Berliner Zeitung 22.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 194 · D onnerstag, 22. August 2019 3

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Seite 3

Und wir

zeigen uns

Rausgehen, am Leben teilnehmen –Sarah Hoffmann (im gelben Shirtrechts) findet, ihre Gäste haben ein Recht darauf.

BERLINER ZEITUNG/MARKUS WÄCHTER

Herr Grothe braucht einen Hut.

Ohne den kann er nicht losgehen.

Die Sonne scheint, er wird

sich sonst den Kopf verbrennen.

„Wollen wir den Hutmal holen?“, fragt Sarah

Hoffmann und nimmt den Mann an die

Hand, um die Kopfbedeckung mit ihm aus

seinem Fach zu holen. Herr Oberndorf und

Frau Dr. Kliemer müssen noch aufs Klo, bevor

eslosgehen kann. Und Frau Erkner will

ihre Hörgeräte. Sie versteht sonst nicht, was

gesagt wird. Undhören will sie etwas.

Ein Spaziergang durch Friedenau steht

an. Das bedarf einer gewissen Vorbereitung.

Während also Sarah Hoffmann mit Herrn

Grothe an der Hand den Hutholt und die anderen

herumstehen, tigert Dr. Faupel ein

bisschen im Kreis herum. „Gehen Sie mit

schwimmen?“, fragt er plötzlich ganz unvermittelt

die einzige Frau, die er noch nie gesehen

hat in diesem Kreis, die Reporterin, die

gekommen ist, um diesen Taggemeinsam

mit ihm und den anderen Gästen zu verbringen.

Von Schwimmen war noch gar keine

Rede.Aus irgendeinem Grund hat sich dieser

imaginäre Plan jedoch im Kopf von Dr. Faupel

festgesetzt.Vornicht allzu langer Zeit war

Dr. Faupel Chefarzt in einer Klinik. Aber

daran erinnert ersich nicht mehr. Und er

weiß auch nicht, dass er an diesem Tagnicht

schwimmen, sondernspazieren gehen wird.

Dr.Faupel ist 80 Jahrealt. Er sieht gut aus,

wie 60, wirkt topfit, so als sei er nur zu Besuch

an der Schmiljanstraße.Aber topfit ist er nur

körperlich. Er rennt einfach los, wenn man

ihn lässt, ist aber orientierungslos. Auf der

Straße würde er sich verlaufen. Wenn er redet,

fehlt jeder Zusammenhang. Er kann sich

schlecht einfügen in Gruppen und oft auch

nicht akzeptieren, dass ihm gesagt wird, was

er machen soll. Er gibt lieber Anweisungen.

Dasist als Einziges geblieben vonfrüher.Dr.

Faupel ist dement. Im Hoffmannsgarten, einer

Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke,ist

er zurzeit der schwerste Fall.

Wergeht mit wem?

Sarah Hoffmann betreut in Friedenau demente Menschen.

Gäste nennt sie die ihr Anvertrauten, sie geht mit ihnen hinaus in die

Stadt, sie will sie nicht verstecken. Das freut nicht jeden in Berlin.

Sie bringe den Tod, haben Vermieter zu ihr gesagt, als sie Räume suchte.

Ein Kiez-Spaziergang mit Menschen, die alles vergessen haben

„Es ist wunderschön draußen, 25 Grad. Wir

gehen jetzt mal los“, sagt Sarah Hoffmann

und lacht jeden der alten Männer und

Frauen –essind zwölf heute –an. Sie setzen

sich gehorsam in Bewegung und folgen ihr

aus den hellen Räumen mit den gelb gestrichenen

Wänden und den Holzfußböden

nach draußen in den Vorgarten. Ein Zaun

umgibt das Gärtlein. DasTor ist abgeschlossen,

damit keiner weglaufen kann.

SarahHoffmann ist 37 Jahrealt. Sieist verheiratet,

hat drei Kinder und erstaunlich viel

Energie.Sie hat etwas Strahlendes an sich, sodass

man gerne macht, was sie vorschlägt.

Und dabei hat sie jeden Tagmit Dingen zu

tun, die andere gern verdrängen. Das Alter

und alles, was es mit sich bringen kann: vollständiges

Vergessen, Schmerz, körperliche

Einschränkungen, Tod.

Den Gedanken, dass Menschen alt und

krank werden und am Ende sterben, versuchen

sich viele Jüngerevom Leib zu halten –

so lange es geht. Am liebsten nicht hingucken.

Als ob Altern eine ansteckende Krankheit

wäre. Sarah Hoffmann hat das bitter zu

spüren bekommen, als sie nach Räumen für

ihr Projekt gesucht hat. Hauseigentümer

drohten, sie gleich wieder rauszuekeln, sollte

sie sich in der Nachbarschaft einmieten. Sie

bringe den Tod, hat man ihr gesagt, sie

schränke die Lebensqualität im Wohnviertel

ein. Sie solle ins Umland gehen, damit man

ihreKundschaft nicht sieht. Sogar ein Puff sei

besser als Mieter.

Dreizehn Monate hat SarahHoffmann im

Süden vonBerlin nach Räumen gesucht, bis

sie in Steglitz und Zehlendorf aufgab, Schöneberg

ins Visier nahm und dort auf eine

Hauseigentümergemeinschaft in der

Schmiljanstraße in Friedenau traf, die dem

Vorhaben offen gegenüberstand. Sie hat in

diesen Monaten einige Illusionen verloren.

„Das war brutal“, sagt sie.„Ichwar frustriert,

kurzvor dem Aufgeben, betroffen über diese

Ablehnung. Ichhabe mich auch beleidigt gefühlt

und für die Gesellschaft geschämt.“

SarahHoffmann hat allerdings einen langen

Atem. Seit Februar betreibt sie in Friedenau

eine Tagespflegeeinrichtung für Demenzkranke.

Sie hat ihr den fröhlichen Namen

Hoffmannsgarten gegeben. 30 Menschen

mit verschiedenen Formen des

Gedächtnisverlustes können gleichzeitig

herkommen und gemeinsam mit Sarah

Hoffmann und ihren Mitarbeitern den Tag

verbringen. Zurzeit sind es noch nicht so

viele. Etwa zehn Gäste, sowerden die Besucher

an der Schmiljanstraße genannt, kommen

im Durchschnitt täglich –manche jeden

Tag, anderenur einmal proWoche.

Im Moment wird noch viel improvisiert.

Manchmal kommt die Schwiegermutter

zum Helfen. Und indem kleinen Büro stapeln

sich Dinge.ImUmgang mit den Gästen

merkt man nichts davon. Spielerisch wirkt

das Miteinander und entschleunigt.

Wasgut ist, weil Hoffmanns Gäste nicht

nach Zeitplänen funktionieren. Als sie im

Vorgarten angekommen sind, müssen sie

zum Beispiel erst mal sortieren, wermit wem

gehen will. Manfühlt sich ein bisschen an die

Gespräche zwischen Kindern inder Kita vor

einem Ausflug erinnert. Es sieht nur anders

aus.„Herr Ruck, wollen Sieden Rollstuhl von

Frau Erkner schieben?“, fragt Sarah Hoffmann.

Dergroße Mann rückt seine Schiebermütze

gerade und nickt. Herr Grothe, eher

klein und mit Hosenträgern über dem roten

Hemd, greift nach der Hand von der noch

VonJulia Haak

kleineren Frau Huhn. Sie lächelt ihn an und

streichelt seine Hand. Diese beiden gehen

immer zusammen, Hand in Hand. Als Herr

Grothe das erste Mal mit Frau Huhn Händchen

gehalten hat, hat er am Abend seiner

Frau davon erzählt. Er hat gesagt, sie solle

sich keine Sorgen machen. Er sei nicht

fremdgegangen.

„Demenz ist eine Rückwärtsentwicklung

in die Kindheit“, sagt Sarah Hoffmann. Erst

legt sich ein Nebel auf Dinge, Ereignisse,

Strukturen, die uns wichtig erscheinen, dann

verschwinden sie einfach. Manche Demenzkranke

sind körperlich lange ohne Einschränkung.

Irgendwann vergessen sie, wie man

läuft, isst oder atmet.

Sarah Hoffmann macht jeden TagSport

mit ihren Gästen. Sie fährt mit ihnen im

BVG-Bus in die Philharmonie und in den

„Was, wenn der

wegläuft, fragte eine

Mitarbeiterin.

Ich antwortete:

Wir werden es

nicht erfahren,

wenn wir esnicht

ausprobieren.“

Sarah Hoffmann betreibt in Friedenau

eine Tagesbetreuung für demente Menschen.

Britzer Garten. Sie lädt Künstler zum Malen

ein, und sie will die Nachbarschaft zu Ausstellungen

und Vorträgen hereinlocken. Es

ist mehr als ein Konzept. Es ist ihre private

Kampfansage an die Haltung, die ihr begegnet

ist. „Alt und Jung können zusammenleben.

Wir müssen nicht ins Umland gehen

und uns verstecken. Wir können mit dem

Bus fahren, in die Konzerthalle gehen und

draußen sitzen, weil wir es wollen“, sagt sie.

„Meine Gäste sind mobil, wir leben in dieser

Gesellschaft, wir sind Teil dieser Gesellschaft,

und wir zeigen uns.Wenn acht Leute

mit Stock und Rollator in einen Buseinsteigen,

dauert das fünf Minuten, aber dann ist

das eben so.“

Jeden, der alt oder krank ist, hinter Türen

verschwinden zu lassen, um ihn nicht sehen

zu müssen –soeine Haltung ärgertsie.„Das

ist die Angst der Leute davor, eines Tages

selbst alt und auf Betreuung angewiesen zu

sein“, sagt sie. Sie versteht die Angst, die Reaktion

akzeptiertsie trotzdem nicht.

Sarah Hoffmann ist keine Sozialarbeiterin.

Das mag eine Rolle spielen. Vielleicht ist

sie aber auch einfach nicht der Typdafür,

sich mit Schieflagen abzufinden. SarahHoffmann

betreibt ihren Hoffmannsgarten als

GmbH. Sieist Betriebswirtin, hat in der Pharmaindustrie

gearbeitet und wollte dann irgendwann

etwas anderes tun. Sie entwickelte

zunächst mit einer Freundin Lernspielzeug

für Kinder, war damit aber wirtschaftlich

nicht erfolgreich.

Dann waren Eltern von Freunden mit

Mitte 50, Anfang 60 dement und die Angehörigen

mit Pflegeeinrichtungen konfrontiert,

in denen das Durchschnittsalter bei Mitte 80

liegt. SarahHoffmann sah, wie die ElternihrerFreunde

rasant verfielen, weil sie sich ihrer

Umgebung anpassten und irgendwann

so wie Hochbetagte auch nicht mehr laufen

oder essen konnten. Sie erhielten keine adäquate

Betreuung, fand SarahHoffmann. Sie

begann, sich zu informieren, besuchte Weiterbildungen,

grub sich hinein in das Thema,

bis sie wusste, was sie machen wollte: den

Zustand verbessern.

Nicht ganz einfach. „Ich bin ein absoluter

Exotinder Branche“, sagt sie.Erst wollte niemand

sie als Praktikantin, weil Pflegedienstleitungen

angesichts ihrer Ausbildung vermuteten,

sie sei jemand, der nur aufs Geldverdienen

aus ist. Sarah Hoffmann hat sich

dann selbst geholfen, hat inseriert, hat Betreuung

für betroffene Familien angeboten,

Alltagsbegleitung. Ein Jahr lang betreute sie

einen 57-jährigen Tischlermeister, der nach

Schlaganfällen allein nicht mehr klarkam.

Als sie glaubte, genug zu wissen, fing sie

an, mit den Pflegekassen zu verhandeln,

suchte eine Immobilie und im Umgang mit

Demenzkranken ausgebildete Pflegekräfte.

Die allerdings müssen auch zu ihr passen.

Siewill kein Schwungtuch, das alte Leute gemeinsam

in der Luft hin- und herschwenken,

sie will nicht basteln, und eine rote Nase

setzt sie ihren Gästen zum Fasching auch

nicht auf. „Ich will diese Infantilisierung

nicht. Ich hatte schon Mitarbeiter, die nicht

rausgehen wollten mit den Gästen. Was,

wenn der wegläuft, fragte eine Mitarbeiterin.

Ichantwortete:Wirwerden es nicht erfahren,

wenn wir es nicht ausprobieren“, sagt sie.Sie

hat sich schon trennen müssen.

Dr. Faupel ist erst mal ganz zahm, als es

endlich losgeht. Er läuft munter am Schluss

der Gruppe und fragt, wo es hingeht. Als die

Alten mit Sarah Hoffmann und einer Mitarbeiterin

zusammen eine Straße überqueren,

dauertdas ein paar Minuten. Zwei Radfahrerinnen

halten und grüßen freundlich. Ein

Autofahrer hupt. Es bleibt unklar, obermitbekommen

hat, was für eine Gruppe gerade

seine Fahrt blockiert. Vielleicht ist es ihm

aber auch egal.

Sehr weit kommt die Gruppe nicht. An der

Hauptstraße muss Herr Krahnbeck den Aufsteller

eines Supermarktes studieren. Das

dauert. Frau Dr.Kliemer und Frau Bär setzen

sich zum Ausruhen auf einen Bordstein. Frau

Dr. Kliemer war früher Tierärztin. Daran erinnert

sie sich, jedenfalls in guten Momenten.

Eine Nachbarin hat Frau Bär beim ersten

Mal inden Hoffmannsgarten begleitet. Frau

Bär lebt noch in ihrer eigenen Wohnung, hat

aber einen vom Gericht eingesetzten Betreuer.

Frau Bär kennt sich aus im Kiez, sie

weiß, was früher in den Läden war und erzählt

davon. Sie liebt Blumen und will vor

blühenden Kosmeenfotografiertwerden.

Frau Degenharthat genug

Plötzlich verschwinden Dr. Faupel und Herr

Krahnbeck in einem Lokal. Sarah Hoffmann

geht hinterher. Die beiden Männer müssen

aber bloß zur Toilette. Die Bedienung nickt

freundlich, sie dürfen. Vielleicht hat Sarah

Hoffmann in Steglitz und Zehlendorf bei ihrer

Immobiliensuche nur Pech gehabt.Vielleicht

sind die Leute in Friedenau aufgeschlossener

und weniger egoistisch.

Die kleine Gruppe schafft es noch über

den Marktauf dem Breslauer Platz an der belebten

Hauptstraße, durch kleine Wohnstraßen.

Dann hat Frau Degenhart genug. „Das

ist ja ein Gewaltmarsch hier“, sagt sie.Sie will

jetzt Mittag essen, ein Schläfchen halten,

und ob sie es am Nachmittag noch zumBoulespielenschafft,

bezweifelt sie.FrauDr. Kliemer

und Frau Bär sitzen wieder auf einer

Bordsteinkante.Esmussabgekürzt werden.

Im Hoffmannsgarten lassen sich die

Gäste auf die Bänke und Stühle draußen fallen.

„So, jetzt sind wir warm. Jetzt machen

wir gleich Sport“, ruft Sarah Hoffmann fröhlich

in die Runde, während sie jedem Gast

ein Glas Wasser in die Hände drückt. Frau

Degenhart guckt entsetzt. Aber Sarah Hoffmann

macht nur Spaß. Das versteht Frau

Degenhart. „Ja, sicher“, sagt sie und lacht,

„morgen vielleicht, ist ja auch noch ein Tag.“

Alle Namen der Gäste wurden geändert.

Julia Haak möchte imAlter auf Menschen

treffen, die sie ernst nehmen –

Menschen wie Sarah Hoffmann.

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