Berliner Zeitung 24.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 23 *

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Sport

Nah am Fan: Hertha-Zugang Dodi Lukebakio ist als Selfie-Partner gefragt.

CITY PRESS

Schöne Aussichten auf attraktiven Fußball

Im Kampf um mehr Zuschauer im Olympiastadion setzt Hertha BSC auf Offensive. Damit soll es schon am Sonntag gegen den VfL Wolfsburg losgehen

VonMichael Jahn

Sonntagabend, 18 Uhr: Hertha

BSC empfängt im ersten

Heimspiel der Saison den

VfL Wolfsburg. Der Hauptstadtklub

kommt mit neuem Trainer

(Ante Covic), neuem Investor (Lars

Windhorst), neuem Rekordtransfer

(Dodi Lukebakio) und neuen Zielen

(ein Platz in der vorderen Tabellenhälfte)

ins Olympiastadion. Wird das

vielleicht 50 000 Zuschauer oder gar

mehr Fans anlocken?

Das ist wohl nicht der Fall. Herthas

Prognose zwei Tage vor dem

Duell: Rund 40 000 Zuschauer werden

ins Stadion kommen.

Cheftrainer Ante Covic, der eine

„gesunde Anspannung“ verspürt

und seine engsten Freunde im Stadion

weiß, sagt: „Sonntag, 18 Uhr, ist

keine perfekte Zeit für unsere Anhänger

aus dem Umland. Wir müssen

halt in Vorleistung gehen und erfolgreichen

Fußball spielen, um

Massen zu unseren Spielen zu locken.“

Manager Michael Preetz

glaubt, dass die Mannschaft mit dem

2:2 beim Meister Bayern München

schon eine guteVorleistung gebracht

hat und auch der Gegner Wolfsburg

mit dem 2:1-Sieg gegen Köln. Aber er

sagt auch lächelnd: „Wir haben noch

Platz im Stadion.“ Den hat Stadtrivale

1. FC Union nicht bei lediglich

22 000 Plätzen an der Alten Försterei.

Dennoch wird Hertha im Moment

wohl kaum neutrale Fußballanhänger

an Union verlieren –schon weil

diese nur schwer an Tickets kommen,

wenn sie nicht Mitglied beim

Aufsteiger sind. Trotzdem wird sich

Hertha zunehmend einer Konkurrenzsituation

beim Kampf um Zuschauer

stellen müssen. In der Vorsaison

unter Trainer Pal Dardai betrug

der Zuschauerschnitt 49 318 –

Platz sieben im Liga-Ranking.

Doch mit demVersprechen, künftig

attraktiven und offensiven Fußball

zu bieten, kann Hertha BSC sicherlich

punkten. Egal, wie die ewige

Stadiondebatte ausgeht, die Mannschaft

muss noch bis 2025 im schwer

zu füllenden Olympiastadion spielen,

ehe vielleicht ein eigenes Stadion

–woauch immer –steht. Immerhin

dreimal wird indieser Spielzeit

das Olympiastadion restlos gefüllt

sein: gegen Bayern, Dortmund

und den 1. FC Union.

Viele im Umfeld vonHertha glauben

inzwischen, dass die aktuelle

Mannschaft die offensivstärkste der

letzten Jahreist, was für Zugkraft sorgen

sollte. Sie besitzt in den beiden

Altmeistern der Szene, Salomon Kalou

und Vedad Ibisevic, starke Charaktere

in vorderster Front. Dazu

kommen die schnellen und technisch

brillanten jungen Wilden Dodi

Lukebakio und Javeiro Dilrosun.

Nicht zu vergessen, der schlaksige

Davie Selke, der vehement in die

Stammformation drängt. MitDauerläuferVladimir

Darida, Ondrej Duda,

„dem Mann für die besonderen Momente“,

so Covic, und Eigengewächs

Arne Maier warten hinter der Sturmformation

ebenfalls offensivfreudige

Mittelfeldakteure, die als spielstarke

Zulieferer agieren. In Marko Grujic

besitzt Covic zudem einen vielseitigen,

kopfballstarken Mann, der dem

Spiel Struktur und Power verleiht.

Covic denkt als ehemaliger dribbelstarker

Angreifer eher nach vorn und

will sein Team so ausrichten.

Karl-Heinz Granitza, 67, der einst

als „spielender Mittelstürmer“ in 73

Bundesligaspielen 34 Treffer für Hertha

erzielte, sagt: „Covic besitzt eine

„Wir müssen halt in Vorleistung

gehen und erfolgreichen Fußball spielen,

um Massen zu unseren Spielen zu locken.“

Hertha-Cheftrainer Ante Covic weiß, wie es funktionieren könnte,

mehr Zuschauer ins Berliner Olympiastadion zu locken.

dynamische Truppe. Die Offensivqualität

liegt über dem Schnitt. Er

hat mit Lukebakio und Dilrosun auf

den beiden Außenpositionen unglaublich

schnelle Leute. Ich halte

diese Offensive für noch stärker als

einst das tolle Duo Marko Pantelic

und Andrej Woronin, das die Fans

mit seiner Spielweise und Ausstrahlung

begeisterte.Die beiden standen

unter Trainer Lucien Favre imZenit

ihrer Karriere, agierten unglaublich

entschlossen im Strafraum und haben

immer ihre Tore gemacht. Das

muss der aktuelle Jahrgang erst beweisen.“

Granitza, der in den Achtzigerjahren

in 225 Spielen für Chicago

Sting in den USA 141 Tore schoss und

später lange als Scout für den FC

Chelsea unterwegs war, glaubt, dass

auch wieder mehr Fans ins Olympiastadion

pilgern werden, „wenn die

Jungs Offensivpower zeigen. Das

zählt bei den Zuschauern, denen ist

ein 5:4 lieber als ein 1:0.“

Der Zusammenhang zwischen

erfolgreicher und attraktiver Spielweise

und dem Zuschauerzuspruch

ist bei Hertha in der Vergangenheit

deutlich zu sehen. Als das Team um

Pantelic, Woronin, Pal Dardai und

Raffael 2008/09 lange um die Meisterschaft

spielte, kamen im Schnitt

52 157 Zuschauer ins Olympiastadion.

Allein die Kulissen in den letzten

vier Heimspielen waren beeindruckend:

Dortmund (1:3/74 244),

Bremen (2:1/68 022), Bochum

(2:0/71 323) und gegen Schalke (0:0/

74 244).

Auch nach dem Wiederaufstieg in

die Erste Liga 1996/97 kamen im

Schnitt 53 118 Fans ins Stadion, die

Neugierde auf Bundesligafußball

war groß, was auch Ante Covic damals

als Spieler erlebte. Als das

Sturmduo Michael Preetz/Andreas

Thom 1998/99 Hertha gar in die

Champions League schoss, honorierten

den Angriffsfußball auch die

Fans: 52 461 verfolgten im Schnitt

die Spiele. Karl-Heinz Granitza, der

einstige Torjäger, glaubt an die neue

Offensivkraft der Hertha. „Für München

hatte ich 2:2 getippt. Gegen

Wolfsburg gewinnt Hertha mit 3:1.“

Damit könnten alle bei Hertha am

Sonntag gegen 20 Uhr wohl sehr gut

leben.

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Die langsame Metamorphose

Das Spiel des FC Bayern beim FC Schalke könnte durch die Debüts von Coutinho, Perisic und Hernández Hinweise liefern, wie sich der Stil der Münchner verändert

VonMaik Rosner,München

Beim Blick in die Glaskugel war

sich auch Niko Kovac nicht ganz

sicher, was er dort eigentlich erkennt.

Es ging gerade nicht um Philippe

Coutinho, was ziemlich selten

vorkam in den vergangenen Tagen

beim FC Bayern. Stattdessen war

nun der andere jüngst verpflichtete

Leihspieler der Münchner,IvanPerisic,

Thema der Vorausschau. Doch

selbst sein Trainer schien noch zu

rätseln, welches Ergebnis bei seinen

Überlegungen über seinen kroatischen

Landsmann herauskommen

wird. „Er ist eine Option, vielleicht

auch von Beginn an. Wer weiß das

schon?“, fragte Kovac und schob

eine Antwort nach, die nahelegte,

dass er die Antwort noch nicht abschließend

gefunden hat. Wer das

also wisse? „Ich wahrscheinlich“,

sagte Kovac und lächelte.

Auch wenn Trainer gern mit Aufstellungen

pokern, um den Gegner

im Unklaren zu lassen, muss man

sich das vor dem Spiel der Bayern

beim FC Schalke an diesem Sonnabend

wohl tatsächlich so vorstellen:

Die Münchner haben nach den

jüngsten Transfers nun einen Kader,

mit dem sie sich für die hohen Saisonziele

gewappnet fühlen, obwohl

sie nicht genau wissen, wann und

wie sie ihre prominentesten Zugänge

einbauen –und wie sich Stil

und System dadurch verändern.

„Nicht verheizen“

Coutinho,Lieblingsrolle Zehner,also

Spielmacher? „Kann viele Positionen

spielen“, sagt Kovac. Perisic, Kernkompetenz

Linksaußen? Ist laut Kovac

inSachen Fitness „sehr viel weiter“

und „auf einem ganz anderen

Niveau als Philippe“, weshalb Coutinho

nun noch nicht in der Startelf

stehen werde, Perisic aber vielleicht

schon. Und der 80 Millionen Euro

teure Rekordzugang Lucas

Hernández, der nach seiner Knie-OP

im Märzund langer Reha bisher nur

im Pokal für ein paar Minuten mitwirkte?

Habe zwar nicht mehr den

„absoluten Nachholbedarf“ wie

Coutinho, ist aber auch noch nicht

ganz wettkampffit. „Wir versuchen,

ihn schon zu integrieren“, sagt Kovac

über Hernández.

Für diesen gilt wie für Coutinho

des Trainers Hoffnung, dass die

Spielverläufe bei Schalke und danach

gegen Mainz 05 erlauben, seinen

beiden spektakulärsten Zugängen

Wettkampfpraxis zu gewähren.

Dass das Publikum vor allem Coutinho

sofort90Minuten lang spielen

sehen will, weiß Kovac. Aber er

werde den wegen der Copa América

später in die Vorbereitung eingestiegenen

Brasilianer „nicht verheizen“,

genauso wenig wie seinen neuen linken

Innenverteidiger Hernández.

Gutmöglich also trotz der Andeutungen

zu Perisic, dass wie beim Ligaauftakt

gegen Hertha BSC (2:2)

auch beim FC Schalke Verteidiger

Benjamin Pavard als einziger

Münchner Zugang beginnen wird.

Undebenso denkbar erscheint, dass

das Publikum in der zweiten Halbzeit

Augenzeuge einer langsamen

Metamorphose wird. Es könnte laufen

wie bei einem Chamäleon. Der

FC Bayern beginnt in gewohnter

Farbgebung, doch je länger das Spiel

dauert, umso mehr wandelt sich das

Bild, weil zunehmend neue Kolorierungen

durch die Einwechselungen

von Perisic, Hernández und Coutinho

hinzukommen. Wahrscheinlich

sind deren Ligadebüts für den

Spielt er am Wochenende schon?

Philippe Coutinho GETTY IMAGES/A. HASSENSTEIN

Meister nun ja durchaus und damit

auch, dass das Topspiel erste Hinweise

liefern dürfte, wie sie dessen

Spielweise verändernwerden.

„Fußballerisch sehr dominant“

Es ist ein Prozess, dessen Ergebnis

nach den Länderspielen Mitte September

möglichst weit gediehen sein

soll, wenn die Champions League

beginnt. Verbunden mit der Frage,

wie sich das System wandeln und

was das für bisherige Stammkräfte

wie Thomas Müller bedeuten wird.

Karl-Heinz Rummenigge hat da

schon klare Erwartungen. Coutinho

sei als klassische Nummer zehn eingeplant,

„deshalb hat er sie auch bekommen“,

sagte der Vorstandschef.

Für Kovac steht demnach die Abkehr

von seinem favorisierten 4-3-3-System

ohne Spielmacher und mit einem

Sechser (bisher Thiago

Alcántara) hin zum 4-2-3-1 mit Zehner

und zwei Sechsernan. Wieinder

Vorsaison, als er diese Neuordnung

in der Herbstkrise vornahm, weshalb

es nun„kein Problem“ wäre,„das anzupassen“,

wie Kovac sagt.

Dem klassischen Sechser Javier

Martínez käme das gelegen, weil er

dann zusammen mit Thiago spielen

könnte. Für Renato Sanches ist das

wegen seines Wechsels zu OSC Lille

für angeblich 20 bis 25 Millionen

Euro Ablöse kein Problem mehr.Vor

allem für Müller und die anderen

eher offensiv ausgerichteten Mittelfeldspieler

Leon Goretzka, Corentin

Tolisso und Zugang Michaël Cuisance

jedoch schon, weil es im Zentrum

nur noch eine Zehn statt der

bisherigen zwei Achter gäbe. Und

klar vorgesehen ist die Kreativzentrale

ja laut Rummenigge für Coutinho,

sobald er fit ist. Für jenen

Feinfuß also, über den sein früherer

Trainer beim FC Liverpool, Jürgen

Klopp, sagt, dass dieser ein „fußballerisch

sehr dominanter Spieler“ sei,

der eine Mannschaft „prägen kann“,

auch als Achter oder Linksaußen mit

Zugindie Mitte.

DasSchalke-Spiel könnte zumindest

gegen Ende einen ersten Blick

auf die Wandlung des FC Bayern

durch Coutinho freigeben und nebenbei

auch durch Perisic und

Hernández. Vielleicht sogar mit einer

Systemumstellung im Laufe der

Partie.Aber werweiß das schon? Kovac,

jedenfalls wahrscheinlich.

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