Berliner Zeitung 24.08.2019

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24./25. AUGUST 2019 7

Am 24. August 1939 unterzeichneten der sowjetische

Volkskommissar für Auswärtige

Angelegenheiten, Wjatscheslaw Michailowitsch

Molotow(1890 –1986), und der deutsche

Außenminister Joachim von Ribbentrop (1893 –

1946) einen auf zehn Jahre angelegten, um einen Tag

vordatierten deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt.

Eine Weltsensation: Erst am 25. November 1936 hatte

Nazideutschland zusammen mit Japan den auf fünf

Jahre angelegten Antikominternpakt ins Leben gerufen.

Ein Jahr später trat Italien ihm bei. Jetzt, am 24.

August 1939, schlossen die größten Feinde des politischen

Spektrums –Nazideutschland und die Sowjetunion

–Frieden.

In Wahrheit aber war es mehr als das. Die beiden

Diktaturen bereiteten einen gemeinsamen Krieg vor:

die Aufteilung Polens. Der offizielle Nichtangriffspakt

wurde begleitet von einem geheimen Zusatzprotokoll,

das „für den Fall einer territorial-politischen Umgestaltung“

der Sowjetunion gestattete, imErsten Weltkrieg

verlorene Territorien des Russischen Kaiserreichs wiederzugewinnen.

Es erklärte Ostpolen, Finnland, Estland

und Lettland zur sowjetischen Interessenssphäre,

Westpolen und Litauen zur deutschen. Im Südosten

Europas wurde Bessarabien zum sowjetischen Interessengebiet

deklariert. Deutschland wiederum erklärte

sein politischesDesinteresse an Bessarabien.

Der offizielle Vertrag verpflichtete die Sowjetunion

zur Neutralität bei kriegerischen Auseinandersetzungen

des Deutschen Reiches mit Polen oder mit den

Westmächten. Die Sowjetunion verpflichtete sich,

dem Deutschen Reich Lebensmittel, Erze und vor allem

Öl zu verkaufen. DasDeutsche Reich sollte an die

Sowjetunion Steinkohle und Industrieprodukte liefern.

Die Sowjetunion hielt sich akkurat an diese Vereinbarungen.

Sie erlaubte Deutschland auch die Benutzung

vonHäfen in der Arktis,amSchwarzenMeer

und am Pazifischen Ozean. Deutsche Transitwaren

wurden kostenlos mit der sowjetischen Eisenbahn befördert.

SCHON DER OFFIZIELLE VERTRAG wurde von vielen

Kommunisten überall in der Welt als Verrat am Kampf

gegen den Faschismus betrachtet. „Der Verräter, Stalin,

bist du!“ war die Antwort vieler, denen Stalin den

Prozess machen ließ, weil sie seinem Schwenk nicht

folgten. Molotow hatte das Außenministerium von

Stalin übertragen bekommen, weil er bei dem bisherigen

Amtsinhaber Maxim Litwinow mit Schwierigkeiten

beim Kurswechsel rechnete. Auch Hitlers treuer

Gefolgsmann Joachim von Ribbentrop hatte erst im

Februar 1938 seinen Vorgänger Konstantin Freiherr

vonNeurath abgelöst. Allerdings hatte er als außenpolitischer

Arm („Dienststelle Ribbentrop“) von Reichskanzler

Hitler bereits den Antikominternpakt mit Japan

nicht nur vorbereitet, sondern auch –inBerlin –

unterzeichnet.

Am 1. September,um4.45 Uhr, marschierten, eine

Woche nach der Unterzeichnung des Vertrages, deutsche

Truppen über die polnische Grenze. Am 17. September

–eswar deutlich geworden, dass Polen zu keinem

nennenswerten Widerstand fähig war –begann

in Übereinstimmung mit dem geheimen Zusatzprotokoll

des Nichtangriffspaktes die sowjetische Besetzung

Ostpolens. Die polnische Regierung floh am

nächsten Tag. Erst am 18. Dezember 1939 erklärte die

neue polnische Exilregierung den Kriegszustand mit

der Sowjetunion. Großbritannien und Frankreich taten

das nicht.

Am 28. September schlossen die Sowjetunion und

Nazideutschland den Deutsch-Sowjetischen Grenzund

Freundschaftsvertrag. „Neben einer Bekräftigung

der wirtschaftlichen Zusammenarbeit präzisierten

begleitende, geheime Abkommen die Aufteilung Polens,

schlugen die baltischen Staaten, diesmal mit Litauen,

der Sowjetunion zu und legten die Überführung

der deutschen, ukrainischen und weißrussischen

Minderheiten aus den betroffenen Gebieten in

den eigenen Machtbereich fest.“ (Wikipedia)

Diesowjetischen Annexionen befriedeten die kommunistische

Herrschaft nicht. Jährlich wurden etwa

drei Millionen Sowjetbürger verhaftet. Knapp zwei

Millionen landeten im Archipel Gulag. Derwurde weiterbetrieben.

In ihrem sehr lesenswerten Buch „Der Pakt –Stalin,

Hitler und die Geschichte einer mörderischen Allianz

1931 –1941“ (C.H.BeckVerlag, München 2019, 276 Seiten,

26,95 Euro) schreibt die an der Viadrina lehrende

Mörderische

Allianz

Heute vor 80 Jahren wurde der Hitler-Stalin-Pakt

unterschrieben. Er ebnete Hitler den Wegzum

Zweiten Weltkrieg

VonArnoWidmann

Josef Stalin, der „Vater der Völker“, ist sich mit Joachim von Ribbentrop einig über die Zerschlagung Polens.

IMAGO

Professorin für Europäische Zeitgeschichte Claudia

Weber: „Mit der Besetzung war die Eroberungsmaschinerie

in Gang gesetzt. Von September 1939 bis

zum Juni 1941 war die Geschichte des Zweiten Weltkrieges

in Europa gleichbedeutend mit der Geschichte

des Hitler-Stalin-Pakts; im Osten wie im Norden und

im Westen ... Das ‚Dritte Reich‘ besetzte Frankreich,

die Benelux-Staaten undTeile Skandinaviens während

und aufgrund des Pakts, während sich die Sowjetunion

das Baltikum, Bessarabien und die Nord-Bukowina

einverleibte.Der Kriegsverlauf, der für beide Diktatoren

so erfolgreich war, brachte das Bündnis

schließlich in Südosteuropa, wo beide Großmachtpläne

miteinander kollidierten, an einen entscheidenden,

Bruch- und Konfliktlinien zutage fördernden

Wendepunkt. Im Frühsommer 1940 überschritt der

Hitler-Stalin-Pakt den Zenit im Moment seines größten

‚Erfolges‘.“

Aber bereits am 5. Dezember 1940 erklärte Hitler

seinen militärischen Beratern, die Entscheidung

„über die europäische Hegemonie werde imKampf

gegen die Sowjetunion fallen“. Vom 18. Dezember

1940 datiert die berühmte Weisung 21 des Führers

Adolf Hitler. Ihr erster Satz lautet: „Die deutsche

Wehrmacht muss darauf vorbereitet sein, auch vor

Beendigung des Krieges gegen England, Sowjetrussland

in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen

(Fall Barbarossa).“

ERST AM 22. JUNI 1941 BRACH HITLER DEN PAKT mit

Stalin und deutsche Truppen marschierten in die Sowjetunion

ein. Seit Monaten war mit dieser erneuten

Wendung gerechnet worden. Demenglischen Premier

Winston Churchill war es am Abend davor geglückt,

die USA davon zu überzeugen, dass man, sobald

Deutschland die Sowjetunion überfallen würde, den

Angegriffenen eine Allianz mit Großbritannien und

den USA anbieten müsse, umdie deutsche Vorherrschaft

über Europa zu zerbrechen.

Solange das Deutsche Reich und die Sowjetunion

sich Europa aufteilten, marschierten die Nazi-Truppen

vonSieg zu Sieg. Nurnoch Churchill und das von

ihm geführte Großbritannien stemmte sich gegen die

deutsche, von Stalin gestützte, Übermacht. Er belieferte

die Nazis noch mit Öl, als die längst drei Millionen

Soldaten an der Grenze zur Sowjetunion aufgestellt

hatten. Ohne sein Öl hätten die deutschen Panzeresniemals

bis vordie Tore Moskaus geschafft.

Beim Pakt vom24. August 1939 war es Hitler darum

gegangen, einen Zweifrontenkrieg zu vermeiden. Stalin

dagegen setzte wohl darauf, dass,wenn die Imperialisten

sich gegenseitig zerfleischten, die Sowjetunion

am Ende als Sieger dastände. Das waren auf beiden

Seiten im Rahmen der jeweiligen nationalen Interessen

„vernünftige“ Argumente.

Mit Hitlers Überfall auf die Sowjetunion änderte

sich das.Die alte Nazi-Vorstellung vomzuerobernden

Lebensraum im Osten, von den zu unterwerfenden

„slawischen Untermenschen’“ diktierte von nun an

das militärische Geschehen. Aber auch in der Sowjetunion

und in der kommunistischen Weltbewegung

änderten sich dadurch die Grundkoordinaten. Nun

begann der Große Vaterländische Krieg. Der machte

aus Stalin das „Väterchen Stalin“ und aus der Sowjetunion

eine Weltmacht, die es an der Seite der Nazis

niemals geworden wäre. Diewurde es erst, als die USA

den Verbündeten unter die Arme griff. Die westeuropäischen

Kommunisten wurden nach dem Überfall

auf die Sowjetunion nicht mehr gezwungen, an der

Seite Stalins die Nazis zu unterstützen. Sie konnten

wieder den „antifaschistischen“ Kampf aufnehmen.

Der Hitler-Stalin-Pakt spielt in den Erinnerungen

an den Zweiten Weltkrieg kaum eine Rolle. Wer vom

Zweiten Weltkrieg spricht, der spricht von den Alliierten:

VonChurchill, Stalin und Roosevelt. Aber Claudia

Weber hat völlig recht mit ihrer Bemerkung: „Von September

1939 bis zum Juni 1941 war die Geschichte des

Zweiten Weltkrieges in Europa gleichbedeutend mit

der Geschichte des Hitler-Stalin-Pakts“. Es war Stalin,

der Hitler den Rücken freigehalten hatte.Erhatte wesentlich

dazu beigetragen, ihn zum Herrscher Europas

zu machen. Das ihm von Hitler zugeschlagene Polen

rückte er nach dem Krieg nicht wieder raus.ImGegenteil.

Derzaristische Traum der Westerweiterung Russlands

auf Kosten Polens und der baltischen Staaten –

Stalin hat ihn realisiert. Undheute betrachtet Putin die

Wiederherstellung des Status quo ante als „geopolitische

Katastrophe“.

RÜCKBLICK VON ARNO WIDMANN

Vandalismus, Brian Eno

und die Arbeitslosigkeit

24. August 1349

Pogrom: In Köln werden Tausende Juden ermordet

oder vertrieben. DasganzeJahr über

wurden damals überall im Heiligen Römischen

Reich deutscher Nation jüdische Menschen

vertrieben. Viele der 1010 jüdischen

Gemeinden gibt es nach diesem Jahr nicht

mehr. Die Verbreitung der Pest weckt Endzeitstimmungen:

DieVernichtung der Juden

soll in den Augen vieler Gläubigen der Wiederkehr

Christi den Wegbereiten. Ganz sicher

bestimmen vielerorts auch ganz persönliche,

ökonomische Interessen die Gemütslage

bei der Judenvernichtung.

Der revolutionäre Priester Henri

Grégoire (1750–1831). IMAGO/LEEMAGE

24. August 1794

Vandalismus: In der Schrift „Rapport sur les

destructions opérées par le vandalisme“

prangert der französische Priester Henri

Grégoire(1750–1831), der sich für die Judenemanzipation

und die Abschaffung der Sklaverei

einsetzte, die Zerstörungswut der radikalen

Jakobiner während der Revolution an.

Dabei soll er erstmals das Wort Vandalismus

in seiner heutigen Bedeutung verwendet haben.

24. August 1995

Windows 95: Das Betriebssystem für Personal

Computer Windows 95 vonMicrosoft erscheint

in den USA. Brian Eno komponiert

die eigens für Windows 95 geschaffene Startmelodie.

Wohl die best bezahlten sechs Sekunden

der Musikgeschichte. Die Rolling

Stones untermalen mit „Start Me Up“ die

Fernsehspots, mit denen das neue Betriebssystem

beworben wird.

Brian Peter George Eno, geboren

1948, im Juni 2010. DPA

Und am 24. August 1989 in der

Berliner Zeitung

Arbeitslosigkeit: Es bleibt noch ein langer

Wegzurückzulegen, bis man die Arbeitslosenquote

in der Europäischen Gemeinschaft

auf ein als sozial akzeptabel anzusehendes

Niveau senken kann. Zu dieser Schlussfolgerung

kommt eine in Brüssel bekannt gewordene

Untersuchung der EG-Kommission,

die demnächst dem Ministerrat vorgelegt

werden soll. Die Quote liegt im EG-Maßstab

heute bei 9,3 Prozent. Trotz wirtschaftlicher

Verbesserungen der jüngsten Zeit liege der

Anteil der arbeitsfähigen Bevölkerung, die

über einen Arbeitsplatz verfügt, deutlich

niedriger als Ende der 70er-Jahre. DieZeiten

der Vollbeschäftigung seien vorbei und kehrten

auch nicht wieder,ebenso wenig wie die

dafür verantwortlichen wirtschaftlichen

Konstellationen. So gehe der Trend zu modernen

und flexiblen Klein- und Mittelbetrieben,

die aber je nach Auftragslage einen

stark wechselnden Arbeitskräftebedarf haben.

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