HIER+JETZT. Impulsmagazin // Sonderheft 2019

sachsenanhaltmw

Unternehmergeist und Forschungsexzellenz in Sachsen-Anhalt: Das Impulsmagazin HIER+JETZT zeigt Erfolgsgeschichten, deckt Potenziale auf, begleitet Anfänge und Durchbrüche und zeichnet Zukunftsszenarien.

IMPULSMAGAZIN

HIER+JETZT.

Unternehmergeist und Forschungsexzellenz

in Sachsen-Anhalt

wirtschaft-in-sachsen-anhalt.de

SONDER

HEFT

Mut.

Innovation.

Macher.


EDITORIAL

HIER

werden Ideen

erfolgreich.

Es genügt nicht, gute Ideen zu haben.

Sie müssen Wirklichkeit werden. Damit Ideen

zum Erfolg führen, brauchen sie Chancen.

Sachsen-Anhalt bietet diese Chancen. Unternehmerinnen

und Unternehmer schätzen

nicht nur die zentrale Lage und die hervorragende

Infrastruktur, die das Bundesland in

Deutschland und Europa zu einer führenden

Logistik-Drehscheibe macht.

Auch die optimale Wissenschaftsstruktur

sowie ein durchdachtes Clustermanagement

bieten Gründern sowie etablierten

Unternehmen beste Rahmenbedingungen.

Die historischen Wurzeln im Maschinenbau

und der Chemieindustrie bilden ein

zukunftsfähiges Fundament für die Region

und schaffen Brücken zu noch relativ jungen

Branchen wie der Informationstechnologie

oder der Bioökonomie. Sachsen-Anhalt gehört

zu den Vorreitern bei neuen Werkstoffe

und Materialien auf Basis nachwachsender

Rohstoffe. Ebenso finden hier schöpferische

Menschen ein anregendes Umfeld und den

künstlerischen Freiraum für ihre Ideen. Die

Kreativwirtschaft wird zunehmend zu einem

Impulsgeber und Innovationsmotor für andere

Branchen.

Die besten Chancen zählen jedoch

wenig, wenn sie nicht genutzt werden. Alles

ist nichts ohne Menschen mit dem Mut ein

Unternehmen zu gründen oder eine Innovation

auf den Markt zu bringen. Diesen Menschen

stehen das Ministerium für Wirtschaft,

Wissenschaft und Digitalisierung sowie die

Investitions- und Marketinggesellschaft

Sachsen-Anhalt als Partner und Lotsen an der

Seite – bei der Suche nach einem geeigneten

Standort, bei Fragen zu Verwaltungsverfahren

der Behörden oder finanziellen Förderungen

bis hin zur Projektkonzeption.

Für Unternehmerinnen und Unternehmer

mit Mut und Ideen ist Sachsen-Anhalt

gut gerüstet. Mit seiner Innovationsstrategie

ist das Land in den vergangenen Jahren gut

vorangekommen. Die Verbindung zwischen

Wirtschaft und Wissenschaft wurde nachhaltig

ausgebaut und der Wissens- und Technologietransfer

hat entscheidende Impulse

erhalten. Dazu beigetragen haben wegweisende

Initiativen wie die Landesexzellenzinitiative,

der gezielte Ausbau der wirtschaftsnahen

Forschungsinfrastruktur, der

Aufbau einer leistungsfähigen Transferinfrastruktur

mit dem Kompetenznetzwerk

für Angewandte und transferorientierte

Forschung (KAT) sowie die Förderung von

Ver bundvorhaben und von Forschung- und

Entwicklungsprojekten in Unternehmen.

Um im internationalen Standortwettbewerb

die Position Sachsen-Anhalts

weiter zu verbessern, haben auch zukünftig

Bildung, Forschung und Innovation Priorität.

Das der eingeschlagenen Weg richtig

ist, zeigen die Erfolgsgeschichten auf den

folgenden Seiten.

wirtschaft-in-sachsen-anhalt.de

3


Inhalt

6

11

16

21

26

29

Ernährung und Landwirtschaft

Roquette + PureRaw:

Echte Kracher in der Röhre

Chemie und Bioökonomie

EW Biotech:

Aus klein wird groß

Mobilität und Logistik

FEV Dauerlaufprüfzentrum:

Auf Herz und Nieren

Gesundheit und Medizin

neotiv:

Kopfsache

Energie, Maschinen- und Anlagenbau,

Ressourceneffizienz

INTEB-M:

Maschinenbau in der DNA

Ceterum:

Freiraum schaffen für Innovationen

4


INHALT

31

36

41

Informations- und

Kommunikationstechnologien

mercateo:

Ledermanns Liebling

Kreativwirtschaft

Designhaus Halle:

Ein Brutkasten für Kreative

Schlüsseltechnologien

SmartMembranes:

Haarklein zum Erfolg

5


ZUKUNFTS-

MARKT

ERNÄHRUNG

UND LAND-

WIRTSCHAFT

Echte Kracher

in der Röhre

Roquette + PureRaw

6


ZUKUNFTSMARKT ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT

Ein starkes Team will in

Klötze ein Forschungs- und

Kompetenzzentrum für

Algen heranziehen

Kirstin

Knufmann,

Geschäftsführerin

Knufmann GmbH,

und Jörg Ullmann,

Geschäftsfüher

Roquette Klötze

GmbH & Co. KG

„Irgendwo im Osten.“ Dort soll es

einen guten Hersteller für Algen geben,

erfuhr Kirstin Knufmann einst von einem Kunden.

Sie suchte gerade nach regionalen Alternativen

für ihre Lieferanten aus China. Es war

die Zeit, als sich in ihrem Elternhaus bei Köln die

Kartons und Kisten mit ihren Waren stapelten

und die Familie nur noch mit angezogenen

Armen durch die Gänge laufen konnte. Dank

des Hinweises entdeckte Kirstin Knufmann in

Sachsen-Anhalt die Roquette Klötze GmbH &

Co. KG und mit ihr einen starken Partner, mit

dem sie immer neue Produkte entwickelt. Sie

fand in Klötze in der Altmark aber auch einen

attraktiven Standort für ihr eigenes Unternehmen:

die Knufmann GmbH mit der Marke

PureRaw.

PureRaw steht für die Produkte, von denen

Kirstin Knufmann persönlich überzeugt ist.

Denn sie ernährt sich seit vielen Jahren von veganer

Rohkost, entwickelt eigene Rezepte und

informiert in Fachbüchern, auf Messen und in

Vorträgen über das Thema Ernährung. „Algen

sind nicht nur für Menschen interessant, die

sich vegan ernähren. Ein Mangel an Vitamin

B12, Eisen oder Jod ist mittlerweile in ganz Europa

Thema“, sagt Kirstin Knufmann. „Die Böden

sind ausgelaugt und die Suche nach hochwertiger

Nahrung wird zum Problem.“

Algen liefern wertvolle Proteine,

Vitamine und Fettsäuren, wachsen bei

geringer Nährstoffzufuhr 10- bis 30-mal schneller

als Landpflanzen und sind lange haltbar. Auf

viele drängende Fragen zu Klima, Landwirtschaft

und Ernährung der Weltbevölkerung

liefern sie Antworten. Im Tierfutter können sie

dazu beitragen, dass weniger Antibiotika eingesetzt

werden, und sogar als Treibstofflieferant

sind sie im Gespräch.

„Mit der Alge habe ich immer eine Lösung

parat. Es gibt nur ein Problem: Das weiß kaum

jemand“, sagt der Biologe Jörg Ullmann. „Dabei

können wir gar nicht mehr vom Hoffnungs-

7


Fakten

Ernährung und Landwirtschaft

in Sachsen-Anhalt

1,2

100

Sachsen-Anhalt besitzt

rund 1,2 Millionen Hektar

landwirtschaftlich genutzte

Fläche, davon circa

85 Prozent Ackerland.

Klein Wanzleben ist einer

der ältesten Standorte

der Zuckerproduktion in

Deutschland.

In Sachsen-Anhalt findet

man Böden mit der höchsten

Bodengüte. Vielerorts wird die

maximale Bodenwertzahl von

100 erreicht.

In der Ernährungsbranche

gibt es 22.500

Unternehmen mit mind.

20 Mitarbeitenden.

träger der Zukunft sprechen. Die Algen sind

schon längst da.“ Etwa 70 Prozent aller verarbeitenden

Lebensmittel enthalten bereits

Algen. Dabei werden sie erst seit 65 Jahren

industriell produziert. In Klötze steht die erste

deutsche Algenfarm, die bis heute zu den

größten Europas gehört. Hier wird seit 2004 in

erster Linie die Mikroalge Chlorella gezüchtet in

einem 500 Kilometer langen Röhrensystem aus

Glas. Das spart Platz sowie Energie und schützt

vor Verunreinigungen. Auf Bestellung baut die

Roquette Klötze GmbH auch rund 15 andere

Algenarten an. Ein zweites Werk in Mecklenburg-Vorpommern

hat jüngst damit begonnen,

mit einer ganz neuen Technologie die wärmeliebende

Spirulina herzustellen.

„Das wäre weltweit einmalig. Wir wollen

hier neue Produkte für Supermärkte

entwickeln und diese Produkte auch vor

Ort herstellen sowie vermarkten. Zudem

möchten wir die Öffentlichkeit darüber

aufklären, was Algen alles können.“

KIRSTIN KNUFMANN

Jörg Ullmann arbeitet seit 2004 in der

Algenfarm und übernahm 2012 die

Leitung in Klötze. „Wir sehen uns hier als

Biomasseproduzent“, sagt der Fachmann für

Pulver und Presslinge aus Mikroalgen. „PureRaw

hingegen ist näher am Endkunden und weiß,

was sich die Menschen wünschen und was sie

am besten anspricht.“ Gemeinsam sind Kirstin

Knufmann und Jörg Ullman in der Lage, gesunde

und beliebte Produkte zu entwickeln und sie

erfolgreich zu vermarkten: Das Pulver „BOBEI“

ersetzt beim Backen die Zutaten Butter und Ei.

Die Instant-Trinkmischung „Einhorn-Zauber“

bringt den natürlichen blauen Farbstoff der Spirulina-Alge

mitsamt ihren wertvollen Inhaltsstoffen

ins Glas.

Es gibt auch Kooperationen mit anderen Unternehmen

und vieles ist im Geheimen noch in

Vorbereitung. „Wir haben echte Kracher in der

Röhre“, sagt Ullmann zum Beispiel im Hinblick

auf die Algencracker „Helga“ und das gleichnamige

Bio-Getränk. Es gibt Eismischungen,

Algennudeln und man probiert sich an Gebäck.

Eine Mosterei versetzt Fruchtsäfte mit dem

Algenpulver aus Klötze und deckt so den Tagesbedarf

an Vitamin B12. Doch Knufmann und

Ullmann haben das Thema Algen noch lange

nicht satt. „Wir brauchen noch mehr tolle, sexy

Produkte“, sagen sie.

Die beiden träumen von einem

Forschungs- und Kompetenzzentrum

in Klötze. Mit Geschäftspartnern und mutigen

Start-ups wollen sie Know-how am Standort

bündeln. „Das wäre weltweit einmalig. Wir

wollen hier neue Produkte für Supermärkte

entwickeln und diese Produkte auch vor Ort

8


ZUKUNFTSMARKT ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT

algomed.de

kirstinknufmann.de

pureraw.de

herstellen sowie vermarkten. Zudem möchten

wir die Öffentlichkeit darüber aufklären, was

Algen alles können“, erklärt Kirstin Knufmann.

Im Internet zeigt die junge Frau, wie sich Algen

zu Hause zubereiten lassen. Die Aufnahmen

entstehen in ihrer privaten Küche, die sie sich

inzwischen ebenfalls mit Jörg Ullmann teilt. Die

beiden kochen, braten und trocknen Algen. Die

uralten Wasserpflanzen dienen ihnen als Gemüse,

Gewürz, Geliermittel und Geschmacksverstärker.

Vermutlich gibt es 400.000 verschiedene

Algenarten auf der Welt, und die Forschung

steht noch ganz am Anfang. „Wir sind

gerade erst dabei, diese Schatztruhe zu öffnen“,

sagt Ullmann. Für das neue Kompetenzzentrum

hat er mit seiner Partnerin den ersten Grundstein

gelegt. 2018 initiierten die beiden das

mehrmonatige Innovationsforum AlgaeFood,

zu dem auch eine internationale Konferenz in

Magdeburg gehörte. Die Suche nach weiteren

Geschäftspartnern hat somit begonnen. Doch

auch Multiplikatoren wie Köche, Blogger und

prominente Markenbotschafter werden gebraucht.

„Es ist schön, dass Sachsen-Anhalt die

Algen in seine Leitmarktstrategie aufgenommen

hat“, findet Ullmann. „Klötze könnte zum

Ausgangspunkt für einen ganzen Industriezweig

werden.“

Als Kirstin Knufmann damals nach einem neuen

Standort für ihr Unternehmen suchte, hatte

sie auch München und Hamburg im Blick. In

Klötze fand sie nicht nur günstigere Lager- und

Produktionsflächen, sondern auch 18 Mitarbeiterinnen,

Haus und Hund – und in Jörg Ullmann

einen starken Partner im Beruflichen wie im

Privaten. „Wir haben schon so viel zusammen

angestoßen“, freut sie sich. „Dafür haben wir

es drei Jahre lang nicht geschafft, ins Kino zu

gehen.“

9


ZUKUNFTSMARKT ERNÄHRUNG UND LANDWIRTSCHAFT

Frei von

Gewissensbissen

Gut gemeinte und gut gemachte

Schokolade kommt aus Tangermünde

Tangermünder Nährstange, Magdeburger

Kugeln oder Tanolo – die

Konditorei Stehwien ist für außergewöhnliche

regionale Spezialitäten bekannt. Doch sie hat

auch die Trends der Zukunft im Blick.

Die Konditorei wurde 1899 in Tangermünde

gegründet und ist bis heute in Familienhand

geblieben. Der Inhaber Olaf Stehwien freut sich,

wenn er durch die moderne Produktionsstätte

führen kann. Er hat nichts zu verbergen, aber

viel vorzuzeigen. Neben den traditionellen Pro-

dukten bedient das 20-köpfige Team unter anderen

auch die Marke „ChocQlate“ des Münchner

Unternehmens TrustFood GmbH und damit

den überregionalen Zukunftsmarkt: Die feinen

Virgin-Kakao-Schokoladen sind vegan, bio,

gluten- und laktosefrei. Gesüßt werden sie mit

Kokosblüten und verpackt in kompostierbarer

Holzfolie.

naehrstange.de, chocqlate.com

Bibliothek

des Lebens

Die große Genbank in Gatersleben

ist lebenswichtig

Knackige

Ideen

Die Trockenfrüchte von PÄX Food garantieren

natürlichen Geschmack

Die wissenschaftliche Arbeit in Gatersleben

baut auf ein grünes Herz: die

bundeszentrale Ex-situ-Genbank. Sie sichert

als eine der weltweit größten und ältesten Einrichtungen

ihrer Art die genetische Vielfalt von

Kulturpflanzen.

In der Genbank am Leibniz-Institut für Pflanzengenetik

und Kulturpflanzenforschung (IPK)

Gatersleben werden 151.002 Muster aus 2.933

Arten und 776 Gattungen bewahrt und so

dauerhaft nutzbar gemacht: Mit Hilfe dieser

Sammlung werden Kulturpflanzen und deren

verwandte Wildarten erforscht. Die Forschungsergebnisse

führen zu einem besseren

Pflanzenverständnis und werden zur Grundlage

für Neuzüchtungen. Für die Recherche dient

Wissenschaftlern das Genbankinformationssystem

(GBIS).

Trockenfrüchte klingen nach dürrer,

weicher Diätkost. PÄX Food serviert sie

ganz anders: Die haltbaren Früchte aus Magdeburg

sind knackig, farbfrisch und enthalten

noch nahezu alle Vitamine.

Nicht gebacken, nicht frittiert, nicht gefriergetrocknet:

Die PÄX Food AG hat ein ganz neues

Verfahren entwickelt, um Früchte haltbar zu

machen: Sie werden bei Wärmezufuhr schonend

im Vakuum getrocknet. Dabei kommen

weder Zucker noch andere Zusatzstoffe in die

Tüte. Im Onlineshop gibt es neben Apfelringen

auch Exoten wie Maulbeere oder Physalis.

Zucchini, Zwiebeln und Rote Bete lassen sich

super verkochen. Für eine vegane, gesunde

Küche zu jeder Jahreszeit oder einfach als

knuspriger Snack zwischendurch.

ipk-gatersleben.de

paexfood.com

10


EW Biotech

Geschäftsführer

Dr. Joachim

Schulze

ZUKUNFTS-

MARKT

CHEMIE UND

BIOÖKONOMIE

Aus klein

wird groß

EW Biotech

11


EW Biotech

skaliert in Leuna

biotechnologische

Prozesse

Der Chemiepark in Leuna ist eine eigene

kleine Welt. Ohne Ausweiskontrolle und

Sicherheitsbelehrung darf niemand das Gelände

befahren. Im Inneren vernetzt ein kilometerlanges

Geflecht aus Straßen, Schienen, Rohrleitungen

und Stromkabeln das traditionsreiche

Industriegebiet. Über 6.000 Menschen arbeiten

auf dem 1.300 Hektar großen Areal – Leuna hat

in der Chemiebranche einen Namen.

Eines der zahlreichen Unternehmen, die ihren

Sitz im Chemiepark haben, ist die EW Biotech

GmbH. Hier wird der Sprung vom Labor zur

industriellen Fertigung geprobt. So hat beispielsweise

ein amerikanisches Unternehmen

den Stoff 1,3-Butylenglykol, der als Feuchtigkeitsspender

in vielen Cremes steckt, bei EW

Biotech in kleinen Mengen produzieren lassen.

„Wir können mit unserer Anlage jeden biotechnologischen

Prozess skalieren und zur Industriereife

führen. Die ersten Tonnen von einem Stoff

lassen Kunden bei uns produzieren. Weltweit

gibt es nur zwei bis drei Unternehmen, die so

etwas können. Diese Tatsache macht uns zu

einem gefragten Partner“, sagt Geschäftsführer

Dr. Joachim Schulze, während im Nebenzimmer

Vertreter eines amerikanischen Startups

sitzen und mit den Entwicklern aus Leuna

über zukünftige Projekte verhandeln. Neben

der Skalierung und Lohnfertigung ermöglicht

die Anlage von EW Biotech auch Forschungs-

12


ZUKUNFTSMARKT CHEMIE UND BIOÖKONOMIE

„In der Summe bilden die

Chemie-Unternehmen in

Sachsen-Anhalt ein sehr

interessantes Spektrum ab

und wir haben eine gute

Zusammenarbeit. In diese

Komplexität habe ich das

selten erlebt.“

DR. JOACHIM SCHULZE

und Entwicklungsaktivitäten auf dem Gebiet

bio-basierter Chemikalien für Kosmetika sowie

Lebensmittel- und Futtermittelzusatzstoffe.

EW Biotech ist regelmäßig auf internationalen

Messen vertreten, um Kunden

mit ihren Projekten nach Leuna zu holen.

Der Bereich Bioökonomie wächst stetig.

„In Deutschland und den USA gründeten sich in

den vergangenen Jahren zahlreiche Start-ups,

die Bakterien, Hefen und Pilze gentechnisch so

modifizieren, dass sie Feinchemikalien produzieren

können. Das ist exakt der Punkt, wo wir

ins Spiel kommen, um auszutesten, was geht.

Mittlerweile klopfen 60 bis 70 Prozent der amerikanischen

Start-ups in der Bioökonomie hier

bei uns an“, erklärt Geschäftsführer Joachim

Schulze. Bevor der gebürtige Dortmunder nach

Leuna kam, arbeitete er in der Forschung und

Entwicklung sowie als Manager im Anlagenbau

und war weltweit im Einsatz. „Mich reizt diese

neue Technologie und die Innovationskraft. In

der Bioökonomie steckt ein gigantisches Potenzial.

Sachsen-Anhalt hat in diesem Bereich den

richtigen Kurs eingeschlagen, um weltweit

ganz vorn mitspielen zu können. Wir sind momentan

an einer Schwelle, wo wir biotechnologische

Verfahren in die Industrie reinbringen“,

erklärt Schulze.

Bei EW Biotech arbeiten gegenwärtig

mehr als 30 Beschäftigte. In der noch

jungen Branche erfahrene Mitarbeiter zu bekommen,

gilt als schwierig. Der Ausbildungsbereich

in dieser Schwellentechnologie muss

sich noch deutlich erweitern.

Auch deshalb gibt es in Sachsen-Anhalt den

Cluster BioEconomy – einem Verbunden aus

Unternehmen, Forschungs- und Bildungseinrichtungen,

die eng vernetzt an einer biobasierten

Wirtschaft arbeiten. So sollen Wertschöpfungsketten

erweitert und effizient optimiert

werden. Ziel ist es, eine deutschland- und europaweite

Modellregion für die Bioökonomie zu

schaffen. Gegenwärtig sind mehr als 70 Unternehmen,

Forschungsinstitute und Bildungseinrichtungen

in dem Cluster organisiert.

„Wir haben ideale Voraussetzungen. Es

gibt in Sachsen-Anhalt die drei größten

Zuckerfabriken auf der Welt. Außerdem ist

die Akzeptanz für die Chemieindustrie in der

Region größer, weil es eine jahrzehntelange

Tradition gibt, das ist ein klarer Vorteil.

13


Fakten

Chemie und Bioökonomie

in Sachsen-Anhalt

80.000 13.800

Jahre alt ist der

älteste Kunststoff aus

Mitteldeutschland –

gefunden in Königsaue

bei Aschersleben.

Gut ein Sechstel des

Gesamtindustrieumsatzes

des Landes Sachsen-Anhalt

werden von der chemischen

Industrie erwirtschaftet.

In der Chemieindustrie

Sachsen-Anhalts

arbeiten rund 13.800

Beschäftigte, die

einen Umsatz von rund

7,5 Milliarden Euro

erwirtschaften.

Im Bundesland gibt es

fünf Chemieparks: Chemiepark

Bitterfeld-Wolfen,

Chemiestandort Leuna, Dow

Value Park Schkopau/Böhlen,

Agro-Chemie Park Piesteritz

sowie den Chemie- und

Industriepark Zeitz.

In der Summe bilden die Chemie-Unternehmen

in Sachsen-Anhalt ein sehr interessantes

Spektrum ab, und wir haben eine gute

Zusammen arbeit. In dieser Komplexität habe

ich das selten erlebt“, sagt Joachim Schulze, der

zugleich auch der Vorstandsvorsitzende des

Clusters BioEconomy ist.

Innovationen haben in Leuna Tradition.

Im Jahr 1916 begründete Carl Bosch im

Auftrag der BASF mit einem Ammoniakwerk

die Geschichte des Chemiestandortes. Die vorausschauenden

Pläne des Chemikers verhalfen

Leuna zu internationalem Ansehen.

Nach der industriellen Einführung der Ammoniaksynthese

wurde ab 1923 erstmalig im Weltmaßstab

Methanol im Hochdruckverfahren

hergestellt. Ende der zwanziger Jahre wurde

mit der entwickelten Braunkohlehydrierung

zur Herstellung synthetischer Treibstoffe die

Geschichte Leunas als Standort der Mineralölindustrie

eingeleitet. Ein Meilenstein in der

Geschichte des Standorts war das Jahr 1938: In

Leuna gelang die Synthese von Caprolactam zur

Erzeugung von Perlon. Bis zum Zweiten Weltkrieg

entwickelte sich die Technologiehochburg

zum damals größten Betrieb der deutschen

Chemieindustrie. Beispielhaft dafür ist die 1942

in Betrieb genommene, weltweit erste Produktionsanlage

zur Herstellung synthetischer Tenside.

Ein Synonym für Chemie blieb Leuna auch

nach dem Zweiten Weltkrieg. Von der Produktion

unter ostdeutscher Flagge profitieren auch

heutige Investoren am Standort. Den Ruf einer

umweltverschmutzenden Industrieregion hat

Leuna längst hinter sich gelassen. Im Vergleich

zu 1989 wurden die Umweltbelastungen um

95 Prozent gesenkt und mehr als 6,5 Milliarden

Euro in den Chemiestandort investiert. Der

Standort hat sich zum Schmelztiegel internationaler

Chemieunternehmen entwickelt, an dem

Franzosen, Amerikaner, Belgier und Deutsche

eng zusammenarbeiten.

ew-biotech.com

14


ZUKUNFTSMARKT CHEMIE UND BIOÖKONOMIE

Stabile Werte

Die C3 Technologies GmbH in Halle (Saale)

baut auf umweltfreundliche Verbundstoffe

ohne Erdöl

Kann man besser bauen als die Natur?

Natürliche Materialien sind gesund und

beliebt, doch oft auch teurer als herkömmliche

Stoffe und anspruchsvoll in der Anwendung.

Das GreenTech-Unternehmen C3 Technologies

antwortet mit umweltfreundlichen Verbundstoffen.

Die Hightech-Werkstoffe aus regionalen, nachwachsenden

Rohstoffen optimieren Eigenschaften

sowie Kosten und schonen zugleich

wertvolle Ressourcen. Sie sind stabil, kostengünstig

und kommen ohne Erdöl und Hochleistungsprozesse

aus. Zu den Lösungen aus Halle

(Saale) gehört auch das weltweit einmalige

Bauelement-System NatureComposite-Panels

mit tragender Funktion. Es kann beim Bau

mehrstöckiger Gebäude angewandt werden.

Die C3-Produkte werden gemeinsam mit dem

Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von Werkstoffen

und Systemen IMWS entwickelt.

c3tec.de

Stroh zu Gold

Die Global Bioenergies GmbH zeigt in Leuna

Alternativen für Erdöl auf

Für die Herstellung von Treibstoff,

Lösungsmittel, Gummi oder Acrylglas

benötigt man Isobuten. Für Isobuten benötigt

man Erdöl – oder Zucker. In einer Demonstrationsanlage

in Leuna suchen Forscher nach

neuen Wegen.

Isobuten ist ein Basisrohstoff für die Industrie

und gehört zu den wichtigsten petrochemischen

Grundstoffen. Doch die Ressource Erdöl

ist begrenzt. Das deutsch-französische Unternehmen

Global Bioenergies GmbH und das

Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische

Prozesse CBP demonstrieren einen Aus-

weg. 2017 haben sie eine Pilotanlage errichtet,

in der jährlich 100 Tonnen Isobuten produziert

werden können – dank der Verdauungsprozesse

eines Mikroorganismus. Die Grundlage dafür

bilden nachwachsende Rohstoffe wie Zuckerrüben

oder Getreide. Um Nahrungsmittel zu

schützen, haben die Forscher auch land- und

forstwirtschaftliche Reststoffe wie Stroh und

Holz im Blick. Perspektivisch soll in Leuna aus

Zucker so Biokerosin entstehen.

global-bioenergies.com

cbp.fraunhofer.de

15


ZUKUNFTS-

MARKT

MOBILITÄT

UND LOGISTIK

Auf Herz

und Nieren

FEV Dauerlaufprüfzentrum

16


ZUKUNFTSMARKT MOBILITÄT UND LOGISTIK

FEV in Brehna testet

Motoren an 365 Tagen

rund um die Uhr

Auf mehr als zwei Dutzend Monitoren

schwirren Verlaufskurven, Zahlenkolonnen,

Balkendiagramme. An der Wand

zeigen Uhren die Zeit in den USA, China oder

Japan. Ingenieure klicken sich routiniert durch

Verlaufsprotokolle. Im Kontrollraum vom FEV

Dauerlaufprüfzentrum herrscht nicht nur Überblick

– hier hat man den Durchblick.

Im Gewerbegebiet in Brehna nordöstlich von

Halle lassen Automobilhersteller aus der ganzen

Welt ihre neu entwickelten Motoren auf

„Herz und Nieren“ prüfen, bevor sie in die Serienfertigung

gehen. In konfigurierten Prüfzellen

werden mit modernster Messtechnik unterschiedlichste

Motoren auf Dauer und Funktion

erprobt. Vom Verschleiß einzelner Bauteile

über den Öl- oder Kühlmittelverbrauch bis zur

Ansaugluft werden tausende Daten sekundengenau

dokumentiert und an die Entwicklungsabteilungen

der Autohersteller übermittelt.

Hans-Dieter Sonntag ist einer von zwei Geschäftsführern

vom FEV Dauerlaufprüfzentrum.

Er sitzt in seinem Büro und blickt aus

dem Fenster auf die am Horizont vorbeiziehenden

Fahrzeuge der A9. „Rund um die Uhr haben

wir hier Mechaniker, Techniker und Ingenieure

im Dienst. Das schafft eine sehr hohe Effizienz

beim Erledigen der Prüfaufgaben. Zudem

können wir Auswertungen, Sondermessungen,

Fehleranalysen und entsprechende Lösungen

zu jeder Tages- und Nachtzeit erledigen und

unseren Kunden zur Verfügung stellen“, erklärt

Hans-Dieter Sonntag. Diese hohe Effizienz

sowie der 24-Stunden-Service sind auch der

Grund dafür, dass Automobilhersteller ihre

Motoren nicht mehr selbst testen, sondern

nach Brehna geben. Immer schnellere Modellwechselzyklen

und die steigende Komplexität

der Antriebskonfigurationen erhöhen den

Bedarf zur technischen Absicherung von neuen

Motorenfamilien.

Hans-Dieter

Sonntag,

Geschäftsführer

FEV Dauerlaufprüfzentrum

Im FEV Dauerlaufprüfzentrum können

sowohl alle Verbrennungsmotoren wie

auch Hybride oder rein elektrische Fahrzeugantriebe

erprobt werden. „Es ist gegenwärtig

17


Fakten

Mobilität und Logistik

in Sachsen-Anhalt

Mit 3.100 Kilometern gibt

es in Sachsen-Anhalt eines

der weltweit dichtesten

Schienennetze.

6

6 Fachbereiche an

Hochschulen im Land bilden

Nachwuchs für den Bereich

Logistik aus.

Sachsen-Anhalt hat eines der

modernsten Wasserstraßennetze

in Europa mit Elbe, Mittellandkanal,

Elbe-Havel-Kanal

und Wasserstraßenkreuz.

schwierig vorherzusagen, welche Antriebsform

sich zukünftig durchsetzen wird. Wir gehen

davon aus, dass in den kommenden zehn

Jahren die verschiedenen Technologien parallel

weiterentwickelt werden. Von dieser Mehrgleisigkeit

profitieren wir natürlich“, so Hans-Dieter

Sonntag. Für FEV in Brehna heißt das Wachstum.

Insbesondere in den Ausbau von Prüfständen

für Elektromotoren hat FEV investiert – der

Bedarf in diesem Segment ist enorm.

„Hier in der Region herrscht

eine Mentalität des Anpackens. Man

äußert eine Idee und dann geht es los.

Das ist ein Hauptgrund, warum wir heute

am Standort Brehna sind.“

HANS-DIETER SONNTAG

Begonnen hat das Unternehmen im

Jahr 2008 mit 80 Mitarbeitern, die für 31

Motoren- und Antriebsstrangprüfanlagen zuständig

waren. Heute hat der Standort 48 Prüfstände

und mehr als 200 Mitarbeitende. Als die

FEV Gruppe mit Hauptsitz in Aachen damals

nach einem geeigneten Standort gesucht hat,

überzeugte Sachsen-Anhalt mit Schnelligkeit.

„Hier in der Region herrscht eine Mentalität des

Anpackens. Man äußert eine Idee, und dann

geht es los. Das ist ein Hauptgrund, warum wir

heute am Standort Brehna sind. Wir hatten

damals Zeitnot, um pünktlich operativ zu sein.

Schließlich haben die hiesigen Behörden eine

Ämterkonferenz abgehalten und was wir nicht

für möglich hielten, innerhalb einer Woche

hatten wir die Genehmigung“, erinnert sich

Geschäftsführer Sonntag, der vorher viele Jahre

in Aachen für das Unternehmen gearbeitet hat.

Mittlerweile hat FEV 90 Millionen Euro in den

Standort Brehna investiert und dabei soll es

nicht bleiben. Gegenwärtig gibt es Pläne, noch

im Jahr 2019 in der Nachbarschaft den nächsten

Schritt in Richtung e-Mobilität zu gehen – mit

bis zu 80 neuen Arbeitsplätzen.

Um die Forschung und Entwicklung in

Sachsen-Anhalt zu stärken, ist FEV

Teil des Cluster MAHREG Automotive. Dabei

handelt es sich um ein Netzwerk, dem 170

Unternehmen und Forschungseinrichtungen

angehören. Die zentrale Aufgabe des Netzwerkmanagements

ist es, die Innovations- und

Leistungsfähigkeit regionaler Zulieferer zu stärken.

Neben Entwicklungspartnerschaften gibt

es einen intensiven Wissens- und Technologietransfer

zwischen Wissenschaft, Dienstleistern

und Fertigern. Die FEV pflegt vielfältige

Kooperationen mit den Hochschulen Sachsen-

Anhalts. So ist beispielsweise geplant, gemein-

18


ZUKUNFTSMARKT MOBILITÄT UND LOGISTIK

sam mit der Otto-von-Guericke-Universität

Magdeburg ein „Center for Method Development“

aufzubauen. „Es wird an Bedeutung

zunehmen, gute Verbindungen zu den Hochschulen

und Universitäten zu haben. Ziel muss

es sein, die Absolventen in Sachsen-Anhalt zu

halten. Wirtschaft und Wissenschaft müssen

enger zusammenrücken. Auch die dualen

Studiengänge sollten ausgebaut werden, um

nicht nur reine Theoretiker auszubilden“, so

Hans-Dieter Sonntag.

Im Dauerlaufprüfzentrum in Brehna arbeiten

viele junge Ingenieure im Schichtbetrieb.

fev-dlp.de

„Es ist heutzutage nicht mehr ganz leicht, gute

Leute zu finden. Doch wir haben neben einer

angemessenen Bezahlung auch weitere Leistungen

wie Gesundheitsmanagement, Wäscheservice,

frisches Obst und Kaffee und bieten

interessante Jobs, das macht uns attraktiv.

Auch wenn wir mit Porsche oder BMW im nahe

gelegen Leipzig um gut ausgebildete Fachkräfte

konkurrieren“, erklärt der Geschäftsführer.

Mitarbeitern, die aus dem Schicht-Rhythmus

herauswollen, versucht FEV eine Alternative zu

bieten, um sie im Unternehmen zu halten. So

gibt es beispielsweise eine Abteilung, in der die

Motoren nach dem Dauerlauf in alle ihre Einzelteile

zerlegt und fotodokumentiert werden.

Die Bürotür von Hans-Dieter Sonntag öffnet

sich einen Spalt und seine Assistentin erinnert

ihn daran, dass in 30 Minuten das Boarding für

seinen Flug beginnt. Auch das ist ein Vorteil am

Standort Brehna – man braucht lediglich 20 Minuten

bis zum Flughafen Leipzig/Halle.

19


ZUKUNFTSMARKT MOBILITÄT UND LOGISTIK

Virtuelle Visionen

Nericon liefert maßgeschneiderte

Designs für Automobile

Das eigene Auto ist längst ein schickes

Statussymbol. Zugleich werden innerhalb

kürzester Zeit immer neue Lösungen in

Sachen Antrieb, Leistung und Umweltschutz

gebraucht. NERICON antwortet mit virtuellen

Visionen und konstruiert optimale Lösungen

in 3D.

Die Geschichte der NERICON engineering &

design GbR begann mit einem effizienten

Solarmobil, das Studierende der Hochschule

Anhalt mit viel Leidenschaft entwickelten. Auf

diese Kompetenzen bauten sie 2012 ihr eigenes

Unternehmen. Seither widmen sie sich

in Gardelegen dem Automobil als Ausdrucksform.

Für Volkswagen, Skoda und Zulieferer

arbeitet NERICON an maßgeschneiderten

Designs und verbessert die Konstruktion von

Funktionsbauteilen innen und außen – von

der Heckschürze über die Sitzgarnitur bis zu

den Armaturen.

nericon.de

Unvorstellbar

hilfreich

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Mit den 3D-Softwarelösungen der

Magdeburger tarakos GmbH werden weltweit

Kosten in Milliardenhöhe eingespart. Die

Simulationen entscheiden darüber, ob und wie

Produktionsanlagen und Logistikzentren gebaut

werden.

Zu den Kunden von tarakos gehören unter

anderen Volkswagen, Siemens und Nestle.

Ihnen stellt das Unternehmen Softwaretools

zur Verfügung, mit denen komplexe Logistikund

Fertigungsprozesse virtuell geplant und

simuliert werden. Diese kostengünstige und

bedienfreundliche 3D-Prozess-Visualisierung

ermöglicht dem Mittelstand genauere Planung,

höhere Produktion, mehr Sicherheit und niedrigere

Energiekosten. Die tarakos ist ursprünglich

ein Spinn-offs des Fraunhofer-Instituts für

Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF und

arbeitet auch mit der Universität Magdeburg

zusammen.

tarakos.de

20


Dr. Chris Rehse,

Geschäftsführer

und Mitgründer

des Start-ups

neotiv

ZUKUNFTS-

MARKT

GESUNDHEIT

UND

MEDIZIN

Kopfsache

neotiv

21


Mit einer App

geht neotiv

erste Schritte in

Richtung frühzeitige

Erkennung von

Alzheimer

Die Sorge, an Alzheimer zu erkranken,

ist insbesondere unter älteren Menschen

weit verbreitet. Die Gehirnerkrankung

ist heutzutage für mehr als 60 Prozent aller

Demenz-Fälle verantwortlich. Dabei verschlimmert

sich der Gedächtnisverlust schrittweise

über mehrere Jahre, bis die Betroffenen am

Ende nicht mehr auf ihr Umfeld reagieren

können.

Eine Software des Magdeburger Unternehmens

neotiv macht nun Hoffnung, die Erkrankung

frühzeitig zu erkennen. „Symptome, die

zu einer Alzheimer Erkrankung führen können,

werden immer noch zu spät erkannt. Heutige

Therapieansätze beginnen erst, wenn die Schäden

bereits irreparabel sind. Mit dem Einsatz

unser App wollen wir das ändern. Alzheimer

beginnt meist 10-15 Jahre, bevor die Erkrankung

wahrnehmbare Symptome zeigt. Dieses

Zeitfenster muss für aktive Prävention und

therapeutische Ansätze genutzt werden“, sagt

Dr. Chris Rehse, Geschäftsführer und einer der

vier Gründer des Start-ups neotiv.

Die digitale Lösung der Magdeburger

kommt in Form von spielerischen Gedächtnistests.

Mit Hilfe von Erkenntnissen aus

der Kognitionsforschung fokussieren sich die

Tests der App auf frühzeitig von Alzheimer

betroffene Gedächtnisfunktionen. Über einen

längeren Zeitraum werden spezielle Gedächtnisleistungen

regelmäßig gemessen, so dass

Veränderungen festgestellt werden können.

22


ZUKUNFTSMARKT GESUNDHEIT UND MEDIZIN

„Der Standort Magdeburg

ist für uns optimal. Wir

haben einen kurzen Draht

zur Uni-Leitung und werden

von den Landesministerien

unterstützt. Gerade bei

Wissenschaftsausgründungen

ist eine enge Verzahnung mit der

Universität unabdingbar.“

DR. CHRIS REHSE

Zu Beginn des Messzeitraumes wird ein Profil

des Nutzers erstellt, in dem Risikofaktoren wie

Bluthochdruck oder Diabetes erfasst werden.

Sind die Abstände der Tests am Anfang noch

relativ eng, vergrößern sie sich später auf zwei

Mal monatlich.

Da Alzheimer in der Frühphase zukünftig nicht

nur pharmakologisch gebremst werden kann,

sondern auch durch Lebensstilveränderungen

beeinflussbar ist, gibt die App Ratschläge zur

Modifikation von Risikofaktoren wie z. B. zur Ernährung

oder auch zum Bewegungsverhalten.

„Unsere App ist eine Art Blutdruckmessgerät

für das Gehirn. Ein einmaliger Test ist immer

eine Momentaufnahme, die wenig Aufschluss

gibt. Erst eine langfristige Begleitung unterstützt

diagnostische Schlussfolgerungen sinnvoll.

Wir wollen den Ärzten mit der Software

ein Hilfsmittel geben, weil bei der Diagnose von

Alzheimer oft Unsicherheit herrscht und somit

viele Patienten durch das Raster fallen“, erklärt

Chris Rehse. Um einen möglichen Missbrauch

der sensiblen Daten zu verhindern, gibt es ein

ausgeklügeltes Datenschutzkonzept. So kann

sich die App zwar jeder herunterladen, aber nur

eine speziell dafür ausgewählte Forschungseinrichtung

ist zur Auswertung der persönlichen

Daten berechtigt. Im Gegensatz dazu ist es

neotiv durch ein Anonymisierungsverfahren innerhalb

der App zu keinem Zeitpunkt möglich,

die erfassten Daten mit den Namen der Nutzer

in Verbindung zu bringen.

Gegenwärtig befindet sich die App

noch im Studieneinsatz und wird von

einigen hundert Menschen beispielsweise in

den USA und Schweden verwendet. Zudem

startete neotiv Anfang 2019 zusammen mit

dem Deutschen Zentrum für neurodegenerative

Erkrankungen (DZNE) und der Otto-von-Guericke-

Universität Magdeburg ein sogenanntes

Bürgerforschungsprojekt. Hier tragen Bürger

aktiv dazu bei, den Einfluss von bestimmten

Lebensstilfaktoren wie zum Beispiel Schlaf oder

Stress auf die Gedächtnisfunktion besser zu

verstehen. Geht es nach Chris Rehse, so werden

die von neotiv entwickelten digitalen Biomarker

zukünftig zum Standard in der internationalen

Demenzdiagnostik und -therapie gehören. Ziel

ist es, die neotiv-App in die Regelversorgung zu

integrieren.

„Gegenwärtig müssen wir noch viel Aufklärungsarbeit

leisten. Alzheimer-Demenz unterliegt

einem starken Stigma. Daher möchten wir

dazu beitragen, über Präventionsmöglichkeiten

aufzuklären und neue Therapieverfahren zu

entwickeln“, erläutert der neotiv-Geschäftsführer.

Als Ausgründung der Universität Magdeburg

hat neotiv einen direkten Zugang

zur Wissenschaft. Durch die enge Zusammenarbeit

mit dem dortigen Institut für

Kognitive Neurologie und Demenzforschung

(IKND) sowie durch die Kooperation mit dem

23


Fakten

Gesundheit und Medizin

in Sachsen-Anhalt

Sachsen-Anhalt Fachkräftepotenzial mit

über 55.000 Studenten an 10 Universitäten

und Hochschulen des Landes und große

Anzahl interdisziplinärer Studiengänge, wie

Biotechnologie und Medizintechnik.

1863

Im Uniklinikum Magdeburg

entstand 1863 der

erste Operationssaal

mit abwaschbaren

Oberflächen in Europa.

Etwa 1.000 Menschen

forschen in Sachsen-Anhalt

in der roten Biotechnologie.

DZNE stehen neotiv zwei international renommierte

Forschungseinrichtungen zur Seite, die

beide ihren Sitz in der Landeshauptstadt haben.

„Der Standort Magdeburg ist für uns optimal.

Wir haben einen kurzen Draht zur Uni-Leitung

und werden von den Landesministerien unterstützt.

Gerade bei Wissenschaftsausgründungen

ist eine hohe Verzahnung mit der Universität

unabdingbar“, so Wirtschaftsingenieur

Rehse. Auch bei der Suche nach geeigneten

Mitarbeitern ist die Nähe zur Forschung von

Vorteil. Einige Mitarbeiter von neotiv haben

bereits während ihres Studiums als Hilfswissenschaftler

an der Gedächtnis-App mitgearbeitet.

Das 18-köpfige Team von neotiv ist international

und interdisziplinär: einige Mitarbeitende

stammen aus Frankreich, andere aus Venezuela.

„Wir pflegen hier eine sehr offene und partnerschaftliche

Unternehmenskultur. Jeder Mitarbeiter

muss das Unternehmen repräsentieren

können und ist ein Botschafter nach außen“,

so Chris Rehse. Die Büros auf dem Campus der

Magdeburger Uni hat das Start-up vor Kurzem

verlassen und ist in die Magdeburger Innenstadt

gezogen.

Was es bedeutet ein Unternehmen zu

gründen, hat Chris Rehse bereits in den

USA erfahren, als er an der Stanford University

tätig war. „Im Vergleich zu Deutschland ist dort

das Thema Gründung viel selbstverständlicher,

dazu gehört auch die Möglichkeit und der Umgang

mit dem Scheitern. Außerdem kommt

man als Start-up wesentlich schneller an Risikokapital.

Wer eine Vision und eine Geschäftsidee

hat, legt einfach los. Dies ermöglicht vor

allem Wissenschaftsausgründungen einen

besseren Zugang zum Gesundheitssystem und

bietet schlussendlich Patienten eine schnellere

Möglichkeit validierte Lösungen zur Diagnostik,

Vorsorge und Therapie nutzen zu können.“

An Ideen und Visionen mangelt es auch neotiv

nicht. „Bedingt durch die demografische Entwicklung

leben in Sachsen-Anhalt viele ältere

Menschen, da wäre es doch ein gutes Zeichen,

wenn aus Magdeburg eine starke Lösung

gegen Alzheimer in die Welt geht“, sagt Chris

Rehse.

gedächtnis-erforschen.de

24


ZUKUNFTSMARKT GESUNDHEIT UND MEDIZIN

Heilsam

an der Spitze

Impfstoffe der IDT Biologika GmbH

retten Leben

Biotechnologie ist eine globale Schlüsselte

c hn o l o gi e für das 21. Jahrhundert – da

sind sich 1.900 Mitarbeiter schon lange einig.

In Dessau-Roßlau forscht man seit 95 Jahren an

Impfstoffen und Krankheiten.

Dank der Präparate der IDT Biologika GmbH

konnte in Deutschland die Tollwut ausgerottet

werden, und auch der erste Salmonellen-Lebendimpfstoff

für Hühner stammt aus Dessau. Es

gibt Niederlassungen in China, den USA und

mehreren europäischen Ländern. In Dessau

können in einer neuen Produktionshalle jedes

Jahr bis zu 60 Millionen Injektionsflaschen hergestellt

werden. Somit ist IDT Biologika für den

Ernstfall gewappnet und leistet einen wichtigen

Beitrag für die Gesundheit von Mensch

und Tier.

idt-biologika.com

Menschliche

Technik

MediGlove will Untersuchungen

revolutionieren

„Knochenjob“

neu gesponnen

Ein Vlies aus Kollagen unterstützt

die Heilung von Körperzellen

Was passiert, wenn Designer, Techniker

und Programmierer gemeinsam über

Menschlichkeit nachdenken? MediGlove entwickelt

einen intelligenten Handschuh, der

medizinische Untersuchungen revolutionieren

könnte.

Zeitdruck, Kostenorientierung und eine hohe

Patientenzahl sorgen dafür, dass ärztliche Untersuchungen

wie am Fließband laufen. Diesen

Stress auf beiden Seiten will MediGlove heilen:

Beim Handauflegen nimmt moderne Sensortechnologie

die gewünschten Messdaten auf.

Per Bluetooth werden sie unmittelbar an eine

zentrale Stelle übertragen und für Mediziner

wie Patienten transparent aufbereitet. Der

Aufwand sinkt. Was bleibt, ist mehr Zeit für

die menschliche Begegnung.

Ein Durchbruch in der regenerativen

Medizin: Die SpinPlant GmbH hat am

Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von

Werkstoffen und Systemen IMWS mit dem

Elektrospinnverfahren ein neuartiges Vlies aus

nativem Kollagen entwickelt. Es ist dreidimensional

sowie nano- und mikroporös.

Das Protein Kollagen gehört zu den Grundbausteinen

des Körpers. Das Vlies der SpinPlant

GmbH behält trotz des komplizierten technischen

Verfahrens die natürlichen Eigenschaften

des Strukturproteins: Es wirkt regenerativ

und regt umliegende Zellen zur Biosynthese

an. Das hilft zum Beispiel beim Knochenaufbau,

bei der Wundheilung und bei der Knorpelregeneration.

Am Standort Halle (Saale) stellt

Spinplant das Plattformprodukt SpinBase und

das Knochenfüllmaterial SpinFill her.

mediglove.de

spinplant.de

25


ZUKUNFTS-

MARKT

ENERGIE,

MASCHINEN- UND

ANLAGENBAU,

RESSOURCEN-

EFFIZIENZ

Maschinenbau

in der DNA

INTEB-M

26


ZUKUNFTSMARKT ENERGIE, MASCHINEN- UND ANLAGENBAU, RESSOURCENEFFIZIENZ

Die Holding Inteb-M

nimmt die weltweiten

Märkte in den Blick

Felix von

Nathusius,

geschäftsführender

Gesellschafter von

INTEB-M

Wenn Felix von Nathusius in die

Zukunft denkt, dann hat er auch ein

Stück Vergangenheit im Kopf. „In Magdeburg

gibt es geschichtlich bedingt eine Begeisterung

für Maschinenbau“, erklärt Nathusius. Dabei

erinnert er vor allem an die Zeiten, in denen

der Magdeburger Maschinenbau mit Firmen

wie Polte, Wolf oder Gruson in Deutschland an

erster Stelle stand und Weltruf besaß. Auch

die Geschichte der Familie Nathusius ist eng

mit der Industrialisierung der Region Magdeburg

verbunden. So gründete Johann Gottlob

Nathusius zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen

der ersten deutschen Industriekonzerne.

„Heute ist Magdeburg auf der Karte des weltweiten

Maschinenbaus leider nicht mehr zu

finden. Trotzdem hat der Maschinenbau hier

noch wahnsinnig viel DNA hinterlassen. Er ist

nicht tot, nicht weg und schon gar nicht wegzudenken“,

ist Nathusius überzeugt.

An die erfolgreiche Maschinenbau-Ära

möchten Felix von Nathusius und sein

Geschäftspartner Karl-Thomas Klingebiel gern

anknüpfen. Mit der im Jahr 2017 gegründeten

Beteiligungsgesellschaft Inteb-M haben sie die

Vision, den Maschinenbau in der Landeshauptstadt

neu zu beleben und global zu etablieren.

Die Holding führt Industrie- und Technologiebeteiligungen

aus dem Maschinenbau zusammen

und entwickelt diese im Verbund weiter.

Zunächst übernahm Inteb-M den Mineralgussspezialisten

IZM Polycast, der mit einem

intelligenten Werkstoff Bauteile für den europäischen

Markt gießt. IZM entwickelt jedoch

auch Lösungen für Mess- und Medizintechnik.

Danach folgte der Einstieg beim Werkzeugmaschinenhersteller

H&B Omega mit ausgeprägten

Kompetenzen in Reibschweißtechnologien.

27


„Sachsen-Anhalt hat eine

exzellente Projekt- und

Netzwerkförderung und die Wege zu

den Entscheidungsträgern in

Verwaltung und Politik sind kurz.“

FELIX VON NATHUSIUS

Der jüngste Zugang im Verbund ist Symacon,

wo Sondermaschinen für die Automatisierung

von Montage- und Fertigungsprozessen entwickelt

werden.

Momentan befindet sich Inteb-M noch

in der Anfangsphase. „Gegenwärtig sind

einige Maschinenbauunternehmen der Region

auf dem Sprung in die nächste Generation und

müssen sich neu aufstellen. Hier sehen wir

unsere Chance für weitere gezielte Zukäufe.

Als international wettbewerbsfähiger Werkzeugmaschinenhersteller

brauchen wir noch

eine ganze Reihe Kompetenzen und organisatorischer

Verstärkung, aber selbstverständlich

müssen wir auch organisch wachsen“, sagt

Felix von Nathusius.

Die Bedingungen in Sachsen-Anhalt für die

Pläne von Inteb-M in sind günstig. Mit den

Hochschulen und Universitäten im Land gibt

es viele gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte,

die eine frühzeitige Bindung von

gut ausgebildeten Ingenieuren zur Folge hat.

„Sachsen-Anhalt hat eine exzellente Projektund

Netzwerkförderung und die Wege zu

den Entscheidungsträgern in Verwaltung und

Politik sind kurz“, lobt Unternehmer

Nathusius.

inteb-m.de

28


ZUKUNFTSMARKT ENERGIE, MASCHINEN- UND ANLAGENBAU, RESSOURCENEFFIZIENZ

Freiraum schaffen

für Innovationen

Ceterum

29


Fakten

Energie, Maschinen- und Anlagenbau, Ressourceneffizienz

in Sachsen-Anhalt

2.500

Knapp 30 Prozent aller Betriebe im

verarbeitenden Gewerbe in Sachsen-Anhalt

sind auf dem Gebiet des Maschinenbaus

sowie der Herstellung und Erzeugung von

Metallerzeugnissen, Metallbearbeitung tätig.

Jährlich werden mindestens

2.500 Ingenieure an den

Hochschulen in Sachsen-

Anhalt ausgebildet.

Unternehmen

profitieren von der

maschinenbaunahen

Forschungslandschaft

im Land.

Krebs&Aulich entwickelt und baut

hochinnovative elektrische Antriebe

in Wernigerode, Magdeburg und Shanghai. So

entwickelte das Unternehmen beispielsweise

in Kooperation mit der amerikanischen NASA

und dem Deutschen Zentrum für Luft- und

Raumfahrt den Antrieb für ein Infrarot-Stratosphären-Teleskop,

welches in einer Boing 747

installiert ist (SOFIA). Die Infrarotaufnahmen

aus dem Weltraum ermöglichen neue Erkenntnisse

über die Geburt von Sternen und die Entstehung

von Galaxien.

Die FAM Förderanlagen

und Systeme werden für

ihre hohe Qualität weltweit

geschätzt

Unternehmen den Rücken freihalten

und ihre Innovationskraft stärken, das

ist das Anliegen der Ceterum Holding. Die Gesellschaft

mit Sitz in Wernigerode hält gegenwärtig

Beteiligungen an 18 Unternehmen,

darunter auch die FAM Magdeburger Förderanlagen

und Baumaschinen GmbH sowie der

Sondermaschinenbauer für Elektromotoren

Krebs&Aulich in Sachsen-Anhalt. Die Förderanlagen

und Systeme des traditionsreichen Unternehmens

FAM werden für ihre hohe Qualität

geschätzt und befinden sich in 80 Ländern im

Einsatz. Die FAM mit ihren über 1.400 Mitarbeitenden

ist auf allen Kontinenten vertreten.

„Die hier ansässigen Unternehmen sollten ihre

Erfolge stärker nach außen darstellen. Sachsen-Anhalt

muss sich als Wirtschaftsstandort

nicht verstecken und kann deutlich selbstbewusster

auftreten“, sagt Clemens Aulich, Geschäftsführender

Gesellschafter der Ceterum

Holding.

Um für die Zukunft gut gerüstet zu sein,

sollte die Hochschullandschaft im Land

weiter gestärkt werden. Insbesondere das

duale Studium muss seiner Ansicht nach dabei

deutlicher in den Fokus genommen werden.

„Wichtig ist eine ausgewogene Balance zwischen

Wissenschaft und Praxis bei den Absolventen“,

so der Geschäftsführer. Kritisch bewertet

Aulich die zunehmenden bürokratischen

Vorschriften und Regularien, die Entscheidungen

häufig verlangsamten. „Um international

mithalten zu können, brauchen wir mehr Freiraum

für Innovationen.“

ceterum-holding.com

30


Peter Ledermann,

Gründer und Vorstand der

Mercateo Deutschland AG

ZUKUNFTS-

MARKT

INFORMATIONS-

UND

KOMMUNIKATIONS-

TECHNOLOGIEN

IKT

Ledermanns

Liebling

mercateo

31


Von Köthen

aus wächst ein

Online-Marktplatz für

Sonderwünsche

„Mach doch, trau dich!“ Das dürfte

Peter Ledermanns Lieblingssatz sein.

Mit dem Online-Marktplatz mercateo sprang

er einst ins kalte Wasser – und ging erst mal

unter. In Köthen tauchte der Visionär mit seinem

Unternehmen ganz neu auf. Es begann die

Geschichte eines viral skalierenden Systems.

Peter Ledermann ist studierter Betriebswirt.

Wenn er redet, dann lässt er immer wieder

ganz nebenbei Zahlen fallen: Über 250 Millionen

Euro Umsatz im Jahr, 23 Millionen Artikel

im System, 1,4 Millionen Geschäftskunden …

Zahlen, die stolz machen. Doch ihn selbst beeindrucken

sie scheinbar nicht. „Was ich mir für

die Zukunft noch vorstellen kann, das glauben

Sie mir eh nicht“, sagt er und schmunzelt auf

seine freundschaftliche Art.

Der Vorstand der mercateo Gruppe wirkt

eher wie ein netter Nachbar als ein Entscheidungsträger

eines Unternehmens mit mehr

als 520 Mitarbeitern an drei Standorten in

Deutschland und 13 europäischen Dependancen.

Das Herz von mercateo schlägt in der

Innenstadt von Köthen. Hier arbeiten allein 250

Frauen und Männer in den Bereichen Vertrieb,

IT-Entwicklung, Buchhaltung und Kundenbetreuung

daran, Einkäufer und Verkäufer

aus ganz Europa glücklich zu machen.

32


ZUKUNFTSMARKT INFORMATIONS- UND KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN

„Ich war nicht einfach nur

mutig. Ich war auch naiv.“

PETER LEDERMANN

Denn mercateo ist ein Online-Marktplatz für

Geschäftskunden.

Die Beschaffungsplattform erleichtert

Buchhaltern, Einkäufern und Entscheidungsträgern

die Arbeit erheblich. Sie setzt

dort an, wo viele verzweifeln: Bei der Recherche

nach speziellen Produkten, die nur ausnahmsweise

benötigt werden. Sie kosten den Verantwortlichen

im laufenden Tagesgeschäft viel

Zeit, Geld und Nerven und lassen den buchhalterischen

Aufwand explodieren.

Explodieren können aber auch die Wachstumsraten

eines Unternehmens, das Lösungen parat

hält. „Ich war nicht einfach nur mutig. Ich war

auch naiv“, sagt Ledermann ehrlich, wenn er

über die Anfänge spricht. Das Unternehmen

mercateo wurde 1999 in München gegründet

und ein Jahr später von einem Investor übernommen.

In dieser Zeit stieg auch Ledermann

mit ein.

Er und sein Geschäftspartner Dr. Sebastian

Wieser waren überzeugt von ihrer Idee und

bauten ein bisschen um: „Wir glauben an ein

viral skalierendes System.“ Der Investor aber

glaubte nicht daran. Denn anfangs lief noch

nicht alles rund auf dem Online-Marktplatz.

Doch gewinnbringende Geschäftsbereiche

stellten die beiden zugunsten ihres kränkelnden

Lieblings ein. Sie sprangen ins kalte Wasser und

machten ihr eigenes Ding. Es war eine Zeit der

Ungewissheit. Sehr viele Mitarbeiter mussten

die beiden entlassen und zugleich wurde Ledermann

zum zweiten Mal Vater.

Die Wiege stand in München. In Köthen

wagten die beiden Unternehmer 2004

einen Neuanfang, weil sie hier Starthilfe für

die teuren Personalkosten erhielten. Die ersten

Bewerbungsgespräche führten sie am Aschermittwoch

im Arbeitsamt der Karnevalshochburg

Köthen. Eine dringend benötigte Buchhalterin

sagte kurzfristig ab, weil ihr der Laden zu

windig erschien. Ein Student, der sich eigentlich

nur für eine Diplomarbeit bewerben wollte,

wurde kurzerhand einkassiert und erlebte

mit dem Jahresabschluss seine Feuertaufe. Er

arbeitet heute noch für mercateo. Ledermann

ist stolz wegen der Mitarbeiter, die über Jahre

hinweg treu bleiben. Es sind viele. Das könnte

daran liegen, dass die Menschen in diesem

Unternehmen als das wirkliche Kapital angesehen

werden.

Als Zwischenhändler stellt mercateo ohne eigenes

Lager auf seiner Plattform ein unfassbar

breites Sortiment bereit. Eigens programmierte,

intelligente Suchfilter bringen die Kunden

33


Fakten

Informations- und Kommunikationstechnologien

in Sachsen-Anhalt

500

Die Hochschulen des Landes

bilden mehr als 3.500 Studierende in

IT-spezifischen Studiengängen aus.

IT-Unternehmen

haben sich in

Sachsen-Anhalt

angesiedelt.

Mehr als 14.000

Beschäftigte arbeiten

aktuell im IT-Bereich in

Sachsen-Anhalt.

schnell und unkompliziert zur Erfüllung ihrer

Sonderwünsche, und ganz nebenbei empfehlen

sie den Nutzern attraktive Konditionen bei den

unterschiedlichen Lieferanten. Den einzelnen

Verkäufern spiegelt die Software wiederum die

Kaufentscheidung des Kunden und regt damit

zu Verbesserungen an.

Die mercateo Büros haben eine genauso

spannende Geschichte wie die

Firma selbst: In einem ehemaligen Kaufhaus

und dem früheren Heimatmuseum finden sich

heute freundliche und durchdacht gestaltete

Arbeitsplätze, die dem Begriff „Büro“ einfach

nicht gerecht werden wollen. Die Geschichte

der Gebäude scheint überall durch, die Atmosphäre

wirkt entspannt. Entscheidungen trifft

immer der, der auch auf das Problem dazu

trifft. Wenn der Chef hereinspaziert, dann duzt

man sich, erinnert sich gemeinsam an Firmenfeiern

und spricht unbefangen über das Tagesgeschäft.

Auf Formalitäten und übertriebenes Höflichkeitsgebaren

legt Peter Ledermann keinen

Wert. Probleme müssen immer Probleme sein

dürfen. Sein Sakko zieht er nur auf Nachfrage

an und eigentlich krempelt er lieber die Hemdsärmel

hoch. Ledermann ist ein Macher und mit

dem, was er macht, dürfte er nicht nur zum

Liebling seiner eigenen Mitarbeiter avancieren.

mercateo ermöglicht auch kleineren Unternehmen

ohne eigene IT-Infrastruktur ganz unkompliziert

eine Vielzahl von Geschäftskontakten.

Gleichzeitig schlägt es für alle auf der Plattform

bestellten Waren als einziger Kreditor in der

Bilanz zu Buche. Ein Händler für alle und für alles.

Inzwischen entstand mit „mercateo unite“

ein weiteres Geschäftsmodell: ein Netzwerk,

in das die Kunden auch ihre Stammlieferanten

und Rahmenverträge mitbringen. Sie kaufen

also nicht nur direkt bei Mercato ein, sondern

nutzen die Plattform als Online-System für all

ihre Liefergeschäfte.

Die Unternehmensgruppe expandiert

viral, die Umsatzzahlen wachsen explosionsartig

– von rund sieben Millionen im Jahr

2004 auf inzwischen 250 Millionen. Grenzen

sind nicht absehbar, neue Ideen für weitere

Adaptionen liegen schon in der Schublade. So,

wie Ledermann es sich erträumt hatte.

unite.eu

mercateo.com/corporate

34


ZUKUNFTSMARKT INFORMATIONS- UND

KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN

Die Nutzerfreunde

Mit der Agentur UCD+ liegt

man intuitiv richtig

Der Kunde ist König. Diesen Grundsatz

überträgt UCD+ in ganz neue Dimensionen.

Die Magdeburger Design-Agentur stellt

den Nutzer einer Anwendung ins Zentrum

jeder Überlegung – und gibt dem Mittelstand

Starthilfe für den digitalen Wandel.

„Usability” und „User Experience” gehören zu

den wichtigsten Schlagworten bei UCD+: Das

14-köpfige Team hat sich auf die Schnittstelle

zwischen Mensch und Hardware spezialisiert.

Es konzipiert, gestaltet und entwickelt intuitive

Benutzeroberflächen – von der Maschinensteuerung

über Software für Messinstrumente

bis hin zu Webseiten und mobilen Apps. Dabei

stets im Blick: die Anforderungen der Nutzer an

die jeweilige Anwendung. So entstehen digitale

Produkte, die schneller und einfacher zu bedienen

sind und zudem genau so funktionieren,

wie es der Nutzer erwartet. Von der Landmaschine

bis zur Steuerung von Fertigungsstraßen

– die Bandbreite der Branchen und Produkte,

die UCD+ bereits erfolgreich in die digitale

Zukunft begleitet hat, ist groß.

ucdplus.com

Wissen, wo

es lang geht

INABE navigiert zielsicher durch

Innenräume

Der Geschäftsführer

der

INABE UG Florian

Thürkow

Auf Flughäfen und in anderen komplexen

Gebäuden kann man sich leicht

verlaufen. GPS steht für die Navigation nicht

zur Verfügung und WLAN kommt die Betreiber

sehr teuer. Das Unternehmen INABE antwortet

mit Bluetooth.

„Beacons” sind Signalgeber, mit denen Smartphones

mit allen gängigen Betriebssystemen

Informationen zum eigenen Standort austauschen

können. Diese Technologie nutzt das

Team des Hallenser Unternehmens INABE. Es

hat eine Navigationssoftware für komplexe

Gebäude entwickelt, die der Orientierung auf

Flughäfen und Messen, in Kliniken, Zoos oder

Freizeitparks dient. Zudem kann das System die

anonym empfangenen Datenströme auswerten

und Bewegungsprofile erstellen. Welche

Wege nehmen Menschen, wo bleiben sie

stehen? Supermärkte wissen, wo ihre Waren

die größte Aufmerksamkeit genießen, und im

Museum können auf dem Smartphone automatisch

Informationen zum jeweiligen Ausstellungsstück

erscheinen.

inabe.de

35


ZUKUNFTS-

MARKT

KREATIV-

WIRTSCHAFT

Ein Brutkasten

für Kreative

Designhaus Halle

36


ZUKUNFTSMARKT KREATIVWIRTSCHAFT

Das Designhaus Halle

hilft Existenzgründer auf

den ersten Metern

Simon

Santschi,

Projektleiter

der Initiative

„Burg

gründet“

Im Raum mit der Nummer 003 rattert

eine Nähmaschine. Stoffrollen, Kleider,

Nadeln, Jacken, Knöpfe, Scheren, Zeichnungen

und Fotos mit Entwürfen – im Atelier von

Alexandra Börner wimmelt es wie in einem

Nähkästchen. Erst kürzlich ist die Multi Media

Modedesignerin aus den USA nach Halle zurückgeflogen.

Ihre Arbeiten bewegen sich zwischen Mode

und Performance. Es sind Tanzproduktionen

wie „Cry Up“ von Nina Mc Neely oder eine Oper

am Red Cat Theater in Los Angeles, für die sie

das Kostümbild kreiert. Aber auch am Musikvideo

„free drink ticket“ der kanadischen Electroclash-Sängerin

Peaches wirkte sie mit. „Hier

finde ich die Ruhe, meine Ideen auszubrüten.

Außerdem kann ich die Werkstätten nutzen,

das ist ein großer Vorteil“, so Alexandra Börner.

Sie ist eine von derzeit 30 Mietern im Designhaus,

dem Existenzgründerzentrum der Kunsthochschule

Burg Giebichenstein in Halle.

Das herrschaftliche Haus unmittelbar an der

Peißnitzinsel gleicht im Inneren einem Labyrinth.

Verwinkelte Flure und Treppen durchziehen

das Gebäude wie ein Geflecht aus Adern.

Simon Santschi hat in diesem Labyrinth den

Überblick. Der Schweizer ist Projektleiter der

Initiative „Burg gründet!“. Bevor er auf die Stelle

nach Halle wechselte, arbeitete der studierte

Kommunikationsdesigner bereits für eine

Gründerinitiative in Luzern. „Mich reizte die

Idee eines Gründerzentrums für Kreative an

einer Kunsthochschule. Zumal Giebichenstein

auch in der Schweiz ein Begriff ist“, sagt Simon

Santschi.

Die direkte Verbindung von Kunsthochschule

und Gründerzentrum ist in

Deutschland einmalig. „Kreativwirtschaft ist

ein sehr breiter Begriff. Wenn es um Netzwerke

37


Fakten

Kreativwirtschaft

in Sachsen-Anhalt

300

20 Studienrichtungen in

Design und Kunst gibt es

an der Burg Giebichenstein

Kunsthochschule Halle.

Mehr als 300 sachsenanhaltische

Kreativunternehmen

haben sich

in der Datenbank auf

www.kreativ-sachsenanhalt.de

registriert.

7 Hochschulen in Sachsen-

Anhalt bieten Studiengänge

mit Kreativinhalten an.

Mit dem Wettbewerb

„BESTFORM“ macht das

Land Sachsen-Anhalt auf

den wichtigen „Rohstoff“

Kreativität aufmerksam und

fördert die Branche.

„Die meisten Gründer, die im

Designhaus angefangen haben,

bleiben in der Region, weil sie sich gut

etabliert haben und diesen Standortvorteil

nicht aufgeben wollen.“

SIMON SANTSCHI

geht, müssen wir deshalb auf Teilbranchen wie

Gaming, Mode oder Kommunikationsdesign

fokussieren, weil jede Branche ihre spezifischen

Themen hat“, erklärt Santschi.

In unterschiedlichen Angebotsformaten

veranstaltet das Designhaus auf

Kreative zugeschnittene Vorträge und Workshops

zu Themen wie Buchhaltung, Steuern

oder Recht. „Bereiche wie Netzwerken und

Präsentieren liegen Kreativen ganz gut, da gibt

es bei den Gründern wenig Nachholbedarf. Den

gibt es eher beim Marktverständnis, also, wie

positioniere ich mich mit meinem Produkt oder

meiner Dienstleistung“, so der Projektleiter.

Im Dienstleistungsbereich für Musiker hat der

Designhaus-Mieter CALYRA erfolgreich seinen

Markt gefunden. Der Musikverlag vertritt

Künstler der Unterhaltungsbranche in kaufmännischen

und rechtlichen Angelegenheiten

und kümmert sich um Management, Booking

sowie Promotion. „Im Designhaus gibt es

ein cooles und kreatives Umfeld, in dem wir

uns gut entfalten konnten“, sagt CALYRA-

Geschäftsführer Alexander Wolff, der sich mit

seinem Team bald größere Büroräume in Halle

suchen muss.

„Die meisten Gründer, die im Designhaus

angefangen haben, bleiben in der

Region, weil sie sich gut etabliert haben und

diesen Standortvorteil nicht aufgeben wollen“,

erläutert Simon Santschi. Fest verwurzelt in

Halle ist auch das Team der „Freiraumgalerie –

Kollektiv für Raumentwicklung“. Die fünf

jungen Stadtplaner und Pädagogen arbeiten in

einem großzügigen und stillvoll eingerichteten

Büro im Erdgeschoss des Designhauses. Das

Planungsbüro widmet sich der kreativen Stadtentwicklung

und Umgestaltung von urbanen

Räumen. Dabei setzt das Team vor allem großflächige

Wandbilder, Bildungsangebote sowie

Bürgerbeteiligungsprozesse um. So haben sie

beispielsweise für Halle-Freiimfelde, ein Viertel

zwischen Bahnhof und Industriegebiet mit

wenig Grün und viel Leerstand, erfolgreich

ein Quartierskonzept umgesetzt, so dass der

Leerstand spürbar zurückging. „Wir profitieren

enorm vom kreativen Geist im Designhaus.

Bei unserer Projekten sind wir sehr stark auf

38


ZUKUNFTSMARKT KREATIVWIRTSCHAFT

„Unter den Absolventen von Kreativstudiengängen

ist der Wunsch, sich

selbstständig zu machen, sehr ausgeprägt. Die

Freiheit, sein Ding machen zu können, ist eng

mit der Selbstständigkeit verbunden. Aber es

gibt auch viele Absolventen, die sich einmal in

einer Agentur umschauen wollen. Da kommt

der Gedanke an die Selbstständigkeit nach den

ersten Berufsjahren, wenn man weiß, wie es

läuft“, erläutert Santschi.

designhaus-halle.de

alexandraboerner.com

calyra.de

freiraumgalerie.com

ratking.de

die Mitarbeit von Künstlern angewiesen“, sagt

Philipp Kienast von „Freiraumgalerie“.

Obwohl das Gründerzentrum hauptsächlich für

Absolventen der Kunsthochschule vorgesehen

ist, können sich auch andere Kreative für ein

Büro im Designhaus bewerben. Bei der Vergabe

von Räumen wird jedoch darauf geachtet,

dass die Geschäftsidee Potenzial hat und ein

Branchenmix aus der Kreativwirtschaft im

Haus abgebildet wird. Die Aufenthaltsdauer für

die Gründer beträgt maximal fünf Jahre – für

diesen Zeitraum müssen die jungen Kreativen

lediglich eine sehr preiswerte, sich staffelnde

Miete zahlen.

Den Sprung in die Selbstständigkeit unmittelbar

nach dem Studium wagten auch Jana

Reinhardt und Friedrich Hanisch. Die Multimediadesigner

gründeten das Computerspielstudio

RAT KING und haben sich durch Computerspiele

wie „TRI: Of Friendship and Madness“

einen Namen gemacht, in denen spielerische

Freiheiten mit verrückten Charakteren verknüpft

sind. „Von der Spieleidee bis zum Marketing

bieten wir das gesamte Programm. Dabei

versuchen wir, eine Mischung aus eigenen

Projekten und Auftragsarbeiten hinzubekommen.

Wir haben hier in Sachsen-Anhalt tolle

Firmen im Games-Bereich, aber wir haben nicht

die Aufmerksamkeit wie Unternehmen in Berlin

oder Hamburg. Das Designhaus kann mitwirken,

Leute zusammenzubringen.“

Damit im Designhaus nicht nur ein kreativer,

sondern auch ein gemeinschaftlicher Geist

weht, gibt es regelmäßige gemeinsame Essen

und einmal im Jahr eine Werkausstellung. „So

wissen alle Bewohner, was hier im Haus alles

geschaffen wird“, sagt Simon Santschi.

39


ZUKUNFTSMARKT KREATIVWIRTSCHAFT

Visionäre

Großhirnakrobaten

Die Designer hinter prefrontal

cortex sind virtuell virtuos

Der Mensch braucht Visionen. Die junge

Agentur prefrontal cortex in Halle (Saale)

liefert sie auf Bestellung: die Designer und

Programmierer denken Marketing und Unterhaltung

in ganz neuen Dimensionen.

Wie wir die Umgebung wahrnehmen und

unsere Handlungen an sie anpassen, bestimmt

ein Teil der Großhirnrinde: der präfrontale

Cortex. Die Großhirnakrobaten hinter „prefrontal

cortex“ haben sich auf innovative Anwendungen

und Interaktionskonzepte im Bereich

Virtual und Augmented Reality spezialisiert. Zu

ihren Referenzen gehören ein raumfüllendes,

Digitalisierung war noch kein geläufiger Begriff,

als Karsten Angermann und Alexander Michaelis

im Jahr 2002 damit begannen, Dinge am

Computer zu visualisieren. Mithilfe des Verfahrens

„Computer Generated Imagery“, kurz CGI,

erstellen sie fotorealistische Bilder und Animationen

aus CAD-Daten. Diese Daten fallen in

der Konstruktion oder im Designprozess von

Produkten ohnehin an. Mit dem Bildmaterial

aus Halle (Saale) machen Unternehmen Werinteraktives

Wasserspektakel in der Lobby des

Intel-Hauptquartiers im Silicon Valley und die

AR-Visualisierung einer archäologischen Ausgrabungsstätte.

Die Hallenser bieten alles aus

einer Hand: Planung, Konzept, Gestaltung, Entwicklung.

Mit viel Experimentierfreude finden

sie ihre Ideen im Wechselspiel aus Wissenschaft

und Kunst.

prefrontalcortex.de

Aus dem Nichts

Fotos aus Konstruktionsdaten erstellt

a&m creative services

Ein Produkt kann realistisch und in allen

möglichen Varianten gezeigt werden,

ohne dass es tatsächlich existiert. Mit den Bildern

von a&m creative services machen Unternehmen

Werbung vor der Produktion.

bung, obwohl es das echte Produkt noch gar

nicht gibt. Das spart Geld und Ressourcen – ein

handfester Mehrwert der Digitalisierung.

Zu den Kunden von a&m creative services zählen

Automobilhersteller und Maschinenbauer,

aber auch Architekten, Agenturen und Unternehmen

der Entertainmentbranche. Neben der

Erstellung von Bildmaterial für Werbekampagnen,

Broschüren und Messen sind die Hallenser

vor allem Experten für Konfiguratoren.

am-cs.de

40


Dr. Petra Göring,

Mitgründerin von

SmartMembranes

ZUKUNFTS-

MARKT

SCHLÜSSEL-

TECHNOLOGIEN

Haarklein

zum Erfolg

SmartMembranes

41


SmartMembranes

bringt Nano-Membranen

auf den Weltmarkt

Die Geschichte von SmartMembranes

begann mit einem Workshop, bei dem

sich die beiden Gründerinnen kennenlernten.

Das liegt nun mehr als zehn Jahre zurück.

Petra Göring forschte damals am Max-Planck-

Institut für Mikrostrukturphysik in Halle, und

Monika Lelonek arbeitete an der Univer sität

Münster. Der Workshop „nano4women &

Entrepreneurship“ richtete sich an junge

Wissen schaftlerinnen, um ihnen die Erstellung

eines Businessplanes zu vermitteln.

„Mein damaliger Chef gab mir den Hinweis,

dass ich mich doch für den Workshop anmelden

solle. Frauen, die sich aus der Wissenschaft

ausgründeten, waren damals noch seltener als

heute“, erinnert sich Petra Göring. Heute sitzt

sie am Schreibtisch ihres Unternehmens im

Technologiepark Weinberg Campus. Gegenüber

von ihr steht der Schreibtisch von Monika Lelonek.

In einer Männerdomäne wie der Nanotechnologie

ist eine weibliche Doppelspitze immer

noch eine kleine Sensation.

Die vergangenen zehn Jahre waren für

die beiden Frauen eine turbulente und

lehrreiche Zeit. Doch ihr Plan ist aufgegangen:

SmartMembranes ist der weltweit führende

Hersteller von porösen hochgeordneten Materialien

aus Aluminiumoxid und Silizium. Die

42


ZUKUNFTSMARKT SCHLÜSSELTECHNOLOGIEN

„Hier in Sachsen-Anhalt gibt

es die für uns notwendige

Infrastruktur und ein enges

Netzwerk mit ansässigen

Forschungseinrichtungen wie

dem Fraunhofer-Institut für

Mikrostruktur von Werkstoffen und

Systemen IMWS und der Martin-

Luther-Universität. Wir sind

damals eingezogen und konnten

sofort anfangen.“

DR. PETRA GÖRING

von dem Unternehmen hergestellten porösen

Membranen mit Luftlöchern im Nanobereich

waren damals so neuartig, dass den potenziellen

Kunden erst einmal erklärt werden musste,

dass es sie gibt.

Die Membranen zeichnen sich durch

eine hochgeordnete Struktur und eine

enge Verteilung der Porendurchmesser aus.

Strukturparameter wie Porengröße, Gitterkonstante,

Porosität oder die Membrandicke können

auf Nanometerebene nach Kundenwunsch

produziert werden.

Ob bei der Filtration, in der Sensorik oder

Diagnostik: Die Einsatzmöglichkeiten der haarkleinen

Strukturen sind nahezu unbegrenzt. Die

Membranen können einerseits Gase und Flüssigkeiten

filtern, aber auch als Schutzmembran

gegen Verunreinigungen wie Bakterien, Staub

oder Viren dienen. Zudem sind Aluminiumoxid

und Silizium implantierbar und biokompatibel.

„Zu Beginn stellten wir uns oft die Frage, ob

es überhaupt einen Markt für unsere Produkte

gibt. Wir mussten viel Überzeugungsarbeit leisten,

zumal unser Produkt nicht billig ist, dafür

aber kleiner, schneller und sensitiver. Wir haben

von Anfang an auf den internationalen Einsatz

gesetzt, da die Entwicklungen in diesem

Bereich hauptsächlich aus den USA und Asien

kommen“, erklärt die promovierte Chemikerin

Göring.

Auf Messen machten die beiden Wissenschaftlerinnen

ihre Produkte bekannt und gewannen

Vertriebspartner, die Kontakte zu anderen

Start-up-Unternehmen in Japan und Korea oder

den USA knüpften. Der deutsche und europäische

Markt spielt für SmartMembranes immer

noch eine untergeordnete Rolle. „Leider gibt es

bei den hiesigen Unternehmen eine große Zurückhaltung,

wenn es darum geht, Forschungsund

Entwicklungsprojekte auszulagern. Doch

wir haben es geschafft. Mittlerweile haben wir

den kritischen Punkt überschritten. Wenn es so

weitergeht, können wir uns nicht beschweren“,

sagt die Gründerin.

Neben Petra Göring und Monika

Lelonek gehören fünf weitere Mitarbeiter

zum Team von SmartMembranes.

Mittelfristig will sichdas Unternehmen vergrößern,

denn es ist absehbar, dass der Bereich

der Membranen-Produktion wächst.

Der Schritt aus der Wissenschaftswelt hinein

in die Geschäftswelt war und ist manchmal

noch immer eine Herausforderung. Finanzpläne,

Marketing, Vertriebsstrategien – die beiden

Forscherinnen mussten in den vergangenen

Jahren in vielen Bereichen Neuland betreten.

43


Fakten

Schlüsseltechnologien

in Sachsen-Anhalt

In Sachsen-Anhalt

entsteht Energie nachhaltig.

Jede zweite Kilowattstunde

wird mittlerweile aus

Wind, Sonne und Biomasse

erzeugt.

120

Über 120 vorwiegend

kleine und mittelständische

Unternehmen aus dem

Bereich Life-Science gibt

es im Land.

Die Protein- und Wirkstoffforschung

in Sachsen-Anhalt konzentriert sich auf

dem Weinberg Campus in Halle (Saale).

Im Technologiepark forschen zahlreiche

Biotechnologie-Unternehmen sowie

Forschungseinrichtungen.

„Ich habe unglaublich viel dazugelernt, das hat

mein Leben zweifellos bereichert und mich als

Person weitergebracht. Doch als Mutter von

drei Kindern waren da auch immer das schlechte

Gewissen und die Angst, dass für die Familie

zu wenig Zeit übrigbleibt. Auf jeden Fall möchte

ich das Gefühl der Selbstständigkeit nicht mehr

missen“, so das Fazit von Petra Göring. Für die

Forschung kann sie heute nur noch ein Drittel

ihrer Zeit verwenden, der Rest ihrer Arbeitszeit

ist mit Management, Vertrieb, Produktion und

Dienstreisen ausgefüllt.

Optimale Arbeitsbedingungen findet

das Unternehmen in ihren Labor- und

Büroräumen im Technologiepark Weinberg

Campus. „Hier gibt es die für uns notwendige

Infrastruktur und ein enges Netzwerk mit ansässigen

Forschungseinrichtungen wie dem

Fraunhofer-Institut für Mikrostruktur von

Werkstoffen und Systemen IMWS und der

Martin-Luther Universität. Wir sind damals

eingezogen und konnten sofort anfangen“,

so die Wissenschaftlerin.

Der Weinberg, wie er von den Hallensern genannt

wird, ist der Innovationsstandort für die

Life-Sciences- und Material-Sciences-Branche

in Sachsen-Anhalt. Mit 134 Hektar ist er der

Größte in Mitteldeutschland. Mehr als 100

Unternehmen und Institute mit rund 5.500

Beschäftigten gibt es heute auf dem Areal.

Biochemiker, Biotechnologen, Materialwissenschaftler,

Pharmazeuten, Agrar- und Ernährungswissenschaftler

der bedeutendsten

außeruniversitären Forschungseinrichtungen

forschen auf dem Weinberg Tür an Tür.

SmartMembranes konnte in den vergangenen

Jahren auf dem Weinberg in Halle wachsen und

gedeihen. Und auch wenn man die Produkte

der beiden Unternehmerinnen nur unter dem

Mikroskop erkennen kann – ihr Erfolg ist deutlich

sichtbar.

smartmembranes.de

technologiepark-weinberg-campus.de

44


ZUKUNFTSMARKT SCHLÜSSELTECHNOLOGIEN

Kleinlich in

Sachen Reinheit

In Halberstadt entstehen Wasserfilter

mit Nanotechnologie

Schätzungsweise zwei Milliarden

Menschen haben weltweit keinen Zugang

zu sauberem Trinkwasser. Die innovativen

Produkte der Nanostone Water GmbH könnten

das Trinkwasserproblem bereinigen.

Seit 2004 werden in Halberstadt in großen

Brennöfen keramische Wasserfilter produziert.

Die nanobeschichtete Keramik hat Poren, die

nur milliardstel Meter groß sind. Das hält sogar

Viren und Bakterien zurück sowie Rückstände

von Chemikalien. Interessant sind die Filter

vor allem für Industriepartner in Amerika und

China. Im Hinblick auf das Thema Mikroplastik

steckt ebenfalls viel Potenzial in dieser robusten

und haltbaren Lösung. Der Hauptsitz des

Unternehmens befindet sich seit einigen Jahren

in den USA und Zweigstellen gibt es auch in

China. In Halberstadt arbeiten mittlerweile 140

Mitarbeiter an der Produktion sowie der weiteren

Forschung und Entwicklung.

nanostone.com

Mathematisches

Meisterstück

Die IM&P GmbH kann Schäden vorhersagen

und verhindern.

Vorbeugen ist gut. Vorhersagen ist

besser: Die Softwarelösungen der

Indalyz Monitoring & Prognostics GmbH in

Halle (Saale) bauen auf eigens entwickelte

Algorithmen. Diese helfen, Wartungsarbeiten

besser zu planen.

Dank der fortschrittlichen Produkte aus Halle

wird zum Beispiel die Wartung von Windkraftanlagen

erleichtert. Denn die intelligenten

Prognoseverfahren ermöglichen eine prädiktiv-zustandsorientierte

Strategie. Das System

überwacht Maschinen, komplexe Anlagen

sowie Maschinen-Cluster und bezieht bei

seinen Berechnungen nicht nur bisherige Ereignisse,

sondern auch aktuelle Beobachtungen

ein. Repariert wird nur, wenn sich ein tatsächliches

Problem ankündigt. Das verringert die

Betriebs- und Wartungskosten und verlängert

die Laufzeiten. Gleichzeitig werden unerwartete

Ausfälle und mögliche Folgeschäden auf ein

Minimum reduziert. Das System rechnet sich

also.

imprognostics.com

45


HIER

TRIFFT WIRTSCHAFT

WISSENSCHAFT.

Team Bilberry, Mateyusz Krain (li.) und Krzysztof Dobrinin

©Marco Warmuth/TGZ Halle GmbH

ES IST EIN GÄNGIGES KLISCHEE: SACHSEN-ANHALT UND INNOVATIONEN?

DAS PASST NICHT ZUSAMMEN.

Wir treten den Gegenbeweis an und zeigen, dass in Sachsen-Anhalt Prägendes entsteht. Standorte

in Sachsen-Anhalt bieten dazu die perfekten Bedingungen. Es sind unsere ZUKUNFTSORTE. Hier

konzentrieren sich Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft an einem Ort. Die Wege sind kurz, das

ermöglicht Begegnung und Austausch. Neue Ideen entstehen und werden so einfacher realisiert.

www.zukunftsorte-sachsen-anhalt.de


WER ERFORSCHT

WAS UND WO?

DAS PORTAL FÜR

DIE FORSCHUNGS-

LANDSCHAFT IN

SACHSEN-ANHALT

Das Forschungsportal gibt einen Überblick über die Universitäten,

Hochschulen und Forschungsinstitute in Sachsen-Anhalt. Vorgestellt

werden zudem Forschungsprojekte aller Fachrichtungen. So

können Wissenschaftler ihre Arbeit bekannt machen und gezielt

nach Projektpartnern suchen. Außerdem informiert die Seite über

Förderprogramme und Sponsoren sowie über Beratungsmöglichkeiten

bei Unternehmensgründungen.

www.forschung-sachsen-anhalt.de


Ministerium für Wirtschaft,

Wissenschaft und Digitalisierung

des Landes Sachsen-Anhalt

Hasselbachstraße 4

39104 Magdeburg

Tel. +49 391 5674316

www.mw.sachsen-anhalt.de

presse@mw.sachsen-anhalt.de

in Zusammenarbeit mit der

Investitions- und Marketinggesellschaft

Sachsen-Anhalt mbH

Am Alten Theater 6

39104 Magdeburg

Tel. +49 391 56899 - 0

www.wirtschaft-in-sachsen-anhalt.de

welcome@img-sachsen-anhalt.de

Konzept, Gestaltung, Grafiken: genese werbeagentur GmbH, Magdeburg /// Text: Textbüro Wortschatz, Genthin /// Redaktionsschluss: Mai 2019 /// 1. Auflage;

Änderungen vorbehalten /// Druck und Weiterverarbeitung: Harzdruckerei GmbH, Wernigerode /// Bildnachweise: N. Böhme, H. Krieg, IDT Biologika/C. Bösener,

SpinPlant GmbH, plainpicture/H. Hermann, MediGlove, ChocQlate, PÄX Food, c3tec, FAM/C. Bierwagen, UCDplus/B. Ehl, Inabe, prefrontal cortex /// Die Benutzung

der Veröffentlichungen zum Zwecke der gewerbsmäßigen Veräußerung, insbesondere Adressveräußerung, an Dritte oder des Nachdrucks – auch auszugsweise –

ist nicht gestattet.

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