Berliner Zeitung 24.08.2019

BerlinerVerlagGmbH

4 24./25. AUGUST 2019

Die drei Fragezeichen und

An einem wolkenlosen Tagander

kalifornischen Küste wurde ich

vom Fan der „Drei Fragezeichen“

zum Akteur in einem spezialgelagerten

Sonderfall, wie die drei legendären

Kinder-Detektive aus Rocky Beach wohl sagen

würden. Es war der 18. September 2006,

ich steuerte einen untermotorisierten Riesenleihwagen,

Fabrikat Chevrolet Impala,

über die Küstenstraße in Richtung Santa Barbara,

links von mir der Pazifik, rechts die

Santa Monica Mountains.Ich fuhr also durch

die Gegend, in der die „Drei Fragezeichen“

zu Hause waren. Über die Lautsprecher

schallten die Stimmen von Justus, Peter und

Bob oder besser gesagt, die der sie verkörpernden

Hörspiel-Sprecher,die einen Großteil

der Serie ausmachen. Zwischendrin die

Musik, diese Melodie,die sich anhörtwie gepfiffen,

die sagt: Das Leben ist super, die

Sonne scheint, und das nächste Abenteuer

wartet. Ichgab mir das ultimativeFlashback

in meine Kindheit.

Etwa zwischen meinem neunten und

dreizehnten Lebensjahr, genau in der Mitte

der 80er-Jahre, waren die drei Detektive

meine Helden. DieJungs hatten immer Sommerferien,

ihnen wurde nie etwas verboten,

sie waren schlauer als alle Erwachsenen. Sie

erkundeten Canyons, Höhlen und einsame

Inseln, sie tauchten nach Wracks und Schätzen,

sie gingen in den Filmstudios vonHollywood

ein und aus.Kurz: Sielebten den amerikanischen

Traum eines Zwölfjährigen –einen,

den nicht nur ich träumte und der bis

heute weiter geträumt wird.

Gerade erscheint das 200. „Drei Fragezeichen“-Hörspiel,

im Oktober feiert die Buchreihe

ihren 50. Geburtstag. Mehr als 50 Millionen

deutschsprachige Tonträger sind verkauft

worden, seitdem die Hörspielserie

1979 an den Startging. DieBücher haben bereits

Folge 204 erreicht und 17 Millionen Auflage.

Und das obwohl „The Three Investigators“,

wie sie im Original heißen, in den USA

niemals als Hörspielserie umgesetzt und

1990 nach 55 Bücherneingestellt wurden.

Seitdem sind die drei Detektive ein rein

deutschsprachiges Phänomen. In Deutschland,

der Schweiz und Österreich erscheinen

jedes Jahr sechs neue Bände, verlegt vom

Stuttgarter Kosmos-Verlag, die das Audio-

Label Europa jeweils ein Jahr später als Hörspiel

veröffentlicht. Die Autoren der „Drei

Fragezeichen“ sind heute allesamt deutsche

Muttersprachler. Auch das ist einer der

Gründe,warum ich in den spezialgelagerten

Sonderfall geriet. Aber zunächst zurück zu

jenem TaginSanta Barbaravor 13 Jahren. Ich

war nicht zufällig in der Region unterwegs,

sondern auf Recherche. Mein Ziel war, das

Vorbild für Rocky Beach zu finden, die fiktive

Kleinstadt, in der die drei DetektiveihreZentrale

betrieben, versteckt auf einem Schrottplatz

mit fünf geheimen Eingängen.

DER AMERIKANISCHE SCHRIFTSTELLER RO-

BERT ARTHUR, Erfinder der „Drei Fragezeichen“,

hat sich die Kleinstadt ausgedacht –

und zwar in den 60er-Jahren. Seitdem hat

sich die Region sehr verändert. Rocky Beach

soll etwa 20 Kilometer entfernt von Downtown

Los Angeles sein. Aber L.A. hat sich

heute so weit ausgebreitet, dass alle Städte in

dieser Entfernung nun faktisch mit der größten

kalifornischen Stadt verwachsen sind.

Die Recherche war also schwierig. Trotzdem

war es ein toller Trip.Denn ja, ich fühlte mich

wie ein Detektiv. Ich recherchierte in der

Stadtbücherei von Santa Monica, ich befragte

einen Trödelhändler in Topanga

Beach, ich schlich durch verlassene Häuser

am Pazifik. Ich führte das fort, was ich mit

zehn begonnen hatte –oder zumindest hatte

beginnen wollen.

Denn als Kind gründete ich mit meinem

zwei Jahrejüngeren Bruder und unserem gemeinsamen

Freund Kai selbst eine Detektei.

Leider wohnten wir in einem Dorf mit 500

Einwohnern, und mysteriöse Kriminalfälle

wollten einfach nicht auftauchen. Einmal

vermuteten wir, dass das einzige Industrie-

Unternehmen im Ort fiese Abwässer in den

Fluss leiten würde. Dann verdächtigten wir

eine Autowerkstatt, Altöl im Boden versickern

zulassen. Keine Ahnung, wie wir zu

diesen Vermutungen kamen. Jedenfalls beauftragte

uns niemand, wir recherchierten

nicht. Und soblieb unklar, obesdiese Fälle

überhaupt jemals hätte geben können. Das

einzige, was wir taten –wir stellten uns Detektivausweise

aus, meinen habe ich noch

heute. Darauf steht mit Füller geschrieben:

Codename Kirederf (mein Vorname rückwärts),

weiterhin eine 34-stellige Geheimnummer

(sehr sicher, weil ich sie mir selbst

nicht merken konnte) sowie ein Geheimzeichen,

dessen Sinn sich mir heute nicht mehr

erschließt.

Wir waren nicht alleine mit unserer Begeisterung

für die „DreiFragezeichen“. Auch

im Freundeskreis meines vier Jahre älteren

Bruders gab es drei Detektive. Anders als wir,

wollten sie die Serie aber originalgetreu

nachspielen. Aber schon bei der Verteilung

der Rollen gab es Probleme. Zur Auswahl

standen: Justus,der pummelige erste Detektiv,

der immer auf seiner Unterlippe herumkaute

und unheimlich schlau war, Peter,

zweiter Detektiv,nicht besonders helle,aber

sportlich, und Bob, ein Typ, der seine Freizeit

in Bibliotheken verbrachte. Alle wollten Justus

sein. Als Paul und mein älterer Bruder ihren

Freund Mila zwingen wollten, die Rolle

von Peter zu übernehmen, stieg der aus. So

endeten damals Detektiv-Karrieren, bevor

sie begonnen hatten.

Als ich dann mit 31 in Kalifornien war,

fühlte es sich so an, als würde ich den Kindheitstraum

endlich leben –ein bisschen spät

zwar, aber immerhin. Denn ich hatte trotz

besagter Schwierigkeiten eine heiße Spur.

Ichwar verabredet mit Gayle Lynds,einer der

letzten lebenden Autorinnen der Originalserie.

Sie war zudem verheiratet gewesen mit

Dennis Lynds alias William Arden, ebenfalls

Verfasser von „Drei Fragezeichen“-Krimis

und unter den Autoren der einzige, der den

Erfinder RobertArthur noch persönlich kennengelernt

hatte.Wenn es also jemanden geben

sollte, der mir würde helfen können,

dann sie.

Gayle Lynds wollte mich zu Hause empfangen,

wo sie mit ihrem Mann gelebt hatte.

Ich rollte mit dem Auto durch ein Wohngebiet

von Santa Barbara, mit üppigen Vorgärten.

Vorihrem Haus standen ein grüner Jaguar

und ein hellblauer Volvoaus den 60ern.

Ihre Assistentin öffnete die Tür, inder Diele

hingen dicht gedrängt Bilder, abstrakte

Kunst neben dem Aquarell eines wolkenbedeckten

Himmels und einem Stillleben mit

Apfel. Dann stand die Schriftstellerin vormir,

Als Kind wollte unser Autor sein wie die drei Detektive Justus,

Peter und Bob. Später reise er nach Kalifornien, um deren Heimat Rocky Beach zu

finden. Heute sind ihm Fans auf den Fersen. Denn er hat das wichtigste Dokument

der Serien-Geschichte. Das führt zu wilden Spekulationen

VonFrederik Jötten

schwarze Leggins,darüber ein langes weißes

Hemd, schulterlange blonde Haare. Bei den

„DreiFragezeichen“ gibt es in fast jeder Folge

eine Szene,inder sie vonErwachsenen nicht

ernst genommen werden. Genauso fühlte

ich mich gegenüber Gayle Lynds,die nur vier

Bücher über die drei Detektive geschrieben

hatte,danach jedoch als Thriller-Autorin viel

erfolgreicher geworden war.

„Guten Tag, Mrs. Lynds“, hörte ich mich

kleinlaut fragen, „ich bin auf der Suche nach

Rocky Beach –können Siemir weiterhelfen?“

„Rocky Beach“, sie schüttelte den Kopf. „Ich

weiß es nicht, Dennis und ich haben immer

Santa BarbaraalsVorbild genommen.“ Gayle

Lynds lachte.„Aber ich finde es immer wieder

toll, wie begeistert ihr Deutschen von

den drei Detektiven seid. Auch ich habe die

Jungs geliebt!“ Siebat mich auf die Veranda.

„Ich müsste noch die Bibel haben“, sagte

sie.„Die Bibel –was ist das?“ Eine Frage, so

ahnungslos, wie sie nur der zweite Detektiv

Peter Shaw hätte stellen können. „Das ist die

Anleitung für die Autoren, die der Verlag mir

gegeben hat, als ich in den 80er-Jahren begann,

für die Serie zuschreiben. Da müsste

auch genaueres über Rocky Beach drinstehen.“

Gayle durchsuchte Aktenordner um

Aktenordner. Nach zehn Minuten hielt sie

inne.„Moment, jetzt erinnere ich mich –ich

habe die Bibel einem Ehepaar gegeben, das

einen Fanclub hatte“, sagte sie. „Ich hatte

keine Zeit, sie zu kopieren, und da habe ich

ihnen das Original gegeben.“ Deren Namen

fiel ihr nicht mehr ein. DieSache schien hoffnungslos,

doch als Gayle mir ein Exemplar

ihres letzten Thrillers holte,brachte sie einen

Stapel geklammerte Zettel.„Schau mal“, sagt

sie.„Ichhabe die Bibel doch noch gefunden!“

Siegab sie mir.Ich bedankte mich, ging zum

Auto, las und blätterte dort hastig. Auf Seite

zwei in der Mitte fand ich, wonach ich

suchte:„Santa Monica liegt östlich vonRocky

Beach“ (und ist anscheinend der Prototyp

für die Kleinstadt).

Mit diesem Dokument im Gepäck reiste

ich weiter durch Kalifornien und später wieder

nach Hause. Esdauerte viele Jahre, bis

ich begriff, wie wertvoll diese sieben maschinengeschrieben

Seiten in der Welt der „Drei

Fragezeichen“ waren.

2017 ERREICHT MICH EINE E-MAIL eines gewissen

C. R. Rodenwald. Er arbeitete an einem

Buch über die „DreiFragezeichen“ und

hatte Kontakt zu den Autoren der amerikanischen

Serie aufgenommen. „Ich würde natürlich

gerne einen Blick in die ominöse Serienbibel

werfen. Gayle Lynds, die Sie anlässlich

Ihrer Vor-Ort-Recherche trafen, schrieb

mir, dass sie Ihnen damals ihr einziges Exemplar

geschenkt hätte. Sie sind somit

meine heißeste Spur ...“ Es zeigte sich bald,

dass ich anscheinend weltweit die einzige

Serienbibel hatte.„Sogar der amerikanische

,Drei???‘-Freak Seth Smolinske,der vonRandom

House fast das ganze Archiv geschenkt

bekam, hat keine Bibel“, schrieb Rodenwald.

Ichbegann zu suchen, durchwühlte Schreibtisch,

Regale,Ablagen –nichts.Dann war ich

mir sicher, dass ich das Schriftstück eingescannt

und an Paul, den einen Möchtegern-

Detektiv aus der „Drei Fragezeichen“-

Combo meines älteren Bruders verschickt

hatte. Doch weder er noch ich fanden digitale

Kopien.

C. R. Rodenwald fragte, während er sein

Buch schrieb, noch viermal nach der Bibel.

Und ich fand es selbst einigermaßen unglaubwürdig,

dass ich die Serienbibel nicht

mehr fand, wenn ich ihm das immer wieder

antwortete. War es nicht viel wahrscheinlicher,dass

ich sie hatte und einfach nicht weitergeben

wollte? Ichstellte mir vor, dass C. R.

Rodenwald mir auflauernoder gleich bei mir

einbrechen würde. Ich beruhigte mich damit,

dass ich vielleicht einfach als Kind zu

viele „Drei Fragezeichen“-Krimis gelesen

hatte, wosoetwas garantiert passiert wäre.

Aber C. R. Rodenwald hatte mehr gelesen –

und das sollte sich bald zeigen. Er blieb höflich

und bat mich, mich zu melden, falls die

BARHOCKER, FOLGE 10

VonSally McGrane

Die Nacht der Apfelschorlen

BLZ/REEG

Seitdem ich mit einem Barkeeper zusammenlebe,

bin ich es gewohnt, mitten in

der Nacht aufzuwachen. Gestern kam A. gegen

vier.„Wiewar es?“, fragte ich.„Eine echte

Barhocker-Nacht“, sagte A. „Ich habe einen

Haufen Geschichten für unsereKolumne.“

„Erzähl!“, sagte ich. A. kletterte ins Bett.

„Zuerst kam ein Typrein und bestellte einen

Riesling. Der kostet 4,50. Er gibt mir 10,20

und ich frage ihn, wie viel Wechselgeld er

möchte. Ersagt: ‚Alles.‘ ‚Warum dann die 20

Cent?‘, frage ich. Undersagt, dass er dachte,

dass ich die vielleicht als Trinkgeld behalten

möchte.Ich sage ihm, lieber nicht, da ich damit

Gefahr laufe könne,ineine andereSteuerklasse

zurutschen. Er nahm die 20 Cent

und ging.“

Ichlachte.A.fuhr fort. „Dann kam ein anderer

Mann rein und fragte mich ‚Wann

kommt denn hier endlich jemand raus?‘ Ich

sage: ‚Draußen ist Selbstbedienung.‘ Er: ‚Ja,

Scheiße, ich weiß doch nicht, was mein

Kumpel haben will.‘ Ich: ‚Dann musst du ihn

wohl fragen.‘ Er geht raus und kommt wieder

rein.‚Ein Bier und ein Alkoholfreies.‘ Ichgebe

ihm beides und sage: ‚6 Euro‘. Er zahlt und

sagt, dass er noch nie so viel für ein Bier diskutieren

musste. Ich sage: ‚Wenn das schon

diskutieren war, dann sag mal, wo du sonst

dein Bier trinkst.‘ Er:‚Zu Hause.‘“

„Aber warte“, sagte A.„Ich habe noch eine

Geschichte für dich. Dann nämlich kam dieses

Paar rein und bestellte zwei Apfelschorlen.

Ich sagte: ‚Ihr wisst, dass heute Samstag

ist?‘. Sieantworteten: ‚Ja, wissen wir.Wir sind

ziemlich langweilig.‘ Ich machte ihnen die

Apfelschorlen. Als sie gingen, lehnte sich ein

Typüber die Barund fragte: ‚Wie ist das so,in

der Bar zuarbeiten?‘ Ich hatte mir gerade

selbst ein Bier gezapft und eine Zigarette angezündet.

‚Sieht das nach Arbeit aus?‘, fragte

ich zurück. ‚Aber kannst du davon leben?‘,

fragte er. ,Ja‘, sagte ich. ‚Aber ist das nicht

hart?‘ Ich zuckte mit den Schultern: ‚Nö.‘

‚Musst du jede Nacht arbeiten?‘, fragte er,

,Jede Nacht!‘, sagteich. ‚Das glaub ich nicht‘,

sagte er.‚Wie oft arbeitest du?‘ ‚Zwei Nächte

die Woche.‘ ‚Und damit kannst du für alles

zahlen?‘ ‚Bisher ja.‘ Er schüttelte den Kopf.

‚Zublöd, dass ich in der Schule so gut war.‘“

Ichschloss die Augen. „Warte“, rief A. „Ich

habe eine wichtige Frage.“ „Mmm?“ „Können

wir einen Hund haben?“ Ich mochte

Hunde, hatte aber nie daran gedacht, selbst

einen zu haben. Ichhatte immer allein gelebt

und war viel gereist. Aber jetzt, da wir zusammengezogen

waren, dachte ich: Warum

nicht?„Gibt es einen Hund?“, fragte ich.„Ja!“,

sagte er.„Markus kamheute in die Bar...“„Ist

er ist zurück aus SierraLeone?“ „Kuala Lumpur

diesmal.“ „Was macht er überhaupt an

diesen Orten?“ „Keine Ahnung. Jedenfalls

hat er eine Freundin, die einen Welpen von

der Straße gerettet hat. Die Hündin ist jetzt

ein Jahr alt, aber die Freundin kann sie nicht

mehr haben. Markus sagt,sie seisehrsüß ....“

„Der Hund oder die Freundin?“ A. lachte.

„Vielleicht beide.“ „Wir können den Hund

nehmen“, sagte ich. Wenn etwas A. glücklich

macht, leuchtet sein ganzes Gesicht auf.

„Toll“, sagte er.Als er einschlief, lächelte er –

als würde er vonHunden träumen.

Sally McGrane,Journalistin, Krimiautorin,Amerikanerin und

Berlinerin, schreibt an dieser Stelle in loserFolge.

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