Berliner Zeitung 24.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 11 *

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Berlin

Aus ihren Dörfern

vertrieben: Mädchen

von Dersim 1938.

TÜRKISCHE ARMEE/DÜNYA BÜLTENI

VON DER HITZE ZUR WELLE.

Jetzt von Berlin nach Mallorca

oder zuvielen weiteren Strandzielen.

Für das Dersim-Massaker hat

sich Erdogan 2011 entschuldigt –

auch das politisches Kalkül: Auf Kemal

Atatürk, den weltlichen Staatsgründer,

kann die religiös gesinnte

heutige Führung leicht alle Verantwortung

abschieben –hin zur heutigen

kemalistischen Opposition. Die

türkische Nationalversammlung berief

tatsächlich eine Kommission zur

Aufarbeitung der Massaker ein –

doch die Archive, in denen mutmaßlich

mehr als 200 000 Dersim-Dokumente

lagern, bleiben für unabhängige

Forscher verschlossen.

Palästinensische Terroristin zu Gast

Auch Forderungen nach Schadenersatz,

Rückbenennung der Provinz in

Dersim, Errichtung eines Museums

für Menschlichkeit im Zentrum von

Dersim/Tunceli bleiben in der Türkei

unerhört. Ebenso wie die nach

Erhalt der Zaza-Sprache, einem

Stopp für den Bauvon acht naturzerstörenden

Staudämmen in einem

Nationalpark, nach Einstellung von

Militärmanövern, die immer wieder

Waldbrände auslösen.

Anders im Deutschen Bundestag:

Zu Abgeordneten der Partei Die

Linke verfügt die Dersim Gemeinde

über beachtliche Verbindungen. Politiker

mit kurdischem Hintergrund

nehmen sich gerne solcher Anliegen

an. Am 3. März2019 reichte die Fraktion

eine streng formulierte Kleine

Anfrage an die Bundesregierung

zum Dersim-Massenmordein. Frage

7dreht sich um das heikle Thema der

Anerkennung als Völkermord.

Die Bundesregierung antwortet

trocken, meist mit dem Hinweis,

man möge Fakten selber recherchieren,

oder mit dem Satz: „Es liegen

keine eigenen Erkenntnisse vor.“Kemal

Karabulut gefällt die Kleine Anfrage

aus ganz eigenen Gründen

nicht: „Wir haben hier im Dersimer

Gemeindevorstand die Fragen für

die Kleine Anfrage gesammelt, besprochen

und dann an die Linksfraktion

weitergeleitet, doch die übernimmt

die Positionen der kurdischen

Seite“, sagt er. Essei nämlich

so, dass die Kurden ein Großkurdistan

wollten und die Dersimer einfach

in ihre Sache hineinzögen. Sie

würden zum Beispiel als „Bergkurden“

bezeichnet, so wie einst die

Türken alle Kurden zu „Bergtürken“

umlogen. „Wir sind aber keine Kurden“,

sagt Karabulut. „Wir fühlen

uns vonden Kurden vereinnahmt.“

Brisant ist auch Frage 10 der Anfrage.

Hier wollen die Linken wissen,

ob die türkische Armee 1937/38

„Waffen oder Rüstungsgüter aus

Deutschland“ einsetzte. Mit anderen

Worten: WarDeutschland doch verwickelt?

Kemal Karabulut zeigt als Beleg

ein angebliches Geheimdokument

vor, unterzeichnet von Atatürk

persönlich und zwölf seiner Minister,

was den Eindruck von Geheimhaltung

schmälert. Laut vorgelegtem

Text wirdder türkische Botschafter in

Berlin beauftragt, 20 Tonnen Chemikalien,

„Yperit, Saire, Chloracetophen“,

samt Umfüllanlagen zu beschaffen.

Yperit ist Senfgas, mit

„Saire“ könnte der Kampfstoff Sarin

gemeint sein, Chloracetophen wird

als Tränengas eingesetzt. Es gibt keinen

Beleg für die Echtheit des Papiers,viel

weniger einen Beleg für das

Zustandekommen eines Giftgasgeschäfts

–wohl aber den Verweis auf

den zeitgenössischen Satz, man habe

die Leute „wie Mäuse vergast“. Andererseits:

Überrascht wäreman nicht.

Überraschungen bietet allerdings

auch die freundliche Kreuzberger

Kulturgemeinde: Mitten in die Zeit

intensiver Bemühungen um ihr

Denkmal platzte die Nachricht, im

Vereinshaus werdeam15. März2019

die wegen Terrorismus verurteilte

Palästinenserin Rasmeah Odeh auftreten.

Die Frau hatte in einem Jerusalemer

Supermarkt zwei Studenten

mit Bomben getötet und sollte nun

über „Palästinensische Frauen im

Befreiungskampf“ sprechen.

Wie kommt es, dass sich die Dersim

Gemeinde als Bühne für militante

Antisemiten hergibt, das

Ganze organisiert von weitbekannten

antisemitischen Organisationen,

„Seit 60 Jahren leben Dersimer in Berlin.

Das Massaker in der Region war eine

große Katastrophe. Wir wollen der ganzen

Welt sagen, dass sich so etwas niemals

wiederholen darf.“

Kemal Karabulut Sprecher der Dersim-Kulturgemeinde Berlin e.V. vor dem Kulturausschuss

der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg

zum Beispiel der als Terrororganisation

klassifizierten, aber in Deutschland

nicht verbotenen PFLP?

Kemal Karabulut versichert, man

habe keine Ahnung gehabt. Manvermiete

den Saal gelegentlich, und palästinensische

Familien, die ihn

mehrfach für Verlobungsfeiern genutzt

hatte, wollten nun den Internationalen

Frauentag begehen. Er

selber habe erst nach dem großen

Medienaufruhr mit der Zeitung in

der Hand den Namen Rasmeah

Odeh gegoogelt. Karabulut sagt, die

Gemeinde habe die Veranstaltung

von sich aus abgesagt. Die andere

Version lautet: Die zuständigen Behörden

verhinderten den Auftritt im

letzten Moment, verboten der Terroristin

politische Betätigung und entzogihr

das Schengenvisum.

Einunangenehmes Thema für die

auf ein friedfertiges Bild bedachte

Kulturgemeinde. Angenehmer ist es,

über den Fortgang in der Denkmalfrage

zu reden. Am 24. Oktober lädt

das Kreuzberger Kulturamt die Gedenktafelkommission

und die Kommission

für Kultur im öffentlichen

Raum zur Detailbesprechung ein.

Stéphane Bauer, Leiter des Fachbereichs

Kultur und Geschichte,dämpft

allerdings die Erwartungen. Eine Finanzierung

des Denkmals durch den

Bezirk sieht er nicht. Wer sonst

könnte zahlen? Die Senatskulturverwaltung?

Spender? Manwirdsehen.

Auch zum Standort gibt es keine

Entscheidung. In der Nähe des Vereinshauses

solle es stehen, heißt es

auch im BVV-Beschluss. Das Pachtgrundstück

der Dersimer misst 1372

Quadratmeter, davon 771 bebaute.

Dahinter liegt eine Grünanlage, auf

der allerdings der Neubau der Zentral-

und Landesbibliothek stehen

soll. Findet sich da ein Plätzchen?

Kemal Karabulut hofft, dass der

Gemeinde ein Grundstück geschenkt

wird. Dann soll es einen

Künstlerwettbewerb für die Gestaltung

des Denkmals geben. Ein Vorschlag

für den Denkmaltext ist mit

den Behörden abzustimmen. Wenn

es da nicht noch einmal zum Konflikt

kommt. Taucht das Wort „Völkermord“

wieder auf? Und wer setzt

die ganze Sache praktisch wie um?

Werträgt die Verantwortung?

Als im März der Kulturausschuss

den Bezirksverordneten (ohne die

CDU-Stimmen) die Befürwortung

des Denkmals empfahl, merkte eine

Mitarbeiterin der Verwaltung sorgenvoll

an, man könne hier keine

historische Aufarbeitung leisten, die

in der Türkei brachliege. Stéphane

Bauer fragte sich, wie man verhindern

könne, dass eine bloße Kranzabwurfstelle

entsteht. Das Grünflächenamt

äußerte sich irritiert, weil

es nicht ahnte, welche Aufgaben da

auf die Mitarbeiter zukommen.

Erweitertes Denkmalaufstellen

Erweiterung des Berliner Erinnerungsraumes,

eine neue postnationale

Erinnerungskultur –darin soll

der höhere Sinn des Ganzen liegen.

Betrachtet man den Zustand von

Denkmalen wie die „Menschenlandschaft

Berlin“, sieht man, dass Kreuzberg

das einmal Hingestellte nicht

mag:VieleObjekte stehen beschmiert

und bemitleidenswertda. Unwürdig.

Die Skulptur „Unsere Träume“ aus

weißen Carraramarmor,einst der migrantischen

Jugend gewidmet, wurde

2006 in der Denkmalliste als „beschmiert,

verschmutzt, veralgt“ beschrieben,

und 2017 aus dem Böcklerpark

„geräumt“, ohne auch nur

den Urheber zu informieren.

Es will einfach nicht zusammenpassen,

die alltägliche kommunale

Pflicht, den Bezirk lebenswert für

alle Gruppen zu halten – und die

Lust am Globalen. Undesgibteinen

weiteren Grund für Skepsis: Mit den

Dersimern fängt das erweiterte

Denkmalaufstellen an. Was kommt

als nächstes? Ein Denkmal für die

„palästinensischen Opfer Israels“?

Maritta Tkalec

beobachtet ein Experiment,

das nicht ohne Risiken ist.

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