Berliner Zeitung 17.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 190 · 1 7./18. August 2019 – S eite 25 *

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Feuilleton

Das fliegende Auge:

Claus Löser über die

Ufa-Filmnächte

Seite 28

„Man sollte nicht über das riesige Angebot erschrecken.“

Arno Widmann über Lektüreerfahrungen mit der Ausgabe Sämtlicher Schriften Alexander von Humboldts Seiten 26 und 27

Erst wird die Berliner Tanzszene an den Runden Tisch geladen, dann interessieren ihre Empfehlungen aber nicht weiter –gerade noch gut gelaunter Protest gegen den Finanzplan 2020/21 bei der Eröffnung von Tanz im August vor dem Hebbel-Theater.

ZTB/RICARDO SANZ

Wenn beim diesjährigen

Tanz im August Leute

in Grüppchen zusammenstehen

und hoch

erregt miteinander diskutieren,

dann sprechen sie nicht unbedingt

über die Aufführung, die sie gerade

gesehen haben. Sie reden stattdessen

über Kulturpolitik. Darüber, wer

schuld ist.Werwann welche strategischen

Fehler gemacht hat. Kurz:darüber,

wie es dazu kommen konnte,

dass der Senat die Tanzförderung in

seinem Haushaltsentwurf für die

Jahre 2020 und 2021 um gerade mal

700 000 Euro für außergewöhnliche

Maßnahmen aufgestockt hat. Denn

eigentlich hatten die Berliner Tanzschaffenden

auf einen großen Wurf

gehofft –und das zu Recht! Im Koalitionsvertrag

haben die Regierungsparteien

2016 eine wesentliche Stärkung

der Tanzszene vereinbart. Sie

sollte nicht sofort erfolgen, sondern

nach einer gründlichen Bestandsaufnahme

und der Aufstellung eines

Entwicklungsplans.

Genau das ist im vergangenen

Jahr passiert. Ein Runder Tisch, zusammengesetzt

aus Tanzschaffenden

und Tanzexperten, wurde einberufen.

Auch die Autorin dieser Zeilen

gehörte dazu. EinJahr lang wurde intensiv

an all dem gearbeitet, was es

für einen alle Bereiche umfassenden

Entwicklungsplan für den Tanz

braucht. 100 000 Euro hatte die Kulturverwaltung

für den Arbeitsprozess

bereitgestellt. Es gab Gruppen,

die Konzepte für Residenzen, Stipendien

und Tanzvermittlung ersannen

–und es gab eine Gruppe, inder die

Ansichten recht unversöhnlich aufeinanderprallten.

In dieser Gruppe

wurde die Idee für ein eigenes Haus

für den Tanz verhandelt.

Dass am Ende, nach mühsamem

und zähem Ringen, im Abschlussbericht

die Empfehlung für ein Tanzhaus

trotzdem an erster Stelle stand,

ist ein Zeichen für die ungeheure

Disziplin der Szene. Denn die Gründung

einer Landesbühne für Tanz

geht zunächst gegen die unmittelbarenInteressen

all jener,die unter inakzeptabel

prekären Bedingungen

arbeiten und von einem solchen

Haus selbst keine direkten Vorteile

hätten. Die Zustimmung gegen die

eigenen Interessen erfolgte aus der

politischen Einsicht, dass eine solche

Institution für den zeitgenössischen

Tanz längst überfällig ist.

Der zeitgenössische Tanz etablierte

sich ja erst als eigenständige

Kunstform, als die bürgerlichen Kultureinrichtungen

längst errichtet

waren. In Frankreich hat man auf

den Mangel bereits in den 80er-Jahren

mit der Gründung von 19nationalen

choreografischen Zentren reagiert.

In Deutschland hat das bislang

nur Nordrhein-Westfalen mit dem

Tanzhaus NRW und Pact Zollverein

geschafft. In Berlin verblieb der zeitgenössische

Tanz in der freien Szene

und professionalisierte sich dort–allerdings

unter entsprechend prekärenBedingungen.

Nun, das glaubten

alle,sollte endlich auch hier etwas an

der desolaten Lage geändertwerden.

Der im Abschlussbericht vorgelegte

Entwicklungsplan sieht nicht

nur eine Stärkung der bestehenden

Infrastruktur mit ihren vielfältigen

Einrichtungen vor, sondern viele

Bausteine sind erste Strukturmaßnahmen

hin zu einem zukünftigen

Tanzhaus.Und auch wenn die geforderten

sechs Millionen Euro zu hoch

gegriffen sein mögen: Mit den jetzt

vorgesehenen 700 000 Euro lassen

sich vielleicht ein paar Löcher stopfen,

aber keine neue Struktur bilden.

Dieser Haushaltsentwurf macht vor

allem eines deutlich: Der Kultursenator

Klaus Lederer nimmt die Empfehlungen

des Runden Tisches Tanz

nicht ernst. Warum, darüber streiten

sich nun die Beteiligten. Hätte sich

die Szene vielleicht ausschließlich

für ein Tanzhaus einsetzen müssen?

„Nein“, sagt die für den Tanz engagierte

Grünen-Politikerin und Kulturausschuss-Vorsitzende

Sabine

Bangert, „das kann man von der

In

schiefer

Lage

Eine wesentliche Stärkung der

Tanzszene ist im Koalitionsvertrag

vereinbart. Der Kultursenator sendet

dazu jetzt aber doppelte Botschaften aus.

Ein Deutungsversuch

VonMichaela Schlagenwerth

Dass der WegRichtung

Tanzhaus Schritt für Schritt und

Hand in Hand mit der Berliner

Tanzszene gegangen wird, hatte

diese geschickt geplant.

Es ist nicht der richtige Weg.

Szene mit ihren zum Teil ganz anders

gelagerten Interessen nicht verlangen.“

Dass die geschlossene Front für

ein Tanzhaus fehlte, ist nur eine der

Mutmaßungen. Dass Klaus Lederer

die Empfehlungen nicht ernst

nimmt, weil sie vonder Szene selber

kommen, ist eine weitere. Aber

warum hat er dann nicht externe

Profis berufen? Sie wären am Ende

wohl zu den gleichen Ergebnissen

gekommen. Etwa: In Berlin gibt es

aufgrund der bestehenden Infrastruktur

zu wenig große Bühnenproduktionen

im Tanz. Dieraren großen

Gastspiele, etwa imHaus der Berliner

Festspiele, werden regelrecht

überrannt. Und: International erfolgreiche

Künstler produzieren ihre

Stücke hier oft unterhalb der Armutsgrenze.

Dasalles ist hinlänglich

bekannt. Warumpassiertnichts?

„Kulturförderung ist Spitzenförderung“,

sagt Sabine Bangert. Es

geht nicht darum, die freien Produktionen

in der Breite auch nur annähernd

mit Bedingungen auszustatten,

wie sie in Landesbühnen die Regel

sind. Es geht darum, Strukturmaßnahmen

auf den Weg zu

bringen, die im Tanz auch jenseits

des Staatsballetts eine solche Spitzenförderung

ermöglichen. Wobei

der Tanz in Berlin inklusive Staatsballett

insgesamt eine Förderung

vonjährlich nur 15,3 Millionen Euro

erhält. Dasentspricht dem Etat einer

der kleineren Landesbühnen. Die

Förderung und die Bedeutung der

Kunstform Tanz befinden sich eindeutig

in Schieflage.

Warum interessiert sich der Kultursenator

nicht dafür? Warum erscheint

er nicht einmal zur Eröffnung

von Tanz im August, sondern

schickt seinen Kulturstaatssekretär

Torsten Wöhlert, der sich dann mit

den wütenden Protestierenden auseinandersetzen

darf? Hier sei eine

These gewagt. Die Berliner Tanzszene

hat sich in den vergangenen

Jahrzehnten notgedrungen so eng

vernetzt, dass sie, vor allem was die

ästhetischen Ausrichtungen angeht,

undurchlässig geworden ist. Wenn

die Entwicklung eines zukünftigen

Tanzhauses zu sehr in den Händen

der Szene läge,bestünde wieder dieselbe

Gefahr.Umdas zu verhindern,

müsste der Linke Klaus Lederer einen

rigorosen Cutmachen. Er würde

damit sowohl das Gros der Tanzszenegegen

sich aufbringen als auch

seine Koalitionspartner, vor allem

Sabine Bangert, die ganz auf die Kooperation

mit der Szene setzt. Aber

bevor er diesen unbequemen Weg

geht, so der Eindruck, den man gewinnen

muss, drückt er sich lieber

ganz um das Problem herum.

Sicher wird es bei den 700 000

Euro fürdie Umsetzung der Empfehlungen

des Runden Tisches nicht

bleiben. Das käme einem Bruch des

Koalitionsvertrages gleich. Aber

auch eine Erhöhung der Summe

wird noch lange kein Engagement

für ein Tanzhaus bedeuten. Darum

aber müsste es vor allem gehen.

Denn auch wenn sich ein Tanzhaus

nicht ohne die Tanzschaffenden der

Stadt betreiben lässt –damit etwas

Neues entstehen kann, sollte der

AuftraganExterne gegeben werden.

Die entsprechenden Entscheidungen

sollten der Kulturverwaltung

vorbehalten bleiben. Dass

derWeg Richtung Tanzhaus Schritt

für Schritt und Hand in Hand mit

der Szene gegangen wird, hatte

diese geschickt geplant. Es ist

nicht der richtige Weg. Der jetzige

Haushaltsentwurf macht deutlich:

Wird er weiter forciert, geht der

Tanz wiederleeraus.Von KlausLederer

allerdings müssten endlich

klareWorte kommen, wieerdie offensichtlichen

Probleme zu lösen

gedenkt.

Michaela Schlagenwerth

war 2018 Mitglied des

Runden Tisches Tanz.

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