Berliner Zeitung 24.08.2019

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20 Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019

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Berlin bewegt sich

Der schwere Weg

zum leichten

Schweben

Bei Aerial Fitness heben die Sportler ab:

Sie turnen wie Akrobaten an Seidenschals,

die von Decken hängen. Aber vorher müssen

sie die Tücher erst mal hochklettern

VonMechthild Henneke

Ein Knoten für den Fuß, da fällt das Abheben leichter:Unsere Autorin Mechthild Hennekeübt sich in Aerial Fitness.

SABINE GUDATH

Die Gegend um die Jannowitzbrücke

ist nicht gerade

die schönste Ecke

von Berlin. Man könnte

fast auf die Idee kommen, sich an einen

anderen Ort zuwünschen. Jedoch

nur bis zu dem Moment, an

dem man die Tür zum Fl’air Studio

öffnet. Hier empfängt einen eine Atmosphäre

wie im Cirque de Soleil.

DasStudio befindet sich in einem S-

Bahn-Bogen.Wände und Decke sind

weiß gestrichen. Bunte Stoffbahnen

hängen von einer Konstruktion unterm

Gewölbe herab. Intiefem Rot,

in Kobaltblau, Safrangelb und Purpur

fallen die Tücher sechs Meter tief

auf den Boden, wo sich ihre langen

Enden kräuseln. Die Fenster stehen

offen. EinBoot zieht vorbei.

Keine Leiter in Sicht

Leise Musik tönt aus kleinen Boxen,

etwas Gefälliges, „Kiss“ von Prince

oder Songs im Easy-listening-Stil. Die

Angst vor der Stunde Aerial Fitness

verflüchtigt sich. Dazu trägt auch die

freundliche Begrüßung von Keeva

Treanor und Brennan Figari bei, die

hinter dem Tresen sitzen. „Hallo,

komm rein“, sagen sie, als beträte

man ihr Wohnzimmer. Die Auflage

auf der Theke ist ein dickes Brett aus

natürlichem Holz. Das unterstreicht

die Verbindung zur Natur, zum Elementaren,

die hier durch den Raum

schwingt. Ichziehe mich um.

Meine Erwartungen sind gemischt:

Aerial klingt nach Luft, nach

Fliegen oder Schweben, Fitness nach

Anstrengung. Fl’air bietet mehrere

Varianten vonAktivitäten in der Luft

an: Aerial Silk ist das,was ich ausprobiere,

das Turnen am sogenannten

FLIEGEN IN BERLIN

Turnen am Vertikaltuch: Aerial Fitness

bieten mehrere Studios in Berlin an. Beispielsweise

das Fl’air Studio, es befindet

sich in der Holzmarktstraße 15-18, im

S-Bahnbogen 52, 10179 Berlin,

www.flair-studios.de. Ein anderes Studio

ist IVABerlin, Mittenwalder Str.6,2.HH,

10961 Berlin, iva-berlin.com.

Yoga in der Schwebe: Aerial Yoga Flow

bietet Aerial Yoga an, zu finden ist es in

der Reichenberger Str.124 (Studio Sonic,

10999 Berlin, www.aerialyogaflow.de).

Ein anderes Studio mit Aerial

Yoga ist die Academia Jangada, Schönhauser

Allee 36, 10435 Berlin,

http://www.jangada.com/Aerial_yoga

Preise: Etwa 15 Euro kostet eine Einzelstunde.

Die Preise pro Monat liegen zwischen

49 bis 190 Euro. EinigeAnbieter

bieten auch Zehnerkarten an.

Vertikaltuch. Außerdem gibt es Aerial

Yoga und Aerial Hoop, den Luftring.

Die Fotos von Keeva und

Brennan auf der Webseite sind wunderschön:

In Schlaufen aus Stoff

schweben sie lächelnd über dem Boden.

Beide sind professionelle Artisten

mit Engagements an Berliner

Bühnen, Keeva stammt aus Irland,

Brennan aus San Francisco. „Dit is

Berlin“, denke ich, als sie mir das erzählen.

Ichhabe mir vorder Stunde keine

Gedanken gemacht, wie Keeva oder

Brennan in die Luft kommen. Wie

ich ergo selbst in die Luft komme.Als

wir uns am Boden aufwärmen,

nehme ich wahr, dass hier nirgends

eine Leiter,ein Tritthocker oder Ähnliches

zu sehen ist.

Meine Mitsportlerinnen sind allesamt

Frauen und zwischen 25 und 40

Jahrealt. Siesind schlank, aber nicht

dünn oder drahtig. Ichbefinde mich

in einer Gruppe von ganz normalen

jungen Menschen, die gerade aus

dem Büro, dem Homeoffice oder von

der Uni kommen. Außer mir gibt es

zwei weitereNeue: Laura, 36, Marketing-Managerin,

und Christian, 32,

ebenfalls Marketing-Manager. Der

Sportzieht ganz offensichtlich Menschen

aus trendigen Jobs an. Auf

geht’s!

Keeva nimmt uns Neue beiseite.

„Hallo,schön, dass ihr dabei seid. In

der ersten Übung lernt ihr, das Seil

hochzuklettern. Wir nehmen dafür

die russische Schlaufe. Die ist ganz

leicht“, sagt sie auf Englisch, der Umgangssprache

bei Fl’air.Wir reißen –

einer nach dem anderen –die Augen

auf. Seil hochklettern? Russische

Schlaufe? Um oben gemütlich zu sitzen,

sollen wir die Schwerkraft überwinden

und ein glattes Tuch hinaufklettern?

Ja, das ist eine Überraschung!

Keevakennt schon das Entsetzen,

wenn die Wahrheit über den Weg

zum Schweben ans Licht kommt. Sie

lächelt, hebt das gelbe Tuch locker

mit einer Hand an. Gleichzeitig lüpft

sie ihr Bein im rechten Winkel, ihr

Fuß ist angezogen. Dann –eswirkt

wie ein Zaubertrick –umfasst sie das

Tuch mit beiden Händen, zieht sich

Ganz entspannt im Spagat: Trainerin Keeva

Treanor.

SABINE GUDATH

hoch, schlingt dabei das Tuch mit ihren

Füßen so um die Füße selbst,

dass es diese umwickelt. Dann steht

sie im Bruchteil einer Sekunde strahlend,

von den Schlaufen gehalten,

hoch über uns.

Wirstarren sie mit offenem Mund

an. Keevamacht es noch einmal. Wir

versuchen, die Abfolge der Bewegungen

zu begreifen. DasganzeUmeinanderschlingen

der Stoffbahn

mit den Füßen geht so schnell. Doch

die Mechanik erschließt sich: Der

eine Fuß wird vom Tuch fest umwickelt,

der anderenutzt den auf diese

Weise geschaffenen ZugimStoff, um

sich selbst straff zu bandagieren.

Eine Selbstfesselung, um Tritt fassen

zu können an der Stoffbahn. Ein genialer

Trick, aber können wir ihn reproduzieren?

Laurahat keine Scheu, greift nach

dem Tuch, zieht sich hoch, strampelt

mit den Füßen, findet keinen Halt,

steht wieder. Zweiter Anlauf: Schon

ist sie oben, diesmal legen ihreFüße

das Tuch in der richtigen Reihenfolge

über und unter sich –sie steht.

Wirsind begeistert.„Natural monkey

–dukletterst wie ein richtiger Affe“,

rufe ich voller Bewunderung. Christian

tut sich schwerer, obwohl er

Bergkletterer ist.

Als ich an der Reihe bin,

wünschte ich schon vordem ersten

Versuch, der Parkettboden öffnete

sich, um mich zu verschlingen.

Meine Arm- und Brustmuskeln

sind nicht die kräftigsten, um es

dezent auszudrücken. Ich ziehe

mich mehr pro forma hoch und

wurstele unter mir mit den Füßen

herum. Doch ich bin zu schwach,

um mich lange genug in der Luft zu

halten, damit ich die Stoffbahnen

in der richtigen Reihenfolge drapiere.

Ichlasse los.

Keeva sieht, dass das wohl nicht

viel Sinn hat. Sie ermuntert mich

eher unentschlossen und zeigt nach

meinem zweiten erfolglosenVersuch

eine weitere Anfänger-Fußschlaufe.

Sie kann im Stehen vorbereitet werden.

Manhebt den Fußund verknotet

ihn –imStil eines Seemannknotens

– so fest, dass man in der

Schlaufe ein paar Zentimeter überm

Boden stehen kann. DieHände greifen

das Tuch, das andereBein tritt in

Schulterhöhe ins Tuch hinein, der

Oberkörper sinkt nach hinten. Zwischen

den beiden Füßen und den

Händen spannt sich ein Dreieck auf.

Ich versuche und schaffe es –unglaublich.

Das ist fast schon eine artistische

Pose! Und das in der allerersten

Anfängerstunde.

Christian hat derweil der Ehrgeiz

gepackt. Er versucht immer

wieder den russischen Knoten und

auf einmal sehe ich ihn fast oben

unter der Decke. Aerial Fitness ist

auf jeden Fall ein Sport, der anspornt.

Auch ich bin ganz begeistert

und versuche immer wieder

die Luft-Grätsche.Zwar setzeich so

tief an, dass ich nur ganz knapp

über dem Boden hänge, aber egal,

Hauptsache,irgendwas klappt hier.

Regelmäßige Liegestütze

Keeva überlässt uns uns selbst und

hilft den anderen Kursteilnehmerinnen

bei ihren Übungen. Manche

klettern das Seil schon fix hoch,

aber anderehaben noch Probleme,

sich hochzuziehen. Wir halten alle

tapfer durch und freuen uns über

kleine Fortschritte. Als die Stunde

zu Ende ist, gesteht Keevauns Neulingen,

dass das Hochklettern tatsächlich

die große Hürde beim Zugang

zur Aerial Fitness ist. „Viele

tun sich damit schwer“, sagt sie.Sei

diese Klippe aber genommen,

werde es erheblich leichter. Ich

habe Zweifel, plane aber dennoch,

ab sofortregelmäßig Liegestützezu

machen. Es wäre doch zu schön,

mal in die Genüsse der höheren

Ebenen zu gelangen.

Artisten der Lüfte

Asana im Tuch: Aerial Yoga nennt

sich diese Yoga-Variante. IMAGO IMAGES

Aerial Fitness

Verschiedene Disziplinen werden

unter dem Begriff Aerial Fitness

zusammengefasst. Dazu zählt zum

Beispiel das beschriebene Aerial Silk,

das Turnen am Vertikaltuch. Dabei

wirdder ganzeKörper trainiert. Arm-,

Bein-, Bauchmuskeln –alles wirdbenötigt,

um Posen in luftiger Höhe einzunehmen.

Um dasTuch hochzuklettern,

spielen Arm- und Brustmuskeln

eine entscheidende Rolle.

Etwas leichter ist das Aerial Yoga.

DasTuch hängt in einer Schlaufe unter

der Decke. Esschwingt etwa einen

Meter über dem Boden, sodass

man es nutzen kann, um zum Beispiel

seinen Fuß einzuhängen, um

sich zu dehnen oder um darin zu liegen.

Der Luftring oder Aerial Hoop

ist fest und hängt in Greifhöhe unter

der Decke. Anihm können Felgaufschwünge

oder Klimmzüge geübt

werden. Er trainiert ebenfalls den

ganzen Körper und auch das Gleichgewicht.

(mec.)

Tuch im Nacken: ein Artist im Wintergarten-Varieté.

WINTERGARTEN

Zirkussport

Aerial Fitness und Aerial Silk können

in Deutschland erst seit wenigen

Jahren trainiert werden. Die

Sportart stammt aus den USA und

wird dort häufig unter Pole Sports

geführt. Der Sport andem Tuch, das

von der Decke hängt, ist dem an der

Stange („Pole Dance“) nicht unähnlich.

Ursprünglich waren die Übungen

am Vertikaltuch Teil des Trainings

für Akrobaten. Nummern am

Vertikaltuch gehören seit Jahren zum

festen Bestandteil von Programmen

zum Beispiel im Friedrichstadt-Palast

oder im Wintergarten. Dabei

sind besonders die Effekte beim Publikum

beliebt, wenn die Turner sich

ruckartig abwickeln und kurz vorm

Boden zum Liegen kommen.

DieFl’air-Macher sehen den Sport

als Angebot für Menschen, die sich

für Zirkus oder Varieté interessieren.

Hier können sie außerhalb der wenigen

Zirkusschulen Fertigkeiten für

Showserwerben. (mec.)

Knallbunt und reißfest: Vertikaltücher

kosten um die 100 Euro.

WWW.BALLABALLA.DE

Tücher

Vertikaltücher gibt es –invielen

verschiedenen Farben –bei unterschiedlichen

Anbietern. Sie kosten

rund 100 Euro und sind meistens

aus reißfestem Stoff, etwa aus Polyester.

Manche Tücher sind elastischer

als andere–die etwas steiferen

Tücher sind für Fortgeschrittene.Sie

werden doppelt genommen – das

heißt: Istdie Decke drei Meter hoch,

muss der Stoff mindestens sechs bis

acht Meter lang sein. Die Stoffbreite

liegt bei etwa 1,60 Meter.

Wichtig ist eine gute Aufhängung.

Diese muss nicht nur das Gewicht

des Turners halten, sondernauch bei

einigen Tricks starkem Druck standhalten.

Dann, wenn der Turner oder

die Turnerin sich zum Beispiel von

oben nach unten fallen lässt und sich

dabei aus dem Stoff abwickelt. Zur

Sicherheit sollte auch eine weiche

Bodenmatte ausgelegt werden. Sie

kann bei Stürzen das Gewicht abfedern.

(mec.)

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