Berliner Zeitung 24.08.2019

BerlinerVerlagGmbH

Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 3 *

·························································································································································································································································································

Report

IM OSTEN GEHT DER

SOMMER AUF

Die Sommerserie der Berliner Zeitung,Teil 10

DER KLEINE REISEFÜHRER: LIEBEROSE

Entfernung von Berlin-Alexanderplatz: 118 Kilometer

Dauer der Anreise mit dem Auto: knapp zwei Stunden

Zahl der Übernachtungsplätze: 22

Einwohnerzahl: 1500 (mit umliegenden Dörfern)

Partei mit dem stärksten Wahlergebnis: AfD

Jahreshöhepunkt: der Pferdemarkt

Wichtigste Sehenswürdigkeit: das Schloss

Kulinarische Spezialität: Plinse

Nächste Bademöglichkeit: der See in Lamsfeld, fünf Kilometer

entfernt

abzogen, war nichts als plattgefahrener Sand übrig.

Auch hier wirdirgendwann ein Wald entstehen, im Moment

blickt man nur über eine scheinbar endlose Fläche

von surrealer Schönheit. Auch der Ort Lieberose

soll Teil der INA werden. Es gibt ein leer stehendes

Schloss, dakönnte eine Ausstellung einziehen. Das jedenfalls

ist die Idee.

Axel Becker lenkt das Auto vomstillen Waldweg auf die

geschäftige Bundesstraße,essind nur ein paar Minuten

bis Lieberose. Esgeht vorbei an dem hübschen Marktplatz

mit Kopfsteinpflaster und Rathaus, vorbei am

Eiscafé und hinein in die Schlossgasse, anderen Ende

ein mächtiger blassgelber Bau sitzt. Unverkennbar das

Schloss,eswirkt nur irgendwie unvollständig. Es ist genaugenommen

nur ein Dreiviertel-Schloss, einer der

vier Flügel wurden 1945 zerstört, der frühere Rittersaal

klebt noch als Ruine an einer Seite.Der hohe Turm,der

das Gebäude weithin sichtbar machte,ist 1975 einfach

eingestürzt. Direkt gegenüber, in einem schmucken

Haus, das mal zu den Verwaltungsgebäuden zählte, ist

das Forstamt untergebracht. Axel Becker setzt sich an

den Holztisch im Garten, da sitzt schon sein Kollege Romeo

Buder,ebenfalls Förster.

„Ausbaufähig“ und „stehengeblieben“, das sind so

Worte, die fallen, wenn man sie nach dem OrtLieberose

fragt. 1500 Einwohner –inklusiveder Menschen in den

eingemeindeten Dörfern –,zwei Kirchen, ein Schloss

und der Wald. Lieberose sei immer schon ein bisschen

am Rand gewesen, sagt Romeo Buder. AmRand des

Landes, die Grenze zuPolen ist nah. Am Rand des Verwaltungsbezirks

FrankfurtzuDDR-Zeiten, des Bundeslands

Brandenburg jetzt. Am Rand des Spreewalds mit

seinen Kanälen und Touristen, die hier vorbeifahren,

aber selten anhalten.

Naschhausen

Rom

Herzsprung

Eisdorf

Lederhose

Lieberose

BLZ/GALANTY

Nächste Woche

Vogelsang

Wüstenhain

Klein Bademeusel

Wetterwitz

Altliebel/Rietschen

Becker und Buder wohnen nicht in Lieberose, aber

in der Nähe, sie kennen den Ort seit ihrer Kindheit in

den 60er-und 70er-Jahren. Erinnernsich an die sowjetischen

Soldaten, denen sie Teeund Stullen brachten,

weil die nur ausgerüstet mit ein paar Dosen und Brot

von ihren in der DDR verteilten Stützpunkten zu den

Übungen im Wald geschickt wurden. An die Offiziersfrauen,

die zum Einkaufen in den Ort kamen, und an

die Schüler der Fachhochschule, die im Schloss untergebracht

war. Einige wohnten dort, die anderen liefen

jeden Tagdrei Kilometer vom nächsten Dorf, wo der

Zughielt. DieEisenbahn, im 19. Jahrhundertein Motor

des Fortschritts,kam in Lieberose nie an.

1992 waren die Soldaten wegund der Gemeinde war

schnell klar, dass die ganze Natur in der Nachbarschaft

ein Schatz war. Esgab Pläne, das Gebiet zum Nationalpark

zuerklären, aber auch Vorbehalte in der Region,

weil man so eine Fläche ja auch anders nutzen kann. Als

ein Investor ankündigte,einen Solarparkbauen zu wollen,

bekam er die Genehmigung. Bei ihrer Eröffnung

2009 war die Photovoltaik-Anlage in der Lieberoser

Heide die zweitgrößte der Welt. Auf 162 Hektar liegen

nun glänzende Solarmodule, steht man davor, hat man

das Gefühl, auf die spiegelglatte Oberfläche eines Sees zu

blicken.

Es gibt Häuser in Lieberose, die aussehen, als rechneten

sie nicht mehr mit einer Zukunft. Undwelche,die Optimismus

ausstrahlen. Das Café Markt 6gehört dazu.

Heinz-Gerd Hesse hat es als Treffpunkt vorgeschlagen,

er war lange der Apotheker des Orts, jetzt führt er

manchmal Besucher durchs Schloss. Und das Schloss

muss man gesehen haben, wenn man Lieberose verstehen

will, das begreift man schnell. VomCafé Markt 6

geht schon um halb acht Uhr morgens eine flirrende

PetraDreißig,Cafébetreiberin und

frischgebackene Bürgermeisterin

Energie aus, das liegt an der blonden Frau hinter dem

Tresen. „Guten Morgen, Sonnenschein“, begrüßt sie einen

jungen Mann, mit „Ah, ein frischer Wind!“ einen

anderen Kunden, „Na Ingelein, wie geht’s?“, sagt sie zu

einer alten Dame in geblümter Schürze.Obsie Lust hat,

ein bisschen über Lieberose zu reden? „Gern. Sie sprechen

übrigens mit der Bürgermeisterin.“ Umso besser.

In den nächsten eineinhalb Stunden wird Petra

Dreißig viel erzählen, dabei immer wieder hinter den

Tresen schlüpfen, um Kunden zu bedienen, und nie

den Eindruck erwecken, das sei vielleicht zu viel auf

einmal. Man bekommt eine Ahnung, was sie in Lieberose

bewirken könnte. Ein Glücksfall sei die Frau Dreißig,

hört man, wenn man ein bisschen nachfragt im

Ort. Seit gut zwei Monaten ist die 44-Jährige im Amt.

Ihre Vorgängerin war es fast durchgehend 19 Jahrelang,

Dreißig hat sie mit 66 Prozent der Stimmen abgelöst.

Sie bekomme immer noch eine Gänsehaut, wenn

ihr mal wieder klar wird, dass sie jetzt Bürgermeisterin

ist, sagt sie.Sie gehörtkeiner Partei an, hat keine politische

Erfahrung, nur die Überzeugung, dass sich die

Dinge ändernlassen, wenn man nur will.

Sie ist in Guben aufgewachsen, wo ihre Familie seit

über 100 Jahren eine Bäckerei führt. In Lieberose lebt

sie seit zehn Jahren, vorsechs hat sie das Café eröffnet,

sie wohnt darüber. Vor etwa einem Jahr, als sie beim

Schützenfest für das Essen sorgte, sagte sie so dahin,

dass man Bürgermeister sein müsste, dann könnte

man etwas bewegen. „Dann werdedoch Bürgermeisterin“,

sagte jemand, und in den Wochen danach merkte

sie,dass sie den Satz gar nicht mehr so absurdfand.

Nach ihrem Wahlsieg hat sie als Erstes eine Veranstaltung

organisiert, die sie „Bürgertreff“ nannte. Es

kamen 50 Menschen, PetraDreißig wollte wissen, was

sie bewegt. Viele Sätze begannen mit „früher“. Früher

gab es mehr Geschäfte, mehr Arbeit, früher war die

Stadt sauber, früher war es überhaupt besser. Petra

Dreißig sagt, sie kann die „Früher“-Sätze nicht mehr

hören. Es gibt im Ort nun mal nur eine Reinigungskraft,

die Stadtkasse ist leer.Sie rief einen Stadtputztag

aus.Aneinem heißen TagimJuli sammelten 30 Lieberoser

den Müll von den Straßen, die Feuerwehr goss

die Straßenbäume, und am Ende fanden alle, dass

man so eine Aktion bald wieder machen müsse.„Die

Leute wollen doch ein Miteinander“, sagt Petra Dreißig.

Sie scheinen manchmal nur vergessen zu haben,

wie das geht.

Es gibt die Sachen, die man selbst anpacken kann.

Unddie, die etwas komplizierter sind. Sie zeigt eine E-

Mail auf ihrem Handy,sie ist voneinem Makler der Immobilienfirma

Engel &Völkers aus Hamburg. DieBrandenburgische

Schlösser GmbH verkauft zehn Schlösser,auch

das in Lieberose,und PetraDreißig wollte einfach

mal wissen, für welchen Preis es zu haben ist. Ende

August könne man ihr das sagen, erfuhr sie, dann

kommt das Schloss auf den Markt. Sie weiß nicht, wer

Interesse haben könnte an über 50 starkrenovierungsbedürftigen

Zimmern. Sie hört nur viel: von Chinesen

zum Beispiel, die großen Gefallen fänden an deutschen

Schlössern.

Sie hofft, dass es irgendwie doch gelingt, das Gebäude

in öffentlicher Hand zu halten. Es bräuchte nur

eine sinnvolle Nutzung. Ihre Idee: ein nationales Koordinations-

und Schulungszentrum zur Bekämpfung

vonWaldbränden. In ganz Deutschland nehmen Waldbrände

zu, und in Lieberose hat man seit Jahren Erfahrung

damit. Sogar einen Hubschrauberlandeplatz

könnte man im Schlossparkeinrichten. Undfür die Internationale

Naturausstellung wäre auch noch Platz.

DerWald, der Ort, das Schloss,sokäme alles wieder zusammen.

Petra Dreißig läuft in den Raum hinter der

Theke,umihr Konzeptpapier zu holen.

Als ehrenamtliche Bürgermeisterin hat sie kein Büro

im Rathaus,aberdas braucht sie auch nicht. DieAnliegen

der Lieberoser kommen direkt im Café an. DieBetreiberin

der Gärtnerei am Schloss kommt vorbei, sie

hat schon seit längerem Sorge, dass sieschließen muss,

aber erst mal geht es jetzt weiter, erzählt sie, Pflanzen

für den Herbst sind bestellt. Eine Frau sagt, dass sie jeden

TagAngst um ihreTochter hat, wenn die am Ortsausgang

auf den Bus wartet, der sie zur Schule bringt.

Weil die Haltestelle nicht mal ein Wartehäuschen hat.

PetraDreißig verspricht, sich darum zu kümmern.

Um Punkt neun Uhr kommt Heinz-Gerd Hesse durch die

Tür, Zeit für die Schlossbesichtigung. Er hat eine dicke

Broschüre über das Gebäude dabei, aber man kann

ihm auch einfach zuhören. Er weiß, dass das Haus so

groß ist, weil dersächsischeHofstaat standesgemäß beherbergt

werden musste, wenn der einst auf dem Weg

nach Polen hier Station machte.Dass in Schweden eine

sehr alte Dame lebt, die noch im Schloss aufgewachsen

ist, eine der vier Töchter von Graf Albrecht Friedrich

vonder Schulenburg, dem letzten Schlossherrn.

Die von Schulenburgs prägten jahrhundertelang

den Ort, bis sie 1945 im Rahmen der Bodenreform in

der sowjetischen Besatzungszone enteignet wurden.

DasleereSchloss wirkt, als ob sie es erst vorkurzemverlassen

hätten. Eine verwirrende Abfolge von Fluchten,

Treppen und Räumen, manche groß wie ein Ballsaal,

andereklein undintim. DerFörderverein Lieberose,bei

dem Heinz-Gerd Hesse auch Mitglied ist, hat Fotografien

aus den 30er-Jahren gefunden, sie den Zimmern

zugeordnet und Abzüge dortaufgestellt. DerRaum mit

dem Keramikofen in der Ecke –das war das Kaminzimmer,

auf dem Foto stehen zwei geblümte Sessel vor einemHolztisch,

darauf eine Schirmlampe.Indem Raum

mit dem neogotischen Gewölbe aß die Familie,ein langer

Holztisch, Geweihe an den Wänden. Das Zuhause

einer Familie, großbürgerlich eingerichtet, wie eine

Villamit ein paar Zimmernzuviel.

Der Saal im Erdgeschoss mit der prächtigen Stuckdeckeaus

dem späten 17. Jahrhundert, das ist das Bacchus-Zimmer.

Petra Dreißig hat es erwähnt, sie

wünscht sich, dass hier in Zukunft Ehen geschlossen

werden. Sie hat da nämlich noch eine Idee. Esgibt etwas,findet

sie,das nur Lieberose hat: den Namen. Lieberose,das

klingt nach duftenden Blumen,glücklichen

Paaren –nach Hochzeit. Die Menschen sollen hierherkommen,

um zu heiraten, das ist der Plan. An vielen

Plätzen, nicht nur im Schloss.Lieberose,der Hochzeitsort.

PetraDreißig sieht alles schon vorsich. Siehat eine

Gärtnerei gefunden, die in ihrem Auftrageine neue Rosensorte

züchtet. SiewirdLieberose heißen.

PetraAhne mochte im Lieberoser Schloss vorallem

das frühere „Tischtenniszimmer“ –mit einer Tischtennisplatte

aus schwerem dunklem Holz.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine