Berliner Zeitung 24.08.2019

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6 Berliner Zeitung · N ummer 196 · 2 4./25. August 2019

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Lange Nacht der Museen

Malerei wird Tanz: Das Bayerische Juniorballett wiederbelebt das legendäre „Triadische Ballett“ des Bauhaus-BühnenmeistersOskar Schlemmer in der 1977 erarbeiteten Fassung von Gerhard Bohner.

WILFRIED HÖST

Es war ein letzter Versuch,

aus der Verzweiflung geboren

und doch so ambitioniert,

wie alles, was Mies

van der Rohe in Angriff nahm. 1932

war er mit einem Grüppchen Bauhäuslern

mit Sack und Pack voller

Lehrmittel und Möbel von Dessau

nach Berlin aufgebrochen, um von

der Kunstschule und ihrem Geist zu

retten, was es noch zu retten gab.

Denn in Dessau hatte 1931 die

NSDAP die Gemeinderatswahlen gewonnen

und am 30. September kurzerhand

das Bauhaus aufgelöst. Der

Architekt Mies, nach dem Gründer

Walter Gropius und nach Hans Mayer

dritter Direktor des Bauhauses,

war fest entschlossen, weiterzumachen.

So richteten sich die Bauhäusler

unter prekären Verhältnissen in

einer leerstehenden Telefonfabrik in

Berlin-Steglitz ein und nahmen den

Schul- und Lehrbetrieb mutig und

entschlossen wieder auf.

Durch die Repressalien der Nazis

und die drastischen Kürzungen der

Mittel war die Arbeit jedoch auch

hier nur noch eingeschränkt möglich.

Dann, am Morgen des 11. April

1933, –Mies van der Rohe erschien

wie gewöhnlich zur Arbeit –war das

Gebäude in der Birkbuschstraße 49

von bewaffneten Polizisten und SA-

Leuten abgeriegelt und von Schaulustigen

umstellt. Ein Ende mit

Schrecken. Mies van der Rohe

(1886–1969), der als Architekt in seinem

Streben nach der reinen Form

die Moderne auf die Spitze trieb,

hatte bis zuletzt gekämpft.

Die kurze und dramatische Berliner

Zeit veranlasste viele Professoren

und Schüler zu dem Entschluss, in

die innere oder in die tatsächliche

Emigration zu gehen. Das Gebäude

in Steglitz gibt es nicht mehr, außer

einer Gedenktafel erinnert nichts

mehr an die legendäre Kunstschule,

die wie keine andere Bewegung für

Avantgarde und Moderne im 20.

Jahrhundertsteht.

Die Erinnerung halten indes die

vielen Orte wach, wo das Bauhaus

trotz der kurzen Wirkungsspanne

stadtplanerisch seine Spuren des

Neuen Bauens bis in die Außenbezirke

hinterlassen hat: Sei esdie von

dem Architekt Bruno Taut entworfene

Hufeneisensiedlung oder die in

den Nachkriegsjahrzehnten ebenfalls

im Bezirk Neukölln errichtete

Gropiusstadt.

Auf all das richtet die „Bauhauswoche

Berlin“ ihr Brennglas. Mit

dem Festival erreicht das bundesweite

Jubiläumsjahr 2019 zu 100

Jahre Bauhaus zudem einen Höhepunkt

in der Hauptstadt. Den Auftakt

schlägt die Lange Nacht in vielen

Museen und mit Touren im Stadtraum.

Zugleich verweist dies auf die

bereits 1923 veranstaltete „Bauhauswoche“

in Dessau –nachWeimar der

zweite Sitz der 1919 gegründeten

Kunstschule. Damals sollte auf

Drängen des thüringischen Landesparlaments

eine Ausstellung konzipiert

werden, die die ersten Ergebnisse

dieser neuen, mit öffentlichen

Geldern subventionierten Kunstschule

zeigen sollte. Für zu verfrüht

hielten die Bauhäusler und ihr Direktor

Gropius diesen Zeitpunkt, um

schon etwas mehr als Konturen des

weltweit noch einzigartigen pädagogischen

Systems vorzuzeigen.

Trotzdem konzentrierten sie alle

Kräfte auf deren Ausrichtung. Mit

Vorträgen von Gropius oder Kandinskys

„Über synthetische Kunst“,

mit Oskar Schlemmers„Triadischem

Die Vision

von Kunst und

Leben

Berlin war in der NS-Zeit letzte Zuflucht und

Hoffnung: Auf dem Bauhaustrip in die Lange Nacht

Die Bauhauswoche Berlin

ist Teil der bundesweiten Aktivitäten

unter dem Dach von

100 Jahre Bauhaus mit seinen

Stationen Weimar,Dessau

und Berlin, wo die Nazis

die progressiveEinrichtung

1934 verboten.

Beginn: Heute, 31. 8., in der

Langen Nacht der Museen.

Bis 8. September 2019 inklusiveTag

des offenen

Denkmals 7./8. September.

VonIrmgard Berner

100 JAHRE BAUHAUS

Die Orte: Festivalzentrum ist

die Bauhaus Reuse auf dem

Ernst-Reuter-Platz, mit Café

und Bibliothek und neuester

Bauhaus-Literatur

Öffnungszeiten: 31. 8. bis

8. 9., täglich. Die große

Schaufensterausstellung in

der Kantstraße, rund um den

Savignyplatz und in der Potsdamer

Straße erzählt vonder

wechselvollen Geschichte

des Bauhauses.

Yoga-Freunde erleben Bauhaus-Flair

auf Terrassen und

Flachdächernder Bauhausmoderne

und ihrer Nachfolge,

wie etwa des Cafés Sibylle,

Karl-Marx-Allee. Im

Open-Air-Kino im Podewiil

äuft die Bauhaus-Filmreihe.

Weitere Informationen:

www.bauhaus100.

berlin/de/bauhauswoche

www.bauhaus100.de/programm

Ballett“ und Uraufführungen fand

sie bei Publikum und Presse großen

Anklang.

Diese ins Heute transferierte Idee

findet ihren Ausgangsortjetzt auf der

verkehrsumtosten Mittelinsel des

Ernst-Reuter-Platzes. Dorthin lockt

im gläsernen Pavillon das Festivalzentrum

zum zeitgeistigen Bauhaus-

Kult-Feeling, dem „modernen Gefühl“,

wie es Bauhaus-Zeitgenossen

in den damals noch ungewohnten,

uns heute so vertrauten Glasbauten

empfunden haben mögen. Tatsächlich

umweht den Flachbau ein

Hauch originärer Dessau-Aura:

Denn die Fensterelemente der 174

Quadratmeter großen „Bauhaus

Reuse“ wurden 1976 im Zuge der

umfangreichen Nachkriegssanierung

an der Nordfassade des Dessauer

Bauhauses eingebaut, bei einer

erneuten Sanierung 2011 abmontiert,

eingelagert und nun recycelt.

Am Ernst-Reuter-Platz, dem Ort

der „Wiederverwendung“, laden

Ausstellungen,Vorträge,Filme,Radioabende,

Performances und Workshops

zu Diskurs und Austausch ein.

Eröffnung ist am 31. August, 18 Uhr,

Abschlussparty am 7. September.

Um die Ecke an der Knesebeckstraße

kann es auf den Bauhaustrip

direkt in die Lange Nacht gehen.

Dort nimmt der Klangkünstler Rochus

Aust mit seinem Stromorchester

um 18 Uhr die Route Richtung

Kulturforum auf. Ausgerüstet mit Periskopen

lässt sich amWegdurch das

Hansa-Viertel ins Gropius-Haus

schauen –und über Bauzäune: an

der Neuen Nationalgalerie in Mies

van der Rohes Glasbau sowie zum

Bauhaus-Archiv/Museum für Gestaltung

mit seinen Sägezahn-Dächern.

Aktuell ist auch dieses wegen

Sanierung geschlossen, weswegen

das Archiv mit „the temporary bauhaus-archive“

im Haus an der Knesebeckstraße

eingerichtet ist. Nebst

großem Shop mit Designartikeln

dient es als Informationszentrum zu

„100 JahreBauhaus“.

Um Mitternacht bringt hier eine

Führung durch die Fotoausstellung

die Frauen, 60 Bauhäuslerinnen, näher.

Doch zuvor ist die Ankunft am

Kulturforum, einem weiteren Epizentrum

in dieser Nacht, gegen 19.30

Uhr anvisiert. Dort macht nicht nur

die Miniaturversion des Dessauer

Bauhauses, die „Wohnmaschine“

VanBoLe-Mentzels, Station auf der

Piazzetta und lädt zum Lampenbasteln

in 100 Sekunden. In der Gemäldegalerie

lässt sich entlang der Alten

Meister in die Bauhaus-Farbenlehre

eintauchen und im Vorraum der

Kunstbibliothek Hand an die Druckerpresse

anlegen, um wie einst

László Moholy-Nagy mit „Neuen Typografien“

zu experimentieren.

Ganz im Sinne des ganzheitlichen

Bauhauskonzeptes gesellt sich zu

Farben und Drucken der Tanz. Inspiriert

von Schlemmers „Triadischem

Ballett“ bewegen sich Tänzerinnen

durch die Foyerebenen, und Besucher

können sich mit Papierkostümen

in Schlemmer-Figurinen verwandeln.

Oder mit Charleston, Jazz

und den Swingbopers den Spirit der

Goldenen 20er-Jahre heraufbeschwören

–ganz zu schweigen vom

kulinarischen Angebot und den

Cocktails „Gin van der Rohe“ und

„Walter’s Mule“, bevor es vielleicht

weiter zur Deutschen Kinemathek

geht. Dort bringt das „Kino der Moderne“

mit starken Bildernden Zeitgeist

jener Avantgarde ins heutige

Bewusstsein.

BAUHAUSMEISTER LÁSZLÓ MOHOLY-NAGY UND SEINE TYPOGRAFENSCHULE IN DER KUNSTBIBLIOTHEK AM KULTURFORUM

Jan Tschichold: Kinoplakat,

1927 LILO TCHICHOLD-LINK

Die Kunstbibliothek eröffnete

soeben den von László Moholy-Nagy

konzipierten Ausstellungsraum„Wohin

geht die typografische

Entwicklung?“ erstmals seit

90 Jahren wieder für die Öffentlichkeit.

1929 hatte der Bauhausmeister

78 Schautafeln zur Zukunft der Typografie

gestaltet und im Berliner

Martin-Gropius-Bau, damals noch

Kunstgewerbemuseum, ausgestellt.

Mit der Rekonstruktion dieser Ausstellung

und einer umfangreichen

Publikation öffnet sich ein neuer

Blick in eine der innovativsten Phasen

im Schaffen des ungarischen

Künstlers, der 1920 nach Berlin zog.

1923 berief ihn Walter Gropius als

Meister ans Staatliche Bauhaus Weimar.

Moholy-Nagy widmete sich

speziell der Entwicklung der Typografie.Erging

1925 mit nach Dessau

und galt als das mediale Universalgenie.Seinen

pädagogischen Ansatz

des Autodidakten lebte er selbst –

am Bauhaus und später auch im Exil

am NewBauhaus Chicago.

„LászlóMoholy-Nagyund dieNeueTypografie“,

in der Langen Nachtder Museen, dannbis

15. September ,KunstbibliothekamKulturforum,

Di–Fr 10–19/Sa+So 11–18 Uhr

Plakat, 1927 von A. M. Cassandre.

D. MOURON

Max Burchartz entwarf 1928 dieses Plakat für die Städtischen

Bühnen Essen. VG BILDKUNST BONN 2019

Kurt Schwitters: „Merz-Zeitschrift-Cover

1924

KB, SMB

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