Berliner Zeitung 17.08.2019

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Bild:gettyimages/Damir Khabirov

„Jede fünfteBeratung dreht sich

Mieterhöhungen“, sagt Reiner Wild,

Geschäftsführer desBerliner Mietervereins.Hintergrund

seider „Berliner

Mietendeckel“, der Mieten für fünf

Jahreeinfrieren soll.

Bild:gettyimages/Pattanaphong Khuankaew

IM GESPRÄCH MIT

REINER WILD

„Wir brauchen den Mietendeckel“, sagt Reiner Wild. DerWohnungsmarktbaueamBedarf der Mieter vorbei, es fehlten Wohnungenfür niedrigebis

mittlereEinkommen. Und: Da nicht vonheuteauf morgenneue Wohnungenentstehenkönnten, müsstenmehr mieterfreundliche Gesetzeher.

Herr Wild, wie sind Sie zum Mieterschutz gekommen?

Sie arbeiten ja schon seit 1981 beim

Berliner Mieterverein ...

Ja, eine geradezu unanständig lange Zeit ist

das (lacht). Ich habe schon eine ganze Reihe

von Bausenatoren erlebt und einige interessante

Pirouetten der Politik. Ursprünglich

hat mich hat das Studium der Stadtsoziologie

hierhergebracht. Im Bezirk Schöneberg

habe ich mich mit Nachbarschaftsproblemen

beschäftigt.

Washat sich in den letzten zehn Jahren auf dem

Berliner Mietwohnungsmarkt verändert?

Angebot und Nachfrage haben sich massiv

auseinanderentwickelt. Gebaut wird meist

im oberen Preissegment, aber wir brauchen

Wohnungen für geringe bis mittlere Einkommen.

Der Wohnungsmarkt ist zu einer Spielwiese

für Finanzinvestoren geworden.

Welche Veränderungen kommen in den nächsten

zehn Jahren auf uns zu?

Die offizielle Berliner Prognose lautet, dass

dieNachfrage allmählich abflacht. Wenn das

stimmt, wird der Wohnungsmangel in einigen

Jahren abgebaut sein. Aber die Situation

kann sich auch wieder verschärfen: beispielsweise

durch gesellschaftliche Krisen,

die dne Zuzug aus EU-Ländern verstärken.

Bild:Berliner Mieterverein

GeschäftsführerReiner Wild istschon seit 1981 beim

Berliner Mieterverein tätig.

Was sind die Themen, die Berliner Mieter am

meisten bewegen?

Wir haben gerade eine heftige Mieteröhungs-Welle.

Jede fünfteBeratung dreht sich

um das Thema. Die Vermieter geben andere

Gründe an, aber wir gehen davon aus, dass

die Erhöhungen oft auf den geplanten Mietendeckel

zurückzuführen sind: Vermieter

wollen sich mehr Geld sichern, bevor für fünf

Jahre die Mieten eingefroren werden müssen.

Wasraten Sie denn Mietern, die wegen einer

Erhöhung zu Ihnen kommen?

Wir prüfen die Mieterhöhung nach altem

Recht, denn es ist ja nicht klar, obder Mietendeckel

kommt. Auch auf die Rückwirkungsklausel

können wir nicht setzen, weil

wir noch nicht wissen, wie genau sie formuliert

sein wird. Also müssen die Mieter leider

zunächst einmal zahlen. Aus unserer Sicht ist

aber klar: Wir brauchen den Mietendeckel.

Wie viele neue Sozialwohnungen braucht Berlin,

um dem Bedarf gerecht zu werden?

Ein Anteil von acht bis 15 Prozent Sozialwohnungen

beim Neubau, wie momentan,

ist mangelhaft. In Berlin wären zwei Drittel

der Bevölkerung WBS-berechtigt. Der Senat

hat als Ziel 5000 geförderte Einheiten pro

Jahr ausgegeben. Wir brauchen aber 20 000.

Lässt sich das forcieren?

Die landeseigenen Wohnungsbaugenossenschaften

können Sozialwohnungen nur bauen,

wenn die Grundstückspreise im Rahmen

bleiben. Die sind aber innerhalb von einem

Jahr um 30 bis 50 Prozent gestiegen. Bei

diesen Kosten ist auch für Genossenschaften

sozialer Wohnungsbau unmöglich.

Waslässt sich die Situation dann verbessern?

Weil es zu wenige Wohnungen gibt, brauchen

wir Gesetze, die Mieter besser schützen.

Das Interview führte Ingrid Bäumer

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