Berliner Zeitung 24.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 – S eite 25 *

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Feuilleton

Das Fliegende Auge:

Zwei Filme über

Parisund Varna

Seite 28

„Ach, so geradlinig war die nicht.“

Peter Maffay im Interview mit Birgit Walter zu seiner 50-jährigen Musikerkarriere Seiten 26/27

Die Suche

nach der

musikalischen

Wahrheit

Lautstarker Jubel und sehr viel Beifall zum Auftakt

für Kirill Petrenko, den neuen Chef der Berliner

Philharmoniker

VonPeter Uehling

Der neue Chefdirigent der Berliner Philharmoniker,Kirill Petrenko, interessiertsich nicht für Maschen oder für Exzentrik und hat seine öffentlichen Auftritte ohne Taktstock starkbegrenzt.

GETTY IMAGES/MICHELE TANTUSSI

Wenn die Berliner Philharmoniker

einen

Chefdirigenten wählen,

ist dies immer

auch eine mehr als nur künstlerische

Richtungsentscheidung. Herbert

von Karajan führte sie ins Medienzeitalter,

Claudio Abbado begriff

Musik im gesamtkulturellen Kontext

der Moderne, Simon Rattle öffnete

das Orchester zur Gesellschaft. Und

Kirill Petrenko, der gestern sein Amt

als neuer philharmonischer Chefdirigent

antrat, was erwartet man sich

vonihm?

Die Wahl des Nachfolgers von Simon

Rattle vor vier Jahren war auch

deswegen so spannend, weil kein Dirigent

in Sicht war,der im Sinne Karajans,Abbados

oder Rattles noch eine

über das Musizieren hinausweisende

Idee von der Rolle klassischer Musik

in der Gegenwart verkörperte, wie

man es vom Leiter dieses Leuchtturm-Orchesters

erhofft. Auch Kirill

Petrenko ist da keine Ausnahme.Erist

ein begnadeter Dirigent und bedeutender

Interpret, aber kein „Visionär“

dieser Kategorie. Nach seinem Antrittskonzert

gestern Abend in der

Philharmonie muss man allerdings

sagen: Dennoch sehr wohl einer, der

das visionäre Potenzial von Beethovens

Neunter Symphonie zum Erlebnis

machen kann.

Petrenko, 1972 in Omsk in Sibirien

als Sohn eines Musikerehepaares

geboren und mit diesen als 18-

Jähriger nach Österreich übergesiedelt,

ist jetzt etwa so alt wie Karajan

und Rattle, als sie den Posten übernahmen.

Wie alle Dirigenten von

Weltrang ist Petrenko ein harter Arbeiter,

vor allem an sich selbst. Als

Generalmusikdirektor in Meiningen

und an der Komischen Oper Berlin

hat er die Orchester zu Höchstleistungen

getrieben und sich selbst immer

wieder überprüft.

Vielleicht arbeitet zur Zeit niemand

so skrupulös und zugleich bescheiden

wie Petrenko. Teodor Currentzis,

der nur wenige Wochen jüngere

Kollege, ist in seiner Arbeit mit

seinem Orchester MusicAeterna vergleichbar

besessen, aber er hat anders

als Petrenko nichts dagegen,

sich dafür auch als neuen Klassik-

Heiland ausrufen zu lassen und

pflegt seinen Rufals Exzentriker.Petrenko

sind jegliche Statements mittlerweile

verhasst. Auch diese Neunte

Symphonie bezieht ihre Wirkung

nicht aus einer interpretatorischen

Originalität, deren Verdienste narzisstisch

beim Dirigenten verbleiben,

sondern aus der energischen

Herausarbeitung ihrer Kontraste

und tonsprachlichen Eigenheiten.

Petrenkos Tempi sind rasch, aber

wichtiger noch ist die Dichte, die er

nach verständlicherweise sehr nervösem

Auftakt sofort zu erzeugen

weiß: Da ist jedes Ereignis auf ein

vorhergehendes bezogen, ob es nun

herauswächst wie die fulminant zwischen

den Streichergruppen wechselnden

Zweiunddreißigstel oder

sich entgegengestellt wie die punktierten

Akzente. Und damit nicht

etwa alles in einem vermittelnden

Fluss untergeht, schärft er die Konturen

noch einmal an – zuweilen

auch, indem er sie wie in den harmonisch

abgründigen Sechzehntel-

Skalen der Streicher verschleift.

Petrenko ist Russe, und die analytische

Schärfe und Immanenz seiner

Partiturlektürewie auch seine technische

Perfektion kann man der russischen

Schule zurechnen. Großartig,

wie er im Scherzo das abstürzende

Kopfmotiv hervorhebt oder verbirgt,

immer im Sinne von Verdichtung

oder Entflechtung. Die Fulminanz

seines Musizierens ist jedoch vonder

ja nicht nur klischeehaften melancholischen

Seelentiefe russischer

Musiker deutlich unterschieden.

Seine Beethoven-Interpretation zielt

nicht vor allem auf emotionales Miterleben.

Die Prägnanz, mit der er in

der Einleitung zum Finale das instrumentale

Rezitativ und die Reminiszenzen

an die vorangegangenen

Sätze gegeneinanderstellt, will verstanden

werden. Und wie er aus den

vokalenZumutungen des Chorsatzes

Das Berliner Publikum

wird sich damit arrangieren müssen,

dass Petrenko eher wenig,

das aber sehr gut machen wird.

noch immer sprachlichen Sinn rettet,

Sätze artikuliert und schließlich dem

Cherub „vor Gott“ einen Auftritt beschert,

an dessen Gewalt man lange

denken wird, spricht nicht nur für

ihn, sondern auch für die Virtuosität

des Rundfunkchores Berlin. Die

Neunte erscheint als wahrhaft extremes

Werk,extrem in seinen Anforderungen,

aber auch in seinem Ausdruck.

Das Publikum applaudierte

ihm stehend.

DieBerliner Philharmoniker wollen

sich mit Petrenko vor allem auf

ihr Stammrepertoire besinnen, das

bei Rattle eher am Rande eine Rolle

spielte: Beethoven, Brahms, Mahler,

Strauss. DaPetrenko seine Stellungen

bislang an Opernhäusern hatte,

ist vielleicht für ihn auch hier und da

noch etwas dabei, dass er noch nicht

oft dirigierthat.

Petrenko hat nämlich auch Repertoirevorlieben,

die ans Absonderliche

grenzen, und er hat derlei Werke von

Franz Schmidt oder Rudi Stephan

auch schon bei den Philharmonikern

dirigiertund wirdinder kommenden

Saison mit ihnen die „Azrael“-Symphonie

vonJosef Sukaufführen, die er

vor 15Jahren mit dem Orchester der

Komischen Oper aufgenommen hat.

Im Eröffnungskonzert konfrontierte

er Orchester und Publikum mit den

Symphonischen Stücken aus „Lulu“

vonAlban Berg –das Stück hat er 2015

mit Marlis Petersen in München aufgeführt,

und Marlis Petersen ist Artist-in-Residence

der Berliner Philharmoniker

in dieser Saison.

In dieser Suite hat sie nur ein kurzes

Lied, das sie virtuos singt, aber

leider vonihrer Position in der Nähe

der Hörner nicht so richtig auffällig

wird. In dieser Musik beweist Petrenko

ein Ohr für Farben und fein

schattierte Übergänge,wobei zu den

Farben auch die Verdeutlichung der

erstaunlich tonal grundierten Harmonik

gehört und die Übergänge

sich in sensibel geführten motivische

Verläufe realisieren. Das Stück

zündete indes nicht recht, als wäre

hinter der bunten Bastelei der rote

Faden noch verborgen.

Nun müssen die Berliner auf Petrenkos

nächsten Auftritt wieder vier

Monate warten. Seine Berliner Konzerte

noch recht dünn gesät, weil er

in dieser Saison noch seine letzte

Spielzeit als Generalmusikdirektor in

München absolviert: Zwar tritt er bei

den Osterfestspielen in Baden-Baden

und auf Tourneen in Erscheinung,

in Berlin steht er jedoch für lediglich

sechs Programme am Pult.

Dabei werden dem Berliner Publikum

wichtigeWerkevorenthalten:

Beethovens Missa solemnis erklingt

nur in Baden-Baden, Mahlers Vierte

nurauf Reisen. Dasist angesichts der

vier Jahre, die das Berliner Publikum

nun auf ihn warten musste, enttäuschend.

Indes wird man sich vermutlich

daran gewöhnen müssen,

dass Petrenko eher wenig, das aber

sehr gut machen wird. Wohl auch

das haben die Philharmoniker bei

Rattle vermisst, der viel ausprobiert

hat und dabei herausragende künstlerische

Ergebnisse eher selten erreichte.

Peter Uhling

hegt hohe und begründete

Erwartungen an Petrenko.

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