Berliner Zeitung 24.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 – S eite 24

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Sport

Nur das

Jetzt soll

zählen

Das Spiel in Augsburg sei für ihn ein Spiel

wie jedes andere, sagt Unions Verteidiger

Marvin Friedrich. Aber darf man das bei

dieser Vorgeschichte glauben?

„Wir müssen mutiger werden“:

Marvin Friedrich

IMAGO IMAGES

VonMarkus Lotter und Patrick Berger

Marvin Friedrich will

sich nicht mehr mit

der Vergangenheit beschäftigen.

Mit dieser

für ihn dunklen Zeit als Kadermitglied

des FC Augsburg, als er im

Sommer 2016 voller Zuversicht vom

FC Schalke 04 zu den bayerischen

Schwaben gewechselt war,aber vom

damaligen FCA-Coach Manuel

Baum nicht berücksichtigt wurde

und eineinhalb Jahrelang nur in der

zweiten Mannschaft zum Einsatz

kam. Regionalliga statt Bundesliga,

Schattenmann statt Startelfkandidat.

Insofern kann man es dem 23

Jahre alten Innenverteidiger des

1. FC Union nicht verdenken, dass er

für das Auswärtsspiel am Sonnabend

– zumindest im Austausch

mit den Journalisten –zufolgendem

Schluss gekommen ist: „Ich muss

ehrlich sagen, das ist wie jedes andere

Spiel auch, nichts Besonderes.

Vielleicht auch, weil ich dort nie gespielt

habe.“ Seine restlichen Aussagen

zum Gegner sind unter der Rubrik

Allgemeinplatz einzuordnen.

Augsburgs sei „eine heimstarke

Mannschaft. Das wird ein schweres

Auswärtsspiel“, sagt Friedrich, wohlwissend,

dass es für Union in der

höchsten deutschen Spielklasse

nicht ein einfaches Spiel geben wird.

Wasder Profi sagt, ist grundsätzlich

ernst zu nehmen, wenngleich

zumindest der Verdacht erlaubt ist,

dass die Monate in Augsburg für einen,

der in der Vorzeige-Nachwuchsakademie

des FC Schalke zu

den Leistungsstärksten zählte und

mit der U19-Auswahl des Deutschen

Fußball-Bundes bei der Europameisterschaft

2014 den Titel gewann,

qualvolle gewesen sein müssen.

Monate, in denen der Traum

von einer Bundesliga-Karriere auch

wegen einer rätselhaften und deshalb

auch langwierigen Adduktorenverletzung

in Zweifel stand. Monate,

die aber letztlich in einem krassen

Kontrast zu seinen Erlebnissen beim

1. FC Union stehen müssen. Stammplatz.

Aufstiegsheld. Schließlich die

leidenschaftlichen Bemühungen der

Köpenicker, ihn über eine Ablösesumme

in Höhe von zwei Millionen

Euro endgültig aus dem Vertrag mit

den Fuggerstädtern zulösen. Friedrich

sagt: „Ich bin froh, dass ich jetzt

Spieler vonUnion Berlin bin.“

Fixpunkt in der Verteidigung

Marvin Friedrich zählt zu den Spielern,

bei denen zwischen Außenund

Innenwirkung doch ein erheblicher

Unterschied auszumachen ist.

Im Interview nimmt er sich zurück,

Positioniert: Dirk Zingler,Präsident

des 1. FC Union, hat sich gegenDiskriminierung

ausgesprochen und deutlich gegendie

AfD positioniert. Ein Vereinsverbot für

Partei-Mitglieder nach dem Vorbild vonEintracht

Frankfurts Vereinschef Peter Fischer

will der Unternehmer aber nicht

aussprechen. „Ich respektiere

diese Haltung des Frankfurter

Präsidenten, das kann man machen,

muss es aber nicht. Wir

werden unseren Vereinsmitgliedernund

unseren Zuschauern

nicht vorschreiben, welche Partei

sie wählen, weil es am Ende

zwei verschiedene Schuhe für

mich sind“, sagte der 55-JährigeamDonnerstagabend

beim

„Talk aus Berlin“ im RBB.Frankfurts

Fischer hatte mehrfach in aller Öffentlichkeit

erklärt, dass jemand, der AfD wähle, nicht

Mitglied bei Eintracht Frankfurtsein könne.

Sogar bei einer Mitgliederversammlung

seines Klubs im Januar 2018 wich er

vonder Agenda ab,ummit ungewöhnlicher

Schärfe seinem Unmut freien Lauf

zu lassen.

ZINGLER WETTERT GEGEN DIE AFD

Echauffiert: „Ich lasse Parteipolitik, Rassismus,

Diskriminierung in meinem Umfeld

nicht zu. Überall, wo Union ist, darf es das

nicht geben. Wenn jemand zwei Stunden Fußball

schaut, mal salopp gesagt, seinenMund

hält und nur gerade ausschaut und abends

nach Hause geht und sichseine

AfD-Kappe aufsetzt, werde ich

ihm das nichtverbieten“,sagte

Zingler und echauffiertesich.

„Die ganze AfD ist eine Katastrophe.

Ich macheaus meinerpersönlichenEinstellung

darüber

DPA/CARSTENSEN

keinen Hehl“, sagte Zingler,der

zugleich Chef eines Logistik-Unternehmens

ist, auf eine Frage

Union-Präsident

DirkZingler nach der Migrationspolitik. „Wir

brauchen Menschen, die unserensozialenBesitzstand

und unsere Gesellschaft

aufrechterhalten.“ 60 Prozent seiner

Mitarbeiter seien zwischen 50 bis60Jahren.

Es müsstenMenschen eingeladen werden,

nach Deutschlandzukommen, betonte Zingler.

Und forderte: „Wir müssenversuchen, die

Fehler der Vergangenheit zu korrigieren und

endlich ein einladendes, sympathisches Land

fürdie Menschen zu sein.“

vermeidet das Schlagwort, im Kreis

der Mannschaft scheint sein Wort

hingegen Gewicht zu haben. Es

kommt ja nicht von ungefähr, dass

ihn Trainer UrsFischer während der

Saisonvorbereitung in der Rolle des

zweiten Kapitäns bestätigt hat, dass

der Fußballlehrer aus der Schweiz

mit ihm als Fixpunkt an einer bundesligatauglichen

Verteidigung bastelt.

Wobei das 0:4 gegen RB Leipzig

zum Saisonauftakt vor einer Woche

doch auf drastische Weise die Komplexität

dieser Aufgabe vorAugen geführthat.

Niemand fand Halt im Sturm, den

die Leipziger nach einer kurzen Anlaufphase

im Stadion An der Alten

Försterei entfachten. Alles war

Chaos, weil die Mannschaft von Julian

Nagelsmann mit gnadenlosem

Pressing und unwiderstehlichem

Tempo alle Automatismen, welche

die Unioner sich im Sommer angeeignet

hatten, unmöglich machte.

Und mittendrin Friedrich, der sich

allzu oft in Eins-gegen-Eins-Situationen

wiederfand. Der sich zusammen

mit Co-Innenverteidiger Keven

Schlotterbeck verzweifelt um die Organisation

einer Viererkette bemühte

und aus dem rot-weißen Desaster

im Vergleich zu seinen Teamkollegen

doch noch mit relativ passablen

Werten hervorging. 82

Prozent seiner Pässe kamen trotz der

ständigen Drucksituation zum Mitspieler,

67 Prozent seiner vorwiegend

mit Yussuf Poulsen und Timo

Werner geführten Zweikämpfe

konnte er für sich entscheiden. „Die

Enttäuschung nach dem 0:4 war natürlich

sehr groß. Undwir haben uns

das natürlich anders vorgestellt. Wir

müssen das so schnell wie möglich

abhaken“, sagte Friedrich Mitte der

vergangenen Woche. Und: „Wir sollten

die Lehren daraus ziehen. Wir

müssen mutiger werden, cleverer

werden.“

Allerlei Startelf-Optionen

Aber bekommt man das hin, innerhalb

von wenigen Trainingstagen?

Am einfachsten wohl mit einer stark

überarbeiteten Startelf, in der Profis

zum Zug kommen, die kein Leipzig-

Trauma in sich tragen oder aufgrund

ihrer Erfahrung eine gewisse Stabilität

versprechen. So dürfen Spieler

wie Ken Reichel, Marcus Ingvartsen,

Sheraldo Becker, Manuel Schmiedebach,

Neven Subotic, Anthony Ujah

und vielleicht sogar Akaki Gogia darauf

hoffen, bei der abschließenden

Teamsitzung ihren Namen auf dem

Flip-Chart zufinden –neben dem

Namen Friedrich, versteht sich.

Einer,der die Grenze ausdehnt

Der FC Augsburg hat mit dem routinierten Schweizer Außenverteidiger Stephan Lichtsteiner eine echte Größe des europäischen Fußballs verpflichtet

VonMax Ohlert

Esträgt sich eher selten zu, dass

gestandene, internationale Fußballstars

zu einem vermeintlich kleinen

Bundesliga-Klub wechseln, um

beim Klassenerhalt mitzuhelfen.

Hansa Rostock versuchte das in der

Saison 2004/05 mal erfolglos mit der

finnischen Ikone Jari Litmanen. Vereine

wie der FC Schalke 04 oder der

Hamburger SV peilten indes mit

nicht weniger prestigeträchtigen

Spielernwie Raúl (2010 bis 2012) und

Ruud van Nistelrooy (2010 bis 2011)

eher höhere Ziele als den Klassenverbleib

an.

Nichts anderes als den dürfte

aber der FC Augsburg imSinne gehabt

haben, als man sich zu Wochenbeginn

für eine Verpflichtung

des 35 Jahrealten Stephan Lichtsteiner

entschied. Der Schweizer ist in

seiner Heimat nach 105 Länderspie-

len und sage und schreibe 16 italienischen

Titeln mit Juventus Turin

und Lazio Rom eine echte Legende,

die sich in der vergangenen Saison

beim nicht minder hochkarätigen

FC Arsenal verdingte. Kein Wunder

also, dass Lichtsteiner, der in seiner

Karriereausschließlich für namhafte

Klubs aufgelaufen ist, den Wechsel

zum kleinen FC Augsburg entsprechend

trocken kommentierte: „So

etwas habe ich noch nie gemacht.“

Auch Urs Fischer, Trainer des 1.

FC Union und Landsmann von

Lichtsteiner lobte die Verpflichtung:

„Er war jahrelang Stammspieler bei

einem Klub wie Juventus −damuss

er schon vieles in seiner Karriere

richtig gemacht haben.“

Nicht eine Rote Karte

Dass Fischers Mannschaft am Sonnabend

Freude an dem namhaften

Außenverteidiger haben wird−so er

denn bereits sein Debüt feiert−ist allerdings

unwahrscheinlich. Lichtsteiner

gilt seit jeher als ebenso technisch

begnadet, wie unangenehm zu

bespielen. Einer, der die Grenze des

Erlaubten im Spiel immer wieder bis

aufs letzte Quäntchen ausdehnt, sie

allerdings −und das ist seine besondere

Qualität −nie überschreitet. In

601 Einsätzen als Profi sah der gebürtige

Luzerner nicht eine einzige Rote

Karte, wurde nur dreimal mit Gelb-

Rotdes Feldes verwiesen. Grund genug

für den FC Augsburgzuglauben,

dass Lichtsteiner zum X-Faktor für

die zuletzt arg löchrige Defensive

wird, die im Pokal in Verl (1:2) und

beim Liga-Auftakt in Dortmund (1:5)

zusammengenommen sieben Gegentreffer

kassierte. Und wer weiß:

Vielleicht nimmt Lichtsteiners Geschichte

in Augsburg dann auch ein

besseres Ende als die vonJariLitmanen

in Rostock.

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