Bunte Salze, weiße Berge

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Wachstum und Wandel der Kaliindustrie zwischen Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg

Bunte Salze, weiße Berge

Wachstum und Wandel

der Kaliindustrie zwischen

Thüringer Wald, Rhön

und Vogelsberg

Hermann-Josef Hohmann und Dagmar Mehnert (Hg.)


Bunte Salze, weiße Berge

Wachstum und Wandel

der Kaliindustrie zwischen

Thüringer Wald, Rhön

und Vogelsberg

Hermann-Josef Hohmann und Dagmar Mehnert (Hg.)


Die Herausgeber bedanken sich bei allen, die die

Veröffentlichung von „Bunte Salze, weiße Berge

mit Fotomaterial, Tipps, Anregungen, Hilfe und

Wohlwollen unterstützt haben.

Ein besonderer Dank geht an unsere Familien und

Freunde, die in der letzen Zeit wenig von uns hatten

und geduldig ertragen haben, dass bunte Salze

und weiße Berge monatelang unseren Alltag ganz

stark mitbestimmt haben!

Impressum

Herausgeber | Hermann-Josef Hohmann

Dr. Dagmar Mehnert

Herausgeben im Auftrag des Landesverbandes Hessen e.V. im

Bund Deutscher Bergmanns-, Hüttten und Knappenvereine;

des Bergmannsvereins „Glückauf Wintershall Heringen e.V.“

und des Förderkreises Werra-Kalibergbau-Museum e.V.

Konzept | Hermann-Josef Hohmann

Texte | Dr. Lothar Brückner, Norbert Deisenroth, Hermann-

Josef Hohmann, Dr. Rudolf Kokorsch, Dr. Dagmar

Mehnert, Hartmut Ruck

Textbearbeitung | Dr. Dagmar Mehnert

Hermann-Josef Hohmann

Lektorat | Heike Bilgenroth-Barke

Bildauswahl | Hermann-Josef Hohmann

Fotos und Abbildungen | Titelseite, K +S AG (3), Walter

Blankenbach (1); Fotos Vorsatz,

Josef Müller (2); Inhaltsseiten,

siehe Bildnachweis

Scans | Hermann-Josef Hohmann, H A B E K O S T

Gestaltung, Bildbearbeitung, Layout, Satz | H A B E K O S T

Verlag | Ulmenstein, Hardtweg 5, 36088 Hünfeld

www.verlag-ulmenstein.de

Druck | Hoehl Druck, Bad Hersfeld

Printed in Germany ISBN 3-9809738-0-8

Copyright 2004 Verlag Ulmenstein

Der Fließtext und die Texte der Themenkästen sind in der

neuen Rechtschreibung gehalten. Die Quellentexte sind aus

Gründen der Authentizität in der originalen Form übernommen

worden.

Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk, oder Teile daraus, darf

nicht ohne die schriftliche Genehmigung des Herausgebers

vervielfältigt, in Datenbanken gespeichert oder elektronisch,

fotomechanisch oder auf Tonträger übertragen und kommerziell

weiter verwendet werden.

Die Fotografen sind, soweit sie den Herausgebern bekannt geworden

sind, namentlich genannt. Berechtigte Ansprüche auf

Bildrechte können nachgemeldet werden.


Vorwort 6

Entstehung, Zusammensetzung und 7

Veränderungen der Salzlagerstätte

Norbert Deisenroth

Eine lange Vorgeschichte 25

Dr. Lothar Brückner

Der Aufbau des Kalireviers und 35

die Jahre bis 1945

Dr. Dagmar Mehnert

Die Kaliindustrie an der Werra in Thüringen 101

1945-1989

Hartmut Ruck

Wiederaufbau und Rationalisierung 135

– Kaliindustrie in Hessen 1945-1989

Dr. Rudolf Kokorsch

Wieder vereinigt – die Jahre nach 1989 177

Hermann-Josef Hohmann

Glossar 184

Hermann-Josef Hohmann und Dr. Dagmar Mehnert

Abkürzungen, Anmerkungen, Literatur, 186

Bildnachweis, Leihgeber und Autoren

5


6

Vorwort

Die Geschichte des Kalibergbaus zwischen Thüringer

Wald, Rhön und Vogelsberg beginnt unspektakulär:

1893 brachte in der Nähe des kleinen thüringischen

Ortes Kaiseroda ein Bohrkern Kalisalze aus

der Tiefe ans Tageslicht. Kaum hatte sich die Nachricht

verbreitet, rückten weitere Bohrtrupps an und

wiesen innerhalb weniger Monate zwei abbauwürdige

Kalilager nach, die sich im Untergrund über

viele Kilometer erstreckten. Seitdem die ersten

Schächte niedergebracht sind, fahren die Bergleute

tagaus tagein in ihre Bergwerke ein und gewinnen

in einer Tiefe von bis zu 1.000 Metern die begehrten

Kalirohsalze. Über Tage angekommen werden sie in

großen Werksanlagen in ihre Bestandteile zerlegt,

gereinigt und zu hochwertigen Düngemitteln für

die Landwirtschaft sowie zu chemischen oder medizinischen

Produkten verarbeitet.

Die Fördertürme und Fabrikanlagen stehen heute

am Fuß riesiger „weißer Berge“, die fast liebevoll

„Monte Kali“ oder „Kalimandscharo“ genannt werden.

Die drei landschaftsprägenden Salzhalden in

Heringen, Neuhof und Philippsthal sind zu Wahrzeichen

im Werra-Fulda-Revier geworden. Durch

den Kalibergbau entwickelten sich aus ehemals verträumt

wirkenden Dörfern Bergbau- und Industrieorte

mit einer für Bergmannssiedlungen charakteristischen

Struktur.

Dennoch hat sich die Region weiter eine ländliche

Prägung bewahrt. Nicht nur romantische Haldenblicke,

sondern auch idyllisch gelegene Plätze, ruhig

dahinfließende Gewässer sowie seltene Tiere und

Pflanzen in ausgewiesenen Naturschutzgebieten zeugen

davon, dass Mensch, Natur und Kaliindustrie zu

einem Miteinander gefunden haben. Dies ist besonders

wichtig, weil die Entwicklung der Kaliindustrie

im Werra-Fulda-Revier nicht geradlinig verlief: Ausgehend

vom ersten Kalifund entstand eine Industrie,

die als wirtschaftliches Ganzes begann, sich

nach 1945 in verschiedenen politischen Systemen

wiederfand und nach der Wende wieder zusammengefügt

wurde. Jeder der Zeitabschnitte ist auf seine

Art spannend. Stets sind neue Entwicklungen ebenso

zu beobachten wie das Festhalten an Traditionen.

Auch an Werra, Ulster und Fliede entwickelte sich

eine bergmännische Kultur mit eigenen Vereinen,

Musikkapellen, Liedern, Festen und Umzügen. Mit

der Heiligen Barbara besitzen die Bergleute eine

eigene Schutzpatronin, die über ihr Wohlergehen

wacht. Der Bergbau findet seinen Nachhall selbst in

sprachlichen Besonderheiten: So „fahren“ Bergleute

auch wenn sie gehen, reden von „Teufe“, wenn die

Tiefe gemeint ist, kennen über sich in der Grube

keine Decke, sondern nur „Firste“, nennen die Luft

unter Tage „Wetter“ und sagen „Glückauf“, wenn sie

sich begrüßen.

Das Buch erhebt nicht den Anspruch, eine umfassende

Bergbaugeschichte des Reviers zu sein, sondern

will seine durch die Lagerstätte vorgegebene

Einheit aufzeigen und die allgemeine Entwicklung

im Überblick darstellen. Den Texten an die Seite

gestellt sind Tabellen, Grafiken, Abbildungen und

vor allem viele Fotos. Bildmaterial von beeindrukkender

Menge und Vielfalt illustriert die Geschichte

des Reviers. Die Bilder zeigen die Kaliwerke über

und unter Tage genauso wie die Feste und Feiern

der Bergleute. Sie vermitteln so einen tiefen Einblick

in die Arbeitswelt und die bergmännische

Kultur im Wandel der Zeit.

Bunte Salze, weiße Berge“ lädt ein zu einer Zeitreise,

die vor 250 Millionen Jahren mit der Entstehung

der Lagerstätte beginnt und in der jüngsten

Vergangenheit endet. Seit Generationen sind die

Menschen in den Kaliorten durch einen Bergbauzweig

geprägt, der bis heute alle politischen, gesellschaftlichen,

wirtschaftlichen und technischen Stürme

überstanden und seine bergmännischen Traditionen

bewahrt hat.„Bunte Salze, weiße Berge

möchte etwas von der Faszination vermitteln, die

von über 100 Jahren Bergbaugeschichte zwischen

Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg ausgeht. Das

Werra-Fulda-Revier ist heute eine der wenigen Regionen

in Deutschland, in denen der Bergbau nicht

nur mehreren tausend Menschen Arbeit gibt, sondern

Land und Leuten auch in den kommenden

Jahrzehnten seinen Stempel aufdrücken wird.

Hermann-Josef Hohmann

Dr. Dagmar Mehnert


Norbert Deisenroth

Entstehung, Zusammensetzung und

Veränderungen der Salzlagerstätte

2

3

1 4

Wie bunt und vielfältig Salze sind, zeigt die etwa 250 Millionen

Jahre alte Salzlagerstätte an Werra und Fulda nicht nur in

ihren beiden Kaliflözen. Nachdem das aus dem Zechsteinmeer

auskristallisierte Salz von jüngeren Gesteinen überdeckt worden

war, blieb es über alle geologischen Zeiträume hinweg erhalten.

Doch die vielen Jahrmillionen sind nicht spurlos an der

Salzlagerstätte vorüber gegangen: Vulkanschlote durchschlugen

die Salzschichten, im Salz wurden Gase eingelagert, die

Zusammensetzung und der Mineralbestand der Lagerstätte

änderten sich und eingedrungenes Grundwasser hat das Salz

aufgelöst.

1 Rotes Steinsalz, unteres Werrasteinsalz,

Na1alpha, Grube Hattorf, Philippsthal,

Südostfeld

2 Buntsandstein

3 Weißer Carnallit, Grube Merkers

4 Ein handgezeichnetes Streckenprofil

von 1926 aus dem Kaliwerk Alexandershall


EIN PLANET IN STÄNDIGEM WANDEL

Norbert Deisenroth

8

Solange es die Erde gibt, ist ihre Oberfläche ständigen Veränderungen unterworfen:

Weil die Kontinente wandern, breiten sich Meere aus, schrumpfen,

verschwinden und entstehen an anderer Stelle neu. Andernorts

wachsen Gebirge in die Höhe und unterliegen sofort wieder den Kräften

der Abtragung. Solche geologischen Prozesse laufen jedoch so langsam

ab, dass sie sich der menschlichen Wahrnehmung fast völlig entziehen.

So entfernen sich zum Beispiel Nord- und Südamerika von Europa und

Afrika jährlich um circa zwei Zentimeter, so viel, wie ein menschlicher

Fingernagel durchschnittlich pro Jahr wächst.

Der Motor dieser Bewegungen befindet sich im Erdinneren: Die Erdkruste,

wie die oberste Schicht des Planeten Erde bezeichnet wird, zerfällt in

mehrere Platten, die auf dem zähflüssigen oberen Erdmantel schwimmen.

Konvektionsströme, die von den Temperaturunterschieden zwischen der

kalten Erdkruste und dem heißen Erdkern hervorgerufen werden, halten

die Platten in ständiger Bewegung. Durch das Triften der Platten und die

Kräfte der Abtragung entstand im Verlauf vieler Millionen Jahre das heutige

Bild der Erdoberfläche.

A

A

Die Lage der Kontinente

im Perm

G

r ö

n l

d

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Themse

Rhein

Elbe

Duna

Weichsel

Wolga

Dnjepr

Dnjestr

1

Die Salzlagerstätte –

an Werra und Fulda

Zur Sedimentation von Salzlagerstätten ist es gekommen,

weil es zeitweise Meeresteile gab, in denen

die von der Sonneneinstrahlung ausgelöste Wasserverdunstung

größer war als die aus dem offenen

Ozean, aus Flüssen oder aus Niederschlägen stammenden

Wasserzuflüsse. Sind diese Voraussetzungen

gegeben, beginnt ein Eindunstungsvorgang und die

circa 35 Gramm in einem Liter Meerwasser gelösten

Salze kristallisieren nach und nach aus. Dadurch

entstehen Ablagerungen, die vor allem aus

Kochsalz (NaCl) und in geringeren Mengen aus kaliund

magnesiumhaltigen Salzen bestehen.

Als die Salzlagerstätte an Werra und Fulda am Ende

des Erdzeitalters Perm entstanden ist, gab es nur einen

riesigen Kontinent, die so genannte Pangäa, in

dem alle Landmassen zusammenhingen. Im heutigen

Deutschland bestanden vor circa 250 Millionen

Jahren im Zechstein, einem etwa 10 Millionen Jahre

dauernden Unterabschnitt des Perm, günstige Voraussetzungen

für die Ablagerung von Salzen. Damals

war Deutschlands nördlicher Teil vom flachen Zechsteinmeer

bedeckt, das nur über eine schmale Verbindung

zum offenen Ozean verfügte. Europa insgesamt

lag sehr viel weiter südlich, etwa dort, wo sich

heute die Sahara befindet; es herrschte ein heißes

und trockenes Klima. Neben den Klimaverhältnissen

und der geringen Frischwasserzufuhr durch

Flüsse und Niederschläge kam bei der Ablagerung

von Salzen als dritter Einflussfaktor die „Barre“ ins

Spiel. 1 Dabei handelt es sich um untermeerische

Schwellen, die den Zufluss von Frischwasser aus dem

offenen Ozean zeitweise behinderten oder ganz unterbanden.

War das der Fall, reicherten sich die

gelösten Stoffe im Wasser durch die starke Verdunstung

immer weiter an. Phasenweise floss

jedoch wieder neues Wasser zu. In den tieferen

Bereichen des Zechstein-Beckens sammelte sich deshalb

immer mehr Wasser, in dem die gelösten

Minerale hochkonzentriert waren. Es konnte wegen

seines höheren Gewichts nicht über die Barre zurück

in den offenen Ozean gelangen. Zuerst war im

am weitesten südlich gelegenen Teilbecken, dem

heutigen Kalirevier Werra-Fulda, der Punkt erreicht,

an dem die gelösten Stoffe auskristallisierten und


sich als Feststoffe ablagerten. Da gleichzeitig der Beckenboden

wohl relativ schnell einsank, bildeten

sich bis über 300 Meter dicke Salzschichten. Als das

Werra-Fulda-Becken bereits trocken gefallen war

und sich das Meer zurückgezogen hatte, lagerten

sich auch im flächenmäßig viel größeren norddeutschen

Becken mächtige Salzschichten ab. Sie reichen

bis weit unter die heutige Nordsee und erstrecken

sich von Mittelengland im Westen bis nach Polen

im Osten.

Salzminerale bilden Salzgesteine

In den Ablagerungen sind in sehr unterschiedlichen

Mengenanteilen eine ganze Reihe von Salzmineralen

vorhanden. Nur ausnahmsweise kommen die Minerale

in völlig reiner Form vor. Der Normalfall sind

Gesteine, in denen mehrere Salzminerale stark gemischt

und eng miteinander verwachsen sind. Deshalb

können die Kali- und Magnesiumsalze nicht in

reiner Form, sondern nur als Salzgesteine, vor allem

mit Steinsalz vermischt, abgebaut werden. Das geförderte

Rohsalz wird über Tage in der Fabrik in seine

verschiedenen Bestandteile zerlegt. Die begehrten

2

1 Die Ausdehnung des Zechsteinmeeres in Mittel- und Nordeuropa

2 Die Barrentheorie ist die allgemein anerkannte Erklärung

für die Entstehung von Salzlagerstätten

Die wichtigsten Salzminerale und ihre Eigenschaften

9


Salzgesteine und ihre Zusammensetzung

Bezeichnung

Zusammensetzung

prozentualer Anteil

Mineral

Sylvinit 15 bis 40%* Sylvin

60 bis 85%* Halit (=Steinsalz)

wechselnd

Anhydrit und Kieserit

Hartsalz 10 bis 25%* Sylvin

30 bis 75%* Halit (=Steinsalz)

10 bis 50%* Kieserit

wechselnd

Anhydrit, Langbeinit, Polyhalit, Kainit

Carnallitit 40 bis 60%* Carnallit

30 bis 40%* Halit (=Steinsalz)

10 bis 15 %* Kieserit

wechselnd

Anhydrit, Polyhalit, Tachhydrit, Bischofit

* Die Prozentangaben sind Richtwerte, die von Fall zu Fall auch über- oder unterschritten

werden können

1

Calciumkarbonat und -sulfat

Natriumchlorid (Steinsalz)

Magnesiumsulfat

Kaliumchlorid

Magnesiumchlorid

Angaben in Prozent

10

Wertstoffe sind kaliumhaltige Minerale wie Sylvin,

Carnallit und der magnesiumsulfathaltige Kieserit.

Das Vorhandensein von Kieserit ist eine Besonderheit

der deutschen Kalilagerstätten, die von größter

wirtschaftlicher Bedeutung ist. Kieserit ist ein begehrter

Mineraldünger für bestimmte Kulturpflanzen,

wie etwa Ölbäume. Zusammen mit dem in der

Fabrik gewonnenem Kaliumchlorid bildet er die

Grundlage für die Herstellung von hochwertigem

2

Kaliumsulfat (K2SO4).

Salzablagerung –

immer der Reihe nach

Für den Aufbau einer Salzlagerstätte ist die unterschiedliche

Löslichkeit der im Meerwasser gelösten

Salze von entscheidender Bedeutung. Bei der Eindunstung

kristallisieren die schwerer löslichen Verbindungen

zuerst aus, die am leichtesten löslichen

zuletzt, wenn nahezu alles Wasser verdampft ist. Zuerst

setzen sich dementsprechend Dolomit und Kalk

ab. Darauf folgen Gips und Steinsalz. Da im Meerwasser

vor allem Steinsalz gelöst ist, fällt es in großen

Mengen aus und stellt den Hauptanteil der Ablagerungen.

Im Werra-Fulda-Gebiet sind insgesamt

über 200 Meter dicke Steinsalzschichten vorhanden.

Kalium- und magnesiumhaltige Salze kristallisieren

erst ganz zuletzt aus, wenn die Verdunstung weiter

fortschreitet. Verglichen mit dem Steinsalz bilden

sie wegen ihres niedrigen Anteils an den gelösten

Stoffen nur Ablagerungen von geringer Mächtigkeit.

Über den kalium- und magnesiumhaltigen Schichten

befindet sich in der Werra-Fulda-Lagerstätte normalerweise

wieder Steinsalz. Seine neuerliche Bildung

und die stellenweise zu beobachtende Ausfällung

von Gips geht auf verminderte Salzgehalte im Wasser

des Zechstein-Beckens zurück. Ihre Ursache war

frisches Wasser, das aus dem offenen Ozean zugeflossen

ist. Sobald die Zuflüsse aufhörten, stieg durch

die starke Verdunstung die Salzkonzentration wieder

an, und auch die mit dem Frischwasser in das

Becken gelangten Salze kristallisierten nun aus. Der

geschilderte Vorgang wiederholte sich mehrfach.

Dies erklärt den Aufbau der Lagerstätte mit ihren

drei mächtigen Steinsalz- und zwei Kalischichten.


3 4

1 Die gelösten Stoffe im Meerwasser, ihr prozentualer Anteil

und ihre Löslichkeit

2 Profil des Schachtes Herfa in Heringen

3 Blaues Steinsalz, Grube Wintershall, Heringen, 1.Sohle

Südostfeld („Blauer Himmel“)

4 Blauer Steinsalzkristall, Grube Unterbreizbach

5 Steinsalzkristall, Grube Merkers

6 Sekundär gebildete Steinsalzkristalle, unbekannte Grube,

Werrarevier

7 Steinsalzlocke, Grube Hattorf, Philippsthal

5 6

7

11


KUPFERSCHIEFER

Hermann-Josef Hohmann

Am Nordrand der Lagerstätte, am Richelsdorfer Gebirge, streichen die Gesteinsablagerungen

aus dem Zechstein an der Oberfläche aus. Beginnend

vor etwa 70 Millionen Jahren wurden sie bei der Heraushebung von Thüringer

Wald und Richelsdorfer Gebirge mit nach oben geschleppt. Dadurch

kam Wasser in Kontakt mit den wasserlöslichen Salzgesteinen und löste sie

auf. Nicht wasserlösliche Zechsteinablagerungen wie der Kupferschiefer blieben

erhalten. Aufgrund seines Kupfergehaltes war der Kupferschiefer früher

ein begehrter Rohstoff für die Kupfergewinnung. Im Richelsdorfer Gebirge

tritt er direkt an der Erdoberfläche aus oder befindet sich in nur geringer

Tiefe. Er wurde mit wechselndem wirtschaftlichen Erfolg bis zur Mitte des

20. Jahrhunderts bergmännisch abgebaut.

A

B

A

B

Bergleute (v.l.n.r.: Kollmann, Rabe, Röder und Schmelz) auf der Erzbank, Grube Wolfsberg,

Zweite Sohle Nord, Vollstreb, 1954

Mit einer Seilbahn wurde das Erz aus 9,3 Kilometer Entfernung zur Hessenhütte nach

Sontra transportiert und dort weiter verarbeitet [um 1940]

Die Sedimentation von Kalk bis hin zu den kaliumund

magnesiumhaltigen Salzen erfordert eine steigende

Konzentration der gelösten Stoffe und wird

daher als progressive Ausscheidungsphase bezeichnet.

Die rezessive Phase ist die umgekehrte Ausscheidung

bei sinkender Salzkonzentration nach Wasserzuflüssen

aus dem Weltmeer. Verursacht vom unterschiedlichen

Grad der daraus resultierenden Verdünnung,

kann die im Normalfall ablaufende Gesteinsbildung

unterbrochen werden. Anschließend setzt

sie sich entsprechend der Zusammensetzung der

nach dem Zufluss im Meeres-Becken enthaltenen

und im Wasser gelösten Stoffe fort.

Ganz unterschiedlich:

Beckenzentrum und Beckenrand

Auch im Werra-Fulda-Becken haben sich die mächtigsten

Salzschichten dort gebildet, wo im Zentrum

des Ausscheidungsbeckens das Wasser am tiefsten

war. Hier sind die leichtlöslichen kali- und magnesiumhaltigen

Salze in der größten Mächtigkeit ausgeschieden

worden, weil die Eindunstung am längsten

andauerte und sich das Wasser mit den höchsten

Salzkonzentrationen sammelte. Im Beckenzentrum

kommen viel größere Mengen des Minerals

Carnallit vor als am Beckenrand; die Gehalte an

Reinkali (K 2 O) und an Magnesiumchlorid (MgCl2)

sind hier am höchsten. Zum Beckenrand hin nehmen

der K 2 O- und der MgCl2-Gehalt kontinuierlich

ab. Im Gegensatz dazu ist der Kieserit-Gehalt im Zentrum

geringer und steigt zum Rand hin an.

Im Werra-Fulda-Revier weist das obere Kaliflöz

„Hessen“ im Beckenzentrum bis zu 12Prozent K 2 O

auf, am Beckenrand jedoch höchstens sieben Prozent.

Im Gegensatz dazu wächst der Kieserit-Gehalt

zum Rand hin von etwa 15Prozent auf circa 22 Prozent

an. Im unteren Flöz „Thüringen“ beträgt der

MgCl 2 -Gehalt im Beckenzentrum bis zu 10Prozent,

kann aber als Bestandteil des Carnallitits auf bis zu

30 Prozent MgCl 2 anwachsen. Zum Beckenrand hin

nimmt er kontinuierlich ab, zum Teil bis auf unter

ein Prozent. Der K 2 O-Gehalt liegt im Zentrum bei

durchschnittlich 13 Prozent und fällt zum Rand hin

auf etwa acht Prozent ab. Der Gehalt an Kieserit

steigt hingegen auch im unteren Lager zum Becken-

12


1

2

rand hin an.

Die zuerst entstandenen Kalk- und Gipsablagerungen

sind am Beckenrand grundsätzlich mächtiger ausgebildet.

Dort, wo an den Schwellen die Wassertiefe

geringer war, sind sie stärker vertreten als in Bereichen

mit größerer Wassertiefe. Die Ursache hierfür

ist in der höheren Wassertemperatur der Flachwasserbereiche

zu suchen, die zu einer bevorzugten

Ablagerung dieser Gesteine geführt hat.

Überdeckt, schwach geneigt

und flach gelagert

Die Zechsteinsalze wurden in späteren geologischen

Zeitabschnitten mit anderen Gesteinsschichten überdeckt.

Ihre maximale Überdeckung im Werra-Fulda-

Becken wurde im Jura vor circa 180 Millionen Jahren

mit etwa 2.000 Metern erreicht. Seitdem ist ein großer

Teil wieder abgetragen worden und die Überdeckung

beträgt heute noch zwischen 300 und

1.000 Meter. Im Norden der Lagerstätte ist sie mit

300 Metern am geringsten. Im mittleren Bereich

zwischen Eiterfeld-Reckrod und Fulda befinden

sich die Kalilager weitgehend horizontal gelagert

unter einer circa 800 Meter mächtigen Überdekkung.

Im Süden um Neuhof herum ist das Deckgebirge

nur noch circa 500 bis 600 Meter stark ausgebildet,

da bereits ein größerer Teil des Buntsandsteins

abgetragen worden ist.

Wegen der vergleichsweise geringen Gesteinsüber-

deckung ist die Lagerstätte über viele Millionen

Jahre hinweg weitgehend in ihrer ursprünglichen

flachen Lagerung verblieben. Allerdings haben die

insbesondere bei der Heraushebung des Thüringer

Waldes, beginnend vor etwa 70Millionen Jahren,

wirksamen tektonischen Kräfte ihre Spuren auch in

der Salzlagerstätte hinterlassen. Sie stellen die Ursache

für eine leichte Schrägstellung der Salzschichten

mit etwa zwei Grad Neigung von Nordosten nach

Südwesten dar. Daher haben die Abbaue der Kalibergwerke

eine unterschiedliche Tiefe von circa 400

bis über 1.000Meter. Tektonische Kräfte waren es

auch, die den Kalilagern eine weitgespannte Welligkeit

aufgeprägt haben. Sie wird an manchen Stellen

so intensiv und steil, dass ihr die Gewinnungsmaschinen

beim Abbau nicht nachfahren können.

Auch die manchmal vorkommenden, kleinräumigen

Verfaltungen der einzelnen Schichten in den

Kaliflözen gehen auf tektonische Einwirkungen zurück.

Sehr mächtige Carnallitite sind in einigen Bereichen

des Beckenzentrums vorhanden. Sie geraten durch

erhöhten Druck und höhere Temperaturen leicht in

Bewegung. Bedingt durch tektonische Kräfte und

hohe Überdeckung begann der Carnallitit zu wandern

und ist in Form von kuppenartigen Aufwölbungen

bis zu 80 Meter in die darüber liegenden Salzschichten

hochgepresst worden.

Die Kaliflöze erstrecken sich über eine Fläche von

1 Gesteine aus dem Buntsandstein prägen weite Teile des

Werra-Fulda-Gebietes

2 Verfaltungen im Flöz Hessen im Kaliwerk Neuhof

13


STEILE LAGERUNG

Hermann-Josef Hohmann

In Norddeutschland trifft man Salzlagerstätten im Normalfall in einer Tiefe

von mehreren tausend Metern unter der Erdoberfläche an. Da Salz, wenn

es unter hohem Druck steht, plastische Eigenschaften entwickelt und in

Bewegung geraten kann, beginnt es an unterirdischen Störungslinien aufzusteigen.

Nach und nach entstehen pilz- oder glockenförmige Salzgebilde,

die so genannten Salzstöcke. Beim Aufstieg werden die ursprünglich flach

gelagerten Salzschichten stark beansprucht, steil aufgerichtet, zerrissen und

verfaltet. Auf diese Weise sind mit dem Salzgebirge stellenweise auch die

eingelagerten Kaliflöze bis nahe unter die Erdoberfläche vorgedrungen, so

dass sie bergmännisch gewonnen werden können. Im Gegensatz zu früher

gibt es mit Siegmundshall heute nur noch ein Kaliwerk, in dem steil gelagerte

Kaliflöze abgebaut werden.

A

A

1

Steile Lagerung. Profil durch die Schächte von Salzdetfurth

circa 1.200 Quadratkilometer und sind auf den nördlichen

und südwestlichen Teil der größeren Salzlagerstätte

beschränkt. Die Steinsalzvorkommen erstrecken

sich östlich der Rhön bis weit nach Unterfranken

hinein. Allerdings kristallisierte im so genannten

„Fränkischen Becken“ nur Steinsalz aus, da

die zur Ablagerung von kali- und magnesiumhaltigen

Salzen notwendigen höheren Konzentrationen

nicht erreicht wurden.

Regional kann die Stärke der einzelnen Gesteinsschichten

erheblich voneinander abweichen. Die

Schichtenfolge beginnt an der Erdoberfläche meist

mit dem Buntsandstein, der ursprünglich noch von

im Muschelkalk, Keuper und Jura gebildeten Gesteinen

überlagert war. Die Jura-Gesteine sind inzwischen

völlig verschwunden. Dasselbe gilt auch für

den Keuper, abgesehen von ganz geringen Resten

im Hessischen Kegelspiel, etwa am Soisberg. Der

Muschelkalk tritt im hessischen Teil der Lagerstätte

vor allem bei Friedewald, Schenklengsfeld und Eiterfeld

in Form charakteristischer Zeugenberge wie

Landecker, Dreien- und Ringberg auf. Im thüringischen

Teil der Lagerstätte nimmt er zur Rhön hin,

etwa um Geisa herum, größere Flächen ein. Auch

der obere Buntsandstein ist weitflächig wieder abgetragen.

Über den Salzschichten stehen heute im

Werra-Fulda-Gebiet an der Erdoberfläche meist

Gesteine an, die im Mittleren und Unteren Buntsandstein

entstanden sind.

Sperrschichten und

Ablaugungsvorgänge

Zwischen dem Unteren Buntsandstein und den ersten

Steinsalzschichten liegen die Tonschichten des

Braunroten Salztons, der Unteren und Oberen Letten

und des Bröckelschiefers. 2 Sie überdecken die

Salzlagerstätte seit ihrer Entstehung vollständig und

sorgen seitdem dafür, dass aus den darüber liegen-

14

1 Blick aus dem Werratal bei Wölfershausen zum Landecker

mit seinen Muschelkalkgesteinen. Die wichtigsten Gesteinsarten

sind farblich gekennzeichnet

2 Profil durch den hessischen Teil der Werra-Fulda-Lagerstätte

3

3 Die Werra-Fulda-Lagerstätte mit einem Teil des

Fränkischen Beckens 4


2

3

15


Kaliflöze

16

TIEFENGRUNDWASSER

Norbert Deisenroth

Das aus den seitlich die Salzlagerstätte umgebenden Nebengesteinen ausgetretene

und für ihre randliche Auflösung verantwortliche Wasser bildet

heute Vorkommen von salzhaltigem Grundwasser im Umfeld der Salzlagerstätte.

Es tritt stellenweise,

oft weit entfernt von

der Salzlagerstätte entweder

aus natürlichen

Quellen oder in künstlichen

Bohrlöchern zu Tage

und ist eine der Grundlagen

für den Kurbetrieb

in Heilbädern. Wie ein

Kranz umgeben die Kurorte

Sooden-Allendorf,

Hersfeld, Salzschlirf,

Soden-Salmünster, Orb,

Brückenau, Kissingen,

Bocklet und Salzungen

die Salzvorkommen an

Werra, Fulda und in

Unterfranken.

A

Kurgäste im Gradierwerk

Bad Salzungen

1

2

A

den Gesteinsschichten kein Grundwasser eindringt.

Wassereinflüsse, die zur Auflösung der Salze führten,

waren allerdings zeitweise großflächig an den

seitlichen Rändern der Lagerstätte zu verzeichnen.

Dort, wo solche, auch als „Ablaugung“ bezeichneten

Lösungsvorgänge stattgefunden haben, ist ein „Salzhang“

entstanden. Am Salzhang fand von oben nach

unten fortschreitend die Auflösung der Salze statt,

wobei sich eine schräge Ablaugungsfläche gebildet

hat. Die über dem Salz liegenden, wasserundurchlässigen

und leicht verformbaren Tonschichten sind

nachgesunken und haben sich auf den Salzhang aufgelegt.

Dadurch wurde der Salzhang abgedichtet,

der weitere Zutritt von Wasser verhindert und die

Ablaugung kam weitgehend zum Stillstand.

Ursprünglich war die Werra-Fulda-Salzlagerstätte

eine zusammenhängende Einheit. Mit dem Einbruch

des Fuldaer Grabens im Tertiär wurde ein circa 150

Quadratkilometer großer Teil südlich von Fulda abgetrennt.

Bei der Grabenbildung sind wasserführende

Schichten des Deckgebirges so weit abgesunken,

dass sie seitlich in Kontakt mit dem Salzgebirge kamen

und die angrenzenden Salzgesteine auflösten.

Auch hier bildete sich an beiden Grabenseiten ein

Salzhang. Nachdem die wassersperrenden Tonschichten

auf die schräge Ablaugungsfläche und das

Liegende abgesunken waren, endeten die Lösungsvorgänge

im Salzgebirge fast vollständig.

Eine besondere Erscheinung ist die Auslaugungssenke

Oberzella nördlich von Vacha. Normalerweise

kann wegen der schützenden Tonschichten kein Wasser

aus dem über den Salzschichten liegenden Deckgebirge

zum Salz vordringen. Dennoch ist diese Auslaugungssenke,

in der die 300 Meter dicken Salzschichten

vollständig fehlen, durch Auflösung von

oben entstanden. Die Ursache ist die hier verlaufende

Störungszone Öchsen-Vitzeroda, an der die schützenden

Tonschichten nicht intakt waren. So konnte

ein Auslaugungsgebiet inmitten der intakten Salzlagerstätte

entstehen, das von einem ringförmigen

Salzhang umgeben ist.

Die Kaliflöze

und ihre Wertstoffgehalte

In den Kalibergwerken werden die Kaliflöze Hessen

und Thüringen planmäßig abgebaut. Eine begrenzte


1 Salzhangbildung am Rand der Lagerstätte

2 Entstehung von Subrosionssenken innerhalb der Lagerstätte

3 Hartsalz, unbekannte Grube, Werrarevier

4 Roter Carnallitit, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle,

Süd-Ost-Feld

5 Dreidimensionale Darstellung einer Carnallititkuppe im

Grubenfeld Unterbreizbach

3

Menge Steinsalz wird in der Grube Hattorf zur Nutzung

als Auftausalz aus dem Mittleren Werrasteinsalz

gewonnen. Ansonsten werden in den Steinsalzschichten

bei Bedarf langlebige Strecken angelegt.

In den beiden Kaliflözen hat sich bei der Auskristallisation

aus dem Zechsteinmeer der relativ geringe

Anteil an Kalium- und Magnesiumsalzen angereichert.

Aber auch die Kalilager enthalten nicht nur

kalium- und magnesiumhaltige, sondern immer

auch andere Salzminerale. Das Flöz Hessen weist in

etwa folgende Zusammensetzung auf:

13 bis 19 Prozent Kaliumchlorid (KCl)

= 8 bis 12 Prozent K 2 O

15 bis 20 Prozent Kieserit (MgSO 4 • H2O)

60 bis 72 Prozent Steinsalz (NaCl).

4

Für das untere Lager, Flöz Thüringen, gelten als

Durchschnittswerte:

13 bis 20 Prozent Kaliumchlorid (KCl)

= 8 bis 13 Prozent K 2 O

8 bis 10Prozent Kieserit (MgSO 4 • H2O)

circa 70Prozent Steinsalz (NaCl)

circa 10Prozent Magnesiumchlorid (MgCl 2 ; aus

dem Carnallit).

Der Anteil an Kaliumchlorid (KCl), das begehrte Kali,

liegt in den beiden Flözen mineralogisch entweder

als Sylvin (KCl) oder als Bestandteil des Carnallits

(KCl • Mg Cl 2 • 6 H2O) vor. Abgebaut wird vor allem

das so genannte „Hartsalz“, ein Gemisch aus Sylvin,

Kieserit und Steinsalz. Wo entsprechende Lagerausbildungen

vorliegen, werden Sylvinit oder Carnallitit

gewonnen. Das obere Kalilager besteht fast voll-

5

17


1 2

3 4

1 Flockensalz, Grube Wintershall, Heringen, Flöz Hessen,

Nord-West-Feld, nahe Schacht Herfa

2 Carnallit-Kristalle, weiß, Grube Hattorf, Philippsthal, aus

Laugensumpf, 2. Sohle, Süd-Ost-Feld

3 Sylvin-Kristall, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle,

nahe Schacht Herfa

4 Blau-grauer Kainit, Grube Wintershall, Heringen, 1. Sohle,

Ostfeld

5 Gelber Carnallit, Grube Hattorf, Philippsthal, 1. Sohle,

Westfeld

6 Ein Basaltgang hat das Salz durchschlagen

7 Verschiedene Formen von Basaltgängen in der Lagerstätte

und im Deckgebirge

5

18


ständig aus Hartsalz. Die Normalausbildung des unteren

Lagers zeigt einen Hartsalzfuß, der zwei Drittel

seiner Höhe ausmacht. Das restliche Drittel bildet

eine Carnallititauflage, deren Mächtigkeit im

Beckenzentrum mehrere zehn Meter erreichen

kann. Infolge von tektonischen Beanspruchungen

haben sich auch bis zu 80 Meter hohe Carnallititkuppen

entwickelt.

Der Vulkanismus

beeinflusst die Lagerstätte

6

7

Südlich grenzt die Rhön, ein im Tertiär vor etwa

20 Millionen Jahren entstandenes und vulkanisch

überformtes Mittelgebirge, an die Werra-Lagerstätte.

Die Fulda-Lagerstätte bei Neuhof liegt zwischen Europas

größtem Basaltmassiv, dem Vogelsberg im

Westen und der Rhön im Osten.

Von den vulkanischen Aktivitäten in Rhön und Vogelsberg

ist auch die Salzlagerstätte stark beeinflusst

worden. Im Tertiär sind Magmen aus einer Kammer

in großer Tiefe in alt angelegten, etwa in Nord-

Süd-Richtung verlaufenden Schwächezonen im Untergrund

aufgestiegen. Beim Aufstieg haben sie das

oberhalb befindliche Salzgebirge durch explosionsartiges

Aufreißen von Spalten durchschlagen. 5 In diesen

Spalten ist das Magma zu Basalt erkaltet. Die damals

entstandenen Basaltvorkommen bilden die charakteristischen

Kegelberge der nördlichen Rhön wie

Öchsen, Dietrichsberg, Soisberg und Stoppelsberg.

In der Lagerstätte erreichen die steil stehenden Basaltgänge

eine durchschnittliche Stärke von etwa

einem Meter. Allerdings schwankt dieser Wert zwischen

zwanzig Zentimetern und zehn Metern. Vorgegeben

durch die Richtung der im Tertiär aufgerissenen

Schwächezonen verlaufen die oft mehrere Kilometer

langen Basaltgänge von Norden nach Süden.

Ihr Abstand voneinander beträgt in der Regel

ein bis drei Kilometer, in seltenen Fällen sind die

Abstände geringer. Im Bereich von Neuhof sind die

Basaltgänge in nordwestlicher Richtung ausgerichtet.

Im Rahmen vulkanischer Erscheinungen werden

nicht nur Gesteinsschmelzen zur Oberfläche

transportiert, sondern in der hydrothermalen Phase

auch große Mengen von Gasen, wie Kohlendioxid

(landläufige Bezeichnung: Kohlensäure) und Wasserdampf.

Beim Aufsteigen in kühlere Gebirgsschichten

kondensierte der Wasserdampf zu Wasser, in

dem die Kohlensäure in Lösung ging. Das kohlensäurereiche

Wasser löste zunächst selektiv einige

Salzbestandteile auf, vor allem MgCl 2 und KCl. Bei

den folgenden Um- und Rekristallisationsvorgängen

im Salzgebirge wurden die Moleküle der Kohlensäure

intrakristallin in die Salzkristalle und

interkristallin zwischen den Salzkristallen eingebaut.

Basaltgänge werden daher von einer unterschiedlich

weit ausgedehnten Zone begleitet, in der

19


1

2

das Salz von Kohlensäure durchsetzt („imprägniert“)

ist. Solches Salz enthält die Kohlensäure in

Form winzig kleiner, flüssiger Tröpfchen. In einer

Tonne Salz sind durchschnittlich circa zehn

Kubikmeter Kohlensäuregas gespeichert.

Kohlensäure ist bei einer Gebirgstemperatur von

circa 26 Grad Celsius nur flüssig, wenn der Druck

mindestens 70 bar beträgt. Dass die unter hohem

Druck stehende Kohlensäure im Verlauf von etwa 20

Millionen Jahren nicht entweichen konnte, belegt

eindrucksvoll, wie gasdicht das Salzgebirge insgesamt

und die Trennflächen zwischen Basaltgängen

und Salzen sind.

Wasser und Salz vertragen sich nicht

Wasserzuflüsse bedrohen den Salzbergbau, weil die

Salzgesteine wasserlöslich sind und eindringendes

Wasser das Salzgebirge in den Bergwerken weglöst,

wodurch völlig unkontrollierbar neue Hohlräume

entstehen. Größte Aufmerksamkeit muss deshalb

an Werra und Fulda den vorhandenen Vorkommen

von meist salzhaltigem Wasser oder Lösungen geschenkt

werden, die bergmännisch als „Laugen“ bezeichnet

werden. Sie sind auf unterschiedliche Weise

entstanden und speisen sich aus verschiedenen

Quellen.

Im Gefolge des Rhönvulkanismus ist es zu umfangreichen

Lösungsvorgängen gekommen, die aus dem

Erdinneren eingedrungener Wasserdampf verursacht

hat. Im Regelfall sind die dabei entstandenen

Lösungen wieder auskristallisiert. In seltenen Fällen

sind die Laugen allerdings erhalten geblieben. Aber

auch bei chemischen Umwandlungsprozessen bestimmter

Salze fallen Laugen an. So enthält Carnallit

sechs Moleküle Kristallwasser. Wenn sich der

Carnallit zu anderen Salzmineralen umbildet, wird

das Kristallwasser abgespalten und es entsteht eine

20

3

1 Einlagerung von Kohlensäure im Salzgestein

2 Ein von einem Gas-Salz-Ausbruch freigesprengter

Hohlraum („Rachel“) in der Grube Hattorf

3 Die Kristallgrotte im Erlebnisbergwerk Merkers – das

Ergebnis von Lösungs- und Umkristallisationsvorgängen

im Gefolge des Rhönvulkanismus

4 Schema Zuflüsse von Wässern aus dem Liegenden im

Grubenfeld Springen


freie, salzhaltige Flüssigkeit. Doch auch eindringendes

Wasser aus grundwasserführenden Gesteinsschichten,

die unterhalb des Salzgebirges liegen, verursacht

eine Laugengefahr. Beispiele dafür sind eine

seit Jahrzehnten bekannte Laugenstelle im Werk Neuhof-Ellers,

wo Salzwässer aus dem Cornberger

Sandstein des Rotliegenden auftreten, und die

Laugenzuflüsse aus dem Wartburg-Konglomerat im

Grubenfeld Springen.

Auch vom Salzhang her können Laugen eindringen,

die von den angrenzenden grundwasserführenden

Gesteinsschichten gespeist werden. Denkbar ist auch,

dass Laugen aus dem grundwasserführenden Deckgebirge

über der Salzlagerstätte stammen. Dies ist

aber sehr unwahrscheinlich wegen der wassersperrenden

Eigenschaften der flächenhaft verbreiteten

Tonschichten im Werra-Fulda-Revier.

Die im Gefolge des Vulkanismus gebildeten Laugenvorkommen

sind für den Bergbau ungefährlich, weil

sie in begrenzter Menge zufließen, an Salz gesättigt

sind und daher kein weiteres Salz lösen können.

Das gilt auch für Laugen, die aufgrund von Umwandlungsvorgängen

bestimmter Salzminerale entstehen.

Das Eindringen von Tiefengrundwasser aus Gesteinsschichten

unterhalb der Lagerstätte weist einen mittleren

Gefährdungsgrad auf, da diese Laugen zwar gelöste

Salze enthalten, aber nicht vollständig gesättigt

sind. Bislang haben sie sich als stets beherrschbar erwiesen.

Dagegen sind Laugenzutritte aus dem Salzhangbereich

für den Kalibergbau höchst bedrohlich.

Hier könnten sehr große ungesättigte Wassermengen

einbrechen und in den Salzschichten unkontrollierte

Lösungsprozesse hervorrufen. Daher ist es

von großer Wichtigkeit, beim Salzabbau einen ausreichenden

Abstand vom Salzhangbereich einzuhalten.

Um dies zu gewährleisten, wird mit Untertage-

Bohrungen und -Radar eine entsprechende Erkundung

betrieben.

4

Beispiele für Lösungsmetamorphosen

1. Carnallitit ➡ Umwandlungssylvinit

KCl • MgCl 2 • 6H 2 O + NaCl = Carnallitit

+ NaCl – Lösung


KCl + NaCl = Umwandlungsylvinit

+ MgCl 2 – Lösung

2. Carnallitit ➡ kieseritisches Hartsalz

KCl • MgCl 2 • 6H 2 O + MgSO 4 + NaCl = kieseritischer Carnallitit

+ NaCl – Lösung


MgSO 4 • H 2 O + KCl + NaCl = Kieserit + Sylvin + Steinsalz = Hartsalz

+ MgCl 2 – Lösung

3. Hartsalz ➡ Kainitit

KCl + NaCl + MgSO 4 • H 2 O = Hartsalz

+ H 2 O


KCl • MgSO 4 • 2,75 H 2 O + NaCl = Kainitit

Der Mineralbestand

der Kalilager verändert sich

Mit der Überdeckung der Salzlagerstätte durch jüngere

Gebirgsschichten sind die abgelagerten Salze

tiefer in die Erde gelangt, wodurch der auf sie einwirkende

Druck ebenso wie die Temperaturen gestiegen

sind. Weitere Einflussfaktoren waren der Vulka-

21


22

1 Blauer Umwandlungssylvinit, Grube Wintershall, Heringen,

1. Sohle, Nordfeld

2 Im Zuge des Sylvinitprojektes werden kalireiche sylvinitische

Rohsalze auch der Fabrik Wintershall zugeführt

3 Gipskristalle, Grube Springen

4 Anhydrit-Kristall, Grube Unterbreizbach

5 Douglasit, Grube Wintershall, Heringen, 2. Sohle, nahe

Wackenbühlbasalt

6 Blauer Polyhalit, Grube Wintershall, Heringen, 1. Sohle,

nahe der östlichen Basaltzone

7 Leonit- und Steinsalz-Kristalle, unbekannte Grube, Werrarevier

8 Langbeinit auf Hartsalz, Grube Wintershall, Heringen,

2. Sohle, Flöz Thüringen, Süd-West-Feld

1

2

nismus und die zeitweise Einwirkung von Wasser

unterschiedlicher Herkunft. Dadurch hat sich der

ursprünglich auskristallisierte Mineralbestand der

Kalilager zum Teil erheblich verändert. In der Geologie

werden Veränderungen von Mineralen und

Gesteinen durch die Einwirkung von Wasser, Druck

und Temperatur als Metamorphosen bezeichnet.

Lösungsmetamorphosen in der Lagerstätte stehen

mit dem Auftreten von wässrigen Lösungen in der

Salzlagerstätte in Zusammenhang. Bei der Einwirkung

ungesättigter Lösungen auf Salzgesteine werden

verschiedene Salzminerale entweder gelöst oder

unter Bildung neuer Minerale zersetzt. Ein Beispiel

ist der so genannte Umwandlungssylvinit. In den Bereichen,

in denen das Kalilager hauptsächlich aus

Carnallitit bestanden hat, konnte das im Gefolge vulkanischer

Prozesse eingedrungene Wasser der Auslöser

einer Lösungsmetamophose sein. Unter Bildung

großer Mengen MgCl 2 -Lösung wurde Carnallit in

Sylvinit umgewandelt. Die MgCl 2 -Lösungen wurden

zu einem geringen Teil als Restlauge im Salzgebirge

eingeschlossen, zum weitaus größeren Teil aber ins

Deckgebirge abgepresst und bilden dort salzhaltige

Tiefengrundwässer. So sind die K 2 O-reichen Sylvinite

im Grubenfeld Unterbreizbach Süd entstanden,

auf deren Abbau sich das Sylvinitprojekt gründet.

Im Zuge seiner Umsetzung soll ab 2005 dort abgebauter

Sylvinit unter Tage mit einer neu eingerichteten

Förderverbindung über die hessisch-thüringische

Landesgrenze hinweg auch der Fabrik des

Standortes Wintershall zugeführt werden.

Neben dem Auftreten von Wasser führten auch Temperaturerhöhungen

im Rahmen von Thermometamorphosen

zu Änderungen im Mineralbestand. Aufgrund

der engen Stabilitätsbereiche der Salzgesteine

finden bereits bei einer Temperaturerhöhung von

50Grad auf 100Grad Celsius umfangreiche Mineralreaktionen

statt. Hierbei können sich ohne Zufuhr

von zusätzlichen Lösungen aus kristallwasserhaltigen

Salzmineralen Verbindungen bilden, die

weniger Kristallwasser enthalten oder sogar wasserfrei

sind. Aus dem freigesetzten Kristallwasser entsteht

eine Salzlösung. Die Thermometamorphose

wurde wirksam, als die Zechsteinsalze durch die

Überdeckung mit anderen Gesteinsschichten in

größere Tiefen gerieten und dort entsprechend hö-


3 4

5 6

7 8

23


1

1 Vertaubungen und Anreicherungen an Basaltgängen im

Kaliflöz Thüringen. Ausgelöst durch relative Anreicherung

in Folge des Wegführens des MgCl2 - Anteils aus dem

Carnallit

2 Kleinräumige Vertaubungen im Flöz Thüringen

2

Carnallitit über Hartsalz

Lager, ausschließlich Hartsalz

Langbeinitisches Hartsalz

Lagerausbildung halitisch

24

heren Temperaturen ausgesetzt waren. Eine dritte

Möglichkeit, den Mineralbestand der Kalilager zu

verändern, ist die so genannte Dynamometamorphose.

Sie bewirkt vor allem mechanische Differentziationen

zwischen verschiedenen Salzmineralen,

die zwar die Mächtigkeiten der Kalilager verändern,

den chemischen und mineralogischen Stoffbestand

der Salzgesteine aber unangetastet lassen.

Auf Dynamometamorphosen gehen vor allem Erhöhungen

und Reduzierungen der Stärke von Schichten

bis zum völligen Fehlen von normalerweise

vorhandenen Salzschichten zurück.

Mal mehr, mal weniger

Je nach Lage eines Lagerstättenteils im Beckenzentrum

oder am Beckenrand schwankt innerhalb der

Lagerstätte der Wertstoffgehalt. Auch kleinräumiger

finden sich Zonen, in denen sich die Wertstoffe angereichert

haben oder verarmte Gebiete mit zu niedrigen

Wertstoffgehalten. Schließlich gibt es nicht abbauwürdige

Bereiche ohne Wertstoffe, die völlig vertaubt

sind. Solche Vertaubungen können schon bei

der Entstehung der Kalilager angelegt worden sein.

Sie können aber auch später innerhalb des Salzgebirges

durch Lösungsvorgänge oder Dynamometamorphose

entstanden sein.

Neben Verarmungen und Vertaubungen gibt es am

Rand der Lagerstätte Bereiche, die so genannte

Beckenrandfazies, die wegen ihres zu niedrigen

K 2 0-Gehaltes von unter acht Prozent wirtschaftlich

nicht nutzbar sind. Stellenweise ist in Auslaugungsbereichen

der Wertstoff KCl durch Wasser selektiv

gelöst und mit der Flüssigkeit abtransportiert worden.

In einiger Entfernung kann er in einer Anreicherungszone

jedoch wieder auskristallisiert worden

sein. Oft werden K 2 O-haltige Salzlösungen in

das Nebengebirge abgepresst und der Vertaubung

steht keine Anreicherung gegenüber.

Eine besondere Form von Vertaubungen tritt nur

außerhalb des Beckenzentrums im Flöz Thüringen

auf. Diese zwischen zwanzig und mehreren hundert

Meter breiten Lagerstättenteile kündigen sich oft

durch eine sehr unruhige Lagerausbildung an, die

von einer leuchtend roten Carnallitit-Auflage begleitet

wird. Am Beginn der Vertaubung senkt sich

das Lager ab, manchmal um mehrere Meter. Die

Herkunft dieser häufig auftretenden Vertaubungsart

ist nicht zweifelsfrei geklärt. Sie kann bereits

während der ursprünglichen Ablagerung entstanden

sein oder hat sich später durch Thermo- und

Lösungsmetamorphose entwickelt.


Lothar Brückner

Eine lange Vorgeschichte

2

3

1 4

Der Nebel der Frühzeit, in dem es eine sagenhafte Schlacht um

Salzquellen im Werragebiet gegeben haben soll, lichtet sich im

Jahr 775 unserer Zeitrechnung, als in einer Urkunde eine Saline

in Salzungen erwähnt wird. Seitdem geht es an der Werra über

viele Jahrhunderte hinweg nicht um die Kaligewinnung, sondern

um die Herstellung von Speisesalz durch Versieden von

salzhaltiger Sole. Als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

die technischen Voraussetzungen gegeben waren, wurde nach

neuen Solequellen gebohrt und das kompakte Steinsalzlager

unter dem Werratal entdeckt. Aber erst als sich das „Kalifieber“

von Staßfurt in die Region südlich des Harzes ausgebreitet

hat, wird auch im Werratal Kali gesucht und gefunden.

1 Salzungen und die Salinenanlagen

auf dem Haad [um 1800]. Nach

einem Gemälde des Salzungers

J. Michael Meffert

2 Die Mannschaft einer Probebohrung

des Kaliwerks Alexandershall

um 1900 vor dem Bohrturm

3 Kristallaggregat des Pfannensalzes,

auskristallisiert in Form typischer

Hohlpyramiden

4 Kristallines Steinsalz aus der Grube

Merkers, unweit der Kristallgrotte


26

Die Ersterwähnung der Saline Salzungen

„wir [Karl der Große] wollen, daß die Schenkung für beständig demselben

[Kloster Hersfeld] verbleiben soll: das heißt, der Zehnte von unserem

Reichsorte Salzungen im Thüringer Lande am Fluß Werra; und zwar vom

Grund und Boden, den Hufen, den Feldern, den Wiesen, den Wäldern,

den Obstgärten, den Kanälen, den Gewässern und Wasserläufen, den abhängigen

und unabhängigen Gemeinden, den vorhandenen Salzstätten,

wo Siedepfannen zum Salzmachen stehen, samt allen daran haftenden

Nutznießungen. Überhaupt alles, was zum Zehnten des Herrenhofes selbst

gehört, ... schenken wir ... zum beständigen Besitz; es ist zu haben, zu

halten, zu verwalten, zu vertauschen, oder was auch später die Obern des

Klosters selbst oder ihrer Nachfolger zum Gedeihen ihres Klosters zu tun

für gut befinden.“

Demme, L.: Nachrichten und Urkunden zur Chronik von Hersfeld.

Erster Band. Hersfeld 1891.

1

2

Salzquellen und Salinen

Austritte von salzhaltigem Quellwasser sind im mittleren

Werratal schon seit Jahrtausenden bekannt.

Bereits die vor Beginn unserer Zeitrechnung hier

siedelnden Kelten gewannen aus natürlich zu Tage

tretenden Solquellen Salz, indem sie die Sole so lange

in flachen Pfannen erhitzten, bis sämtliches Wasser

verdampfte und das Salz auskristallisierte. Als

die Germanen ihren Einflussbereich bis in das Werratal

und die angrenzenden Gebiete ausdehnten,

übernahmen sie die keltische Technik, die von Generation

zu Generation weitergegeben und verfeinert

wurde. 1

Viele der seit der früh- und hochmittelalterlichen

Kolonisation bekannten Ortsnamen wie Salzungen

und Salzschlirf beziehen sich auf das Vorhandensein

von Salz ebenso wie Flurbezeichungen („Salztröge“

bei Tiefenort, der „Salzkopf“ bei Merkers, der

„Salzgraben“ bei Dorndorf,„Salzlakenrück“ bei Hönebach,

„Salzberg“ bei Burghaun-Rothenkirchen).

Der älteste urkundliche Nachweis für die Salzgewinnung

datiert schon aus dem späten achten Jahrhundert,

als Karl der Große im Jahr 775 dem Kloster

Hersfeld den Zehnten des königlichen Besitzes Salzungen

mit allem Zubehör, eingeschlossen der dort

betriebenen Siedepfannen, schenkt. Die Saline in

Salzungen ist damit eine der ältesten europäischen

Pfannensalinen.

Die Stadt Salzungen und mit ihr die Saline gehörten

über viele Jahrhunderte zum Herzogtum Sachsen-

Meiningen. Da Sachsen-Meiningen seinen Bedarf

weitgehend mit Salzunger Salz deckte, wurden die

Kapazitäten der Saline ständig und erfolgreich ausgebaut.

Weniger Glück mit seiner Salzversorgung

hatte das angrenzende Großherzogtum Sachsen-

Weimar-Eisenach. Es versuchte unter anderem mit

der nur etwa 30 Kilometer von Salzungen entfernten

Saline Wilhelmglücksbrunn bei Creuzburg eine

eigene Salzproduktion aufzubauen, um von Importen

unabhängig zu werden. Weil sich die genutzte,

nur 1,4-prozentige Sole als nachteilig für eine wirtschaftlich

erfolgreiche Produktion erwies, begann

Anfang des 19. Jahrhunderts mit Bohrungen die Suche

nach höher konzentrierter Sole. Diese Versuche

scheiterten 1819 und man erinnerte sich nun daran,

dass schon Mitte des 17.Jahrhunderts an der Werra


in der Nähe von Tiefenort auf weimarischem Gebiet

Solquellen gefunden worden waren.

Carl Christian Martini, der an der Bergakademie

Freiberg eine fundierte bergmännische Ausbildung

absolviert hatte, kam im Jahr 1825 als Salineninspektor

nach Creuzburg. 2 Im Oktober 1826 begann

unter seiner Leitung in der Nähe des Dorfes Kaiseroda

an der Werra eine Bohrung, über die ausführliche

Berichte erhalten geblieben sind. Obwohl dem

Stand der Technik entsprechend in Handarbeit gebohrt

wurde, schritten die Arbeiten anfangs zügig

voran und schon Ende Dezember 1826 hatte das

Bohrloch 104 Fuß Tiefe erreicht. Auch im Winter

wurde weitergearbeitet und das Bohrloch war Mitte

April 271 Fuß tief. Nachdem die Bohrung bei etwa

311 Fuß Tiefe ins Stocken geraten war, musste

Martini am

9. Juni 1828 seiner Regierung mitteilen, dass er ein

Mergelvorkommen angebohrt hatte und „in ihm

war ein tieferes Niederkommen des Bohrloches seit

nunmehr acht Tagen unmöglich, da alles triebsandartig

wieder zusammenläuft.“ 3 Trotz aller Bemühungen

ging es nicht mehr vorwärts und aus Weimar

kam im August die Weisung zur Einstellung der Arbeiten,

zur „Verspundung des Bohrloches“ und zum

Abtragen der technischen Anlagen.

Wirtschaftlich hatte die Unternehmung keinen Erfolg

gebracht, denn es war nicht gelungen, brauchbare

Sole oder gar Steinsalz nachzuweisen. In wissenschaftlicher

Hinsicht war sie jedoch sehr ertragreich,

wie Martini dem Bergamt 1836 in seiner Auswertung

unter dem Titel „Eine vergleichende Uebersicht der

3

4

1 Nachbildung einer Salzsiedeanlage aus der Eisenzeit

2 Rekonstruktion eines keltischen Salzsiedeofens

3 Schnitt durch die Wand eines Gradierwerkes. Mit ihrer Hilfe

wurde die Brunnensole höher konzentriert, um beim

folgenden Sieden Brennstoff zu sparen

4 Ein von Salzkristallen ummantelter Weißdornzweig aus

dem Bad Salzunger Gradierwerk

5 Meißelbohrung zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Mit Hebelwirkung

bewegen ein oder mehrere Männer den Bohrer

auf und ab. Bei jedem anheben wird der Meißel ein wenig

gedreht, um zu vermeiden, dass er sich festfrisst

5

27


geognostischen Verhältnisse zwischen der Saline

Creuzburg, Salzungen und Schmalkalden behufs

der Bohrversuche nach Steinsalz oder besserer Sole“

zeigte. Mit neuer Energie wollte er wieder an die

Arbeit gehen und beantragte die Wiederaufnahme

der Bohrarbeiten, weil er zu dem Ergebnis gekommen

war,„dass keine Gegend im Eisenacher Kreis

mehr zur Auffindung von Steinsalz geeignet ist, als

die von Kaiseroda und Unterrohn.“ 4

Der neue Antrag auf Fortsetzung der Bohrungen

vom 18. Januar 1837 blieb zunächst unbeantwortet

und wurde im April 1837 von den Weimarer Behörden

schließlich mit der Begründung abgelehnt, dass

das Unternehmen keine Erfolgsaussichten habe.

Martini widersprach der Ablehnung heftig und wies

darauf hin, dass mit den Bohrungen auch wissenschaftliche

Zwecke verfolgt, die Gegend genau erforscht

und eine petrographische Karte erarbeitet

werden sollte. Sein Schreiben schloss er mit den pathetischen

Worten „Wenn jedoch die Höchste Behörde

geruhte, das Bohren nach Sole (oder nach Steinsalz)

in dem Eisenacher Kreise im allgemeinen zu

untersagen, so kann hier wohl vorerst Gehorsam

nur in der Hoffnung vorwalten, dass man in einem

Staate, wie das Großherzogtum Weimar, wo Kämpfe

in den Wissenschaften von je her geschätzt wurden

und noch werden, vielleicht künftig geneigt sein

wird, auch geologische Untersuchungen nicht unberücksichtigt

zu lassen ...“ 5

1

28


Neue Bohrungen und

der Nachweis der Salzlagerstätte

Auch wenn Martinis Suche nach Sole und Salz keine

greifbaren Ergebnisse gebracht hatte, besteht sein

bleibender Verdienst darin, dass er als Erster aufgrund

seiner Kenntnisse das Vorhandensein einer

Salzlagerstätte im Untergrund des Werratals theoretisch

erschlossen hat, auch wenn er sich von deren

Ausdehnung und späterer Bedeutung noch keine

Vorstellung machen konnte.

Beinahe vier Jahrzehnte blieben seine Ergebnisse

für das Werratal weitgehend folgenlos, obwohl es

schon vor 1840 in Staßfurt gelungen war, in 256 Metern

Tiefe eine kompakte Salzlagerstätte zu erbohren.

Von einer Salzlagerstätte im Werratal war auch

Mitte der 1840er Jahre noch keine Rede, als in Salzungen

Bohrungen durchgeführt wurden, die der

Saline neue, wesentlich konzentriertere Solevorkommen

erschlossen.

Erst nach 1870 wurde wieder nach Salzlagerstätten gesucht.

Am 24. Dezember 1874 beantragte der Unternehmer

Louis Finger aus Eisenach beim weimarischen

Bergamt in Kaltennordheim die Übereignung

eines Grubenfeldes bei Kaiseroda, um dort Salz zu

gewinnen. 6 Das Bergamt ließ sich Zeit und erst im

Frühjahr 1876 wurde die Errichtung einer Saline

unter dem Namen „Saline Kaiseroda“ genehmigt.

Inzwischen gab es im Gefolge der Reichsgründung

1871 grundlegende Änderungen der politischen und

wirtschaftlichen Verhältnisse und ganz Deutschland

war zu dem von den Unternehmern lange geforderten

einheitlichen Markt geworden. Nach dem siegreichen

Krieg gegen Frankreich und der Annexion

von Elsass-Lothringen florierte die deutsche Wirtschaft

und mit ihr entwickelte sich Deutschland bald

zu einer der führenden Wirtschaftsmächte der Welt.

Wie alle anderen Wirtschaftszweige machten auch

die Bohr- und Bergbautechnik rasante Fortschritte.

Im Gegensatz zu früheren Zeiten musste Finger bei

einer wirtschaftlichen Erschließung seines Grubenfeldes

viel weniger technische Probleme, etwa beim

Bohren, befürchten. Trotzdem unternahm er nichts,

um sein Salineprojekt zu verwirklichen. Daher ist

zu vermuten, dass Finger sein Grubenfeld vor allem

als Spekulationsobjekt einsetzen wollte und er verkaufte

es auch bald weiter.

Ablehnung weiterer Bohrungen

„So müssen wir doch unter den jetzigen Verhältnissen und der beträchtlichen

Zahl der in der Nähe des Eisenacher Kreises vorhandenen Salinen

vor der Hand um so mehr Bedenken tragen, auf diesen Antrag sofort einzugehen,

als eines Theils dieser Antrag sich mit der von Martini hinsichtlich

der Bohrversuche bei Kaiseroda mittelst Bericht vom 9. Januar 1827

geäußerten Ansicht durchaus nicht vereinbaren läßt, anderen Theils aber

auch der Gewinn an einer dergleichen neuen Salinenanlage, wenn sie

auch den Erwartungen entsprechen sollte, aus diesem Grunde nur sehr

gering ausfallen dürfte, weil es solcher an Absatz in das Ausland gegenwärtig

ganz fehlen und folglich das Werk mit dem Steinsalzabsatz im

Eisenacher Kreise mit Ausnahme der Ämter Tiefenort und Ostheim beschränkt

seyn würde und wir über dieses von der höchsten Behörde befehligt

worden sind, das Bohren nach Steinsalz im Eisenacher Kreise im

allgemeinen einzustellen.“

Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr. 234.

2

1 Bohrtürme der Saline Salzungen am Gradierwerk in den

1930er Jahren

2 Schon im 19. Jahrhundert war Salzungen ein beliebter

Kurort. Eine Szene im Gradierwerk von einer 1901 verschickten

Postkarte

29


Kauf des Grubenfeldes Saline Kaiseroda

„Kauf Contract:

Zwischen dem Kaufmann Herrn Jean Jaques Koppel in Berlin, Wilhelmstraße

3 wohnhaft, einerseits und dem Kaufmann Herrn Leopold Lippmann

Hadra in Berlin, Oranienburgerstraße 73 wohnhaft andererseits ist heute

nachstehender Kaufcontract verabredet und geschlossen worden.

N.: 1

Herr Jaques Koppel verkauft an den Herrn Leopold Hadra das von ihm durch

Versteigerungspatent des Großherzoglichen Sächsischen Bergamtes zu Eisenach

vom 14. Februar a. cr. erstandene Grubenfeld, welches nach der Verleihungsurkunde

vom 8ten Maerz 1876 in den Berg-Grundbüchern wie folgt

eingetragen ist.

„Auf eingelegte Muthung ist dem Herrn Louis Finger in Eisenach das nachstehend

bezeichnete in den Ortsfluren von Kaiseroda und Tiefenort des

Großherzogtums Sachsen Weimar Eisenach gelegene und

640 Hectar 21 ar und 10 Q Meter

oder

1601 Maßeinheiten

haltende Grubenfeld zur Gewinnung des darin liegenden Salzes und zur

Anlegung und Betrieb einer Saline unter dem Namen

Saline Kaiseroda

nach Maßgabe der gesetzlichen Bestimmungen von dem großherzoglichen

Bergamt in Eisenach verliehen worden.“

Kaufvertrag zum Erwerb des Grubenfeldes „Saline Kaiseroda“ durch Leopold Hadra vom

24.12.1879. Thüringisches Hauptstaatsarchiv Weimar, Bergamt Dermbach, Nr. 5814.

1

30

Nachdem das Grubenfeld binnen weniger Jahre noch

mehrfach den Besitzer gewechselt hatte, ging es am

24.12.1879 in den Besitz des Berliner Bankiers Leopold

Hadra über 7 und nun wehte ein frischer Wind.

Offensichtlich hatte Hadra bereits vor dem Kauf damit

begonnen, einige hundert Meter westlich von

Kaiseroda zu bohren. Denn schon kurz nach Abschluss

des Kaufvertrags teilte er dem Bergamt mit,

dass seine Bohrung an der Straße von Tiefenort nach

Stadtlengsfeld 330 Fuß Tiefe erreicht habe und dass

im Bohrloch eine „Mineralquelle, bestehend aus freier

Kohlensäure, Chlorverbindungen und mineralischen

Salzen“ austrete. 8 Mit diesem Ergebnis konnte

er jedoch noch nicht die Zuteilung eines Grubenfeldes

beantragen und die so genannte Mutung einlegen,

weil ihm das Bergamt mitteilte, dass nach Salz

zu schürfen sei. Dieses wurde kurze Zeit später im

Hadra’schen Bohrloch gefunden. Damit war erstmals

der Nachweis eines Steinsalzlagers gelungen.

Eine zweite Bohrung im Jahr 1881 bestätigte nochmals

dessen Existenz.

Zunächst entstand der Eindruck, dass Hadra nun

schnell mit der Errichtung der Saline beginnen wollte.

Im einem Steinbruch bei Kaiseroda beschäftigte

er 24 Arbeiter mit der Gewinnung von Steinen für

den Bau. 1888 kam es überraschend zur Einstellung

aller Aktivitäten mit dem Ziel, die Salzgewinnung

direkt aus der Lagerstätte aufzunehmen. Hadra begündete

das damit,„dass man einen günstigeren

Zeitpunkt abwarten wollte, weil der Ertrag aus dem

Unternehmen wegen des niedrigen Standes der Salzpreise

nicht lohnend sei“. 9

Dieser Zeitpunkt war nur wenige Jahre später – wenn

auch unter anderen Vorzeichen – gekommen. In Staßfurt

war beim Bau der Schächte für ein Salzbergwerk

buntes, bitteres Kalirohsalz gefunden worden. Dieses

ließ sich bereits 1861 zu Kaliumchlorid, einem gesuchten

Rohstoff in der florierenden Textil-, Glasund

Sprengstoffindustrie sowie in der Medizin, aufarbeiten.

Das Staßfurter Kalisalz konnte kostengünstig

und in immer gleicher Qualität hergestellt

werden. Die anderen Quellen zur Herstellung von

Kalium dagegen, vor allem die aus Pflanzenasche gewonnene

„Pottasche“, waren wenig ergiebig und lieferten

Produkte, deren Kaliumchloridgehalt ständig

schwankte.Vor diesem Hintergrund etablierten sich

die Kalisalze aus Staßfurt schnell auf dem Markt

und fanden vor allem in der Industrie viele Abnehmer.

Justus von Liebig hatte erkannt, dass das Kalium

ein für das Wachstum von Pflanzen unbedingt


1 Antrag von Leopold Hadra vom 25.01.1887 auf Mutung

für Salz und Sole nach dem Fund einer Mineralquelle in

seinem Bohrloch

2 Die ersten Kaliabbaue der Welt mit den Schächten von der

Heydt und von Manteuffel des Königlichen Salzbergwerks

in Staßfurt

2

JUSTUS VON LIEBIG UND DIE MINERALDÜNGUNG

Dagmar Mehnert

Justus von Liebig erkannte in der ersten Hälfte des

19. Jahrhunderts, dass Pflanzen für ihr Wachstum

verschiedene Nährstoffe, wie zum Beispiel Phosphor,

Stickstoff und Kalium benötigen. Ferner stellte

er im so genannten „Gesetz des Minimus” fest,

dass derjenige Nährstoff, der in der kleinsten verfügbaren

Menge vorhanden ist über das Wachstum

der Pflanzen entscheidet. Wenn in der Landwirtschaft

gleichbleibend gute Ernten erzielt werden

sollen, müssen dem Boden immer wieder die Nährstoffe

zugeführt werden, die ihm die vorher angebauten

Kulturpflanzen entzogen haben.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Herstellung

von kaliumhaltigen Stoffen, die etwa bei der Glasund

Sprengstoffherstellung benötigt wurden, mühsam

und teuer. So wurde Holz verbrannt, um aus

der Asche die kaliumhaltige „Pottasche“ zu gewinnen.

Erst nachdem der Kalibergbau von Staßfurt

ausgehend den Verbrauchern Kalium in großen

Mengen und kostengünstig zur Verfügung stellen

konnte, fand es als Düngemittel weite Verbreitung.

A

B

C

A

B

C

Justus von Liebig

Der Kaliverbrauch in der

Landwirtschaft von 1880 bis 1920

Eine Illustration zu Justus von

Liebigs’ Gesetz des Minimums

31


notwendiger Nährstoff ist. Deshalb wurde die Düngewirkung

der Kalisalze eingehend untersucht und

nachgewiesen, dass mit ihrer Hilfe den Kulturpflanzen

ganz einfach das benötigte Kalium zugeführt

werden kann. In der Landwirtschaft fand sich

schnell ein neuer Absatzmarkt, der bereits in den

1880er Jahren mehr Kaliumchlorid abnahm als die

Industrie. 10 Die Gewinnaussichten wurden vom

„Kalihunger der ganzen Welt“ beflügelt, da weltweit

die landwirtschaftliche Produktion gesteigert wurde

und sich der deutschen Kaliindustrie immer neue

Absatzmöglichkeiten erschlossen.

1

2

32


Kalisalze werden gefunden

Die vom Geologen Carl Ochsenius aufgestellte und

weit verbreitete These, dass Kalisalze nur nördlich

des Harzes zu finden seien, wurde 1888 durch den

Fund eines Kalisalzlagers unweit von Bleicherode

im Südharz widerlegt. Damit veränderten sich auch

an der Werra die Rahmenbedingungen für das seit

Jahren ruhende Unternehmen der Hadras. Jetzt wurde

nicht mehr nach Steinsalz, sondern nach Kalisalz

gebohrt. Der Antrag auf Vergrößerung des Grubenfeldes

war vom Kaltennordheimer Bergamt bereits

genehmigt, als die Arbeiten im Januar 1892 begannen.

Gegen hypothekarisch gesicherte Kredite in Höhe

von 43.000Mark erklärten sich zwei Unternehmer

aus Westfalen bereit, die Bohrarbeiten durchzuführen.

Zunächst sollten die beiden alten Bohrlöcher

vertieft werden, um das schon bekannte Steinsalzlager

zu erforschen. Da in mehreren Schichten ohne

Unterbrechung gearbeitet wurde, ging es zügig voran.

Zu vermuten ist, dass sich bei der Kalisuche

schon im Frühsommer 1893 erste positive Ergebnisse

einstellten, über die die Familie Hadra aber Stillschweigen

bewahrte. Erst als die vorgesetzten Behörden

aus Weimar beim Bergamt Kaltennordheim

auf Aufklärung drängten, kontrollierte Bergrat Henniger

in den ersten Augusttagen 1893 den Stand der

Arbeiten, konnte aber noch nicht von Ergebnissen

berichten. Ganz anders war die Situation am 5. Oktober

1893. An das Bohrloch Nummer 5 gerufen, beurkundete

der Bergrat den ersten Nachweis von Kalisalzen

und stellte damit die „Geburtsurkunde“ des

Kalibergbaus im Werratal aus.

Die vermutete größere Ausdehnung der Lagerstätte

brachten in aller Eile überall innerhalb des Grubenfeldes

vorgenommene Bohrungen an den Tag. Aber

noch ahnte niemand, dass hier eine der bis heute

weltweit wirtschaftlich bedeutendsten Kalilagerstätten

entdeckt worden war.

„Eine vorzügliche Beschaffenheit der Salze“ bestätigten

die Gutachten über die chemische Zusammensetzung

der Aufschlüsse, die im Januar und August

1894 unter anderem von Adolf Frank, dem „Vater

der Staßfurter Kaliindustrie“ abgegeben wurden.

Frank war sich der Bedeutung des Fundes bewusst,

hat aber wohl etwas übertrieben, als er schrieb,

„dass es sich hier um einen Aufschluss von großer

3

Die Geburtsurkunde des Kalibergbaus an der Werra

„Verhandelt Kaiseroda, den 5. Oktober 1893

Nach vorhergegangener Anzeige der Frau Hadra, daß sie in ihrem Grubenfelde

Saline Kaiseroda mit dem Bohrloch Num. 5 Kalisalze aufgeschlossen

habe und den ergebenst Unterzeichneten bat, die Konstatierung des Fundes

vorzunehmen, begab sich derselbe am 5. Oktober zunächst nach

Salzungen und von hier mit Wagen und in Begleitung der Frau Hadra und

des Bohrunternehmers Nitzsche auf dem Bohrloch Num. 5, welches in der

Nähe von Hämbach liegt.

Hier angekommen fand man das Bohrgestänge ausgezogen, dasselbe

wurde untersucht und durchweg leer gefunden, weshalb nunmehr der Befehl

zum Einhängen des Gestänges erteilt wurde.

Beim Einhängen wurden die eingehangenen Theile des Gestänges gemessen

und auf diese Weise die Tiefe des Bohrloches = 373 Meter constatirt.

Es wurde nun Befehl zum Bohren erteilt und der Apparat setzte sich in

Bewegung.

Als das Bohrloch um weitere 4 Meter, also bis zu einer Gesamtteufe von

377 Meter abgebohrt war, wurde das Ausziehen des Gestänges angeordnet,

um den im Kernrohr befindlichen Kern ans Tageslicht zu bringen. Bei

Entleerung des Kernrohres fand sich ein 4 Meter langer Bohrkern – reines

Carnallit – wodurch also das Vorhandensein von Kalisalzen constatiert

wurde. Dieser Carnallit wurde in die bereit gestellten Gläser gethan und

auf Licht abgeschlossen, damit er gegen Zersetzung geschützt wird.

Bei näherer Betrachtung der bereits schon früher gezogenen Kerne läßt

sich Carnallit schon bei einer Teufe von 368 Meter nachweisen, so daß

sich hier ein mächtiges Lager von Kalisalzen nachweisen lassen wird.

Henniger“

Bericht Bergrat Henniger vom 05.10.1893 über den Fund von Kalisalzen, Thüringisches

Hauptstaatsarchiv Weimar, Bergamt Dermbach, Nr. 5814.

1 Das vom Preußischen Staat betriebene Kalibergwerk von

Bleicherode im Südharz auf einer 1908 verschickten Postkarte

2 Die Bohrmannschaft der Probebohrung Alexandershall 2

vor ihrem Bohrturm

3 Die erste Zeitungsmeldung nach dem Kalifund bei Kaiseroda

in der Eisenacher Zeitung vom 14. Oktober 1893

33


Bohrwettkampf im Werratal

„Mitte Dezember 1893 wurde die erste Recognoscierung an Ort und Stelle

vorgenommen und bei dieser Gelegenheit sogleich festgestellt, daß wir

nicht die einzigen Respektanten waren. [...] Unter solchen Umständen

konnte nur ein rascher Entschluß und energisches Handeln zum Ziele führen.

Es wurden schleunigst Bohrgeräthe nach Salzungen dirigiert [...] und

bereits am 2. Januar 1894 konnte der Bohrbetrieb beginnen. [...] Die Bohrmannschaften

der Schutzbohrgemeinschaft treffen zwischen Weihnachten

und Neujahr in Salzungen ein; unmittelbar darauf folgten ganze Extrazüge

mit Bohrgeräthen, und es entbrannte ein Bohrwettkampf, wie er wohl

seinesgleichen noch nicht gehabt hat. Binnen weniger Wochen erhoben

sich nicht weniger als 8 Bohrtürme im Werratal – fünf von Privaten, drei

vom preußischen Fiskus für die Schutzbohrgemeinschaft – zum heißen

Streit um die erhofften Kalischätze.“

Gewerkschaft Bernhardshall (Hg.): Prospekt betreffend das Kaliwerk „Bernhardshall“ bei

Salzungen im Herzogthum Sachsen-Meiningen. Halle/Saale u. Cöthen 1894, S. 2 -3.

1 Die territorialen Verhältnisse im Werratal in der zweiten

Hälfte des 19. Jahrhunderts

Mächtigkeit und von vorzüglicher Qualität der Salze

handelt.“ 11 Er wollte vielleicht mit seiner fachlichen

Autorität Vertrauen bei potenziellen Geldgebern für

das nun zu gründende Kaliunternehmen schaffen.

Mit zwölf Kuxen beteiligte er sich selbst daran und

ließ sich in den ersten Grubenvorstand wählen.

Die im Oktober von Henniger ermittelten Ergebnisse

machten überall in Deutschland die Runde – aber

es gab auch Zweifler. So meldete die „Eisenacher Zeitung“

am 14. Oktober 1893 in Kurzform die Kalifunde,

dementierte sie bald darauf und berichtete dann

am 3.November: „Hier steht aber trotz alledem fest,

dass nach den Bohrungen und gemachten Analysen

Kalisalze in einer Mächtigkeit von 20 bis 30 Metern

vorhanden sind, und zwar hauptsächlich Carnallit,

dann Kainit, Kieserit und in ausgezeichneter Reinheit

und Menge Sylvin (reines Chlorkalium), das von

allen Kalisalzen am meisten geschätzt wird. Wie man

jetzt erfährt, ist bereits in früheren Bohrlöchern Kali

gefunden worden. Es ist aber bis vor kurzem von

den Wissenden tiefes Schweigen darüber beobachtet

worden“. 12 Spätestens jetzt verwandelte sich das

bis dahin stille Werratal zu einem Gebiet, in dem Kalibergbau

möglich war und somit setzte ein regelrechtes

Rennen um die Verteilung von Abbauberechtigungen

ein.

1

34


Dagmar Mehnert

Der Aufbau des Kalireviers

und die Jahre bis 1945

2

3

1 4

Der Kalifund löst im Werratal hektische Betriebsamkeit aus

und innerhalb weniger Jahre entwickelt sich, von der Konkurrenz

nicht gern gesehen, ein neues Kalirevier. Die Kaliindustrie

verändert das Gesicht der Region und viele Menschen finden

Arbeit in den Bergwerken und Fabriken. Bis zum ersten Weltkrieg

dauert der Aufschwung. Dann sind Werkstilllegungen

und Entlassungen zu verkraften. Doch das Zusammenfügen der

einzelnen Werke zu wenigen starken Konzernen und die technische

Neuerungen sorgen bis 1929 dafür, dass das Revier zum

leistungsfähigsten Kaliabbaugebiet der Welt wird. Die Jahre

der Nazidiktatur beginnen mit einem erneuten Aufschwung,

der jedoch in den II. Weltkrieg mündet.

1 Zwei Hauer [um 1920] unter Tage

mit einer elektrischen Säulenbohrmaschine

2 Das vom Gerstunger Baumeister

Hermann Apel 1912 erbaute Abteufgerüst

des Schachtes Abteroda in der

Bauphase

3 Einige Mitglieder des Bergmannsvereins

„Glückauf“ Wintershall

[um 1910]

4 Die Schule von Hämbach, deren Bau

das Kaliwerk Kaiseroda finanziell

unterstützt hat


36

Kali im nationalen Überschwang

„’Deutsch’ heißt das stolze Wort, in dem das charaktervolle Gesamtgebilde

der Kaliindustrie in seinem Hauptgrundzug den schlagendsten Ausdruck

findet. Deutsch und nur deutsch die Berge, wo in der Tiefe der köstliche

Schatz der Meere ruht, deutsch die Hände und der Wagemut, die ihn zu

Tage heben und für den Gebrauch zurichten: Ein herrliches Schaffensgebiet,

von der Vorsehung auf die heimischen Lande beschränkt und unserem

Volkstum allein vorbehalten, so stellt sich der Kalibergbau als eine im

umfassendsten Sinne vaterländische Industrie unseren Augen dar. ... Wahrlich

ein glänzender Hintergrund für eine Industrie, um nationale Wirtschaftsziele

darin zum Siege zu führen, ein Feld, wie geschaffen zur Betätigung

echt vaterländischen Geistes auf dem Kampfplatz der Arbeit! ... In

der Tat wuchs unter solch’ stolzen Zeichen die junge Kaliindustrie heran

und, wie wenig andere Industrien, hat sie auch den Dienst für die Allgemeinheit

auf ihre Fahnen geschrieben. Daß daran nicht gerüttelt werde,

dafür gilt es auch fürderhin einzustehen. Stets bleibe in dieser Industrie

dem nationalen Gedanken die Treue gewahrt und‚’deutsch immerdar’ sei

auch für ihren künftigen Werdegang die verheißungsvolle Losung.“

Paxmann, H.: Wirtschaftliche, rechtliche und statistische Verhältnisse der Kaliindustrie. In:

Deutschlands Kalibergbau. Festschrift zum 10. Allgemeinen Bergmannstage zu Eisenach 1907.

Berlin 1907. Beitrag Paxmann, S. 1-2.

1

2

Der Kalifund und seine Folgen

Der Kalisalzfund bei Kaiseroda sorgte 1893 dafür,

dass ein regelrechtes „Kalifieber“ ausbrach und

überall in der Region nach Kalisalz gebohrt wurde.

Der vorgesehene Abbau musste – je nach Fundort –

entweder von der Landesregierung des Großherzogtums

Sachsen-Weimar-Eisenach, der des Herzogtums

Sachsen-Meiningen oder der preußischen Provinz

Hessen genehmigt werden. Dies geschah in der

Regel umgehend, weil die staatlichen Stellen ein finanzielles

und strukturpolitisches Interesse am zügigen

Aufbau der Kaliindustrie hatten: Auf jede Tonne

gefördertes Salz musste von den Bergwerken der

„Förderzins“ als Abgabe gezahlt werden. Aber auch

dringend benötigte Arbeitsplätze sollte die Kaliindustrie

in die wirtschaftlich unzureichend entwikkelte

Region bringen.

Die Aussichten auf gute Gewinne schmälerte der

niedrig bemessene Förderzins nur unerheblich, da

ausreichende Absatzmöglichkeiten für Kali gegeben

waren: Neben den Stammkunden aus der Industrie

und dem Gesundheitswesen nahmen auch die deutsche

und die ausländische Landwirtschaft immer

mehr ab. 1 Das Schlagwort vom unerschöpflichen

„Kalihunger der ganzen Welt“ beflügelte noch immer

die Gewinnprognosen. Ein entscheidender Faktor

für die glänzenden wirtschaftlichen Aussichten bei

Investitionen in die Kaliindustrie war das damals

bestehende natürliche Monopol Deutschlands auf

bergmännisch gewinnbare Kalisalze. Schon lange

vor dem Kalifund im Werratal hatten sich die Betreiber

der deutschen Kaliwerke in einem freiwilligen

Syndikat organisiert, das den Absatz regelte und

so seinen Mitgliedern hohe Gewinne ohne interne

Konkurrenzkämpfe ermöglichte.

In den anderen Kalirevieren hatte das eingesetzte

Anfangskapital bereits nach wenigen Jahren Gewinne

in Millionenhöhe erwirtschaftet. Deshalb war

das Werratal für Investoren plötzlich sehr attraktiv.

Gleichzeitig betrachteten die im Kalisyndikat bereits

zusammengeschlossenen Werke das absehbare Entstehen

eines weiteren Kalireviers mit größtem Argwohn

und taten ihr Möglichstes, um seine Entwicklung

zu verhindern. Ein Mittel war die so genannte

Schutzbohrgemeinschaft, deren Aufgabe es war, dort,

wo Kali gesucht oder gefunden wurde, möglichst


viele Grubenfelder in Besitz zu nehmen. So trat sie

auch im Werratal mit modernsten Bohrausrüstungen

auf, errichtete oft in Sichtweite ihres Konkurrenten

einen Bohrturm, um ihre Bohrungen schneller

als dieser bis in das Salz niederzubringen. Gelang

ihr dies, legte sie Mutung ein, erhielt ein Grubenfeld,

in dem auch das Bohrloch des Konkurrenten lag, der

hier kein Grubenfeld mehr erwerben konnte. So sollte

neuer Konkurrenz die Tür vor der Nase zugeschlagen

werden. Dieses Vorgehen führte zwar dazu, dass

im Werratal innerhalb kürzester Zeit zehn Bohrgesellschaften

die Suche nach Kali aufgenommen hatten;

es war aber nicht erfolgreich. Es etablierten sich

fast ausschließlich neue Firmen, die bald ihren Anteil

am vom Syndikat verteilten „Kalikuchen“ forderten.

Schon 1894 wurden mit Bernhardshall und

Kaiseroda die ersten Bergbauunternehmen gegründet.

Sie begannen kurz darauf mit dem Bau eines

Schachtes, um die beiden Kaliflöze für den Abbau

zu erschließen.

Beide wählten die betriebswirtschaftliche Form der

Gewerkschaft. Eine Gewerkschaft im Bergbau gründete

sich zumeist auf 1.000 Anteilsscheinen (Kuxen).

Die Besonderheit dieser Betriebsform besteht darin,

dass die Kuxinhaber (Gewerken) nicht nur Gewinnerträge

auf ihre Anteile (Ausbeute) erhalten, sondern

sich verpflichten, auch nach dem Kauf weitere

Zuzahlungen auf ihre Anteile (Zubußen) zu leisten.

Mit den Zubußen deckten die Gewerkschaften vor

allem den immens hohen Kapitalbedarf beim

Schacht-, Werks- und Fabrikbau und hatten auch

später die Möglichkeit bei Bedarf zusätzliche Finanzspritzen

einzufordern. Genauso wie Aktien wurden

Kuxe an der Börse zum jeweiligen Tageskurs gehandelt.

Das machte die Werratal-Kalikuxe zu einem

willkommenen Investitions- und Spekulationsobjekt

für kapitalstarke Anleger aus ganz Deutschland.

Aus dem wirtschaftlich schwachen Werra-Fulda-Gebiet

hatten nur wenige die Finanzmittel, um beim

Kuxhandel an der Börse mitzuhalten. Deshalb stammten

nur ganz wenige Gewerken aus der Region.

3

1 Das Verwaltungsgebäude des Kalisyndikates in Staßfurt-

Leopoldshall vor 1910

2 Eine Tiefbohrung bei Unterrhon im Jahr 1911. Stolz werden

die erbohrten Kerne vorgezeigt

3 Ein Kuxschein der Gewerkschaft Bernhardshall

37


1

2

3

4

Die Belegschaft von

Bernhardshall vor 1900

1 Die Betriebsleitung

2 Die Schreiner und Zimmerleute

3 Das Drittel Mehne der Abteufmannschaft

4 Die Werksanlagen während des Abteufens

5 Das Drittel Laschkewitz der Abteufmannschaft

6 Die Schmiede und Schlosser

7 Die Transport- und Bauabteilung

8 Das Drittel Franke der Abteufmannschaft

9 Das Drittel Pannier der Abteufmannschaft

5

38


6

7

8

9

39


1

2

1893–1906: „Kalifieber“ mit

regionalen Besonderheiten

Das „Kalifieber“ traf das Werratal und die Vorderrhön

völlig unvorbereitet. Vor 1893 waren Strom

und fließendes Wasser weitgehend unbekannt. Da

jedoch an den Abteufplätzen für Seilwinden, Pumpen

und andere maschinelle Einrichtungen Strom

benötigt wurde, stellte man Dampfkessel auf. Zur

Wasserversorgung nutzten die Gewerkschaften Quellen,

Bäche oder Brunnen, die zum Teil auch der Versorgung

der Bevölkerung dienten. Probleme bereitete

der Transport von Materialien aller Art, denn

die Deutsche Reichsbahn umfuhr das Werra-Kaligebiet

in einem Bogen: Östlich führte die Werrabahn

von Meiningen über Bad Salzungen und den Thüringer

Wald nach Eisenach und von dort in Richtung

Bebra bzw. Gotha; westlich dieser Achse gab es nur

eine schmalspurige Strecke, die von Bad Salzungen

nach Kaltennordheim durch das Werra- und Fuldatal

verlief und Vacha mit einer Stichbahn angebunden

hat. Mit ihr konnte das Material für die sich in

der Nähe befindlichen Kaliwerke Bernhardshall, Kaiseroda

und Großherzog von Sachsen herangeschafft

werden. Das Kaliwerk Alexandershall und die in Hessen

gelegene Gewerkschaft Wintershall bei Heringen

mussten auf den Bahnhof Gerstungen ausweichen

und ließen von dort die Materialien mit Pferde-

und Ochsengespannen zum Teufplatz bringen.

Im Fuldaer Bereich besaß Neuhof zwar einen Bahnhof

an der Hauptstrecke Frankfurt-Kassel, aber

3

40


auch hier musste mit Fuhrwerken das Material zum

einige Kilometer entfernten Werksgelände transportiert

werden. Die Gewerkschaft Sachsen-Weimar begann

mit dem Schachtteufen unter anderem erst am

21.8.1905, weil abzusehen war, dass mit der Eröffnung

der neu gebauten, einspurigen Reichsbahnstrecke

Gerstungen-Vacha, der so genannten „Kalibahn“,

am 1.10.1905 die Transportprobleme wenigstens

bis Vacha gelöst sein würden. 2 Die Inbetriebnahme

der Stichbahn Vacha-Geisa am 1.8.1906

schloss auch das Werk Sachsen-Weimar endgültig

an das Bahnnetz an.

Sobald das nötige Material vor Ort und das Personal

gefunden war, begann das Teufen des Schachtes.

Es war anfangs für die Gewerkschaften schwierig,

ausreichend Mannschaften für die Teufarbeiten zu

finden, da viele Männer aus der Region als Saisonarbeiter

in der Landwirtschaft oder im Ruhrgebiet

und anderen Industrieregionen als Handwerker

oder Fabrikarbeiter arbeiteten. Damit verdienten sie

das notwendige Geld für den Unterhalt ihrer Familien,

das auf den fast immer zu kleinen Höfen auch

mit zusätzlicher Heimarbeit (Weberei, Korkschnitzerei)

nicht zu erwirtschaften war. Zwar kamen einige

der „fleißigen und geschickten Arbeiter“ 3

zurück, und mancher davon besaß auch Erfahrung

im Bergbau, aber dennoch waren die Gewerkschaften

gezwungen, die meisten Spezialisten für ihre Teufmannschaften

außerhalb, vor allem im Staßfurter

Raum anzuwerben. Diese gut bezahlten Facharbeiter

wurden oft in schnell zusammengezimmerten

Unterkünften untergebracht, weil es an Wohnraum

mangelte. Die ungelernten einheimischen Arbeiter

mussten sich, auch weil sie über Wohnraum verfügten

und ihre Landwirtschaft weiter betrieben, mit

zwei Dritteln des Lohnes zufrieden geben. Erst als

Hilfsarbeiter und Handlanger angeworben, entwikkelten

sie sich nach und nach zu besser bezahlten

Landwirtschaft, Wander- und Heimarbeit in der Rhön

„Im weimarischen Rhönanteil ist schon mehr geschehen. Hier wurden in

den ersten 25 Jahren seit Bestehen des Separationsgesetzes (1869) zusammengelegt:

in 23 Gemeinden (7 Prozent der Gesamtheit) die Grundstücke

von 3936 Nachbarn, 9823 Hektar. Hierbei verminderte sich die

Anzahl der Parzellen von 72675 auf 13016 (!); allein in der Gemeinde

Tiefenort von 9326 auf 1648 [...] und als Rekord in Wiesenthal von

13144 auf 1106.“

Wanderarbeit:

„Auf meiner Wanderung nach Frankenheim hole ich unterwegs drei Bauersfrauen

ein. [...] Auf meine Frage, was denn die Männer machten, erhielt

ich die übliche Antwort: die sind nach Westfalen! Ich erhielt wieder bestätigt,

daß diese oft mit Ausnahme weniger Wochen im Jahr in den Bergwerken

– hier in Hörde – arbeiten. Andere gingen auf kürzere Zeit in die

Zuckerfabriken.“

„In Oberweid wird noch viel gewebt. Wir finden hier in dem typischen

Weberhäuschen einen 32-jährigen Weber, der glatte Plüschweberei betreibt.

In dem engen Wohnraum hausen Mann und Frau, zwei Kinder und

zwei Ausflügler. 14-16 Stunden dauert die Arbeitszeit. Das Meter wird

mit fünfzig Pfennig bezahlt. [...] Ein anderer Weber hatte sechs Kinder bei

sich, zwei Mädchen verdienen aber zu Hause schon mit; sie wickeln Zigarren;

täglich 10-11 Stunden. Sie bringen es auf 400 Stück. Für das Tausend

gibt es 5,50-6,00 Mark.“

„In Frankenheim finden wir 1911 einen verhältnismäßig noch jungen

Mann, 40 Jahre, abgehärmt und mager; seine Frau das elendste Jammerbild,

sie ist hochgradig schwindsüchtig und hat furchtbares Asthma. [...]

Ein halbes Dutzend Kinder kriechen bei kaltem Wetter in der Stube herum,

die gleichzeitig als Wohn-, Küchen-, Schlaf- und Arbeitsraum dient.“

Oesterreich, Julius: Die arme Rhön. Ein Kultur und Sittenbild aus den letzten 100 Jahren vor

dem Kriege. Hamburg 1919, S. 127, 207-208, 253, 251.

4

Facharbeitern. 4

1 1911 steht ein Kesseltransport für die Gewerkschaft

Heiligenmühle in Oechsen abfahrbereit am Bahnhof Geisa

2 Der letzte, festlich geschmückte Schmalspurzug und das

Bahnhofspersonal stehen am 06.07.1906 im Bahnhof

Vacha

41

3 Gesamtansicht des Kaliwerks Alexandershall während des

Abteufens [um 1900]

4 Das Kaliwerk Wintershall sucht 1904 Arbeiter für den Bau

des Wasserkraftwerks in Widdershausen


DAS ABTEUFEN DER SCHÄCHTE

Hermann-Josef Hohmann

Bergmännisch wird unter anderem der Bau eines

Schachtes als „abteufen“ bezeichnet. Bei Kalioder

Salzbergwerken gelten ganz besondere Anforderungen,

denn wegen der Wasserlöslichkeit des

Salzes muss der Schacht völlig wasserdicht sein.

An Werra und Fulda hat vor allem der, nur wenig

oberhalb der Salzschichten liegende, meist 20 bis

30 Meter mächtige Plattendolomit wegen seiner

starken Wasserführung große Schwierigkeiten verursacht.

Hier waren Wassereinbrüche keine Seltenheit,

bei denen viele tausend Liter Wasser pro Minute

zuflossen.

Als die Kalischächte angelegt wurden, war das Abteufen

in Handarbeit die gebräuchlichste Methode.

Nur im Plattendolomit kamen bei Bedarf Spezialverfahren,

wie das Schachtbohren nach Kind-Chaudron

oder das Zementierverfahren zur Anwendung. Das

Thomson’sche Wasserziehverfahren ermöglichte es

bei einigen Schächten, auch im Plattendolomit weiter

von Hand zu teufen.

Damit die Schachtröhre dauerhaft gegen den Zufluss

von Wasser gesichert war, wurde sie mit Tübbingen,

großen Elementen aus Gusseisen, ausgekleidet.

Diese konnten abgedichtet werden und

wurden zusätzlich mit Zement hintergossen. In

trockenen Bereichen sind die Schächte mit Ziegelsteinen

ausgemauert worden.

A Schacht Neuhof: Der Abteufschacht mit eingehängter Thomson'scher

Wasserziehanlage [zwischen 1906 und 1909]

B Das Innere eines Abteufturmes [vor 1907] mit Schachtbohrer

und Teufkübel.

C Ansicht der Gewerkschaft Buttlar

D Der Einbau der Tübbinge im einem Schacht [vor 1907]

E Schachtsohle im Kaliwerk Ronnenberg, Revier Hannover

beim Abteufen [vor 1906]

A

B

42


Schweres Unglück beim Abteufen

am 28. Juni 1913

„Ein Unglück, wie es schwerer ein Kalibergwerk

noch nicht getroffen haben dürfte, hat sich heute

morgen gegen 1/2 3 Uhr in der hiesigen Gewerkschaft

ereignet. Sechs Mann tot, 3 schwer und

2 leicht verletzt. Durch Bruch und Einsturz von

Tübbings wurden die 7 Mann, die auf dem Gerüst,

50 Meter über der Sohle mit Verdichtung beschäftigt

waren, auf die Sohle geschleudert. Dem Umstande,

daß hier das Wasser zirka 2,50 Meter hoch

stand, ist es zuzuschreiben, daß sie nicht sämtlich

getötet sind. Diese kolossalen Eisenteile durchschlugen

aus 12 Meter Höhe das Gerüst und die

nachströmenden Wasser- und Zementmassen rissen

alles mit in die Tiefe. Die Überlebenden kletterten

mühsam aufwärts, indem sie sich an den durch

Schrauben verbundenen Vorsprüngen der Tübbings

halten konnten. Die mit ungeheurer Wucht niedergehenden

Wasser- und Zementmassen wirbelten

die beiden Förderkübel um die Leitungen und

machten zugleich auch die Pumpen und den

Motor, der diese in Bewegung setzte, unbrauchbar.

Und da die elektrische Leitung auch sofort gestört

war, so war es im ersten Augenblick unmöglich,

den Abgestürzten in ihrem finsteren Grabe zu Hilfe

zu kommen. Furchtbar schauerlich drangen die

Hilferufe aus der Tiefe und niemand konnte Hilfe

bringen. Ärztliche Hilfe von Geisa war bald zur

Stelle und legte den Schwerverletzten die ersten

Notverbände an. Sie wurden später in das

Krankenhaus nach Geisa gebracht.

C

Zur Bergung der Toten kann vorerst nichts unternommen

werden, weil der Betrieb stockt und der

400 Meter tiefe Schacht sich immer mehr mit Wasser

füllt. Dann ist zu befürchten, daß sie in den

niedergegangenen Zement eingeschlossen sind, der

bis zur Entfernung des Wassers gebunden hat, so

daß sie dann herausgemeißelt werden müssen. Vier

Bergleute sind unverletzt. Ein Mann, Waider aus

Geismar, der schon mit dem getöteten Mennecke

im Förderkorb stand, verdankt seine Rettung dem

Umstande, daß er vom Steiger zu einer Arbeit über

Tag befohlen wurde. Nach Aussage von Beteiligten

kann der Betriebsleitung eine Schuld an dem Unglück

nicht gegeben werden. Ob schadhaftes Material

oder andere Ursachen die Katastrophe herbeigeführt

haben, wird die Untersuchung ergeben.“

Eisenacher Tagespost, vom 30.6.1913.

D

E

43


1

44

1 Bau eines Lagerschuppens für Fertigprodukte durch die

Gewerkschaft Heiligenroda in Dorndorf [um 1915]

2 Zeitungsanzeige für den Landabsatz von Kainit

3 Einziehung einer Zubuße von 50,- Mark durch die Bohrgesellschaft

Sachsen-Weimar (Unterbreizbach) am

02.04.1898

4 Basaltgänge und Kohlensäurerachel im Grubenfeld des

Schachtes I der Gewerkschaft Großherzog von Sachsen

[vor 1928]

2

Die starken Wasserzuflüsse vor allem im Bereich

des Plattendolomits verursachten größte Probleme

und verhinderten oft ein schnelles Abteufen, wie die

folgenden Beispiele zeigen: Im Schacht KaiserodaI

dauerte es zwei Jahre, bis der nur wenige Meter

mächtige Plattendolomit durchteuft und abgedichtet

war, so dass erst nach insgesamt fünf Jahren Bauzeit

und etwa 2,3 Millionen Mark Gesamtkosten die

Endteufe erreicht wurde. 5 Beim Schacht Neuhof, südlich

von Fulda, waren zum Abdichten des Plattendolomits

8.670 Tonnen Zement notwendig. 6

Der Ausbau der Schächte, also ihre dauerhafte Sicherung

gegen Wasserzuflüsse und den Gebirgsdruck,

geschah in wasserfreien Gesteinsschichten

durch Ausmauern mit Ziegelsteinen. Wo jedoch Wasserzutritte

zu befürchten waren, kamen Tübbinge

zum Einsatz, große miteinander fest verschraubte

und aufwändig abgedichtete Elemente aus Gusseisen.

Die beiden Kaliflöze im Werra-Fulda-Revier enthalten

maximal 15 Prozent Reinkali (K 2 O), meist aber

weniger. Lediglich stellenweise und kleinflächig besitzen

die Flöze höhere Kaligehalte. Insgesamt gese-


hen war das im Vergleich zu den Gruben der bereits

existierenden Kalireviere wenig. An Werra und Fulda

waren die Bereiche sehr begrenzt, in denen der

Kaligehalt so hoch war, dass das geförderte Rohsalz

nur gemahlen und als verkaufsfähiges Produkt versandt

werden konnte.

Um wenigstens das gewinnbringende 20er, 30er und

40er Kalidüngesalz verkaufen zu können, musste

der Großteil des Rohsalzes erst in einer Fabrik aufgearbeitet

und höher konzentriert werden. Daher

sahen sich die Gewerkschaften gezwungen, nicht

nur Schächte zu teufen, sondern auch Fabriken zur

Weiterverarbeitung des Salzes zu bauen. Das bedeutete

nicht nur eine Erhöhung der Anzahl der Schächte

und der Fabriken, sondern im Verbund mit den

großen Problemen beim Abteufen, dass die Unternehmen

im Werra-Fulda-Revier in den ersten Jahren

mehr Kapital benötigten, als ihre Konkurrenten

in den anderen Revieren. So zahlte zum Beispiel jeder

Wintershall-Gewerke bis zur Inbetriebnahme

einer kleinen, noch auszubauenden Kalifabrik im

Jahre 1904 bereits 4.660 Mark Zubuße pro Kux. Davon

entfielen allein 3079,50 Mark auf den Schachtbau.

7 Zum Vergleich: Das Werk Desdemona bei Alfeld

an der Leine (Kalirevier Hannover) errichtete

einen Schacht von immerhin 702 Meter Teufe mit

1516 Mark Zubuße pro Kux. 8

Schon bei den Probebohrungen 1894 machte die Gewerkschaft

Bernhardshall Bekanntschaft mit einer

Besonderheit der Werra-Fulda-Lagerstätte: der Kohlensäure.

Auch beim Teufen ihres Schachtes, des

ersten im Werratal, wurde durch den Rhönvulkanismus

mit Kohlensäuregas imprägniertes Salz angetroffen.

Beim explosionsartigen Ausgasen kam zwar

noch niemand zu Schaden, aber kurz nach Aufnahme

der Förderung kamen in der Grube bei weiteren

Kohlensäureausbrüchen drei Bergleute ums Leben. 9

Hinzu kam, dass die unter Tage angetroffene, flache

Lagerung der Flöze im Kalibergbau bis dahin unbekannt

war. Erst 1906 wurden deren Vorteile erkannt,

benannt und ein für diese Lagerstätte geeignetes Abbauverfahren

entwickelt.

Bis dahin stand die Rentabilität der Werra-Schächte

wegen der niedrigeren Wertstoffgehalte, noch nicht

auf die Lagerstätte abgestimmter Abbauverfahren

und Problemen bei der Grubensicherheit in Frage.

3

4

45


46

KALIGEWINNUNG IN HANDARBEIT

Hermann-Josef Hohmann

Bis nach dem I. Weltkrieg erfolgte der Abbau weitgehend in Handarbeit.

1) Zunächst wurden die Sprenglöcher auch noch von Hand gebohrt. Aber

schnell setzten sich elektrisch betriebene Bohrmaschinen durch, die immer

weiter verbessert worden sind. 2) In den Abbauen erfolgte die Förderung

und das Beladen der Förderwagen von Hand mit der Schaufel. Waren sie

gefüllt, mussten sie auf den soweit wie möglich in die Abbaukammern

hineinverlegten Schienen zur nächsten Förderstrecke geschoben werden.

3) Von dort aus wurde das Rohsalz maschinell mit Seil- oder Kettenbahnen,

teilweise auch mit Grubenlokomotiven zum Schacht transportiert.

C

B

A

B

C

Schematisches Grubenbild mit Handförderung

Bergrat Gustav Kost entwickelte das erste, in den

Werrawerken viele Jahre gültige, Abbauverfahren

Das typische Grubenbild einer Grube im Werrarevier

A

Die Gewerkschaft Bernhardshall zog bereits 1901

Konsequenzen und gab den Kalibergbau auf. Der

Betrieb wurde aber bereits Ende 1902 von der Heldburg

AG wieder aufgenommen. Nun begann Bernhardshall

das 1895 bei Hermannsroda erbohrte

Kohlensäurevorkommen wirtschaftlich zu nutzen.

Die Kohlensäure wurde in Flaschen abgefüllt und

verkauft. Das damals entstandene, seit 1905 selbstständige

Werk existierte viele Jahrzehnte lang.

Das durch die Kohlensäure verursachte schwere Unglück

und die anderen Probleme führten dazu, dass

die Kux-Kurse an der Börse fielen und die Existenz

des gesamten Reviers kurzfristig in Frage stand.

Da sich die Ausbrüche aber vorerst weitgehend auf

Bernhardshall beschränkten und die anschließend

in Förderung gehenden Werke an Werra, Ulster und

Fliede als sicher galten und rentabel arbeiteten, etablierte

sich das Werra-Fulda-Revier mehr und mehr.

Dies war auch eine Folge der Gepflogenheiten des

Kalisyndikates, an dessen Tisch nun auch die Vertreter

der Werra- und Fuldawerke saßen. Das Monopol

ermöglichte es, die Preise der Kaliprodukte so festzulegen,

dass auch dann Gewinne gemacht wurden,

wenn eine Grube äußerst schlecht wirtschaftete.

Das Mittel dazu war die Regulierung des Absatzes

über die „Quoten“. Jeder förderfähige Schacht bekam

als Quote seinen Anteil in Tausendsteln am Gesamtabsatz

der deutschen Kaliindustrie zugewiesen.

Die Höhe der Quote richtete sich nach der Leistungsfähigkeit

eines Werkes im Hinblick auf Förderund

Verarbeitungsmenge, Produktspektrum und

nach dem K 2 O-Anteil im Rohsalz. Zunächst bekamen

die Kaligruben im Werra-Fulda-Revier nur geringe

Quoten, doch bereits damit war der Bergbau

sehr gut zu finanzieren: Jeder Kaiseroda-Gewerke

bekam 1903 – nur zwei Jahre nach Inbetriebnahme

der Fabrik – auf jeden Kux 100 Mark Ausbeute gezahlt;

jeder Wintershall-Gewerke bekam 1906, ebenfalls

zwei Jahre nach Produktionsbeginn, bereits

800 Mark Gewinn pro Kux ausgezahlt. 10

1 Ansicht des Kaliwerks Neuhof auf einer am 17.07.1914

verschickten Postkarte

2 Ansicht der chemischen Fabrik der Gewerkschaft

Großherzog von Sachsen in Dorndorf

3 Ansicht des Kaliwerks Hattorf mit Fördergerüst aus dem

Jahr 1915


1

1906–1914:

„Glückauf, Kameraden“

Bis 1906 waren mit Alexandershall, Wintershall,

Hattorf, Kaiseroda, Heiligenroda, Großherzog von

Sachsen, Sachsen-Weimar und Neuhof die Unternehmen

entstanden und zum Teil bereits in Förderung

gegangen, die das Revier in den kommenden Jahrzehnten

prägen sollten.

Dennoch wurden weitere Schächte in Betrieb genommen:

Zum einen geschah dies, um die gesetzliche

Vorgabe eines zweiten Ausganges („Sicherheitsschacht“)

zu erfüllen, zum anderen, um betriebswirtschaftliche

Gewinne einzufahren. Um höhere Quoten

und damit größere Gewinne erzielen zu können,

trennten die bestehenden Werke einen Teil ihres

Grubenfeldes ab und schlugen es einer neuen, mit

ihnen wirtschaftlich auf das Engste verbundenen

Gewerkschaft zu. Diese teufte einen neuen Schacht

und nahm ein weiteres Bergwerk in Betrieb. Dessen

Quotenanspruch wurde dem Syndikat gemeldet

und dort geprüft. Sobald die Quote zugewiesen war,

gab es einen neuen „Quotenschacht“, dessen einzige

Existenzberechtigung darin bestand, dass er seinem

Mutterwerk höhere Quotenanteile verschaffte. Die

gewonnenen Kalisalze wurden in die Fabrik der Muttergewerkschaft

transportiert, um deren Kapazitäten

besser auszunutzen.

Im hessischen Teil des Reviers gründete Wintershall

die Gewerkschaften Heringen, Herfa und Neurode,

Hattorf die Gewerkschaften Heimboldshausen und

Ransbach, Neuhof initiierte die Gewerkschaft Ellers. 11

Im Thüringischen war das Bild ähnlich, aber auf-

2

3

47


48

Die Bevölkerungsentwicklung der Kali-

Standortgemeinden an der Werra 1900–1950

Ort um 1900 1925 1939 1950

Dippach 591 1.224 1.300 1.576

Berka 1.056 1326 1.310 1.665

Heringen 1.165 2.254 2.891 4570

Herfa 225 390 333 644

Röhrigshof 121 300 418 924

Philippsthal 704 1282 1839 3457

Unterbreizbach 440 1.229 1.336 1.917

Springen/Frauensee 495 1.035 975 1.385

Dorndorf 701 2.195 2.266 2.896

Dietlas 279 551 502 799

Stadtlengsfeld 1.207 2.091 1.995 2.580

Merkers 252 707 550 1.057

Tiefenort 1.748 3.347 3.456 4.644

Leimbach 633 1.361 1.631 2.106

Summe 9.617 19.292 20.802 30.050

Schachtvermehrung – Stellungnahme 1913

„Die kaninchenartige Fortpflanzung der Kaliwerke hat bekanntlich Zustände

herbeigeführt, welche den Anschauungen, die man sonst von einer gesunden

wirtschaftlichen Entwicklung eines Gewerbezweiges hat, hohnsprechen.

Wenn man in früheren Jahren zeitweilig mit Unrecht behauptete,

daß der Kalibedarf der Welt von einem Bruchteil der Kaliwerke gedeckt

werden könne, so steht man doch heute unzweifelhaft vor der bedauerlichen

Tatsache, daß die geschaffene Produktionsmöglichkeit weit

über den Bedarf hinausschießt, und daß dieses Mißverhältnis zwischen

Erzeugung und Bedarf sich noch weiter und zwar sehr beträchtlich verschärfen

wird.“

Denkschrift zum Kaligesetz von H. Paxmann, im Januar 1913. ThStA Meiningen. Weimarisches

Staatsministerium für Inneres Neu. 3032. 210/3.

1 Zwei Bergleute mit Bohrmaschine und Werkzeug auf der

380-Meter-Sohle im Kaliwerk Kaiseroda I auf einer am

27.02.1908 abgestempelten Postkarte

1

grund anderer bergrechtlicher Vorgaben konnten die

Grubenfelder geteilt werden, ohne formal eine neue

Gewerkschaft ins Leben zu rufen. In Thüringen

brauchten keine neuen Namen gefunden zu werden,

um wirtschaftliche „Unabhängigkeit“ zu demonstrieren.

Die Schächte wurden einfach durchnummeriert,

so z.B. Alexandershall I, Alexandershall II (Abteroda)

und Alexandershall III (Dankmarshausen)

oder Kaiseroda I (Hämbach) und die Doppelschachtanlage

Kaiseroda II/III (Merkers). Die Vermehrung

der Schächte führte zu einer immer größer werdenden

Fördermenge: Waren 1900 deutschlandweit

aus etwa 30 Schächten noch 3.037.036 Tonnen Kalirohsalz

gefördert worden, so war 1913 die Förderleistung

auf 11.607.511 Tonnen Kalirohsalz bei 164

fördernden und 77 im Teufen begriffenen Schächten

angestiegen. Allerdings darf diese Steigerung

nicht über ein grundlegendes Problem hinwegtäuschen.

Trotz gestiegener Gesamtfördermenge, war

die durchschnittliche Menge pro Schacht von über

100.000 Tonnen um fast ein Drittel auf wenig mehr

als 70.000 Tonnen gefallen. Genaue Förderzahlen

für die insgesamt 29 quotenberechtigten Schächte

an Werra und Fliede liegen nicht vor, aber die Förderung

dürfte ihrem Quotenanteil von etwa elf

Prozent entsprochen haben.

Trotz der vom Syndikat überwachten Regulierung

waren die Werke bestrebt, mehr als die ihnen zustehende

Quote zu fördern, und versuchten anschließend,

für die erhöhten Förderzahlen eine größere

Quote zugewiesen zu bekommen. Denn mehr Quote

hieß mehr Gewinn. Die Belegschaften unter und

über Tage wurden ständig aufgestockt, um diese

Kapazitätsausweitungen zu bewältigen.

Mit dem Aufkommen des Kalibergbaus im Werratal

und bei Neuhof drehte sich die Bevölkerungsentwicklung

um. Aus Regionen, die mit Abwanderung

zu kämpfen hatten, wurden binnen weniger Jahre

Zuwanderungsgebiete. Die Einwohnerzahl der thüringischen

Kleinstadt Vacha wuchs zwischen 1890

und 1900 von 1.447 auf 1.627 und stieg bis 1919 weiter

auf 2.459 an. Die hessischen Werra-Orte verzeichneten

1919 mit 12.096 knapp 3.100 Einwohner mehr

als 1900. 12 Die wachsenden Gemeinden mussten Bauland

ausweisen, Straßen anlegen und für Gemeinschaftseinrichtungen,

sowie für Strom und Wasser


A

SEILBAHNEN - EIN VIELSEITIGES

TRANSPORTMITTEL

Hermann-Josef Hohmann

Früher waren Luft-Seilbahnen für verschiedene Transportaufgaben

weit verbreitet. Auf Stützen über Berg

und Tal geführt, ermöglichten sie es, Rohsalz aus

kilometerweit entfernten Schachtanlagen zur chemischen

Fabrik zu bringen. An der Werra gab es

größere Seilbahnen - unter anderem vom Schacht

Heiligenroda I zur Fabrik Wintershall, vom selben

Schacht zum Schacht Heiligenroda II/III und von

dort weiter nach Dorndorf. Die Seilbahn von Schacht

II/III zur Dorndorfer Fabrik war mit Abstand am

längsten in Betrieb und wurde erst Mitte 1990 stillgelegt.

Zeitweise transportierte auch das Kaliwerk

Großherzog von Sachsen in Dietlas gefördertes Rohsalz

per Seilbahn zu seiner Fabrik in Dorndorf.

Seilbahnen gab es aber auch in und an den Fabriken.

Sie brachten zum Beispiel Fertigprodukte in

die Lagerschuppen oder nicht weiter verwendbare

Abfallstoffe auf Halden. Über solche Haldenseilbahnen

verfügten zeitweise die Fabriken der Kaliwerke

Wintershall, Heiligenroda und Hattorf.

In den Gruben bewegten Stand-Seilbahnen oft die

Förderwagen. Hierzu wurden in den Förderstrecken

über Umlenkrollen geführte, endlose Drahtseile gespannt

und mit speziellen Maschinen angetrieben.

Die Förderwagen verfügten über eine drehbare Mitnehmergabel,

in die das Drahtseil eingehakt wurde.

Sobald sich das Seil in Bewegung setzte, verkeilte

es sich in der Mitnehmergabel und zog den

Förderwagen mit. Das Kaliwerk Hattorf nutzte keine

Seil-, sondern Kettenbahnen, die nach dem selben

Prinzip arbeiteten. Solche Transporteinrichtungen

waren auch nach dem II. Weltkrieg weit verbreitet.

A

B

C

D

Profile der Seilbahnen von Heiligenroda, Schacht I, zum

Kaliwerk Wintershall in Heringen und vom Schacht I der

Gewerkschaft Großherzog von Sachsen in Dietlas zur

Fabrik in Dorndorf

Zeichnung der doppelten mittleren Tragseilspannvorrichtung

der Seilbahn von Heiligenroda, Schacht I, nach

Wintershall aus dem Jahr 1909

Seilbahn von Heiligenroda, Schacht I, nach Wintershall:

Die Entladestation in Wintershall

Arbeiter auf einem Mast der Haldenseilbahn des Kaliwerks

Hattorf

B

C

D

49


1 Schnitt durch das vom Kaliwerk Wintershall erbaute

Wasserkraftwerk in Lengers

2 Die 1926 ausgebaute alte Dampfmaschine mit 500 Kilowatt

Leistung im Kesselhaus des Kaliwerks Hattorf

1

sorgen. Durch den Bau eigener Wohnsiedlungen,

zum Beispiel in Heringen, Dippach, Hämbach und

Dorndorf schufen die Kaliwerke damals dringend

benötigten Wohnraum. Dazu kamen oft Darlehen

für Belegschaftsmitglieder, die sich mit Bauabsichten

trugen. Zu gemeinnützigen Einrichtungen wie

Bädern oder Gemeindeschwesternstationen gewährten

die Gewerkschaften einmalige oder jährlich wiederkehrende

Zuschüsse; Strom konnte direkt aus

den Kalifabriken bezogen werden. Schwierigkeiten

gab es in der Frage der Wasserversorgung, denn nicht

nur die wachsenden Gemeinden, sondern auch die

Kaliwerke benötigten zunehmend mehr Wasser. Die

Werke erzeugten den über und unter Tage benötigten

Strom zum Teil in Wasserkraftwerken in der

Werra, hauptsächlich aber mit Dampfturbinen in

ihren Kesselhäusern.

2

50


Zu deren Betrieb wurde weiches, sauberes Wasser

benötigt, da der beim Eindampfen des Wassers entstehende

Kesselstein sonst die Funktionsfähigkeit

der gesamten Anlagen gefährdete. Mit zunehmender

Produktion stieg der Bedarf immer mehr an und

Wasser in Trinkwasserqualität wurde vorzugsweise

den Brunnen in der Umgebung der Werke entnommen.

Flusswasser aus Werra, Felda, Ulster und

Fliede wurde dazu verwendet, um das Rohsalz im

ersten Verfahrenschritt der Kaliherstellung in Wasser

zu lösen.

Um überhaupt produzieren zu können, erwarben die

Kaliwerke immer mehr Brunnen und Wasserrechte.

Konflikte waren vorprogrammiert, da immer mehr

Trinkwasser auch zur Versorgung von Mensch und

Vieh benötigt wurde. Die Gewerkschaften versuchten

sich mit den wachsenden Gemeinden gütlich zu

einigen. So lieferte zum Beispiel Wintershall seit 1908

der Gemeinde Heringen Überschusswasser aus den

eigenen Leitungen.1910 sagte Wintershall zu, aus

dem eigenen Hochbehälter Wasser in den der Gemeinde

Heringen zu leiten und den Bau der Leitung

zu bezahlen. Gleichzeitig wurde dem Ort gestattet,

aus dem Brunnen auf der Schachtanlage Heringen

Wasser zu entnehmen, da er bereits 150 Kubikmeter

Frischwasser am Tag benötigte. 13

DAS HEISSLÖSEVERFAHREN

Dagmar Mehnert

Bei der Verarbeitung des Rohsalzes mit dem Heißlöseverfahren wird die

unterschiedliche Löslichkeit der Salzminerale ausgenutzt. Während die

Löslichkeit von Steinsalz in Wasser weitgehend von der Temperatur unabhängig

ist, nimmt die von Kalisalzen wie Sylvin und Carnallit bei höherer

Temperatur deutlich zu. 1) Zur Trennung wird die Löselauge, eine bei 25

Grad Celsius an gelösten Salzmineralen gesättigte Lösung, auf 110 Grad

Celsius erhitzt. 2) In die heiße Lösung wird weiteres Kalirohsalz eingebracht.

3) Im günstigsten Fall lösen sich die Kalisalze Sylvin und Carnallit

vollständig auf, während Kieserit und Steinsalz nicht in Lösung gehen und

sich als Feststoffe absetzen. 4) Diese werden von der Sylvin-Carnallit-Lösung

durch Filtern abgetrennt. 5) Wird die Lösung abgekühlt, kristallisiert

Chlorkalium (KCl) aus und kann als Feststoff abgezogen werden. 6) Übrig

bleibt die so genannte Mutterlauge, die nach erneutem Erhitzen wieder

als Löselauge eingesetzt werden kann.

Soll Kieserit das Endprodukt sein, kann das im Heißlöseverfahren angefallene

Kieserit-Steinsalz-Gemisch einer Kieseritwäsche unterzogen werden,

bei der das Steinsalz ausgewaschen wird. Am Ende dieser Verarbeitungsprozesse

stehen auskristallisiertes Chlorkalium und Kieserit, die entweder

in den Verkauf gehen oder in einer nachgeschalteten Sulfatfabrik zu

schwefelsaurem Kali weiter verarbeitet werden.

A

A

Schematische Darstellung des Heißlöseverfahrens

1914–1918: Der I. Weltkrieg

Nach Kriegsausbruch führten die Einberufungen an

die Fronten des I. Weltkriegs bald zu einem derartigen

Arbeitskräftemangel, dass einige Kalibergwerke

ihren Betrieb einstellten, u.a. Wintershall, Kaiseroda

I-III und Neuhof. Die Produktivität litt erheblich, weil

die freien Stellen mit ungelernten Kräften – zuerst

mit Jugendlichen, später auch mit Kriegsgefangenen

– besetzt werden mussten. Dennoch gelang es bis

1915, die nicht fertig abgeteuften Schächte Alexandershall

II und III, Heiligenroda IV, Kaiseroda II,

Menzengraben II, Heimboldshausen und Ransbach

auf Endteufe zu bringen. Danach ruhte meistens

der Betrieb, nur Heimboldshausen und Ransbach

bereiteten die Grubenfelder für den Abbaubetrieb

vor und engagierten 1917 Fremdarbeiter der Gewerkschaft

Urania aus Bochum, um bei der Quotenzuweisung

besonders gute Ergebnisse präsentieren

zu können. Im Schacht Ellers wurde aufgrund des

51


52

Kaiseroda 1914 nach Ausbruch des I. Weltkrieges

„Die Sperrung des Bahnverkehrs zwang sofort zur Einstellung des Versandes,

die Einberufung zahlreicher Beamten und Arbeiter zu Stillegung

der Betriebe. Als gegen Ende August allmählich der Versand wieder aufgenommen

werden konnte, haben wir zunächst die spärlich eingehenden

Lieferungsaufträge aus unseren Lagerbeständen zur Erledigung gebracht.

Vom September ab wurden dann zur Ergänzung der Rohsalzbestände

periodisch Feierschichten eingelegt. In der Fabrik ruhte dagegen der Produktionsbetrieb

bis Ende des Jahres.“

Vgl. Geschäftsbericht 1914. Gewerkschaft Kaiseroda. In: ThStA Gotha. Amtsgericht Vacha,

175. S. 46.

1 Schacht II in Merkers mit Abteufgerüst 1918. Links der Vermessungssteiger

Hermann Klein, rechts der Vermesser und

Markscheider Egon Klute-Simon

2 An einer Verladerampe für Fertigprodukte stehen 1923

Eisenbahnwaggons in großer Zahl im Kaliwerk Hattorf

3 Die Anlage zur Erzeugung von flüssiger Luft im Kaliwerk

Wintershall in einer Aufnahme von Walter Blankenbach

senior aus dem Jahr 1935

4 Die chemische Fabrik Großherzog von Sachsen in

Dorndorf mit der von Schacht I in Dietlas kommenden

Seilbahn [um 1910]

1

Arbeitermangels das Teufen während der Kriegszeit

genauso eingestellt 14 wie die Arbeiten an den geplanten

Schächten Haidkopf, Hessenmühle und

Schacht V. Still lagen auch die Schächte Kaiseroda

III und Menzengraben III. Sie wurden, genauso wie

der Schacht Ellers, erst in den Jahren nach dem I.

Weltkrieg vollendet.

Neben den Arbeitermangel trat die staatliche Einstufung

als nicht kriegswichtiger Industriezweig.

Die Bereitstellung von Eisenbahnwaggons wurde

eingeschränkt, was sich im Werra-Fulda-Revier

gleich doppelt verheerend auswirkte. Zum einen

konnte weniger Kohle für den Antrieb der Dampfturbinen

angeliefert werden, wodurch die Versorgung

der Fabrikbetriebe mit Strom und Prozessdampf

unsicher wurde. Strom fehlte auch unter

Tage. Zum anderen wurden die Produkte nicht

abtransportiert und die Lager füllten sich trotz

geringerer Produktion.

Da Kali als Grundstoff zur Sprengstoffherstellung für

die Front diente und als Düngemittel die Nahrungsmittelproduktion

in der Heimat mit sicherstellen

sollte, wurde die Kaliindustrie 1915 als kriegswichtig

anerkannt und erhielt wieder mehr Waggons zugewiesen.

Doch von einer Normalisierung kann nicht

gesprochen werden, denn noch 1917 sprachen Vertreter

der Werrawerke wegen Kohlenmangels persönlich

beim Reichskommissar vor. 15 Damals waren die

meisten Kaliwerke bereits dazu übergegangen, anstelle

von Steinkohle mit hohem Brennwert minderwertigere

Braunkohle zu verwenden. Da auch

hier die Belieferung nicht sichergestellt werden konnte,

entwickelte das Kaliwerk Großherzog von Sachsen

eine Methode zur kalten Zersetzung von Carnallit,

mit der der Kohlenverbrauch bei der Herstellung

des Kaliumchlorids nochmals gesenkt werden konnte.

Von den anderen Werken wurde die Methode aus

verfahrenstechnischen Gründen erst zu Beginn der

1920er Jahre übernommen.

Neben Kohle fehlte es an Sprengstoffen und Ersatzteilen.

Durch die Verwendung von „flüssiger Luft“

konnten Sprengsalpeter und andere Sprengmittel

eingespart werden – allein 18.000 Kilogramm zwischen

Juli und August 1918 im Werk Sachsen-Weimar.

16 Ersatzteilmangel zwang dort dazu, eine Maschine

so lange einzusetzen, bis es unmöglich war,

sie zu reparieren.


Als während der Kriegsjahre allmählich wieder

mehr Eisenbahnwaggons zugewiesen wurden, erleichterte

dies die Lieferung der Produkte an die

Kunden. Allerdings war die Kaliindustrie von den

meisten Großkunden in den USA, in Frankreich, in

England und in Russland abgeschnitten, die in der

Regel die gewinnbringenden Fabrikate nachfragten.

Die wenigen Exporte in das neutrale Ausland konnten

diese Verluste bei weitem nicht aufwiegen. Im

Inland wurden die Preise vom Reichstag festgelegt

und deckten in der Regel die Produktionskosten.

Wegen der weiterhin schwierigen Transportsituation

empfahl das Kalisyndikat den deutschen Bauern

nicht mehr die beliebte, aber wenig kalihaltige Rohsalz-Marke

Kainit, sondern das kalireichere 40er

Kalidüngesalz. Der Düngeerfolg mit dieser hochprozentigen

Marke sprach für sich. Das bereitete die

stark steigende Zahl der Bestellungen aus der Landwirtschaft

in den nächsten Jahrzehnten vor. 17

2

1918–1939: Die Zwischenkriegszeit

Neue Verhältnisse

Mit dem Ausgang des Ersten Weltkrieges sahen sich

die Kaliindustriellen sowohl außen- als auch innenpolitisch

völlig neuen Verhältnissen gegenüber. Außenpolitisch

sorgte die Abtretung Elsass-Lothringens

dafür, dass siebzehn seit 1912 im Elsass geteufte Kaligruben

sowie zwei Fabriken an Frankreich übergingen.

Auch wenn der Verlust dieser 17 Schächte bei

insgesamt etwa 260 quotierten Schächten quantitativ

kaum zu Buche schlug, zerbrach das bis dahin

rein deutsche Kalimonopol. Während das Deutsche

Kalisyndikat die Auslandspreise auch weiter hochhalten

wollte, um jeder Grube Gewinne zu ermöglichen,

begann der französische Konkurrent mit

günstigeren Preisen deutsche Absatzgebiete zu übernehmen.

18

In der jungen Weimarer Republik wurden innenpolitisch

starke Stimmen laut, die die Verstaatlichung

der Kaliindustrie forderten. Die Verstaatlichung

scheiterte hauptsächlich daran, dass alle Staatsbetriebe

Reparationsleistungen zu zahlen hatten, 19 vor

denen man die nichtstaatliche Kaliindustrie bewahren

wollte. Dieses Vorgehen hatte aber institutionelle

Folgen: Offiziell leitete der Reichskalirat – inoffi-

3

4

53


ziell weiter wie bisher die Kaliindustriellen – die Geschicke

der Industrie. Die Kaliprüfungsstelle, die die

Quoten zuwies, wurde jetzt eine staatliche Stelle.

Unter den nun herrschenden demokratischen Verhältnissen

wurden die Rechte der Arbeitnehmer gestärkt.

Erstmals mussten sich die Kaliindustriellen

bei Lohn- und Arbeitszeitfragen mit Vertretern ihrer

Belegschaften auseinandersetzen, die über weitgehende

und klar verbriefte Mitspracherechte verfügten.

1

Neue Produktionsweisen

Am Ende des I. Weltkrieges war die Kaliindustrie an

Werra, Ulster und Fliede hoch verschuldet. 20 Ihre finanzielle

Lage verschlechterte sich in den ersten Monaten

nach dem Krieg nochmals. Die dringend gebrauchten

Eisenbahnwaggons wurden hauptsächlich

zum Rücktransport der Truppen und für Nahrungsmitteltransporte

eingesetzt.

Wieder herrschte Kohlenmangel und die Auslieferung

der Produkte stockte. Die vom Reichswirtschaftsminister

festgelegten Kohlezuweisungen reichten für

einen durchgängigen Betrieb kaum aus. Das war

umso gravierender, da die Soldaten in ihre Heimatorte

zurückströmten und laut Verordnung an ihren

ehemaligen Arbeitsplätzen wieder beschäftigt wer-

54

A

ARBEITERBEWEGUNG, GEWERKSCHAFT UND STREIKS

Dagmar Mehnert

Die Weimarer Republik ist geprägt durch eine arbeitnehmerfreundliche Politik: Der Achtstundentag für die Arbeiter

verringerte die Arbeitszeit in den Fabriken um immerhin vier Stunden pro Tag, Kranken- und Unfallversicherungen

sollten einem finanziellen Ruin vorbeugen, die ersten Betriebsräte bildeten ein – wenn

auch anfangs geringes – Gegengewicht zu den politisch starken und organisierten Arbeitgebern und

durch Tarifverträge fielen die – an der Werra von Werk zu Werk – unterschiedlichen Sätze der

Löhne und Gehälter fort.

Es gelang den Gewerkschaften immer mehr Mitspracherecht zu erlangen, immer mehr

sozialverträgliche Regelungen einzufordern, die Arbeiter zu mobilisieren und

zu politisieren: 1920 legten Arbeiter in ganz Deutschland die Arbeit nieder

und vereitelten dadurch den Kapp-Putsch. 1923 fuhren Arbeiter

ins besetzte Ruhrgebiet und holten von dort Kinder, um

sie auf eigene Kosten zu versorgen. Die Arbeitslosenversicherung

gesetzlich zu verankern gelang 1927 mit breiter

Zustimmung der Arbeiterschaft. Die festen Verbandsstrukturen

schufen Vertrauen, auch wenn in den Krisenjahren der

Republik die Mitgliedszahlen stagnierten. Die Arbeitgeber

konnten zwar die Sozialisierung sämtlicher Bergbaubetriebe abwenden

und die Wiedereinführung der Vorkriegsarbeitszeit zum

1.1.1924 erreichen, dennoch waren besonders im Kalibergbau die

politischen Verhältnisse seit November 1918 geklärt: Die gewerkschaftlich

organisierten Arbeiter standen – und stehen – der Sozialdemokratie

am nächsten, die Unternehmer eher den bürgerlichen Parteien.


den mussten. Dies führte dazu, dass der Arbeitskräftemangel

in einen Arbeitskräfteüberschuss umschlug,

obwohl gleichzeitig die Arbeitszeit auch über

Tage auf täglich acht Stunden verringert wurde. 21

Ein geregelter Betrieb war aufgrund des Kohlenmangels

nicht möglich. Um Feierschichten zu vermeiden,

wurden die noch nicht endgültig quotierten

Gruben Herfa-Neurode, Großherzog von Sachsen

II/III und Kaiseroda II/III für die Befahrung

und anschließende Quotenzuweisung vorgerichtet.

Als sich die Kohlensituation auch zu Beginn des

Jahres 1919 nicht besserte, sandten die Werke einen

Teil ihrer Belegschaft zur Kohlengewinnung in das

mitteldeutsche Braunkohlerevier. 22 Doch auch dies

nutzte wenig: Die Kalifabriken lagen überwiegend

still und wurden nur in dem Umfang, den die Kohlenlieferungen

zuließen, betrieben. 23 Selbst das Werk

Großherzog von Sachsen, das einen Teil der Feuerung

auf Öl umgestellt hatte, konnte nicht arbeiten,

weil ab Mitte des Jahres auch der Bezug von Öl ausgeschlossen

war. 24 Einzig die Fabrik der Gewerkschaft

Wintershall produzierte fast durchgängig, da

dort die Befeuerungsanlagen komplett auf Braunkohlen

umgestellt waren, die in einem eigenen Bergwerk

in Glimmerode bei Hessisch-Lichtenau gewonnen

wurden. Nur vom 30.6.–3.7. und vom 8.–10.7.

2

1 Eine zeitgenössische Darstellung zum Verlust des deutschen

Weltmonopols auf Kali nach 1918

2 Das Kaliwerk Wintershall [um 1920]

Lohnstreik Hattorf – 1921

„Wir teilen Ihnen ergebenst mit, daß unsere gesamte Belegschaft heute wegen des Wagengedinges in den Streik

getreten ist. Die Belegschaft weigert sich, die Verrichtung von Notstandsarbeiten durchzuführen. Sie fordert ferner

das Fernbleiben von Angestellten und droht, ein Betreten des Werkplatzes seitens der Angestellten zu verhindern.

Zahl der Streikenden 856.“

Schreiben des Kaliwerk Aschersleben, Schachtanlage Hattorf vom 1.3.1921. ThStA Weimar, AS Gotha. Bergrevier Schmalkalden, 56, S. 78.

Streik im Werratal – 1923

„Auf sämtlichen Kaliwerken im Werratal ruht zur Zeit die Arbeit vollständig. Am Donnerstag voriger Woche trat

zunächst die Belegschaft der Schachtanlagen Heiligenroda II/III in Streik. Dieser griff sehr bald nach Kaiseroda

und Großherzog von Sachsen sowie auch nach der Gewerkschaft Sachsen-Weimar und Hattorf über. Die Leute

stellten verschiedentliche Forderungen auf einmalige Wirtschaftsbeihilfen, die sich zwischen 5 und 20 Millionen

Mark bewegten. Ferner wurde auch hier und da die Forderung nach Beschaffung von Lebensmitteln und Kleidung

gestellt. ... Die Belegschaft der Gewerkschaft Salzungen sowie diejenige der Werke Wintershall und Alexandershall

haben zunächst noch weiter gearbeitet, wurden dann aber auch durch Streikende, die von den übrigen

Werken in großer Anzahl an Ort und Stelle erschienen, durch Drohung gezwungen, ebenfalls die Arbeit niederzulegen,

sodaß von heute morgen ab ... auf sämtlichen Werken der Betrieb ruht.“

Schreiben der Untergruppe Eisenach des Arbeitgeberverbandes der Kaliindustrie an den Bergrevierbeamten in Saalfeld vom 14.8.1923.

ThStA Rudolstadt. Thüringisches Bergamt Saalfeld, 131/1, S. 61-62.

A Ein Gewerkschaftsbuch aus dem Jahr 1921

55


1

2

3

1-2 Motive von alten Kali-Werbepostkarten [um 1930]

3 Verladeanlagen der Braunkohlenzeche Glimmerode

mit Feld- und Seilbahn, [um 1920]

4-6 Motive von alten Kali-Werbepostkarten [um 1930]

7 Werbung der französischen Kaliindustrie

[vor 1945]

1919 standen auch hier die Räder still, weil ein Eisenbahnerstreik

den Transport verhinderte. 25

Auch wenn die Fabriken ruhten, gelang es den Werken

mit Ausnahme von Heiligenroda und Neuhof

im Jahr 1919 mehr zu verkaufen als 1918. Dies war

nur möglich, weil jetzt wieder der Absatz der niedrigprozentigen

Rohsalzmarke Kainit forciert wurde.

Weil das einzige Unterscheidungskriterium der chloridreichen

Kalimarken der K 2 O-Gehalt war, konnten

andere Kalidüngemittel mit 20 , 30 oder 40 Prozent

K 2 O-Anteil aus dem geförderten maximal 15 Prozent

K 2 O-haltigen Rohsalz und dem im Jahre 1918

auf Lager gelegten Produkt Chlorkalium (60 Prozent

K 2 O) gemischt werden. Dieses Produkt wurde somit

unter Wert verkauft. Selbst die großen Mengen an

schwefelsauren Salzen, die die Gewerkschaften absetzen

konnten, stammten aus Lagerbeständen. 26 Der

Absatz reichte aus, um Gewinne zu erwirtschaften 27

und damit einen Teil der Kriegsverluste auszugleichen.

Dennoch hinterließen die ersten beiden Jahre

nach Kriegsende sowohl bei den Kaliindustriellen

als auch bei den Arbeitern ihre Spuren: Die Zeiten

hoher Gewinne bei niedrigem wirtschaftlichen Risiko

schienen beendet, die sicher geglaubten Arbeitsplätze

waren nachfrageabhängig geworden. Der

Überlebenskampf vieler Werke begann.

56


4 5 6

Neue Wege

Alle Kaliindustriellen waren sich einig, dass eine

deutsche Kaliindustrie mit etwa 240 Schächten, von

denen viele nur aus Quotengründen betrieben wurden,

der Preispolitik der Franzosen kaum etwas

entgegensetzten konnte. Deshalb bestimmte der

Reichstag in der so genannten

„Stilllegungsnovelle“ 28 vom 28.10.1921, dass erstens

unrentable Schächte bis zum Jahr 1953 stillgelegt

werden konnten, dass zweitens die Quote für den

gesamten Zeitraum zugewiesen wurde und dass

drittens die Quote auf ein oder mehrere arbeitende

Kaliwerke übertragen werden konnte.

So einig sich die Kaliindustriellen in Bezug auf die

Stilllegung waren, so unterschiedlich waren ihre Ansichten

über die Art und Weise, mit der den Franzosen

dauerhaft begegnet werden sollte. Der so genannte

Kaliblock hielt an der Vorstellung von ständig steigender

Nachfrage auf der ganzen Welt fest. Seine Vertreter

gingen davon aus, dass die Franzosen nicht in

der Lage seien, eine steigende Nachfrage zu bedienen.

Deshalb investierte er in weltweite Werbung,

um die Nachfrage weiter anzukurbeln, und favorisierte

die Produktion in mittleren und kleineren

Kaliwerken.

Der andere Teil der Kaliindustrie und hier vornehmlich

August Rosterg, der Generaldirektor des später

aus der gleichnamigen Werra-Gewerkschaft hervorgegangenen

Wintershall-Konzerns, entwickelte ein

7

57


1

2

1 Die 1907 bis 1911 abgeteufte Schachtanlage Heringen. In

der 1923 stillgelegten Anlage wurde Ende der 1920er

Jahre die Zentral- und Lehrwerkstatt der Wintershall-

Werke im Werratal eingerichtet

2 Nur ein Jahrzehnt nach Förderbeginn wurde die Doppelschachtanlage

Herfa-Neurode 1923 stillgelegt und erst

nach dem II. Weltkrieg wieder in Betrieb genommen

3 Die beiden Schächte Heiligenroda II und III bei Springen

waren untereinander und mit dem Schacht I durch Seilbahnen

verbunden. Sie wurden in den Jahren 1911 bis

1913 abgeteuft

4 Über eine kilometerlange Seilbahn (nicht im Bild) erhielt

die chemische Fabrik der Gewerkschaft Heiligenroda in

Dorndorf ihr Rohsalz von ihren Schächten in Springen

5 Das Kaliwerk Kaiseroda war das erste Unternehmen im

Werratal, das 1895 mit dem Schachtbau begonnen hat.

Sein Förderbeginn war im Jahr 1901. Kaiseroda I war das

Mutterwerk von Merkers. Nach dessen Produktionsaufnahme

Mitte der 1920er Jahre wurde das Kaliwerk

Kaiseroda I zwar weiter betrieben, seine Bedeutung sank

aber beträchtlich

Alle Aufnahmen [um 1920]

58


3

4

5

59


für die Kaliindustrie völlig neues Konzept: Über eine

günstigere Produktion sollten die Kalipreise gesenkt

werden, um mit den Franzosen auf allen Märkten

konkurrieren zu können. Dazu brauchte er große,

leistungsfähige Bergwerke und Fabriken.

1 Das Stammwerk des Burbach-Konzerns in Beendorf im

oberen Allertal

2 Der Petersen-Schacht in Sondershausen mit seinem aufwändigen

Fördergerüst. Er ist einer der Schächte der

Gewerkschaft Glückauf-Sondershausen im Südharz, die

sich bis Mitte der 1920er Jahre zu einem bedeutenden

Kalikonzern entwickelt hatte

3 Genauso unvollendet wie die Schächte Buttlar und Großherzogin

Sophie bei Stadtlengsfeld blieben die beiden,

hier während der Teufarbeiten [um 1912] aufgenommenen

Schächte Heiligenmühle und Mariengart bei Oechsen

1

2

Die Kaliindustrie A.G.

Die Kaliwerke an Werra, Ulster und Fliede gehörten

zu den jüngeren und kleineren deutschen Kaliwerken.

Um mehr Einfluss im Kalisyndikat zu erlangen,

hatten einige bereits vor dem Ersten Weltkrieg

Anteile an anderen Werken übernommen oder sich

mit ihnen zusammengeschlossen.

Von 1.000 Kuxen des Kaliwerks Neuhof waren 999

auf das sächsische Eisensteinbergwerk Rothenberg

ausgestellt. 29 Rothenberg war eine Mantel-Gewerkschaft,

die völlig von der Kaligewerkschaft Hedwigsburg

kontrolliert wurde. Nach dem Ersten Weltkrieg

wurden die Schächte Neuhof und Ellers (ebenso

Neindorf, Revier Hannover) auch offiziell Hedwigsburg

zugeordnet, das kurze Zeit später zuerst im

Burbach-Konzern und dann in der Gewerkschaft

Glückauf-Sondershausen (Revier Südharz) aufging.

Glückauf-Sondershausen hatte 1918 bereits die Aktienmehrheit

von Großherzog von Sachsen in Dietlas

erworben; beide fusionierten 1920.

Das Kaliwerk Hattorf in Philippsthal besaß nicht nur

Kuxe seiner Tochtergewerkschaften Heimboldshausen

und Ransbach, sondern schloss sich 1919 mit der

bereits aus mehreren Werken bestehenden Kaliwerke

Aschersleben AG zusammen.

Die Gewerkschaft Alexandershall bei Berka war 1919

über die Kuxmehrheit an den Gewerkschaften Sachsen-Weimar

bei Unterbreizbach, Kaiseroda bei Hämbach

und Merkers, sowie Heiligenroda in Springen

und Dorndorf beteiligt und am weitesten von allen

Werra-Werken bei der Konzernbildung vorangekommen.

3

60


Dies sollte sich ab Dezember 1919 ändern: Um das

von August Rosterg entwickelte Konzept durchzusetzen,

begann die Gewerkschaft Wintershall, so viele

Kaligruppen, Schächte und Werke wie möglich

aufzukaufen; zum einen, um produktiv arbeiten zu

können, zum anderen, um die Quotenmehrheit und

damit das Sagen im Kalisyndikat zu erlangen. Die

Firma Wintershall, der bereits die Gewerkschaften

Herfa, Neurode und Heringen angehörten, übernahm

1920 die vier nicht fertig geteuften Schächte Mariengart,

Großherzogin Sophie, Buttlar und Heiligenmühle,

den Alexandershall-Konzern (Alexandershall,

Heiligenroda, Kaiseroda und Sachsen-Weimar),1922

den Konzern Glückauf-Sondershausen (Neuhof, Ellers

und Großherzog von Sachsen). Im Werra-Fulda-

Revier verblieben dem Kaliblock nur die Werke Hattorf,

Heimboldshausen und Ransbach. Damit kontrollierte

Wintershall den Kalibergbau im Werra-Fulda-Revier

und konnte beginnen, seine Pläne umzusetzen.

Als seine Dachgesellschaft („Holding“) formte

Wintershall die Kaliindustrie A.G., deren Aktienmehrheit

die Gewerkschaft Wintershall hielt. 30

Stilllegung versus Kapazitätsausbau

Die Kaliindustrie A.G. ging nach der Verabschiedung

der Stilllegungsnovelle sofort daran, unrentable

Schächte stillzulegen. Zwar zog sich das Verfahren

über Jahre hin, 31 dennoch wurde reger Gebrauch gemacht

von der endgültigen Stilllegung bis zum Jahr

1953 mit dem Ausbau der Untertage-Anlagen und

dem Verschluss des Schachtes. Auch die Möglichkeit,

Schächte vorübergehend als so genanntes Reservewerk

bei Instandhaltung der Grube für die sofortige

Wiederinbetriebnahme bei entsprechender Nachfrage

zeitweise stillzulegen, wurde eifrig genutzt.

Nach Abschluss der Stilllegungen wurden im Werra-Fulda-Revier

von den ehemals 29 Schächten nur

noch zehn weiter betrieben: Auf Seiten der Kaliindustrie

A.G. waren dies die Schächte Grimberg

(Wintershall), Heiligenroda I und II,Kaiseroda II/III,

Sachsen-Weimar, Großherzog von Sachsen I und II

und Alexandershall I; auf Seiten des Kaliblocks nur

der Schacht Hattorf.

Alle diese Schächte konnten relativ große Mengen

fördern und lieferten in eine eigene Fabrik (Heiligenroda

I und II in die Fabrik Dorndorf, Großher-

4

5

4-5 Die Kalischächte und Fabriken an Werra und Fulda vor 1918 und nach 1926

61


Endlaugenproblematik 1923

„Die den Kaliwerken im Werragebiet durch die zuständigen Stellen

in Preußen und in den ehemaligen Bundesstaaten Sachsen-

Weimar und Sachsen-Meiningen erteilten Genehmigungen enthalten

über die Abwässer-Ableitungen so voneinander abweichende,

nach verschiedenen Grundsätzen aufgestellte Bedingungen,

die zum Teil auf unrichtigen Voraussetzungen bezüglich der

zur Verarbeitung kommenden Salze beruhen, daß ein geregeltes

Arbeiten zum Teil erschwert, zum Teil unmöglich ist, sofern die

Bedingungen innegehalten werden sollen. ... Um diesen

Uebelstand zu beseitigen, haben wir uns gemeinsam mit allen

anderen Kaliwerken im Werragebiet entschlossen, den Antrag zu

stellen, uns statt der bisherigen Bedingungen uns solche aufzuerlegen

(!), die den tatsächlichen Verhältnissen der Werke angepaßt

sind und für alle Werke auf gleicher Grundlage beruhen.

Die Kaliwerke an der Werra haben sich dahin geeinigt, daß unter

Zugrundelegung der jeweils für zulässig erachteten Höchstversalzung

des Weserwassers bei Bremen ... eine Verteilung von

Chlor und Härte auf die einzelnen Werke nach Maßgabe, deren

Beteiligungsziffer am Kaliabsatz erfolgen soll und für die einzelnen

Werke selbst von der zuständigen Kaliabwässer-Kommission

errechneten Zahlen, die wir als richtig anerkennen.“

Schreiben der Gewerkschaft Sachsen-Weimar an das Thüringische Bezirksverwaltungsgericht

vom 1.9.1923. AP Suhl. Sachsen-Weimar, 1 e 15.

Wohnungsbau Hattorf, 1925

„Philippsthal. Neue Arbeitersiedlung. Auf dem Gelände südlich

des Zollhauses beginnt jetzt eine rege Bautätigkeit. Die Kaliwerke

Aschersleben, welche den Baugrund von einem hier veräußerten

Anwesen erwarben, lassen dort 72 Wohnungen entstehen, die

für Arbeiter des Werkes Hattorf bestimmt sind. Durch diese Siedlung

wird unser Dorf einen ganz bedeutenden Bevölkerungszuwachs

erhalten und sich noch weit mehr als bisher zu einem ausgesprochenen

Industrieort umwandeln. Die Herstellung der Häuser

ist an drei Unternehmer vergeben, die mit den Vorarbeiten

bereits begonnen haben.“

Hersfelder Zeitung, vom 3.6.1925.

„Philippsthal. ... Die von den Kaliwerken Aschersleben, Schachtanlage

Hattorf errichtete Siedlung geht ihrer Fertigstellung entgegen.

Einige Wohnungen konnten bereits bezogen werden und es

scheint, dass die hier herrschende Wohnungsnot infolgedessen

wesentlich herabgemindert wird. In Kürze wird noch eine größere

Anzahl auswärtiger Familien in diese Wohnungen ziehen.

– Da sich die Räumlichkeiten der hiesigen Schulen bereits jetzt

als unzulänglich erwiesen haben, wird dadurch das Problem des

Schulneubaus akut und die maßgebenden Stellen werden sich in

Kürze über diese Frage schlüssig werden müssen.“

Hersfelder Zeitung vom 16.11.1925.

62

zog von Sachsen zuerst in die 1922 in Betrieb gegangene

Fabrik in Menzengraben, ab 1924 in die Fabrik

Heiligenroda). Dank der Quotenübertragung

sowie einer allgemeinen Modernisierung und Rationalisierung

des Bergbaubetriebes stiegen die Förderzahlen

jährlich an: So förderte zum Beispiel Sachsen-Weimar

1921 insgesamt 61.320 Tonnen. 1928

waren es schon 263.334 Tonnen, also mehr als das

Vierfache. Hattorf steigerte seine Produktion um

mehr als das Dreifache von 188.504 Tonnen auf

657.715 Tonnen. Wintershall konnte seine Förderung

von 1921 (277.554 Tonnen) bis 1928 (635.087 Tonnen)

mehr als verdoppeln. 32 Um diese Mengen zu

den gewünschten Produkten zu verarbeiten, wurden

die Fabriken modernisiert und erweitert. Nicht immer

zur Freude der umliegenden Gemeinden war

das verbunden mit steigenden Flächenansprüchen,

erhöhtem Wasserbedarf und größeren Abwassermengen.

Nachfragesituationen

Schon damals war die Kaliindustrie exportorientiert;

zwischen 1920 und 1939 gingen die meisten Exporte

in die USA. Das führte nicht nur dazu, dass der

Kampf zwischen der französischen und der deutschen

Kaliindustrie hauptsächlich auf dem US-

Markt ausgefochten wurde, sondern erzeugte auch

eine direkte Abhängigkeit von US-Aufträgen.

Zwischen 1920 und 1923 orderten die USA mehr

und mehr deutsches Kali, das mit dem zunehmenden

Verfall der deutschen Währung im Export immer

günstiger wurde. Das bedeutete für das Werra-

Fulda-Revier besonders 1922/1923 rauchende Schlote,

ausgelastete Werke und den Verdienst von harten

US-Dollar. Das hieß aber auch: Liquiditätsprobleme

infolge der Inflation, Warten auf Ersatzteile aus dem

besetzten Ruhrgebiet, Einstellung von Studenten, arbeitslosen

Schauspielern und Lehrern zur Kapazitätserweiterung

und immenser Wohnraummangel

in der Region.

Als 1924 die Nachfrage aus Übersee stagnierte, ruhten

einige Kaliwerke wochenlang, starke Gewinneinbußen

und Entlassungen von Arbeitskräften waren

die Folge. Dennoch konnten viele Kaliarbeiter sich

und ihre Familien mehr schlecht als recht über Wasser

halten, besaßen sie doch häufig Bauernhöfe oder

bewirtschafteten große Nutzgärten. Ein Teil der entlassenen

oder vorübergehend freigesetzten Arbeiter

fand Beschäftigung in Merkers, wo die sich gerade

im Bau befindliche Kalifabrik schnellstmöglichst

vollendet werden sollte.


Kaiseroda II/III, Fabrik Merkers

Die zwischen 1911 und 1920 geteuften Schächte Kaiseroda

II und III erschlossen die besten Kalisalzvorräte

im Werratal. Da es an der Doppelschachtanlage

weder eine Fabrik noch geeignete Transportmöglichkeiten

zur mehrere Kilometer entfernten Fabrik

Kaiseroda I gab, wurde das Rohsalz vorerst nur vermahlen

und gelangte direkt in den Versand. Das

Rohsalz wurde ab 1923 in der Fabrik Heiligenroda 33

verarbeitet, die aber für die ständig steigenden Produktionsmengen

nicht ausgestattet war.

Ihrem Betriebskonzept folgend entschloss sich die

Kaliindustrie A.G. deshalb, eine völlig neue „Fabrik

Merkers“ für eine tägliche Verarbeitung von 6.000

Tonnen Rohsalz zu erbauen. Damit war die Fabrik

dreimal so leistungsfähig wie alle anderen deutschen

Kalifabriken und sollte auch dem immer größer

werdenden Bedarf an chemischen Spezial-

Produkten nachkommen.

Die Fabrik wurde – trotz Inflation – zwischen 1922

und Mai 1925 zügig gebaut. Sie ging am 15. Mai 1925

mit einer Verarbeitungskapazität von 2.500 Tonnen

pro Tag in Betrieb; die gewünschten 6.000 Tonnen

Tagesproduktion wurden 1928 erreicht. 34

Damit verfügte der Wintershall-Konzern nicht nur

über die leistungsfähigste Kalifabrik der Welt, sondern

auch über die teuerste Neuinvestition der Kaliindustrie.

Sie war ein Prestigeobjekt, das funktionieren

musste – besonders vor dem Hintergrund,

dass der Kaliblock die Fabrik argwöhnisch beobachtete.

1 Luftaufnahme der chemischen Fabrik Heiligenroda in

Dorndorf [um 1928]

2 Werksansicht Kaliwerk Merkers mit den Fördergerüsten

der beiden Schächte und der Fabrik [um 1925]

1

2

63


1

64

Theorie versus Praxis

Mit Ausnahme des Jahres 1924 stieg die Nachfrage

zwischen 1921 und 1925 kontinuierlich an. Das führte

nicht nur zu rauchenden Schloten und hohen Gewinnen,

sondern auch zur Vollbeschäftigung. Als

aufgrund einer weltweiten Agrarkrise 1926 die Nachfrage

stagnierte, drosselte die Kaliindustrie A.G. im

Werra-Revier mit Ausnahme von Merkers, das uneingeschränkt

weiterbetrieben wurde, die Produktion

und ordnete Feierschichten an. Als sich die wirtschaftliche

Lage nicht besserte wurden weitere

Schächte und Fabriken stillgelegt. Davon betroffen

war das Werk Sachsen-Weimar, weil die Fabrik

noch nicht ausgebaut war und im engen Ulstertal

erst nach der Ulsterkanalisierung Ende 1925 genügend

Platz für eine Fabrikerweiterung geschaffen

wurde.

Als zweites stellte Großherzog von Sachsen II/III den

Betrieb ein, weil die hier geförderten Salze seit 1922

in die Fabrik Heiligenroda in Dorndorf geliefert wurden

und Transportkosten gespart werden sollten.

Da der Fabrik nun zu wenig Rohsalz geliefert wurde,

mussten auch die Schächte und die Fabrik Heiligenroda

ihren Betrieb einstellen. Nur so gelang es, die

Fabriken Merkers, Wintershall und Alexandershall

und ihre Schachtanlagen weiterhin auszulasten.

Dieses Vorgehen bedeutete für die Kaliindustrie A.G.

einen immensen Investitionsverlust, da Schächte

und Fabriken den Betrieb einstellten, in die bereits

große Summen investiert worden waren. Um noch

weitere Verluste zu vermeiden, änderte die Kaliindustrie

A.G. ihr Vorgehen: Anstatt alle zugelassenen

und gängigen Kalidüngermarken auf einem Werk

zu produzieren, ging sie dazu über, nur die Marken

auf den Werken herzustellen, die am günstigsten aus

dem jeweils vorhandenen Rohsalz gewonnen werden

konnten. Auf dem Werk Sachsen-Weimar wurde lediglich

eine neue, leistungsfähigere Mühle installiert,

da es über sehr hochprozentiges Rohsalz verfügte

und die Marke Kainit, an guten Tagen auch

das 20er Kalidüngesalz, aus der Grube vermahlen

und direkt abgesetzt werden konnte. Großherzog von

Sachsen förderte vorwiegend Carnallit, die Fabriken

Merkers und Wintershall stellten hauptsächlich 40er

Kalidüngesalz her und Heiligenroda produzierte

schwefelsaure Salze. Chlorkalium wurde nur noch in

sehr geringen Mengen als Ausgangsstoff zur Herstellung

von schwefelsauren Salzen versandt; selbst

auf dem Kaliblock-Werrawerk Hattorf ist neben der

Steigerung der Förder- und Produktionskapazität


2

Betriebseinschränkung im Werk

Großherzog von Sachsen

„Am heutigen Tag fand der ... Termin zur örtlichen

Besprechung über die Betriebseinschränkung unserer

Anlagen statt. ... Von der Werksleitung wurde

ausgeführt, daß die wirtschaftliche Lage ein weiteres

Durchhalten des Betriebes, sowohl auf SchachtI

als auch auf Schacht II/III und auf den beiden Fabriken

nicht mehr möglich sei. Schon seit mehreren

Monaten arbeitet der Betrieb mit Verlusten von

etwa Mark 75.000,- monatlich. Die katastrophale

Lage gehe auch daraus hervor, daß nicht nur das

Werk Großherzog von Sachsen, sondern auch viele

andere Werke der Kaliindustrie in den verschiedensten

Gegenden Deutschlands zur Zeit aus Mangel

an Geld und aus Mangel an Absatz ihre Betriebe

schließen müßten, zumal so erhebliche Lagerbestände

vorrätig seien, daß ein Jahresbedarf damit

gedeckt werden könne.

Schreiben der Kali-Industrie A.G. vom 19.5.1924. Thüringisches

Staatsarchiv Rudolstadt. Thüringisches Bergamt Saalfeld, 363,

S. 65-68.

1 Das Kaliwerk Sachsen Weimar in Unterbreizbach mit seinem

Doppelbock-Fördergerüst[um 1920]

2 Werbe-Postkarte für Hederich-Kainit zur Unkrautbekämpfung

die Anpassung der Produktion an das vorgefundene

Salz zu beobachten. Damit lösten sich nicht nur

die Unterschiede zwischen Kaliblock und Kaliindustrie

A.G. wie Salz in heißer Lauge auf, sondern

beide Parteien zogen am gleichen Strang: Schwefelsaures

Kali wurde 1928 hauptsächlich von den Werken

Wintershall, Alexandershall, Heiligenroda und

Hattorf geliefert. Insgesamt 63,52 Prozent des Weltjahresabsatzes

dieser Marke stammten damals aus

den genannten vier Werken.

Dass die Werrawerke die Produktion von schwefelsauren

Produkten in den Mittelpunkt stellten, wundert

nicht, denn der einzigen konkurrierenden ausländischen

Kalilagerstätte im Elsass fehlte das Salzmineral

Kieserit, das zur Produktion von schwefelsauren

Salzen notwendig ist. Deshalb existierte das

deutsche Monopol für die schwefelsauren Produkte

faktisch weiter. Hätte man sich früher auf diese Pro-

duktion konzentriert, wäre manche Stilllegung an

Werra und Fulda vielleicht zu umgehen gewesen. Besonders

hart von der Betriebsschließung betroffen

war die Belegschaft der Schächte Neuhof und Ellers,

weil die nächsten Arbeitsplätze in einem Kaliwerk

über 60 Kilometer entfernt lagen und es vor Ort an

anderen Arbeitsmöglichkeiten mangelte. Die Anpassungen

an herrschende Marktverhältnisse waren

aber unumgänglich, weil die französische Konkurrenz

zum einen im Bereich der chloridreichen Kalimarken

zu Gewinneinbußen führte. Zum anderen

aber auch, weil die Quotenregelung nur dem Werk

große Liefermengen erlaubte, das die größte Produktvielfalt

herstellen konnte. Mit der Möglichkeit

der Quotenübertragung wurde dieses starre System

offiziell beibehalten, in der Praxis jedoch ausgehebelt:

Jetzt durfte etwa Merkers die Quote für 40er Kali von

Neuhof, Heiligenroda, Sachsen-Weimar und anderen

Werken verarbeiten und so günstig produzieren, dass

die Preise der chloridreichen Marken herabgesetzt

werden konnten. 1926 schlossen sich deutsche und

französische Kaliwerke in einem gemeinsamen Syndikat

zusammen: Die elsässischen Werke sollten ein

Drittel, die deutschen Werke zwei Drittel des Gesamtjahresabsatzes

dieser Marken herstellen.

65


A

Bergmannsvereine

B

Vereinsname Ort Werk gegründet Nachweis

Knappenverein Dankmars- Alexanders- 1928

hausen hall

Knappenverein Kieselbach K II/III 1935

(Merkers)

Knappenverein Dietlas Großherzog 1935

v. Sachsen

Knappenverein Tiefenort vorw. 1902

Kaiseroda I

Knappenverein Leimbach Bernhardshall/ 1903

Heldburg

Knappenverein Berka Alexanders- 01.05.1904

„Wilhelm Ernst“

hall

Bergmannsverein Heringen Wintershall 18.12.1904

„Glückauf“

Knappenverein Frauensee/ vorw. 13.08.1905

Dönges Heiligenroda

Bergmannsverein Neuhof Neuhof-Ellers 10.08.1907

„Glückauf“

Knappenverein Unterbreiz- Sachsen- 29.10.1910

„Sachsen Weimar“ bach Weimar

„Verein Glückauf“ Merkers Kaiseroda 08.10.1933

66


C

BERGMANNSVEREINE - DIE TRÄGER BERGMÄNNISCHER KULTUR

Hermann-Josef Hohmann

A

B

C

D

Die Bergmannsvereine Wintershall, Dankmarshausen und

Alexandershall haben sich mit ihren Fahnen zum

Gruppenfoto aufgestellt

Der Bergmann Adam Möllbrich war eines der

Gründungmitglieder des Bergmannsvereins „Glückauf“

Wintershall

Der Bergmannsverein „Glückauf“ Wintershall aus Heringen

1913 mit seinem Vorsitzenden Adam Möllbrich

Die Fahne des Bergmannsvereins Kieselbach auf einer zur

Fahnenweihe [um 1907] aufgelegten Postkarte

Die Arbeit im Bergwerk ist etwas Besonderes: Sie

ist hart, findet unter Tage statt und ist ausgesprochen

wichtig. Denn seit jeher gewinnen die Bergleute

Rohstoffe, ohne die viele Produkte nicht hergestellt

werden könnten. Aus Stolz auf den eigenen

Berufsstand hat sich im Verlauf vieler Jahrhunderte

im Bergbau überall eine reiche Tradition und

Kultur entwickelt.

Bevor der Kalibergbau begann, waren die Orte im

Werratal und Neuhof Bauerndörfer, in denen die

bergmännische Kultur unbekannt war. Schon die

ersten aus anderen Bergbauregionen stammenden

Bergleute, die maßgeblich am Aufbau des Werra-

Fulda-Reviers mitgewirkt haben, brachten ihre berufsständischen

Traditionen mit. Wohl von ihnen

angeregt sind schon vor 1910 eine ganze Reihe von

Bergmannsvereinen entstanden. Ihre Gründung ist

Ausdruck dafür, dass der Stolz auf den Bergmannsberuf

im neuen Revier schnell Fuß gefasst hat. Bis

zur NS-Zeit waren die Bergmannsvereine weit verbreitet

und pflegten untereinander bei Festen, Bergparaden

und anderen Gelegenheiten rege Kontakte.

Die in den 1930er Jahren erfolgte Gleichschaltung

und Auflösung als eigenständige Vereine hat

vielerorts diese Entwicklung unterbrochen. Nur in

Neuhof existierte der Verein in bescheidenem Umfang

weiter, obwohl das Werk stillgelegt und als

Munitionsanstalt genutzt wurde. Nach dem II. Weltkrieg

brachten die Neuhofer Bergleute im Zuge der

Wiederinbetriebnahme des Kaliwerks ihren Verein

schnell zu neuer Blüte und konnten 1957 mit einem

großen Fest ihr 50-jähriges Gründungsjubiläum feiern.

Heute ist der sehr aktive Bergmannsverein Neuhof

der größte hessische Bergmannsverein. Im hessischen

Werratal hat es bis 1994 gedauert, bevor

der Bergmannsverein Glückauf Wintershall, der

von 1904 bis 1935 bestanden hat, wieder ins Leben

gerufen wurde. Auf thüringischer Seite gab es

ehemals die meisten Vereine. Aber zu DDR-Zeiten

war ein Anknüpfen an alte Traditionen nicht möglich

und auch nach der Wiedervereinigung hat sich

bislang nur der Bergmannsverein Unterbreizbach

wieder gegründet und pflegt die bergmännische

Kultur sehr rege.

D

4

67


KRISTALLISIERKÄSTEN UND KÜHLANLAGEN

Dagmar Mehnert

Beim Heißlöseverfahren geht das Kaliumchlorid in einer heißen Löselauge

in Lösung. Kühlt sich die Lauge ab, kristallisiert das Kaliumchlorid aus.

Anfangs ließ man die Lösung unter dem Einfluss der Außentemperatur in

großen Kristallisierkästen langsam abkühlen. Diese waren in eigens dafür

erbauten Hallen aufgestellt, die zwar ein Dach, aber keine Seitenwände

besaßen. Dabei ging viel Wärme ungenutzt verloren und eine gleichbleibende

Produktion war unmöglich, da je nach Außentemperatur die Abkühlung

unterschiedlich lange dauerte.

Mit der vom Wintershall-Konzern entwickelten Vakuumkühlanlage wurde

diese Energieverschwendung Anfang der 1920er Jahre beendet: Nun wurde

die heiße Lösung in große Kühlerapparate gefüllt, in denen sie unter

Vakuum abkühlte. Die dabei freiwerdende Wärme wurde zurückgewonnen

und wärmte die Löselauge für die Heißverlösung vor.

A

A

B

Kühlraum mit Kühlkästen

Vakuum-Kühlanlage

B

1

Standortsicherung

Der Ausbau der Förder- und Verarbeitungsleistung

war nur mit weitgehender Technisierung der Abläufe

möglich, die zwischen 1920 und 1939 in allen Bereichen

über und unter Tage vorgenommen wurden.

In den Fabriken gelang es bereits ab 1922, durch den

Bau von Vakuumkühlanlagen die beim Heißlöseverfahren

entstehenden heißen Salzlösungen sehr viel

schneller und präziser abzukühlen und die bei der

Abkühlung abgegebene Wärme wieder zu verwenden.

Damit wurden nicht nur Brennstoffe eingespart,

sondern gleichzeitig wurde auch Qualitätssicherung

betrieben.

Im Bereich der Schachtförderung begann gegen Ende

der 1920er Jahre die Umstellung von der Gestell- auf

die Gefäßförderung. Die erste Gefäßförderung wurde

bereits 1913/1914 im Schacht Heimboldshausen

installiert. Da die Be- und Entladung sehr anfällig

war und der Personentransport mittels unterhängendem

Korb erst erprobt werden musste, wurde sie

erst nach Detailverbesserungen ab 1924 im Schacht

Hattorf, im Jahre 1929 im Schacht Grimberg (Wintershall)

und nach und nach auf allen anderen Werken

eingeführt. 36

Der Abbau unter Tage war schwere körperliche Arbeit:

angefangen vom Bohren der Sprenglöcher per

Hand, über das Beladen der Förderwagen mit Schippe

und Schaufel bis hin zum Schieben der gefüllten

Förderwagen. Bereits um 1900 wurden die Handbohrmaschinen

von Maschinen mit elektrischem

Antrieb verdrängt. Nach und nach wurden die elektrischen

Bohrmaschinen bei in etwa gleich bleibendem

Gewicht mit immer stärkeren Motoren ausgestattet.

Das mechanisierte Befüllen der Förderwagen

ermöglichte erst ab Ende der 1920er Jahre der Einsatz

von Schrappern. Diese mechanische Fördereinrichtung

brachte das Rohsalz vom Abbauort durch

die bis über 200 Meter langen Abbaustrecken zu den

Förderstrecken und füllte dort die bereitstehenden

Förderwagen.

Zur wachsenden Leistungsfähigkeit trug auch die Lösung

des Abwasserproblems bei. Seit 1929 war es

auch großtechnisch möglich, einen erheblichen Teil

68

1 Bohrturm zur Errichtung eines Schluckbrunnens für das

Kaliwerk Hattorf im Ulstertal im Jahr 1928


des in den Kalifabriken anfallenden salzigen Abwassers

in den Plattendolomit – die wasserführende

Schicht über den Kaliflözen, die das Teufen extrem

verteuert hatte – zu versenken. Die Versenkung eröffnete

den Werken endlich einen zweiten Entsorgungsweg

neben dem Einleiten ihres Abwassers in

die Flüsse. Nunmehr konnten die von Seiten des

Staates zum Schutz der Flussanrainer vorgegebenen

Grenzwerte auch bei steigenden Produktionsmengen

eingehalten werden. Damit gehörten auch die langwierigen

Verhandlungen über Versalzungsquoten,

die Anpassung der Produktion an die Wassermengen

der Werra und das Aufstellen von teuren Abwassersammelbehältern

weitgehend der Vergangenheit an.

Die Modernisierung und verbesserte Technik über

und unter Tage hatten für die Belegschaften Folgen:

Da die Leistungsfähigkeit gestiegen war, konnte Personal

abgebaut werden. Zu einer großen Entlassungswelle

kam es nur deshalb nicht, weil durch den Ausbau

der Nebenproduktpalette wieder Arbeitsplätze

geschaffen wurden.

Chemische Produkte

und Mischdünger

Aus dem Kalirohsalz lassen sich nicht nur Kalidüngemittel,

sondern auch eine Vielzahl von chemischen

Produkten herstellen. Anders als die Kalidüngemittel

wurde der Absatz dieser Nebenprodukte

nicht vom Kalisyndikat überwacht, so dass sich die

Kaliwerke in diesen Märkten als Konkurrenten gegenüberstanden.

1921 gründete die Kaliindustrie

A.G. die „Salzgewinnungs- und Vertriebsgesellschaft

des Wintershall-Konzerns“, kurz: SAWIKO, die zwar

für alle Belange des Vertriebs zuständig war, sich in

die Produktion jedoch nicht einmischte.

Die Zusammensetzung des Werratal-Rohsalzes ermöglicht

es, mehrere der auf Kalium basierenden

Produkte zu erzeugen. Deshalb stellten alle Werke

aus den Reststoffen der Kalidüngemittelgewinnung

Nebenprodukte her und sicherten sich damit zusätzliche

Gewinne. Neben Brom (Alexandershall, Wintershall)

und Chlormagnesium (Großherzog von

Sachsen), deren Preise und Produktion vom Syndikat

geregelt wurden und nicht der SAWIKO unterstanden,

lieferten 1924 alle Werke hauptsächlich Kieseritprodukte

(55- oder 65-prozentiger Kieserit

GESTELL- UND

GEFÄSSFÖRDERUNG

Dagmar Mehnert

Wenn ein Schacht mit einer Gestellförderung

versehen ist, werden im Förderkorb die vollen

Förderwagen ans Tageslicht und die leeren zurück

in die Grube transportiert. Die schweren

eisernen Förderwagen müssen dabei immer als

Totlast mitbefördert werden. Das Aufschieben

der vollen in den Förderkorb und das Abschieben

der leeren Förderwagen vom Förderkorb

nimmt jedes Mal Zeit in Anspruch. Dies erschwert

eine effiziente Förderung.

Bei einer Gefäßförderung hängen zwei siloartige

Fördergefäße im Schacht, die immer abwechselnd

auf und ab bewegt werden. Ist eines am

Füllort angekommen, öffnet sich der Verschluss

einer Messtasche, aus der heraus das Fördergefäß

befüllt wird. Die in ihr zwischengespeicherte

Materialmenge ist genau auf den Betrieb der Anlage

abgestimmt. Wieder über Tage angekommen

entleeren sich die vollen Gefäße selbsttätig. Solche

Fördereinrichtungen bewegen nur wenig Totlast

und sind sehr leistungsfähig.

B

C

A

B

C

A

Das Fördergefäß von Wintershall

[vor 1930]

Schachtscheibe Grimbergschacht

[vor 1930], links und rechts:

Fördergefäß

Der Füllort des Schachtes I der

Gewerkschaft Kaiseroda mit Gestellförderung

auf einer am

07.03.1908 abgeschickten Postkarte

69


70

1


zw. Kieseritschutt).1928 produzierte von den Wintershall-Werrawerken

nur noch Wintershall Kieserit

in einer Größenordnung von 67,47 Prozent des Gesamtjahresabsatzes

aller deutschen Werke.

Die Fabrik Merkers übernahm ab 1925 hauptsächlich

die Lieferung von Glaubersalz. Dies verwundert

nicht weiter, da bei der Produktion von Glaubersalz

das 40er Kalidüngesalz quasi als „Abfallprodukt“

entsteht.

Neben den industriell gewünschten Produkten wie

Magnesiumchlorid, Kalimagnesia, Natriumsulfat etc.

wurde auch für das Gesundheitwesen (Natron, medizinisches

Bittersalz, Badezusätze) sowie für die

Küche (Natron als Backtriebmittel) produziert.

Der Wintershall-Konzern versuchte nicht nur im

Bereich der chemischen Produkte, sondern auch im

Bereich der Volldünger, damals als Mischdünger bezeichnet,

Gewinne abzuschöpfen. Für ein ungehindertes

Wachstum benötigt jede Pflanzenart eine bestimmte

Menge der Pflanzennährstoffe Stickstoff,

Phospor und Kalium. Um den Absatz anzukurbeln,

wurden in den USA bereits vor dem Ersten Weltkrieg

die drei Komponenten vor dem Ausliefern für

die Farmer gemäß der von ihnen angebauten Kulturpflanzen

gemischt. In Deutschland dagegen

mischten die Landwirte auch nach dem Ersten Weltkrieg

die Nährstoffe selbst zusammen und achteten

dabei oft nicht auf ein optimales Mischverhältnis.

Zwar diskutierte man offiziell bis 1927 über den

Sinn des Mischdüngersystems, doch bereits 1926

hatte die I.G. Farbenindustrie, der größte deutsche

Stickstofflieferant, mit Nitrophoska I und Nitrophoska

II die ersten Volldünger Deutschlands auf

den Markt gebracht. Im November 1926 schlossen

namentlich August Rosterg als Vertreter des Wintershall-Konzerns

und Peter Klöckner als Vertreter der

2

3

4

1 Der Baum des Kali zeigt, welche Produkte aus den

Kalirohsalzen herstellbar sind

2 Kälteerzeugungsanlagen für die Glaubersalzherstellung

im Kaliwerk Merkers [vor 1950]

3 Werbe-Postkarte für den von der BASF hergestellten

„Nitrophoska-Dünger“

4 Die Neubauer Düngungstabelle für Kali hilft, den

Kalibedarf der Nutzpflanzen zu ermitteln

71


DER SCHRAPPER ERLEICHTERT DIE ABBAUFÖRDERUNG

Hermann-Josef Hohmann

Bis in die Mitte der 1920er Jahre hinein mussten

die Bergleute in den Abbauen die Förderwagen

von Hand beladen und mit Muskelkraft auf Schienen

in die nächste Förderstrecke schieben.

Mit der Einführung des Schrappers änderte sich

diese Situation grundlegend. Um einen möglichst

effektiven Betrieb der Schrapperanlagen zu gewährleisten,

waren Änderungen in der Abbauführung

erforderlich. Die Abbaue waren nun bis über 200

Meter lang und so angeordnet, dass eine Schrapperanlage

das Rohsalz von zwei Abbauen abfördern

konnte, ohne versetzt zu werden. Zwei Bergmänner

bohrten 1) Sprenglöcher mit der elektrischen

Säulenbohrmaschine und bereiteten diese anschließend

für die Sprengung vor. Währenddessen förderte

der dritte Bergmann mit dem 2) Schrapper das

zuvor losgesprengte Rohsalz ab. 3) Dabei befand er

sich am Steuerstand des außerhalb des Abbaus installierten

Schrapperantriebes, des so genannten

Schrapperhaspels. 4) Der Schrapperkasten war ein

aus Metall angefertigter, U-förmiger, oben und

unten offener Kasten, der in ein endloses Drahtseil

eingebunden war. Am Ende der Abbaustrecke wur-

de das Seil über eine Endrolle geführt. Der Haspel

war eine Art motorgetriebene Seilwinde, die mit

einer Kupplung versehen war und eine zweigeteilte

Seiltrommel antrieb. Die Bewegungsrichtung des

Schrapperkastens war umkehrbar, je nachdem ob

die Vollseiltrommel oder die Leerseiltrommel das

Seil aufwickelte, während es sich von der anderen

abwickelte. Zum Abfördern wurde der Schrapperkasten

zurück zum Streckenende gezogen. Dort angekommen,

kehrte der Bergmann am Steuerstand

die Bewegungsrichtung um und der Kasten grub sich

durch sein hohes Eigengewicht in das losgesprengte

Rohsalz. War er gefüllt, wurde er zur Förderstrecke

gezogen, wo eine spezielle 4) Entladestation, die

Schrapperschurre, aufgebaut war. War der unten

offene Kasten über eine schiefe Ebene auf der mit

einer Öffnung versehenen Schurre angelangt, fiel

das Rohsalz von alleine in die unter der Schurre bereitstehenden

Förderwagen. 5) Diese wurden meist

mit Seil- oder Kettenbahnen zum Schacht gebracht.

Damit war nicht nur das Laden der Förderwagen

mechanisiert, sondern es konnte nunmehr auch

darauf verzichtet werden, mit großem Arbeitsauf-

A

72


B

C

D

wand Gleise in die Abbaustrecken hineinzuverlegen.

Ein weiterer Vorteil kam hinzu: Am besten einsetzbar

war er in einer Lagerstätte, in der die Kaliflöze

wie an der Werra flach im Untergrund lagen. So ermöglichte

der Schrapper einen großen Anstieg der

Förderleistung und trug maßgeblich zum Aufstieg

des Werra-Reviers zum wichtigsten deutschen und

zeitweise weltgrößten Kaliabbaugebiet bei.

E

A Blick in eine Schrapperstrecke im Kaliwerk Heiligenroda.

Kupferstich von E. Mayerhofer

B Prinzipskizze Schrapperförderung

C Portrait des Bergwerksdirektors Albert Korpien, der maßgeblich

für die Einführung des Schrappers an der Werra

verantwortlich war

D Schrapperbühne mit Schrapper im Kaliwerk Hattorf 1928

E Abbaustrecke mit Schrapperkasten im Kaliwerk Merkers

[vor 1950]

73


stickstofferzeugenden Klöckner-Werke einen Vertrag

über die Produktion von Stickstoff-Kalidünger.

Nachdem im Herbst 1928 die erste Fabrik in Rauxel

und im Frühjahr 1929 eine weitere auf dem Kaliwerk

Sondershausen in Betrieb gegangen waren, plante

man eine weitere Fabrik zur Mischdüngerherstellung

auf dem Kaliwerk Heringen. Gebaut wurde sie aufgrund

der kurz nach der Fertigstellung der Pläne

ausbrechenden Weltwirtschaftskrise nicht.

1 Das 1931 erstmals stillgelegte Kaliwerk Alexandershall bei

Berka [um 1920]

2 Aushänge für Feierschichten vom Schwarzen Brett des

Kaliwerks Kaiseroda

3 Ein Teil der Fabrikanlagen des Kaliwerks Merkers [vor

1945]

1

2

Die Kaliwerke

während der Weltwirtschaftskrise

Die Kaliindustrie spürte die Kapitalvernichtung von

90 Milliarden US-Dollar am 24.Oktober 1929, dem

so genannten „Schwarzen Freitag“, schon am Jahresende

1929, als die US-Nachfrage nach den gewinnbringenden

schwefelsauren Salzen fast völlig wegbrach.

Da die Nachfrage aus Deutschland gleichzeitig

sank, kämpften die Werrawerke um schwarze

Zahlen. Die Produktion brach weitgehend zusammen

und es wurde Personal abgebaut. Alexandershall

stellte 1931 seinen Betrieb komplett ein, das

Werk Großherzog von Sachsen ruhte 1932 ganzjährig.

37 Die Rationalisierungs- und Mechanisierungsmaßnahmen

wurden forciert, um die Effektivität des

Gruben-, Förder- und Fabrikbetriebes zu erhöhen

und noch günstiger produzieren zu können. Deshalb

wundert es nicht, dass sich gerade in den absatzschwachen

Jahren 1930 und 1931 beispielsweise

der Schrapper endgültig in allen Gruben durchsetzte.

Hatten bereits die 1920er Jahre den Beschäftigten in

der Kaliindustrie vor Augen geführt, wie abhängig

die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze von der Nachfrage

war, so wurden sie in den beschäftigungsarmen Jahren

1929 bis 1932 erneut stark getroffen, denn das

Geld wurde aufgrund von Feierschichten und Freisetzungen

sehr knapp. Dennoch wirkte sich nach

Meinung der Zeitgenossen die Krise im Werratal

„erheblich milder aus als in den Großstädten“, 38

weil die Unternehmen darauf achteten, dass hauptsächlich

Arbeiter vorübergehend entlassen wurden,

die über eine Nebenerwerbslandwirtschaft verfügten

und sich relativ gut selbst versorgen konnten.

74


1933–1939: Kali und Nationalsozialismus

in Friedenszeiten

Als Adolf Hitler am 30. Januar 1933 die politische

Macht in Deutschland übernahm, standen die Kaliindustriellen

und auch August Rosterg vom Wintershall-Konzern

diesem Wechsel sehr optimistisch

gegenüber. Rosterg hatte die Nationalsozialisten bereits

vor der Machtübernahme finanziell unterstützt

und erhoffte sich – wie viele Repräsentanten der

deutschen Industrie mit ihm – eine Stabilisierung

der politischen und sozialen, besonders aber der

wirtschaftlichen Verhältnisse. Zwar war schon seit

etwa der Mitte des Jahres 1932 die Nachfrage aus

dem In- und Ausland langsam gestiegen, so dass die

Kaliwerke kontinuierlich produzieren konnten, doch

von ausgelasteten Betrieben und Gewinnen waren

die Werke im Januar 1933 noch weit entfernt. Bis

zum Jahresende 1933 hatte sich die Situation nicht

grundlegend gebessert. Deshalb senkte das Reichswirtschaftsministerium,

dem die Kaliindustrie per

Reichsgesetz vom 18.12.1933 unterstellt war, die Preise

für Kali im Inland. Dies geschah nicht auf Wunsch

der Kaliwerke, sondern wurde im Einklang mit der

nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik bestimmt,

denn die benötigten Lebensmittel sollten im In-

3

land hergestellt werden; Deutschland sollte unabhängig

von Importen werden. Die niedrigeren Kalipreise

erhöhten die Nachfrage, was zu einem Beschäftigungsschub

auf den Werrawerken führte. Bis

November 1934 fielen alle Betriebseinschränkungen

fort und die Belegschaften wurden aufgestockt: Beschäftigte

Wintershall im Krisenjahr 1932 noch 587

Personen, so standen 1936 insgesamt 871 Arbeiter,

Angestellte und Beamte in Lohn und Brot. 39 Sie förderten

insgesamt 949.082 Tonnen Rohsalz und setzten

88.810 Tonnen Kalidüngerprodukte ab. 40 Heiligenroda

erreichte mit 1.009 Beschäftigten und der

Verdoppelung der Förderleistung des Jahres 1934

fast die Wintershaller Ergebnisse. 1935 beschäftigte

Kaiseroda/Merkers 1.982 Personen, die 1.676.652

Tonnen Rohsalz förderten.Aus 1.566.852 Tonnen

dieses Rohsalzes wurden 155.792 Tonnen 40er Kalidüngesalz,

153.405 Tonnen Glaubersalz, 26.089 Tonnen

Magnesiumsulfat und 36.610 Tonnen Bittersalz

hergestellt. 41

Unterstützung für die Nationalsozialisten

„Das von der Regierung Hitler noch im Jahr der Machtergreifung erlassene

Kaligesetz war nicht zuletzt auch eine Art Gegenleistung für die Unterstützung,

die führende Repräsentanten der Kaliunternehmen und des Kalisyndikats

im Vorfeld des 30. Januar 1933 den Nationalsozialisten gewährt

hatten. So hatten bereits der Generaldirektor des Kalisyndikats,

Dr. August Diehn, und der Generaldirektor der Wintershall AG, August

Rosterg, an der gemeinsamen Beratung von deutschen Großindustriellen

mit Adolf Hitler am 26. Januar 1932 im Düsseldorfer Industrieclub teilgenommen,

auf der dieser das nationalsozialistische Konzept für den Fall

einer Machtübernahme vorgestellt hatte. Nachdem die NSDAP bei den

Novemberwahlen 1932 deutliche Stimmenverluste gegenüber den Reichstagswahlen

vom Juli des gleichen Jahres zu verzeichnen hatte, forderte

auch Rosterg in einem Schreiben an Hindenburg die unverzügliche Übertragung

der Regierungsmacht auf die Nationalsozialisten. Aber die Unterstützung

des NSDAP beschränkte sich vor 1933 nicht nur auf Appelle,

sondern war auch von finanziellen Zuwendungen begleitet. Eine wichtige

Rolle in den Beziehungen zwischen Wirtschaft und NSDAP spielte der im

Mai 1932 gegründete „Freundeskreis der Wirtschaft“; nach seinem

Initiator, dem mittelständischen Chemieunternehmer Wilhelm Keppler,

zunächst „Keppler-Kreis“ genannt. Aus ihm sollte 1935 der „Freundeskreis

des Reichsführers der SS, Heinrich Himmler“ hervorgehen. Dem exklusiven

Gremium gehörte u.a. auch August Rosterg an, dessen Jahresbeitrag

sich auf 100.000 Reichsmark belief.“

Moczarski, Norbert: Kalibergbau in der NS-Zeit 1933-1945. In: Eisenbach, Ulrich und Paulinyi,

Akos (Hg.): Die Kaliindustrie an Werra und Fulda. Darmstadt 1998, S. 80-81.

75


1

2

3

Die Diktatur bestimmt die

Arbeits- und Lebensverhältnisse

Die ersten Jahre der nationalsozialistischen Diktatur

erschienen vielen Zeitgenossen in wirtschaftlicher

Hinsicht als Erfolgsgeschichte. Endlich gab es nach

quälenden Jahren der Wirtschaftskrise wieder genügend

Arbeit, in Deutschland ging es scheinbar wieder

aufwärts. Für diesen Aufschwung bezahlten aber

nicht nur die Gewerkschaften einen hohen Preis,

sondern alle, die Widerspruch gegen die Diktatur

wagten. Die Gewerkschaften wurden nach ihrer offiziellen

Auflösung am 24.Oktober 1933 in der Deutschen

Arbeitsfront zusammengefasst und durchweg

machtlos. Das Kaligesetz vom 18.Dezember 1933 entfernte

die Arbeitnehmervertretungen auch aus dem

Reichskalirat und hob gleichzeitig viele der arbeits-,

tarif- und sozialrechtlichen Errungenschaften der

Weimarer Republik auf.

In den Betrieben galt spätestens mit dem „Gesetz zur

Ordnung der nationalen Arbeit“ vom 20. Januar 1934

das Führerprinzip, Arbeiter und Angestellte bildeten

in den Betrieben die Gefolgschaft. Für überzeugte

Gewerkschafter war hier genauso wenig Platz wie

für Sozialdemokraten, Kommunisten oder Demokraten.

Selbst unpolitische berufsständische Vereinigungen

wie Bergmannsvereine oder die der Arbeiterkultur

entstammenden Radfahr- und Gesangsvereine

wurden gleichgeschaltet und aufgelöst. So bestand

beispielsweise der Bergmannsverein Glückauf

Wintershall Heringen nur bis 1935. Mit breit gefächerten

Angeboten vom Kameradschaftsabend über

Bergmannsfeste und Maifeiern bis zu Urlaubsreisen

mit der Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF)

sollten die Belegschaften an das nationalsozialistische

System angebunden werden.

76

1 Drei Bergleute im September 1937. Tiefenort ist zur 800-

Jahrfeier im „Stil der Zeit“ geschmückt

2 Ein Festwagen mit Bergleuten in Tracht im Kaliwerk Merkers

[um 1938]

3 Titelgrafik der Werkszeitschrift des Wintershall-Konzerns

„Der Kalibergmann“, wie sie von Anfang 1934 [bis Ende

1935] verwendet wurde

4 Ein Magnewin-Barren vom 18.10.1935. Er soll aus der ersten

Schmelze in der Heringer Leichtmetallfabrik stammen

5 Ein Magnewin-Ring, ebenfalls aus den ersten Tagen der

Leichtmetallproduktion Ende 1935


4 5

Leichtmetallherstellung und

Rationalisierungen

Bis Mitte der 1930er Jahre hatte der Wintershall-

Konzern mit der Produktion von Düngemitteln einen

festen Kundenstamm in der Landwirtschaft versorgt,

chemische Spezialprodukte für die Industrie

hergestellt und war 1931 in die Erdölsuche und -veredelung

eingestiegen. Einen völlig neuen Absatzbereich

eroberte sich der Konzern mit der Herstellung

von Leichtmetall. Nach einem eigens entwickelten

Verfahren wurde das in den Kaligruben gewonnene

Salzmineral Carnallit entwässert, einer elektrolytischen

Trennung unterworfen und sein Magnesium-

anteil rein oder in Form von Legierungen einer Verwendung

in Leichtmetallprodukten zugeführt. In Verbindung

mit Aluminium konnten nach entsprechender

Weiterverarbeitung Press- und Spritzgussteile

aller Art hergestellt werden. Die Produktion benötigte

viel Energie und war nur rentabel, weil die Unabhängigkeit

von Rohstoffimporten höher bewertet

wurde als die Wirtschaftlichkeit der Produktion. Im

Zusammenhang mit der umfassenden Aufrüstung

benötigte Deutschland Leichtmetall in großen Mengen.

Einen Teil davon lieferte der Wintershall-Kon-

GRUBENUNGLÜCK IN MERKERS

Hermann-Josef Hohmann

Das bislang schwerste Grubenunglück im Werra-

Fulda-Revier ereignete sich am 30. Juli 1938. Betroffen

davon waren elf Bergleute, die am Gesenk

III eingesetzt waren. Dabei handelte es sich um

eine Verbindung zwischen dem Flöz Hessen und

dem etwa 65 Meter darunter liegenden Flöz Thüringen.

Es war mit einer Fördermaschine zum Transport

von Menschen, Material und Rohsalz ausgestattet.

Von hier aus sollte ein verstärkter Abbau des

unteren Flözes begonnen werden. Als das Unglück

geschah, waren die Bergleute aus den Gesenk zur

oberen Sohle ausgefahren und der Steiger zündete

die vorbereiteten Sprengungen. Damit löste er einen

Gasausbruch aus, der etwa 3.700 Tonnen Salz auswarf

und etwa 50.000 Kubikmeter Kohlensäuregas

freisetzte. Die Bergleute versuchten zwar noch zu

flüchten, aber das aus dem Gesenk hochschießende

Gas erreichte und tötete sie.

A

Die Trauerfeier für die umgekommenen Bergleute wurde

von den Nationalsozialisten für ihre Zwecke vereinnahmt

A

77


1 Magnewin wird im Flugzeugbau eingesetzt

2 Eine Spannstation der Seilbahn von Schacht II/III zur chemischen

Fabrik Heiligenroda im Jahr 1936

3 Ein Großraumwagen wird im Kaliwerk Merkers von einem

Schrapper beladen

4 Gruppenaufnahme anlässlich der Übergabe der Werksanlage

des Kaliwerks Neuhof-Ellers an die Wehrmacht zur

Einrichtung einer Munitionsanstalt (Muna) [um 1935]

1

zern aus seiner Leichtmetallfabrik in Heringen. Diese

verkaufte bereits im Dezember 1935, nur drei Monate

nach Betriebsbeginn, die ersten Produkte, 1936

hatte sich der Name Magnewin bereits als Markenname

etabliert. Auf die Bilanz der erstrebten Rohstoffautarkie

Deutschlands wirkten sich die 565

Tonnen Leichtmetall, die die Wintershaller Fabrik

von Januar bis September 1936 produziert hatte sowie

die doppelte Menge im Jahr 1937 sehr positiv

aus. 42 Vor allem beim Flugzeug- und Fahrzeugbau

hat Magnewin Verbreitung gefunden. Weitere technische

Investitionen in den Jahren 1938 und 1939 erhöhten

die Produktionsmengen. 43

Gleichzeitig investierte der Wintershall-Konzern weiter

in die Rationalisierung seiner Gruben- und Fabrikbetriebe:

So bekam zum Beispiel Wintershall

eine neue Dampfturbine und eine neue Rohsalzaufbereitungsanlage,

Heiligenroda erhöhte die

Leistung der 1912 erbauten Drahtseilbahn von den

Schächten zur Fabrik in Dorndorf und 1938 wurden

in der Grube Kaiseroda/Merkers die ersten

Großraumförderwagen im Werratal eingesetzt. Nach

mehrmonatiger Stilllegung und Modernisierung

konnten Schacht und Fabrik Sachsen-Weimar am 1.

Januar 1938 wieder in Betrieb gehen. 44

2 3

78


Heeresmunitionsanstalten

Schon kurz nach der Machtergreifung wurde im Zusammenhang

mit der militärischen Aufrüstung Deutschlands

nach neuen Produktionsstätten gesucht,

an denen einzelne Komponenten wie Hülsen, Treibladungen,

Explosivstoffe und Zünder zur fertigen

Munition zusammengesetzt werden konnten.

Bereits 1934 stellte sich heraus, dass sich stillgelegte

Kalischächte hervorragend zur Anlage solcher Munitionsanstalten

eigneten. Über Tage waren meist

Räumlichkeiten für die Produktion, Werkstätten,

Anlagen zur Energieversorgung und Gebäude für die

Verwaltung, die Belegschaften und die Wachmannschaften

vorhanden. Unter Tage konnten die vor

Luftangriffen geschützten, bombensicheren Hohlräume

vor allem zur Lagerung der hergestellten Munition

genutzt werden. Der einzige Nachteil, der alleinige

Zugang durch den Schacht mit manchmal begrenzten

Transportkapazitäten, wurde oft durch den

Einbau einer leistungsfähigeren Schachtförderung

ausgeglichen. 45 Insgesamt mietete die Wehrmacht

Einrichtung der Muna Neuhof-Ellers 1936

„Wie Ihnen bekannt ist, sind die Grubenräume der Werke Ellers und Neuhof

von der Wintershall Aktiengesellschaft, Kassel, der Heeresverwaltung

für Einlagerungszwecke zur Verfügung gestellt worden. Bevor die Einlagerung

beginnen kann, sind die für diesen Zweck geeigneten Räume besonders

herzurichten.

Die Sohle ist söhlig bzw. absatzweise söhlig zu legen, die Firste dieser

Räume zu befestigen und die zum größten Teil noch vorhandene Grubenbahn

instandzusetzen, zu ergänzen und mit Weichen zu versehen. ... in

der Regel zieht ... Schacht Ellers ein und Schacht Neuhof aus. In den warmen

Monaten wechselt der Wetterzug in die entgegengesetzte Richtung.

… Die Beförderung des Einlagerungsgutes in den Hauptstrecken wird durch

Akkumulatorenlokomotiven bewerkstelligt. ... Das Füllort, die Hauptstrekken

und die Zuführungsstrecken zu den Lagerräumen erhalten ausreichende

elektrische Beleuchtung. ... Die Einrichtung einer Fernsprechanlage zwischen

Füllort, Hängebank und Steigerbüro ist beabsichtigt. ... Das Einhängen

des Gutes erfolgt in der Regel im Schacht Ellers, während Neuhof als

Reserveeinlagerungsschacht dient. Sämtliche elektrischen Einrichtungen

unter Tage und auf der Hängebank (Transformatoren, Motoren, Beleuchtungsanlage,

Fernsprech- und Schachtsignalanlage) werden schlagwettergeschützt

hergestellt. Von Beginn der Einlagerungen an werden als

Handleuchten nur noch elektrische Sicherheitslampen benutzt.

Betriebsplan der Schachtanlagen Ellers und Neuhof für das Betriebsjahr 1936, soweit sie für

die Einlagerung von Heeresmunition in Frage kommen vom 24.3.1936. HSt Marburg, Bestand

56. BA Schmalkalden, Acc. 1987/50. Akten Paket 43. Nr. 760.

4

79


48 Kalischächte als Munitionsanstalten (Muna) von

den Kalikonzernen. Darunter im Werra-Fulda-Revier

seit 1935 die Schächte Alexandershall, Abteroda

(Alexandershall II), Neuhof, Ellers, Herfa und Neurode.

Alle Förderanlagen wurden umgebaut und

unter Tage große Kammern angelegt, die zum Teil

als Produktionshallen, zum Teil als Lagerräume dienten.

Da vorwiegend Nicht-Bergleute in den Anlagen

beschäftigt wurden, unterstanden die Anlagen nicht

nur einem militärischen, sondern auch einem bergbehördlichen

Sicherheitsbeauftragten. Trotz des ständigen

Umgangs mit Explosivstoffen kam es in den

Munas an Werra und Fliede zu keinen schweren Unfällen

oder Explosionen.

„Arbeit, Arbeit

und nochmals Arbeit!“ 46

Die steigende Förderung und Verarbeitung der Kalisalze

auf allen produzierenden Werken, die Leichtmetallfabrik

in Heringen, mit der allein 650 zusätzliche

Arbeitsplätze geschaffen wurden, 47 und die

vier Munas führten zu einem noch höheren Bedarf

an Arbeitern im Werratal. In Neuhof brachte die

Muna einen Teil der arbeitslosen Kaliarbeiter wieder

in Lohn und Brot. Der erhöhte Arbeitskräftebedarf

im Werratal – allein auf Wintershall hatte sich

die Belegschaft von etwa 700 im Jahre 1933 auf knapp

1400 im August 1939 verdoppelt – führte erneut zu

A

DER GEPLANTE

WERRA-MAIN-KANAL

Dagmar Mehnert

Nur im Unterlauf ist die Werra als Schifffahrtsstraße

ausgewiesen und für kleine Wasserfahrzeuge

befahrbar. Schon vor Beginn des 20. Jahrhunderts

gab es erste Pläne, die Flussgebiete von Weser und

Main unter Nutzung der Werra mit einem Kanal zu

verbinden. Da als Folge des I. Weltkrieges vor allem

der Rhein und seine Nebenflüsse nach 1918 „internationalisiert“

waren, besann man sich erneut der

Idee eines Werra-Main-Kanals. Realistisch überarbeitete

Pläne zu seinem Bau lagen bereits seit 1914

vor. Nun wurde er in Verbindung mit einer „rein

deutschen Großschifffahrtsstraße“ von der Nordsee

bis zur Donau propagiert. Bis 1926 standen einem

Baubeginn fehlende Finanzmittel und Diskussionen

über andere Varianten entgegen, die die Fulda nutzen

wollten. Obwohl sich die Streckenführung über

die Werra planerisch durchsetzte, wurde das Vorhaben

nicht verwirklicht. Es hätte sich wirtschaftlich

nur gerechnet, wenn es gelungen wäre, den an

den notwendigen Staustufen erzeugten Strom gewinnbringend

unter anderem an die Kaliwerke zu

verkaufen. Wegen der hohen Frachtkosten beim

Bahntransport ihrer Produkte versuchte die Kaliindustrie

wenigstens eine Schiffbarmachung der

Werra von Hann. Münden bis nach Heringen und

später bis Wartha bei Eisenach durchzusetzen. Obwohl

die Pläne 1929 weit vorangeschritten waren,

wurden sie ebenso wenig realisiert wie weitergehende

Kanalplanungen in den 1930er Jahren.

80

A

Der geplante Verlauf des Werra-Main-Kanals mit verschiedenen

Streckenvarianten


einem extremen Wohnungsmangel. Auf hessischer

Seite förderten die Kaliwerke im Verbund mit der

Hessischen Heimstätte sowie staatlicher Darlehen

den Haus- und Wohnungsbau, auf thüringischer Seite

im Verbund mit dem thüringischen Pendant.

Allein in Heringen wurden bis 1939 insgesamt 105

Wohnungen in 67 neu erbauten Häusern bezugsfertig.

Dies hatte nur eine minimale Entlastung des

Wohnungsmarktes zur Folge. Weitere 300 Wohneinheiten

wurden in Heringen und Umgebung bis

1943/44 fertiggestellt. 48 Mit dem heutigen Ortsteil

Räsa entstand bei Unterbreizbach eine dorfähnliche

Siedlung nur für Bergleute und Fabrikarbeiter der

Kaliindustrie. Für die übrigen hessischen Werke und

die komplette thüringische Seite fehlen genaue Angaben.

Die Zahl der erbauten Wohnungen dürfte jedoch

die 2.000er Marke weit überschritten haben.

1939–1945: Kali und

Nationalsozialismus in Kriegszeiten

Kriegsbedingte Änderungen

Der Ausbruch des II. Weltkrieges hatte im Gegensatz

zum I.Weltkrieg im Werra-Fulda-Revier zunächst nur

wenige direkt spürbare wirtschaftliche Folgen. Das

lag daran, dass die Kaliindustrie sowohl Düngemittel

als auch Rohstoffe zur Herstellung von Sprengmitteln

lieferte. Zwar konnten die Kaliwerke die

staatlichen Vorgaben – 100.000 Tonnen K 2 O Vorrat

an jedem Monatsersten 49 – nicht erfüllen, weil die

Eisenbahnwaggons zum Truppen- und nicht zum

Brennstofftransport eingesetzt wurden. Die Auswirkungen

waren jedoch nicht so schwerwiegend,

da die Abberufungen von Belegschaftsmitgliedern

zum Heeresdienst die Produktionsmöglichkeiten

einschränkten und der Überseehandel infolge des

Krieges unterbunden wurde. Diesen Absatzverlust

glich in den ersten Kriegsjahren die Besetzung Europas

durch das NS-Regime weitgehend aus, da auch

in den besetzten Gebieten die Autarkie im Lebensmittelbereich

verordnet wurde, 50 wovon die Kaliindustrie

wirtschaftlich profitierte.

In der Kriegswirtschaft wurden die Kaliwerke nicht

nur angehalten, die notwenigen Kalidüngesalze zu

produzieren, sondern auch bei den kriegswichtigen

Nebenprodukten das Möglichste aus dem Salz her-

1

2

3

1 Straßenansicht und Wohngiebel eines Einzelhauses in der

Kleinsiedlung Heringen vom 29.10.1938

2 Plan der Hessischen Heimstätte, Außenstelle Rotenburg,

für die Siedlung Heringen, Bauabschnitt 2 vom 04.01.1939

3 August Rosterg in der Betriebszeitung „Der Kalibergmann“

am 09.09.1939 zum Ausbruch des II. Weltkrieges

81


1 Eine Darstellung der Verbundenheit von Bauer und Bergmann

anlässlich des von den Nazis 1936 mit großem

Pomp auf dem Bückeberg gefeierten Erntedankfestes

2 Mitteilung über den Tod des Gefreiten Friedrich Deisenroth

1

2

auszuholen. Deshalb ging 1940 in Hattorf eine Schwefelsäurefabrik

in Betrieb und in den Räumen der

Bittersalzfabrik Merkers wurde zwischen 1941 und

1944 doppelt gereinigtes Kaliumchlorid und Sulfat

produziert, 51 alles Produkte, die für die Herstellung

von Sprengstoffen notwendig waren. Das seit 1940

auf Hattorf hergestellte Brom lieferte die Grundlage

zur Produktion von Tränengasen. Die Leichtmetallfabrik

in Heringen produzierte nun keine zivilen,

sondern ausschließlich kriegsrelevante Produkte.

Trotzdem blieben die Düngemittel der hauptsächliche

Produktionszweig, galt es doch, die „Erzeugungsschlacht“

zur Sicherstellung der autarken Nahrungsmittelversorgung

zu schlagen.

Der II. Weltkrieg war anfangs durch die rationierten

Lebensmittel, das Fehlen der an die Fronten abberufenen

Männer und die Todesanzeigen von Gefallenen

im Revier präsent. Wer nicht an die Front

musste oder politisch auffällig war, hatte weiterhin

seine geregelte Arbeit mit acht Stunden pro Tag in

der Grube und seit 1924 wieder mit zehn Stunden

pro Tag in den Fabriken. Auch jetzt konnten sich

wieder viele Kaliarbeiter mit der eigenen Landwirtschaft

oder aus dem Garten relativ gut mit Nahrungsmitteln

versorgen. Trotz Krieg organisierte die

KdF weiter die seit 1933 durchgeführten und in der

Regel gut besuchten Theater-, Musik- und Tanzveranstaltungen.

Aus den Lautsprechern der Radios

tönten die Meldungen der gleichgeschalteten Medien

von Erfolgen an allen Fronten und in den Kinos

wurden „gute deutsche“ Filme gezeigt.

Die allgemeine Materialverknappung, die Abberufungen

von Facharbeitern an die Front und die Sonderdienste

der Belegschaften belasteten die Kaliindustrie

seit 1941 jedoch zusehends. Deshalb wurden

Männer aus dem Werratal zunehmend vom Kriegsdienst

entbunden, 52 zumal der Einsatz von Kriegsgefangenen

den Facharbeitermangel nicht auffangen

konnte. Dennoch waren 1943 gut ein Drittel der Beschäftigten

auf den Kaliwerken, in den Munas und

in der Heringer Leichtmetallfabrik Zwangsarbeiter

oder Kriegsgefangene. 53 Viele dieser zeitweise über

3.000 Menschen wohnten in speziellen Lagern, etwa

in Dankmarshausen, in der Nippe am Schacht Heimboldshausen-Ransbach

oder in Unterbreizbach.

82


ZWANGSARBEITER, KRIEGSGEFAN-

GENE UND KZ-HÄFTLINGE

Hermann-Josef Hohmann

Im Krieg wurden auch Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene

in den Kaliwerken beschäftigt. Auch die

Munitionsanstalten setzten viele Zwangsarbeiter

ein. Sie alle waren meist in speziellen Lagern untergebracht

und hatten je nach Nationalität eine unterschiedliche

Behandlung zu erdulden: Westeuropäer

waren besser, Osteuropäer schlechter gestellt.

A

B

Aufnahme eines Lagers für britische Luftwaffenangehörige

in Unterbreizbach

Luftaufnahme der Fabrik der Bayerischen Motorenwerke

(BMW) in Abteroda. Im Fertigungsgebiet war das KZ-

Außenlager „Anton“ untergebracht. Eine Aufnahme der

US-Luftaufklärung aus dem Sommer 1944

A

B

83


84

„... um sie vor Verlust durch

Bombenangriffe zu schützen“ 54

Während des II. Weltkrieges wurden nicht nur Kali,

Leichtmetall, chemische Grundstoffe und Heeresmunition

von einheimischen oder zur Arbeit gezwungenen

Fremdarbeitern und Kriegsgefangenen

produziert, sondern ganze Belegschaften fremder

Firmen im Werratal angesiedelt. Denn mit Andauern

des Krieges und immer häufigeren alliierten

Bombenangriffen suchten größere Betriebe aus den

Ballungszentren nach Standorten, die mehr Sicherheit

boten. So kam es, dass in den Übertageanlagen

auf Heiligenroda I, II und III Produktionsbereiche

der AEG-Reparaturenfabrik (Mühlheim/ Ruhr), der

Firma Kellermann (Wuppertal), der Firma Louis

Eilers (Hannover-Herrenhausen), der Firma Henschel

(Kassel) und der Firma Schmalfuß (Berlin) untergebracht

wurden. Die Anlagen von Großherzog von

Sachsen I übernahm die Firma Hasenclever (Düsseldorf).

Die BMW-Werke (Eisenach) mieteten sowohl

über als auch unter Tage Produktionskapazitäten

am Schacht Abteroda, um Flugzeugmotoren

zu produzieren.

In den Fertigungskomplex integriert war ein mit

dem Tarnnamen „Anton“ versehenes Außenlager

des KZ-Buchenwald mit etwa 230 weiblichen Häftlingen,

die ursprünglich aus dem KZ-Ravensbrück

bei Berlin gekommen waren.„Anton“ wurde am

4.12.1944 mit einem Brandbomben-Teppich belegt,

der allerdings die Anlage verfehlte und zwischen

Dippach und Leimbach niederging. 55 Ab Januar

1945 wurde unter dem Namen „Heinrich Kalb“ mit

etwa 1.100 Häftlingen im Grubenfeld Heiligenroda

III eine untertägige Produktionsanlage von BMW

vorbereitet. Eine weitere Anlage namens „Ludwig

Renntier“ war auf Kaiseroda I geplant, wurde jedoch

bis Kriegsende nicht vollendet.

Die Kalibergwerke wurden im Laufe des Zweiten

Weltkrieges nicht nur als sichere Produktionsstätten,

sondern zunehmend auch als bombensichere Aufbewahrungsorte

für Kulturgüter und Wertgegenstände

aller Art gesehen. Doch auch das nützte nichts

mehr: Am Ostersamstag, den 31.März 1945, standen

amerikanische Truppen auf dem Werksgelände von

Wintershall in Heringen, hatten einen Tag später

ganz Heringen eingenommen, rückten am 3. April

EINLAGERUNGEN VON KULTUR-

UND ANDEREN GÜTERN

Dagmar Mehnert

Als sich der Bombenkrieg der Alliierten immer

weiter steigerte und je näher die militärische

Niederlage rückte, desto dringender war es, in

Deutschland sichere Orte zur Unterbringung

von Kulturgütern und anderen wertvollen oder

wichtigen Dingen zu finden. Da die Kaligruben

sicher vor Bombenangriffen waren und günstige,

trockene Lagerungsbedingungen boten, brachten

die Fördertürme seit Januar 1944 nicht nur

Salz nach über Tage, sondern beförderten auch

Wertgegenstände in die Tiefe. Fast alle Schächte

waren eingebunden in die Einlagerungsaktivitäten

und an Werra und Fulda befanden sich unter

Tage Bibliotheken, Kunstschätze, Theaterkostüme,

Akten, Geld und Gold, aber auch Munition

und Ausrüstungsgegenstände der Wehrmacht.

Auch der Wintershall-Konzern brachte seine

Aktenbestände in den Bergwerken in Sicherheit.

Ausgewählten Konzernmitarbeitern und

verschiedenen Nazi-Größen wurde ebenfalls

gestattet, private Wertgegenstände einzulagern.

A

B

C

Die US-Generäle Patton, Eisenhower und Bradley bei

der Begutachtung von eingelagerten Gegenständen im

Kaliwerk Merkers

Ende 1944 wurden Sakralgegenstände aus Ostpreußen

in der Grube Springen eingelagert. Reste davon

konnten 1992 geborgen werden

In den Grubenbauen der Schachtanlage II/III des Kaliwerks

Heiligenroda war während des II. Weltkrieges

der Weinkeller einer Nazigröße namens Claußnitzer

eingelagert. Hier begutachtet ein Bergmann lange

nach dem Krieg die Überreste.

A


B

C

85


1

nach heftigen Kämpfen im Ort Unterbreizbach und

am 4. April im Ort und auf der Schachtanlage Merkers

ein. Innerhalb weniger Wochen waren sämtliche

Einlagerungen entdeckt, gehoben und in amerikanischen

Besitz übergegangen.

Von den Kaliwerken wurde nur Sachsen-Weimar in

direkte Kriegshandlungen verwickelt und brannte

zum Großteil ab. Ansonsten kam es nur zu geringen

Schäden: Das Fördergerüst des Schachtes Herfa der

Muna Herfa-Neurode wurde gesprengt, in Heringen

brannte durch einen am Bahnhof stehenden und in

Brand geratenen Munitionszug der benachbarte Lagerschuppen

der Gewerkschaft Wintershall ab und

in Merkers wurde ein vollbeladener Munitionszug

in der Werra versenkt.

1 Völlig ausgebrannt steht der am 31.03.1945 im Heringer

Bahnhof explodierte Munitionszug auf den Gleisen

2 Die Bohrmannschaft der Probebohrung „Siegel IV“ im

Bereich von Neuhof [um 1905]

3 Am Bohrturm einer Erkundungsbohrung im Werratal ist

die Bohrmannschaft angetreten. Es fehlt nicht an „flüssiger

Nahrung“

86


2

3

87


1

2

3

88


4

1 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers bei Neuhof am 1. September

1911

2 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 15. Oktober 1911

3 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 1. Dezember 1911

4 Der Abteufplatz des Schachtes Ellers am 15. Februar 1912

5 Am Schacht Heiligenroda IV wird der Abteufturm errichtet

[um 1912]

5

89


1

2

90

1 Obwohl der hölzerne Abteufturm noch steht, wird am

Schacht Hattorf [um 1908] bereits damit begonnen, das

eiserne Fördergerüst zu errichten

2 Der Aufbau des eisernen Fördergerüstes, der Schacht- und

Fabrikanlagen des Kaliwerks Hattorf ist [um 1908] weiter

vorangeschritten

3 Die Schachthalle und das eiserne Fördergerüst werden

1911 am Schacht Heiligenroda I errichtet


3

91


1

2

1 Zwei Hauer [um 1920] mit einer elektrischen Bohrmaschine,

möglicherweise vom Typ GBD 123

2 Der Betriebsführer Dreyer [um 1918] unter Tage in Merkers

3 Schon früh hat der Kalibergbau Besucher angezogen, wie

das Bild auf einer im Jahr 1906 abgeschickten Postkarte

belegt: Es zeigt Besucher unter Tage in der Grube Kaiseroda

I mit mehreren Bergleuten und den für den Abbau

notwendigen Werkzeugen und Geräten

4 Im Kaliwerk Hattorf sind 1925 Bergleute mit einer elektrischen

Säulenbohrmaschine vor Ort

5 Der Blindschacht führt 1925 unter Tage zur zweiten Sohle

in der Grube Hattorf

3

92


4

5

93


1

1 Das Kaliwerk Alexandershall bei Berka/Werra auf einer

am 12. März 1925 verschickten Postkarte

2 Das Kaliwerk Wintershall in Heringen von der Bahnhofstraße

aus betrachtet auf einer am 22. April 1926

verschickten Postkarte

3 Gesamtansicht der Werksanlagen des Schachtes Kaiseroda

I nach einem Stich der Kunstanstalt Eckert und Pflug

aus Leipzig [um 1919]

2

94


3

95


1

2

96


3

1 Die chemische Fabrik der Gewerkschaft Heiligenroda in

Dorndorf auf einer von der Werraue aus [um 1925] aufgenommenen

Postkarte

2 Werksansicht des Kaliwerks Merkers [um 1936] vom Krayenberg

aus

3 Werksansicht des Kaliwerks Hattorf von Westen im Jahr

1926

4 Das Kaliwerk Sachsen-Weimar in Unterbreizbach in einer

Luftaufnahme vom Juni 1928

5 Der Schacht Heimboldshausen auf einer am 2. August 1911

versendeten Postkarte. Der Schacht Ransbach im Hintergrund

wird noch abgeteuft, wie der Teufturm belegt

4

5

97


1

2

3

98


4

1 Schon kurz nach der Fertigstellung des Schachtes Grimberg

gab es in Heringen Bergmusikanten, wie das [um

1904] entstandene Foto mit dem am 20. Mai 1885 geborenen

Peter Laun (2. v. l.) belegt

2 Beim Bergmannsfest [um 1934] in Merkers tragen Bergkapelle

und Bergleute ihre Bergmannstracht. Mit auf dem

Foto sind (rechts im Bild) einige Besatzungsmitglieder des

Zeppelins, der 1917 bei Tiefenort notlanden musste

3 Der Bergmannsverein Wintershall hat sich für ein Erinnerungsfoto

vor seiner Vereinsgaststätte aufgestellt

4 Mit der Bergkapelle zieht ein Festzug [um 1925] durch

Merkers

Folgende Seite:

1 Am 1. April 1926 hat Friedrich Wölkner eine Ehrenurkunde

der südthüringischen Industrie- und Handelskammer in

Sonneberg für seine 25-jährige Tätigkeit im Kalibergbau

erhalten

99


1

100


Hartmut Ruck

Die Kali-Industrie an der Werra

3

1 4

Nachdem die Grenze das Revier gespalten hat, fällt sein thüringischer

Teil an die DDR. Die Kaliproduktion wird nach 1945

unter schwierigsten Bedingungen, zunächst unter sowjetischer

Leitung, wieder aufgenommen. Die Schlote rauchen, weil die

DDR den Kalidünger wirtschaftlich dringend benötigt. In der

Folge werden die Werke weiter ausgebaut und die Infrastruktur

der Region zwischen Bad Salzungen und der „Staatsgrenze

West“ wird auf die Bedürfnisse der dominierenden Kaliindustrie

ausgerichtet. Die Kaliwerke übernehmen immer mehr Aufgaben,

sie unterhalten Ferienobjekte, Schwimmbäder, Kulturhäuser

und stellen darüber hinaus auch noch Konsumgüter

her. Kurz vor der Grenzöffnung befindet sich die Kaliindustrie

entsprechend den Maßstäben der Planwirtschaft auf hohem

Niveau – der Marktwirtschaft ist sie nur zum Teil gewachsen.

2

in Thüringen 1945–1989 1 1 Bergleute sind 1986 auf der Schachtanlage

Springen II/III nach ihrer

Ausfahrt aus der Grube auf dem Weg

zur Kaue

2 Festwagen des Kraftwerks Merkers

[um 1964] zum Tag des Bergmanns

mit der Figur „Wattfrass“

3 Der Bohrkopf eines Großlochbohrwagens

4 1950 verlässt der erste Förderwagen

festlich geschmückt die neu eingerichtete

Werkstatt in Merkers


102

Kriegsende in Unterbreizbach

„Die Mißachtung der Kapitulation durch einen SS-Mann veranlaßte die

anrückende amerikanische Armee, das Dorf und auch das Werk unter Beschuß

zu nehmen. 57 Wohnhäuser, 86 Scheunen und Ställe mit dem

Viehbestand sowie 10 Gebäude des Kaliwerks wurden so am 3. April

1945 ein Raub der Flammen. Der große Fabrikateschuppen sowie die

Verladung brannten mit allen Einrichtungen bis auf die Grundmauern ab.

Auch die Trockenstation brannte vollständig aus, ebenso die Rohsalzmühle,

das Magazin, die Bauwerkstatt und sieben werkseigene Wohnhäuser. An

weiteren Gebäuden und Einrichtungen entstanden ebenfalls erhebliche

Schäden.“

Aus: 1905-1995, 30 Jahre Kalischacht Unterbreizbach. Hrsg. v. Bergmannsverein

Unterbreizbach o.O. [Unterbreizbach], 1995, S. 21

1

Situation am Ende

des Zweiten Weltkrieges

Das Ende des Zweiten Weltkrieges markierte einen

tiefen Einschnitt in der Entwicklung des Kalibergbaus

an der Werra, wenngleich sich auf thüringischem

Gebiet die Kriegsschäden in Grenzen hielten:

Im Gegensatz zu den Werken Heiligenroda und Kaiseroda,

die den Krieg ohne nennenswerte Schäden

überstanden, waren am 3. April 1945 infolge von

Kampfhandlungen verschiedene Gebäude des Werkes

Sachsen-Weimar abgebrannt. 2

Brückensprengungen im Umfeld der Kaliwerke hatten

allerdings das Eisenbahnnetz der Region stellenweise

zerstört.

Eine Produktionsaufnahme unmittelbar nach Beendigung

des Krieges im Frühjahr/Sommer 1945 wurde

durch Brennstoffmangel und fehlendes Fachpersonal

weitgehend verhindert. Zwar ordnete die amerikanische

Militärverwaltung die Steinsalzförderung

auf Kaiseroda I ab 1.7.1945 an, zog aber gleichzeitig

270 Bergleute im Mai und Juni 1945 zur Arbeit in

der Braunkohlengrube Borken ab. Zusätzlich forderten

die Amerikaner materielle und technische

Hilfe für das Werk Wintershall ein, damit dieses die

Steinsalzförderung am 1. August 1945 aufnehmen

konnte. 3

Entsprechend den Beschlüssen der Alliierten auf

der Krimkonferenz in Jalta 1945 wurde Thüringen

Bestandteil der Sowjetischen Besatzungszone, so

dass die Sowjetarmee die US-Armee Anfang Juli

1945 als Besatzungsmacht ablöste.

Ein schwerer Start –

Kali als Reparationsleistung

Die Sowjetische Militäradministration in Deutschland

(SMAD) ließ durch ihre ersten Befehle frühzeitig

erkennen, dass sie gewillt war, sich neben der Demontage

auch in großem Umfang industrielle Vermögenswerte

zu sichern. Ein wesentlicher Bestandteil

dieser Politik war die Bildung von Sowjetischen

Aktiengesellschaften (SAG), die bald zu den wichtigsten

Lieferanten von Reparationsgütern gehörten.

In diesen nach Branchen organisierten Konzernen

wurden zunächst über 200 der wichtigsten Großbetriebe

der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)

zusammengeschlossen. 4 Die thüringischen Kaliwer-


2

3

ke an der Werra wurden nach Gründung einer Treuhandgesellschaft

im März 1946 ab dem 1.9.1946 der

sowjetischen „Staatlichen Aktiengesellschaft für

Düngemittel in Deutschland“ zugeordnet. 5 Alle Werke

erhielten eine sowjetische Leitung. Der alliierte

Kontrollrat hob das Kali-Gesetz von 1933 mit seiner

Quotenbeschränkung und das Kali-Syndikat auf.

Damit war der Weg für eine ungebremste Entwicklung

offen, die auch im Interesse der Besatzungsmacht

war.

Zur Aufnahme der Produktion in den Kaliwerken erließ

die SMAD am 9.1.1946 den Befehl Nummer 9,

der Produktionsziele und die Verfahrensweise zur

Lösung der zu bewältigenden Probleme grundsätzlich

regelte. 6 Die Werke Heiligenroda und Kaiseroda

nahmen nach Maßgabe dieses und des nachfolgenden

Befehls Nummer 55 der Sowjetischen Militäradministration

für Thüringen (SMATh) den Betrieb

Mitte Januar 1946 wieder auf. 7 Der Wiederaufbau

der zerstörten Werksanlagen Sachsen-Weimar bei

Unterbreizbach begann im November 1945, so dass

das Werk am 1.9.1946 wieder in Produktion gehen

konnte. 8 Im Januar und Februar 1946 konnten die

Werke Heiligenroda und Kaiseroda die Vorgaben

des SMAD-Befehls Nummer 9/1946 und des SMATh-

Befehls Nummer 55/1946 nur zu 44 Prozent beziehungsweise

23 Prozent erfüllen, 9 weil Fachpersonal,

Material, Brennstoffe und Transportmöglichkeiten

für die Belieferung der Kunden fehlten.

Da das Personalproblem auch durch Zwangsverpflichtung

auf Grundlage des SMAD-Befehls Nummer

9/1946 seitens der Arbeitsämter nicht zufriedenstellend

gelöst werden konnte, bestanden die Belegschaften

zur Hälfte aus im Bergbau unerfahrenen

Hilfsarbeitern, darunter waren auch unter Tage

zunehmend weibliche Arbeitskräfte. Als Anreiz für

die Arbeit in den strukturbestimmenden Industriezweigen

der Sowjetischen Besatzungszone – und damit

auch im Kalibergbau – erließ die SMAD im Jahr

1947 den sozialpolitisch orientierten Befehl Nummer

234. 10 Soziale Maßnahmen wie die Gewährung von

Sonderurlaub, die Ausgabe von markenfreiem Essen

und die Bereitstellung von knappen Gütern wie Bekleidung

und Schuhen sollten die Menschen dazu bewegen,

die Arbeitsproduktivität nachhaltig zu steigern.

Doch noch 1950/51 wurden Fehl- und Bummelschichten

sowie die zum Teil schlechte Arbeitsmoral

von den sowjetischen Werksleitungen kritisiert. 11

1 Amerikanische Panzer im Kaliwerk Merkers, April 1945

2 Von der Sowjetunion eingeführt und von der DDR bis

1990 beibehalten: Der „Schachtschnaps“, von dem jedem

Beschäftigten monatlich eine bestimmte Menge zustand.

Für diese Zuwendung in flüssiger Form hat der Volksmund

schnell die Bezeichnung „Kumpeltod“ gefunden

3 Befehl der Sowjetischen Militäradministration vom

19.08.1946 zur Übergabe des Kaliwerkes Heiligenroda an

die SAG Kaliindustrie

4 Am Werkseingang beim Schichtwechsel in Merkers vor 1950

4

103


1

2

3

104


4

1 Blick über Merkers in Richtung Kaliwerk, März 1965

2 Werkseingang der Schachtanlage Springen II/III mit dem

Fördergerüst von Schacht II. Das Kind auf dem 1969 aufgenommenen

Foto ist Achim Burghardt

5

3 Das Kaliwerk beherrscht das Ortsbild von Unterbreizbach.

Im Hintergrund die Bergarbeitersiedlung Räsa und der

Ulsterberg

4+5Die Kalischächte und Fabriken an Werra und Fulda vor

1945 und nach 1955

105


1

Die Ankündigung von Tarifvertragsänderungen in

der Jahresmitte 1949 hatte umgehend sinkende Leistungen

im Werk Kaiseroda zur Folge. Auch die seit

Oktober 1948 staatlich angekurbelte Aktivistenbewegung

nach dem Beispiel des Steinkohlenhauers

Adolf Hennecke, die auf Selbstverpflichtungen der

Beschäftigten zu höheren Leistungen setzte, kam

nur schleppend in Gang. Bereits im Herbst 1946 wurden

SED-Betriebsgruppen gebildet, deren Vorsitzende

von den Werken bezahlt wurden. Sie sollten der

negativen Entwicklung längerfristig mit politischen

Mitteln beikommen. 12

Nach der Zonengrenzziehung war die seit 1928 bestehende

Zentralwerkstatt für die Werrawerke der

Wintershall AG in Heringen nicht mehr verfügbar.

In den thüringischen Werken bestanden nur kleine

Werkstätten mit einem veralteten Maschinenpark.

Die Herstellerfirmen für dringend benötigte Bergbauausrüstungen

saßen nun in den Westzonen. Deshalb

kaufte die Staatliche Aktiengesellschaft für Kalidüngemittel

am 11. März 1948 die auf der Schachtanlage

Dietlas (Großherzog von Sachsen I) vorhan-

2

106


3 4

denen Maschinen und Ausrüstungen des kriegsbedingt

nach Dietlas verlagerten Werkes der Maschinenfabrik

Hasenclever AG aus Düsseldorf auf. 13

Das Werk Dietlas, das 1953 im „VEB Betriebsmaschinen

Dietlas“ 14 aufging, wurde der Ausrüstungsproduzent

der Staatlichen Aktiengesellschaft. Seine

Möglichkeiten in der Zuarbeit für die Kaliindustrie

waren aber stets in hohem Maße abhängig von der

nicht immer gewährleisteten Versorgung mit Betriebsstoffen

und Materialien.

Es wurde gefordert, die thüringischen Kaliwerke an

der Werra wieder auf das Leistungsniveau der Jahre

1938 bzw. 1944 zu bringen, so dass neben der Inbetriebnahme

und der Auslastung der Gruben- und

Fabrikanlagen auch in den stillgelegten Schachtanlagen

Menzengraben und Alexandershall die Förderung

von Rohsalz aufgenommen wurde. Der Transport

erfolgte per Schiene zu den Fabriken in Dorndorf

und Unterbreizbach. Die Schachtanlage Kaiseroda

I, die seit 1926 nur Steinsalz förderte, lieferte

seit 1946 zusätzlich Kalirohsalze für die Fabrik Merkers,

während die Saline am Schacht Salzungen

nicht wieder in Betrieb ging.

1 Collage [um 1950] unter dem Titel „Und über allem steht

die Aktivistenbewegung“

2 Ein DDR-Grenzwachturm [um 1950] auf der Werrabrücke

zwischen Philippsthal und Vacha

3 Während des Krieges war die Maschinenfabrik Hasenclever

aus Düsseldorf, ein wichtiger Produzent für Schrapperhaspel,

in Dietlas untergebracht

4 Der weiterentwickelte Schrapper S 4000 wird zum Werkssymbol

der Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas

5 Nach dem Krieg wird in der Grube Menzengraben die Förderung

wieder aufgenommen

5

107


BERGLEUTE IN

MENZENGRABEN 1953

Hermann-Josef Hohmann

Der am 25. Oktober 1896 in Weimar geborene Maler

Horst de Marées absolvierte seine Ausbildung

an den Kunstakademien Weimar und München.

Nach mehreren Aufenthalten in Italien siedelte er

1934 nach Ostpreußen über, wo er die Landschaft

und die ländliche Arbeitswelt in den Mittelpunkt

seines Schaffens stellte. Seinen dort erworbenen Besitz

verlor Horst de Marées durch den Krieg. Von

Wasungen an der Werra aus bereitete er nach 1945

seinen künstlerischen Neubeginn vor. Besuche im

Kalibergwerk Menzengraben regten ihn 1953 zu

einer Reihe von Bergwerks- und Bergmannsdarstellungen

an und die Landschaften an der Werra lieferen

ihm die Motive für zahlreiche Werke. 1960

verließ er die DDR, um sich, seit Jahren an den Folgen

eines Autounfalls leidend, in Westdeutschland

medizinisch behandeln zu lassen. Seine künstlerische

Arbeit nahm Horst de Marées 1963 wieder auf

und bis zu seinem Tod 1988 entstand ein reiches

Spätwerk.

A

B

C

D

E

Der Blick in eine Abbaustrecke

Zwei Bergmänner beim Bohren von Sprenglöchern

Ein Hauer mit Säulenbohrmaschine

Die Entladestation („Schorre“) einer Schrapperstrecke

Ein Bergmann am Steuerstand eines Schrappers

A

B

108


C

D

E

109


1 Entwicklung der Rohsalzförderung in den thüringischen

Werragruben zwischen 1938 und 1959

2 Ein Blick in das Lösehaus der Fabrik Merkers vor [1950]

3 Briefkopf des Werkes Unterbreizbach [um 1952]

4 Namensgeber für Merkers, das damals größte Kaliwerk

der DDR war der von den Nazis ermordete Kommunist

Ernst Thälmann

1

2

In den Grubenbetrieben hatte das Fehlen von ausgebildeten

Hauern und Steigern eine Verschlechterung

des K 2 O-Gehaltes gegenüber den Vorjahren

zur Folge. Fehlende Aus- und Vorrichtung und die

von dem Leistungsdruck geprägte „Philosophie des

Förderns um jeden Preis“ trugen ebenfalls dazu bei,

die Qualität der Arbeit zu mindern. 15 Trotz der seit

1946 steigenden Leistungen der Kaliwerke Kaiseroda

und Sachsen-Weimar konnten diese ihre bisherigen

Bestwerte erst 1948, das Werk Heiligenroda

sogar erst 1950, erreichen oder überbieten.

Die Basis hierfür waren eine verbesserte Mechanisierung

und die Erweiterung der bestehenden Betriebe.

So wurde in Kaiseroda II/III mit einer Veränderung

der Nutzlast der vorhandenen Gefäßoder

Gestellförderanlagen in den Jahren 1946 und

1952 eine Erhöhung der Schachtförderleistung

erzielt. Gleichzeitig gab es in Merkers Kapazitätserweiterungen

der Mahlsysteme und des Lösebereiches.

Die Produkttrocknung wurde zwischen 1946

und 1952 von Gas- auf Kohlenstaubfeuerung umgestellt.

Darüber hinaus wurden in den Gruben die

Abbaubreiten vergrößert. 16

Am 24.6.1952 erfolgte die Übergabe der drei bisherigen

SAG-Betriebe Kaiseroda, Heiligenroda und

Sachsen-Weimar in das Staatseigentum der DDR. 17

Vorausgegangen war dem ein Beschluss der Regierung

der UdSSR, den Deutschen anlässlich des

1. Mai 1952 weitere ehemalige SAG-Betriebe zurückzugeben.

Am 5.7.1953 wurden die drei thüringischen

Kaliwerke umbenannt: Das Werk Kaiseroda

erhielt den Namen „Ernst Thälmann“ mit Sitz in

Merkers, das Werk Sachsen-Weimar den Namen

„Marx-Engels“ mit Sitz in Unterbreizbach und das

Werk Heiligenroda den Namen „Einheit“ mit Sitz in

Dorndorf. Das Kaliwerk Alexandershall in Berka

(Werra) vereinigte sich am 2.8.1953 mit dem VEB

Kaliwerk „Einheit“ in Dorndorf. 18

3

110


Kali-Industrie – Devisenbringer für

die Planwirtschaft der DDR

Die Werke unterstanden nach ihrer Übergabe an die

DDR als volkseigene Betriebe seit dem 1.10.1952

der Hauptverwaltung „Kali“ in Berlin, die später als

„VVB Kali“ ihren Sitz in Erfurt hatte. Die ehemaligen

Werrawerke Heiligenroda, Kaiseroda und

Sachsen-Weimar wurden am 29. Dezember 1958 19

zum Kalikombinat „Werra“ mit Sitz in Merkers zusammengeführt,

das seit 1. Januar 1970 20 als Werk

„Werra“ dem bis 1990 bestehenden VEB Kombinat

„Kali“ mit Sitz in Sondershausen angehörte. Bereits

seit 1954, also weit vor dem Zusammenschluss zum

VEB Kalikombinat „Werra“ (Merkers) arbeiteten

alle drei Kaliwerke zusammen.

Nachdem die Werke im ersten Jahrzehnt nach 1945

auf- und ausgebaut wurden, stand die anschließende

Entwicklung im Zeichen von Betriebskonzentration

und Rationalisierung. Überlegungen und eingeleitete

Maßnahmen in den 50er Jahren konnten

aber nur in Teilbereichen zum Erfolg führen, weil

die fehlende Eigenproduktion von Bergwerksmaschinen

in der DDR und der Devisenmangel den

Einsatz der gewünschten Ausrüstungen verhinderte.

Eigenlösungen, z.B. für Bohrwagen, erwiesen sich

als untauglich, so dass die technische Entwicklung

der Gruben im wesentlichen auf den Einsatz leistungsstärkerer

Schrapper und Bohrmaschinen ausgerichtet

werden musste. Die Gruben waren geprägt

von Kleinmechanisierung an Schrapperanlagen und

Seilbahnanschlagspunkten sowie in bergbaulichen

Nebenprozessen oder im erweiterten Einsatz der

Gefäßförderung. Durch die zunehmende Ausdehnung

der Grubengebäude infolge der Massenförderung

wurden vermehrt Kraftfahrzeuge und Fahrräder

unter Tage eingesetzt. Durch die Intensivierung

des Abbaus im Flöz Thüringen nahm der Carnallitit-Anteil

zu, so dass seit 1951 in Kaiseroda

wieder die kalte Vorzersetzung von Carnallitit durchgeführt

wurde. In den 1960er Jahren mussten aus

gleichem Grund die Fabriken in Unterbreizbach und

in Merkers auf Mischsalzverarbeitung bei steigenden

Verlöseleistungen umgestellt werden. In Unterbreizbach

wurde 1963 ein neues Lösehaus erbaut.

Zur Gewinnung von Steinsalz für die Natriumsulfatproduktion

ging eine Flotationsanlage in Merkers in

4

Bildung des VEB Kalikombinat „Werra“ 1958

„Der V. Parteitag der SED stellte die Aufgabe, unsere Volkswirtschaft so

zu entwickeln, daß die Überlegenheit der sozialistischen Gesellschaftsordnung

gegenüber der kapitalistischen Ausbeuteordnung umfassend bewiesen

wird. Er setzte eine schnelle Steigerung der Arbeitsproduktivität

zur Erhöhung des Nationaleinkommens auf die Tagesordnung. Für den

Aufschwung der sozialistischen Wirtschaft in unserer Republik galt es alle

Reserven aufzudecken und auszunutzen. Das traf auch für die Kaliwerke

an der Werra zu. Deshalb hatte die 4. Bezirksdelegiertenkonferenz der

Bezirksparteiorganisation Suhl der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands

vom 20. bis 22. Juni 1958 in ihrer Entscheidung festgelegt:

„In den Kalibetrieben ... müssen die Parteiorganisationen und verantwortlichen

Wirtschaftsfunktionäre den Kampf führen, daß die im Staatsplan

festgelegten Aufgaben für die Kaliindustrie bis 1960 erfüllt werden. Die

Bezirksleitung wird beauftragt, gemeinsam mit den Genossen in den Kalibetrieben

zu überprüfen, wie eine wesentliche Steigerung der Kaliproduktion

... erreicht werden kann. Zur Verbesserung der Leistungsfähigkeit der

Kalibetriebe ist bis zum 31. Dezember 1958 die Bildung des Großkombinates

an der Werra abzuschließen.“

Aus: 10 Jahre VEB Kalikombinat Werra. Festschrift. 1968, S. 11.

Schrapper aus Dietlas

„Unter der Leitung der SAG hatte die Parteiorganisation von den sowjetischen

Genossen gelernt, wie die Werktätigen unter den neuen Produktionsverhältnissen

zu führen sind. Eine neue Einstellung zur Arbeit prägte

sich bei vielen Werktätigen heraus, die materiellen Voraussetzungen hatten

sich in dieser Zeit bedeutend verbessert. Das ermöglichte es,1952 eine

neue Schrapperanlage zu entwickeln, die auf der Herbstmesse 1953 in

Leipzig als erstes Produkt des Betriebes ausgestellt werden konnte. Der

Schrapperhaspel „Kali 4“ wurde zu einem bedeutenden Absatzprodukt

und beherrschte jahrelang die Förderung des Kalibergbaus der DDR. Die

Weiterentwicklung zum S 4000 dokumentierte die geschlossene Leistung

aller Kollektive. Deshalb wurde er zum Betriebssymbol. Der jährliche Export

dieser Schrapperhaspel in die Sowjetunion wurde zur wichtigsten

Aufgabe.“

Aus: VEB Bergwerksmaschinen im VEB Kombinat Kali, o.O. [Dietlas], o.J. [1983], S.8.

111


DAS FLOTATIONSVERFAHREN

Dagmar Mehnert

Bei sehr fein gemahlenem Rohsalz liegen viele im

Rohsalz enthaltene Minerale nicht mehr verwachsen

mit anderen Mineralen vor. Kommen kalihaltige

Minerale in einer gesättigten Lösung mit Flotationsmitteln

und Luftblasen in Berührung, sammeln

sie sich auf der Lösung als Schaum. Dieser Schaum

wird abgeschöpft und aufbereitet.

1) Fein gemahlenes Rohsalz mit unverwachsenen

Kali- und Steinsalzkörnchen wird in die Flotationslauge

gegeben. 2) Ein Flotationsmittel wird zugegeben

und umhüllt die Kaliminerale mit einer wasserabstoßenden

Schicht. 3) Wird Luft eingeblasen

und zu feinen Bläschen zerstäubt, lagern sich die

Bläschen bevorzugt an den vorbehandelten Kalisalzteilchen

an, während sie vom Steinsalz abperlen.

4) Mit Kali beladene Luftblasen steigen zur

Oberfläche und bilden dort einen Schaum, die anderen

Rohsalzanteile setzen sich ab. 5) Der Kali-

Schaum und der Bodensatz können getrennt entfernt

werden; die Flotationslauge steht für eine

erneute Trennung zur Verfügung.

112

1 Die Tagesanlagen des zwischen 1955 und 1963 geteuften

Schachtes II [um 1965]. Er verschaffte dem Bergwerk

Unterbreizbach endlich einen zweiten Ausgang

2 Neubau des Fördergerüstes Schacht II Merkers [um 1960]

3 Springen ist die letzte thüringische Grube, in der bis 1984

Seilbahnen in der Streckenförderung eingesetzt wurden

4 1967 wurde das Kaliwerk Alexandershall endgültig stillgelegt

1

Betrieb, die zu einem Rückgang der Steinsalzförderung

der Schachtanlage Kaiseroda I führte. Nach

mehr als 30-jähriger Abteufpause im Werrarevier

wurde in den Jahren 1955 bis 1963 der Schacht

Unterbreizbach II abgeteuft. Dabei wurde erstmals

weltweit für das schwierige Durchteufen des Plattendolomits

mit dem Zementierverfahren ein spezieller

Stahlboden entwickelt und erfolgreich anstelle der

üblichen Betonpfropfen eingesetzt. Gleiches gilt für

die beim Schachtausbau zur Anwendung gekommenen

Doppeltübbinge. 21

An den Schächten Merkers II (1960), Merkers III

(1962) und Springen III (1964) wurden neue Fördergerüste

errichtet.

Rationalisierung und Konzentration

der Produktion

Seit 1966 gingen die Gruben Merkers und Unterbreizbach

zum Einsatz von Bergbaugroßgeräten in

der Gewinnung und Abbauförderung über. 22 Damit

begann der Übergang zur dritten Technologiegeneration

im deutschen Kalibergbau. Spätere Eigenentwicklungen

von Bohrwagen und Ladern durch die

VEB Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas seit 1967

wurden vorrangig in der Grube Merkers erprobt

und zur Einsatzreife gebracht. In der Grube Springen


wurden die ersten Großgeräte 1973 eingesetzt.

Verbunden damit war der Übergang zum „roomand-pillar-Abbau“

und eine weitere Steigerung von

Förderleistungen und Grubenproduktivität. Unter

diesen Bedingungen konnten die kleinen Schachtanlagen

Springen I (1964), Kaiseroda I (1965), Menzengraben

(1966) sowie Alexandershall (1967) stillgelegt

werden.

Die Schachtförderanlagen der verbleibenden Standorte

wurden durch Schachtfallleitungen für Diesel,

Öle, Wasser und Sprengstoff entlastet oder es wurden

besondere Transportschächte geschaffen. Die

Grube Merkers wurde zwischen 1961 und 1974 von

Seilbahn- auf Bandanlagenförderung umgestellt. In

Unterbreizbach lösten 1965 Bandanlagen auf der

ersten Sohle die dort zeitweise vorhandene Lokförderung

ab. Erst 1984 wurde das Westfeld der Grube

Springen auf Bandförderung umgestellt. Eine Zentralisierung

der Grubenförderung auf dem erneuerten

Schacht III in Springen ermöglichte 1964 die

Stilllegung der Zubringerluftseilbahn von Springen I.

1965 begannen erste Versuche mit ANC-Sprengstoff

in Merkers.

In den Fabriken Unterbreizbach und Merkers wurden

carnallitreiche Mischrohsalze heiß verlöst. Es

wurden nur noch die höherprozentigen Sorten der

Kali-Düngemittel produziert und hochkonzentriertes

Kaliumchlorid für die chemische Industrie er-

2

3

4

113


DIE PARTEI IST IMMER DABEI

Hermann-Josef Hohmann

In der DDR hatte die Sozialistische Einheitspartei

Deutschlands (SED) eine führende Rolle in Staat,

Gesellschaft und Wirtschaft inne. Auch den verschiedenen

Massenorganisationen gab sie die Ziele

im Hinblick auf ihre Tätigkeit beim Aufbau des

ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden

vor. Im planwirtschaftlichen System der DDR machte

die SED über verschiedene Kanäle den Betrieben

wirtschaftliche Vorgaben. Dementsprechend war

die Partei auch in der Kaliindustrie immer präsent.

Mit nie erlahmender Energie wurde auf Versammlungen,

mit Wandzeitungen und Flugschriften, in

den Massenorganisationen und Kollektiven versucht,

die Überlegenheit des sozialistischen Systems

deutlich zu machen, die Belegschaften auf seine

Ziele einzuschwören und bei der Planerfüllung zu

immer neuen Höchstleistungen anzuspornen.

B

A

B

C

D

A

Zum 20. Jahrestag der SED verpflichtet sich die Kaliindustrie

zu zusätzlicher Produktion über den Plan hinaus.

Eine Tafel aus der Grube Menzengraben [um 1966]

Festveranstaltung in Merkers anlässlich des 33. Jahrestages

der russischen Oktoberrevolution im Jahr 1950

Kundgebung der FDJ vor dem Werkseingang in Merkers

[um 1980]

Urkunde zur Erinnerung an die Verleihung des „Karl-

Marx-Ordens” an die Beschäftigten des Kalibetriebs

„Werra“ im Februar 1974

D

C

114


zeugt. 1964 begann die Granulatproduktion in

Unterbreizbach. Merkers erhielt 1967/68 eine

Zentralwerkstatt und 1976 eine neue, leistungsfähigere

Bromfabrik. 1978 ging in Merkers ein neues

Lösehaus in Betrieb. Zur Lösung der wettertechnischen

Probleme der Grube Unterbreizbach wurde

1978 der Wetterverbund Werra geschaffen. Dazu

wurde in Verbindung mit der Öffnung der Schächte

Möllersgrund (früher Dönges I und II) und deren

Anschluss an das Grubengebäude von Springen

und Merkers ein Durchschlag nach Unterbreizbach

aufgefahren. Die Gruben Merkers, Unterbreizbach

und Springen sind seitdem miteinander verbunden.

Nach einem Gebirgsschlag 1958 bei Merkers wurden

Dimensionierungsregeln auf der Grundlage

mathematischer Modelle und gesteinsmechanischer

Untersuchungen für das Werra-Revier entwickelt.

Mit ihrer Einführung begann eine intensivere Ausnutzung

der Lagerstätte, die besonders seit 1975

von einer umfangreichen und vielfältigen Forschungstätigkeit

begleitet war.

1968 erhielt die Grube Merkers eine Großbunkeranlage

mit einem Speichervolumen von 7.000 Tonnen.

Diese wurde 1989 durch einen Flachbunker

mit 50.000 Tonnen Speicherkapazität ersetzt. Seit

1981 ist in Merkers Schacht III eine Schachtfallleitung

für Sprengstoff in Betrieb.

Nachdem bereits Ende der 50er Jahre kurzzeitig eine

Streckenvortriebsmaschine in der Grube Unterbreizbach

verwendet worden war, wurde seit 1987

im CO 2 -ausbruchsgefährdeten Süd-West-Feld der

Grube Merkers eine im Vollschnitt arbeitende Gewinnungsmaschine

erfolgreich eingesetzt. In allen

Gruben wurden seit 1958 die vorhandenen Grubenlüfter

durch modernere und leistungsfähigere Hauptgrubenlüfter

ersetzt. 1990 wurde ein Förderverbund

zwischen den Gruben Springen und Merkers einge-

1

2

3

1 Ein Großprojekt war der Neubau des Lösehauses in Merkers,

das 1978 in Betrieb gegangen ist

2 Ein Erinnerungsfoto, aufgenommen nach dem Durchschlag

zu den Schächten in Möllersgrund

3 Erweiterung der Granulierung in Unterbreizbach [vor

1968]

115


A

B

C

DIE KALIINDUSTRIE KÜNSTLERISCH

BETRACHTET

Hermann-Josef Hohmann

Lange Zeit war der vor einigen Jahren verstorbene

Rudolf Schäbitzer im Kaliwerk Merkers als Geologe

tätig. Neben seiner Arbeit hat er gemalt, gezeichnet

und mit anderen Techniken künstlerisch gearbeitet.

Im Laien-Kunstzirkel des Kaliwerkes hat er

sich viele Jahre, auch in leitender Funktion künstlerisch

betätigt. Die Kaliindustrie, in der er sein Arbeitsleben

verbracht hat, ließ ihn auch bei seinem

Hobby nicht los. So sind eine Vielzahl von Arbeiten

entstanden, die die Kaliindustrie im Werratal,

ihre Anlagen und ihre Arbeitswelt zum Thema

haben.

A Hauer mit Säulenbohrmaschine. Linolschnitt aus dem

Zyklus „Der Bergmann im Wandel der Zeit", 1975

B Dorndorf mit dem Oechsenberg in der Ferne. Aquarell,

1991

C Seilbahn von den Schächten II und III in Springen zur chemischen

Fabrik in Dorndorf. Aquarell, 1990

D Der Neubau des Lösehauses im Kaliwerk Merkers.

Linolschnitt, 1974

E Der Steiger. Radierung, 1969

D

E

116


ichtet. Insgesamt konnten in wesentlichen Produktionsabschnitten

große Fortschritte erzielt und ein

mit den hessischen Werken in etwa vergleichbares

technisches Niveau erreicht werden. Die Kalibergleute

aus Thüringen, denen die Nachkriegsgeschichte

ein besonderes und wechselvolles Schicksal beschert

hatte, erbrachten dabei beachtenswerte Leistungen.

1974 produzierten die thüringischen Kaliwerke erstmals

mehr als eine Million Tonnen K 2 O-Kalidüngemittel.

Damit wurden zwar die Kapazitäten voll

ausgelastet, aber im Vergleich zu anderen

Kaliproduzenten nicht das erforderliche

Produktivitäts- und Effektivitätsniveau erreicht. Die

physikalische Zusammensetzung und das

Lagerverhalten der Produkte, besonders von K60,

Brom und Natriumsulfat, entsprachen nicht den

Anforderungen des Marktes. Großgeräte- und

Brechertechnologie konnten aufgrund der fehlenden

Leistungsfähigkeit der Zulieferindustrie – die

Bergwerksmaschinenfabrik in Dietlas war der einzige

Maschinenproduzent für den Bergbau der DDR –

nicht den internationalen Stand erreichen.

Aufgrund eines seit 1988 von einer Absatzkrise

erfassten Kali-Weltmarktes und der Anbindung an

die Marktwirtschaft 1990 wurden diese Defizite in

den thüringischen Kaliwerken zum Problem und

führten zur Stilllegung der Standorte Dorndorf und

Merkers.

1

2

1 Die Kalifabrik in Dorndorf beherrscht um [um 1980] mit

ihrer Silhouette das Werratal

2 Das charakteristische Fördergerüst des Kaliwerks in Unterbreizbach

mit einem Teil der Fabrikanlagen

3 Zeichnungen einiger der im VEB Bergwerksmaschinenfabrik

Dietlas hergestellten Bergbaugeräte

3

117


A

BERGWERKSMASCHINEN

AUS DIETLAS

Hermann-Josef Hohmann

Viele der in der DDR-Kaliindustrie unter Tage benötigten

Maschinen und Ausrüstungen stellte die

Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas her. Sie hatte

sich nach bescheidenen Anfängen bis 1989 zum

wichtigsten Hersteller für in der Kaliindustrie eingesetzte

Bergbaugroßgeräte entwickelt. 1949 verließen

die ersten Schrapperanlagen und Seilbahnmaschinen

das Werksgelände. Ab Mitte der 1960er

Jahre wurde der Betrieb großzügig ausgebaut und

1966 entstand das erste eigengefertigte Großgerät,

ein Schwerlasttransportfahrzeug. Nach und nach

kam die gesamte Palette der im modernen Kalibergbau

benötigten Großgeräte wie Sprenglochund

Großlochbohrwagen, Lader, Beraubemaschinen

und Ankerbohrwagen hinzu. Die Ingenieure

und Arbeiter vollbrachten dabei ohne Zweifel

große Leistungen. Dessen ungeachtet gab es aber

auch viele Diskussionen darüber, ob und in wieweit

Teile der Großgeräte westdeutschen Vorbildern

nachgebaut worden sind.

118

Seismische Erscheinungen

1

Der Zeitraum nach 1945 war im thüringischen Kali-

Revier eine Periode, während der die Lagerstätte

beispiellos ausgebeutet wurde. Der Hintergrund

dafür war die Notwendigkeit, mit Kaliexporten im

Ausland möglichst viele Devisen für die Volkswirtschaft

der DDR zu erwirtschaften. Die starke Ausbeutung

der Lagerstätte führte auch zu negativen

Auswirkungen und Risiken für die Oberfläche über

den Grubenbauen. Waren bislang im Werra-Revier

vor allem Ausbrüche von CO 2 und Salz bekannt, so

traten seit Beginn der 1970er Jahre als Folge intensiver

Ausbeutung der Lagerstätte neue Risiken für

die Tagesoberfläche auf. Der verstärkte Carnallititabbau

und neue Maßnahmen zur Senkung der Abbauverluste

führten zu einer an der Tagesoberfläche

zunehmend spürbaren Seismizität. Die zunehmend

kritische Betrachtung des Geschehens durch die

Bewohner der betroffenen Ortschaften veranlasste

die staatlichen Stellen zu einer weiteren Einschränkung

ihrer Informationspolitik. In den 1980er Jahren

entwickelten sich die Themen Behandlung und

Entscheidung der vom Bergbau verursachten Probleme

daher zur „Geheimen Kommandosache“ der

DDR. Denn das Ziel war weiterhin, die maximale

Menge an Devisen zu erwirtschaften.

Die Gebirgsschläge von 1975 und 1989 mit Epizentren

in Sünna und Völkershausen zeigten die eingegangenen

Risiken und Mängel beim Abbau auf sowie

die Grenzen der damaligen Messtechnik und


A Ein Spezial- Sprenglochbohrwagen für Bohrtiefen bis 30

Meter [um 1985]

B Ein Bohrwagenfahrer im Fahrstand seines Bohrwagens

C Ladetransportfahrzeug S 10000/2 bei der Endmontage in

der Bergwerksmaschinenfabrik Dietlas

C

B

der Möglichkeiten zur mathematischen Modellierung.

23 Durch spätere Gutachten wurde für die vorhandenen

großflächigen Carnallititpfeilersysteme

eine Unterdimensionierung nachgewiesen. Hinzu

kam, dass die angewandten Verfahren zur Berechnung

der Pfeilerdimensionen nicht ausreichend berücksichtigt

hatten, dass die Carnallititpfeiler einem

verformungsabhängigen Entfestigungsverhalten

unterlagen. Das erforderte seit 1993 umfangreiche

1 Menge der Güter, die für eine verkaufte Tonne Kalidünger

durch die DDR importiert werden konnte

2 Schäden in der chemischen Fabrik Dorndorf nach dem

Gebirgsschlag im März 1989

3 Zerstörungen im Ortskern von Völkershausen nach dem

Gebirgsschlag

2 3

119


120

CO2-Ausbrüche in Menzengraben

„Die Grube Menzengraben ist durch eine besondere geologische Beschaffenheit

gekennzeichnet. ... So litt seit der Inbetriebnahme der Grube Menzengraben

diese ständig unter kleineren und größeren CO 2 -Ausbrüchen. Am

7.7.1953 erfolgte ein CO 2 -Ausbruch von bis dahin noch nicht bekanntem

Ausmaß. Die Kohlensäure drang aus der Schachtröhre hinaus und überflutete

teilweise das tiefer gelegene Feldatal. Die Entgiftung der Grube gestaltete

sich äußerst schwierig. Die durch den Ausbruch verursachten Schäden in der

Grube und in der Schachtröhre waren beträchtlich und hatten ... einen längeren

Stillstand zur Folge. Am 17.4.1958 kam es zu einem [weiteren] schweren

CO 2 -Austritt. Leider waren bei beiden Ereignissen auch eine Anzahl

Menschenleben [07.07.1953: 3 Tote; 17.4.1958: 6 Tote] über und unter

Tage zu beklagen.“

Aus: Menzengraben 1911-1966. Merkers 1966, S. 12.

A

B

A

B

Zerstörungen in einer Seilbahnstrecke nach einem Gasausbruch

Zerstörtes Stahlbetondach über dem 520 Meter tiefen Schacht Menzengraben II nach

dem Kohlensäuregasausbruch vom 07.07.1953

Verwahrungsarbeiten in der Grube Merkers. 24

Mehrere folgenschwere Gas-Salz-Ausbrüche auf der

Schachtanlage Menzengraben in den 1950er Jahren

erforderten eine intensive wissenschaftliche Untersuchung

dieses Phänomens. An der Bergakademie

Freiberg und in den thüringischen Gruben des Werrareviers

wurde von 1958 bis 1969 von der „Forschungsgemeinschaft

mineralgebundene Gase“ ein

komplexes Schutzsystem zur Beherrschung der vom

CO 2 -Gas ausgehenden Gefahren entwickelt. Auch

mit Hilfe der Ergebnisse weiterer Auftragsforschung

an der Bergakademie Freiberg konnte gewährleistet

werden, dass sich das parallel zu den großen Abbaufortschritten

in Richtung Süden steigernde Gas-

Salz-Ausbruchsgeschehen in den 1980er Jahren

zunehmend besser beherrschen ließ. 25

An der Grenze prägt die Kaliindustrie

die regionalen Strukturen

Der Grenzverlauf zwischen Thüringen und Hessen

ist das Ergebnis der historischen Entwicklung seit

dem Mittelalter. Bis zum Ende des II. Weltkrieges

hatte die Grenze lediglich eine verwaltungstechnische

Bedeutung und behinderte das Zusammenleben

der Menschen auf beiden Seiten in keiner

Weise. Die deutsche Teilung als Folge des II. Weltkrieges

unterbrach die gewachsenen, vielfältigen

ökonomischen, verkehrstechnischen, sozialen und

kulturellen Verflechtungen. Der zuvor einheitliche

Wirtschaftsraum des Werra-Gebiets zerfiel nun in

zwei Teile.

So wurden die bestehenden Verbundstrukturen für

die Gewinnung und den Transport von Rohsalz,

Energie und Material zwischen den Werken des Reviers

aufgelöst. Die Zonengrenze veränderte die Einzugsbereiche,

aus denen die Belegschaften stammten,

und die vorhandenen Verkehrsverbindungen,

insbesondere die Eisenbahnstrecken, wurden unterbrochen.

Dadurch verloren ursprüngliche Zentren

wie Vacha, Gerstungen und Geisa einen Teil ihrer

früheren Bedeutung. Das Revier geriet verkehrsmäßig

in eine Randlage, an der auch der Bau von

Eisenbahnstrecken für den Kalitransport zwischen

Unterbreizbach und Vacha (1952) sowie zwischen

Gerstungen und Förtha (1961/62) nichts änderte.

Der permanente Personalbedarf der Kaliindustrie


1

nach Beendigung des II. Weltkrieges ermöglichte in

der Region die Beschäftigung zahlreicher Flüchtlinge

aus den deutschen Ostgebieten und erlaubte

es ihnen, an der Werra heimisch zu werden.

Nachdem die Grenze das Schienennetz unterbrochen

hatte, verlagerte sich der Personenverkehr zunehmend

auf die Straße. Dieser Prozess verstärkte

sich noch, weil sich die Einzugsbereiche für die Mitarbeiter

der Kaliwerke erweiterten. Als Reaktion auf

die geschilderte Entwicklung schufen und betrieben

die Werke ein umfangreiches Autobusnetz.

Die DDR war der zweitgrößte Kaliexporteur der

Welt. Im Devisenhaushalt der DDR hatten die Kali-

1 Besprechung im Rahmen der Forschungsarbeiten der

„Arbeitsgemeinschaft mineralgebundene Gase“ in der

Grube Menzengraben [um 1960]

2 Verlegen von Gleisen beim ersten sozialistischen Bahnbau

von Vacha nach Unterbreizbach im Jahr 1952

3 Markscheider Egon Clute-Simon noch auf bundesdeutschem

Gebiet in Philippsthal mit Leiter unterwegs zum

Überschreiten der Grenze [um 1950]

4 Die Grenze ist überquert und über die Vachaer Brücke

geht er zu seinem Arbeitsplatz in der DDR [um 1950]

2

3 4

121


1

1 Vor allem für Kaliarbeiter errichtete Wohnblocks in

Bad Salzungen [um 1970]

122

verkäufe eine erhebliche Bedeutung. Die Kaliindustrie

war einer der wenigen Industriezweige, der auf

den Märkten dringend benötigte Devisen erwirtschaftete.

So exportierten im Jahr 1976 die thüringischen

Kaliwerke 86,4 Prozent ihrer Erzeugnisse.

Nicht zuletzt deswegen wurde der Kalibergbau in

der DDR umfangreich staatlich gefördert. Im Rahmen

der staatlichen Planwirtschaft wurde das Werra-

Kali-Gebiet im damaligen Landkreis Bad Salzungen

schwerpunktmäßig auf den Kalibergbau ausgerichtet,

wodurch sich auch die Krisenempfindlichkeit

verstärkte. Am 7.4.1964 beschloss der Bezirkstag in

Suhl das „Programm zur territorialen Sicherung der

Entwicklung der Kaliindustrie im Bezirk Suhl“. Es

sah Maßnahmen zur Sicherung des Bedarfes an Arbeitskräften

für den Bergbau, die Ausrichtung der

Berufsausbildung auf die Belange der Kaliindustrie

und ein Wohnungsbauprogramm mit Schwerpunkt

in Bad Salzungen vor. 26 Die Umsetzung der genannten

Maßnahmen prägte die regionale Situation in

steigendem Maße.

Die Bedeutung der Kaliindustrie für die Volkswirtschaft

der DDR, insbesondere die des Werra-Reviers,

belegt nicht zuletzt auch eine Vielzahl von

Besuchen ranghoher Vertreter des Politbüros der

SED und der Regierung der DDR. So besuchte im

Januar 1976 der damalige Erste Sekretär und spätere

Staatsratsvorsitzende Erich Honecker die Grube

Merkers und nahm anschließend an der Betriebs-

delegiertenkonferenz der SED-Grundorganisation

teil. Honecker hielt sich bereits in den 1960er Jahren

mehrmals im Kalirevier an der Werra auf und hatte

dort eine zeitlang seinen Volkskammerwahlkreis.

Im zunehmenden Maße traten in der Region, besonders

seit 1970, ökologische Probleme auf. Die seit

1913 existierenden Obergrenzen für die Salzeinleitung

der Kaliwerke in die Werra wurden seit Mitte

der 1960er Jahre erheblich überschritten. 1968 stellten

die thüringischen Kalifabriken das Versenken

salzhaltiger Abwässer ein. Durch die Einleitung der

gesamten Endlauge in die Vorflut gelangten jährlich

fast neun Millionen Tonnen Salz in die Werra. 27 Der

Fluss war damit praktisch biologisch tot. Regierungsverhandlungen

zwischen der Bundesrepublik

Deutschland und der DDR seit Anfang der 1970er

Jahre blieben ohne greifbares Ergebnis.

Steigende Umweltbelastungen verursachten auch die

teilweise stark veralteten Kraftwerksanlagen. Fehlende

und schadhafte Filteranlagen sowie ständig

wechselnder Brennstoffeinsatz hatten einen immensen

Staubausstoß und hohe Gasemissionen zur

Folge.Vorhandene Pläne zur Reduzierung dieser

Umweltbelastungen wurden nicht in die Tat umgesetzt

aufgrund fehlender Baubilanzen und nicht

beschaffbarer Ausrüstungen. 28

Mit dem Rückgang der Kaliproduktion und der

Stilllegung der Standorte Dorndorf und Merkers

sowie der Umstellung des Standortes Unterbreiz-


A

B

DIE BERGMANNSTAGE - DAS FEST

DER BERGLEUTE

Hermann-Josef Hohmann

Einmal in Jahr hatten die Bergbaubetriebe in der

DDR ihren eigenen Ehrentag. Was zunächst als

„Tag des deutschen Bergmanns“ begann, „Tag des

Bergmannes der DDR“ und schließlich „Tag des

Bergmannes und Energiearbeiters“ hieß, waren Veranstaltungen,

mit denen die Bedeutung der DDR-

Bergbauindustrie betont und das Selbstbewusstsein

der Bergarbeiter gefördert werden sollte. Der Bergbau

erfuhr seitens der Politik stets eine ideologische

Aufwertung, weil die rohstoffarme DDR auf

seine Erzeugnisse angewiesen war. So konnte zum

Beispiel mit der Braunkohlenförderung die Energieerzeugung

auf eigener Rohstoffbasis betrieben

werden, die Kupfergewinnung half, teure Importe

zu vermeiden und dem Kalibergbau gelang es,

durch Exporte harte Devisen zu erwirtschaften.

Auch an der Werra waren die Umzüge und Veranstaltungen

zu den Bergmanntagen besondere Höhepunkte,

die viele tausend Menschen anzogen. Trotz

ihrer ideologischen und propagandistischen Ausrichtung

im Sinne des DDR-Systems waren sie stets

auch Ausdruck des bergmännischen Standesbewusstseins

und nicht zuletzt einfach große Familienfeste.

Dabei gab es eine anfangs freudig begrüßte,

sich später zum Ärgernis entwickelnde Besonderheit:

Die Ausgabe von Bezugsscheinen für

verbilligten Trinkbranntwein, den so genannten

„Schachtschnaps“. Auch die Flut von Orden und

Auszeichnungen, die aus diesem Anlass vergeben

wurden, sind noch heute bei den Beteiligten in

Erinnerung.

A Die Ehrentribüne in Bad Salzungen 1974

B Ein Festwagen des Kraftwerkes Merkers steht 1982 vor

der Abfahrt in Merkers

C Der Festzug zum Tag des Bergmanns der DDR in Bad

Salzungen 1966

D Bei den Bergmannstagen verteilte Anstecknadeln

C

D

D

123


PROMINENTER BESUCH BEI “KALI”

Hermann-Josef Hohmann

Mit etwa 8.000 Beschäftigten gehörte der VEB

Kalibetrieb „Werra“ zu den Großbetrieben in der

DDR. Für den damaligen Bezirk Suhl war er ein

strukturprägender Schlüsselbetrieb. Der Bergbau

insgesamt wurde von der Staatsführung meist mit

besonderem Wohlwollen betrachtet. Vor diesem

Hintergrund ist es naheliegend, dass die Kaliindustrie

im thüringischen Werratal häufiger prominenten

Besuch bekam. Neben Vertretern der politischen

Elite der DDR wie Erich Honecker und Egon

Krenz, um nur zwei zu nennen, blieben besonders

die beiden Kosmonauten bei Vielen im Gedächtnis.

1964 kam der erste Weltraumflieger der Welt, Juri

Gagarin, auf Stippvisite ins Kalirevier. Besonders

stolz war die DDR darauf, dass sie es war, die den

ersten Deutschen, Siegmund Jähn, auf Weltraumreise

geschickt hatte. Nach seiner Landung ging der

DDR-Kosmonaut auf Rundreise und kam dabei am

1. Februar 1979 nach Merkers.

A

B

1

bach auf Erdgas zu Beginn der 1990er Jahre ist die

Umweltbelastung wesentlich reduziert worden. Der

Preis der Stilllegungen war allerdings die Freisetzung

von vielen arbeitsfähigen Menschen, für die

eine anderweitige Beschäftigung in der Region häufig

nicht vorhanden war.

Mit über 8.000 Beschäftigten allein an der Werra gehörte

die Kaliindustrie zweifelsohne zu einem der

größten industriellen Kerne der DDR-Industrie, war

ein wichtiger Faktor in der DDR-Wirtschaft und

stellte gleichzeitig einen wichtigen Devisenbringer

dar. Deshalb hatte die SED-Führung stets ein besonderes

Augenmerk auf die Entwicklung der Werke.

Letztendlich zeigte sich aber zum Ende der 1980er

Jahre, dass der Preis der einseitig auf die Kaliförderung

ausgerichteten Entwicklung und die jahrelange

intensive Ausbeutung der Gruben, verbunden

mit den ökologischen Gefahren, zu hoch war, um

der Region eine dauerhafte und sichere Perspektive

zu bieten.

124


A

B

C

D

E

Juri Gagarin, der erste Kosmonaut der Welt, besucht am

18.10.1963 das Kaliwerk Merkers

Anläßlich seines Besuchs am 1.2.1979 begrüßt Siegmund

Jähn die Kumpel in der Grube Merkers

Die Schwester von Wilhelm Pieck, Elly Winter, unter Tage

bei einer Grubenfahrt in Springen 1967

Egon Krenz, der spätere Nachfolger von Erich Honecker

als Vorsitzender des Zentralkomitees der SED ist am

17.3.1978 zu Besuch beim Kalibetrieb Werra in seiner

damaligen Funktion als Vorsitzender der FDJ

Erich Honecker unter Tage in der Grube Merkers am

15.1.1976

C

D

E

1 Übersicht über Produktions- und Abwassermengen aller

Kaliwerke an der Werra

2 Werksansicht Kaliwerk Merkers. Das Kraftwerk wird noch

mit Braunkohle befeuert [um 1990]

3 Sprengung eines Schornsteins der chemischen Fabrik in

Dorndorf [um 1993]

4 Letztes Entzünden des kohlenbefeuerten Mitteldruckkessels

III im Kraftwerk Merkers im Februar 1992

2

3 4

125


UNTER REGIE DES KALIBETRIEBS

Hermann-Josef Hohmann

Neben der Kaligewinnung übernahm der Kalibetrieb

im Lauf der Jahre, wie andere DDR-Betriebe

auch, immer weiter reichende Aufgaben im Sozial-,

Kultur- und Freizeitbereich. So unterhielt er drei

große Kulturhäuser in Unterbreizbach, Dorndorf

und Merkers. Die Eltern unter den Kaliarbeitern

schickten ihre Kinder gerne in die in den Sommerferien

fast kostenlos angebotenen Ferienlager. Der

Belegschaft wurde es ermöglicht, sich in Ferienheimen

an der Ostsee und bei Dresden zu erholen.

Den Betrieben näher lagen die Ferien- und Freizeiteinrichtungen

in Dörrensolz und am Amönenhof in

der Rhön. Aber auch sportliche Aktivitäten wurden

von den Kaliwerken unterstützt: Vom in der DDR

weithin bekannten Fußballklub FC Kali Werra Tiefenort,

über das Moto-Cross-Gelände an der Hohen

Warth bei Gumpelstadt bis hin zu mehreren Freibädern.

A

A

B

C

D

Das Ferienheim in Nienhagen an der Ostsee

Das Schichtarbeiter-Erholungsheim Amönenhof in der

Rhön [um 1970]

Das Clubhaus das Kaliwerks „Ernst Thälmann“ in Merkers

[um 1966]

Das Schwimmbad in Tiefenort erhielt wie viele andere

Einrichtungen Unterstützung vom Kalibetrieb Werra

B

C

D

126


1

1 Drei Bergleute in der Grube Merkers unter Tage mit

elektrischen Säulen-Drehbohrmaschinen

2 Eine Seilbahn unter Tage in der Grube Merkers

3 In der Grube Springen sind vier Bergleute mit dem

Gleisbau beschäftigt

2

3

127


1

1 In Merkers und Unterbreizbach findet die Ausbildung am

Bergbaugroßgerät unter Tage statt

2 In den ersten Jahren des Abbaus mit Großgeräten waren

in der Grube Merkers auch französische Secoma-Bohrwagen

im Einsatz [vor 1970]

3 Großlochbohrwagen unter Tage in der Grube Merkers

[um 1980]

4 An einem fertig vorbereiteten Abbau wird [um 1980]

Sprengstoff in die gebohrten Sprenglöcher eingeblasen

5 Ein Lader fördert das losgesprengte Rohsalz ab und bringt

es zur nächsten Bandstrecke [um 1980]

6 Die Entfernung von lose hängendem Gestein an der Firste

übernimmt ein Beraubefahrzeug [um 1980]

2

128


3 4

5 6

129


1 2

3 4

130

1 Eine Ansicht entlang der Seilbahn über das Werratal hinweg

zur chemischen Fabrik in Dorndorf kurz vor oder

nach der Stilllegung [um 1990]

2 Eine [um 1970] angefertigte Aufnahme zeigt, wie die

Seilbahntrasse ansteigt, um die vor der Beladestation an

der Schachtanlage Springen II/III liegenden Hügel zu

überwinden


5

6 7

3 Gut gefüllte Seilbahnwagen auf dem Weg zur Fabrik nach

Dorndorf

4 Ein Arbeiter hängt hoch über dem Boden bei Montagearbeiten

an den Trageseilen

5 Sichtlich gut gelaunt sind die bei einer Veranstaltung aufgenommenen

Bergleute

6 Der Bus steht bereit. Vom Werksparkplatz in Merkers aus

geht es in die Ferien

7 Die Buchhandlung der Kalikumpel direkt vor dem Werkseingang

in Merkers

131


1 An einem der beiden Fördergerüste in Merkers wird ein

Hubschrauber bei Montagearbeiten eingesetzt

2 Schichtwechsel in Merkers [um 1970]

3 Der Schacht Kaiseroda I mit Förderturm und einem Teil der

Fabrik vor der Stilllegung im Jahr 1965

4 Früher ein sehr attraktives Bild: das Kaliwerk Merkers bei

Nacht

5 Eine Luftaufnahme aus Richtung Dorndorf verdeutlicht die

Dimensionen der damals noch produzierenden Fabrik Merkers

[um 1990]

1

2 3

132


4

5

133


1 2

3 4

134

1 Fassungslos stehen die Beschäftigten 1993 auf dem

Werksgelände: Gerade ist der Beschluss zur Stilllegung

von Merkers bekannt gegeben worden

2 Eine ganze Reihe von Protestkundgebungen gegen die

Werksstilllegung fanden in Merkers vor dem Werkseingang

statt

3 Das Arbeiterwohnheim des Kaliwerks Merkers fällt nach

der Sprengung in sich zusammen [um 1995]

4 Im April 1996 befindet sich eine große freie Fläche an der

Stelle, an der früher die chemische Fabrik des Kaliwerkes

Dorndorf stand


Rudolf Kokorsch

Wiederaufbau und Rationalisierung –

Kaliindustrie in Hessen 1945–1989

2

3

1 4

Die innerdeutsche Grenzziehung trifft nicht nur die Menschen

im hessischen Werratal, sondern auch die westdeutsche Kaliindustrie

hart, denn mit der „Ostzone“ gehen ihr viele Werke

verloren. Als das westdeutsche Wirtschaftswunder einzusetzen

beginnt, profitiert davon auch die Kaliindustrie und weitet ihre

Kapazitäten aus. Aber kein Aufschwung hält ewig. Als in den

1960er Jahren neue Konkurrenten auf den Weltmarkt drängen,

müssen die Produktion konzentriert, neue Technologien eingeführt,

Personal abgebaut und in Norddeutschland Werke geschlossen

werden. Dennoch haben Ende der 1980er Jahre die

hessischen Kaliwerke dank hoher Investitionen, großer Rationalisierungserfolge

und weitreichender Umweltschutzmaßnahmen

eine gute Position auch im internationalen Wettbewerb

erreicht.

1 Abgesackte Ware wird 1952 im Kaliwerk

Wintershall in Eisenbahnwaggons

verladen

2 Das Fördergerüst des Hattorfer Seilfahrtschachtes

Hera am 12.01.1995

im winterlichen Sonnenlicht

3 Am 30.06.1957 durchschreitet der

Bergmannsverein Neuhof aus Anlass

seines 50-jährigen Bestehens beim

Festzug ein festlich geschmücktes Tor

4 Ein Lader LF 15 beim Einsatz in der

Grube Hattorf [um 1990]


1

2

Startbedingungen und Produktionsaufnahme

nach Kriegsende

Die Voraussetzungen für eine erfolgversprechende

und dauerhafte Aufwärtsentwicklung der Kaliindustrie

in Hessen nach dem Ende des II. Weltkrieges

waren gegeben. Die Kaliwerke, die Infrastruktur 1

und die Bevölkerung hatten die Folgen der Kriegshandlungen

und die Wirren der letzten Kriegstage

vergleichsweise glimpflich überstanden.

Die hessischen Kaliwerke hatten bis Ende 1944 voll

produziert. Ihre technische Ausrüstung über wie

unter Tage war für europäische Verhältnisse modern.

Die Schächte der aktiven Werke waren zwar

alle älter als 35 Jahre, aber ihr Bau war zu einem

Zeitpunkt angesetzt worden, als man schon erfahren

war im Niederbringen von Schächten im Salinar.

Die bis 1945 als Muna-Werke genutzten so genannten

Reserveschächte waren betriebsbereit.

Die Infrastruktur im Werra-Fulda-Revier hatte durch

Kriegseinwirkungen einigen Schaden genommen

(Brücken, Eisenbahnen, Stromversorgung). Viel folgenschwerer

aber war, dass die Teilung Deutschlands,

die sich nach der Kapitulation 1945 sehr schnell abzeichnete,

„mitten durch’s Revier“ ging: Familien,

Dörfer, Verwaltungseinheiten, Schulbezirke, kulturelle

Verbindungen, Verkehrswege, Arbeitsplätze,

136

3

Mannstiefe Gräben an der

Zonengrenze

Nachdem am ... Vormittag der ostzonale Zonengrenzübergangspunkt

Vacha – Philippsthal noch als

einziger kleiner Übergangspunkt für den Interzonenverkehr

geöffnet war, schickten die ostzonalen

Grenzbehörden am ... Nachmittag alle Interzonenreisenden

nach Philippsthal zurück. Gleichzeitig

begannen sie damit, unmittelbar vor ihrem Schlagbaum

einen etwa ein Meter breiten und mannstiefen

Graben quer über die Straße auszuheben.

Das ostzonale Abfertigungsgebäude wurde geräumt.

Die Straßen der Stadt Vacha schienen fast ausgestorben.

...

Auch wurde uns erklärt, daß Arbeiter beauftragt

waren, durch Herausnahme der Schienenteile den

Eisenbahnverkehr zwischen Ost und West zu unterbrechen.

Entlang der ganzen hessisch-thüringischen Landesgrenze

bot sich dem Beschauer das gleiche Bild.

Überall wurden quer zu den Straßen Gräben aus-


Wasser- und Stromversorgungsunternehmen, Industriebetriebe

und -unternehmen wurden schlagartig

getrennt und mussten neu geschaffen und strukturiert

werden. Die deutsche Kaliindustrie verlor viele

Werke an der Werra, am Südharz und im Bezirk

Staßfurt, insgesamt 60 Prozent ihrer Kapazität.

Die Teilung Deutschlands, die 45 Jahre anhalten sollte,

war im Werragebiet so greifbar und folgenreich

wie nur an wenigen Stellen in Deutschland, wenn

man von der deutschen Hauptstadt absieht.

Trotzdem: Es wurde aufgeräumt, zusammengerückt

und angepackt in einer Art und Weise, die einige

Historiker heute sogar damit erklären, dass wir

Deutschen dadurch unsere Fehler aus der Hitler-

Zeit vergessen machen wollten. Jedenfalls entstand

aus diesem Aufbauwillen heraus das, was später den

Namen Wirtschaftswunder erhielt, ein Wiederaufbau

und ein Wirtschaftsboom auf breiter Basis.

Bis zum 30. März 1945 hatten die Kaliwerke an der

Werra in Betrieb gestanden.Am 8.Mai hatte Deutschland

kapituliert. Und bereits im August 1945 wurde

auf Wintershall wieder Steinsalz gefördert (unter

anderem als Tauschobjekt gegen Steinkohle aus der

Tschechoslowakei für die Kraftwerke), im Frühjahr

1946 auf Hattorf und Wintershall auch wieder Kali.

Die Zeit für den Neuaufbau der beiden Reserve-

4

Kaliwerke Herfa-Neurode und Neuhof-Ellers, die

seit den 30er Jahren als Muna-Werke genutzt worden

waren, kam erst später.

Die folgende Aufwärtsentwicklung der Kaliindustrie

in der Bundesrepublik, und darin an hervorragender

Stelle eingebunden die Werra-Werke, verlief jedoch

nicht so gleichmäßig, wie die Erinnerung vielleicht

wahrhaben möchte. So wurde die Unterbrechung

der Transportmöglichkeiten auf dem Schienenweg

mehrfach als politisches Druckmittel erst durch die

Sowjets und später von der DDR eingesetzt.

gehoben. Der Bahnhof Gerstungen lag völlig verlassen.

Er war vor einigen Tagen restlos von der

Ostzoneneisenbahn geräumt worden. Lediglich die

Haupteisenbahnlinie Bebra-Obersuhl-...-Eisenach

war noch frei, während der restliche Zwischenzonenverkehr

gesperrt wurde. Inwieweit sich die

Sperrung dieses Zwischenzonenverkehrs auf die

Beförderung der Kaliarbeiter aus den Landkreisen

Rotenburg und Eschwege und auf den Transport

der Kalizüge aus dem Kaligebiet der Werrawerke

Heringen (Wintershall) und Philippsthal (Hattorf)

hindernd bemerkbar machen bleibt abzuwarten.

Wie uns am Samstag in Heringen erklärt wurde,

erhielten die in der Ostzone wohnenden Kaliarbeiter

der Gewerkschaft Wintershall nicht ihre Papiere

ausgehändigt, sondern gingen zunächst drei

Wochen in Jahresurlaub. Man hofft innerhalb der

nächsten Tage oder Wochen eine Klärung dieser

Angelegenheit herbeiführen zu können und die

erneute Genehmigung zum Grenzübertritt für die

Kaliarbeiter zu erhalten. [...]

Aus: Hersfelder Zeitung vom 01.06.1952.

1 Mit dem Wipper werden am Füllort des Schachtes Hattorf

die Kettenbahnwagen [vor 1945] entladen

2 Das Kaliwerk Neuhof, nach dem II. Weltkrieg, noch vor

Beginn der Wiederinbetriebnahme

3 Schema der DDR-Grenzsperren [um 1960]

4 Neben dem Kaliwerk Merkers war das Werk Sondershausen

einer der wichtigsten Standorte, der dem Wintershall-

Konzern durch die Grenzziehung verloren ging

137


1

Die Kreisbahn von Bad Hersfeld nach Heimboldshausen

schuf zwar Entlastung. Nach Reparatur der

zerstörten Brücke über die Fulda bei Bad Hersfeld

konnte sie den Betrieb im September 1945 wieder

aufnehmen. Aber erst nach Verstärkung der Gleisanlagen

und der Ausrüstung war sie in der Lage,

den Abtransport großer Kalimengen sicherzustellen.

Noch gab es immer wieder Waggonmangel bei der

Bundesbahn und Lücken bei der Versorgung der

Kraftwerke mit Kohle.

Der Kalivertrieb musste, nachdem die Alliierten das

1910 gegründete deutsche Kalisyndikat, das von

Berlin aus den Kaliverkauf zentral geleitet hatte, neu

aufgebaut und strukturiert werden. So wurde zum

Beispiel in Bad Hersfeld vorübergehend eine Verkaufsstelle

eingerichtet.

Andererseits konnte die westdeutsche Kaliindustrie

bei ihrem Aufbau nach 1945 auf die Erfahrungen

der Vorkriegsjahre zurückgreifen. Das galt für die

Wiederinbetriebnahme und Vergrößerung ihrer im

Westen verbliebenen Betriebe genauso wie bei der

Errichtung neuer Werke. Dazu gehörte zum Beispiel

die Kenntnis der internationalen Märkte. Schon

1950 betrug die Exportquote wieder 35 Prozent. Sie

138

A Wie eine Schlange windet sich ein Kalizug zwischen Dankmarshausen

und Widdershausen durch die DDR-Grenzsperren

B Übersicht über die durch die Grenzziehung nach 1945

unterbrochenen Eisenbahnstrecken

A

KALITRANSPORTE ÜBER DIE

INNERDEUTSCHE GRENZE

Autor: Hermann-Josef Hohmann

Nachdem die russischen Besatzungstruppen 1945 in

Thüringen eingerückt waren, sperrten sie bis März

1946 die Bahnlinien im Werratal. Der erste hessische

Kalizug nach dem Krieg fuhr am 10.9.1945

über die Hersfelder Kreisbahn nach Hersfeld, nachdem

eine zerstörte Brücke über die Fulda instand

gesetzt worden war. Als der Bahnverkehr wieder

rollte, konnten mit Ausnahme von Unterbreizbach

alle thüringischen Kaliwerke ihre Transporte bei Bedarf

so organisieren, dass dabei das hessische Werratal

umgangen wurde. Im Mai 1952 riegelte die

DDR die Grenze endgültig ab. Dadurch wurde das

Werk Unterbreizbach isoliert und musste seine Produktion

am 6.7.1952 einstellen. Deshalb wurde in

kürzester Zeit unter der Bezeichnung „Erster sozialistischer

Bahnbau“ eine nur über DDR-Gebiet verlaufende

5,2 Kilometer lange Anschlussbahn gebaut.

Bevor von der DDR im November 1954 die

Werratalbahn nach Gerstungen wieder freigegeben

wurde, waren die hessischen Werrawerke vom An-


stieg bis 1990 auf über 55 Prozent. Eine weitere

Voraussetzung für den Aufbau eines erfolgreichen

Marketings war der hervorragende Beratungsdienst

für die Kunden in Landwirtschaft und Industrie in

Verbindung mit eigener landwirtschaftlicher Forschungsarbeit,

zunächst am Kaliforschungs-Institut

in Hannover, seit den 1980er Jahren in Heringen.

Etwa seit 1910 gab es im Deutschen Reich staatlich

festgesetzte Höchstpreise für Kalidüngemittel. Daher

standen die deutschen Kalihersteller nicht nur untereinander

in Konkurrenz, sondern waren auch von

Staatsseite zu einem ausgeprägten Kostendenken

angehalten waren. Dadurch konnten beim Wiederaufbau

nach 1945 mehrfach Fehleinschätzungen

und -investitionen vermieden werden.

Die Werrawerke verfügten für die sich abzeichnenden

Produktionsausweitungen über bodenständige,

bergbauerfahrene und handwerklich in eigener Regie

bestens ausgebildete Belegschaften. Schon 1950

wurden anlässlich des 50-jährigen Bestehens des

Kaliwerkes Wintershall 736 Belegschaftsangehörige

für 25-jährige und 71 für 40-jährige Werkszugehörigkeit

geehrt. Der steigende Bedarf an Arbeitskräften

konnte gedeckt werden, weil viele Vertriebene

und Flüchtlinge aus Ost- und Mitteldeutschland

gerne die angebotenen Arbeitsplätze angenommen

haben.

Die Umstellung von staatlich gelenkter Planwirtschaft

auf die weltoffene Marktwirtschaft traf die

deutsche Kaliindustrie also nicht unvorbereitet.

1 An der Sacknähmaschine werden im Kaliwerk Wintershall

[um 1955] Säcke mit der Aufschrift Kaliverkaufsstelle Bad

Hersfeld GmbH zugenäht

2 Die von der Verkaufsgemeinschaft deutscher Kaliwerke

GmbH getragene landwirtschaftliche Versuchsanstalt Büntehof

in Hannover-Kirchrode

2

schluss an die leistungsfähige Bahnlinie von Eisenach

nach Bebra abgeschnitten. Während der Sperrung

gelang es alle Transporte über die Hersfelder

Kreisbahn abzuwickeln, obwohl deren Strecke für

solche Mengen nicht ausgelegt war. Nachdem

Alexandershall die Förderung wieder aufgenommen

hatte, war auch die DDR an Fahrten ihrer Kalizüge

über westdeutsches Gebiet interessiert, weil

dieses Rohsalz in den Fabriken Dorndorf und Unterbreizbach

verarbeitet werden sollte. Die nach 1961

eröffnete Bahnlinie von Förtha nach Gerstungen ermöglichte

die Salzabfuhr von Alexandershall über

DDR-Territorium. Als die Grube 1967 stillgelegt

worden war, untersagte die DDR kurz danach den

hessischen Zugverkehr über Gerstungen. Wieder

meisterte die Kreisbahn die immensen Transportaufgaben

mit Erfolg und verhinderte Produktionseinschränkungen.

Der Anlass für die Sperrung waren

finanzielle Forderungen der DDR für die Genehmigung

der Kalitransporte. Nachdem eine Einigung

erzielt war, öffnete sich am 28.9.1969 der

Grenzzaun wieder und von da an verlief der Verkehr

bis 1989 reibungslos, weil er der DDR dringend

benötigte Devisen einbrachte.

B

x

xx

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x

x

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x

x

139


1 Gläserne Bromtürme in der Hattorfer Bromfabrik

2 Im Kaliwerk Wintershall wird [um 1960] unter anderem

die Sulfatfabrik umgebaut

3 Das Kaliwerk Neuhof in einer Luftaufnahme [um 1960]

1

Produkte – Märkte – Produzenten

Im Jahre 1888 überstieg der Kaliabsatz an die Landwirtschaft

erstmals die Verkäufe an alle übrigen Abnehmer.

Heute landen über 90 Prozent der hergestellten

Kalisalze auf dem Acker. Weltweit überwiegen

dabei lagerstättenbedingt die Kaliumchloride,

die aus rund 95 Prozent KCl bestehen. Als Kalidüngemittel

spielen eine wichtige Rolle auch Kaliumsulfate,

also schwefelsaures Kalium, und schließlich die

so genannten Mehrnährstoff-Düngemittel, also

Kombinationen aus wasserlöslichen Kalium- mit

Magnesium-, Phosphor- und/oder Stickstoffsalzen.

Die aus den Anfängen der Kaliindustrie herrührende

Direktvermarktung des Rohsalzes als „Kainit” hatte

nur noch bis in die 1970er Jahre eine gewisse Bedeutung.

Seitdem bekannt ist, dass neben Stickstoff, Phosphor,

Kalium und Kalzium auch die Elemente

Magnesium und Schwefel eine tragende Rolle bei

der Pflanzenernährung spielen, gewinnt die Produktgruppe

Magnesiumsulfat, MgSO 4 , mit unterschiedlichen

Anteilen an Kristallwasser, zunehmende

Bedeutung in der Produkt-Palette der deutschen

Kaliindustrie.

2 3

140


Schließlich sind die chemische und pharmazeutische

Industrie Abnehmer für die meisten der genannten

Salze in chemisch reiner („hochreiner“)

Qualität sowie für weitere Spezialsalze, z.B. Magnesiumchlorid,

und Brom, die aus den Rohsalzen gewonnen

werden können.

Es ist ein Vorteil für den deutschen, speziell für den

hessischen Kalibergbau, dass sich in den Zechstein-

Kaliflözen Thüringen, Hessen und Staßfurt neben

Kalium auch Magnesium und neben Chloriden auch

Sulfate abgelagert haben. Dadurch erhalten die deutschen

Kalilagerstätten einen natürlichen Ausgleich

gegenüber den KCl-reicheren in Kanada und Russland.

Die deutsche Kaliindustrie hat in ihrer Produkt-

Palette diese Vorteile sehr konsequent umgesetzt:

1952 wurden noch über 85 Prozent Kaliumchloride

und nur 12 Prozent Sulfate hergestellt. 30 Jahre später

lag der KCl-Anteil unter 70 Prozent und der Anteil

an Sulfaten, Mehrnährstoff-Düngern und Magnesiumchlorid

bei fast einem Drittel 2 . Die hessischen

Werke hatten in dem Sektor K- und Mg-Sulfate

schon immer eine dominierende Stellung: Neuhof-

Ellers als „Kieseritwerk“, Hattorf und Wintershall als

„Sulfatwerke“ liefern 30 Prozent der Weltproduktion

an Kaliumsulfat.

1945 war in den drei westlichen Besatzungszonen

Deutschlands die Kaliproduktion mit zehn Werken,

davon zwei in Hessen, aufgenommen worden.1955

waren fünf Werke hinzugekommen, darunter Herfa-

Neurode (1950) und Neuhof-Ellers (1954) in Hessen.

Wieder zehn Jahre später war mit 17 die Höchstzahl

an fördernden Werken erreicht. Die Produktion war

zwischen 1949, dem ersten Jahr nach der Währungsreform,

und 1965 von 0,7 auf 2,4 Millionen Tonnen

K 2 O, d. h. auf das dreieinhalbfache gesteigert worden.

Aber mit diesem Jahr war auch für lange Zeit der

Höhepunkt der Wachstumskurve erreicht. Die Bedingungen

auf dem Weltmarkt hatten sich grundlegend

geändert: Neue Lagerstätten in Russland

(seit 1956) und Kanada (seit 1963) gingen in Ausbeute

und neue Produzenten drängten auf den

Markt. Zu den genannten kamen in den 1970er und

1980er Jahren noch Großbritannien, der Kongo,

Israel mit großen Zuwachsraten und Jordanien am

Toten Meer sowie Brasilien.

Für die weltweit geschaffenen neuen Produktionskapazitäten

fehlten die Abnehmer. Die Erlöse bra-

Weltkaliproduktion nach Regionen 1944–1989 in 1.000 Tonnen K2O u. Weltanteil

Region 1944 1950 1960 1970 1980 1989 Anteil

BRD 906 1.978 2.306 2.737 2.186 absolut

20,5 21,8 13,1 9,9 7,5 % Welt

Hessen 294 710 925 1.321 1.353 absolut

6,6 7,8 5,3 4,8 4,6 % Welt

DDR 1.160 1.600 2.400 3.422 3.200 absolut

26,1 17,6 13,6 12,4 10,9 % Welt

Deutschland gesamt 1.604 2.066 3.578 4.706 6.159 5.386 absolut

52,7 46,6 39,4 26,7 22,3 18,4 % Welt

Frankreich, Spanien, 629 1.196 1.790 2.526 2.959 2.554 absolut

Italien, Großbritannien 20,7 27,0 19,7 14,3 10,8 8,7 % Welt

UdSSR --- --- 1.250 4.200 8.070 10.231 absolut

--- --- 13,8 23,9 29,3 34,9 % Welt

USA, Kanada, Brasilien 759 1167 2.369 5.648 9.541 9.049 absolut

24,9 26,3 26,1 32,1 34,6 30,9 % Welt

Israel, Jordanien 53 --- 84 520 790 2.065 absolut

1,7 --- 0,9 3,0 2,9 7,0 % Welt

China --- --- --- --- 21 56 absolut

--- --- --- --- 0,1 0,2 % Welt

3.045 4.429 9.071 17.600 27.540 29.341 1.000 t K2O

Welt = 100

141


1

2

3

142


Jahresproduktion Welt - BRD - Hessen 1945 bis 1990

(1.000 Tonnen K2O und prozentualer Anteil)

Mittelwert Mittelwert Mittelwert Mittelwert

Jahre 1945-55 Jahre 1956-65 Jahre 1966-77 Jahre 1978-89

Welt absolut 4.230 9.840 16.690 28.020

Welt in Prozent 100 100 100 100

BRD absolut 910 1.940 2.320 2.410

%-Anteil 21,5 20,5 11,8 8,6

Hessen absolut 290 700 960 1.280

%-Anteil 6,9 7,4 4,9 4,6

chen ein. Nicht nur die im Weltmaßstab sehr hohen

Löhne und Energiepreise in Deutschland belasteten

den Kaliexport, sondern auch die Tatsache, dass der

Wertstoffanteil Kali in den deutschen Rohsalzen

deutlich unter dem der kanadischen und russischen

Rohsalze liegt. Hinzu kamen ungünstige Wechselkursrelationen

der Deutschen Mark gegenüber dem

amerikanischem Dollar und dem russischem Rubel.

Schließlich stiegen die Frachtkosten im Inland und

für die Seefracht. 3 Es gab Zeiten, da waren die Frachtkosten

vom Werratal bis nach Hamburg höher als

die für den Transport von den kanadischen Kaliwerken

bis nach Europa. Immer deutlicher wurde

auch, dass die auf den älteren deutschen Kaliwerken

im Einsatz stehenden Gewinnungs-, Förder- und

Verarbeitungsausrüstungen, -verfahren und -technologien,

ja sogar ein Teil der Produkte (50er Kali,

Staubanteil, Rieselfähigkeit) international nicht

mehr wettbewerbsfähig waren. 4 Im innerdeutschen

Konkurrenzkampf kam ein weiteres hinzu: 1967

übertraf die Kaliproduktion der DDR erstmals die

der alten Bundesrepublik um 3,5 Prozent. Sie lag von

1975 an regelmäßig zwischen 25 und 35 Prozent

über der westdeutschen Produktionsmenge. Als

Folge davon gingen einige alte deutsche Exportmärkte

(Indien, Brasilien, China) zum Teil an die

DDR.

Kurz gesagt, es war den westdeutschen Kaligesellschaften

trotz vieler Verbesserungen der herkömmlichen

Technik nicht mehr möglich, im Export mit

den großen Konkurrenten mitzuhalten. Diese haben

die auf dem Weltmarkt bis 1977 durchaus vorhandenen

Zuwachsraten ausgeschöpft. Dass dabei auch

Preisdumping eine gewichtige Rolle gespielt hat, vor

allem beim damaligen Konkurrenten DDR und in

der UdSSR, sei nur am Rande vermerkt.

4

5

1 In Neuhof werden die alten Anlagen Anfang der 1950er

Jahre gesprengt, um Platz für die Neubauten zu schaffen

2 Das Neuhofer Werk in der Aufbauphase 1954

3 Betrieb [um 1960] auf dem Wintershaller Werksbahnhof

4 Unter einer Schrapperbühne steht ein Großförderwagen

[um 1960] bereit, um beladen zu werden

5 Hauptstrecke im Kaliwerk Neuhof [um 1963] mit Lokomotivförderung

143


144

Kurzarbeit wegen Absatzschwierigkeiten

„Wie bestätigt wurde, wird das Werk Hattorf von Kali und Salz zunächst

vom 8. bis 21. März kurzarbeiten. Von der Belegschaft – beschäftigt werden

zur Zeit 1.500 Arbeitnehmer – werden lediglich etwa zehn Prozent

für bestimmte Aufgaben eingesetzt. Während der zwei Wochen Kurzarbeit

wird die Produktion völlig eingestellt. ... Ob es am Jahresende noch

einmal Kurzarbeit gibt, kann noch nicht gesagt werden. Da mit einer Steigerung

des Kaliabsatzes in absehbarer Zeit nicht gerechnet wird, soll die

Produktion von 410.000 Tonnen im vorigen Jahr 1982 auf 368000 Tonnen

reduziert werden.

Ähnlich liegen die Dinge bei Wintershall in Heringen. ... Von den Maßnahmen

sind dort rund 1.800 Arbeitnehmer betroffen.“

Aus: Hersfelder Zeitung vom 19.02.1982.

„Trotz zwei- bis dreiwöchiger Kurzarbeit im Frühjahr und verlängerten

Betriebspausen ist die Kali und Salz AG gezwungen, auch im Herbst noch

einmal Kurzarbeit einzulegen. In diese Maßnahme werden rund 6.300

Mitarbeiter des Unternehmens einbezogen. Die Kurzarbeit muss sich

durchschnittlich über zwei bis drei Wochen in der Zeit von September bis

Dezember erstrecken. ... Wie das Arbeitsamt Fulda dazu mitteilte, sei für

das Werk Neuhof noch keine Kurzarbeit angemeldet worden. Ein Sprecher

der Kali und Salz ging jedoch davon aus, das etwa 500 bis 600 der

rund 800 Beschäftigten des Neuhofer Werkes betroffen seien.“

Aus: Fuldaer Zeitung vom 20.08.1982.

1

Die westdeutsche Kaliindustrie konnte – zum wiederholten

Male in ihrer Geschichte – nur dadurch

überleben, dass sie den mit neuester Technik ausgestatteten

Produktionsstätten der Konkurrenz mit

grundlegenden Umstrukturierungs-, Konzentrations-

und Rationalisierungsmaßnahmen auf ihren

leistungsfähigsten älteren Kaliwerken entgegentrat.

Als Ergebnis dieses Konzentrations- und Rationalisierungsprozesses

ist festzuhalten: Die Anzahl der

produzierenden deutschen Kaliwerke musste von

1965 bis 1989 von 17 auf sieben reduziert werden.

Das hessische Kalirevier hat dabei kein Werk verloren

(die Stilllegung von Herfa-Neurode ist Teil eines

Werksverbundes). 5 Dennoch trafen vor allem die ersten

fünf Jahre dieser Umstellungsperiode auch die

hessischen Kaliwerke sehr. Die Produktion musste

wegen des rückläufigen Absatzes zurückgefahren

und Kurzarbeitspausen mussten eingelegt werden.

In den Grubenbetrieben kamen neue Verfahren und

Technologien zum Einsatz, die Kalifabriken wurden

auf umweltverträglichere Produktionsverfahren (am

deutlichsten sichtbar an der damals einsetzenden

Aufhaldung der nicht verwertbaren Rohsalzanteile)

und die gesamte Produkt-Palette auf international

konkurrenzfähige Produkte umgestellt. Infolge stagnierender

Förder- und Produktionszahlen musste

sich der Rationalisierungseffekt 6 all der genannten

Maßnahmen allein im Personalabbau niederschlagen:

Zwischen 1965 und 1970 gingen im westdeutschen

Kalibergbau insgesamt über 6.400 Arbeitsplätze

verloren, ein Viertel (1.613) davon in Hessen.

1961 war im hessischen Kalibergbau mit 6.554 die

höchste Beschäftigtenzahl erreicht worden, im

Dezember 1970 verblieben davon noch 4.457

Beschäftigte. Die größte Zahl an Arbeitplätzen

wurde 1967 mit 538 eingespart.

1 Am 21. Februar 1969 wurde das nach dem II. Weltkrieg

mit großem Aufwand wieder in Betrieb genommene Kaliwerk

Königshall-Hindenburg unweit von Göttingen stillgelegt.

Luftaufnahme aus dem Jahr 1956

2 Mit einem Großlochbohrwagen GB 420 der Salzgitter

Maschinen AG bohrt Georg Lotz im Kaliwerk Wintershall

ein vier Meter tiefes Großloch


Belegschaft, Anzahl und Produktion der Werke und Exportquote

der westdeutschen und hessischen Kaliwerke 1945 bis 1989

Mittelwert der Jahre

1945-55 1956-65 1966-77 1978-89

Gesamtbelegschaft BRD 15.123 19.413 11.784 8.962

Hessen 4.097 6.226 4.576 4.415

Anzahl der produzierenden BRD 12,4 15,8 13,2 8,6

Kaliwerke Hessen 2,7 4,0 3,4 3,0

Durchschnittliche Jahrespro- BRD 73 123 176 281

duktion je Werk in 1.000 t K2O Hessen 108 176 282 427

Exportquote in Prozent BRD 33,2 40,4 44,6 55,1

Allerdings vollzogen sich diese Personalabgänge relativ

sozialverträglich. Viele Bergleute gingen mit 55

Jahren in den gesetzlich ermöglichten vorzeitigen

Ruhestand, andere konnten über Tage im Fabrikbereich

untergebracht werden. Ein Teil fand Beschäftigung

in dem Werk der Hoechst AG in Bad Hersfeld

und in weiteren Gewerbebetrieben in der näheren

Umgebung. Insgesamt verliefen diese schwierigen

Jahre aber ohne soziale Unruhen, was nicht zuletzt

den kooperativen Betriebsvertretungen und Gewerkschaften

zu verdanken ist.

Erfreulich und bemerkenswert ist aber auch, dass es

der hessischen Kaliindustrie im Rahmen dieser Umstrukturierungen

gelungen ist, ihren Anteil an der

westdeutschen Produktion zwischen den Jahren

1960 und 1980 von 36 auf 48 Prozent, in absoluten

Zahlen von 710.000 auf 1,321 Millionen Tonnen

K 2 O zu erhöhen. Und damit auch ihren Beschäftigtenanteil

von 32 auf 44 Prozent.

2

2.000 Arbeitsplätze sind verloren gegangen

„Eine Denkschrift zur Lage im Industriegebiet Werratal

hat die Gemeinde Heringen der hessischen

Landesregierung zugeleitet. In ihr wird festgestellt,

die Zahl der Beschäftigten der Kaliindustrie sei von

5.444 im Jahre 1961 auf 3.529 in Januar dieses

Jahres abgesunken. Bei den Ergänzungsbetrieben

gingen weitere 150 Arbeitsplätze verloren, so daß

sich im letzten Jahrzehnt ein Verlust von 2.000

Arbeitsplätzen errechnen lasse.

Heringen ... ist von der Rationalisierung in der

Kaliindustrie am stärksten betroffen. Die Zahl der

Beschäftigten des Werkes Wintershall sank von

3.300 auf 1.800 ab. Die Einwohner der Kaligemeinde

Heringen (ohne Eingemeindungen) verringerte

sich von 4.955 im Jahre 1962 auf 4.503 im

April des vergangenen Jahres. Dabei sei davon auszugehen

... , daß in der Hauptsache jüngere Familien

abgewandert seien, während die Zahl der Einwohner

im Rentenalter in diesem Gebiet überdurchschnittlich

hoch sei. Diese missliche Lage lasse sich

nur ändern und verbessern durch die Schaffung

neuer Arbeitsplätze. ... Benötigt würden zwischen

500 und 1.000 neue Arbeitsplätze.“

Aus: Hersfelder Allgemeine vom 15.05.1971.

145


KONZENTRATION DER WESTDEUTSCHEN KALIINDUSTRIE NACH 1945

B

A

B

Die Entwicklung der westdeutschen Kaliindustrie nach

1945 von mehreren Unternehmen hin zur Konzentration

der Aktivitäten unter dem Dach der Kali und Salz AG

Die Logos der Salzdetfurth AG, der Wintershall AG und

das erste Logo der Kali und Salz AG

A

Ein neues Unternehmen entsteht

„Liebe Mitarbeiter, mit dem 1. Juli 1970 hat ein neuer Abschnitt in der 110-jährigen Geschichte des deutschen Kali- und Steinsalzbergbaus

begonnen. Die beiden größten Gesellschaften dieses Bergbauzweiges in der Bundesrepublik haben ihre Kali- und Steinsalzbergwerke

in einem gemeinsamen neuen Unternehmen vereinigt: der KALI UND SALZ GmbH.

Für die Wintershall AG und die Salzdetfurth AG, die beide vor mehr als 70 Jahren als Bergbaugesellschaften ihren traditionsreichen Weg

begonnen haben, bedeutet der Abschied von ihrem ältesten Unternehmenszweig eine schicksalhafte Entscheidung.

... So soll auch dieser Zusammenschluß als ein folgerichtiger, der veränderten Situation auf dem Weltmarkt angepaßter Schritt gesehen

werden. Wir hoffen zuversichtlich, daß die KALI UND SALZ GmbH mit mehr als 10.000 Beschäftigten und dem tragfähigen Fundament

ihrer 14 Werke den harten Anforderungen des Wettbewerbs kommender Jahrzehnte besser gewachsen sein wird als die bisher getrennten

Werksgruppen, obwohl diese bereits auf vielen Gebieten eng zusammengearbeitet haben. ...

Die Geschäftsführung der KALI UND SALZ GmbH Dr. Denzel, Heim, Schulze, Dr. Singewald“

„Liebe Kollegen, seit dem ersten Juli haben wir einen neuen Arbeitgeber, die KALI UND SALZ GmbH. Unsere Werke sind zu einem neuen

Unternehmen vereinigt worden, daß in seiner Größe internationalen Maßstäben entsprechen soll. Wir erwarten, daß dadurch unsere Konkurrenzfähigkeit

gestärkt wird und unsere Arbeitsplätze auch in der Zukunft erhalten bleiben.

... Wir vertrauen darauf, daß auch alle kommenden Maßnahmen gemeinsam im Geiste einer vertrauensvollen und loyalen Zusammenarbeit

zwischen Unternehmensleitung und Gesamtbetriebsrat, zwischen Werksleitungen und Betriebsräten, getroffen werden und daß

diese gute Zusammenarbeit einheitlich auch in der KALI UND SALZ GmbH Platz greifen möge.

Wir Betriebsräte begrüßen in der neuen gemeinsamen Firma unsere Kollegen, die bisher in getrennten Gesellschaften und Werksgruppen

tätig waren. Wir hoffen, daß sie sich recht bald zufrieden als zu e i n e m Unternehmen gehörig fühlen. ....

Für die Gesamtbetriebsräte der Wintershall AG, der Burbach Kaliwerke und der Salzdetfurth AG Schüler, Böllersen, Runge“

Aus: K+S, Werkzeitschrift der K+S GmbH, Nr. 1 Kassel 1970, S. 3.

146


Aber nicht nur Personalabbau und die Stilllegung

von Werken in Norddeutschland waren die Folgen

des lange anhaltenden Konzentrationsprozesses. Die

auch im Kalibereich tätigen Gesellschaften Preußag

und Kalichemie AG gaben 1965 und 1982 ihre Werke

auf. Nachdem zum 1.1.1969 der Chemie-Konzern

BASF die Wintershall AG übernommen hatte, kam

es am 1.6.1970 zur Gründung der Kali und Salz

GmbH, später Kali und Salz AG, in der die Unternehmensbereiche

Kali und Steinsalz der beiden Muttergesellschaften

Wintershall AG und Salzdetfurth AG

zusammengeführt wurden. Dieser Zusammenschluss

aller westdeutschen Kaliaktivitäten unter einem

Dach sollte sich für den deutschen Kalibergbau als

segensreich erweisen, nicht nur gegenüber der weltweiten

Konkurrenz mit viel größeren Werks- und

Unternehmenseinheiten, sondern auch nach der Wiedervereinigung,

als es galt, die beiden deutschen

Kaligesellschaften zu vereinen. Ohne diese Entwicklung

wäre die westdeutsche Kaliindustrie spätestens

in den 1980er Jahren in Existenznöte geraten.

Entwicklung von Verfahren und

Technik unter Tage

Unverändert seit hundert Jahren wird die Kalisalzgewinnung

unter Inkaufnahme von bis zu 50 Prozent

Abbauverlusten versatzlos betrieben. Das Verfahren

hat sich vom Örterbau mit Langpfeilern zu

quadratischen Pfeilern (room and pillar) hin entwickelt.

Die Lösung des Salzes aus dem Gebirgsverband

erfolgt immer noch fast ausschließlich mit

Bohr- und Sprengarbeit. Die Sprenglöcher wurden

noch bis in die 1960er Jahre mit Säulendrehbohrmaschinen,

heute mit dieselfahrbaren, elektrisch

angetriebenen Bohrwagen hergestellt. Die Entwicklung

des Sprengstoffes lief von patroniertem zu losem

Sprengstoff, der mit Luft eingeblasen wird. Als

Energieträger im Sprengstoff diente früher teilweise

Kaliumchlorat, Ruß und flüssige Luft, heute nur noch

Ammoniumnitrat mit Dieselölzusatz.

Nachdem sich Anfang der 50er Jahre die deutschen

Fachleute 7 mit dem internationalen Stand der Bergbautechnik

vertraut gemacht hatten, wurden auch

in den hessischen Kalibergwerken mehrfach und

bis in die jüngste Zeit kontinuierlich arbeitende Ge-

ÖRTERBAU MIT QUADRATISCHEN PFEILERN (ROOM AND PILLAR-ABBAU)

Hermann-Josef Hohmann

Mit der Einführung der modernen Großgerätetechnologie

hat sich auch die Abbauführung verändert.

Statt bis zu 200 Meter langen Kammern werden

nun kleinere Abbaue aufgefahren, zwischen denen

quadratische Pfeiler stehen bleiben. Die neuen Maschinen

machten die Neuorganisation der Arbeitsabläufe

in den Gruben erforderlich und seitdem

werden zunächst mit dem 1) Großlochbohrwagen

die Einbruchlöcher hergestellt, bevor mit dem

2) Sprenglochbohrwagen die Sprenglöcher gebohrt

werden. In diese wird anschließend der mit einem

Spezialfahrzeug angelieferte Sprengstoff mit Pressluft

eingeblasen. Nach dem Sprengen bringt der

3) Schaufellader das Rohsalz bis zum 4) Brecher,

wo es zerkleinert wird. Anschließend wird das Rohsalz

auf ein 5) Förderband aufgegeben und zum

Schacht transportiert.

(Die Illustration ist idealisiert. Die Pfeiler entsprechen

nicht den realen Dimensionen.)

A

147


1 2

3

4

5

räte zur schneidenden Gewinnung und Streckenauffahrung

im Dauereinsatz erprobt. 8 Derartige Verfahren

sind weltweit in der Gewinnung rein chloridischer

und geologisch ungestörter, flach gelagerter

Kalisalze längst Stand der Technik und haben viele

verfahrenstechnische Vorteile gegenüber dem Sprengbetrieb.

Im hessischen Bergbau ist es bisher nicht

gelungen, die schneidende Gewinnung konkurrenzfähig

zum Bohren und Sprengen einzusetzen. Bisher

waren alle Anstrengungen vergeblich, die sich aus

der welligen Lagerung, aus der Kohlensäuregas-

Höffigkeit und durch die schlechte Schneidbarkeit

des sulfatischen Salzgesteins ergebenden Schwierigkeiten

wirtschaftlich erfolgreich zu meistern. Nur

im Streckenvortrieb und bei der Herstellung großer

Räume unter Tage kommen in Sonderfällen so genannte

Teilschnittmaschinen zum Einsatz.

Die Abförderung des gesprengten Rohsalzes zu den

mit Brechern gekoppelten Bandaufgaben erfolgte

noch bis in die späten 1960er Jahre mit Schrappern.

Diese sind heute längst durch Fahrlader ersetzt, die

bis 17 Tonnen Schaufelinhalt haben können und in

zunehmender Zahl elektrisch und nicht mehr mit

Dieselkraftstoff angetrieben laufen.

Die Streckenförderung aus den Gewinnungsrevieren

148

1 In der Grube Wintershall wird 1989 versuchsweise Rohsalz

schneidend mit der VMK gewonnen

2 Die Schneidköpfe der VMK in Betrieb

3 In Hattorf ist im Februar 1990 bei einer Streckenauffahrung

eine Eickhoff-Teilschnittmaschine im Einsatz

4 Ein Lader LF 9 im Juni 1990 an einer Kippstelle im Kaliwerk

Neuhof

5 Bandanlagen und Bandübergabe von der Firma Eickhoff

in der Grube Herfa-Neurode [um 1967]


6

zu den Förderschächten erfolgte früher in Förderwagen

– der Schrapper füllte die Wagen über eine

Schurre – gleisgebunden in Seil- oder Kettenbahnen

oder in Lokzügen. In den 1970er Jahren wurde

auf automatisch gesteuerte Bandförderung umgestellt.

In den Schächten waren, von Ausnahmen abgesehen,

schon während des Krieges die Wagen- durch

sehr leistungsfähige Gefäßförderungen ersetzt worden.

Hier wurde später nur noch automatisiert und

verstärkt. Zwischen Band- und Schachtförderung

sind Feld- und Großbunker eingerichtet worden, die

als Zwischenspeicher, zur Vergleichmäßigung des

häufig unterschiedlich zusammengesetzen Rohsalzes

und zur Koordinierung der unterschiedlichen

Betriebszeiten von Grube und Fabrik dienen.

Aber nicht nur in den Gewinnungs- und Förderverfahren

unter Tage stecken die technischen Fortschritte

eines halben Jahrhunderts, sondern auch in der

Infrastruktur und der Logistik der Grubenbetriebe,

die sich an der Werra über die Fläche einer Großstadt

erstrecken und pro Tag Mengenströme von

30 bis 40.000 Tonnen bewältigen müssen. Das sind

rund 30 Güterzüge mit 40 Waggons täglich oder das

Fünffache dessen, was das größte Kaliwerk Europas

in Merkers in den Vorkriegsjahren geleistet hat.

Die Gruben müssen laufend mit elektrischem Strom,

Frischluft, Spreng- und Kraftstoff, Material und

Reserveteilen, Wasser und vielem mehr versorgt

werden. Die hierbei anfallenden Transport-, Beschaffungs-

und Verteilungsaufgaben sind enorm

und nur mit Hilfe modernster Technik und Sonderentwicklungen

aller Art zu bewältigen. Die vielen,

meist dreischichtig betriebenen mobilen und stationären

Gewinnungs-, Lade-, Transport- und Spezialmaschinen

erfordern unter Tage große Werkstätten

7

8 9

6 Ein Michigan-Lader mit 30 Tonnen Schaufelinhalt versorgt

in Hattorf seit 1976 die Fabrik an Wochenenden mit Salz

7 Einer der Wintershaller Schachtbunker 1972 im Bau

8 Einhängen von Großraumförderwagen am Schacht Ellers

bei Neuhof vor ihrem Transport in die Grube, [um 1957]

9 Am Schacht Neurode werden Großgeräte eingehängt

149


KALIBERGBAU IN ÖL GEMALT

Hermann-Josef Hohmann

Der 1954 in Bayreuth geborene Maler H. D. Tylle

lebt heute bei Kassel. Schon während seines Kunststudiums

von 1975 bis 1980 begann er, sich mit

der Arbeitswelt künstlerisch auseinander zu setzen.

Anfang der 1980er Jahre entstanden im deutschen

Steinkohlen- und Salzbergbau Arbeiten, die das

Deutsche Bergbau Museum in Bochum 1984 ausgestellt

hat. Mehrmals war der Künstler in Kalibergwerken,

um unter Tage seine Themen zu finden, zu

skizzieren und anschließend in seinem Atelier, meist

in Öl auszuarbeiten. Seine zu diesem Thema geschaffenen

Gemälde zeigen eindrucksvoll die besondere

Arbeitswelt im Kalibergbau. Bei seinem Aufenthalt

im Werra-Revier hat er 1995 unter anderem

eine großformatige Unter-Tage-Szene im Kaliwerk

Wintershall gemalt, die sich heute im Werra-Kalibergbau-Museum

in Heringen befindet. Sein vor

der Kulisse des Zementwerks Deuna im Eichsfeld

angesiedeltes 230 mal 630 Zentimeter großes Tryptychon

„9. November in Deuna, am Morgen danach“

hängt im Deutschen historischen Museum in

Berlin als fiktives und symbolisches Portrait der Arbeiter

nach dem Kollaps des sozialistischen Systems

in der DDR.

1

1 Sprengfahrzeug, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,

65x90 cm, Öl/Leinwand, Besitz des Künstlers

2 Ankerbohrwagen, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,

70x110 cm, Öl/Leinwand, Eckhard Grohmann Collection,

Milwaukee USA

3 Bandmontage, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,

80x110 cm, Öl/Leinwand, Besitz des Künstlers

4 Butterpause, Heringen, Kaliwerk Wintershall, 1995,

75x110 cm, Öl/Leinwand, Privatsammlung Berlin

2

150


3

4

151


1

152

für Reparatur- und Wartungsaufgaben. In den Abbaubereichen

stellen schnell umsetzbare Wartungseinheiten

die hierfür erforderlichen Kapazitäten zur

Verfügung.

Schließlich seien hier noch drei „werratypische“

Aufgabenkomplexe genannt, deren Lösung seit dem

letzten Krieg gelungen oder doch entscheidend vorangebracht

worden ist. Es wurden verlässliche Berechnungsverfahren

für die Stützpfeiler entwickelt,

die nach dem Abbau des Salzgesteins die Gebirgslast

tragen müssen, und zwar für unterschiedliche

Lagermächtigkeiten und wechselnde petrographische

Lagerzusammensetzung. Die Gehalte an den

Wertstoffen Magnesiumsulfat und Kaliumchlorid

im Rohsalz können inzwischen vor Ort, nach dem

Sprengen und auf dem Wege nach über Tage kontinuierlich

gemessen und optimiert werden. Und

schließlich: Die Voraussagemöglichkeiten von Gas-

Salz-Auswürfen bei der Bohr- und Sprengarbeit

sind weiter erforscht und verbessert worden.

Die Rohsalzverarbeitung über Tage

Im zu Tage geförderten Kalirohsalz sind nur rund

30 bis 35 Prozent Wertstoffe enthalten. Mehr als zwei

Drittel sind unverwertbarer Rückstand, der in fester

oder flüssiger Form entsorgt werden muss.

Kalisalze sind Evaporite, das heißt aus Meerwasser

ausgeschiedene, leicht wasserlösliche Chloride und

weniger gut oder schwer wasserlösliche Sulfate. Die

physikalischen Eigenschaften dieser beiden Salzgruppen

sind untereinander sowohl in wässriger

Lösung als auch in festem Zustand sehr ähnlich,

entsprechend schwierig ist deren Trennung.

Anfänglich erfolgte die Trennung des Rohsalzes in

wässriger Lösung, wobei die unterschiedliche Löslichkeit

der verschiedenen Salze bei unterschiedlichen

Temperaturen ausgenutzt wurde. Die gelösten

Wertstoffe (KCl) wurden in möglichst reiner

Form wieder auskristallisiert, die unlöslichen

(Magnesiumsulfat) aus der verbleibenden Lösung

„ausgewaschen“. Die restlichen flüssigen und festen

Rückstände wurden auf die Abraum-Halde und in

die Vorflut, später auch in die porösklüftigen

Schichten des Plattendolomits im Untergrund, entsorgt.

Heute wird dieses bis in die 1980er Jahre weit verbreitete

Heißlöseverfahren in Deutschland nur noch

in Ergänzung der weiter unten genannten Sortierverfahren

angewendet, etwa zur Herstellung besonders

staubfreier Produkte und zur Verwertung von

Stäuben und mechanisch nicht weiter aufschließbarer

Zwischenfraktionen des Rohsalzes.

Das als nächstes entwickelte Sortierverfahren war

die Trennung der Rohsalzbestandteile in gesättigter

Salzlösung, in der sich die Wertstoffe nicht mehr

auflösen können, sondern in festem Zustand mit

angelagerten Luftbläschen „aufgeschwommen“ werden,

flotiert, wie der Fachausdruck heißt. Die Rück-


stände können fest auf der Halde oder flüssig in die

Vorflut oder in den Untergrund entsorgt werden.

Das Verfahren stammt aus der Erzaufbereitung und

wird in der Kaliindustrie heute weltweit eingesetzt.

Das jüngste Sortierverfahren ist die „trockene“ Aufbereitung

im Hochspannungsfeld. Dabei wird die

unterschiedliche elektrostatische Aufladbarkeit der

Salze ausgenutzt. Mit der „ESTA“ 9 (elektrostatische

Aufbereitung) sind heute alle drei hessischen Kaliwerke

ausgestattet. Das Verfahren kommt vor allem

in den Verfahrensschritten zum Einsatz, bei denen

früher sehr große Abwassermengen entstanden

sind. Der nunmehr trocken anfallende Rückstand

wird aufgehaldet. Allein in der Kalifabrik Neuhof-

Ellers wird das Chlorkalium nach wie vor flotativ

gewonnen und nur der Kieserit elektrostatisch abgetrennt.

Dort kommt der Flotationsrückstand auf die

Halde. Für die ESTA wurden allein auf Hattorf und

Wintershall 130 Millionen Euro investiert.

Dafür werden je Tonne aufgehaldeten Steinsalzes

3,5 Kubikmeter Salzabwasser, zusammen rund 30

Millionen Kubikmeter pro Jahr, eingespart. Inzwischen

wird auch der Kieserit auf allen hessischen

Werken elektrostatisch abgetrennt.

Von der Vielzahl weiterer Verfahrensverbesserungen

zur Verminderung der Umweltbelastung, zur Kostensenkung

und Verbesserung der Produkte seien

nur noch die wichtigsten hervorgehoben: Herstellung

staubfreien Chlorkaliums in Vakuum-Kühlanlagen,

Umstellung der Kraftwerke von Braunkohle

auf Erdgas, Einbau von Elektrofiltern und Abgasreinigungsanlagen,

Optimierung der Kraft-Wärme-

Kopplung in der Energieversorgung und die Produktion

„hochreiner“ Produkte.

2

3

4

1 Ein Blick in die Großgerätewerkstatt der Grube Wintershall

[um 1975]

2 Laugenteiche dienen dem Kaliwerk Hattorf als Absetzbecken

und Zwischenspeicher für in der Fabrik entstehende

Abwässer, August 1980

3 Die Flotationsanlage im Kaliwerk Neuhof [um 1966]

4 Die Vakuumkühlanlage 4 im Kaliwerk Hattorf im Februar

1992

153


A

DAS ESTA-VERFAHREN

Hermann-Josef Hohmann

Das von der westdeutschen Kaliindustrie entwickelte

ESTA-Verfahren ermöglicht es, die unterschiedlichen

Salze nicht in wässrigen Lösungen voneinander

zu trennen, sondern auf trockenem Wege.

Die grundlegende Voraussetzung dabei ist, das

Rohsalz auf eine so feine Korngröße zu vermahlen,

dass die darin enthaltenen Minerale nicht mehr

miteinander verwachsen vorliegen. 1) Durch eine

spezielle Vorbehandlung unter genau definierten

klimatischen Bedingungen und mit der Zugabe

spezieller Chemikalien gelingt es, die einzelnen

Rohsalzbestandteile durch gegenseitige Reibung

unterschiedlich elektrostatisch aufzuladen. Bei dieser

so genannten Konditionierung nimmt das

Kaliumchlorid (KCl) eine negative, das Steinsalz

(NaCl) eine positive Ladung an. 2) Anschließend

rieseln die aufgeladenen Salze durch ein starkes

elektromagnetisches Feld, wo das KCl zum positiven

Pol (Anode) und das Steinsalz zum negativen

Pol (Kathode) hin abgelenkt werden und sich

im freien Fall voneinander trennen. 3) Einstellbare

„Trennzungen“ fangen die sortierten Salzbestandteile

auf.

B

A Erweiterung der Mühle und Bau der ESTA-Anlage im Kaliwerk

Hattorf

B Schema der elektrostatischen Aufbereitung von Salzen

C+D Eine ganz besondere Ästhetik in Edelstahl offenbart die

Hattorfer ESTA-Anlage im Oktober 1982

E Eine Innnenansicht der ESTA-Anlage im Kaliwerk Neuhof

August 1990

C D E

154


Technische Besonderheiten der

einzelnen Werke

Kaliwerk Hattorf

Das Grubenfeld liegt, bezogen auf das Werra-Kalibecken,

zentraler als die Nachbarfelder und hat deshalb

die größten Lagermächtigkeiten. Hier erreichen

die Gerätelinien für die mechanisierte Gewinnung

und Abbauförderung ihre größten Leistungsstärken

im Revier. Hier läuft auch mit 30 Tonnen

Schaufelinhalt der größte unter Tage eingesetzte

Fahrlader.

1968 hat das Werk neben der Kali- die Auftausalzproduktion

aufgenommen.

1979 wurde ein Überwachungssystem 10 mit Messstationen

sowohl über als auch unter Tage zur Erfassung

lokaler seismischer Ereignisse in den hessischen

Grubenbetrieben aufgebaut. Diese können als

Folge von Gebirgsabsenkungen beim Kaliabbau auftreten.

Die Anlage spielte eine wichtige Rolle bei der

Aufklärung des Gebirgsschlages am 13. März 1989,

als im Westfeld des thüringischen Kaliwerkes Kaiseroda

in Bereich von Völkershausen ein rund sieben

Quadratkilometer großes Abbaufeld zu Bruch

ging.

Die Entwicklung zum heutigen Kaliwerk Werra 11 ,

die Zusammenfassung der Standorte Hattorf, Wintershall

und Unterbreizbach, wurde 1976 mit dem

Stromverbund Hattorf-Wintershall eingeleitet, dem

1979 unter Tage die Verbindung über ein Förderrollloch

zur Versorgung der Fabrik Wintershall mit einem

Rohsalz-Teilstrom aus dem Grubenfeld Hattorf

und 1990 eine Streckenverbindung unter Tage folgte.

Kaliwerk Wintershall

Schon 1957 begann hier mit dem ersten Einsatz

amerikanischer automobiler Großgeräte das Ende

der konventionellen Betriebsweise mit Säulendrehbohrmaschinen

und Schrappern.

1953 ging im zu diesem Zeitpunkt menschenleeren

Bergwerk im Norden des Grubenfeldes, ausgelöst

durch ein externes tektonisches Ereignis, eine 0,8

Quadratkilometer große Abbaufläche zu Bruch.Von

nun an wurden im ganzen Werra-Revier die gebirgsmechanischen

Forschungen und Senkungsbeo-

1

2

1 Stellenweise ist in der Grube Hattorf die Mächtigkeit des

Kalilagers so groß, dass [um 1972] aus niedrigen

Abbauen große Kammern wurden

2 Die feierliche Inbetriebnahme der Streckenverbindung vom

Kaliwerk Wintershall zum Kaliwerk Hattorf im Jahr 1990

155


MECHANISIERUNGSVERSUCHE

IM KALIWERK WINTERSHALL

Rudolf Kokorsch

Nach dem II. Weltkrieg machte ein Blick über den

Ozean deutlich, dass die Konkurrenten in den USA

bei der Gewinnung flach gelagerter Kaliflöze schon

in den 50er Jahren zu bergmännischen Verfahren

und Maschinenausrüstungen gefunden hatten, die

die körperliche Belastung der Bergleute verminderte

und zu großen Mechanisierungserfolgen führte.

Es lag nahe, diese Geräte auch im deutschen Kalibergbau

zu erproben.

Der Grubenbetrieb Wintershall war im Jahrzehnt

nach 1955 die zentrale Versuchsstätte für diese Geräteerprobung.

In zwei Gewinnungsrevieren ersetzten

elektrisch angetriebene und mit Reifenfahrwerk ausgestattete

automobile Sprenglochbohrwagen und

Schrämmaschinen die Säulendrehbohrmaschine, bewegliche

Lademaschinen und Pendelwagen, die

Schrapper. Zu den aus den USA importierten, beim

damaligen Wechselkurs von eins zu vier, sehr teuren

Maschinen traten sehr schnell auch Maschinen

deutscher Fertigung, zum Beispiel Frässcheibenlader

und Pendelwagen aus den Fabrikhallen der SMAG.

In diese Zeit fällt ebenfalls der erste Einsatz eines

Continuous Miners, ein auf einem Raupenfahrwerk

montierter Schneidkopf zur schneidenden Auffahrung

von Strecken.

Auch wenn sich diese Maschinen letzten Endes noch

als zu leistungsschwach erwiesen, waren sie doch

in zwei Punkten zukunftsweisend: Sie zeigten zum

einen eine Alternative zum Örterbau mit langen

Pfeilern auf, den Quadrat-Pfeilerbau. Zum anderen

war die Verwendung automobiler Geräte und elektrohydraulischer

Antriebe für die Bohr- und Ladearbeit

im Abbaubereich richtungsweisend.

A

156

A In Wintershall werden [um 1959] schon Bohrwagen, hier

ein Joy-Bohrwagen vom Typ CD 25, eingesetzt

B Eine Joy-Schrammmaschine 15 RU [um 1959] in der Grube

Wintershall

C Kaliwerk Wintershall: Ein Continuous Miner

D Kaliwerk Wintershall: Ein SMAG-Frässcheibenlader im Einsatz

[um 1960]

E Ein Joy-Lader belädt im Kaliwerk Wintershall [um 1959]

einen Joy-Pendelwagen

F Ein Frässcheibenlader übergibt das abgeförderte Haufwerk

an einen Pendelwagen, Wintershall [um 1959]

G Kaliwerk Wintershall: Ein SMAG-Pendelwagen beim Entladen

[um 1959]

H Übergabe des Rohsalzes von der Abbauförderung mit

Pendelwagen an die Streckenförderung mit gleisgebundenen

Großförderwagen in einem mechanisierten Betrieb

der Grube Wintershall [um 1959]

B

C


D

E

G

F

H

157


achtungen mit großem Nachdruck intensiviert.

1969 wurde zwischen den Grubenbetrieben Herfa

und Wintershall eine erste Streckenverbindung hergestellt,

der die Konzentrierung der Schachtförderung

auf den Schacht Grimberg und die Einstellung

des Salztransportes mit Eisenbahnzügen von Herfa

nach Wintershall folgte.

1976 starteten die Arbeiten zum Verbundwerk Hattorf-Wintershall,

die unter Hattorf näher beschrieben

sind. 1989 wurde das Kaliforschungs-Institut,

eine Gemeinschaftsgründung der deutschen Kaliindustrie

von 1919, von Hannover nach Heringen verlegt.

158

1

2

3

Herfa-Neurode

Die Förderung aus dieser Grube, deren Rohsalz schon

immer in der Fabrikanlage Wintershall verarbeitet

wurde, kam 1920 zum Erliegen.1935 bis 1945 war

das Werk Heeres-Munitionsanstalt.1945 wurden

von den Amerikanern die Fördergerüste gesprengt.

Aber schon 1950, im Zuge der Schaffung von Ersatzkapazitäten

für die in Mitteldeutschland enteigneten

Betriebe, konnte die Grube wieder fördern. Sie

war dabei durch den Umstand begünstigt, dass in

der nahen Kalifabrik Wintershall ausreichende Verarbeitungskapazitäten

zur Verfügung standen.

In den Jahren 1967 bis 1976 wurden Herfa-Neurode

und Wintershall auch unter Tage durch die Schaffung

einer Streckenverbindung, die Vereinigung der

Gewinnungsreviere und den Ausbau von Herfa zur

Seilfahrt- und Transportanlage zu einem Verbundbergwerk

zusammengeführt. Nun war das alte

Grubenfeld Herfa für eine völlig neue Nutzung frei:

1973 begann die Untertage-Deponie Herfa-Neurode

mit der Einlagerung von Sonderabfällen.

Neuhof-Ellers

Das Werk war ein Opfer der Werksstilllegungen nach

dem I. Weltkrieg. Die Periode als Heeresmunitionsanstalt

überstand die Anlage weitgehend unbeschadet,

so dass um 1951 mit den Planungen und der

Errichtung eines Kaliwerks mit von Grund auf neuem

Zuschnitt begonnen werden konnte. Das Hartsalzlager

Hessen, in dem die Gewinnung begann, ist

hier nur von relativ geringer Mächtigkeit, weist aber

einen hohen Sylvin- und Kieseritgehalt auf. Die Ein-


ichtungen für Gewinnung und Abbauförderung

wurden an die geringe Mächtigkeit angepasst. Die

Streckenförderung zum Schacht wurde rund zehn

Meter unterhalb des Lagers in ein eigens dafür angelegtes

Streckennetz im Mittleren Steinsalz verlegt.

Bei seiner Inbetriebnahme 1954 hatte das Werk 654

Beschäftigte, die überwiegend aus dem Nahbereich

der Gemeinde Neuhof stammten, darunter auch

noch einige ehemalige Mitarbeiter der Muna. Hinzu

kamen einige wenige Bergleute und vor allem entsprechend

qualifizierte Angestellte aus anderen

Werken des Unternehmens und aus anderen Bergbauzweigen.

Rund 250 Werksangehörige aus dieser

Anfangsphase feierten 1980 ihre 25-jährige Werkszugehörigkeit.

Der Förderbeginn war gekoppelt mit

der ersten vollautomatisch arbeitenden Schachtförderung

in Deutschland. Die Fabrik erhielt als Kern

eine KCl-Flotationsanlage und 1974 die weltweit

erste ESTA-Anlage zur abwasserfreien Herstellung

von Kieserit. Die Produkt-Palette des besonders für

die süddeutschen Abnehmer günstig gelegenen

Werkes wurde auf hochprozentigem Chlorkalium

und Magnesiumsulfat aufgebaut.

Die hessische Kaliindustrie

als Arbeitgeber

Ein Industrieunternehmen, das sich durch die wechselhafte

Geschichte des letzten Jahrhunderts mit

gleichbleibenden Standorten als größter Arbeitgeber

einer Region behauptet hat, ist mehr als nur

ein Teil von ihr: Es hat sie geprägt, ihre Menschen,

die Gesellschaft, das wirtschaftliche Bild ihrer

Standorte in Philippsthal, Heringen, Neuhof und

anderswo.

Der Aufbau des Kaliwerks Neuhof im Bild der Presse

„Das in Neuhof-Ellers im Ausbau befindliche Kaliwerk der Gewerkschaft

Wintershall wird ... das modernste Kalibergwerk der Welt werden. Unter

großem finanziellen Aufwand werden Abbau- und Förderungsanlagen

errichtet, die nach den neuesten Erkenntnissen des Kalibergbaues eingerichtet

sind und weder in der Bundesrepublik noch in irgendeinem Land

auf der Welt ihresgleichen haben. Mit Hilfe dieser Anlagen sollen im

Neuhöfer Gebiet umfangreiche Kalilager abgebaut werden. Diese Lager

sollen die Rentabilität des hessischen Kalibergbaus auf Jahrzehnte hinaus

gewährleisten. Durch die Aufnahme des Kalibergbaus sollen im südlichen

Teil des Fuldaer Landkreises 600 Menschen Lohn und Brot finden. Darüber

hinaus werden durch die Wohnungsbauvorhaben und die Ankurbelung

der gewerblichen Wirtschaft natürlich auch die wirtschaftlichen Verhältnisse

in diesem Kreisteil erheblich verbessert. ... Die hessische Landesregierung

hat den Ausbau durch eine Staatsbürgschaft von 15 Millionen

Deutscher Mark gestützt und überhaupt erst möglich gemacht.“

Aus: Fuldaer Volkszeitung vom 01.04.1954.

4

5

1 Ein Rohsalzzug steht [um 1960] abfahrbereit nach Wintershall

am Schacht Herfa

2 Durchschlag der Strecke von Herfa nach Wintershall in die

Grubenbaue von Wintershall. Obersteiger Schneider aus

Wintershall begrüßt am 28.01.1969 Betriebsführer Hotze

vom Grubenbetrieb Herfa

3 Richtfest beim Bau des neuen Fördergerüstes am Schacht

Grimberg in Heringen [um 1971]

4 Erstmals im deutschen Bergbau wurde der Förderschacht

Neuhof mit einer automatisch betriebenen Fördermaschine

ausgestattet [um 1956]

5 Schichtwechsel am Kaliwerk Wintershall im April 1971

159


160

Neubürger in Herfa

„Das sprunghafte Ansteigen der Bevölkerungszahl [in Heringen-Herfa]

war nur durch das Ansiedeln und Eingliedern des Flüchtlings- und Vertriebenenstroms

aus der SBZ [Sowjetische Besatzungszone], aus den deutschen

Ostgebieten und aus dem Sudetenland möglich. ... ‚Altbürger’ und

‚Neubürger’ halten sich heute anteilsmäßig in der Gemeinde die Waage.

Alteingesessene und Neueingegliederte besitzen gleiche Wohnstätten, Berufspositionen

und Konsumgewohnheiten. Ebenfalls sind in Sitten, Gebräuchen

und in der Lebensführung kaum noch Unterscheidungsmerkmale,

die gruppenspezifisch zu nennen wären, zu beobachten. Die ‚Neubürger’

eigneten sich weitgehend Sprache, Sitten, Gebräuche ihrer alteingesessenen

Nachbarn an. Beibehalten und teilweise von den ‚Altbürgern’

übernommen wurden Nahrungsspezialitäten, z.B. die der Ungarndeutschen

und die der Sudentendeutschen.

Eine unterschiedliche Einstufung in der sozialen Rangordnung des Dorfes

aufgrund der Herkunft, wie sie noch Anfang der 50er Jahre häufig beobachtet

werden konnte, ist nicht mehr festzustellen. Zur Zeit bestimmen

andere Kriterien maßgebend den Platz in dieser Rangordnung. Die Gruppe

der Heimatvertriebenen dürfte vermutlich nach dem Ableben der jetzigen

Elterngeneration völlig in der einheimischen Bevölkerung aufgehen.“

Aus: Schwarz, Theodor: Veränderung der Lebensform in Herfa, Kreis Hersfeld.

Maschinenschrift, o.O. [Herfa] 1966, S. 13-14.

Kleinensee – Bergarbeiterdorf an der Zonengrenze

„Kleinensee hätte ... verdient, vom Schicksal etwas milder behandelt zu

werden. Verkehrstechnisch liegt es nämlich denkbar ungünstig. Fast kreisrund

ist es auf allen Seiten von der Zonengrenze umgeben. Nur eine Lücke

ist offen geblieben, und durch diese hindurch hat man nach der Zonengrenzziehung

schnell einen Waldweg zu einer festen Straße ausgebaut.

Auch diese ist noch recht schmal, so daß man wohl auf die Hinweisschilder

mit den Fahrzeiten des Autobusses acht geben muß. Die alten Grenzsteine

zwischen Preußen und Sachsen-Weimar stehen nun einmal, und

sie trennen, was in Generationen organisch zusammengewachsen war.

Gleich hinter der Zonengrenze liegt Großensee. An der mächtigen Linde

ist die Straße doppelt gesperrt. „Attention!“ Ein Verbotsschild für Kraftfahrzeuge.

„Halt! 50 m Zonengrenze!“ Noch einmal ein Schild mit dem

Hinweis „Halt. Zonengrenze“. Gleich viermal wird man gewarnt. ... Ebenso

ist die Straße nach Dankmarshausen gesperrt. Früher gingen die Bergleute

dorthin und fuhren mit dem Zuge nach Heringen. Fast alle haben Geschwister,

Verwandte drüben wohnen. Hier spürt man so recht die Tragik

der Trennung und den ganzen Widersinn eines geteilten Deutschlands.“

Aus: Kleinensee – Bergarbeiterdorf an der Zonengrenze. In: Salz und Oel. Werkzeitschrift

Wintershall AG. 11. Jg. H. 5, Kassel 1961, S. 20.

1 Die nach 1945 mit Unterstützung des Kaliwerks erbaute

Werratal-Schule in Heringen

2 Heringen, Kaliwerk Wintershall: Weihnachtliche Betriebsversammlung

unter Tage

3 Heringen, Kaliwerk Wintershall: Eine [vor 1959] mit Unterstützung

des Kaliwerks Wintershall neu errichtete Bergarbeitersiedlung

in Heringen-Leimbach

Das galt besonders vor dem I. Weltkrieg, aber auch

nach dem II. Weltkrieg, als das Werratal Grenzgebiet,

die Infrastruktur zerstört, die Mobilität sowie

die Reisemöglichkeiten der Menschen stark eingeschränkt

waren. Und es gilt für alt eingesessene

Bewohner ebenso wie für die vielen Ostvertriebenen,

die hier eine neue Heimat fanden.

Aber auch umgekehrt haben die Menschen ihren

Arbeitsplatz mitgestaltet und in Krisenzeiten um

ihn gerungen. Einige Beispiele: Es waren vor allem

Mitarbeiter des Werkes (und eine Gruppe flämischer

Arbeiter, die während des Krieges in den

Bergwerken zwangsverpflichtet gewesen waren), die

am Ostermontag 1945 einen brennenden bzw. explodierenden

Munitionszug aus der Muna Herfa-

Neurode auf dem Heringer Bahnhof unter Einsatz

ihres Lebens löschten und ein Übergreifen des

Brandes auf weitere Fabrikanlagen und Wohnhäuser

verhinderten.

Mitarbeiter des Werkes widersetzten sich später erfolgreich

der Flutung der Schachtanlage Herfa und

der Sprengung der Leichtmetall-Anlage Heringen II

durch amerikanische Soldaten. Herfa blieb erhalten

(was manchen allzu Wagemutigen auch dazu verführte,

in die Schächte einzusteigen und sich mit

der begehrten Kartuschenseide und „Eisernen Rationen“

zu versorgen), und in der Leichtmetallfabrik

konnten noch lange Zeit dringend benötigte

Haushaltsgegenstände hergestellt werden.

Die totale Grenzschließung am 30. Mai 1952 zwang

mehrere Hundert auf den Kaliwerken Beschäftigte

aus dem thüringischen Grenzbereich dazu, ihre

Arbeitsplätze aufzugeben oder über die Grenze zu

gehen. Viele wählten die zweite Möglichkeit. In der

Heringer Steinbergstraße entstanden in der Folge

156 Flüchtlingswohnungen, im Volksmund wurde

die Straße lange Zeit „Stalin-Allee“ genannt.

Der Ausbau der Werratal-Schule Heringen zur integrierten

Gesamtschule mit gymnasialem Zweig ist

ein besonders gutes Beispiel für die gegenseitige

Befruchtung und Unterstützung von Verwaltung,

Werken und Bürgern. So konnte den Kindern im

Werratal bald nach der Schließung der Grenzen 1945

und dem Verlust des Zuganges zu den weiterführenden

Schulen in Vacha und Gerstungen eine zur Hochschulreife

führende Schule angeboten werden.


Im Laufe der Jahre hat sich auch im hessischen Kalibergbau

eine beachtliche und feste Bergbautradition

entwickelt. Es gibt sehr aktive Bergmannsvereine.

Am 4. Dezember werden zu Ehren der Schutzpatronin

regelmäßig die Barbarafeste gefeiert. Im

Werk Neuhof wird der ökumenische Barabara-

Gottesdienst unter Beteiligung prominenter Gäste

sogar unter Tage abgehalten, in Heringen der Bergdank-Gottesdienst

in der Kirche. Die Betriebsversammlungen

am Jahresende finden regelmäßig

unter Tage und unter aktiver Mitwirkung eines Geistlichen,

des örtlichen Gewerkschaftssekretärs und

der Bergmannskapelle statt. Besonders sichtbar und

erfolgreich war die Zusammenarbeit von Werken,

Gemeindevertretern und Bevölkerung, als es um die

Errichtung des Werra-Kalibergbau-Museums ging,

das inzwischen einen sehr bedeutenden Namen

unter den deutschen Montanmuseen hat. 1989

eröffnete der mit Werksunterstützung gegründete

Kunstverein Heringen in der „K + S-Villa“ seine

erste Kunstausstellung.

Die Ortsparlamente haben unter ihren Mitgliedern

eine ganze Reihe von Werksangehörigen, die manches

Band knüpfen zwischen den Menschen der Region

und den Kaliwerken.

Seit 1928 bildet die hessische Kaliindustrie in technischen,

chemischen und kaufmännischen Berufen

ihren Nachwuchs selbst aus und entsendet besonders

qualifizierte Mitarbeiter in die Weiterbildung

an Fachschulen. Die Ausbildung der künftigen Bergmechaniker,

Handwerker, Kaufleute und Techniker

gilt in der Region als vorbildlich.

Die Belegschaften sind bodenständig. Es gibt Familien,

die in der dritten Generation in der Kaliindustrie

beschäftigt sind. Von 1953 bis 1988 haben

auf dem Werk Werra 4.200 Werksangehörige das

25-jährige, 910 das 40-jährige und 27 das 50-jährige

Betriebsjubiläum feiern können.

Die drei hessischen Werke stellen ihren Mitarbeitern

rund 300 Werkswohnungen zur Verfügung und

gewährten seit der Währungsreform Darlehen im

Wert von rund 25 Millionen Deutsche Mark für den

Eigenheimbau. 80 Prozent der Belegschaft wohnten

1989 in den eigenen „vier Wänden“.

Natürlich gab es und gibt es immer wieder auch

Spannungen zwischen den Menschen der Region

1

2

3

161


10,5 Prozent mehr Lohn

„Die rund 12000 Beschäftigten im Kali- und Steinsalzbergbau der Bundesrepublik

werden vom 1. Oktober an 10,5 Prozent mehr Lohn und Gehalt

erhalten. Auch die Lehrlingsvergütungen werden im gleichen Umfang erhöht.

Dieses Ergebnis dreitägiger Tarifverhandlungen in Bad Hersfeld teilte

am Mittwoch ein Sprecher der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie

mit. Der neue, in der Nacht zum Mittwoch ausgehandelte Tarifvertrag wurde

nach seinen Angaben ohne feste Laufzeit abgeschlossen. Er ist mit einer

zweimonatigen Kündigungsfrist zum Quartalsende kündbar. Die Tarifvertragsparteien

behielten sich eine Zustimmungsfrist bis zum 21. September

vor. Die IG Bergbau und Energie hatte ursprünglich eine Lohn- und

Gehaltserhöhung von 12,8 Prozent gefordert.“

Aus: Fuldaer Zeitung vom 20.09.1973.

1

2

und den Werken. Es seien nur drei Konfliktpunkte

genannt, die erst nach vielen Gesprächen ausgeräumt

werden konnten: Die notwendigen Haldenerweiterungen,

der Ausbau der Untertage-Deponie

Herfa-Neurode (auf ausdrückliches Betreiben des

damaligen hessischen Umweltministers Joschka

Fischer) und in den 1960er Jahren die Umlegungen

und Kündigungen von Belegschaftsmitgliedern.

Andererseits waren Belegschaft und Betriebsrat

immer offen, wenn Werksangehörige von norddeutschen

Schwesterwerken, die von Betriebseinschränkungen

betroffen waren, zu übernehmen waren.

Die Aufträge an heimische Firmen haben jährlich

ein Volumen von circa drei Millionen Euro. Der

Stadt Heringen und der Gemeinde Philippsthal flossen

bis zur Wiedervereinigung über 100 Millionen

Deutsche Mark an Steuern zu. Im Gebiet der Bundesbahndirektion

Frankfurt sind die hessischen Kaliwerke

der größte Frachtzahler.

Für den westdeutschen Kalibergbau gilt das Betriebsverfassungsgesetz

von 1952 beziehungsweise 1972.

Zuständige Gewerkschaft war ab 1945 die Industriegewerkschaft

Bergbau (IGB), später die Industriegewerkschaft

Bergbau und Energie (IGBE), heute

die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und

Energie (IGBCE). Die Betriebsvertretungen auf den

Werken gelten als fachkompetent, bodenständig,

selbstbewusst und kooperativ. Sie entsenden Vertreter

in die leitenden Gremien von Knappschaft,

Berufsgenossenschaft und in die Tarifkommission

des deutschen Kalibergbaus. Tarifpartner ist dort

der Kaliverein. Tarifgebiet waren bis 1989 die Länder

Niedersachsen, Hessen, Nordrhein-Westfalen

und Baden-Württemberg. Der erste Tarifabschluss

nach dem II. Weltkrieg wurde am 1.8.1948 besiegelt.

Im August 1956 gab es den ersten Tarifabschluss

über Arbeitszeitverkürzungen.1968 wurde die tarifliche

Sieben-Tage-Woche in den Kalifabriken eingeführt.

Seit dem 1. Mai 1981 gibt es den monatlichen

Festlohn für gewerbliche Arbeitnehmer. Zu Streiks

162

1 DIe Gasanschlussleitung zwischen den Werken Hattorf und

Werk Wintershall wird [um 1971] in die Werra abgesenkt

2 Auf der Halde Wintershall wird [um 1980] am Haldenabsetzer

gearbeitet


ist es bis 1989 in der westdeutschen Kaliindustrie

nicht gekommen. Dies unterstreicht angesichts wiederholter

kritischer Beschäftigungssituationen,

Kurzarbeit und Teilstilllegungen auf den Werken die

Kooperationsbereitschaft der Vertragspartner.

Umweltbelästigung und

Umweltschutz

Früher bestimmten Halden das Bild von Bergbaurevieren,

vielfach auch dunkler Rauch aus Schornsteinen,

biologisch geschädigte Vorfluter und lästige

Gerüche beim Einatmen der Luft, wenn die aus der

Tiefe geförderten Rohstoffe schwierigen Verarbeitungsprozessen

unterworfen werden mussten.

Heute sind davon im hessischen Kalibergbau nur

noch die Halden als typische Merkmale geblieben.

Und sie werden es bleiben, da zwei Drittel des geförderten

Salzes bei der Verarbeitung in den Fabriken

als nicht weiter verwertbarer Rückstand anfallen,

der aus verschiedenen Gründen nicht in die

Gruben zurückgebracht werden kann. Die Kraftwerke

sind auf Erdgas umgestellt und die Abluft wird

gereinigt.

Eine Besonderheit des Kalibergbaus ist, dass die bei

der Kaliproduktion entstehenden Abfallsalze wasserlöslich

sind. Die Trennungsverfahren erfolgten

lange Zeit über die wässrige Phase, wodurch versalzene

Abwässer anfielen, die anfänglich in den Vorfluter,

seit Ende der 1920er Jahre zunehmend in den

Plattendolomit versenkt wurden, ein kalkigdolomitisches

Schichtenpaket mit rund fünf Prozent Porenund

Kluftvolumen etwa 400 Meter unter der Erdoberfläche.

Seit 1913 sorgten gesetzliche

Regelungen und staatliche Überwachung dafür, dass

die Abstoßmengen in den Vorfluter im gesetzlichen

Rahmen blieben – auf der hessischen Seite auch in

der Zeit, als das Kalirevier geteilt war.

Die Werra-Versalzung ist seit der Umstellung der

Kalifabriken auf ESTA und ergänzende umweltverträgliche

Verarbeitungsverfahren auf unter zweieinhalb

Gramm pro Liter zurückgeführt und erreicht

damit wieder den Wert, der „bereits 1917 vom

Reichsgesundheitsamt als Grenzwert für die Trinkwassergewinnung

in Bremen“ festgesetzt wurde. In

der Werra konnte sich wieder eine „Vielfalt biologischer

Lebensgemeinschaften bilden“. 12

VERSENKUNG VON ABWÄSSERN

IM PLATTENDOLOMIT

Hermann-Josef Hohmann

Die seit den 1920er Jahren betriebene Versenkung

in den Plattendolomit ist eine der Möglichkeiten,

um salzhaltige Abwässer zu entsorgen.

Hierbei wird ausgenutzt, dass der im Zechstein

gebildete Plattendolomit viele Poren und Klüfte

aufweist, die aber von Natur aus nur teilweise

mit salzhaltigem Wasser gefüllt sind. Nachdem

er von über Tage aus angebohrt worden ist,

werden die salzhaltigen Abwässer eingeleitet.

A

B

A

Schema eines Schluckbrunnens für salzhaltige

Abwässer

Die Entwicklung der Versenkmengen in Hessen und

Thüringen zwischen 1925 und 2002

B

163


POLITIKER AUF STIPPVISITE

Hermann-Josef Hohmann

In Nord- und Osthessen ist der Kalibergbau seit

vielen Jahrzehnten einer der ganz großen industriellen

Arbeitgeber. Die Kaliwerke Wintershall und

Hattorf gehören mit dem Landkreis Hersfeld-Rotenburg

zum wirtschaftlich strukturschwachen Nordhessen.

Auch dem Kreis Fulda, dem die Gemeinde

Neuhof angehört, ist es erst in den letzten Jahren

gelungen, seine früheren Strukturprobleme in vielen

Bereichen hinter sich zu lassen.

Bis 1989 gehörten das Werratal und auch Neuhof

zum Zonenrandgebiet. Dicht an der deutsch-deutschen

Grenze gelegen, hatten gerade die beiden

hessischen Werrawerke eine immense strukturpolitische

Bedeutung. Deshalb haben immer wieder

prominente Landes- und Bundespolitiker bis hin zu

den Bundespräsidenten die hessische Kaliindustrie

besucht. Insbesondere in den heißen Zeiten des

Kalten Krieges sollten solche Besuche auch demonstrieren,

dass die Politik die Menschen im westdeutschen

Zonenrandgebiet nicht vergessen hat.

Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1972 wird Herfa-Neurode

mit seiner Unter-Tage-Deponie gerne von Politikern

aufgesucht, da sich die Deponie für die

Entsorgung von Sonderabfällen einen guten Ruf als

„Problemlöser“ erworben hat.

A

A

B

C

D

Der langjährige Fuldaer CDU-Bundestagsabgeordnete und

spätere Fraktionsvorsitzende der CDU im Bundestag

Dr. Alfred Dregger, nach seiner Grubenfahrt in Neuhof am

30.01.1980

Bundesarbeitsminister Norbert Blüm besucht das Werk

Neuhof-Ellers am 30.4.1991

Der hessische Ministerpräsident Holger Börner beim Besuch

in Herfa-Neurode am 16.03.1977

Besuch des Bundespräsidenten Heinrich Lübke im Kaliwerk

Hattorf

C

B

D

164


1

Was bleibt, sind die wachsenden Halden. Das mit

Bandanlagen feucht aufgeschüttete Salz bindet

schnell ab, so dass die Salzverwehungen minimal

sind. Salzhaltiges Niederschlagswasser wird aufgefangen

und in den Fabrikkreislauf zurückgeführt.

Schließlich arbeitet seit 1973 eine Arbeitsgruppe aus

Vertretern von Behörden, Forschungsinstituten und

der Kaliindustrie an den Voraussetzungen und Möglichkeiten

zur Begrünung der Rückstandshalden.

Von den zwischen 1945 und 1989 in die hessischen

Kaliwerke investierten rund 900 Millionen Euro

sind ein gutes Viertel, 250 Millionen Euro, für Umweltschutz-Investitionen

aufgewendet worden. 13

Die Steinsalzhalden sind inzwischen ein Symbol für

das Kalirevier wie die Bergehalden für den Steinkohlen-

und Erzbergbau. Sie sind nicht von jedem

akzeptiert, aber sie prägen das „Land der weißen

2

1 Die beiden Reststoffhalden von Hattorf und Wintershall

sind weithin sichtbare Wahrzeichen im „Land der weißen

Berge

2 Der „Monte Kali“ von Heringen hat sich in den letzten

Jahren zu einem beliebten touristischen Anziehungspunkte

entwickelt

165


1

3

2

4

166

Berge“. Für manchen sind sie ein willkommener

Aussichtspunkt; für viele ein Merkmal ihres Berufes

und Arbeitsplatzes und ein Zeichen für eine lebende

und erfolgreiche Industrie.

Die Unter-Tage-Deponie

Herfa-Neurode 14

Giftige Abfälle sind vor allem durch ihre Wasserlöslichkeit

gefährlich. Die vor mehreren hundert Millionen

Jahren entstandenen Salzlager sind seit ihrer

Verfestigung zu Gestein absolut trocken. Ihr Abbau

hinterlässt Hohlräume. Daher lag die Idee nahe, diese

für dauerhafte wie befristete Einlagerungen unterschiedlichster

Dinge zu nutzen.

So konnte das Projekt Unter-Tage-Deponie (UTD)

Herfa nach sorgfältiger Recherche und Planung sowie

mit behördlicher Mithilfe und Genehmigung

1973 in dem stillgelegten Grubenfeld des Kaliwer-

kes Herfa-Neurode verwirklicht werden. Von Anfang

an wurde der Grundsatz umgesetzt, giftige und umweltschädliche

Abfälle nicht mehr im Biokreislauf

zu belassen, sondern sie ihm in möglichst konzentrierter

Form zu entziehen und, systematisch geordnet,

mit einem Höchstmaß an Sicherheit für die damit

befassten Bergleute unter Tage zu deponieren.

Bis 1989 wurden in Herfa weit über 3.000 Arten von

Abfällen zur Einlagerung genehmigt und 882.000

Tonnen Sonderabfall eingelagert. Die Abfälle sind in

chemisch miteinander verwandten Stoffgruppen

zusammengefasst und in jeweils gesonderten Räumen

untergebracht. Die eingelagerten Stoffe sind

zum großen Teil Rückstände aus der metallverarbeitenden,

der chemischen und der Elektroindustrie

sowie aus Verbrennungsanlagen und reichen von

Galvanikschlämmen und Rückständen aus Rauchgasreinigungen

bis zu kontaminierten Transforma-


toren und überlagerten Medikamenten. Die vom

damaligen hessischen Oberbergamt entwickelten

Genehmigungs- und Betriebsanforderungen sind

als vorbildhaft in die „Technische Anleitung Abfall“

des Umweltministeriums eingegangen.

Selbstbewusst in das wiedervereinigte

Deutschland

Die Bilanz der hessischen Kaliindustrie für die Jahre

nach dem II. Weltkrieg ist beeindruckend. Die hessischen

Werke haben in diesen 45 Jahren 476 Millionen

Tonnen Rohsalz gefördert, daraus über 37 Millionen

Tonnen K 2 O-Produkte und rund 3 Millionen

Tonnen Steinsalz hergestellt sowie 882.000 Tonnen

Sonderabfälle eingelagert. Ihr Anteil an der westdeutschen

Produktion betrug in diesem Zeitabschnitt

43,5 Prozent, an der gesamtdeutschen Produktion

20 Prozent.

Innerhalb Westdeutschlands haben die hessischen

Kaliwerke ihren Anteil von einem Drittel in der ersten

Dekade auf über die Hälfte in den letzten zwölf

Jahren vor der Wiedervereinigung steigern können.

Es brauchte kein Werk stillgelegt zu werden. Dank

sehr hoher Investitionen und großer Rationalisierungserfolge

haben die Werke international übliche

Produktionskapazitäten erreicht.

Die Grubenbetriebe haben unter dem Zwang stärkster

Konkurrenz auf dem Weltmarkt in mehreren

Schüben die eingesetzten technischen Ausrüstungen

modernisiert, die einzelnen Betriebsbereiche

mechanisiert und mit dem Ergebnis auch im internationalen

Vergleich hoher Leistungen pro Mann

und Schicht rationalisiert.

In den Fabrikbetrieben war die Umstrukturierung

und Umstellung auf energiesparende und umwelt-

5

6

1 In der Unter-Tage-Deponie Herfa-Neurode (UTD) eingelagerte

Trafos

2 Eine gefüllte Lagerkammer wird in der UTD vermauert

3 Die Einlagerung der 200.000sten Tonne Sondermüll in der

UTD am 17.10.1979

4 Ein mit in Fässern verpacktem Sondermüll beladener Tieflader

wird in der UTD 1995 entladen

5 Kaliwerk Wintershall: Werksansicht mit Fördergerüst und

einem Teil der Fabrik am 14.5.1980

6 Förderturm, Mühle und ESTA beherrschen im Jahr 1988

optisch die Anlagen des Kaliwerks Hattorf

167


168

1

verträgliche Verfahren weit fortgeschritten. Die Produkt-Palette

nützte alle Möglichkeiten aus, die die

Rohsalzzusammensetzung eröffnete.

Der westdeutschen Kaliindustrie ist es in enger Zusammenarbeit

mit den Aufsichtsbehörden gelungen,

unter größtmöglicher Schonung der Umwelt die Probleme

Werraversalzung, Abwasserversenkung und

Aufhaldung der Rückstände langfristig zu lösen,

ohne die Konkurrenzfähigkeit auf dem internationalen

Kalimarkt einzubüßen.

Mit der UTD Herfa-Neurode ist eine richtungsweisende

und weltweit anerkannte Lösung eines brennenden

Umweltproblems gelungen.

Nicht gelungen ist es, den Anteil an der Weltproduktion,

der für die BRD 1960 noch bei 22 Prozent gelegen

hatte, auf diesem Niveau zu halten. Die Folge

war in der hessischen Kaliindustrie ein Personalabbau

um 30 Prozent; von rund 6.400 Mitarbeitern

1960 auf 4.500 30 Jahre später. Er fiel niedriger aus

als in den anderen deutschen Kalirevieren und lief

in den allermeisten Fällen sozialverträglich ab.

In mehreren zwischenstaatlichen Abkommen mit

der DDR war es zu Lösungen der grenzüberschreitenden

technischen Fragen des Kalibergbaus gekommen,

zum Beispiel über die Begradigung der Markscheiden,

die Substanzgewinn für beide Seiten

brachte, über den Austausch von Grubenrissen im

unmittelbaren Grenzbereich und über die Abstimmung

der Sprengzeiten unter Tage.

1950 konnte der Werksleiter bei einem 50-jährigen

Werksjubiläum im Werratal voller Pathos ausführen:

„Man kann wohl sagen, dass auf dem Unternehmen

immer ein sichtbarer Segen geruht hat, und dass wir

die Erfolge, die errungen worden sind, doch wohl in

erster Linie der Gnade Gottes, der immer über uns

gewaltet hat, zu verdanken haben. Natürlich haben

auch immer Männer an der Spitze und … alle

Arbeitskameraden in der ganzen Zeit in treuer

Pflichterfüllung mitgeholfen…“ 15

Auch aus den Worten des Betriebsratsvorsitzenden

klingen Dankbarkeit und Stolz: „50 Jahre Arbeitsplatz!

Welch ein Glück zog für das Dorf und die weitere

Umgebung ein, als vor mehr als 50 Jahren Männer

zur Tat schritten und einen Arbeitsplatz erschlossen,

der innerhalb der gesamten Wirtschaft von

größter Bedeutung wurde. Kalidünger – Erntebringer!

… Unser Arbeitsgeist, gepaart mit dem

Sinn für Gemeinschaft, schuf bessere Verhältnisse

und die heutige Kultur…“ 16

36 Jahre später war die Wortwahl nüchterner, aber

nicht weniger selbstbewusst, als eine Einschätzung

von kompetenter Seite lautete: „Die historische Entwicklung

des erst 125 Jahre jungen Weltkalibergbaus

beweist, dass wir weltweit einen hohen Standard

beim Abbau der Kalilagerstätten erreicht haben,

der sich gegenüber der Entwicklung in allen anderen

Bergbauzweigen sehr wohl sehen lassen kann.“ 17

1925 hat August Rosterg, eine der großen Persönlichkeiten

der deutschen Kaliindustrie, seine Leitideen

wie folgt zusammengefasst: „… durch Konzentration

der Kaliproduktion und größte Vervollkommnung

der technischen und bergbaulichen Einrichtungen

eine möglichste Verminderung der

Selbstkosten herbeizuführen und der deutschen

Landwirtschaft die Kaliprodukte entsprechend der

Senkung der Selbstkosten möglichst billig zu liefern

…“ 18 Diese Vision hat sich erfüllt.

1989, vor sich die nächste große Aufgabe, die Vereinigung

der beiden deutschen Kaligesellschaften zu

meistern, konnte die westdeutsche Kaliindustrie mit

Selbstvertrauen in die Zukunft sehen.


2 3

1 Werksansicht des Kaliwerks Neuhof mit Fördergerüst und

einem Teil der Fabrik im September 1991

2 Im Kaliwerk Neuhof bohren [um 1960] Bergleute mit der

Säulenbohrmaschine Sprenglöcher

3 Ein Opel-Blitz dient [um 1966] in der Grube Wintershall

als Fahrzeug für den Mannschaftstransport

4 Schrapperfahrstand und Schrapperhaspel in der Grube

Neuhof [um 1955]

5 Bergleute am Schacht Ellers [um 1955] vor der Ausfahrt

aus der Grube

4

5

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1

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3

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4

1 Eine Strecke mit Lokförderung in Wintershall [um 1963]

2 In der Grube Hattorf erfolgt 1967 die Streckenförderung

noch zum Teil gleisgebunden mit Kettenbahnen

3 Ein Bergmann am Steuerstand für einen Wipper am

Schacht Neuhof

4 Der Antrieb einer Kettenbahn in Hattorf im Jahr 1967

5 Wahrscheinlich aus Anlass des 50jährigen Jubiläums der

Lehrwerkstatt Heringen findet 1978 eine Feier in den festlich

geschmückten Räumen der Lehrwerkstatt statt


5 6

7

6 Die Bergkapelle Wintershall blickt 1974 auf ihr 40jähriges

Bestehen zurück

7 Ein Erinnerungsfoto zum Rückbau der Halde 1974 und

der Zuführung von Haldenmaterial zur Verarbeitung in

der Fabrik des Kaliwerks Hattorf

8 Festlich geschmückt steht am 4. Januar 1955 der erste

Eisenbahnwaggon mit Produkten des Kaliwerks Neuhof-

Ellers auf dem Werksbahnhof

8

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172

1

2

1 Das Setzen von Firstankern erfolgt Anfang 1981 in der

Grube Wintershall mit einem Firstankerbohrwagen

2 Im Februar 1986 sind zwei Bergleute in Wintershall mit

dem bohren von Großlöchern beschäftigt

3 Ein Salzgitter-Sprenglochbohrwagen steht im März 1986

in Arbeitsposition vor Ort im Grubenfeld Hattorf

4 Ein Lader in der Grube Hattorf lädt 1976 mehrere Tonnen

Rohsalz in seiner mächtigen Schaufel

5 An einer Kippstelle entlädt der Lader das Rohsalz in einen

Brecher, vom dem aus es einem Förderband zugeführt

wird

6 Eine Bandübergabe unter Tage in der Grube Wintershall

[um 1981]

7 Ein Wartungsplatz für Großgeräte in einem Abbaurevier

der Grube Neuhof im April 1971

8 Mannschaftstransportfahrzeug in der Grube Hattorf 1976


3 4

5 6

7 8

173


1

2

3

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4 5

6

1 Der Werkseingang des Kaliwerks Hattorf mit dem Förderturm

1976

2 Das von der Firma EILERS aus Hannover errichtete Fördergerüst

des Schachtes Herfa im Jahr 1963

3 Die Schachthalle des Schachtes Neurode vor dem Abriss

der Fördergerüstes

4 Das alte Fördergerüst steht noch über dem Schacht Ellers

bei Neuhof

5 Blick auf einen Teil des Kaliwerks Neuhof mit dem Fördergerüst

[um 1960]

6 Eine Nachtaufnahme des Kaliwerks Wintershall aus Richtung

Südwesten [um 1965]

175


1 2

3

4

5

1 Ein Mast der Seilbahn auf die Rückstandshalde mit einem

vollen Seilbahnwagen, im Hintergrund ein Teil der Hattorfer

Werksanlagen

2 Die neue ESTA-Anlage im Kaliwerk Hattorf mit Blick über

das Haldenband 1983

3 Auf dem Plateau des „Monte Kali“ in Heringen ist [um

1980] ist noch wenig Platz

4 Wintershall [um 1976]: Die erste Stufe der ESTA-Anlage

und das Haldenband befinden sich im Bau

5 Ein Blick von der Halde [um 1985] auf die Ortslage von

Neuhof

176


Hermann-Josef Hohmann

Wieder vereinigt –

die Jahre nach 1989

2

3

1 4

Nachdem die eigenen Bürger 1989 das Ende der DDR erzwungen

haben, bringen die Wiedervereinigung und die Einführung

der Deutschen Mark in Ostdeutschland auch für die Kaliindustrie

einschneidende Veränderungen mit sich. Der Rückstand

der DDR gegenüber den technisch modern ausgestatteten

westlichen Kaliproduzenten wird offensichtlich. Die Region

ist vor allem in Thüringen zu einem tiefgreifenden Strukturwandel

gezwungen. In seinem Verlauf müssen viele Arbeitsplätze

abgebaut werden. 1993 schließt sich die deutsche Kaliindustrie

zu einem Unternehmen zusammen. In der Folge werden

1997 alle Kalistandorte an der Werra im Verbundwerk

„Werra“ vereinigt.

1 Mit Pressluft wird der granulierte

Sprengstoff in die vorbereiteten

Bohrlöcher eingeblasen

2 Aus den bunten Salzen wird eine

ganze Palette unterschiedlicher

Produkte herstellt

3 Die elektrostatische Trennanlage ist

das Herzstück der meisten Kalifabriken

im Werra-Fulda-Revier

4 Die Halde des Kaliwerks Neuhof-

Ellers ist eine imposante Landmarke


178

1

2

Über 40 Jahre lang mussten wegen der deutschdeutschen

Grenze die Menschen und die Kaliindustrie

im Werratal, getrennte Wege gehen. Während

der hessische Teil des Reviers in der Bundesrepublik

den Weg der freiheitlichen Demokratie

und der Marktwirtschaft einschlug, hatte sich sein

thüringischer Teil mit dem real existierenden Sozialismus

der DDR und der Planwirtschaft zu arrangieren.

Dennoch, so unterschiedlich die Systeme

und damit die Absatzregionen und Märkte der

Kaliindustrie waren, hier wie dort ging es darum,

möglichst viel „weißes Gold“ zu fördern und zu verarbeiten.

Die Wiedervereinigung Deutschlands eröffnete der

jahrzehntelang geteilten deutschen Kaliindustrie die

Chance, unter einem Dach eine nachhaltige Perspektive

für die Herausforderungen der Zukunft zu erlangen.

Denn Anfang der 1990er Jahre war ihre Situation

alles andere als einfach, weil innerhalb weniger

Jahre die Kalinachfrage weltweit um rund ein Drittel

gesunken war. Der Zerfall des Ostblocks ließ die dortigen,

für die ostdeutschen Werke besonders wichtigen,

Kalimärkte nahezu vollständig zusammenbrechen.

Der frühere DDR-Binnenmarkt kollabierte

weitgehend, weil die Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften

(LPG) in der Anpassungsphase

an die Marktwirtschaft zunächst um ihr Überleben

kämpften. Über Nacht verteuerte die Einführung

der Deutschen Mark die Produkte der ostdeutschen

Kaliindustrie für die Kunden erheblich, und

das auf einem Weltmarkt, der von großen Überkapazitäten

gekennzeichnet war. Hinzu kamen von

ungünstigen Währungsrelationen verursachte Effekte,

weil viele Kaligeschäfte in Dollar abgewickelt

wurden. Sein damals schwacher Kurs ließ den bei

solchen Geschäften notwendigen Rücktausch in die

Deutsche Mark ungünstig ausfallen.

Aus den genannten Gründen waren die Kapazitäten

der deutschen Kaliindustrie nicht ausgelastet und

Strukturanpassungen unvermeidlich. Zwar betrafen

die meisten der geschilderten Problembereiche auch

die westdeutsche Kaliindustrie. Es gab aber einen

entscheidenden Unterschied zu den Werken in der

ehemaligen DDR. Nach umfangreichen Rationalisierungsmaßnahmen

war es im Westen in den Jahren

vor 1990 gelungen, mit weitaus weniger Personal


3 4

die Produktivität entscheidend zu steigern. Im Rahmen

dieser Maßnahmen waren die Belegschaftszahlen

um etwa zwei Drittel gesenkt und zehn Werke

stillgelegt worden. Demgegenüber verharrte die

Zahl der Beschäftigten in der ostdeutschen Kaliindustrie

seit langem auf hohem Niveau und die Produktivität

war geringer.

In den neuen Bundesländern wurde 1990 das frühere

Kombinat "Kali" in die Mitteldeutsche Kali AG

umgewandelt, die sich zu 100 Prozent im Eigentum

der Treuhandanstalt befand. Für die drei thüringischen

Werrawerke rief sie eine Tochterfirma mit

dem Namen Kali Werra AG ins Leben.

Die geschilderte Marksituation bedeutete auch für

die thüringischen Werrawerke Anfang der 1990er

Jahre den Beginn eines wirtschaftlich unumgänglichen,

einschneidenden Strukturwandels. Denn zu

groß waren die Unterschiede zwischen der Planund

der Marktwirtschaft, zu bedeutend mancher

Modernisierungsrückstand und zu schlecht die

Nachfragesituation, als dass es für die thüringischen

Werke möglich gewesen wäre, ohne tiefe Einschnitte

weiter zu bestehen. Hinzu kam, dass es in

den thüringischen Werken kosten- und personalintensive

Bereiche gab, die nicht zur eigentlichen Produktion

gehörten, im DDR-System aber von den Betrieben

unterhalten werden mussten. Soziale und

kulturelle Einrichtungen, aber auch die von oben

verordnete Produktion von Konsumgütern hatten

die Belegschaftszahlen zusätzlich erhöht und belasteten

nun die betriebswirtschaftliche Situation der

Kali Werra AG.

Nachdem bereits die nicht mit der Kaliproduktion

verbundenen Bereiche ausgegliedert worden waren,

ließen sich auch im Kalibereich drastische Einschnitte

nicht umgehen. So musste zunächst das

Werk Dorndorf statt wie geplant 1993 schon 1991

stillgelegt werden.

1 Die von der DDR-Regierung errichteten schwarz-rot-goldenen

Grenzsäulen waren eines der Symbole der deutschen

Teilung

2 In der DDR unterhielten die Kaliwerke umfangreiche

Sozial-, Kultur- und Freizeiteinrichtungen

3 Die Fördermenge und die Belegschaft der thüringischen

Werrawerke von 1945 bis 1990

4 Die Fördermenge und die Belegschaft der hessischen

Kaliwerke von 1945 bis 1990

179


180

1

2

3

In Deutschland bestanden Anfang der 1990er Jahre

mit der Kali und Salz AG und der Mitteldeutschen

Kali AG zwei voneinander unabhängige Kaliproduzenten.

In einem von sinkender Nachfrage und Überkapazitäten

gekennzeichneten Markt war absehbar,

dass zwei in Konkurrenz zueinander stehende deutsche

Kaliunternehmen sich gegenseitig nur schaden

und diese Konstellation das wirtschaftliche Überleben

der Kaliindustrie längerfristig gefährden würde.

Nachdem die Treuhandanstalt im April 1992 die

Mitteldeutsche Kali AG zur Privatisierung ausgeschrieben

hatte, forcierte anfangs vor allem die Industriegewerkschaft

Bergbau und Energie die Fusion

der deutschen Kaliindustrie unter dem Dach der

Kali und Salz AG. Ihr Ziel war dabei, eine möglichst

hohe Zahl an Arbeitsplätzen in Deutschland zu erhalten

und langfristig zu sichern. Nachdem alle

deutschen Werke auf ihre Wirtschaftlichkeit hin

überprüft waren, wurde ein von Treuhandanstalt,

Kali und Salz AG und Gewerkschaft IGBE gemeinsam

erarbeitetes Fusionskonzept vorgelegt. Auch

externe Sachverständige aus Politik und Wirtschaft

wurden zu Rate gezogen. Das Konzept sah unter anderem

eine gemeinsame Führung für ein neu zu

schaffendes Kaliunternehmen vor und konzentrierte

die Produktionskapazitäten dort, wo die besten

Lagerstätten vorhanden waren. Erklärtes Ziel war

die Erhaltung einer möglichst großen Zahl von Arbeitsplätzen

und die Schaffung einer zukunftsfähigen

deutschen Kaliindustrie. Das Fusionskonzept

wurde Ende April 1993 von der Treuhandanstalt und

der Hauptversammlung der Kali und Salz AG beschlossen

und nach Zustimmung der Kommission

der Europäischen Union (EU) umgesetzt. Mit dem

handelsrechtlichen Vollzug der Fusion im Dezember

1993 wurde die deutsche Kaliindustrie auch formal

unter einem Dach wiedervereinigt.

Für die thüringischen Werrawerke bedeutete die Umsetzung

des Fusionskonzeptes, dass am Standort

Merkers die Kaliproduktion endgültig eingestellt

wurde und als produzierendes Werk nur Unterbreizbach

weiter betrieben werden sollte. Aber auch die

hessischen Werke waren in diesen Jahren zum Arbeitsplatzabbau

gezwungen.

Obwohl die Kaliproduktion beendet wurde, ging es

in Merkers unter Tage weiter. Zum einen waren, be-


dingt durch spezielle Abbausituationen, umfangreiche

Sicherungs- und Verwahrungsarbeiten notwendig.

Hierzu werden von derzeit 280 Bergleuten pro

Jahr über zwei Millionen Tonnen Salz abgebaut und

in die Teile des Grubenfeldes wieder eingebracht,

deren langfristige Standsicherheit nur so gewährleistet

werden kann. Daneben hat sich Merkers mit

seinem Erlebnis Bergwerk zu einer touristischen

Attraktion ersten Ranges entwickelt. Die Grubenbefahrungen,

die noch zu Zeiten der Kali Werra AG

aufgenommen worden sind, ziehen mittlerweile zwischen

70.000 und 80.000 Besucher im Jahr an, die

unter Tage die Welt des „weißen Goldes“ erleben

wollen. Für die K + S Gruppe hat das Erlebnis Bergwerk

mittlerweile eine besondere Bedeutung. Das

belegt auch die Eröffnung eines neugebauten und

großzügig ausgestatteten Besucherzentrums im Jahr

2003.

Obwohl mit Vorruhestands-, Übergangsregelungen

und anderen Maßnahmen in Thüringen versucht

wurde, den Arbeitsplatzabbau so weit wie möglich

sozial abzufedern, gestaltete sich die Situation für

viele früher im Kalibergbau beschäftigte Menschen

sehr schwierig. Einen kleinen Teil der weggefallenen

Arbeitsplätze fingen Neugründungen auf, mit denen

sich ehemalige Mitarbeiter im Rahmen der Privatisierung

von einzelnen Betriebsteilen der stillgelegten

Kaliwerke, etwa im Elektro- und Anlagenbaubereich,

selbstständig machten. Weitere Arbeitsplätze

sind durch Neuansiedlungen von Unternehmen

auf dem ehemaligen Werksgelände in Merkers

entstanden.Viele ehemalige Kalikumpel aus Thüringen

pendeln heute nach Hessen oder in andere Bundesländer

und gehen einer anderen Tätigkeit nach.

4

5

6

1 Die im Erlebnis Bergwerk Merkers veranstalteten Konzerte

unter Tage bereichern das regionale Kulturangebot

2 Spezielle, fernsteuerbare Raupen werden bei den Verwahrungsarbeiten

in Merkers eingesetzt

3 Teile des Grubenfeldes von Merkers müssen durch die Verwahrungsarbeiten

langfristig gesichert werden

4 Das Kaliwerk Unterbreizbach 1993 mit seinem imposanten

Kraftwerksschornstein

5 Nachdem das Kraftwerk aus Gas umgestellt ist, wird sein

Schonstein zum Teil abgetragen

6 Der Bau der Grubenanschlussbahn von Unterbreizbach

nach Hattorf. Im Hintergrund das Werk Hattorf

181


Vertragsgebiet

Großensee´er Zipfel

Wintershall

Hattorf

182

Hessen

Vertragsgebiet

Dankmarshäuser Aue

Vertragsgebiet

Großer und kleiner Kiel

Springen

Merkers

Thüringen

1

2

Und schließlich sind einige hundert Arbeitnehmer

aus Thüringen heute auf den hessischen Standorten

der Kaliindustrie tätig. Dennoch wird es noch einige

Zeit dauern, im thüringischen Werratal dafür zu

sorgen, dass die früher einseitig auf Kali ausgerichtete

Region zu einem ausgeglichenen wirtschaftlichen

Branchenmix findet.

Nach der Fusion hatte die Treuhandanstalt dem neuen

Kaliunternehmen mehrere hundert Millionen

Deutsche Mark zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe

die verbleibenden ostdeutschen Standorte, neben

Unterbreizbach in Thüringen, Zielitz bei Magdeburg

und Bernburg bei Halle, beide in Sachsen Anhalt,

modernisiert und ausgebaut werden konnten.

So wurde in Unterbreizbach eine Vielzahl von Investitionsmaßnahmen

verwirklicht, etwa der Bau einer

neuen Grubenanschlussbahn nach Hattorf, ein neuer

Rohsalzschuppen, die Umstellung des Kraftwerks

auf Erdgas und die Einrichtung einer Anlage zur

Einbringung von Spülversatz in der Grube. Insgesamt

erfolgten in den Jahren 1993 bis 1997 Investitionen

in einer Höhe von 200 Millionen Deutscher

Mark, um Unterbreizbach über und unter Tage zu

einem hochmodernen Standort auszubauen.

Nicht ohne Bedenken und Befindlichkeiten auf thüringischer

Seite wurde 1996 zwischen den Ländern

Hessen und Thüringen ein Vertrag unterzeichnet,

der den Kaliabbau unter der Landesgrenze hinweg

zulässt. Dabei ging es vor allem um zwei Lagerstättenteile

mit fast 60 Millionen Tonnen Rohsalzvorräten,

die in Thüringen gelegen, von Hessen aus

abgebaut werden sollten. Während das Rohsalz im

Feld „Dankmarshäuser Aue“ vom Standort Wintershall

her gewonnen werden sollte, sollte der Abbau

im Grubenfeld „Unterbreizbach Süd“ von Hattorf

aus erfolgen. Bei der Umsetzung des Projektes wurde

die hessisch-thüringische Landesgrenze am

5.7.1996 erstmals unterfahren. Derzeit wird noch ein

weiterer Schritt unternommen. In den kommenden

30 Jahren sollen in Unterbreizbach 53 Millionen Tonnen

hochwertiges sylvinitisches Rohsalz gewonnen

und davon ein großer Teil unter Tage über eine Förderverbindung

dem hessischen Standort Wintershall

zugeführt werden. Damit wird die Wettbewerbsund

Leistungsfähigkeit des Werkes Werra beträchtlich

gesteigert. Eine erfolgreiche Umsetzung des Vor-


habens verbessert die Perspektiven des ganzen Werkes

Werra, ermöglicht es doch, auf viele Jahre hinaus

bei erhöhtem Wertstoffgehalt im Rohsalz mehr Ware

zu produzieren. Da weniger Reststoff auf die Halden

gebracht und weniger Abwasser entsorgt werden

muss, profitiert auch die Umwelt vom so genannten

Sylvinit-Projekt.

In den Jahren nach der Kalifusion wurden immer

mehr Verbundstrukturen zwischen den Standorten

an der Werra aufgebaut, etwa bei der Energieversorgung,

in der Logistik und bei der Umweltüberwachung.

Folgerichtig kam es nach der großen Fusion

im deutschen Kali- und Steinsalzbergbau 1997 zur

„kleinen“ Fusion an der Werra, bei der die Standorte

Hattorf und Wintershall in Hessen sowie Unterbreizbach

und Merkers in Thüringen zum Werk

Werra zusammengelegt wurden.

Das Werk Neuhof-Ellers, in einiger Entfernung zur

ehemaligen Grenze gelegen, war von den ereignisreichen

Jahren nach der Wiedervereinigung weniger

betroffen. Die im Vorfeld der Fusion vorgenommene

Überprüfung der Wirtschaftlichkeit hatte das Werk

überstanden und damit stand fest, dass auch nach

der Fusion in Neuhof weiter produziert wird. Bei

dieser Prüfung profitierte Neuhof-Ellers davon, dass

es der am weitesten südlich gelegene Kaliproduktionsstandort

ist und mit dem Hanauer Hafen über

eine gute Anbindung an den Binnenschiffsverkehr

über Rhein, Main und Donau verfügt. Diese günstige

Lage erweist sich heute als besonders vorteilhaft.

Seit der Stilllegung des letzten elsässischen Kaliwerkes

im Jahr 2002 werden von Neuhof aus die vielen

wichtigen Kaliabnehmer in Frankreich kostengünstig

bedient. Mit einer Umstellung auf höhere Verträglichkeit

der Verarbeitungseinrichtungen für die

Minerale Carnallit und Langbeinit in der Fabrik hat

sich unter Tage die Vorratssituation beträchtlich verbessert.

Nun können auch Rohsalze verarbeitet

werden, die mehr Anteile der genannten Minerale

enthalten. Die Maßnahme ermöglichte auch, den

Abbau schachtnah zu konzentrieren und so die

Produktivität des Grubenbetriebs zu steigern.

Zudem wurden in den letzten Jahren im Südfeld in

Richtung Flieden hochwertige neue Lagerstättenteile

gefunden, die dem Werk neue Perspektiven

eröffnen.

3

Im Werratal fördert das Werk Werra als eines der

größten Kaliwerke der Welt heute alleine über 50

Prozent der gesamten deutschen Kalirohsalze und

beschäftigt mehr als 4.000 Mitarbeiter. Die turbulente

Zeit der ersten Jahre nach der Wiedervereinigung

ist mittlerweile Vergangenheit. Seit 1998 gilt

gleicher Lohn für gleiche Arbeit, denn die K + S war

eines der ersten deutschen Unternehmen, das die

west- und ostdeutschen Löhne vereinheitlicht hat.

In den Kaliwerken ist es alltäglich, dass Hessen und

Thüringer zusammenarbeiten und mehrere hundert

Belegschaftsmitglieder pendeln in beiden Richtungen

über die Landesgrenze. Damit ist in den Kalistandorten

das Miteinander wieder zur Normalität

geworden, die das Revier über die Landesgrenze

hinweg schon vor der deutschen Teilung ausgezeichnet

hat.

1 Austauschflächen an der hessisch-thüringischen Landesgrenze

im Bereich des Standortes Wintershall. Dargestellt

sind die Grubenbaue auf der ersten Sohle

2 Das Zentralmagazin versorgt das gesamte Werk Werra

mit Material und Ersatzteilen

3 Das Werk Neuhof-Ellers betreibt neben der ESTA auch eine

große Flotationsanlage

183


GLOSSAR

Abbau | 1) Bergmännische Tätigkeit zur Gewinnung eines Rohstoffes

2) Bezeichnung für einen Grubenbau, in dem ein nutzbares Mineral

gewonnen wird

Abbauverfahren | Kennzeichnung für die Form und Größe der Abbauräume,

ihre Richtung und die Behandlung der über ihnen liegenden

Schichten (zum Beispiel zu Bruch gehen lassen oder mit Sicherheitspfeilern

den Bruch verhindern)

abteufen | Herstellung eines senkrechten Grubenbaus, etwa eines

Schachtes oder Blindschachtes

Abtragung | durch Wasser und Wind unter dem Einfluss Schwerkraft

herbeigeführte Massenverlagerungsprozesse durch die sich das Bild

der Erdoberfläche verändert. Das Endziel der Abtragung (Ersosion)

ist die Einebnung aller Oberflächenformen

ANC-Sprengstoff | aus Ammoniumnitrat und flüssigen Kohlenwasserstoffen

(zum Beispiel: Dieselöl) bestehender Sicherheitssprengstoff

(Handelsname: Andex), der in loser Form als Granulat geliefert und

erst bei elektrische Zündung mit hohe Zündtemperatur explodiert

Anhydrit | Calciumsulfat (CaSO 4 ), geht bei Wasseraufnahme in Gips

über

auffahren | herstellen einer waagerechten oder geneigten Strecke

Aufmischen von Salzen | Kalidüngersorten unterscheiden sich mit

Ausnahme der schwefelsauren Salze nur durch den K 2 O-Wert, daher

konnten K 2 O-ärmere Kalidüngersorten nur durch das Mischen mit dem

Produkt Chlorkalium zu K 2 O-reicheren Sorten aufgewertet werden

Ausbeute | pro Kux gewährte Auszahlung an den Gewerken, wenn die

Gewerkschaft einen Gewinn erzielt hat

Ausfällung | das Auskristallisieren eines Stoffes aus einer Lösung

Auslaugung | durch Wasser verursachte chemische Lösung wasserlöslicher

Substanzen (zum Beispiel Salzen) aus Gesteinen und Böden

Auslaugungssenken | meist ausgedehnte Hohlformen, entstanden

durch Nachsinken ungestörter Gesteinsschichten über Bereichen, in

denen Auslaugungsprozesse stattfinden

Barre | hier im Sinne einer im Zechstein-Meer manchmal über,

manchmal unter dem Meeresspiegel liegenden Schwelle gebraucht

Bittersalz | auch Epsomit genannt; Magnesiumsulfat mit sieben Kristallwassern

(MgSO 4 x 7H 2 O), Langzeitdünger, weil er im Boden lange

stabil bleibt

Blindschacht | nicht zu Tage führender Schacht zwischen den Sohlen

eines Bergwerks

Blockkieserit | Kieserit (MgSO 4 x H 2 O) mit 55 oder 65 Prozent Kieseritanteil,

der in feuchtem Zustand in rechteckige Blechkästen eingebracht

und nach der Trocknung in Blockform verkauft wurde

Bunker | Grubenräume unter Tage, die vorwiegend zur Zwischenspeicherung

der gewonnenen Rohstoffe dienen, etwa um Schwankungen

in der Förderung zu vermeiden und um sie zu verstetigen

Buntsandstein | ältester Abschnitt des Trias (250-243 Millionen

Jahre v.Chr.)

Deutsches Kalisyndikat | Zusammenschluss aller deutschen Kaliwerke

zur Vermeidung von Konkurrenz und zur Überwachung der

Absatzmengen

Dolomit | 1) Calcium-Magnesium Karbonat: farbloses, weißes, graues

oder gelbliches, glasglänzendes Mineral

2) vorwiegend aus Dolomit aufgebautes Gestein; aus Kalkstein durch

Zufuhr von Magnesium entstanden (Dolomitisierung)

Doppelschachtanlage | Schachtanlage mit zwei räumlich eng nebeneinander

abgeteuften Schächten

Durchschlag | planmäßiges oder unplanmäßiges Erreichen eines

vorhandenen Grubenbaues beim Herstellen eines anderen

Elektrolyse | Trennung von Teilchen mittels elektrischer Spannung

Entfestigungsverhalten | hier in dem Sinn gebraucht, dass sich bei

Grubenbauen im Carnallit Teile („Schalen“) von Pfeilern aufgrund

der Einwirkung des Gebirgsdrucks ablösen, wodurch die Standfestigkeit

der Pfeiler schwindet

Erdkern | innerste Schale des Erdkörpers, untergliedert in den äußeren

(ab 2.900 Kilometer Tiefe) und inneren (ab 5.100 Kilometer

Tiefe) Kern

Erdkruste | äußere Erdschale, unter Kontinenten etwa 30-60 Kilometer,

unter Gebirgen bis 70 Kilometer, unter Ozeanen nur fünf bis zehn

Kilometer mächtig

Erdmantel | mittlere Schicht des Erdinneren zwischen Erdkruste und

Erdkern, gegliedert in den oberen und den unteren Erdmantel

Evaporation | Abscheidung von Stoffen (zum Beispiel Salzen) bei der

Verdampfung von Lösungen

fahren | bergmännische Bezeichnung für alle Formen der Fortbewegung

von Menschen unter Tage

Feierschicht | Schicht, in der ein einzelner Bergmann oder die gesamte

Grubenbelegschaft wegen Auftragsmangels nicht arbeitet

Firste | die Decke von Grubenbauen oder Strecken

Flöz | bergmännische Bezeichnung für eine Gesteinsschicht mit einer

Anhäufung an wirtschaftlich verwertbaren Stoffen

Fördern | transportieren von rohstoffhaltigem oder unhaltigem Haufwerk

und von Material

Förderung | 1) alle Einrichtungen und Anlagen, die dem Transport

von Rohstoffen oder nicht verwertbarem Haufwerk, oder Fortbewegung

von Personen und Material dienen

2) manchmal auch im Sinne von Fördermenge, also der Menge eines

geförderten Materials gebraucht

Gebirgsschlag | im Bergbau: Die plötzliche Auslösung von Spannungen

im Gebirge, geht einher mit dem Zusammenbruch von Grubenbauen

und Erschütterungen an der Erdoberfläche

gesättigte Salzlösung | eine Flüssigkeit, die so viele Salze aufgenommen

hat, dass sie keine weiteren Salze mehr aufnehmen kann

Gestein | verschieden stark verfestigte Mineralgemenge. Gesteine bilden

die äußere Erdkruste. Ihre Entstehung ist über Erstarrung magmatischer

Schmelzen an oder nahe der Erdoberfläche (Eruptivgesteine),

Ablagerung und Verfestigung von abgetragenem Material (Sedimentgesteine)

oder durch Umwandlung bei Temperatur und Druckeinwirkung

(metamorphe Gesteine) möglich

Gewerken | Personen, die Kuxe einer Gewerkschaft besitzen

Gewerkschaft | gängige Form eines Bergbauunternehmens

Gips | wasserhaltiger schwefelsaurer Kalk (CaSO 4 x 2H 2 O)

Glaubersalz | Natriumsulfat (Na 2 SO 4 ), Chemikalie zur Glasherstellung

und Ausgangsprodukt zur Herstellung von Soda (Natriumcarbonat)

Grabenbildung | Einsinken von Stücken der Erdkruste zwischen

zwei Verwerfungen

Grube | der unter Tage gelegene Bereich eines Bergwerks

Grubenbaue | Planmäßig hergestellte Hohlräume unter Tage

Grubenfeld | Bereich, in dem zum Betrieb eines Bergwerks berechtigte

natürliche oder juristische Personen die Inhalte einer Lagerstätte

abbauen und sich aneignen dürfen

Grubengebäude | die Gesamtheit aller bergmännisch hergestellten

Hohlräume in einem Bergwerk

Hauer | qualifizierte Fachkraft im Bergbau

Haufwerk | aus dem Gebirgsverband gelöste Minerale oder Gesteine

Heeresmunitionsanstalt | während des NS-Regimes Bezeichnung

für Produktionsanlagen, in denen im Auftrag des Heeres Munition

hergestellt wurde

Höffigkeit | bergmännisch für Gehalt im Sinne von Inhalt

Jura | Erdzeitalter (205-135 Millionen Jahre v.Chr.)

K 60 | der gängige Kalidünger in der DDR

K 2 O | Recheneinheit zur Unterscheidung der Kalisalzqualitäten (ein

Prozent K 2 O = 1,583 Prozent KCl; ein Prozent KCl = 0,6317 Prozent

K 2 O); je höher der K 2 O-Anteil eines Produktes ist, desto größer ist

sein Kaligehalt.

Kaliblock | Zusammenschluss der kleineren Kaliwerke während der

1920er Jahre

kalte Zersetzung | Trennung von Salzmineralien mit kaltem Wasser

KCl | Kaliumchlorid, das eigentliche „Kali“

Konvektionsströme | hier: Aufsteigen oder Absinken von Gesteinen

in höhere oder tiefere Gesteinsschichten im flüssigen bis zähflüssigem

Zustand

184


Kristall | ein aus einem chemisch einheitlichen Stoff entstandener

Körper mit einer geometrisch-regelmäßigen Raumverteilung (Kristallgitter)

Kristallisation | Entstehung und Wachstum von Kristallen aus Lösungen,

Schmelzen oder Gasgemischen

Kristallwasser | in einem Kristall gebundenes Wasser

Kupferschiefer | ein Kupfer enthaltender schwärzlicher Mergelschiefer,

entstanden als Faulschlamm während des Zechsteins

Kuxe | Anteilsscheine einer Gewerkschaft

Lagerstätte | abbauwürdige natürliche Anhäufung von Bodenschätzen

Lagerung | Einteilung der Lagerstätten nach ihrer Neigung gegenüber

der Horizontalebene

Lauge | im Sprachgebrauch der Kaliindustrie Bezeichnung für eine

Salzlösung

Löselauge | bis nahe an den Siedepunkt (108 bis 114 Grad Celsius)

erhitzte Mutterlauge beim Heißlöseverfahren

Löslichkeit | hier: das Lösevermögen von Salzen in Wasser bei unterschiedlichen

Temperaturen

mächtig/Mächtigkeit | die Stärke (senkrecht gemessen) einer Gesteinsschicht

oder eines Flözes

Magma | glutheiße, oft gasreiche Gesteinsschmelzen, entstehen in tieferen

Bereichen der Erdkruste

Markscheide | seitliche Begrenzung eines Grubenfeldes

Mergel | unterschiedlich gefärbtes Sedimentgestein aus Ton und kohlensaurem

Kalk in unterschiedlichen Mischungsverhältnisen

Mineral | ein bezüglich seiner physikalischen und chemischen Beschaffenheit

stofflich einheitlicher Bestandteil der irdischen Gesteine

Molekül | Gruppe von miteinander verbundenen Atomen

Muna | Kurzform für Heeresmunitionsanstalt

Muschelkalk | Mittlerer Abschnitt der Trias (243-230 Millionen Jahre

v. Chr.)

Mutterlauge | bei Zimmertemperatur an Salz gesättigte Lösung beim

Heißlöseverfahren

Mutung | Antrag auf Erteilung der Abbaurechte für ein Grubenfeld

Pangäa | Urkontinent, der in die heutigen Kontinente zerbrach

Perm | Erdzeitalter (290-250 Millionen Jahre v.Chr.), untergliedert in

die Abschnitte Rotliegendes und Zechstein

Plattendolomit | eine im Zechstein gebildete Schicht aus dolomitischem

Kalkgestein, hohes Kluft- und Porenvolumen, oft stark wasserführend

Quote | prozentualer Anteil am Gesamtjahresabsatz

Revier | 1) im engeren Sinne eine Abteilung zur Ausführung von Abbau-

und sonstigen Arbeiten an mehreren Betriebspunkten in einem

bestimmten Teil eines Grubenfeldes

2) im weiteren Sinne Bezeichnung für ein Gebiet, in dem bestimmte

mineralische Rohstoffe abgebaut werden

Rollloch | senkrechter oder schräger Grubenbau mit meist kleinem

Querschnitt zur Abwärtsförderung von Haufwerk mit Hilfe der

Schwerkraft

Rotliegendes | älterer Abschnitt des Perm (290-270 Millionen Jahre

v. Chr.)

Saline | Anlage, in der Kochsalz aus wässrigen Lösungen durch

Eindunstung des Wassers gewonnen wird

Salz | 1) im weiteren Sinne die Gruppe aller aus Ionen aufgebauten

Verbindungen, die nicht Säuren, Basen oder Oxide sind

2) im Alltagssprachgebrauch häufig verwendet als Bezeichnung für

Steinsalz (NaCl)

Salzhang | unterirdische Randbereiche flach gelagerter Salzlagerstätten

mit schrägen Fronten, an denen Lösungsprozesse stattfinden

Salzlagerstätte | natürliches Vorkommen von Salzen, bilden sich vor

allem durch Verdunstung von Meerwasser, enthalten meist verschiedene

Salze

Salzton | salzdurchtränkter, wasserundurchlässiger Ton, der Salzlagerstätten

bedeckt und sie vor Auflösung schützt

Salzstock | glocken- bis pilzförmiger Salzkörper, der aus dem Untergrund

in die darüber liegenden Gesteinsschichten eingedrungen ist

Sandstein | durch Verfestigung von Sanden entstandene Gesteine

Schacht | lotrecht hergestellter Grubenbau, von dem aus eine Lagerstätte

erschlossen wird

Schwächezone | Bereich im Untergrund, in dem die Struktur der Gesteine,

etwa durch tektonische Einflüsse geschwächt ist

schwefelsaure Salze | Produkte der Kaliindustrie, die über eine Sulfatkomponente

verfügen

Sedimentation | Ablagerung von Verwitterungsprodukten der Erdkruste;

hierdurch entstehen die Sedimentgesteine

Seismizität | Bezeichnung für Erdbebenhäufigkeit und -intensität

eines Gebietes

sekundär | hier im Sinne von nicht natürlich entstandenen, sondern

durch die Bergbauaktivitäten ausgelösten Mineralbildungen

Sohle | 1) die Gesamtheit der in einem etwa gleichen Niveau aufgefahrenen

Grubenbaue (Stockwerk eines Grubengebäudes)

2) der Boden von Grubenbauen Strecken

Sole | Bezeichnung für salzhaltiges Wasser, in dem mindestens 14

Gramm Salz pro Liter gelöst sind

Stabilitätsbereich | Bereich, in dem sich Salzminerale und -gesteine

durch steigende oder sinkende Temperaturen nicht verändern

Störung | zentimeter- bis kilometerlange Trennfuge im Gebirge, an

der eine Verschiebung zweier aneinander angrenzender Gesteinsschollen

stattgefunden hat

Strecke | weitgehend regelmäßig aufgefahrener Grubenbau, der waagerecht

oder flach geneigt verläuft

Subrosion | siehe Auslaugung

syndiziert | hier anderer Begriff für: vom Deutschen Kalisyndikat

überwacht

Tektonik | die Lehre von den Bewegungen und Kräften, die für den

Bau der Erdkruste verantwortlich sind; Adjektiv: tektonisch

Tertiär | Erdzeitalter (65-1,8 Millionen Jahre v.Chr.)

Teufe | bergmännischer Ausdruck für Tiefe

teufen | siehe abteufen

Trias | Erdzeitalter (250-205 Millionen Jahre v.Chr.), untergliedert in

die Abschnitte Buntsandstein, Muschelkalk und Keuper

Tübbing | Segmente aus Gusseisen oder Stahl, die zum Abdichten

von Schächten gegen Wasserzuflüsse dienen

Versenkung | Verfahren, um Abwässer in den Plattendolomit zu entsorgen

Vertaubung | Bereich einer Lagerstätte, in dem der gesuchte Rohstoff

entweder völlig fehlt oder in nicht abbauwürdiger Menge vorliegt

Vorflut | natürliche (Bach, Fluss) oder künstlich geschaffene Möglichkeit

(Kanal, Pumpwerk) um Wasser (auch: Abwasser) abzuführen

Zechstein | (270-250 Millionen Jahre v.Chr.) jüngerer Abschnitt des

Perm, im Zechstein sind alle deutschen Kalilagerstätten mit Ausnahme

des Oberrheingebietes entstanden

Zeugenberg | Einzelberge, die noch existieren, obwohl die Gesteine,

die sie aufbauen, in der Umgegend bereits abgetragen wurden

Zubuße | von den Gewerken zu leistende finanzielle Unterstützung

der Gewerkschaft in den Anfangsjahren bzw. in Krisenzeiten

185


ABKÜRZUNGEN

a.a.O. | am angegebenen Ort

Abt. | Abteilung

AD Suhl | Archivdepot Suhl

BA K | Bildarchiv Michael Knauf, Am Lindig 5, 36269 Philippsthal.

BA SM | Bestand 56. BA Schmalkalden. Acc. 1987/50.

Best. | Bestand

BMV UB | Bergmannsverein Unterbreizbach

bzw. | beziehungsweise

DBBM | Deutsches Bergbaumuseum Bochum

Dtls. KI | Deutschlands Kaliindustrie

ebd. | ebenda

Gem Nh | Gemeindeverwaltung Neuhof

Ger. | Gerstungen

HM | Heimatmuseum

Hg. | Herausgeber

hrsg. | herausgegeben

HStAM | Hessisches Staatsarchiv Marburg

HV Rö | Heimatverein Röhrigshof

i.a. | im Allgemeinen

k.A. | keine Angaben

K+S | K+S AG, Unternehmensleitung, Kassel

KuvS | Kali und verwandte Salze. Zeitschrift für den Kalibergbau.

Knh. | Kaltennordheim

LA Hef | Landratsamt Bad Hersfeld

Me | Merkers

Nhf | Neuhof

Nr. | Nummer

Oe. | Oechsen

o.J. | ohne Jahr

o.O. | ohne Ort

Orig. | Original

o.S. | ohne Seitenangabe

Phi. | Philippsthal

Repro | Reproduktion

S. | Seite

Stadt-A Hgn | Stadtarchiv Heringen

Std. HA | K+S Kali GmbH, Werk Werra, Standort Hattorf.

ThHStA | Thüringisches Hauptstaatsarchiv

ThStA Mgn | Thüringisches Staatsarchiv Meiningen

TI | Tourist-Information Waldhessisches Werratal

Tief. | Tiefenort

u.a. | unter anderem

vgl. | vergleiche

z.T. | zum Teil

v.Chr. | vor Christus

Va. | Vacha

WKM | Fotoarchiv Werra-Kalibergbau-Museum

ANMERKUNGEN

1. Kapitel: „Entstehung, Zusammensetzung und

Veränderungen der Salzlagerstätte“

1

Wenn eine circa 300 Meter mächtige Salzschicht aus einen eindunstenden

Meer aussedimentieren soll - wie es im Werrabecken geschehen

ist - so müsste dessen Wassertiefe rechnerisch 26 Kilometer

betragen haben. Eine solche Wassertiefe des Zechsteinmeeres

ist völlig unrealistisch. Daher ist die Barrentheorie heute allgemein

als Erklärung für die Bildung großer Salzlagerstätten anerkannt.

2

Alte Bezeichnungen nach Richter-Bernburg. Die genannten Schichten

werden heute als Oberer Werra-Ton, Oberer Staßfurt-Ton, Leine-Ton,

Aller-Ton, Friesland-Ton, Fulda-Ton bezeichnet.

3

Beer, S.18-30.

4

Käding, S. 23-28.

5

Ein langsames Aufsteigen durch das Gebirge war nicht möglich, da

dabei der Wärmeverlust der Lava so groß gewesen wäre, dass diese

die Oberfläche nicht erreicht hätte; sie wäre vorher erkaltet und

fest geworden. Der ungeheure Gasdruck über der in der Tiefe liegenden

Magmakammer hat vor den Basaltintrusionen einen Wert

erreicht, der das darüber liegende Gebirge immer wieder aufriss. In

die entstehenden Rissen schoss unmittelbar danach die Lava ein

und stieg im Gebirge in Richtung Erdoberfläche auf.

2. Kapitel: „Eine lange Vorgeschichte“

1

Vgl. dazu: Emons/Walter, S. 84-86.

2

Vgl. dazu: Wagenbreth, S.18-20.

3

Vgl. dazu: ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen,

Akte Nr. 234.

4

ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr.

234.

5

ThHSTA Weimar, Eisenacher Archiv, Bergwerkssachen, Akte Nr.

234.

6

ThHStA Weimar, Bestand Thüringische Bergbauinspektion, Bergamt

Saalfeld, Nr. 5814. Nach dem BGB war die Berggesetzgebung

den einzelnen Bundesstaaten vorbehalten. Diese hatten entweder

Bergbaufreiheit gewährt oder sich selbst die Bergbauberechtigung

vor behalten. In Preußen wurde nach dem Gesetz vom 24. Juni

1865 Bergbaufreiheit gewährt. Im Großherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach

war durch das Gesetz vom 22.06.1857 die Suche

nach und die Gewinnung von Steinsalz aus Bergwerken und Solequellen

an eine staatliche Erlaubnis geknüpft, die in Form eines

Schürfscheines erteilt wurde. Die bergmännischen Aktivitäten begannen

mit dem Schürfen, dass heißt dem Aufsuchen natürlicher

Rohstoffe, zum Beispiel durch Bohrungen. War der Schürfer fündig

geworden, hatte er das Recht, eine Mutung einzulegen. Mit der Erteilung

der Mutung erhielt der Antragsteller ein Grubenfeld in einer

bestimmten Größe zugesprochen und konnte dort in einem

Bergwerk Rohstoffe gewinnen. Die Mutung musste erteilt werden,

wenn das Vorhandensein einer nutzbaren Lagerstätte nachgewiesen

und amtlicherseits bestätigt worden war. Sie erfolgte durch die

Aushändigung einer Urkunde. Für die Ausbeutung des Grubenfeldes

stellte der Staat gesonderte Bedingungen.

7

ebd.

8

ebd. Brief Hadras vom 25. 12. 1879.

9

ebd. Brief Hadras vom 9. 9. 1886.

10

Hoffmann, S. 17.

11

Dr. Adolph Frank: Gutachten über die Kalilagerstätte bei Kaiseroda.

1894. In: AD Suhl. Werk Kaiseroda. 1 d 2.

12

Eisenacher Zeitung, Okt. u. Nov. 1893.

3. Kapitel: „Der Aufbau des Kalireviers“

1

Hoffmann, S. 17.

2

1905-1995, S. 7.

3

Dr. Adolph Frank: Gutachten über die Kalilagerstätte bei Kaiseroda.

1894. In: AD Suhl. Werk Kaiseroda. 1 d 2.

4

Fischer, S. 7-15.

5

Vgl. Brückner/Büxel/Hohmann, S. 56.

6

Vgl. Bannert (1997), S. 6.

7

Handbuch 1926/1927, S. 493.

186


8

Vgl. Handbuch 1906, S. 46 (Wintershall) und S. 69 (Desdemonia).

9

Vgl. Brückner/Büxel/Hohmann, S. 56.

10

Handbuch 1926/1927, S. 495 (Wintershall) und S. 533 (Kaiseroda).

11

Vgl. Krische, S. 74/75.

12

Errechnet aus „Statistische Daten der allgemeinen Volks-, Berufsund

Betriebszählung.“ In: HStAM. 180 (LA Hef)/1024.

13

Zu 1908 vgl. Vertrag zwischen der Gemeinde Heringen und der Gewerkschaft

Heringen. März 1908. Zu 1910 vgl. Erläuterungsbericht

zum Bau einer Wasserleitung für die Gemeinde Heringen (Werra).

3.11.1910. Beides in: HStAM. 180 (LA Hef)/2372.

14

Vgl. Bannert, S. 34.

15

Zur Kriegswichtigkeit: „Die Kaliindustrie während des Krieges unter

Beifügung statistischen Materials.“ In: Kali 16/1918, S. 252-259

und 17/1918, S. 267-274 und S. 274. Zum Einsatz von Kriegsgefangenen:

vgl. ebd., S. 258 und u.a. den Geschäftsbericht der Gewerkschaft

Heimboldshausen. 1915. In: HStA Marburg, Bestand 56, BA

Schmalkalden, Acc. 1987/50, Akten. Paket 66, Nr. 938. Zur Vorsprache

beim Reichskommissar: Abschrift des Schreibens von Dr.

Mayer an die Direktion der Gewerkschaft Alexandershall vom

8.12.1917. In: AD Suhl, Sachsen-Weimar. 1 f 7.

16

Vgl. das Schreiben des Betriebsführers der Gewerkschaft Sachsen-

Weimar an den Verein der deutschen Kaliinteressierten vom

15.8.1918. In: AD Suhl. Werk Sachsen-Weimar. 1 e 94.

17

Vgl. Crotogino, S. 20 f.

18

Verhandlungen, S. 55.

19

Dies zeigen die elsässischen Kaligruben: Bis zur endgültigen Abtretung

von Elsass-Lothringen im Jahre 1920 überwiesen die bis dahin

offiziell als „deutsch“ deklarierten Kaligruben einen Teil ihres

Gewinnes auf das Reparationskonto. Vgl. Lagerstätten-Chronik.

Jahrgänge XXVI/ 1928-XXXVII/1929, S. 108.

20

Da das Zeichnen von Kriegsanleihen personengebunden war, gingen

einige finanzkräftige Gewerken dazu über, für die Gewerkschaften

Anleihen zu zeichnen. So kam es, dass für die Gewerkschaften

Wintershall, Alexandershall und Sachsen-Weimar 1917/

1918 insgesamt 27,2 Millionen Mark als Anleihe in Form eines

Schuldscheindarlehens aufgenommen wurden, das von den Gewerkschaften

nach zehn Jahren in Form von Schweizer Franken

getilgt werden sollte. Aber auch die anderen Gewerkschaften, die

keine Anleihen gezeichnet hatten, hatten z.T. sehr hohe Verpflichtungen.

21

Vgl. zu den Auswirkungen der „Reichsdemobilmachungsverordnung“,

u.a. den Geschäftsbericht der Gewerkschaft Heiligenroda.

1918. In: AD Suhl. Heiligenroda. 2 a 16. Die normale Arbeitszeit

aller Beschäftigten wurde auf maximal acht Stunden beschränkt.

Vgl.„Anordnung über die Regelung der Arbeitszeit gewerblicher

Arbeiter“ vom 23.11.1918. In: RGBl. 1918, S. 1344 ff. und „Verordnung

über die Arbeitszeit der Angestellten während der Zeit der

wirtschaftlichen Demobilmachung“ vom 18.3.1919. Beides kommentiert

in Wachs, S. 147-150.

22

Vgl. Salzunger Tageblatt. 16/20.1.1919 und Hersfelder Zeitung.

14/17.1.1919.

23

Besonders deutlich ist dies an Sachsen-Weimar zu sehen: Vom

18.11.1918 bis Mitte April 1919 wurde jeglicher Betrieb eingestellt

und auch danach wurde nur eingeschränkt gearbeitet. Vgl. den

Geschäftsbericht der Gewerkschaft Wintershall für das Jahr 1919.

In: AD Suhl. Sachsen-Weimar. 2 a 52.

24

Vgl. Jahresbericht über die Weiterentwicklung der Schachtanlage I

der Kaliwerke Großherzog von Sachsen AG im Jahre 1919. In:

ThStA Rud. Th BA SLF. 362, S. 33.

25

Vgl. die Schreiben der Gewerkschaft Wintershall an den Bergrevierbeamten

vom 8. und 10.7.1919. In: ThStA Gotha. BR SM. 113,

S. 103 und S. 104.

26

Ausführlich in: Mehnert, S. 61-73.

27

Gewinne der Werrawerke – für Neuhof-Ellers fehlen die Angaben –

ausgewiesen in ebd., S. 290.

28

Verordnung, betreffend Abänderung der Vorschriften zur Durchführung

des Gesetzes zur Regelung der Kaliwirtschaft. 28.10.1921.

In: RGBl. vom 28.10.1921. Nr. 102/1921, S. 1313-1316.

29

Vgl. Handbuch 1906, S. 167.

30

Vgl. zu den genauen Vorgängen an der Werra und in der Kaliindustrie

A.G.: Mehnert, S. 20-22 und 81-86. Zu den Entwicklungen im

Bereich Neuhof vgl. Münstermann, S. 29-30.

31

Ausgeführt am Beispiel der Stilllegung von Heiligenroda IV/V in:

Mehnert, S. 92-100.

32

Übernommen aus Zusammenstellungen des Werra-Kalibergbau-

Museums (Förderleistungen 1901-1944).

33

Vgl. Geschäftsbericht der Werke des Wintershall-Konzerns. 1922.

34

Vgl. Geschäftsbericht der Wintershall-Werke. 1928.

35

Abrechnungen des Deutschen Kalisyndikates für das Jahr 1928. In:

AD Suhl, Kaiseroda. 2 b 9.

36

1924 wird in den Akten zu Hattorf zwar von einer Gefäßförderung

gesprochen, endgültig nachweisen lässt sie sich aber erst 1925, obwohl

Baumert, S. 239, das Jahr 1924 als Umbaujahr von Gestell- auf

Gefäßförderung angibt. Vgl. die Akten zum II. Nachtrag zum Betriebsplan

1924 Kaliwerke Aschersleben, Schachtanlage Hattorf

vom 19.5.1924. In: HStA Marburg, Bestand 56, BA SM. Acc. 1987/

50, Akten. Paket 56, Nr. 876, sowie den V. Nachtrag zum Antrag der

Kaliwerke Aschersleben, Schachtanlage Hattorf auf Genehmigung

der Seilfahrt in dem südlichen Trum des Hauptschachtes betr. Einbau

von Gefäßkörben vom 6.12.1925. In: ebd., Nr. 875. Zu Wintershall:

Vgl. Baumert, S.239. Zu den anderen Werken: nach Angaben

von Eckart Büxel, einem ehemaligen Mitarbeiter des Werra-Kalibergbau-Museums.

37

Vgl. dazu die Geschäftsberichte der Jahre 1931 und 1932. In: AD

Suhl. Werk Heiligenroda. 2 a 17.

38

Natt, S. 15.

39

Stemper, S. 33.

40

Handbuch der Kalibergwerke 1937, S. 273.

41

Vgl. Zusammenstellung aus Unterlagen des Werra-Kalibergbau-

Museums (unveröffentlicht).

42

Vgl. Moczarski, S. 82 f.

43

Vgl. Slotta, S. 70.

44

Vgl. Moczarski, S. 83.

45

Vgl. Herbst, D., S. 3-4.

46

Hitlerrede vom 6. Juli 1933. Als Anlage zum Rundschreiben 6214

vom 10.7.1933. In: AD Suhl. Werk Heiligenroda. 2 a 17.

47

Vgl. die jährliche Belegschaftszusammenstellung. In: AD Suhl,

Werk Sachsen-Weimar. 2 h 25.

48

ebd.

49

Vgl. Moczarski, S. 87.

50

Vgl. ebd.

51

Vgl. die Unterlagen. In: Stadtarchiv Heringen. Abteilung M, Abschnitt

1, Konv. 3, Fasz 3.

52

Vgl. Moczarski, S. 88.

53

Vgl. Bericht des Bürovorstehers. 24.8.1945. In: AD Suhl, Werk

Kaiseroda. 1 g 1.

54

Ausführlicher Pressebericht. In: Stadtarchiv Heringen. Abteilung M,

Abschnitt 1, Konv. 1, Fasz 4.

55

Vgl. Moczarski, S. 90-92.

4. Kapitel „Kaliindustrie an der Werra in Thüringen“

1

Vorbemerkung des Verfassers: Der nachfolgende Beitrag beruht auf

der Auswertung zahlreicher, zum größten Teil noch unerschlossener

Quellen aus dem Bestand „VEB Kalibetrieb ‚Werra’ Merkers

(1945-1989)“. Aus Platzgründen wird mitunter auf die ausführliche

Nennung von Originalquellen verzichtet. Eine Belegung aller Angaben

kann bei Bedarf vom Verfasser angefordert werden.

2

Vgl. 1905-1995, S. 21.

3

Protokolle über Sitzungen des Produktionsausschusses Kaiseroda

im Jahr 1946 – 1953.

4

Vgl. Lexikon des DDR-Sozialismus, S. 355.

5

Vgl. hierzu die Befehle der Sowjetischen Militäradministration für

187


Thüringen (SMATh) Nr. 353 vom 24. Juli 1946: Übergabe der Fabrik

und des Schachtes Sachsen-Weimar der Wintershall AG in Unterbreizbach

an die AG für Düngemittel. Nr. 379 vom 31. Juli 1946:

Übergabe der Fabrik und drei Schächte Kaiseroda der Wintershall

AG an die AG für Kaliindustrie und Nr. 397 vom 19. August 1946:

Übergabe der Fabrik und Schächte Heiligenroda 1, 2, 3 der Wintershall

AG in Dorndorf an die AG für Kaliindustrie.

6

Vgl. SMAD-Befehl Nr. 9 vom 9. Januar 1946: Plan der Belieferung

mit Kalisalzen und Phosphor-Düngemitteln im 1. Quartal 1946.

7

Vgl. SMATh-Befehl Nr. 55 vom 30. Januar 1946: Über Maßnahmen

zur Durchführung des Produktionsplanes für das I. Quartal 1946

für Kalidünger und Thomasschlacken-Mehl der Kali- und metallurgischen

Industrie des Bundeslandes Thüringen.

8

1905-1995, S. 23.

9

Vgl. Protokolle des Produktionsausschusses Kaiseroda für das Jahr

1946 – 1953.

10

SMAD-Befehl Nr. 234 vom 9. Oktober 1947: Maßnahmen zur Erhöhung

der Arbeitsproduktivität und zur weiteren Verbesserung

der materiellen Lage der Arbeiter und Angestellten der Industrie

und des Transports.

11

ebd.

12

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1816 –1949, S. 14.

13

Betriebschronik, S. 40.

14

ebd., S. 64.

15

Unveröffentlichte Studie vom 18. November 1949: Die Entwicklung

des K2O-Gehaltes der Förderung auf Kaiseroda II/III.

16

Vgl. Protokolle des Produktionsausschusses Kaiseroda 1946 –

1953.

17

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1949 – 1956, S. 7.

18

ebd., S. 9.

19

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1957 – 1965, S. 16.

20

Vgl. Aus der Chronik, Teil 1966 – 1971, S. 11.

21

Arnold, S. 77.

22

Ruck, S. 1 – 4.

23

Weiss, S. 13.

24

Vgl. Ruck/Deppe,

25

Duchrow (1997), S. 3.

26

ThStA Meiningen, Bestand „Bezirkstag/Rat des Bezirkes Suhl“,

Sign. M 982.

27

Komplexstudie Rohstoffsicherung für den Kalibetrieb „Werra“,

Staatsplanaufgabe ZF. 06.00.24724, Sondershausen 1988 (unveröffentlicht).

28

ebd.

Kapitel 5: „Wiederaufbau und Rationalisierung“

1

Das vorliegende Kapitel stützt sich hier und an vielen weiteren

Stellen auf den Aufastz des Verfassers. In: Ulrich Eisenbach, Die

Kaliindustrie an Werra und Fulda, 1998, S. 95 – 122.

2

Vgl. Singewald, S. 335- 342.

3

Vgl. von Velsen, S. 443-447.

4

Vgl. Denzel, S. 155-157.

5

Vgl. Rausch/Böning / Busche, S. 306-318.

7

Vgl. Fox/Storck, S.30-38.

8

Vgl. Ewald, S. 245-250.

9

Vgl. Pfoh, S. 18-26.

10

Vgl. Ahorner/Sobisch, S. 38-49.

11

Vgl. Kokorsch/Psotta, S. 39-51.

12

Vgl. Ulrich Eisenbach, S.222.

13

Vgl. Walterspiel, S.179-186.

14

Vgl. Deisenroth/Kind, S. 182-194.

15

Vgl. Blomenkamp. Maschinenschrift o. S.

16

Vgl. Ahlborn. Maschinenschrift o. S.

17

Vgl. Heim. Maschinenschrift o. S.

18

Vgl. Hansen. Maschinenschrift o. S.

188

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190

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Bannert, Horst, Neuhof

Baumgardt, Dr. Siegfried, Merkers

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Blankenbach, Walter, Rotenburg

Borchers, Siegfried, Merkers

Clute-Simon, Helgo, Philippsthal

Deutsches Bergbau Museum, Bochum

Eidam, Jürgen, Hohenroda

Ernst, Wolfgang, Heringen

Fischer, Klaus, Philippsthal

Friedl, Franz, Künzell

Fröhlich, Gerhard, Merkers-Kieselbach

Gemeindeverwaltung Neuhof, Neuhof

Gerlach, Bruno, Tiefenort

Großenbach, Helmut, Bad Salzungen

Heimatmuseum Gerstungen

Heimatmuseum Tiefenort, Drescher, Peter, Tiefenort

Heimatmuseum Vacha, Hermes, Günter, Vacha

Heimatverein Röhrigshof, von der Grün, Hans, Philippsthal

Hillenbrand, Winfried, Flieden

K+S AG, Kassel

K+S Kali GmbH, Werk Werra, Philippsthal

K+S Kali GmbH, Werk Neuhof-Ellers, Neuhof

Kley, Egon, Bad Salzungen

Kloth, Dr. Hartmuth, Bad Salzungen

Klotzbach, Helga, Philippsthal

Knauf, Michael, Philippsthal

Knaut, Heinrich, Heringen

Kreuder, Sigried, Tann

Lessing, Monika, Merkers

Mannel, Willi, Oechsen

Mey, Horst, Merkers-Kieselbach

Müller, Josef, Eiterfeld

Prütz, Egon, Merkers

Ritz, Manfred, Neuhof

Sauerbrei, Merkers-Kieselbach

Schleinshok, Berka/Werra

Schmidt, Harald, Merkers

Schmidt, Markus, Vacha

Schmidt, Walter, Neuhof

Specht, Gerhard, Horschlitt

Tourist-Information Waldhessisches Werratal, Heringen

Tylle, H.D, Fuldatal

Wedel, Hilde, Heringen

Werra-Kalibergbau-Museum, Heringen


BILDNACHWEIS

7-1, -2, -3, -4 | WKM; 8/9-A | Schmidt/Walter, S. 117; 8/9-1 | WKM; 8/9-2 |

K+S (2000), S. 26; 10/11-1, -2, -3, -4, -5, -6, -7 | WKM; 12/13-A | Möller, S.

35; 12/13-B | Möller, S. 41; 12/13-1 | WKM; 12/13-2 | Bannert; 14/15-A |

Fulda (1935), S. 217; 14/15-1 | WKM; 14/15-2, -3 | K+S; 16/17-A | TI; 16/-

17-1, -2, -3, -4 | WKM; 16/17-5 | K+S; 18/19-1, -2, -3, -4, -5, -7 | WKM; 18/-

19-6 | Deisenroth; 20/21-1, -2 | WKM; 20/21-3, -4 | K+S; 22/23-1, -3, -4, -

5, -6, -7, -8, 22/23-2 | K+S; 24-1 | WKM; 24-2 | Deisenroth; 25-1 | Rach,

Anhang Tafel VI; 25-2 | HM Ger.; 25-3 | Emons/ Walter, S. 44.; 25-4 | WKM;

26/ 27-1 | Emons/Walter, S. 14 ; 26/27-2 | Botsch, S. 10; 26/27-3 | Bersch, S.

568; 26/27-4 | WKM; 26/27-5 | Langsdorf, Anhang Tafel 2; 28/29-1 | Rach,

Anhang Tafel XI; 28/29-2 | WKM; 30/31-1 | ThHStA; 30/31-2 | Pfeiffer, S.

82; 30/31-A | K+S (2000), S. 60; 30/31-B | Krische, S. 173; 30/31-C | K+S

(2000), S. 61; 32/33-1 | WKM; 32/33-2 | HM Ger., Repro WKM; 32/33-3 |

K+S AG (2000), S. 7; 34-1 | Schmidt/ Thielmann, S. 6; 35-1 | Clute-Simon;

35-2 | BA K; 35-3 | WKM; 35-4 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 36/37-1 | WKM;

36/37-2 | HM Tief.; 36/37-3 | WKM; 38/39-1, -2, -3, -4, -5. –6, -7, -8, -9 |

HM Tief.; 40/41-1 | Mannel; 40/41-2 | Schmidt, M.; 40/41-3 | Dtls. KI, S.

381; 40/41-4 | HM Va. (Rhönzeitung, 7.6.1904.); 42/43-A | HStAM, Bestand

BA Schmalkalden. Paket 44. Anlage; 42/43-B | Dtls. KI, S. 251; 42/43-C |

BA K; 42/43-D | Dtls. KI, S. 304; 42/43-E | Dtls. KI, S. 230; 44/45-1 | Baumgardt;

44/45-2 | HM Va. (Rhönzeitung, 8.9. 1903.); 44/45-3 | AD Suhl, Sachsen-Weimar

1 a 22; 44/45-4 | Fulda (1928), S.83; 46/47-A | WKM; 46/47-B |

Kali und verwandte Salze. Band 25,1931, S. 81; 46/47-C | Fritzsche, S. 461;

46/47-1 | Müller; 46/47-2 | Baumgardt; 46/47-3 | Fischer; 48/49-1 | Müller;

48/49-A | Stephan, S. 191; 48/49-B | HStAM. BA SM. Paket 4. Nr. 444; 48/-

49-C | Stephan, S. 215; 48/49-D | WKM; 50/51-1 | HStAM. BA SM. Paket

26. Nr. 629; 50/51-2 | Std. HA; 50/ 51-A | WKM; 52/53-1 | Clute-Simon; 52/-

53-2 | Std. HA; 52/53-3 | WKM; 52/ 53-4 | BA K; 54/55-A, -1, -2, 56/57-1, -

2, -3, -4, -5, -6 | WKM; 56/57-7 | Weissenberger, Tafel I (S. 40); 58/59-1, -2,

-3, -4, -5 | WKM; 60/ 61-1 | Geschichte Burbach-Konzern, S.83; 60/61-2 |

WKM; 60/61-3 | Mannel; 60/61-4, -5 | WKM; 62/63-1 | Baumgardt; 62/63-

2 | Lessing; 64/65-1, -2 | WKM; 66/67-A | BMV UB; 66/67-B, -C | Knaut;

66/67-D | Fröhlich; 68-A, -B | Jacob/Kabitzsch, S. 25, 26.; 68-1 | Std. HA; 69-

A, -B | Herbst (1930), S. 931; 68/69-C | Müller; 70/71-1 | WKM; 70/71-2 |

Staatliche Aktiengesellschaft, o. S.; 70/71-3, -4, 72/73-A | WKM; 72/73-B |

BMV UB; 72/73-C | Kali und verwandte Salze, Band 25 1931, S. 165; 72/73-

D | Staatliche Aktiengesellschaft, o. S.; 72/73-E | Std. HA; 74/75-1, -2 | WKM;

74/75-3 | Schmidt, H.; 76/77-1 | HM Tief.; 76/77-2 | Mey; 76/77-3 | WKM;

76/77-4, -5 | WKM; 76/77-A | Mey; 78/79-1 | WKM; 78/79-2 | HM Va.; 78/-

79-3 | Schmidt, H.; 78/79-4 | Bannert; 80/81-A | Groscurth, Anhang nach

S. 63; 80/81-1, -2 | WKM; 80/81-3 | Kalibergmann, 9.9.1939, S. 270; 82/83-

1 | Kalibergmann, 3.10.1936, S. 405; 82/ 83-2 | WKM; 82/83-A | WKM; 82/-

83-B | BA K; 84/ 85-A | Fröhlich; 84/85-B | WKM; 84/84-C | K+S; 86/87-1 |

WKM; 86/87-2 | Gem Nh; 86/87-3 | BA K; 88/89-1, -2, -3, -4 | WKM; 88/-

89-5 | Großenbach; 90/91-1, -2 | HV Rö; 90/91-3 | Sauerbrei; 92/93 -1, 2 |

Clute-Simon; 92/93-3 | Müller; 92/93-4, -5 | Std. HA; 94/ 95-1 | Schleinshok;

94/95-2 | Müller; 94/95-3 | WKM; 96/97-1 | Müller; 96/97-2 | Schmidt, H.;

96/97-3 | Std. HA; 96/97-4 | Kloth; 96/97-5 | Fischer; 98/99-1 | Laun; 98/-

99-2 | Prütz; 98/99-3 | WKM; 98/99-4 | Siegfried Baumgardt; 100-1 | HM

Tief.; 101-1 | Schmidt, H.; 101-2,-4 | Mey; 101-3 | WKM; 102/103-1 | Prütz;

102/103-2 | WKM; 102/103-3 | Baumgardt; 102/103-4 | 25 Jahre Kaiseroda,

o. S.; 104/105-1 | Lessing; 104/105-2 | Fröhlich; 104/105-3 | BA K; 104/-

105-4 | WKM; 106/107-1 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 106/107-2, -3, -4 |

WKM; 106/107-5 | Kley; 108/109-1, -2, -3, -4, -5 | DBBM; 110/111-1 | 10

Jahre DDR. o.S.; 110/111-2 | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 110/111-3, -4, 112/-

113-A, -1 | WKM; 112/113-2 | 10 Jahre Kalikombinat, S. 13; 112/113-3 |

Fröhlich; 112/113-4 | Schleinshok; 114/115-A | Menzengraben, S. 13; 114/

115-B | 25 Jahre Kaiseroda, o. S.; 114/115-C, -D | Schmidt, H.; 114/115 -1,

-2 | Fröhlich; 114/115-3 | 10 Jahre Kalikombinat, S. 56; 116/ 117-A, -B, -C,

-D, -E | BMV UB; 116/117-1 | WKM; 116/117-2 | Specht; 116/117-3, 118/-

119-A, -C | VEB Bergwerksmaschinenfabrik; 118/ 119-B,-3 | Schmidt, H.;

118/119-1 | VEB Kombinat Kali, S. 23; 118/119-2 | Mey; 120/121 -A | Duchrow

(2001), S. 30; 120/121-B | Duchrow (2001), S. 28; 120/ 121-1 | Kley;

120/121-2 | BA K; 120/121-3, -4 | Clute-Simon; 122/123-1, -A | Specht;

122/123-B | Mey; 122/ 123-C | Schleinshok; 122/123-D, 124/ 125-1 | WKM;

124/125 -2, -A | Schmidt, H.; 124/125-3 | Fröhlich; 124/125-3 | Mey; 124/-

125-B, -C | Specht; 124/ 125-D, -E | Fröhlich; 126/127-A | Specht; 126/ 127-

1, -2, -B, -D | Schmidt, H.; 126/127-C | Lessing; 126/ 127-3 | Fröhlich; 128/-

129-1, -2 | Schmidt, H.; 128/129-3, -4, -5, -6 | Specht; 130/131-1 | Fröhlich;

130/131-2,-6, -7 | Schmidt, H.; 130/131-3, -4 | Baumgardt; 130/131-5 |

Prütz; 132/133-1 | Mey; 132/133-2, -3, -5 | Schmidt, H.; 132/133-4 | Prütz;

134-1, -3 | Fröhlich; 134-2, -4 | Schmidt, H.; 135-1, -2, -4 | K+S; 135-3 |

Gem Nh; 136/137-1, -3, -4 | WKM; 136/137-2 | Gem Nh; 138/139-1 | Kreuder;

138/ 139-2 | Salz und Oel. H. 10/1966, S. 8; 138/139-A | Blankenbach;

138/139-B | WKM; 140/141-1 | K+S-Werkszeitschrift, Nr. 3/1970, S. 1.;

140/141-2 | K+S; 140/141-3 | Hillenbrand; 142/143-1 | Ritz; 142/143-2, -5 |

Gem Nh; 142/143-3, -4 | K+S; 144/145-1 | Slotta, S. 492; 144/145-2 | K+S;

146-A | WKM; 146-B | K+S; 147-A | WKM; 148/149-1, -2, -3, -4, -6 | K+S;

148/149-5 | WKM; 148/149 -7, -9 | Blankenbach; 148/149-8 | Salz und Oel.,

H. 14/1957, S. 14.; 150/151-1, -2, -3, -4 | Tylle; 152/153-1 | Blankenbach;

152/153-2, -4 | K+S; 152/153-3 | Salz und Oel. H. 2/1957, S. 14.; 154/ 155-

A | Eidam; 154/155-B | WKM; 154/155-C, -D, -E | K+S; 154/155-1 | K+S-

Werkszeitschrift 4/1972, S. 1; 154/155-2 | Blankenbach; 156/157-A, -B, -D, -

E, -F, -G, -H | K+S; 156/157-C, 158/159-1, -3 | Blankenbach; 158/159-2, -5 |

K+S; 158/159-4 | Gem Nh; 160/161-1 | WKM; 160/161-2, -3, 162/163 -1 |

Blankenbach; 162/163-2, -A | WKM; 162/163-B | Pfoh, S. 76.; 164/165-A |

K+S; 164/165-B | K+S-Werkszeitschrift 2/1991, S. , 164/ 165-C, -D | Blankenbach;

164/165-1, -2 | TI; 166/167-1,-2 | Deisenroth, S. 32; 166/167-3 |

Blankenbach; 166/167-4, -5, -6, 168/169-1, -3 | K+S; 168/169-2, -4, -5 | Gem

Nh; 170/171-1, -7 | K+S; 170/171-2, -4 | WKM; 170/171-3, -8 | Gem Nh;

170/171-5, -6 | Blankenbach; 172/173-1, -2, -3, -4, -5, -6, -7, -8, 174/175-1,

-2 | K+S; 174/175-3, -6 | Blankenbach; 174/175-4, -5 | Gem Nh; 176-1 | Eidam;

176-2 | K+S-Werkszeitschrift, Nr. 1/1983, S. 6; 176-3 | WKM; 176-4 |

Blankenbach; 176-5 | Bannert; 177-1, -2, -3, -4 | K+S; 178/179-1, -3 | WKM;

178/179-2 | Specht; 177/178-4, -5 | WKM; 180/181-1, -2, -3, -4, -5 -6, 182/-

183-1, -2, -3 | K+S.

FOTOGRAFEN

Abshagen | 162/163–2; 176-3; Bannert | 12/13-2; 176-5; Blankenbach |

52/53-3; 86/87-1; 138/139-A; 148/149-7, -9; 152/153-1; 154/155-2; 156/157-

C; 158/159-1, -2, -3; 160/161-1, -2, -3; 162/163-1; 164/165-B, -C, -D; 166/167-

3; 170/171-5, -6; 174/175-3, -6; 176-4; Colette | 135-2, 166/167-4; Dietze |

140/141-2; Eickhoff | 148/149-5; Giebel,Eberhard | 128/129-1; Habekost |

54/55-A; 76/77-4, -5; 84/85-B; 101/102-2; 110/111-4; 122/123-D; Henniges

| 135-4; 148/149-1, -2, -3, -4, -6; 152/153-2, -4; 172/173-1, -2, -3, -4, -5, -6, -

8; 154/155-C,-D, -E; 168-1; Hildebrand | 169-3; Hillenbrand | 144/145-2;

Hohmann | 12/13-1; 164/165-2; K+S | 14/15-2, -3; 19-1; 166/167-1, -2; Kali

Kumpel | 130/131-2; Klotzbach | 34-1; Kreuder | 138/139-1; Kurverwaltung

Bad Salzungen | 16/17-A; Michel | 170/171-2, -4; PGH-Fotozentrum

Leipzig | 128/129-3, -4, -5, -6; Richter | 135-3; 136/137-2; 142/143-2, -5;

148/149-8; 152/153-3; 158/159-4; 169-2, -4, -5; 170/171-3, -8; 174/175-4, -

5; Specht | 7-1, -3; 10/11-4, -5, -6, -7; 16/17-3, -4; 18/19-1, -2, -3, -4, -5;

22/23-1, -3, -4, -5, -6, -7,-8; 26/27-4; Spiesia | 126/127-2; Triebel | 140/141-

1; 154/155-1; 174/175-1; Tylle | 150/151-1, -2, -3, -4; von Papen | 158/159-

5; 166/167-5, -6; 170/171-1; 172/173-7; Würz | 7-2; 10/11-3, -7; 14/15-1;

24/25-4, 164/165-1;

AUTOREN

Dr. Lothar Brückner: geb. 1936, Rentner, bis 1993 im Schuldienst. 1963

Promotion in Jena mit einer Arbeit über das Kaliwerk Kaiseroda (Merkers).

Norbert Deisenroth: geb.1935, Rentner, Studium an der TU-Clausthal.

Diplom-Ingenieur. Bis 1998 Grubendirektor Kaliwerk Wintershall.

Vorsitzender des Förderkreises Werra-Kali-Bergbau-museum e.V.

Hermann-J. Hohmann: geb. 1961, Diplom-Geograph. Seit 1990 Leiter

Werra-Kalibergbau-Museum in Heringen. Redakteur der Zeitschrift „Kali

und Geschichte“.

Dr. Rudolf Kokorsch: geb. 1930, Renter. Dr.-Ing. 1956 Promotion mit

einer Arbeit über die Kalilagerstätte Hildesia-Mathildenhall. Bis 1993

Gruben-direktor im Kaliwerk Wintershall in Heringen.

Dr. Dagmar Mehnert: geb. 1972, Lehrerin, 2000 Promotion in Göttingen

mit einer Arbeit über das Werrarevier während der Weimarer Republik.

Redakteurin der Zeitschrift „Kali und Geschichte“.

Hartmut Ruck: geb. 1938, Rentner, Diplom-Ingenieur. Bis 2003 Leiter des

Grubenbetriebes Standort Merkers im Kaliwerk Werra.

191


Zwischen Thüringer Wald, Rhön und Vogelsberg werden bergmännisch Kalisalze

abgebaut. Als der Bodenschatz 1893 bei Bad Salzungen in Thüringen

gefunden wurde, begann eine stürmische industrielle Entwicklung. Der Bergbau

hat das Bild der Region umgestaltet. Bis zum heutigen Tag ist das Werra-

Fulda-Revier eines der größten Kali-Abbaugebiete der Welt. In den Bergwerken

und Fabriken sind mehrere tausend Arbeitskräfte damit beschäftigt, die

Rohsalze unter Tage zu gewinnen und über Tage vor allem zu Düngemitteln

weiter zu verarbeiten.

In über 100 Jahren hat die Kaliindustrie Geschichte gemacht und Geschichten

ge-schrieben.„Bunte Salze, weiße Berge“ zeichnet Wachstum und Wandel des

Kalibergbaus im Werratal und bei Neuhof nach. Die Entwicklung des Reviers

von den Anfängen bis zur Gegenwart illustrieren über 400, zum Teil farbige

Fotos und Abbildungen.

24,80 EUR

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