Berliner Zeitung 24.08.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019 – S eite 1

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Lange Nacht der Museen

Alle Routen für die Nacht vom 31. August

Seite 3und 4

Die von David Chipperfield erbaute James-Simon-Galerie mit ihrem strengen Maßwerkund der offenen Freitreppe ist das neue Highlight der Museumsinsel.

BLZ/PAULUIS PONIZAK

Das Museums-Entree

kommt einer tempelartigen

Inszenierung gleich.

Ein erhebender urbaner

Balkon aus hellem Beton und ferner

Antike.Gerade in der Blauen Stunde,

wenn Abenddämmerung und Nacht

sich über die Stadt legen.

Mit der James-Simon-Galerie, zu

Ehren des großen Mäzens James Simon

(1851–1932), der den Berliner

Sammlungen viele wertvolle Kunstwerke

zum Geschenk gemacht hat,

darunter auch die Büste der Nofretete,

hat der Britische Architekt David

Chipperfield für Berlins Museumsinsel

einen edlen Multifunktionsbau

geschaffen. Zuerst erleben

wir ihn als monumentale Treppenanlage.

Und diese bietet sich geradezu

ideal an als Eröffnungsort der

Langen Nacht der Museen.

Gehen wir dann weiter, finden

sich auf der Museumsinsel und

auch am Kulturforum, hin zu Gemäldegalerie,

Kupferstichkabinett,

Kunstbibliothek und Musikinstrumenten-Museum

etliche historische

Entsprechungen. Wir erleben

den Aufstieg zur Kunst jeweils als

einen klassischen Musentempelgang.

Dieses Konzept aus der Epoche

der bürgerlichen Emanzipation

beeindruckt nach wie vor. Die

134 Millionen Euro teure James-Simon-Galerie

ist Dreh- und Angelpunkt

des zum Weltkulturerbe zählenden

Ensembles aus fünf Häusern:

Pergamonmuseum, Neues

Museum, Bode-Museum, Altes

Museum, Alte Nationalgalerie.

Erreicht werden können durch

die Galerie bislang das Pergamonmuseum

–der Pergamonaltar befindet

sich nach wie vor inder Restaurierung

und ist noch nicht wieder zu

sehen –über einen Zugang im Obergeschoss

sowie das Neue Museum

mit den Ägyptischen Sammlungen

und der Königin Nofretete. Für die

jährlich zuletzt knapp 2,5 Millionen

Besucher beginnt in der Galerie zudem

die neue archäologische Promenade,

die die einst über Brücken

miteinander verbundenen Gebäude

künftig unterirdisch anbinden soll.

Drinnen in der James Simon Galerie

wacht ein junger Löwe. Sein Gestalter,

der berühmte Berliner Bildhauer

August Gaul (1869–1921), hat

das schöne Tier mit Meißel und

Hammer aus einem Kalksteinblock

geschlagen. Der zahm wirkende König

der Tiere hält den Kopf leicht erhoben,

wach, die abgerundeten Ohren

hochgestellt. Auftraggeber war

einst der jüdische Zeitungsverleger

und Kunstsammler Rudolf Mosse

(1843–1920). Die Skulptur zierte den

Hof des Mosse-Palais’ inder Leipziger

Straße, im Bombenhagel 1945

wurde alles zerstört, aber der Löwe

blieb heil, wie durch ein Wunder.

Der Ostberliner Magistrat übergab

das Bildwerkder Nationalgalerie

Ost, deklarierte es 1951 gar als Geschenk.

Gauls Löwe stand dann

noch lange, weit über die Wendezeit

hinaus, ander Kutschendurchfahrt

der Alten Nationalgalerie.2015 restituierten

die wiedervereinten Staatlichen

Museen zu Berlin die Skulptur

Blaue

Stunde

Die neu eröffnete James-Simon-

Galerieist Dreh-und Angelpunkt

der musealen Nachtschwärmerei

VonIngeborg Ruthe

August Gauls Löweaus dem Hof des 1945 kriegszerstörten Mosse-Palais ist fortan der

ausgesprochen friedliche Tempelwächter in der James-Simon- Galerie.

DPA

an die Mosse-Nachfahren. Nur ein

Jahr später konnte das Kunstwerk

mit Bundesmitteln von den Erben

angekauft werden. Liebevoll restauriert,

empfängt es nun die Besucher.

Man kann von hier aus einen

weiteren Bau Chipperfields aufsuchen,

gleich gegenüber,amKupfergraben

und am markanten Architektur-Stil

zu erkennen. Das Haus

Bastian, über Jahre Galeriehaus

und Ausstellungsmittelpunkt der

Berliner Sammlerfamilie Bastian,

ging als deren großzügiges Geschenk

an die Staatlichen Museen

und dient nun als Ausstellungsund

Aktionszentrum für deren Kinder-und

Jugendarbeit.

Viele weitere Orte dieser 39. Langen

Nacht der Museen –dieses 1997

erfundenen „Berliner Originals“, in

zig anderen Metropolen der Welt inzwischen

nachgeahmt – sind aufs

Neue zu entdecken. 75 Museen,

Sammlungen, Kulturinstanzen können

wir auf acht Routen erreichen.

Erstmals nimmt das PalaisPopulaire

(zu DDR-Zeit Operncafé Unter den

Linden) teil. Man feiert daden Hippie-„Summer

of Love“ von 1967 –

mit Bildernund Straßenmusik.

DieNeue Synagoge Berlin –Centrum

Judaicum lädt Prominente in

ihre neue Dauerausstellung, darunter

den Swing-Musiker Andrej

Hermlin und den Rapper Ben Salomo.Erstmals

dabei ist auch das 30

Meter hohe Panorama von Yadegar

Asisi. Virtuell erlebbar wird darin als

Zeitreise ein Taginder Stadt Pergamon

129 n. Chr.Und nicht zu vergessen:

Wir sind im Bauhaus-Jubiläumsjahr.

Berliner Museen haben

dazu eine Menge zu bieten (Mehr

dazu auf der letzten Seite dieser Sonderbeilage).

Und manchmal führt der Wegzu

etwas Neuem, Überraschendem

auch nach weiter draußen. An den

Stadtrand. So ins Schloss Biesdorf,

inmitten eines zauberhaften Parks.

Dort, in der wohl repräsentabelsten

Kommunalen Galerie Berlins,treffen

die Besucher in den fein restaurierten

Schloss-Sälen auf „Klasse Damen“.

Hintergrund ist noch ein Jubiläum:

Vor 100 Jahren öffnete sich

auch in Berlin die Kunstakademie

für Frauen. Keine Selbstverständlichkeit

damals. Die kreative Weiblichkeit

musste sich das Studium

harterstreiten. DasFrauenwahlrecht

wurde zwar 1918 errungen, aber

staatliche Kunsthochschulen verweigerten

Frauen den offiziellen Zugang.

So blieben bis dahin nur Damenklassen

und teure Privatschulen.

14 dieser Pionierinnen werden

mit ihren Werken vorgestellt, dazu

Arbeiten heutiger Künstlerinnen.

Einspannender Dialog.

Und ganz dem digitalen Zeitalter

gemäß begleitet auch Facebook die

Lange Nacht. In Kooperation mit der

Berliner Zeitung sind 360-Grad-Videos

entstanden, in denen ausgewählte

Ausstellungen in Augmented

Reality am Bildschirmerkundet werdenkönnen.

Im Internet unter:

www.berliner-zeitung.de/langenacht-videos

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