, dass für die Gewerkschaften<br />

Wintershall, Alexandershall und Sachsen-Weimar 1917/<br />

1918 insgesamt 27,2 Millionen Mark als Anleihe in Form eines<br />

Schuldscheindarlehens aufgenommen wurden, das von den Gewerkschaften<br />

nach zehn Jahren in Form von Schweizer Franken<br />

getilgt werden sollte. Aber auch die anderen Gewerkschaften, die<br />

keine Anleihen gezeichnet hatten, hatten z.T. sehr hohe Verpflichtungen.<br />

21<br />

Vgl. zu den Auswirkungen der „Reichsdemobilmachungsverordnung“,<br />

u.a. den Geschäftsbericht der Gewerkschaft Heiligenroda.<br />

1918. In: AD Suhl. Heiligenroda. 2 a 16. Die normale Arbeitszeit<br />

aller Beschäftigten wurde auf maximal acht Stunden beschränkt.<br />

Vgl.„Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher<br />

Arbeiter“ vom 23.11.1918. In: RGBl. 1918, S. 1344 ff. und „Verordnung<br />

über die Arbeitszeit der Angestellten während der Zeit der<br />

wirtschaftlichen Demobilmachung“ vom 18.3.1919. Beides kommentiert<br />

in Wachs, S. 147-150.<br />

22<br />

Vgl. Salzunger Tageblatt. 16/20.1.1919 und Hersfelder Zeitung.<br />

14/17.1.1919.<br />

23<br />

Besonders deutlich ist dies an Sachsen-Weimar zu sehen: Vom<br />

18.11.1918 bis Mitte April 1919 wurde jeglicher Betrieb eingestellt<br />

und auch danach wurde nur eingeschränkt gearbeitet. Vgl. den<br />

Geschäftsbericht der Gewerkschaft Wintershall für das Jahr 1919.<br />

In: AD Suhl. Sachsen-Weimar. 2 a 52.<br />

24<br />

Vgl. Jahresbericht über die Weiterentwicklung der Schachtanlage I<br />

der Kaliwerke Großherzog von Sachsen AG im Jahre 1919. In:<br />

ThStA Rud. Th BA SLF. 362, S. 33.<br />

25<br />

Vgl. die Schreiben der Gewerkschaft Wintershall an den Bergrevierbeamten<br />

vom 8. und 10.7.1919. In: ThStA Gotha. BR SM. 113,<br />

S. 103 und S. 104.<br />

26<br />

Ausführlich in: Mehnert, S. 61-73.<br />

27<br />

Gewinne der Werrawerke – für Neuhof-Ellers fehlen die Angaben –<br />

ausgewiesen in ebd., S. 290.<br />

28<br />

Verordnung, betreffend Abänderung der Vorschriften zur Durchführung<br />

des Gesetzes zur Regelung der Kaliwirtschaft. 28.10.1921.<br />

In: RGBl. vom 28.10.1921. Nr. 102/1921, S. 1313-1316.<br />

29<br />

Vgl. Handbuch 1906, S. 167.<br />

30<br />

Vgl. zu den genauen Vorgängen an der Werra und in der Kaliindustrie<br />

A.G.: Mehnert, S. 20-22 und 81-86. Zu den Entwicklungen im<br />

Bereich Neuhof vgl. Münstermann, S. 29-30.<br />

31<br />

Ausgeführt am Beispiel der Stilllegung von Heiligenroda IV/V in:<br />

Mehnert, S. 92-100.<br />

32<br />

Übernommen aus Zusammenstellungen des Werra-Kalibergbau-<br />

Museums (Förderleistungen 1901-1944).<br />

33<br />

Vgl. Geschäftsbericht der Werke des Wintershall-Konzerns. 1922.<br />

34<br />

Vgl. Geschäftsbericht der Wintershall-Werke. 1928.<br />

35<br />

Abrechnungen des Deutschen Kalisyndikates für das Jahr 1928. In:<br />

AD Suhl, Kaiseroda. 2 b 9.<br />

36<br />

1924 wird in den Akten zu Hattorf zwar von einer Gefäßförderung<br />

gesprochen, endgültig nachweisen lässt sie sich aber erst 1925, obwohl<br />

Baumert, S. 239, das Jahr 1924 als Umbaujahr von Gestell- auf<br />

Gefäßförderung angibt. Vgl. die Akten zum II. Nachtrag zum Betriebsplan<br />

1924 Kaliwerke Aschersleben, Schachtanlage Hattorf<br />

vom 19.5.1924. In: HStA Marburg, Bestand 56, BA SM. Acc. 1987/<br />

50, Akten. Paket 56, Nr. 876, sowie den V. Nachtrag zum Antrag der<br />

Kaliwerke Aschersleben, Schachtanlage Hattorf auf Genehmigung<br />

der Seilfahrt in dem südlichen Trum des Hauptschachtes betr. Einbau<br />

von Gefäßkörben vom 6.12.1925. In: ebd., Nr. 875. Zu Wintershall:<br />

Vgl. Baumert, S.239. Zu den anderen Werken: nach Angaben<br />

von Eckart Büxel, einem ehemaligen Mitarbeiter des Werra-Kalibergbau-Museums.<br />

37<br />

Vgl. dazu die Geschäftsberichte der Jahre 1931 und 1932. In: AD<br />

Suhl. Werk Heiligenroda. 2 a 17.<br />

38<br />

Natt, S. 15.<br />

39<br />

Stemper, S. 33.<br />

40<br />

Handbuch der Kalibergwerke 1937, S. 273.<br />

41<br />

Vgl. Zusammenstellung aus Unterlagen des Werra-Kalibergbau-<br />

Museums (unveröffentlicht).<br />

42<br />

Vgl. Moczarski, S. 82 f.<br />

43<br />

Vgl. Slotta, S. 70.<br />

44<br />

Vgl. Moczarski, S. 83.<br />

45<br />

Vgl. Herbst, D., S. 3-4.<br />

46<br />

Hitlerrede vom 6. Juli 1933. Als Anlage zum Rundschreiben 6214<br />

vom 10.7.1933. In: AD Suhl. Werk Heiligenroda. 2 a 17.<br />

47<br />

Vgl. die jährliche Belegschaftszusammenstellung. In: AD Suhl,<br />

Werk Sachsen-Weimar. 2 h 25.<br />

48<br />

ebd.<br />

49<br />

Vgl. Moczarski, S. 87.<br />

50<br />

Vgl. ebd.<br />

51<br />

Vgl. die Unterlagen. In: Stadtarchiv Heringen. Abteilung M, Abschnitt<br />

1, Konv. 3, Fasz 3.<br />

52<br />

Vgl. Moczarski, S. 88.<br />

53<br />

Vgl. Bericht des Bürovorstehers. 24.8.1945. In: AD Suhl, Werk<br />

Kaiseroda. 1 g 1.<br />

54<br />

Ausführlicher Pressebericht. In: Stadtarchiv Heringen. Abteilung M,<br />

Abschnitt 1, Konv. 1, Fasz 4.<br />

55<br />

Vgl. Moczarski, S. 90-92.<br />

4. Kapitel „Kaliindustrie an der Werra in Thüringen“<br />

1<br />

Vorbemerkung des Verfassers: Der nachfolgende Beitrag beruht auf<br />

der Auswertung zahlreicher, zum größten Teil noch unerschlossener<br />

Quellen aus dem Bestand „VEB Kalibetrieb ‚Werra’ Merkers<br />

(1945-1989)“. Aus Platzgründen wird mitunter auf die ausführliche<br />

Nennung von Originalquellen verzichtet. Eine Belegung aller Angaben<br />

kann bei Bedarf vom Verfasser angefordert werden.<br />

2<br />

Vgl. 1905-1995, S. 21.<br />

3<br />

Protokolle über Sitzungen des Produktionsausschusses Kaiseroda<br />

im Jahr 1946 – 1953.<br />

4<br />

Vgl. Lexikon des DDR-Sozialismus, S. 355.<br />

5<br />

Vgl. hierzu die Befehle der Sowjetischen Militäradministration für<br />

187


Thüringen (SMATh) Nr. 353 vom 24. Juli 1946: Übergabe der Fabrik<br />

und des Schachtes Sachsen-Weimar der Wintershall AG in Unterbreizbach<br />

an die AG für Düngemittel. Nr. 379 vom 31. Juli 1946:<br />

Übergabe der Fabrik und drei Schächte Kaiseroda der Wintershall<br />

AG an die AG für Kaliindustrie und Nr. 397 vom 19. August 1946:<br />

Übergabe der Fabrik und Schächte Heiligenroda 1, 2, 3 der Wintershall<br />

AG in Dorndorf an die AG für Kaliindustrie.<br />

6<br />

Vgl. SMAD-Befehl Nr. 9 vom 9. Januar 1946: Plan der Belieferung<br />

mit Kalisalzen und Phosphor-Düngemitteln im 1. Quartal 1946.<br />

7<br />

Vgl. SMATh-Befehl Nr. 55 vom 30. Januar 1946: Über Maßnahmen<br />

zur Durchführung des Produktionsplanes für das I. Quartal 1946<br />

für Kalidünger und Thomasschlacken-Mehl der Kali- und metallurgischen<br />

Industrie des Bundeslandes Thüringen.<br />

8<br />

1905-1995, S. 23.<br />

9<br />

Vgl. Protokolle des Produktionsausschusses Kaiseroda für das Jahr<br />

1946 – 1953.<br />

10<br />

SMAD-Befehl Nr. 234 vom 9. Oktober 1947: Maßnahmen zur Erhöhung<br />

der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung<br />

der materiellen Lage der Arbeiter und Angestellten der Industrie<br />

und des Transports.<br />

11<br />

ebd.<br />

12<br />

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1816 –1949, S. 14.<br />

13<br />

Betriebschronik, S. 40.<br />

14<br />

ebd., S. 64.<br />

15<br />

Unveröffentlichte Studie vom 18. November 1949: Die Entwicklung<br />

des K2O-Gehaltes der Förderung auf Kaiseroda II/III.<br />

16<br />

Vgl. Protokolle des Produktionsausschusses Kaiseroda 1946 –<br />

1953.<br />

17<br />

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1949 – 1956, S. 7.<br />

18<br />

ebd., S. 9.<br />

19<br />

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1957 – 1965, S. 16.<br />

20<br />

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1966 – 1971, S. 11.<br />

21<br />

Arnold, S. 77.<br />

22<br />

Ruck, S. 1 – 4.<br />

23<br />

Weiss, S. 13.<br />

24<br />

Vgl. Ruck/Deppe,<br />

25<br />

Duchrow (1997), S. 3.<br />

26<br />

ThStA Meiningen, Bestand „Bezirkstag/Rat des Bezirkes Suhl“,<br />

Sign. M 982.<br />

27<br />

Komplexstudie Rohstoffsicherung für den Kalibetrieb „Werra“,<br />

Staatsplanaufgabe ZF. 06.00.24724, Sondershausen 1988 (unveröffentlicht).<br />

28<br />

ebd.<br />

Kapitel 5: „Wiederaufbau und Rationalisierung“<br />

1<br />

Das vorliegende Kapitel stützt sich hier und an vielen weiteren<br />

Stellen auf den Aufastz des Verfassers. In: Ulrich Eisenbach, Die<br />

Kaliindustrie an Werra und Fulda, 1998, S. 95 – 122.<br />

2<br />

Vgl. Singewald, S. 335- 342.<br />

3<br />

Vgl. von Velsen, S. 443-447.<br />

4<br />

Vgl. Denzel, S. 155-157.<br />

5<br />

Vgl. Rausch/Böning / Busche, S. 306-318.<br />

7<br />

Vgl. Fox/Storck, S.30-38.<br />

8<br />

Vgl. Ewald, S. 245-250.<br />

9<br />

Vgl. Pfoh, S. 18-26.<br />

10<br />

Vgl. Ahorner/Sobisch, S. 38-49.<br />

11<br />

Vgl. Kokorsch/Psotta, S. 39-51.<br />

12<br />

Vgl. Ulrich Eisenbach, S.222.<br />

13<br />

Vgl. Walterspiel, S.179-186.<br />

14<br />

Vgl. Deisenroth/Kind, S. 182-194.<br />

15<br />

Vgl. Blomenkamp. Maschinenschrift o. S.<br />

16<br />

Vgl. Ahlborn. Maschinenschrift o. S.<br />

17<br />

Vgl. Heim. Maschinenschrift o. S.<br />

18<br />

Vgl. Hansen. Maschinenschrift o. S.<br />

188<br />

LITERATUR<br />

7 Jahre Kreis Bad Salzungen | Ein Bericht über sieben Jahre Aufbauarbeit<br />

1950 bis 1957 Herausgegeben vom Rat des Kreises Bad Salzungen.<br />

O.O. [Bad Salzungen] 1957.<br />

10 Jahre DDR | Festausgabe der Betriebszeitung Kalikumpel des VEB<br />

Kalikombinat „Werra“. Merkers 1959.<br />

10 Jahre Kalikombinat „Werra“ | Festschrift. Merkers 1968.<br />

15 Jahre Kreis Bad Salzungen | Herausgegeben anlässlich der 2.<br />

Werrafestspiele und des Tages des deutschen Bergmannes 1965. O.O.<br />

[Bad Salzungen] o.J. [1965].<br />

1905-1995 – 90 Jahre Kalischacht Unterbreizbach | Herausgegeben<br />

vom Bergmannsverein Unterbreizbach. Unterbreizbach 1995.<br />

1925 - 1950 – 25 Jahre Kaliwerk Kaiseroda | Herausgegeben von der<br />

Staatlichen Aktiengesellschaft für Kali-Düngemittel „Kali“, Zweigniederlassung<br />

Erfurt. O.O. [Erfurt] o.J. [1950].<br />

25 Jahre Gewerkschaft Kaiseroda | 1894-1919. o. O. [Tiefenort] 1919.<br />

Ahorner, L./Sobisch, H.- G. | Ein untertägiges Überwachungssystem<br />

im Kalibergwerk Hattorf zur Langzeiterfassung von seismischen Ereignissen<br />

im Werra-Kaligebiet. In: Kali und Steinsalz, Band 10, 1988-<br />

1991, S. 38-49.<br />

Ahlborn, L. | Ansprache anlässlich des 50-jährigen Bestehens des<br />

Werkes Wintershall. (Maschinenschrift). o.O. [Heringen] 1950.<br />

Albrecht, H. | Bergrat Dr.-Ing. Kost zum 70. Geburtstag. In: Kali und<br />

verwandte <strong>Salze</strong>, Zeitschrift für die Kali- und Steinsalzindustrie sowie<br />

das Salinenwesen, Band 25, 1931, S. 81-82.<br />

Arnold, W. | Erfahrungen und Erkenntnisse beim Durchteufen des<br />

Plattendolomits im Werra-Kali-Revier. In: Bergakademie, Band 15.<br />

Freiberg 1963, S. 77.<br />

Aus der Chronik des VEB Kalibetrieb „Werra“ 1816-1989 | Merkers<br />

1983-1986. Teil 1816-1949.<br />

Bannert, H. | Kalibergbau in Neuhof. In: Bergbau-Zeitschrift des<br />

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Bannert, H. | Kalibergbau in Neuhof. In: Mitteilungen des Förderkreises<br />

Werra-Kalibergbau-Museum, 2/1997, S. 4-11, 1/1998, S. 5-8.<br />

Baumert, B. | Entwicklung und Bedeutung des Werra-Fulda-Kalibezirks.<br />

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223-226, 235-239, 249-252 und 262-265.<br />

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12, 1996, S.18-30.<br />

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und seiner technischen Hilfsmittel. Wien, Budapest und Leipzig 1889.<br />

S. 537-599.<br />

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(unveröffentlichtes Manuskript), Dietlas 1980.<br />

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des Werkes Wintershall. (Maschinenschrift). O.O. [Heringen] 1950.<br />

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(Schriften zur hessischen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte,<br />

Band 3), Darmstadt 1998, S. 49-78.<br />

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eine Würdigung verdient. In: Mitteilungen des Förderkreises<br />

Werra-Kalibergbau-Museum, Heft 1/1997, S. 14-17.<br />

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und Kaliindustrie, 1. Reihe, Heft 1), Vacha/Werra 1922.<br />

Das kleine Bergbaulexikon | Zusammengestellt am Fachbereich<br />

Bergtechnik der Fachhochschule Bergbau. 2. neu bearbeitete und er-


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Band 7, 1976-1979, S. 306-318.<br />

Moczarski, N. | Kalibergbau in der Zeit des Nationalsozialismus 1933-<br />

1945. In: Eisenbach, U./Paulinyi, A. (Hg.). Die Kaliindustrie an Werra<br />

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Band 3) Darmstadt 1998, S. 79-94.<br />

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erweiterte Auflage, Stuttgart 1983.<br />

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1934. O. O. [Bad Salzungen] 1935.<br />

Rausch, D./Böning, K.- H./Busche, H. | Zusammenlegung der Grubenbetriebe<br />

Wintershall und Herfa-Neurode des Kaliwerkes Wintershall.<br />

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der K+S-Gruppe unter besonderer Berücksichtigung des<br />

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2004.<br />

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Kali und verwandte <strong>Salze</strong>, Zeitschrift für die Kali- und Steinsalzindustrie<br />

sowie das Salinenwesen, Band 25, 1931, S. 164-165.<br />

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Salz und Oel - Werkszeitschrift der Wintershall AG | Kassel 10/1966.<br />

Salz und Oel - Werkszeitschrift der Wintershall AG | Kassel 14/1957.<br />

Salz und Oel - Werkszeitschrift der Wintershall AG | Kassel 2/1957.<br />

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Band 3. Kali- und Steinsalzindustrie. Bochum 1980.<br />

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zum Industriedorf. (Maschinenschrift). O.O. [Heringen] o.J.<br />

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Tylle, H. D. | Bilder aus dem Steinkohlen- und Kalibergbau. Katalog<br />

zur Ausstellung im Deutschen Bergbau-Museum Bochum vom 26.1.<br />

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Bochum, Band 28),Bochum 1984.<br />

Verhandlungen der Sozialisierungs-Kommission über die Kaliwirtschaft<br />

| Berlin 1921.<br />

Verlag Herder (Hg.) | Geologie und Mineralogie. 6. neu bearbeitete<br />

Auflage Freiburg 1990.<br />

Velsen, C. von | Die Kaliindustrie im vergangenen Jahrzehnt. In: Kali<br />

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Wachs, F.-C. | Das Verordnungswerk des Reichsdemobilmachungsamtes:<br />

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1997.<br />

Weissenberger, R. | Les Mines de Potasse d'Alsace. Straßburg 1999.<br />

Werrafestspiele zum Tag des Deutschen Bergmanns 27. Juni bis 5.<br />

Juli 1964 | Herausgegeben vom Festkomitee für die Werrafestspiele<br />

und den Tag des Deutschen Bergmanns. Bad Salzungen 1964.<br />

190<br />

LEIHGEBER<br />

Arnold, Friedbert, Bad Salzungen<br />

Bannert, Horst, Neuhof<br />

Baumgardt, Dr. Siegfried, Merkers<br />

Bergmannsverein Unterbreizbach, Jahne, Heinz, Vacha<br />

Blankenbach, Walter, Rotenburg<br />

Borchers, Siegfried, Merkers<br />

Clute-Simon, Helgo, Philippsthal<br />

Deutsches Bergbau Museum, Bochum<br />

Eidam, Jürgen, Hohenroda<br />

Ernst, Wolfgang, Heringen<br />

Fischer, Klaus, Philippsthal<br />

Friedl, Franz, Künzell<br />

Fröhlich, Gerhard, Merkers-Kieselbach<br />

Gemeindeverwaltung Neuhof, Neuhof<br />

Gerlach, Bruno, Tiefenort<br />

Großenbach, Helmut, Bad Salzungen<br />

Heimatmuseum Gerstungen<br />

Heimatmuseum Tiefenort, Drescher, Peter, Tiefenort<br />

Heimatmuseum Vacha, Hermes, Günter, Vacha<br />

Heimatverein Röhrigshof, von der Grün, Hans, Philippsthal<br />

Hillenbrand, Winfried, Flieden<br />

K+S AG, Kassel<br />

K+S Kali GmbH, Werk Werra, Philippsthal<br />

K+S Kali GmbH, Werk Neuhof-Ellers, Neuhof<br />

Kley, Egon, Bad Salzungen<br />

Kloth, Dr. Hartmuth, Bad Salzungen<br />

Klotzbach, Helga, Philippsthal<br />

Knauf, Michael, Philippsthal<br />

Knaut, Heinrich, Heringen<br />

Kreuder, Sigried, Tann<br />

Lessing, Monika, Merkers<br />

Mannel, Willi, Oechsen<br />

Mey, Horst, Merkers-Kieselbach<br />

Müller, Josef, Eiterfeld<br />

Prütz, Egon, Merkers<br />

Ritz, Manfred, Neuhof<br />

Sauerbrei, Merkers-Kieselbach<br />

Schleinshok, Berka/Werra<br />

Schmidt, Harald, Merkers<br />

Schmidt, Markus, Vacha<br />

Schmidt, Walter, Neuhof<br />

Specht, Gerhard, Horschlitt<br />

Tourist-Information Waldhessisches Werratal, Heringen<br />

Tylle, H.D, Fuldatal<br />

Wedel, Hilde, Heringen<br />

Werra-Kalibergbau-Museum, Heringen


BILDNACHWEIS<br />

7-1, -2, -3, -4 | WKM; 8/9-A | Schmidt/Walter, S. 117; 8/9-1 | WKM; 8/9-2 |<br />

K+S (2000), S. 26; 10/11-1, -2, -3, -4, -5, -6, -7 | WKM; 12/13-A | Möller, S.<br />

35; 12/13-B | Möller, S. 41; 12/13-1 | WKM; 12/13-2 | Bannert; 14/15-A |<br />

Fulda (1935), S. 217; 14/15-1 | WKM; 14/15-2, -3 | K+S; 16/17-A | TI; 16/-<br />

17-1, -2, -3, -4 | WKM; 16/17-5 | K+S; 18/19-1, -2, -3, -4, -5, -7 | WKM; 18/-<br />

19-6 | Deisenroth; 20/21-1, -2 | WKM; 20/21-3, -4 | K+S; 22/23-1, -3, -4, -<br />

5, -6, -7, -8, 22/23-2 | K+S; 24-1 | WKM; 24-2 | Deisenroth; 25-1 | Rach,<br />

Anhang Tafel VI; 25-2 | HM Ger.; 25-3 | Emons/ Walter, S. 44.; 25-4 | WKM;<br />

26/ 27-1 | Emons/Walter, S. 14 ; 26/27-2 | Botsch, S. 10; 26/27-3 | Bersch, S.<br />

568; 26/27-4 | WKM; 26/27-5 | Langsdorf, Anhang Tafel 2; 28/29-1 | Rach,<br />

Anhang Tafel XI; 28/29-2 | WKM; 30/31-1 | ThHStA; 30/31-2 | Pfeiffer, S.<br />

82; 30/31-A | K+S (2000), S. 60; 30/31-B | Krische, S. 173; 30/31-C | K+S<br />

(2000), S. 61; 32/33-1 | WKM; 32/33-2 | HM Ger., Repro WKM; 32/33-3 |<br />

K+S AG (2000), S. 7; 34-1 | Schmidt/ Thielmann, S. 6; 35-1 | Clute-Simon;<br />

35-2 | BA K; 35-3 | WKM; 35-4 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 36/37-1 | WKM;<br />

36/37-2 | HM Tief.; 36/37-3 | WKM; 38/39-1, -2, -3, -4, -5. –6, -7, -8, -9 |<br />

HM Tief.; 40/41-1 | Mannel; 40/41-2 | Schmidt, M.; 40/41-3 | Dtls. KI, S.<br />

381; 40/41-4 | HM Va. (Rhönzeitung, 7.6.1904.); 42/43-A | HStAM, Bestand<br />

BA Schmalkalden. Paket 44. Anlage; 42/43-B | Dtls. KI, S. 251; 42/43-C |<br />

BA K; 42/43-D | Dtls. KI, S. 304; 42/43-E | Dtls. KI, S. 230; 44/45-1 | Baumgardt;<br />

44/45-2 | HM Va. (Rhönzeitung, 8.9. 1903.); 44/45-3 | AD Suhl, Sachsen-Weimar<br />

1 a 22; 44/45-4 | Fulda (1928), S.83; 46/47-A | WKM; 46/47-B |<br />

Kali und verwandte <strong>Salze</strong>. Band 25,1931, S. 81; 46/47-C | Fritzsche, S. 461;<br />

46/47-1 | Müller; 46/47-2 | Baumgardt; 46/47-3 | Fischer; 48/49-1 | Müller;<br />

48/49-A | Stephan, S. 191; 48/49-B | HStAM. BA SM. Paket 4. Nr. 444; 48/-<br />

49-C | Stephan, S. 215; 48/49-D | WKM; 50/51-1 | HStAM. BA SM. Paket<br />

26. Nr. 629; 50/51-2 | Std. HA; 50/ 51-A | WKM; 52/53-1 | Clute-Simon; 52/-<br />

53-2 | Std. HA; 52/53-3 | WKM; 52/ 53-4 | BA K; 54/55-A, -1, -2, 56/57-1, -<br />

2, -3, -4, -5, -6 | WKM; 56/57-7 | Weissenberger, Tafel I (S. 40); 58/59-1, -2,<br />

-3, -4, -5 | WKM; 60/ 61-1 | Geschichte Burbach-Konzern, S.83; 60/61-2 |<br />

WKM; 60/61-3 | Mannel; 60/61-4, -5 | WKM; 62/63-1 | Baumgardt; 62/63-<br />

2 | Lessing; 64/65-1, -2 | WKM; 66/67-A | BMV UB; 66/67-B, -C | Knaut;<br />

66/67-D | Fröhlich; 68-A, -B | Jacob/Kabitzsch, S. 25, 26.; 68-1 | Std. HA; 69-<br />

A, -B | Herbst (1930), S. 931; 68/69-C | Müller; 70/71-1 | WKM; 70/71-2 |<br />

Staatliche Aktiengesellschaft, o. S.; 70/71-3, -4, 72/73-A | WKM; 72/73-B |<br />

BMV UB; 72/73-C | Kali und verwandte <strong>Salze</strong>, Band 25 1931, S. 165; 72/73-<br />

D | Staatliche Aktiengesellschaft, o. S.; 72/73-E | Std. HA; 74/75-1, -2 | WKM;<br />

74/75-3 | Schmidt, H.; 76/77-1 | HM Tief.; 76/77-2 | Mey; 76/77-3 | WKM;<br />

76/77-4, -5 | WKM; 76/77-A | Mey; 78/79-1 | WKM; 78/79-2 | HM Va.; 78/-<br />

79-3 | Schmidt, H.; 78/79-4 | Bannert; 80/81-A | Groscurth, Anhang nach<br />

S. 63; 80/81-1, -2 | WKM; 80/81-3 | Kalibergmann, 9.9.1939, S. 270; 82/83-<br />

1 | Kalibergmann, 3.10.1936, S. 405; 82/ 83-2 | WKM; 82/83-A | WKM; 82/-<br />

83-B | BA K; 84/ 85-A | Fröhlich; 84/85-B | WKM; 84/84-C | K+S; 86/87-1 |<br />

WKM; 86/87-2 | Gem Nh; 86/87-3 | BA K; 88/89-1, -2, -3, -4 | WKM; 88/-<br />

89-5 | Großenbach; 90/91-1, -2 | HV Rö; 90/91-3 | Sauerbrei; 92/93 -1, 2 |<br />

Clute-Simon; 92/93-3 | Müller; 92/93-4, -5 | Std. HA; 94/ 95-1 | Schleinshok;<br />

94/95-2 | Müller; 94/95-3 | WKM; 96/97-1 | Müller; 96/97-2 | Schmidt, H.;<br />

96/97-3 | Std. HA; 96/97-4 | Kloth; 96/97-5 | Fischer; 98/99-1 | Laun; 98/-<br />

99-2 | Prütz; 98/99-3 | WKM; 98/99-4 | Siegfried Baumgardt; 100-1 | HM<br />

Tief.; 101-1 | Schmidt, H.; 101-2,-4 | Mey; 101-3 | WKM; 102/103-1 | Prütz;<br />

102/103-2 | WKM; 102/103-3 | Baumgardt; 102/103-4 | 25 Jahre Kaiseroda,<br />

o. S.; 104/105-1 | Lessing; 104/105-2 | Fröhlich; 104/105-3 | BA K; 104/-<br />

105-4 | WKM; 106/107-1 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 106/107-2, -3, -4 |<br />

WKM; 106/107-5 | Kley; 108/109-1, -2, -3, -4, -5 | DBBM; 110/111-1 | 10<br />

Jahre DDR. o.S.; 110/111-2 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 110/111-3, -4, 112/-<br />

113-A, -1 | WKM; 112/113-2 | 10 Jahre Kalikombinat, S. 13; 112/113-3 |<br />

Fröhlich; 112/113-4 | Schleinshok; 114/115-A | Menzengraben, S. 13; 114/<br />

115-B | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 114/115-C, -D | Schmidt, H.; 114/115 -1,<br />

-2 | Fröhlich; 114/115-3 | 10 Jahre Kalikombinat, S. 56; 116/ 117-A, -B, -C,<br />

-D, -E | BMV UB; 116/117-1 | WKM; 116/117-2 | Specht; 116/117-3, 118/-<br />

119-A, -C | VEB Bergwerksmaschinenfabrik; 118/ 119-B,-3 | Schmidt, H.;<br />

118/119-1 | VEB Kombinat Kali, S. 23; 118/119-2 | Mey; 120/121 -A | Duchrow<br />

(2001), S. 30; 120/121-B | Duchrow (2001), S. 28; 120/ 121-1 | Kley;<br />

120/121-2 | BA K; 120/121-3, -4 | Clute-Simon; 122/123-1, -A | Specht;<br />

122/123-B | Mey; 122/ 123-C | Schleinshok; 122/123-D, 124/ 125-1 | WKM;<br />

124/125 -2, -A | Schmidt, H.; 124/125-3 | Fröhlich; 124/125-3 | Mey; 124/-<br />

125-B, -C | Specht; 124/ 125-D, -E | Fröhlich; 126/127-A | Specht; 126/ 127-<br />

1, -2, -B, -D | Schmidt, H.; 126/127-C | Lessing; 126/ 127-3 | Fröhlich; 128/-<br />

129-1, -2 | Schmidt, H.; 128/129-3, -4, -5, -6 | Specht; 130/131-1 | Fröhlich;<br />

130/131-2,-6, -7 | Schmidt, H.; 130/131-3, -4 | Baumgardt; 130/131-5 |<br />

Prütz; 132/133-1 | Mey; 132/133-2, -3, -5 | Schmidt, H.; 132/133-4 | Prütz;<br />

134-1, -3 | Fröhlich; 134-2, -4 | Schmidt, H.; 135-1, -2, -4 | K+S; 135-3 |<br />

Gem Nh; 136/137-1, -3, -4 | WKM; 136/137-2 | Gem Nh; 138/139-1 | Kreuder;<br />

138/ 139-2 | Salz und Oel. H. 10/1966, S. 8; 138/139-A | Blankenbach;<br />

138/139-B | WKM; 140/141-1 | K+S-Werkszeitschrift, Nr. 3/1970, S. 1.;<br />

140/141-2 | K+S; 140/141-3 | Hillenbrand; 142/143-1 | Ritz; 142/143-2, -5 |<br />

Gem Nh; 142/143-3, -4 | K+S; 144/145-1 | Slotta, S. 492; 144/145-2 | K+S;<br />

146-A | WKM; 146-B | K+S; 147-A | WKM; 148/149-1, -2, -3, -4, -6 | K+S;<br />

148/149-5 | WKM; 148/149 -7, -9 | Blankenbach; 148/149-8 | Salz und Oel.,<br />

H. 14/1957, S. 14.; 150/151-1, -2, -3, -4 | Tylle; 152/153-1 | Blankenbach;<br />

152/153-2, -4 | K+S; 152/153-3 | Salz und Oel. H. 2/1957, S. 14.; 154/ 155-<br />

A | Eidam; 154/155-B | WKM; 154/155-C, -D, -E | K+S; 154/155-1 | K+S-<br />

Werkszeitschrift 4/1972, S. 1; 154/155-2 | Blankenbach; 156/157-A, -B, -D, -<br />

E, -F, -G, -H | K+S; 156/157-C, 158/159-1, -3 | Blankenbach; 158/159-2, -5 |<br />

K+S; 158/159-4 | Gem Nh; 160/161-1 | WKM; 160/161-2, -3, 162/163 -1 |<br />

Blankenbach; 162/163-2, -A | WKM; 162/163-B | Pfoh, S. 76.; 164/165-A |<br />

K+S; 164/165-B | K+S-Werkszeitschrift 2/1991, S. , 164/ 165-C, -D | Blankenbach;<br />

164/165-1, -2 | TI; 166/167-1,-2 | Deisenroth, S. 32; 166/167-3 |<br />

Blankenbach; 166/167-4, -5, -6, 168/169-1, -3 | K+S; 168/169-2, -4, -5 | Gem<br />

Nh; 170/171-1, -7 | K+S; 170/171-2, -4 | WKM; 170/171-3, -8 | Gem Nh;<br />

170/171-5, -6 | Blankenbach; 172/173-1, -2, -3, -4, -5, -6, -7, -8, 174/175-1,<br />

-2 | K+S; 174/175-3, -6 | Blankenbach; 174/175-4, -5 | Gem Nh; 176-1 | Eidam;<br />

176-2 | K+S-Werkszeitschrift, Nr. 1/1983, S. 6; 176-3 | WKM; 176-4 |<br />

Blankenbach; 176-5 | Bannert; 177-1, -2, -3, -4 | K+S; 178/179-1, -3 | WKM;<br />

178/179-2 | Specht; 177/178-4, -5 | WKM; 180/181-1, -2, -3, -4, -5 -6, 182/-<br />

183-1, -2, -3 | K+S.<br />

FOTOGRAFEN<br />

Abshagen | 162/163–2; 176-3; Bannert | 12/13-2; 176-5; Blankenbach |<br />

52/53-3; 86/87-1; 138/139-A; 148/149-7, -9; 152/153-1; 154/155-2; 156/157-<br />

C; 158/159-1, -2, -3; 160/161-1, -2, -3; 162/163-1; 164/165-B, -C, -D; 166/167-<br />

3; 170/171-5, -6; 174/175-3, -6; 176-4; Colette | 135-2, 166/167-4; Dietze |<br />

140/141-2; Eickhoff | 148/149-5; Giebel,Eberhard | 128/129-1; Habekost |<br />

54/55-A; 76/77-4, -5; 84/85-B; 101/102-2; 110/111-4; 122/123-D; Henniges<br />

| 135-4; 148/149-1, -2, -3, -4, -6; 152/153-2, -4; 172/173-1, -2, -3, -4, -5, -6, -<br />

8; 154/155-C,-D, -E; 168-1; Hildebrand | 169-3; Hillenbrand | 144/145-2;<br />

Hohmann | 12/13-1; 164/165-2; K+S | 14/15-2, -3; 19-1; 166/167-1, -2; Kali<br />

Kumpel | 130/131-2; Klotzbach | 34-1; Kreuder | 138/139-1; Kurverwaltung<br />

Bad Salzungen | 16/17-A; Michel | 170/171-2, -4; PGH-Fotozentrum<br />

Leipzig | 128/129-3, -4, -5, -6; Richter | 135-3; 136/137-2; 142/143-2, -5;<br />

148/149-8; 152/153-3; 158/159-4; 169-2, -4, -5; 170/171-3, -8; 174/175-4, -<br />

5; Specht | 7-1, -3; 10/11-4, -5, -6, -7; 16/17-3, -4; 18/19-1, -2, -3, -4, -5;<br />

22/23-1, -3, -4, -5, -6, -7,-8; 26/27-4; Spiesia | 126/127-2; Triebel | 140/141-<br />

1; 154/155-1; 174/175-1; Tylle | 150/151-1, -2, -3, -4; von Papen | 158/159-<br />

5; 166/167-5, -6; 170/171-1; 172/173-7; Würz | 7-2; 10/11-3, -7; 14/15-1;<br />

24/25-4, 164/165-1;<br />

AUTOREN<br />

Dr. Lothar Brückner: geb. 1936, Rentner, bis 1993 im Schuldienst. 1963<br />

Promotion in Jena mit einer Arbeit über das Kaliwerk Kaiseroda (Merkers).<br />

Norbert Deisenroth: geb.1935, Rentner, Studium an der TU-Clausthal.<br />

Diplom-Ingenieur. Bis 1998 Grubendirektor Kaliwerk Wintershall.<br />

Vorsitzender des Förderkreises Werra-Kali-Bergbau-museum e.V.<br />

Hermann-J. Hohmann: geb. 1961, Diplom-Geograph. Seit 1990 Leiter<br />

Werra-Kalibergbau-Museum in Heringen. Redakteur der Zeitschrift „Kali<br />

und Geschichte“.<br />

Dr. Rudolf Kokorsch: geb. 1930, Renter. Dr.-Ing. 1956 Promotion mit<br />

einer Arbeit über die Kalilagerstätte Hildesia-Mathildenhall. Bis 1993<br />

Gruben-direktor im Kaliwerk Wintershall in Heringen.<br />

Dr. Dagmar Mehnert: geb. 1972, Lehrerin, 2000 Promotion in Göttingen<br />

mit einer Arbeit über das Werrarevier während der Weimarer Republik.<br />

Redakteurin der Zeitschrift „Kali und Geschichte“.<br />

Hartmut Ruck: geb. 1938, Rentner, Diplom-Ingenieur. Bis 2003 Leiter des<br />

Grubenbetriebes Standort Merkers im Kaliwerk Werra.<br />

191


Zwischen Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg werden bergmännisch Kalisalze<br />

abgebaut. Als der Bodenschatz 1893 bei Bad Salzungen in Thüringen<br />

gefunden wurde, begann eine stürmische industrielle Entwicklung. Der Bergbau<br />

hat das Bild der Region umgestaltet. Bis zum heutigen Tag ist das Werra-<br />

Fulda-Revier eines der größten Kali-Abbaugebiete der Welt. In den Bergwerken<br />

und Fabriken sind mehrere tausend Arbeitskräfte damit beschäftigt, die<br />

Rohsalze unter Tage zu gewinnen und über Tage vor allem zu Düngemitteln<br />

weiter zu verarbeiten.<br />

In über 100 Jahren hat die Kaliindustrie Geschichte gemacht und Geschichten<br />

ge-schrieben.„<strong>Bunte</strong> <strong>Salze</strong>, <strong>weiße</strong> <strong>Berge</strong>“ zeichnet Wachstum und Wandel des<br />

Kalibergbaus im Werratal und bei Neuhof nach. Die Entwicklung des Reviers<br />

von den Anfängen bis zur Gegenwart illustrieren über 400, zum Teil farbige<br />

Fotos und Abbildungen.<br />

24,80 EUR

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