Berliner Zeitung 24.08.2019

BerlinerVerlagGmbH

10 * Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019

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Berlin

Harmsens Berlin

„Vapen“ ist das

neue Rauchen

Torsten Harmsen

möchte bei der Sprache

öfter dazwischenfunken

Der Bauer im Umland von Berlin

hatte jahrhundertelang seine

Sprache kaum ändern müssen. Irgendwann

kam jemand vorbeigeritten,

holte eine Krautknolle hervor

und sagte: „Das soll Er jetzt anpflanzen!“

Mit „Er“ war natürlich der

Bauer gemeint. „Und wat ist dit?“,

fragte der Bauer. „Ein nahrhaftes

Erdgewächs.“ Der König selbst hatte

die „Pflantzung der Tartoffeln“ angeordnet.

Undsolernte der Bauer ein neues

Wort kennen. Zusammen mit der

Herausforderung, das Zeug jetzt sofort

anzupflanzen. Dabei war man

sich deutschlandweit nicht mal einig,

wie es eigentlich heißen soll.

Noch heute gibt es unzählige Varianten:

„Erdapfel“, „Flezbirn“, „Knulle“,

„Bulwe“, „Grumbeere“ oder einfach

„Kartoffel“.

Mit der Zeit kamen immer weitereDinge

und Begriffe dazu, die des

BauernWelt tüchtig durcheinanderpurzeln

ließen. Heute lässt ihn der

Fortschritt allerdings gar nicht mehr

aufs Feld kommen. Er muss ständig

in der Bude am Handy sitzen und

neue Wörter lernen. Das Gesetz der

Zeit heißt: Ein neuer Tag–ein neues

Wort. Was zum Beispiel ist „vapen“,

das ich neulich hörte? Es ist das neue

Rauchen. Der Begriff leitet sich von

„Vaporize“ oder „Vaporisieren“ ab,

was Verdampfen heißt und sich auf

die E-Zigarette bezieht, deren Gebrauch

große Mode ist. Überall sieht

man Leute,die am „Vapen“ sind.

Noch ist das Wort nicht im Duden

gelandet. Aber das wird es–garantiert!VorzweiJahren

zogen allein 150

Begriffe neu in das Standardwerkder

deutschen Sprache ein. Und esliegt

auf der Hand, dass sie reinmussten.

Wernutzt sie nicht täglich, Begriffe

wie „tindern“, „swappen“, „taggen“,

„tracken“, „liken“, „Hoodie“, „ovovegetarisch“,

„social Bots“, „cracken“,

„chillig“, „groovig“, „downloadbar“,

„fancy“, „Hashtag“, „Honk“, „oldschool“,

„pixelig“ und „Wow-Effekt“?

Mich begeistert die Aussicht, dass

die eifrige Duden-Redaktion ihr

Werk immer weiter füttert und

stopft, sodass das gedruckte Buch

am Ende nur noch mit dem Tieflader

transportiertwerden kann.

Anregungen zum Füttern und

Stopfen findet man überall. Im Internet

gibt es zum Beispiel eine Seite,

auf der Leute die schönsten Blüten

der Managersprache präsentieren.

So ein Head of Dingenskirchen nutzt

ja eine Menge verhackstücktes Englisch.

Auch da, wo es überhaupt

nicht nötig ist. Ich bin dafür, dass

man möglichst oft dazwischengeht.

Undzwar mittels Berliner Insubordination.

Man sollte in Unternehmen,

auf Tagungen und bei anderen Gelegenheiten

geschulte Berliner einschleusen,

die das Ganze immer

auch für Nicht-Manager übersetzen.

DerManager sagt zum Beispiel in die

Runde: „Diese Challenge meistern

wir nur mit starkem Commitment“,

und der Berliner übersetzt: „Ej,

Leute,wenn hier nich sofortalle mitmachen,

roocht et im Karton.“

Oder hier:„DasSales Team ist völlig

rudderless. Die brauchen eine

Leadership Infusion.“ Der Berliner

ruft: „Die Vakoofstruppe is voll aus’m

Ruder jeloofen. Diemuss mal wieder

voll een uff de Mützekriejen!“

Der Manager: „Diese Quick Wins

verstellen uns den Blick auf das Big

Picture.“ Der Berliner: „Kleinvieh

macht ooch Mist. Aber Leute, denkt

doch mal weiter! Der Teufel scheißt

imma uff’n größten Haufen. “

Der Manager: „Ich freu mich auf

die Cross Pollination beim Principal

Bootcamp.“ Der Berliner: „Mann ej,

ick kann et kaum erwarten, det wa

uns im Führungsfritzen-Ferienlager

wieder jejenseitich befruchten.“

Klingt etwas seltsam, trifft aber genau

den Kern.

Kemal Karabulut, Sprecher

der Kreuzberger Dersim

Kultur Gemeinde SABINE GUDATH

Kreuzbergwärenicht Kreuzberg,

wenn es an sich selbst

genug hätte.Esmuss schon

gelegentlich Weltpolitik

sein.Waswaren das für Zeiten, als der

Oranienplatz Camp für etwa 500

Flüchtlinge und Aktionsfeld für linke

Unterstützergruppen war. Oder die

Gerhart-Hauptmann-Schule Zuflucht

einer unübersichtlichen Menschengruppe,die

mit teils erpresserischen

Mitteln versuchten, dem Staat

ihrenWillen aufzuzwingen. Allein der

Wachschutz für die zweckentfremdete

Schule kostete den Bezirk 3,9

Millionen Euro,die für die eigentliche

kommunale Arbeit fehlten.

Aber wie gesagt: Das Größere

drängt in den Kiez. Fakten sprechen

für größeres Denken: 53 Prozent der

Kreuzberger aller Geschlechtsvarianten

haben Migrationshintergrund.

Menschen aus mehr als 180 Ländern

leben hier dicht beieinander.IhreGeschichte

migrierte mit, und das hat

eben Folgen.

„Wir wollen Anerkennung“

Türkische Soldaten und Bewohner

der Region Dersim, die 1938 zur Deportation

zusammengetrieben wurden.

Vonden bis zu drei Millionen

heutigen Dersimstämmigen leben

ein Drittel weiter in der Region, ein

Drittel an anderen Orten in der Türkeiund

ein Drittel in Europa.

DERSIM ZAZA PLATFORMU

gen Bewohner der Bergregion Dersim

„zu züchtigen und zu deportieren“.

AmTag darauf begann die Gewalt,

Anlass war ein Aufstand einiger

Stämme.UmWiderstandsherde auszulöschen,

sollten die bewaffneten

Aufständischen, die sich gegen die

Türkisierung gewehrthatten,„an Ort

und Stelle endgültig unschädlich“

gemacht, ihre Dörfer zerstört und

ihreFamilien fortgeschafft werden.

VomSommer 1937 an brannten

Bodentruppen Dörfer nieder und erschossen

Zivilisten zu Tausenden.

Die Luftwaffe bombardierte die Ge-

Jeder trage

des anderen

Geschichte

Kreuzberg bekommt ein Denkmal für ein Massaker,das Türken vor 80 Jahren

in der anatolischen Region Dersim verübten. Ein erstes Exempel für

eine neue postnationale Erinnerungskultur

VonMaritta Tkalec

Kemal Karabulut steht beispielhaft

für die Debatte um eine neue Gedenkkultur,

die vom migrationsfreundlichen

Kreuzberg ausgeht.

Den Mann treibt die Geschichte seiner

Leute um: Es ist die Geschichte

eines Massakers in der anatolischen

Region Dersim. 1937/38 ermordeten

türkische Soldaten dort60000 Menschen.

Heute leben nach eigenen

Angaben 40 000 Dersimer in Berlin,

200 000 in Deutschland. Die ersten

kamen als eingeladene Gastarbeiter

in den 60er-Jahren. 82 Jahresind seit

dem Massaker vergangen; es war einer

der schrecklichsten Massenmorde,die

der türkische Staat an seinen

Bürgernverübte.Viele der Berliner

Dersimer tragen das Trauma mit

sich, und Kemal Karabulut sagt: „Wir

wollen mit unserer Geschichte von

der hiesigen Gesellschaft anerkannt

und wahrgenommen werden.“

Der würdevolle Herr von 60Jahren

ist Sprecher der Kreuzberger

Dersim Kultur Gemeinde e. V. und

Vize-Vorsitzender der Föderation

der Dersim Gemeinden in Europa.

As 17-Jähriger kam er zum Studieren

nach Deutschland aus Tunceli,

Hauptstadt der mehr als 3000 Kilometer

von Berlin entfernt gelegenen

Provinz. Diedarfnicht mehr Dersim

heißen. Der Name soll vergessen

werden, weil er an das Verbrechen

erinnert. Statt Dersim soll man seit

1937 Tunceli sagen –„Eiserne Faust“.

So will es der türkische Staat.

Einerseits sind die Verbrechen

von Dersim international kaum bekannt,

andererseits gelingt das verordnete

Vergessen nicht. Weil es

Leute wie Kemal Karabulut gibt, lebt

die Erinnerung gerade in Kreuzberg

weiter und bewirkt jetzt einen einmaligen

Vorgang: DieBezirksverordnetenversammlung

(BVV) Friedrichshain-Kreuzberg

beschloss am

27. März 2019, im Bezirk ein Denkmal

für die Opfer des Dersim-Massakers

errichten zu lassen. Deutsche

Verantwortung oder Beteiligung ist

zur Begründung des Beschlusses

nicht angeführt. Es handelt sich um

die ArtVerbrechen, wie sie in vielen

Ländern immer wieder verübt wurden

und werden –auf dem Balkan, in

Vietnam, Ruanda oder Burma.

2015 hat die Dersimer Kultur-Gemeinde

den Denkmalantrag eingereicht.

Ihr geht es um einen würdevollen

Ort, an dem alljährlich am Gedenktag

des Verbrechens, dem 5.

Mai, die Trauernden zusammenkommen,

um ihrer Toten und ihrer

zerstörten Kultur zu gedenken.

Am 4. Mai 1937 hatte die Regierung

des Gründers der modernen

Türkei, des säkularen Staatspräsidenten

Kemal Atatürk, beschlossen,

die aus ihrer Sicht rückständigen, im

Feudalen verhafteten, widerspenstibiete,

wo Einwohner Widerstand

leisteten. Ihsan Sabri Calayangil, ein

türkischer Staatskommissar, der die

Massaker organisierte, Anführer des

Widerstands aufhängen ließ und in

den 60erntürkischer Außenminister

wurde, protzte später: „Wir haben

die Dersimer in ihren Verstecken wie

die Mäuse vergast.“ DerSatz soll später

noch eine Rolle spielen.

1938 war die „Säuberung“ beendet.

Die Modernisierer aus Ankara

hatten gezeigt, wozu sie fähig waren,

um mit dem Alten zu brechen. In einer

neuen Republik der „Zivilisierten“

sollten es nur noch Türken geben.

In diesem Geiste der ethnischen

Homogenisierung handelten auch

die damalige deutsche und die sowjetische

Regierung.

Nicht türkisch, nicht kurdisch

Kemal Karabulut kocht erst einmal

erstklassigen Kaffee, bevor er in seinem

schlicht eingerichteten Büroim

Ankara

Zypern

Vereinshaus am Kreuzberger Waterloo-Ufer

nahe dem Halleschen Tor

gerne und ausführlich Dersimer-Geschichte

erzählt. Dergraffitiübersäte

Flachbau dient der Dersim-Gemeinde

als Anlaufstelle für „Menschen,

die sich zur Kirmanc/Zaza-

Kultur zugehörig fühlen“, so steht es

im Informationsblatt des Vereins.

Zaza ist eine eigenständige,mit dem

Altpersischen verwandte Sprache,

keine kurdische. Kirmanc ist ein anderer

Name für das Zazaische. Der

Hinweis auf die Besonderheit will sagen:

Wir sind weder Türken noch

Schwarzes Meer

ehemalige Region Dersim

TÜRKEI

SYRIEN

Tunceli

100 km

GEORGIEN

ARMENIEN

IRAK

IRAN

BLZ/HECHER

zenswunsch nach einem eigenen

Denkmal nicht umstandslos bejahen?

Warum sollte man skeptisch

sein, wenn der Bezirk ein öffentliches

Grundstück zurVerfügung stellt

und sich um die Finanzierung des

Denkmals kümmert? 80 000, vielleicht

100 000 Euro soll es kosten,

schätzt Kemal Karabulut und sieht

kein Problem: „Wir zahlen seit Jahrzehnten

hier Steuern, haben Anteile

an öffentlichen Geldern.“ Dem Argument,

dass da viele Zuwanderergruppen

mit Geschichten von Gewaltexzessen

ähnliche Ansprüche

Kurden. Ihre spezielle Kultur pflegen

viele der Dersim-Berliner mit Hingabe.

Sie besuchen im Vereinshaus

dieVolkstanzgruppe,singen im Chor

Lieder der alten Heimat, lernen

Deutsch oder Zaza, feiern im Saal

ihreFeste.

Weltweit zählen sich etwa drei

Millionen Menschen zu der ethnisch-religiösen-sprachlichen

Gemeinschaft.

Sie hängen an ihrem

alevitischen Glauben, stehen wie eh

und je in Opposition zum in der Türkei

herrschenden sunnitischen Islam.

Aleviten halten keinen Ramadan,

sondernfasten drei Tage zu Ehrendes

heiligen Xizir,der als freundlicher,

weißbärtiger alter Mann

imaginiert wird. Sie feiern eine Art

Weihnachten, das Gagan-Fest.

Frauen gehen nicht unterm Kopftuch.

„Wir kennen viele Götter –des

Hauses, der Tiere, der Pflanzen …“,

sagt Kemal Karabulut. Sympathische

Leute.Warum sollte man deren Hererheben

könnten, begegnet er weitherzig:

„Wenn Leute hier leben, haben

sie das Recht auf Gedenken. Da

muss der Staat entgegenkommen.

Und wenn andere Bevölkerungen

ein solches Trauma mit sich tragen,

sollen sie innere Ruhe finden.“ Aber

man solle auch nicht übertreiben.

Muss die BBVPartei ergreifen?

Gegenargumente führte Timur Husein,Vorsitzender

der CDU-Fraktion

der BVV Friedrichshain-Kreuzberg,

bei einer Sitzung des Kulturausschusses

an. Er hat nichts dagegen,

den Dersimern ein Zeichen der Anerkennung

zu senden, aber müsse

der Staat eine einzelne Gemeinde

unterstützen? Müsse die BVV Partei

ergreifen in einem Konflikt, der „vor

langer Zeit außerhalb unseres

Landes stattfand“? Damit sei die BVV

überfordert. Selbstverständlich

könne die Gemeinde auf einem eigenen

Grundstück jede Artvon Gedenken

ausüben. Allerdings besitzt sie

das Grundstück nicht, auf dem das

Gemeindehaus steht. Es ist vom Bezirk

gepachtet. Wie Husein in der

Antwortauf eine Anfrage an die BVV

erfuhr, zahlt die Gemeinde für 1372

Quadratmeter monatlich 205,30

Euro Pacht, 15 Cent proQuadratmeter.

Im Beschluss der BVV heißt es,

das Denkmal solle „anöffentlich gut

begehbarer und sichtbarer Stelle in

der Nähe der Dersimer Gemeinde“

entstehen. Die CDU-Fraktion

stimmte dem Antrag in der BVV

nicht zu.

DemBeschluss war eine politisch

heiße Debatte vorausgegangen. Der

ursprüngliche Antragstext hatte

nämlich die Dersim-Massaker als

„Völkermord“ bezeichnet. Kemal

Karabulut findet, Völkermordsei genau

das richtige Wort für „Tertele“,

wie die Dersimer das Verbrechen

nennen. Man könnte es auch mit

„Große Katastrophe“ übersetzten.

Alle Kriterien, mit denen die Unoeinen

Völkermord definiert, träfen zu,

sagt Karabulut.

Die Sprengkraft des Begriffs ist

enorm. Das weiß man von den Armenien-

oder Herero-Debatten her.

Als der Bundestag 2016 in einer Resolution

die osmanischen Verbrechen

von 1915/16 in Armenien als

Völkermord bezeichnet hatte, tobten

der türkische Präsident und die

Volksseele. Eine Krise zwischen beiden

Ländern folgte. Aus dem Kreuzberger

Antrag verschwand schließlich

die maximale Provokation.

Türkisch-nationalistischen Vertretern

in Berlin reicht das bloße

Denkmal-Ansinnen für wütende Reaktionen.

Als der Antrag gestellt

wurde, drohte Bekir Yilmaz, Unternehmer

und einflussreicher Vorsitzender

der Türkischen Gemeinde

Berlin ,mit Protest„auf Volksebene“.

Kein Wunder,dass die türkische Botschaft

gegen das Projektwühlt.

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