Hilfe für Osteuropa e.V. - Jahresbericht 2016
Tätigkeitsbericht unseres Osteuropahilfe-Vereins für 2016
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Humanitäre <strong>Hilfe</strong><br />
ein Hoffnungsschimmer in<br />
unruhigen Zeiten ?<br />
<strong>Jahresbericht</strong> <strong>2016</strong><br />
Ursula Honeck
9. November <strong>2016</strong>... es wird Zeit, meinen <strong>Jahresbericht</strong><br />
zu schreiben, aber heute lähmt mich<br />
einfach alles, nichts geht mir von der Hand,<br />
wenn ich an die Nachrichten im Radio von heute<br />
morgen denke. Die Bürger Amerikas haben sich<br />
entschieden und ihren gewünschten Präsidenten<br />
gewählt. Mehr kann und will ich im Moment<br />
nicht dazu sagen, ich möchte ja über etwas Vergangenes<br />
berichten und nicht meine düsteren<br />
Zukunftsgedanken zu Papier bringen.<br />
Nach dem vom Oktober 2015 auf den 10. Januar<br />
<strong>2016</strong> verschobenen und gelungenen Benefizkonzert<br />
<strong>für</strong> die Operation von Gusti, unserer<br />
langjährigen Partnerin und Freundin aus Rumänien,<br />
kann ich in aller Ruhe alles Notwendige<br />
<strong>für</strong> die Inforeise nach Moldavien vorbereiten<br />
und den Koffer packen. Allerdings kommen mir<br />
zunehmend Bedenken, ob der erste ICE, der<br />
um 05.46 Uhr in Freiburg starten soll, auch von<br />
den in den Medien angesagten Verspätungen<br />
betroffen sein würde. So entscheide ich, schon<br />
am Samstagnachmittag zu meinem Bruder Gunther<br />
in der Nähe von Karlsruhe zu reisen, um<br />
sicher zu gehen, dass wir den Flug am Sonntagmorgen<br />
von Frankfurt nach Chisinau auch erreichen<br />
werden. Die Zeit ist knapp, aber trotz einem<br />
Zwischenstopp in einer Flughafenapotheke<br />
(Gunther hatte wichtige Medikamente zu Hause<br />
vergessen) können wir unsere Plätze im Flugzeug,<br />
nach einer „gefühlten“ halben Tagesreise<br />
mit dem Flughafenbus, einnehmen. In Chisinau<br />
angekommen, empfängt uns Vladimir Nadkrenitzschni,<br />
unser Partner von der Stiftung „Pro<br />
Umanitas“ / Chisinau und begrüßt uns herzlich.<br />
Episcop Nicodim (Pater Joan) kann uns wegen<br />
dringender Termine leider nicht persönlich vom<br />
Flughafen abholen. Mit seinem Chauffeur begeben<br />
wir uns auf die Suche nach Gusti, die mit<br />
einem Kleinbus aus Rumänien gekommen war<br />
und nun irgendwo am Straßenrand stehen soll.<br />
Halb durchgefroren nehmen wir sie nach langem<br />
Suchen auf und fahren in Richtung Orhei.<br />
Da es in der orthodoxen Kirche unzählige Feiertage<br />
gibt, die man in der Planung nicht alle berücksichtigen<br />
kann, ergibt es sich, dass Episcop<br />
Nicodim am nächsten Tag bei einer wichtigen<br />
Messe in einer weit entfernten Kirche anwesend<br />
sein muss. Er macht uns den Vorschlag, dass<br />
wir mit einem seiner jungen Priester nach Edinet<br />
fahren sollten, um der dortigen Klinik einen Besuch<br />
abzustatten. Wie immer ist die Fahrt dorthin<br />
etwas aufregend und gewöhnungsbedürftig<br />
(Überholverbot? Durchgezogener Strich?? Geschwindigkeitsbegrenzung???),<br />
aber als Fahrer<br />
eines Fahrzeugs des Episcops (Bischof) kann<br />
man diese Vorschriften, denke ich, ignorieren,<br />
oder? Unsere Herzfrequenz und Angespanntheit<br />
ist gottlob nicht messbar.<br />
Herzlich werden wir in Edinet von den Ärzten<br />
und dem Klinikpersonal empfangen. Wir machen<br />
einen Rundgang durch die orthopädische, kardiologische<br />
und pädiatrische Abteilung. Alle zeigen<br />
uns mit Stolz und Dankbarkeit die im Dezember<br />
von uns empfangenen Betten, Matratzen,<br />
Decken, Bettwäsche, Rollstühle, Geräte u.v.m.<br />
Gerne lassen sich die in den von uns gebrachten<br />
Betten liegenden Patienten fotografieren und<br />
nehmen uns voll Freude in den Arm.<br />
Eine große Bitte, die wir schon des öfteren von<br />
dem dortigen Chirurgen und Orthopäden Dr.<br />
Sergiu Morariu ans Herz gelegt bekamen, ein Arthroskopiegerät<br />
<strong>für</strong> Knieoperationen, Untersuchungen<br />
und Behandlungen zu bringen, wird<br />
schwierig sein, aber wir versprechen, es zu versuchen.<br />
Da das Domizil des Bischofs in Edinet während<br />
seiner Abwesenheit nicht geheizt wird, über keine<br />
Köchin verfügt, und das warme Wasser auch<br />
nicht fließt, werden wir nach dem Besuch in der<br />
Klinik wieder nach Orhei chauffiert. Pater Igor<br />
holt uns am nächsten Morgen ab und bringt uns<br />
zu Sergiu-Eugen Popescu, dem an Leukämie<br />
erkrankten Jungen, der noch immer nicht in die<br />
Schule gehen darf, einen Mundschutz trägt und<br />
zu Hause von seiner Oma betreut wird. Über das<br />
Weihnachtspaket und das Geldgeschenk seiner<br />
Patenfamilie aus Deutschland hat er sich sehr<br />
gefreut und dankt von Herzen. Hoffentlich wird<br />
er bald gesund sein und kann die reguläre Schule<br />
besuchen. Auch der Besuch bei der behinderten<br />
Tochter von Familie Viadrescu, die gerade<br />
mit einem Puzzle beschäftigt ist, bereitet große
Freude. Weiter geht es auf sehr verschmutzten,<br />
aber schneefreien Wegen nach Bolohan, wo<br />
schon die Patenkinder Olga Doros, Familie Zagorodniuc<br />
sowie Familie Balan und die kranke<br />
Elena Dragan sehnsüchtig auf uns warten. Es<br />
hat sich seit dem letzten Besuch eigentlich kaum<br />
etwas geändert, außer dass die Kinder gewachsen<br />
sind. Sie wärmen sich auf ihrem Schlafplatz<br />
an der gekachelten Wand, die von der Küche<br />
aus mit Holz beheizt wird. In jedem Hof liegt immer<br />
noch ein zotteliger Hund an der kurzen Kette,<br />
und in der maroden Hundehütte entdecken<br />
wir selten eine wärmende Decke <strong>für</strong> die Nacht.<br />
Die Armut in den bescheidenen Behausungen<br />
ist nicht zu übersehen. Gerade bei „Schmuddelwetter“<br />
empfindet man diese Eindrücke um<br />
so intensiver. In dem kleinen Dorfladen, wo mit<br />
Spendengeld durch HFO <strong>für</strong> besonders bedürftige<br />
Kinder und Behinderte Lebensmittel eingekauft<br />
werden können, sehen wir auch dieses<br />
Mal ein korrekt geführtes Kassenbuch. Vor unserer<br />
Abfahrt nach Chisinau ist noch einiges im<br />
Büro von Pater Joan, der den Dezembertransport<br />
2015 als Empfänger übernommen hatte, zu<br />
besprechen. Pater Igor hat alle Zollformalitäten<br />
zu unserer vollsten Zufriedenheit erledigt und<br />
die Verteilung der Hilfsgüter war bei ihm auch in<br />
besten Händen. Es ist zu verstehen, dass sich<br />
Episcop Nicodim in seiner Position nicht alleine<br />
um solche Dinge kümmern kann.<br />
Bis zu unserem Abflug von Chisinau nach Frankfurt<br />
(übrigens über Kiew) am Samstagmorgen<br />
um 07.10 Uhr ist volles Programm. Treffen mit<br />
Paten und Geldübergabe, Besuch bei Ana Kalasnikov,<br />
dem gelähmten Mädchen, das schon<br />
seit Jahren eine Patin aus Todtnau hat. Besuch<br />
bei Alexander Cara, dem kleinen Jungen, dem<br />
HFO eine Herzoperation in Kiew finanziert hat.<br />
Treffen mit Vladimir Nadkrenitzschni, Präsident<br />
der wohltätigen Stiftung „Pro Umanitas“. Er ist<br />
einer unserer zuverlässigsten Partner in Moldavien,<br />
den wir schon von Anfang unserer Tätigkeit<br />
in diesem Land kennen. Sascha Pavlic,<br />
ein junger Arzt, der mit seiner Frau Dascha <strong>für</strong><br />
einige Monate im Gesundheitszentrum Todtnau<br />
hospitiert hatte, sollte die Fahrten zu den einzelnen<br />
Programm-Orten übernehmen, die oft weit<br />
auseinander liegen. Zunächst klappt das auch<br />
ganz gut, aber Sascha wird immer nervöser, da<br />
seine Frau in der Klinik liegt und ihr erstes Kind<br />
erwartet. Man hilft sich gegenseitig bei der Termineinteilung<br />
und Sascha kann sich um seine<br />
Frau kümmern, die inzwischen ein süßes kleines<br />
Mädchen auf die Welt gebracht hat.<br />
Es ist zu erwähnen, dass sich alle Paten über<br />
unsere Anwesenheit und über die jeweiligen Zuwendungen<br />
sehr gefreut haben. Auch Ana war<br />
glücklich, uns wiederzusehen. Leider macht der<br />
kleine Alexander in seiner geistigen Entwicklung<br />
nur minimale Fortschritte (sein Gehirn bekam<br />
auf der langen Fahrt nach Kiew zu wenig<br />
Sauerstoff), aber die Angehörigen, besonders<br />
die Großeltern, geben nicht auf und tun ihr Möglichstes.<br />
Keine guten Nachrichten hören wir über<br />
die Situation, die sich derzeit in der Cardiochirurgie<br />
entwickelt. Dr. Batrinac habe man als Direktor<br />
abgesetzt und einem offensichtlich nicht<br />
sehr beliebten ehemaligen Kollegen diesen Posten<br />
gegeben (Vetternwirtschaft?). Dr. Batrinac<br />
wird die Klinik verlassen und in eine Privatklinik<br />
wechseln. Obwohl viele Kollegen daraufhin weg<br />
gegangen sind, möchte Dr. Manolache sich nicht<br />
mehr verändern und seine Arbeit an seinem bisherigen<br />
Platz weitermachen, auch wenn die Bedingungen<br />
schlechter werden. Er bittet uns, nicht<br />
umsonst, um finanzielle Unterstützung <strong>für</strong> den<br />
Kauf von Instrumenten <strong>für</strong> den OP-Bereich.<br />
Ein Besuch in Moldavien ohne ein Treffen mit<br />
unserem kleinen, inzwischen großen Semion<br />
und seiner Familie, gibt es nicht. Die Leukämie<br />
scheint überwunden zu sein, vor uns steht ein<br />
hübscher, ernster Junge mit 16 Jahren, der nicht<br />
vergessen kann, wie sehr HFO ihm vor vielen<br />
Jahren geholfen hat. Er möchte einmal Medizin<br />
studieren, damit er anderen Menschen helfen<br />
kann, so wie ihm geholfen wurde.<br />
In der Nacht vor unserer Abreise hat es kräftig<br />
angefangen zu schneien. Gusti be<strong>für</strong>chtet<br />
Probleme auf der Heimfahrt mit dem Kleinbus.<br />
Doch Vladimir Nadkrenitzschni holt uns pünktlich<br />
um 05.30 Uhr vor unserem Quartier ab, und<br />
dem Flug nach Frankfurt (wenn auch über Kiew)<br />
steht nichts mehr im Weg. Auch Gusti meldet am
Abend eine gesunde Heimkehr.<br />
Eine riesige Liste von zu erledigenden Dingen<br />
wartet nach meiner Rückkehr auf mich und ich<br />
atme jedesmal auf, wenn ich eine Notiz nach der<br />
anderen durchstreichen kann. Als erstes müssen<br />
Firmen wegen Sachspenden <strong>für</strong> den Frühjahrstransport<br />
angeschrieben oder angerufen<br />
werden. Bei jeder Absage tröste ich mich immer<br />
wieder mit den Worten „…schöne Zeiten, nicht<br />
traurig sein, dass sie vergangen, sondern dankbar,<br />
dass sie gewesen…“. Rollstühle und sonstige<br />
Reha-Bedarfsartikel – bekommen wir nicht<br />
mehr, Medicalprodukte der Firma Lohmann &<br />
Rauscher – bekommen wir nicht mehr. Zahnpasta<br />
und Mundpflegemittel der Firma GlaxoSmith-<br />
Kline – bekommen wir nicht mehr und Medikamente<br />
sowieso nicht. Dass die Bundeswehr ihre<br />
Spenden <strong>für</strong> <strong>Osteuropa</strong> wegen der Versorgung<br />
der Flüchtlinge hier in Deutschland eingestellt<br />
hat, ist durchaus zu verstehen. Was uns aber<br />
am meisten trifft, ist die Absage der Firma Henkel.<br />
Eine so große Firma soll es sich nicht leisten<br />
können ein paar Paletten Wasch- oder Putzmittel<br />
<strong>für</strong> Rumänien oder Moldavien als Spendenware<br />
zur Verfügung zu stellen? Die inzwischen zuständige<br />
Dame sagt, dass die Länder, in denen<br />
Henkel eine Niederlassung hat, nicht mehr mit<br />
Spendenware beliefert werden dürfen. Die dortigen<br />
Stiftungen sollen sich vor Ort darum kümmern,<br />
dass sie etwas bekommen. Das Ergebnis<br />
ist natürlich gleich null, nicht mal eine Antwort<br />
ist zu bekommen. Ich erkundige mich auf Anraten<br />
der Dame im Internet, in welchen Ländern<br />
Niederlassungen von Henkel sind. Moldavien<br />
hat keine Niederlassung. So bin ich voller Hoffnung,<br />
dass ich zumindest <strong>für</strong> Moldavien etwas<br />
bekommen kann. Weit gefehlt. Henkel unterstütze<br />
nur noch hiesige Organisationen, die hier in<br />
Deutschland tätig sind, aber nicht mehr im Ausland,<br />
so die Antwort am Telefon. Sollen es doch<br />
die Organisationen in Moldavien selbst versuchen,<br />
Waschmittelspenden von den Niederlassungen<br />
in Nachbarländern wie Rumänien oder<br />
der Ukraine zu bekommen, sagt die Dame am<br />
Telefon, die sicher noch nie in so einem armen<br />
Land wie Moldavien war. Ich rege mich furchtbar<br />
auf, aber es lohnt sich nicht. Wie viele Entscheidungen<br />
werden am Schreibtisch gefällt, ohne an<br />
die Konzequenzen <strong>für</strong> die Bedürftigen in anderen<br />
Ländern zu denken. Wie sagt man so schön:<br />
„Ja nicht über den Tellerrand schauen. Bedauern<br />
– ja. Aber etwas tun- ich? – Nein, was geht<br />
mich das an.“ Es ist schwer <strong>für</strong> uns, den armen<br />
Leuten und sozialen Einrichtungen begreiflich zu<br />
machen, dass bezüglich mancher Zuwendungen<br />
keine <strong>Hilfe</strong> mehr kommen wird. Mit dem, was wir<br />
noch bekommen und mit unserer persönlichen<br />
Präsenz, versuchen wir den Alltag, zumindest<br />
<strong>für</strong> einige Menschen, mit Anwesenheit, gezeigter<br />
Liebe und Wärme zu bereichern.<br />
Zunächst stehen noch die Vorbereitungen <strong>für</strong> die<br />
diesjährige Jahreshauptversammlung an, zu der<br />
auch unsere Ehrenmitglieder Episcop Nicodim<br />
und Augusta Jumanca mit Begleitern eingeladen<br />
sind. Die Wochen bis zu unserem Frühjahrstransport<br />
vergehen wie im Flug.<br />
Wochen und Tage mit viel Arbeit im Büro und<br />
im Lager erfordern meine ganze Kraft. Der erste<br />
LKW einer rumänischen Spedition wird schon<br />
am 18. April mit 12 Tonnen Hilfsgütern beladen<br />
und kommt pünktlich am 22. April in Piatra-Neamt<br />
an. Gunther ist damit beschäftigt, Übernachtungsmöglichkeiten<br />
in Ungarn <strong>für</strong> die Begleitmannschaft<br />
des Transportes, der am 24. April<br />
starten soll, zu suchen und alle Genehmigungen<br />
bezüglich einer Mautbefreiung <strong>für</strong> den Transit<br />
durch Ungarn <strong>für</strong> Hilfstransporte nach Rumänien<br />
zu beantragen. Seine ungarisch sprechende<br />
Schwiegertochter ist ihm dabei eine große <strong>Hilfe</strong>.<br />
Beppo organisiert wieder eine unentgeltliche<br />
Zugmaschine von der Firma Winterhalter, wo<strong>für</strong><br />
wir unendlich dankbar sind. Die Firma Kohrs aus<br />
Endingen hat auch diesmal einen dazu passenden<br />
Auflieger, und der zweite Zug kann, wie seit<br />
Jahren bei PACCAR Leasing zu gleichen Konditionen<br />
wie bisher, angemietet werden. Alles<br />
scheint seinen gut vorbereiteten Weg zu gehen.<br />
Erich Steck kann aus persönlichen Gründen die<br />
Reise nicht begleiten, da<strong>für</strong> springt Charlie (Norbert<br />
Wissler) zum Glück ein. Beim Beladen der<br />
beiden LKW fällt mir auf, dass die Besatzung<br />
nicht mit dem jeweiligen LKW übereinstimmt, die
ich auf den Papieren angemeldet habe. Beppo<br />
Schneider fährt jetzt im Paccar Leasing- Zug<br />
mit Susi Braunsberger und Markus Albrecht im<br />
Winterhalterzug mit Norbert Wissler. Man muss<br />
nicht alles verstehen, Hauptsache ist, dass alles<br />
klappt. Hoffen wir, dass es an der Grenze keine<br />
Probleme geben wird. Auch unser Begleitfahrzeug<br />
hat diesmal zwei Leute mehr an Bord. Zu<br />
Gunther Köllner und mir gesellen sich Michaela<br />
Faller und Marlene Stepp. Michaela will sich<br />
selbst einmal ein Bild davon machen, wie es<br />
in dem Land aussieht, wo sie schon seit einiger<br />
Zeit Patenfamilien unterstützt. Marlene war<br />
noch nie in Rumänien und sucht offensichtlich<br />
nach Beziehungspunkten, um ihre Person und<br />
ihre Bereitschaft, irgendetwas <strong>für</strong> Bedürftige in<br />
diesem Land zu tun, einbringen zu können. Für<br />
mich sind die beiden jungen Frauen übrigens<br />
ein Segen, da ich mich nicht einmal ans Steuer<br />
des Begleit-PKW setzen muss. Auch Gunther<br />
genießt offensichtlich das Beifahrerdasein und<br />
kann öfter mal entspannen.<br />
Nach der ökumenischen Segnung und Verabschiedung<br />
beider Kirchen vor dem Lager, beginnen<br />
wir unsere Reise. An der Grenze Ungarn<br />
– Rumänien stehen unzählige LKW und warten<br />
auf die Abfertigung. Wir, in unserem PKW, kommen<br />
schnell über die Grenze und warten ewig<br />
lang auf die beiden LKW. „Irgend etwas stimmt<br />
mit den Papieren nicht“ teilt man uns über Funk<br />
mit. Wir sollen schon mal weiter fahren. „ Die<br />
angegebenen LKW-Kennzeichen sollen nicht<br />
mit der beantragten Mautbefreiung übereinstimmen“.<br />
700 € seien <strong>für</strong> jeden LKW zu bezahlen.<br />
Stunden vergehen, bis sich die Schwiegertochter<br />
von Gunther mit der zuständigen Beamtin<br />
in Verbindung setzen kann. Diese macht den<br />
Zollbeamten klar, dass ein Zahlendreher dazu<br />
geführt habe, dass die übermittelten Daten nicht<br />
stimmen. Zähneknirschend läßt man die beiden<br />
LKW, ohne Gebühren bezahlen zu müssen, die<br />
Grenze passieren, und wir treffen uns gegen<br />
Mitternacht mit unseren Partnern in Tirgu-Mures<br />
in dem Hotel, wo wir alle übernachten können.<br />
Marga und Dr. Liebhart haben nichts Neues zu<br />
berichten, alles sei so schlecht wie bisher und<br />
man habe keine Hoffnung, dass sich etwas ändern<br />
wird.<br />
In Piatra Neamt bzw. Savinesti angekommen,<br />
wird sogleich mit dem Entladen der Hilfsgüter<br />
begonnen. Schwere Paletten, Rollstühle und<br />
Möbelstücke werden mit einem Gabelstapler<br />
entladen. Viele Helfer tragen einzelne Pakete in<br />
die Lagerräume der alten Schule in Savinesti,<br />
wo alles ordentlich sortiert und gelagert wird. Nur<br />
so kann danach eine korrekte Verteilung erfolgen.<br />
Der LKW, mit dem die Sachspenden <strong>für</strong> den<br />
katholischen Hilfsverein nach Bukarest transportiert<br />
werden sollen, ist auch schon eingetroffen<br />
und Paula Fonosch, die Vertreterin des Vereins,<br />
kann schon bald mit den Hilfsgütern in Richtung<br />
Bukarest starten. Zum Schluss sind nur noch die<br />
Klinikbetten <strong>für</strong> das Krankenhaus von Piatra-Neamt<br />
auf dem Klinikgelände zu entladen. Dort gibt<br />
es viele herrenlose Hunde und Katzen. Michaela<br />
kauft an einem Kiosk Würstchen und füttert einen<br />
Hund, <strong>für</strong> den gefühlsmäßig an diesem Tag<br />
Weihnachten und Ostern zusammenfallen. Normalerweise<br />
bekommt er gar nichts, lediglich ein<br />
paar Fußtritte von genervten Leuten. Vor lauter<br />
Glückseligkeit würde er Michaela am liebsten<br />
begleiten.<br />
Bevor die beiden LKW am Freitag die lange<br />
Heimfahrt antreten, besuchen wir noch den katholischen<br />
Priester Petrisor in Talpa, der seit vielen<br />
Jahren Hilfsgüter <strong>für</strong> seine von ihm betreuten<br />
Dörfer bekommt und diese gewissenhaft verteilt.<br />
Als Überraschung machen wir mit einem Kleinbus<br />
am nächsten Tag einen Ausflug zu dem berühmten<br />
Kloster Moldovita, dessen Kirche durch<br />
seine jahrhundertealten wunderbaren Außenmalereien<br />
über die Grenzen hinweg bekannt ist.<br />
Eine Ordensfrau erklärt uns sehr eindrucksvoll<br />
alle Malereien in perfekter deutscher Sprache,<br />
die sie sich selbst in wenigen Monaten beigebracht<br />
habe, wie sie erzählt. Der Busfahrer erinnert<br />
mich bezüglich seines Fahrstils an die jungen<br />
Priester in Moldavien. Nicht nur Gunther, der<br />
ganz vorne sitzt, ist einem „Herzkasper“ nahe,<br />
sondern alle anderen Mitfahrer auch. Nach dem<br />
Ruhetag ist nach der Abfahrt unserer beiden
LKW wieder Arbeit angesagt. Alle Paten wurden<br />
im Vorfeld darüber informiert, dass am Freitag<br />
im Forum der Deutschen die Übergabe der Paten-<br />
und Familienpakete mit Fotodokumentation<br />
stattfinden wird. Bis auf ein paar Leute, die das<br />
nicht verstanden haben, geht alles so weit gut.<br />
Zwei Kindergärten versorgen uns den Tag über<br />
mit Essen, und am Abend sind wir alle irgendwie<br />
geschafft. Es sind noch einige Patenfamilien<br />
in den Dörfern Savinesti und Slobozia zu besuchen.<br />
Sie haben wegen familiärer und finanzieller<br />
Probleme keine Möglichkeit, den weiten Weg<br />
bis Piatra Neamt auf sich zu nehmen. Michaela<br />
und Marlene sieht man an, dass sie von Besuch<br />
zu Besuch immer mehr über die schlimmen Zustände<br />
schockiert sind. Überall will man helfen,<br />
etwas verändern, aber wie? Noch heute, nach<br />
26 Jahren brauche ich jedesmal viel Zeit, um all<br />
das Erlebte zu verarbeiten. Für ein wenig Ablenkung<br />
von den vielen traurigen Eindrücken sorgen<br />
Ana Ciutea, AUUH-Mitglied und ihr Mann.<br />
Den Nachmittag vor unserer Abreise verbringen<br />
wir an einem kleinen See, genießen eine Bootsfahrt<br />
und spüren, wie wieder etwas Ruhe in unsere<br />
aufgewühlten Seelen zurückkehrt.<br />
Die Rückfahrt der Begleitmannschaft ist, dank<br />
Gunther und der beiden jungen Damen kein Problem.<br />
Nach einer Übernachtung in Österreich laden<br />
wir Marlene, mit ein paar Tränen in aller Augen,<br />
in München ab und kommen, wie geplant,<br />
zu Hause an.<br />
Viel Zeit bleibt nicht, um meinen Gedanken und<br />
Erlebnissen nachzuhängen. Nach dem traditionellen<br />
„Frühlingsfest“ am Pfingstsonntag (von<br />
unseren Mitarbeitern bestens vorbereitet!) ist<br />
viel Büroarbeit mit Transportabrechnung etc. zu<br />
erledigen und bald steht ja schon das „Städtlifest“<br />
vor der Tür. Ganz überraschend teilt mir<br />
Christian, unser Sohn, der vor ein paar Jahren<br />
von Heinz Kühn die Haitihilfe übernommen hat<br />
mit, dass er zu einer Preisverleihung seiner Firma<br />
<strong>für</strong> sein großartiges Engagement in Haiti Anfang<br />
Juni nach New York eingeladen ist. Gerne<br />
hätte er seine Frau, die ihm mit aller Kraft zur<br />
Seite steht, mitgenommen, aber mit drei kleinen<br />
Kindern ist das nicht möglich. Thomas, der ihn<br />
schon seit vielen Jahren nach Haiti begleitet,<br />
kann keinen Urlaub einplanen. Kurz entschlossen<br />
fliege ich mit meinem Sohn <strong>für</strong> ein paar Tage<br />
nach New York und kann mit Stolz die feierliche<br />
Preisverleihung miterleben. Diese gigantische<br />
Stadt mit ihrem Tag und Nacht pulsierenden Leben,<br />
den überdimensionalen Hochhäusern und<br />
farbenprächtigen Reklametafeln kann man nicht<br />
so schnell vergessen, aber auch nicht die vielen<br />
Obdachlosen, die am Straßenrand sitzen und<br />
um Essen betteln. Der Besuch im Museum der<br />
zerstörten Zwillingstürme erschüttert mich zutiefst<br />
und wird auch ewig in meiner Erinnerung<br />
bleiben.<br />
In diesem Jahr können unsere üblichen Planungen<br />
bezüglich Inforeise im Juli nach Moldavien<br />
und Transport im August aus verschiedenen,<br />
teils auch privaten Gründen nicht realisiert werden.<br />
Zunächst zeichnet sich ab, dass wir bedingt<br />
durch die Flüchtlingskrise bis zum August nicht<br />
genug hochwertige Spendenware, wie Waschmittel,<br />
Klinikbetten und Matratzen sowie Rollstühle<br />
etc. bekommen würden. Die Bundeswehr,<br />
Firma Henkel und die AOK hatten uns ja mitgeteilt,<br />
dass leider nichts mehr zu erwarten sei.<br />
Gunther, mein treuer Begleiter bei allen Reisen,<br />
kommt es nicht ungelegen, dass die Inforeise<br />
nicht stattfindet, da er schon seit einiger Zeit in<br />
der Flüchtlingshilfe tätig ist. Natürlich vergesse<br />
ich bei allen Planungen nicht, dass die Paten<br />
in Moldavien Anfang Juli das <strong>für</strong> sie zugedachte<br />
Patengeld erhalten sollen. Ich überweise das<br />
Geld, und mit der <strong>Hilfe</strong> von Pater Igor und Vladimir<br />
Nadkrenitzschni steht der Verteilung nichts<br />
im Weg. Bilder und unterzeichnete Empfangsdokumente<br />
mit einem Dankbrief erreichen uns<br />
zeitnah per email.<br />
Privat war von meinem Mann Thomas und mir<br />
schon lange ein Fest anlässlich unseres „runden“<br />
Geburtstags geplant, zu dem die ganze<br />
Verwandtschaft und die engsten Wegbegleiter<br />
von HFO, dem GZT und persönliche Freunde<br />
eingeladen werden sollen. Die Vorbereitungen,<br />
bei denen uns unsere Kinder mit allen ihren<br />
Möglichkeiten unterstützen, erfordern sehr viel<br />
Zeit. Aber es lohnt sich, und noch lange redet<br />
man von einem wunderschönen und gelungenen<br />
Fest. Unser Geburtstagswunsch geht übrigens<br />
in Erfüllung. Kein Wein, kein Wellnesswochenende,<br />
kein Gutschein irgendwelcher Art,<br />
keine Blumen, sondern eine Geldspende zum<br />
Kauf eines Arthroskopiegerätes <strong>für</strong> die Klinik in<br />
Edinet. 14.360€ können wir <strong>für</strong> diesen Zweck<br />
dem Konto von HFO gutschreiben, und mit einer<br />
zusätzlichen Summe von HFO kann das Gerät<br />
bei der Firma Storz in Tuttlingen gekauft werden<br />
und soll nun im Dezember die überglücklichen<br />
Empfänger in Edinet erreichen.<br />
Um ganz kurz noch mal auf die persönlichen<br />
Gründe zurückzukommen, möchte ich noch er-
wähnen, dass <strong>für</strong> mich ein schon lang ersehnter<br />
Wunsch, einmal nach Medjugorje/ Bosnien-Herzegowina<br />
zu reisen, in Erfüllung gehen sollte.<br />
Im August habe ich die Gelegenheit, dort meine<br />
Seele wieder etwas aufzutanken und Kraft <strong>für</strong><br />
die anstehenden Aufgaben zu bekommen.<br />
Savinesti. Die Priester und viele der Gläubigen<br />
begrüßen uns herzlich und bedanken sich <strong>für</strong> unsere<br />
Anwesenheit und die kontinuierliche Unterstützung.<br />
An diesem Spätnachmittag findet noch<br />
ein Treffen mit Chor- und Forumsmitgliedern in<br />
den neuen Räumen des Forums statt.<br />
Mitte September startet ein Speditions-LKW mit<br />
18 Tonnen Hilfsgütern, hauptsächlich mit Kindernahrung<br />
und Kleidung nach Rumänien und<br />
einen Monat später ein weiterer LKW mit 10<br />
Tonnen Hilfsgütern, mit Klinikbetten, Rollstühlen<br />
und Schulmöbeln, Schulranzen, Paten- und Familienpaketen<br />
u.v.m. Wir haben das Glück, dass<br />
uns die Firma Winterhalter wiederum eine Zugmaschine<br />
unentgeltlich zur Verfügung stellt, und<br />
ein Auflieger von der Firma Kohrs aus Merdingen<br />
angemietet werden kann. Unsere transporterfahrenen<br />
Rentner Beppo Schneider und Erich<br />
Steck meistern alles in wenigen Tagen und kommen<br />
wieder heil zu Hause an, so dass wir (Gunther,<br />
Roswitha und ich) unsere Info- und Vorbereitungsreise<br />
nach Rumänien in Angriff nehmen<br />
können. Roswitha will sich als langjährige Patin<br />
und aktives Mitglied bei HFO, selbst einmal ein<br />
Bild machen, wie es in Rumänien aussieht.<br />
Schon bald hat sie ihre Flugangst vergessen und<br />
ist gespannt darauf, was sie alles in dem ihr unbekannten<br />
Land zu sehen bekommen wird. Unterwegs<br />
auf der sechsstündigen Autofahrt von<br />
Klausenburg (Cluj) nach Piatra-Neamt ist es leider<br />
schon dunkel. Da man sowieso nichts von<br />
der Landschaft sieht und kaum ein Auto entgegen<br />
kommt, fallen unsere schweren Augenlider<br />
immer wieder zu. Zuzu, unser Fahrer und ein<br />
alter Bekannter von HFO, ist es gewohnt bei<br />
Nacht lange Strecken zu fahren und bringt uns<br />
nach Mitternacht gesund an unser Ziel. Der<br />
Sonntag beginnt mit einem Besuch der übervollen<br />
orthodoxen Kirche bei Priester Munteanu in<br />
Es gibt viel zu erzählen und Mariana, die Frau<br />
von Zuzu und Buchhalterin des Forums serviert<br />
ein wunderbares Essen. Die Chormitglieder bedauern<br />
es sehr, dass in diesen Räumen weder<br />
Akkordeon gespielt noch gesungen werden darf.<br />
Die Nachbarn hatten sich schon mehrfach beschwert.<br />
Doch endlich gibt es Platz genug, damit<br />
Gäste, wenn auch auf von HFO gebrachten Reisebetten,<br />
übernachten können. Roswitha gewöhnt<br />
sich langsam daran, nachts in diesen<br />
Räumen alleine zu sein.<br />
Ab Montag ist ein strenges Programm angesagt,<br />
was natürlich wie üblich in osteuropäischen Ländern,<br />
nicht immer eingehalten wird. Um 10.00<br />
Uhr findet bei Radio Journal Spiritual (Sender<br />
der Stiftung von Priester Munteanu) ein Interview<br />
statt. Gusti übersetzt die Fragen und unsere<br />
Antworten mit höchster Konzentration. Leider<br />
können wir nicht in Erfahrung bringen, wann<br />
dieses Interview gesendet wird. Wir besichtigen<br />
das Lager in der „Alten Schule“ und die noch<br />
hier verbliebenen Hilfsgüter der beiden letzten<br />
Transporte. Von den Lebensmitteln ist fast alles<br />
an Bedürftige ausgeteilt und um einen Schulranzen<br />
zu bekommen, haben sich die armen Kinder<br />
aus dem Dorf fast gestritten. Man zeigt uns eine<br />
beeindruckende Diashow von der Verteilung der<br />
Kindernahrung und der Schulranzen. Bei einer<br />
anschließenden Diskussion berichten Priester<br />
Munteanu und Gusti von der Verteilung. In 80<br />
Dörfern seien Kindernahrung, Kleidung, Spielsachen<br />
u.v.m. durch die dortigen Priester verteilt<br />
worden. Gusti betont immer wieder, dass die
umänische Moldau der ärmste Landstrich von<br />
Rumänien sei, was man bei unseren Besuchen<br />
auf dem Land unschwer erkennen kann. Wir besuchen<br />
sechs Patenfamilien im Dorf Savinesti.<br />
Eine alleinerziehende Mutter wohnt mit ihren<br />
zwei kleinen Kindern in einer winzigen Wohnung<br />
in dem „Phantomblock“, über den ich vor ein<br />
paar Jahren bereits berichtet habe. Das jüngste<br />
Kind ist gerade mal im Krabbelalter und es ist<br />
fast vorauszusehen, dass es sich an dem ungeschützten<br />
Ofen irgendwann verbrennen wird.<br />
Toilette und Dusche gibt es nicht. Irgendwo auf<br />
der Etage befindet sich ein einziges „Örtchen“ (<br />
Plumpsklo) <strong>für</strong> unzählige Bewohner. Es hat sich<br />
nichts geändert. Wir sind froh nach dem Besuch<br />
und der Übergabe eines Familienpaketes das<br />
dunkle, schmutzige Treppenhaus mit seinen desolaten<br />
Stufen und Geländern sowie üblen Gerüchen<br />
wieder verlassen zu können. Viele traurige<br />
Augen von Kindern, die vor dem Wohnblock<br />
spielen, begleiten uns auf dem Weg zum Auto.<br />
Es würde zu weit führen, jedes Schicksal der<br />
besuchten Patenfamilien zu beschreiben. Fast<br />
überall trifft man auf unfaßbare Wohn- und Lebensverhältnisse.<br />
Meistens sind die Mütter oder<br />
Großeltern alleine mit den Kindern und kämpfen<br />
ums Überleben. Viele Männer verlassen<br />
die Familie, keiner weiß, wo sie geblieben sind.<br />
Das wenige Kindergeld muss zur Versorgung<br />
reichen. Die finanzielle Zuwendung, welche die<br />
Kinder von HFO oder den deutschen Paten bekommen,<br />
ist natürlich nur der berühmte „Tropfen<br />
auf den heißen Stein“, aber sie spüren, dass<br />
jemand an sie denkt und man sie nicht in ihrem<br />
Leid alleine läßt. Das bedeutet <strong>für</strong> ihr trauriges<br />
Leben sehr viel.<br />
Würden wir diesmal auf Anhieb den richtigen<br />
Weg zu der Kirche des Dorfes Slobozia finden?<br />
Natürlich nicht! Es ist ein riesiges Dorf und jeder<br />
nicht asphaltierte Weg und fast jedes kleine<br />
Haus mit seiner Hundehütte im Hof sieht aus<br />
wie das andere. Frau Benta, die Frau des dortigen<br />
Pfarrers lotst uns schließlich per Handy zur<br />
Kirche. Im Gemeindesaal erwarten uns schon<br />
sehnsüchtig zwei Patenfamilien mit ihren Kindern,<br />
oder besser gesagt die Mütter ohne Väter.<br />
Bei der Paket- und Geldübergabe strahlen<br />
die Empfänger und nehmen uns dankbar in den<br />
Arm. Eine Mutter mit ihren fünf Kindern fehlt.<br />
Gusti hatte mir kurz vor unserer Reise berichtet,<br />
dass die Frau mit ihren Kindern verschwunden<br />
und nicht auffindbar sei. Alle Nachforschungen<br />
seitens der Kirche verliefen ergebnislos. Gusti<br />
hatte daraufhin die monatlichen Zahlungen eingestellt<br />
und die Frau hat sich während unserer<br />
Anwesenheit bei ihr telefonisch gemeldet, weil<br />
sie kein Geld mehr hat, um die Kinder zu ernähren.<br />
Sie ist zu Freunden in einen anderen Bezirk<br />
geflüchtet, weil der Mann sie und die Kinder<br />
regelmäßig verprügelt und das ganze Geld<br />
versoffen hat. Er hat mehrfach damit gedroht sie<br />
umzubringen, wenn er sie findet. Wir haben inzwischen<br />
die Adresse, sie bekommt wieder das<br />
Patengeld, und die <strong>für</strong> sie gedachten Pakete und<br />
Sonderzahlungen werden zu ihr gebracht. Was<br />
wird sein, wenn der Mann sie findet? Was wird<br />
mit den Kindern passieren? Leider haben wir immer<br />
wieder mit solchen Schicksalen zu tun. Eine<br />
Familie mit zwei Zwillingspärchen und zwei weiteren<br />
Kindern wurden von einer hiesigen Patin<br />
großzügig unterstützt. Sie besaßen eine Kuh,<br />
die den Kindern Milch gab, aber dann gestorben<br />
ist. HFO kaufte eine Kuh, damit die Kinder<br />
ernährt werden konnten. Wegen Gewalttätigkeiten<br />
seitens des Vaters wurden alle Kinder in ein<br />
Heim gebracht. Der Vater zog zu einer anderen<br />
Frau und die Mutter zu einem anderen Mann.<br />
Die Kuh wurde einer alten Frau übergeben,<br />
die <strong>für</strong> sie sorgte. Aus verschiedenen Gründen<br />
konnte die Frau die Kuh nicht mehr behalten. Mit<br />
<strong>Hilfe</strong> der Pfarrersfamilie Benta in Slobozeni und<br />
HFO wurde die Kuh zu einer dortigen Familie mit<br />
mehreren Kindern gebracht. Leider gibt sie, warum<br />
auch immer, keine Milch mehr. Ein Tierarzt<br />
meinte, dass die Kuh mangelernährt wurde. Der<br />
Versuch nochmal ein Kälbchen zu bekommen,<br />
war bisher ohne Erfolg. Diese Familie steht jetzt<br />
vor uns und fragt, was sie jetzt machen soll. Den<br />
Geldbetrag <strong>für</strong> einen weiteren Besuch beim Tierarzt<br />
gebe ich gerne und hoffe, dass sich alles<br />
zum Positiven wenden wird.<br />
Dienstagmorgen fahren wir mit Priester Muntea-
nu nach Roznov, besuchen den dortigen Bürgermeister,<br />
der uns um <strong>Hilfe</strong> <strong>für</strong> eine 14-köpfige<br />
Familie bittet, die in erbärmlichen Zuständen leben<br />
soll. Wir fahren auf miserablen Wegen zum<br />
Ende der Stadt. Beim Aussteigen aus dem Auto<br />
trete ich fast auf eine riesige tote Ratte, und wir<br />
können schon ahnen, was uns erwarten wird.<br />
Man kann es fast nicht beschreiben. Über dem<br />
kaputten Bretterzaun hängen ziemlich zerlumpte<br />
Kleidungsstücke zum Trocknen. Eine magere<br />
verhärmte Frau führt uns in ein Gebäude<br />
mit lehmigem Boden und einer Holzdecke, zwischen<br />
deren dünnen Balken Heu herabhängt.<br />
Das würde bei uns als Kuhstall nicht mehr genehmigt<br />
werden. In dem niedrigen Raum befindet<br />
sich eine Kochstelle - natürlich neben dem<br />
Bett - auf dem, wegen der Dunkelheit fast nicht<br />
zu bemerken, ein dreiwöchiger in Tüchern gewickelter<br />
Säugling liegt. Im Hof daneben lebt offensichtlich<br />
eine der vielen Töchter mit Familie,<br />
aber auch nicht komfortabler. Gusti übergibt Kindernahrungsmittel<br />
und verspricht mit Kleidung<br />
u.s.w. zu helfen. Vielleicht ist es gut, dass wir<br />
ganz kurz das Museum der Kirche in Roznov besuchen,<br />
um die schrecklichen Eindrücke etwas<br />
in den Hintergrund unserer Gedanken verschieben<br />
zu können. Beim anschließenden Besuch<br />
im Altenheim von Roznov, kommt wieder etwas<br />
Freude in unsere Seelen. Der von EU-Geldern<br />
finanzierte Anbau ist fertiggestellt und mit Stolz<br />
zeigt man uns die beiden in Betrieb genommenen<br />
Waschmaschinen und Trockner, die HFO<br />
vor einiger Zeit finanziert hat. Auch die Kantine,<br />
wo gerade gebetet und danach gegessen wird,<br />
ist sehr ansprechend. Wir besuchen auch Heimbewohner,<br />
die bettlägrig sind. Gusti erkennt ein<br />
ehemaliges Forumsmitglied, das aber durch die<br />
Demenz weit weg zu sein scheint. Daneben liegt<br />
eine Frau, die mich ganz traurig anschaut. Ich<br />
spreche sie an, aber natürlich versteht sie mich<br />
nicht. Sie möchte, dass ich mich neben sie auf<br />
ihr Bett setze und beginnt vermutlich, ihre Lebensgeschichte<br />
zu erzählen. Ich höre ihr zu, obwohl<br />
ich nichts verstehe. Ihre Traurigkeit weicht<br />
aus ihren Gesichtszügen und sie genießt es offensichtlich,<br />
dass sich jemand Zeit nimmt, ihr zuzuhören.<br />
Rumänische Pünktlichkeit. Natürlich kommen<br />
wir zu spät ins Forum. Auf dem Gang und vor der<br />
Tür warten schon viele Paten, die ein Paket oder<br />
eine Zuwendung abholen möchten. Doch sehr<br />
schnell haben wir alles im Griff und es klappt wie<br />
am „Schnürchen“.<br />
Wieder mal, als nicht vorgesehener Programmpunkt<br />
eingeschoben, ist am Mittwochmorgen<br />
ein Besuch beim Bürgermeister von Piatra-Neamt,<br />
der offensichtlich auch Kindernahrung von<br />
HFO an Bedürftige verteilt hat. Danach zeigt uns<br />
Frau Dr. Hancu die Fortschritte ihrer Institution<br />
<strong>für</strong> Demenzkranke und schon erwartet uns der<br />
Kindergarten Nr. 12., wo wir fast allen Gruppen<br />
einen kurzen Besuch abstatten. Am Nachmittag<br />
werden die noch fehlenden Paten erwartet und<br />
abends sind wir von Fr. Dr. Hancu zum Essen<br />
eingeladen.<br />
Donnerstag treffen wir die Behinderten, die von<br />
weit hergekommen sind, um nicht nur <strong>für</strong> sich<br />
selbst, sondern auch <strong>für</strong> andere Hilfsmittel und<br />
Inkontinenzprodukte abzuholen. Die meisten<br />
kennen wir schon seit vielen Jahren. Fast alle<br />
haben ihre Behinderung durch unverschuldete<br />
Unfälle erlitten. Die Nachricht, in Zukunft keine<br />
Rollstühle von der AOK zu bekommen, stimmt<br />
alle recht traurig. Die kleine Alexandra Chisalita<br />
wurde mit einer Behinderung geboren, macht<br />
aber durch die intensive Zuwendung ihrer Eltern<br />
große Fortschritte. Dan fährt uns noch an diesem<br />
Nachmittag nach Talpa, denn Priester Petrisor<br />
möchte uns unbedingt sehen.
Wie kann es anders sein, noch ein hinzugekommener<br />
Programmpunkt muss unbedingt sein<br />
und zwar ein Besuch beim hiesigen Präfekten<br />
(Landrat). Er bewundert unsere Arbeit, dankt uns<br />
und verspricht <strong>Hilfe</strong>, wenn wir diese benötigen<br />
sollten. Schon erwartet uns Nina vom Kindergarten<br />
Nr. 5 und bewirtet uns mit einem guten<br />
Mittagessen, aus Dankbarkeit <strong>für</strong> alles, was sie<br />
<strong>für</strong> den Kindergarten von uns bekommen hat.<br />
Mit Priester Mihai fahren wir in das Dorf Dragomiresti<br />
und besuchen dortige Patenfamilien,<br />
die keine Möglichkeit haben, ihre Pakete und<br />
Zuwendungen in Piatra Neamt abzuholen. Frau<br />
Hotnog, die eine Familie mit acht Kindern zu versorgen<br />
hat, freut sich sehr, uns wiederzusehen<br />
und die Pakete und Zuwendungen entgegenzunehmen.<br />
Sie zeigt uns, wo sie derzeit mit dem<br />
kleinen Kind schläft. Im Stall unter dem Dachboden,<br />
auf welchem das Heu gelagert ist, sei es viel<br />
wärmer als in dem anderen Gebäude. Glücklich<br />
sie einer jungen Frau aus dem Nachbardorf, die<br />
sie betreut und <strong>für</strong> das Essen sorgt. Wasser zum<br />
Trinken und Waschen bringt sie vom Brunnen im<br />
Hof. In einem winzigen Raum mit einer Bettstatt<br />
und einem Steinofen begegnen wir einer im Bett<br />
liegenden, zahnlosen, inkontinenten alten Frau,<br />
die nichts hat außer dem, was auf ihrem Bett<br />
liegt. Keinen Schrank, keine Kommode, kein<br />
Waschbecken. Als ich nach ihrem Alter frage,<br />
erschrecke ich. Sie hat das gleiche Alter wie ich.<br />
und dankbar verabschiedet sie sich von uns und<br />
winkt uns lange nach. Nach ein paar Kilometern<br />
erreichen wir das kleine Anwesen der Eltern von<br />
Stefanie Capraru. In dem kleinen Hof flattert die<br />
zum Trocknen aufgehängte Bettwäsche. „Erkennst<br />
du die Bettwäsche von HFO“, fragt mich<br />
Gusti. „Na klar“, kommt meine Antwort. Stefanie<br />
hat einen kleinen Sohn und wohnt nicht mehr zu<br />
hause. Es scheint ihr aber nicht sehr gut zu gehen,<br />
wie sie zu verstehen gibt. Über die beiden<br />
Pakete und das monatliche Patenschaftsgeld<br />
freut sie sich sehr und ist unheimlich dankbar.<br />
Auch ihre schwer kranke Mutter kommt aus dem<br />
Haus, um sich bei uns zu bedanken. Priester Mihai<br />
bittet uns zum Schluss um einen Besuch bei<br />
einer alten Frau, die bettlägrig ist und fast keine<br />
finanzielle Unterstützung bekommt, weil sie ihren<br />
verstorbenen Mann zwar kirchlich aber nie<br />
standesamtlich geheiratet hat. Die paar Lei gibt<br />
Noch lange gehen mir diese Bilder nicht aus dem<br />
Kopf, und mir wird bewusst, dass ich unheimlich<br />
dankbar sein muss, hier geboren zu sein, und<br />
auch noch in meinem Alter so viel Kraft und Stärke<br />
in mir spüren darf, um den Notleidenden zu<br />
helfen.<br />
Nach unserer glücklichen Heimkehr bleibt keine<br />
Zeit zum durchatmen. Die Vorbereitungen <strong>für</strong><br />
den Weihnachtsmarkt müssen erledigt werden<br />
und der <strong>für</strong> Mitte Dezember vorgesehene Hilfsgütertransport<br />
nach Moldavien erfordert noch<br />
eine Menge Einsatz, sowohl im Lager als auch<br />
im Büro.<br />
Am Ende meines Berichtes möchte ich nicht versäumen<br />
allen Helfern, Spendern, Firmen und<br />
Unterstützern sowie meiner Familie zu danken,<br />
ohne deren <strong>Hilfe</strong> diese riesige Aufgabe über so<br />
viele Jahre hinweg nicht zu bewältigen gewesen<br />
wäre.<br />
Hoffen wir, dass HFO auch weiterhin helfen<br />
kann, wo <strong>Hilfe</strong> benötigt wird.<br />
Ursula Honeck im November <strong>2016</strong>
<strong>Hilfe</strong> <strong>für</strong> <strong>Osteuropa</strong><br />
Todtnau-Seelscheid e.V.<br />
Adresse:<br />
Meinrad-Thoma-Str. 19<br />
79674 Todtnau<br />
Tel.: 07671 1514<br />
Fax: 07671 95333<br />
Mobil 0172 9338783<br />
Email:<br />
ursula.honeck@hilfe-fuer-osteuropa-ts.de<br />
Spendenkonten:<br />
Sparkasse Todtnau<br />
Kto. Nr. 18 212 266 (BLZ 680 528 63)<br />
IBAN: DE 48 6805 2863 0018 2122 66<br />
BIC: SOLADE1SCH<br />
Volksbank Todtnau<br />
Kto. Nr. 22 496 603 (BLZ 680 900 00)<br />
IBAN: DE 03 6809 0000 0022 4966 03<br />
BIC: GENODE61FR1<br />
Web:<br />
http://www.hfo-ev.de