Berliner Zeitung 17.08.2019

BerlinerVerlagGmbH

8 17./18. AUGUST 2019

Wiegefällt Dir

„... mit einem Blick angesehen, der auffallend mit

gleicher Stärkeaus beiden Augen kam ...“:

Satzfetzen aus den Notizheften lassen

sich auf den ersten Blick entziffern.

mein Zeichnen?

Zu den in Israel vorgestellten

Dokumenten aus Franz Kafkas

Nachlass gehören auch bislang

unbekannte Skizzen. Er selbst

nahm sie nicht ganz ernst.

Für die Kafka-Forschung

sind sie ein Schatz

IMAGO/LEEMAGE, DPA (3)

VonPetraAhne

Ein Haus im Grünen. Wo stand es?

Wann hat Kafka es gesehen, und warumhat er es gemalt?

Mit solchen Fragen werden sich die Mitarbeiter der

Nationalbibliothek nun beschäftigen.

Seltene Leichtigkeit scheint aus dieser Zeichnung zu sprechen:

LangeFrauenbeine, wie im Tanz erhoben, glaubt

man zu erkennen. Daneben einen

erdenschweren Mann.

Dass die Welt im Jahr 2019 andächtig

auf seine frisch einem

Schweizer Banksafe entnommenen

Notizen und Zeichnungen

blicken würde, hätte Franz Kafka vielleicht

ebenso erschreckt wie amüsiert. Er

hatte Humor und konnte lustig sein, das

wird nur oft vergessen, weil sich sein Bild

reduziert hat auf den grüblerischen, unsicheren,

tuberkulosekranken –erstarb 1924

an der Krankheit –Schriftsteller,der seinen

besten Freund bat, alles,was er je geschrieben

hatte,nach seinem Todzuverbrennen.

Derbeste Freund, MaxBrodhieß er,hat

diesen letzten Willen bekanntlich nicht erfüllt

und derWeltliteratur mit Kafkas Erzählungen

und Romanfragmenten einige ihrer

erstaunlichsten Werke geschenkt. Die nun

der israelischen Nationalbibliothek übergebenen

Schriftstücke und Zeichnungen

faszinieren auch deswegen so, weil sie die

verrückte Rettungsgeschichte hineinragen

lassen ins Heute: Wasbis Mitte Juli in einer

Schweizer Bank lagerte, befand sich zuvor

50 Jahre lang in einer Wohnung in TelAviv,

aus Prag mitgebracht von Max Brod, dann

gehütet von seiner Lebensgefährtin, die

nun auch schon eine Weile tot ist. Mit der

Übergabe an die Nationalbibliothek endet

ein langer Rechtsstreit –und beginnt eine

neue, spannende Phase für die Kafka-Forschung.

Eine Entdeckung ist etwa ein Skizzenbuch,

das den bislang bekannten

Zeichnungen Kafkas jede Menge hinzufügt.

„Wie gefällt Dir mein Zeichnen?“, schrieb

er 1913 seiner Freundin Felice Bauer.„Aber

warte, ich werde Dir nächstens paar alte

Zeichnungen schicken, damit Du etwas

zum Lachen hast.“ Nun sollen, so der Archivar

der Nationalbibliothek, die meist reduzierten,

mit festem Strich gesetzten Skizzen,

die er selbst mit ironischem Abstand

sah, neue Erkenntnisse über den Menschen

Kafka liefern. Darüber hätte der

wahrscheinlich herzlich gelacht.

Gutsch

Leo

Liebe Frau Lewerenz, lieber Herr Haak,

meine letzte Kolumne zum Thema „Klimawandel“

hat Ihnen nicht gefallen. In Leserbriefen

brachten sie Ihren Unmut zum

Ausdruck. Sie, liebe Frau Lewerenz, schrieben

mir: „Sie können meinetwegen irgendwo

in Iowa ihre Kolumnen verfassen,

dortpassen Siemit Ihrerignoranten Weltansicht

weitaus besser hin.“

Das fand ich interessant. Iowa! Ich war

noch nie in Iowa, dachte aber sofort anden

schönen Film „Gilbert Grape –Irgendwo in

Iowa“, Hauptrolle Johnny Depp. Mit Iowa,

liebe Frau Lewerenz, verbinden Sie offensichtlich

nichts Gutes. Sondern nur: Ignoranz

–und vermutlich einen Haufen engstirniger,

gestriger, ungebildeter, erzkonservativerAmi-Landeier,habe

ich recht?

Deshalb möchte ich ein wenig Werbung

für Iowa machen. Auf Wikipedia erfuhr ich:

In Iowa wurde bereits 1839 die Sklaverei für

ungesetzlich erklärt – lange bevor dies in

ganz Amerika der Fall war.Iowawar auch der

erste Bundesstaat, der Frauen die Ausübung

juristischer Berufe erlaubte, imJahre 1869.

Iowa gehörte zu den ersten Bundesstaaten,

in denen gleichgeschlechtliche Paare heiraten

durften. Hier, imsuper-fortschrittlichen

Deutschland, war dies erst einige Jahre später

möglich. Und der Des Moines Register,

die große Tageszeitung Iowas, empfahl seinen

Lesern2008 dieWahl vonBarack Obama

zum Präsidenten. Siesehen, liebe Frau Lewerenz,

Iowaist gar nicht so ignorant. DieDinge

auf unserer runden Welt sind oft viel komplizierter

und ambivalenter,als man so denkt.

Das gilt leider auch für den Klimaschutz.

In dieser Woche las ich, dass Svenja Schulze,

die Umweltministerin, Plastiktüten verbieten

will. Mein erster Gedanke war: Finde ich

gut! Plastik-Tüten belasten die Umwelt, Papiertüten

sind viel besser. Dann begann ich

zu lesen. Und sofort wurde die Welt wieder

kompliziertund ambivalent.

In der Frankfurter Allgemeinen las ich,

dass eine Einweg-Papiertüte in ihrer Öko-

Irgendwo

in Iowa

VonJochen-Martin Gutsch

Bilanz nicht besser ist als eine Einweg-Plastiktüte.

Für die Herstellung der Papiertüte

benötigt man so viel Wasser und Energie,

dass man die Tüte mehrmals benutzen

muss, bis die Ökobilanz wieder stimmt. Das

dänische Umweltministerium hat ausgerechnet:

ungefähr 43-mal.

Deshalb dachte ich nun: Baumwollbeutel

sind die Lösung! Sind sie aber auch nicht.

Rund 100-mal müsste man einen Baumwollbeutel

tragen, bevor die Öko-Bilanz besser

ist, als bei einer Plastiktüte.Sagen die Experten

vomNaturschutzbund Nabu. AndereExperten

gehen von rund 150-mal aus. Und,

um alles noch ein wenig komplizierter zu

machen: Plastiktüten machen ungefähr ein

Prozent des gesamten Plastikmülls aus.

Gewiss darfman auch dieses eine Prozent

nicht kleinreden, nur beschleicht mich bei

der Tüten-Frage das Gefühl, dass es sinnvollere

Dinge gibt, die man für die Umwelt tun

könnte. Momentan scheint aber zu gelten:

Hauptsache IRGENDWAStun.

Lieber Herr Haak, womöglich sorgt diese

Aussage bei Ihnen wieder für Unmut. Sie

schrieben in Ihrem Leserbrief: „Sie haben

mit Herrn Gutsch da einen Mitarbeiter, der

Ihnen und uns allen in zunehmendem Maße

keinen Gefallen mehr tut. Seine süffisante

Art, die Probleme der Klimakrise lächerlich

zu machen, stößt bei uns auf großes Unverständnis.“

Lieber Herr Haak, ich glaube, Sie denken

das Richtige.Niemand sollte eine Zeitung lesen

müssen, in der Leute Dinge schreiben,

die der eigenen Weltsicht widersprechen.

Wassoll das bringen? Ansonsten könnte ich

Ihnen noch das neue Projekt der Berliner

Zeitung „Deutschland spricht“ ans Herz legen.

Dort kann man Menschen treffen, die

politisch anders denken, als man selbst. Ja,

wirklich! Dass für solche Begegnungen heute

eine Art Betreuung notwendig zu sein

scheint, stimmt mich traurig.

Es grüßt Sie herzlich, Jochen-Martin

Gutsch, Iowa.

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