Leseprobenheft BuchBerlin 2019

reni64

Leseproben

Erstellt für die 2019

aus

Werken von

Rosa ANANITSCHEV

In der sibirischen Kälte

Andersrum

Renate ZAWREL

Schattenglück

Zuckerwatte und Christbaumherz

Il Vesuvio

Barbara SIWIK

Aqua Tofana

Der Schatz aus der Truhe

Wohin du gehen wirst

Der unwegsame Pfad der Zeit

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Nachdruck und Vervielfältigung nur mit ausdrücklicher

Genehmigung der Autorinnen.

Copyright - 2019, Rosa Ananitschev, Renate Zawrel,

Barbara Siwik

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Rosa Ananitschev

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In der sibirischen Kälte – Auszug

9

Andersrum– Auszug

19

Renate Zawrel

24

Schattenglück - Bijela kuća

29

Zuckerwatte und Christbaumherz

37

Il Vesuvio - Die Ehrenwerte Gesellschaft

45

Barbara Siwik

52

Aqua Tofana

57

Der Schatz aus der Truhe

65

Der unwegsame Pfad der Zeit

75

Wohin du gehen wirst 87

3


Rosa Ananitschev

4


Rosa Ananitschev (geb. Schütz) erblickte das Licht der Welt im

März 1954 in einem deutschen Dorf in Westsibirien (Gebiet

Omsk). Ende 1992 kam sie mit ihrer Familie nach Deutschland.

Sie arbeitet als Bibliotheksassistentin in der Stadtbücherei

Lüdenscheid, den Beruf Bibliothekarin hat sie noch in Russland

erlernt und viele Jahre ausgeübt.

Seit 2010 veröffentlicht Rosa Ananitschev Kurzgeschichten und

Autobiografisches in digitaler Form.

2014 erschien ihr erstes gedrucktes Buch (Novelle ›Andersrum‹),

das sich mit dem Thema ›Kindesmissbrauch‹ befasst.

Neuausgabe: ePubli 2018, ISBN: 978-3-746741-13-0

In autobiografischen Texten setzt sich die Autorin intensiv mit

ihrer Kindheit und Vergangenheit auseinander.

Diese Texte beinhaltet auch ihr zweites Buch ›In der sibirischen

Kälte‹, das im Mai 2016 im Karina-Verlag erschienen ist.

ISBN: 978-3-903056-85-5.

Außerdem ist Rosa Ananitschev in mehreren Anthologien mit

ihren Texten und Kurzgeschichten vertreten.

Homepage: www.rosa-andersrum.de

Blog: www.rosasblog54.wordpress.com

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Das kleine Mädchen, …

… das auf dem Coverbild scheinbar so unbeschwert einen Wintertag

genießt, hat auf seinem Weg zum Erwachsenwerden viel erlebt. Es ist ein

Werdegang mit vielen Hindernissen und Unbillen. Teilweise finden diese

ihren Ursprung in der Zeit, der Herkunft und politischen Lage, in der diese

Biografie ihren Anfang nimmt: 1954 in einem Dorf in Westsibirien.

Rosa Ananitschev erzählt von Erlebnissen, die ihr besonders gut in

Erinnerung geblieben sind: schöne und glückliche, traurige und tragische

oder auch solche, die erst im reifen Alter aus der Tiefe aufstiegen und die

Geschehnisse ihres Lebens in ganz anderem Licht erscheinen ließen. Die

Erkenntnis, was den Depressionen zugrunde liegt, die sie seit ihren

Kindheitstagen begleiten, löst zwiespältige Gefühle aus. Es braucht Zeit, bis

die Autorin zu der Einsicht kommt, dass die kleine Rosa von damals ein

Verschweigen nicht verdient hat, sondern vielmehr die Wahrheit und

uneingeschränkte Anerkennung dafür, dass sie trotz allem, was ihr

widerfahren war, die Willenskraft besaß, ihren Weg zu gehen.

Vielleicht stellt das Mädchen auf dem Cover die kleine Rosa dar? Gewiss –

sie hätte von so herrlicher Winterkleidung nicht einmal zu träumen gewagt

… und doch – ihrem Wesen nach ist sie es. Hin und wieder vergaß sie

nämlich alles Schwere um sich und in sich, tobte und wirbelte im Schnee

umher und fühlte sich leicht und frei – ganz in ihrem Element, ganz in ihrem

Universum.

ISBN: 978-3-903056-85-5 – EUR 13,90

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In der sibirischen Kälte – Auszug

Aus Sibirien ins Sauerland

An einem bitterkalten Tag, am 4. Dezember 1992, saß ich endlich

mit meiner Familie im Flugzeug, das den Kurs nach Deutschland

hielt. Darüber schrieb ich bereits. Nicht nur mein sehnlichster

Wunsch ging in Erfüllung, sondern auch der meines Mannes und

unserer Kinder. Fast zwei Jahre hatten wir auf diesen Moment

gewartet – eine lange Odyssee, die mit viel Formalitäten, aber

auch Kampf und Bangen verbunden war.

Nostalgie. Nostalgija – russisch ausgesprochen – ein Wort, das in

dem Land, aus dem ich komme, viel thematisiert wird und für das

Volk von großer Bedeutung ist. Es drückt am besten das Gefühl

der Sehnsucht nach der Heimat aus, der verlorenen Heimat. Viele

russische Schriftsteller, sowohl bekannte als auch unbekannte,

beschrieben es in ihren Romanen und Gedichten, besonders

diejenigen, die gezwungen waren, fernab von Russland zu leben.

Vermutlich ist dies in der heutigen Zeit etwas anders geworden,

denn fast jeder Ausgewanderte hat die Wahl, in der Fremde zu

bleiben oder, wenn die Sehnsucht überhandnimmt, sich für eine

Rückkehr zu entscheiden. Zumindest aber darf er das Land

immer wieder besuchen.

Ich habe nie den Wunsch verspürt, nach Russland zurückzukehren;

nicht einmal den Urlaub wollte ich dort verbringen.

Und doch habe ich es vor elf Jahren getan. („Die Reise zurück“)

Es war wie das Eintauchen in meine frühen Albträume,

faszinierend und quälend zugleich.

Auch mein Heimatdorf besuchte ich. Auf dem Boden der

Vergangenheit zu stehen, das Haus zu sehen, in dem ich

aufgewachsen war, das Grab meiner Mutter auf dem völlig

überwucherten Teil des Friedhofs zu suchen und zu finden und

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den kleinen Blumenstrauß auf die Granitplatte zu legen – das

waren Emotionen ohnegleichen. Auch jetzt, während ich

schreibe, muss ich mit den Tränen kämpfen, weil ich diese Bilder

so klar vor Augen habe, weil plötzlich so viele Gefühle da sind …

Keiner kann sich seinen Geburtsort aussuchen. Wir werden in die

Welt hineingeboren und müssen uns in ihr zurechtfinden. War es

mein Glück oder Unglück, als Deutsche in Russland geboren zu

werden?

Wahrscheinlich beides.

Als Kind habe ich mich oft gefragt, warum gerade ich?

Warum meine Eltern? Warum deren Vorfahren?

Und manchmal wünschte ich mir dann, jemand anderer zu sein.

Ich war nicht nur ‚fremd‘ in diesem Land, sondern fühlte mich

auch im Dorf als Außenseiter (was allerdings ebenso auf meine

Geschwister zutraf).

Es lag vor allem daran, dass unsere Mutter nicht zu den

Einheimischen zählte und daher nie so richtig dazugehörte. Sie

war – ich schrieb es schon – 1933 aus der Ukraine nach Sibirien

deportiert worden und hatte unseren Vater erst im Dorf

kennengelernt.

Die Familie unserer Mutter sprach einen Dialekt, der sehr dem

Schwäbischen glich. Wir Kinder benutzten zu Hause ihre

Sprache. Der Dialekt unseres Vaters war ein anderer. Die

Dorfbewohner bezeichneten sich selbst als Belomeser.

Im Spiel mit den anderen Dorfkindern verwendete ich anfangs

die Muttersprache (im wahrsten Sinne des Wortes), wurde aber

oft genug deswegen ausgelacht. Vaters Dialekt wollte ich nicht

sprechen und so habe ich mich ziemlich früh der russischen

Sprache bedient. Da gab es dann nichts mehr zu lachen und bald

sprach ich auch daheim fast ausschließlich Russisch.

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Das Leben im Dorf in den 50er und 60er Jahren verlief einfach,

besser ausgedrückt – ärmlich und voller Entbehrungen. Unsere

Familie besaß nicht viel und die Kinder mussten sich mit ihren

Wünschen ganz hinten anstellen. Natürlich sorgten die Eltern

dafür, dass wir genug zu essen hatten, aber alles andere …

Als Kind konnte ich meine Spielzeuge an den Fingern abzählen

und als Jugendliche hatte ich kaum Kleidung zum Wechseln,

obwohl das Geld dafür ganz sicher ausgereicht hätte. Fürwahr –

es gab wichtigere Sachen als eine Puppe oder später ein neues

Kleid.

Als erwachsene Frau hätte ich mir in der Stadt, in der ich mit

meiner Familie lebte und als Bibliothekarin arbeitete, finanziell

einiges leisten können, wäre da nicht ein weiterer Engpass

aufgetreten – das ’Defizit‘, ein allseits bekanntes Phänomen der

sowjetischen Wirtschaft, der Mangel an allem in sämtlichen

Branchen.

Noch heute denke ich beim Einkaufen unwillkürlich daran, wie

deprimierend leer die Läden in Omsk waren und was für eine

Fülle hier überall herrscht. Und wenn ich unseren Kleiderschrank

öffne, vergleiche ich dessen Inhalt oft mit dem des Schrankes von

damals, der nicht einmal halb so groß war, in den aber die

Kleidung für vier Familienmitglieder bequem hineinpasste und

auch noch Platz übrigblieb.

Ich kann sagen, dass ich mich in Russland wegen meiner

Nationalität nie besonders diskriminiert fühlte. Bei der älteren

Generation war das natürlich ganz anders. die Deutschen mussten

zu Stalins Zeit viel erleiden, wurden mit den Faschisten ’in einen

Topf ’ geworfen, zumindest aber als ’Beilage‘ angesehen und

dementsprechend behandelt. Alle im europäischen Teil des

Landes wohnenden Deutschen wurden 1941 nach Sibirien

verbannt und die auf diese Art Deportierten durften nur im

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ihnen zugewiesenen Ort leben; ihn zu verlassen – egal wohin,

egal warum – war im besten Fall allein mit einer Sondergenehmigung

erlaubt.

Ich entdeckte neulich ein Dokument in russischer Sprache im

Internet, eine sogenannte Einverständniserklärung. Darin stand –

sinngemäß übersetzt:

Ich … bestätige hiermit, dass ich in diesen Ort … für alle

Ewigkeit verbannt bin; mir ist auch bewusst – falls ich meinen

Wohnsitz ohne Erlaubnis verlasse, werde ich mit zwanzig Jahren

Lagerarbeit bestraft.

Unterschrift …

Freiwillig wurde diese Erklärung ganz bestimmt nicht abgegeben.

Wer sollte damit wohl einverstanden sein? Mir fehlten die Worte,

als ich den Inhalt dieser wenigen Zeilen richtig begriff …

Übrigens wurden die in Russland lebenden Deutschen erst 1956

– nach Stalins Tod – von ihrer kollektiven Mitschuld am Zweiten

Weltkrieg freigesprochen und durften sich wieder frei im Land

bewegen. In den Ort, in dem sie einmal ihr Zuhause hatten,

kehrte jedoch kaum einer von ihnen zurück. Zu tief saß die

Angst vor neuen Verfolgungen und außerdem waren sie dort

nicht willkommen, denn die Häuser, die sie einst bewohnt oder

besessen hatten, waren längst im Besitz von Fremden, mitunter

sogar von ihren früheren Nachbarn, die das Glück hatten, keine

Deutschen zu sein.

Was mir in dieser oben erwähnten Einverständniserklärung sofort

ins Auge fiel – sie war von einem Mann mit dem Nachnamen

Hetterle unterzeichnet worden – das war auch der Mädchenname

meiner Mutter. Leider ist es mir nicht gelungen, herauszufinden,

ob es wirklich um einen Verwandten handelte. Jedoch habe ich

mir vorgenommen, mich demnächst eingehender mit der

Ahnenforschung zu befassen …

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Ja, für die Russland-Deutschen hatte das Wort Heimat mehrere

›Gesichter‹, darunter ziemlich hässliche, wie ich versucht habe zu

schildern.

Auch mir fehlte die feste Bindung an dieses Land, das sich stolz

mit dem Namen Vaterland brüstete.

Zuweilen überkam mich in Russland das seltsame Gefühl, als

gäbe es in meinem tiefsten Inneren eine angeborene Erinnerung;

ich bildete mir sogar ein, etwas Schemenhaftes ausmachen zu

können …

Eine fremde Straße? … Fremdartige Häuser? … Dunkles Grün

in der Abenddämmerung? …

Im Verlauf einer Unterhaltung mit meiner Arbeitskollegin zum

Thema Heimat – es war vielleicht um 1982 – gestand ich, dass ich

mir insgeheim wünschte, ich könne wenigstens einmal durch eine

Stadt gehen und die Menschen ringsum nur Deutsch reden hören.

Die Kollegin war ob dieses seltsamen Wunsches sehr verwundert.

Vermutlich dachte sie: ‚Die spinnt doch!‘

Nun, gesponnen oder nicht: Zehn Jahre später wurde mein

Traum wahr. Das hätte auch ich damals nicht für möglich

gehalten.

Nein, ich sehne mich nicht zurück, würde nie mehr in Russland

leben wollen, denn mein Herz sagt mir: Dort wärst du tief

unglücklich, dort hättest du dein Leben nie so leben können, wie

du es für richtig hältst, dort hättest du dich verstecken, deine dir

eigene Natur verleugnen müssen. Und vor allem wärst du dort nie

den Ursachen deiner Depressionen und Panikanfälle auf den

Grund gegangen, hättest nie gelernt, sie zu bewältigen. Du wärst

in deinem schlimmsten Albtraum gefangen geblieben.

Mein Herz sagt mir: Deine Heimat ist hier – in dem

sauerländischen Städtchen Hemer, wo du dich wohl und zuhause

fühlst.

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Aber wenn ich meiner inneren Stimme aufmerksam lausche, höre

ich, dass sie mir dennoch etwas zuflüstert, das ich nicht vergessen

sollte: Es gibt in deinem Herzen auch einen Ort, der in weiter,

weiter Ferne liegt – ein winziges Fleckchen Erde in einem riesigen

Land, wo du geboren wurdest und die Welt kennenlerntest.

Und dann denke ich an die schönen Momente meiner Kindheit –

die Dorfstraßen und Wiesen mit ihren Abenteuern, die Streifzüge

durch die Wälder auf der Suche nach Erdbeeren, Brombeeren

und Pilzen, ich denke an meine beste Freundin und daran, wie

viel mir die Freundschaft mit ihr bedeutete. Ich sehe die

Menschen, die trotz harter Schicksalsschläge nicht zerbrachen, die

Kraft fanden, weiterzuleben. Und dann sage ich mir selbst – ja,

auch das kleine Dorf in Sibirien wird immer seine besondere

Bedeutung behalten. Vor vielen Jahren habe ich es verlassen, ging

fort, um auf den Spuren meiner Vorfahren in meine Ur-Heimat

zurückzukehren, das Land, in dem der Beginn dieser Spuren

leider nicht mehr auszumachen ist.

Fragte mich jemand, wo meine Heimat nun wirklich ist, so weiß

ich im ersten Moment keine Antwort darauf.

Vielleicht ist dies ein Ansatz: Heimat ist überall dort, wo ich von

Liebe und Frieden umgeben bin.

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Das Buch enthält 50 ergreifende Geschichten, die von verschiedensten

Heldenmomenten des Lebens erzählen. Opfer sein

─ das hat viele Facetten: Mobbing, häusliche Gewalt, Missbrauch,

aber auch Krieg, Krankheiten, Sucht, Comingout, oder aber auch

das Opfer seiner selbst zu sein. Die Anthologie zeigt mit ihren

Geschichten auch die Heldenmomente, die Überwindung der

Opferrolle. Sie beinhaltet ein breites Spektrum von Lebensereignissen

und möchte Betroffene ins Gespräch bringen.

Das Buch dient zudem einem guten Zweck. 60 % vom Erlös

gehen an die folgenden drei gemeinnützigen Vereine:

re-empowerment, Quarteera und Anuas.

Herausgeberin: Petra Schaberger, Q5 Verlag.

Im Buch enthalten: „Offener Brief“ von Rosa Ananitschev.


ISBN: 978-3-981985-71-9

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Eine Geschichte, die sich irgendwann vor vielen Jahren

zugetragen hat … wenn sie der Realität entspringt. Ob dem so ist,

mag der Leser für sich entscheiden. Doch das Thema, das dem

Inhalt des Buches zugrunde liegt, ist brandaktuell.

Auf ganz besondere Weise wird in „Andersrum“ die Problematik

des sexuellen Missbrauchs – insbesondere im Familienkreis –

behandelt. Was sich beinahe wie ein Märchen liest, hat mit dem

genannten Genre wenig zu tun und lässt den Blick in die Seele

eines Kindes zu, das vorerst vergeblich versucht, Erlebtes zu

verdrängen und zu vergessen.

Erst ein rätselhafter Fremder kann Lisa aus der Reserve locken

und verhilft ihr mit Verständnis und dem vermittelten Gefühl,

immer für das Kind da zu sein, das Trauma aufzuarbeiten und

sich zu wehren.

„Andersrum“ hat seinen Ursprung 1958, irgendwo in einem

deutsch-russischen Dorf, doch ereignen sich gleichgeartete Fälle

viel zu oft auch in heutiger Zeit und nicht selten in unmittelbarer

Umgebung.

Das Buch soll uns feinfühliger machen im Bezug darauf,

Anzeichen für sexuelle Übergriffe besser zu erkennen. Nicht

wegsehen und reagieren kann vielleicht helfen, Dinge zu

verhindern, die einem Kind nie angetan werden sollten.

ISBN: 978-3-746741-13-0 EUR 6,99


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Andersrum– Auszug

Das Licht

Die folgende Geschichte spielt sich in einem kleinen Dorf ab, das

in einem weiten Land zwischen vielen Birkenwäldern liegt.

Die Menschen in der Siedlung arbeiten hart und müssen viel Leid

und Ungerechtigkeiten ertragen.

Auch die kleine Lisa kämpft sich tapfer durch das Leben. Sie hat

ihr ganz persönliches, schweres Päckchen zu tragen.

Wir schreiben das Jahr 1958.

Wie so oft wird Lisa mitten in der Nacht wach. Sie hat etwas

geträumt, kann sich allerdings nicht mehr erinnern, was es war.

Sie weiß nur – es war schlimm; der Albtraum nahm ihr Herz in

den eisernen Griff und jetzt, wieder befreit, schlägt es schnell

und hämmernd in ihrer Brust.

Lisa hat im Schlaf geweint und spürt noch die Nässe im Gesicht.

Ein Schluchzen entfährt ihr, als sie tief ein- und ausatmet. Ihr

Herz beginnt sich allmählich zu beruhigen.

Da hört sie eine Stimme, die nicht von außen zu kommen

scheint, sondern direkt in ihrem Kopf sitzt: „Hallo, Lisa!“

Das Mädchen hält den Atem an und lauscht angestrengt in sich

hinein. Aber sie hört nur das gewohnte leise Schnaufen und

Schnarchen ihrer Geschwister. Dann dreht sie sich auf den Rücken.

Es ist nicht ganz düster im Zimmer. Der Mondschein von draußen

hinterlässt einen hellen Streifen auf dem Holzfußboden und erfasst

auch die dunkle Gestalt, die auf dem Rand des Bettes sitzt.

„Hab keine Angst“, sagt erneut die Stimme in Lisas Kopf. Ohne

es begründen zu können, weiß das Mädchen sofort, dass sie zu

dieser Erscheinung gehört.

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Das Kind hat gar keine Angst – der Fremde ist zwar vollständig

in Schwarz gehüllt, aber überhaupt nicht furchterregend.

„Wer bist du? Was machst du hier?“, flüstert Lisa erstaunt.

„Ich bin gekommen, um dir deinen größten Wunsch zu erfüllen“,

antwortet die wohlklingende Stimme. „Du hast doch einen?“

Lisa setzt sich langsam auf und schaut die Gestalt an. Dann

schüttelt sie den Kopf und raunt: „Das kannst du nicht. Das

kann nicht mal der liebe Gott.“

Ein plötzlicher Verdacht kommt in ihr auf und sie fragt

vorsichtig: „Du bist doch nicht Gott?“

Sie hätte schwören können, dass der Fremde schmunzelt, obwohl

sie sein Gesicht nicht sieht.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten. „Nein, der bin ich

nicht. Betest du denn oft zu Gott?“

„Mama sagt, ich muss jeden Abend vor dem Schlafengehen

beten, dann wird der liebe Gott mich gernhaben und über mich

wachen.“ Ein tiefer Seufzer entringt sich dem Mädchen. „Aber

das will ich gar nicht. Dass er über mich wacht, meine ich. Ich

bitte ihn nur …“ Lisa verstummt.

„Worum ersuchst du Gott? Erzähl mir doch mal von deinem

Wunsch“, bittet die einfühlsame Stimme.

Erneutes tiefes Luftholen, das aus tiefster Seele kommt. Lisas

Stimme wird immer leiser und ist kaum hörbar. „Das ist ein ganz

ernster Wunsch.“ Sie sucht eine Weile nach dem passenden Wort.

„Ein ganz anderer Wunsch, weil … weil es kein Ding ist.“

Plötzlich stehen Tränen in ihren Augen. „Ich wünsche mir, froh

zu sein“, flüstert sie, und ein unterdrücktes Weinen lässt ihre

Schultern zucken.

Der Fremde streichelt dem Mädchen beruhigend über die

weichen Locken. „Weine nicht, Kleines. Das kriegen wir hin.

Versprochen.“

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Lisa hebt den Kopf, in ihren Augen glänzen Tränen. Ungläubig

blickt sie in das schwarze Gesicht. „Das kannst du? Echt? Dann

bist du ja noch allmächtiger als Gott!“ Das Wort „Allmächtig“

hat sie von den Erwachsenen oft gehört und weiß, was es

bedeutet.

Wieder spürt Lisa auf seltsame Weise das Lächeln des Fremden,

als er antwortet: „Allmächtiger vielleicht nicht, aber ich kann

Einiges. Am besten, wir fangen gleich an, an deinem Wunsch zu

arbeiten. Komm, wir gehen nach draußen.“

Die dunkle Gestalt erhebt sich vom Bett des Kindes. Selbst das

Licht des Mondes vermag ihr kein Gesicht zu geben.

„Jetzt? Im Dunkeln?“, argwöhnt Lisa, rutscht aber schon

bereitwillig aus dem Bett.

Der Fremde nimmt sie an die Hand. „Wo sind denn deine

Schuhe?“, will er wissen.

„Die sind im Schrank. Ich laufe im Sommer immer barfuß“,

erklärt das Kind.

„Dann muss ich dich aber auf den Arm nehmen, draußen ist es

jetzt ganz schön feucht.“ Er hebt Lisa hoch und sie erstarrt, von

plötzlicher Scheu erfasst. Behutsam drückt der Fremde das Kind

an sich. „Ich tue dir nichts. Vertrau mir.“

Lisa schmiegt sich vorsichtig an seine Brust. Das tut gut und sie

fühlt sich auf einmal sehr wohl und sicher.

Ohne ein Geräusch zu verursachen, huschen der Mann und das

Mädchen aus dem Haus. Niemand hört oder bemerkt etwas.

Im Garten bleibt der Fremde stehen und schaut zum Himmel

empor. Auch Lisa hebt den Kopf.

„Siehst du da oben die vielen Sterne?“, fragt die dunkle Gestalt.

„Ja! Ich weiß auch, dass es Sonnen und Planeten sind“, antwortet

das Mädchen mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Das hat mir

meine Schwester erzählt.“

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„Genau so ist es. Und sieh mal, der helle Stern da!“ Er deutet

nach oben. „Auf dem wohnt auch so ein Mädchen wie du.“

Lisa wird neugierig. „Ist es auch sechs Jahre alt? Heißt es auch

Lisa?“

Obwohl die Kleine sein Gesicht durch den schwarzen Stoff nicht

sieht, ahnt sie, dass der Fremde lächelt, als er antwortet: „Nicht

unbedingt Lisa – aber vielleicht … Asil?“

„Oh ja – das ist mein Name, nur andersrum!“ Lisa lacht, der

Name Asil gefällt ihr ausgesprochen gut.

„Du bist ein kluges Mädchen!“, sagt der Fremde anerkennend.

„Ist Asil auch manchmal traurig?“, will das Kind wissen.

„Manchmal ja“, erwidert die Gestalt in Schwarz. „Besonders aber

dann, wenn du traurig bist.“

Lisa zupft leicht an dem Gewand des Mannes. „Woher weiß sie das?“

„Nun, sie spürt es. Asil und du, ihr seid zwei Seelenverwandte.“

„Was bedeutet das?“

„Das ist wie bei Freunden. Zwei gute Freunde verstehen sich oft

auch ohne Worte und fühlen, was der andere fühlt“, erklärt der

Fremde.

„Ich habe keine Freundin“, gesteht Lisa betrübt und senkt den Blick.

„Die kommt noch – eines Tages“, verspricht der Dunkelgekleidete.

„Du wirst es sofort wissen, wenn du sie siehst.“

Schnell wechselt Lisa das Thema. „Sag mal, warum versteckst du

dein Gesicht?“

Der Fremde zögert ein wenig. „Ich sage es dir ganz ehrlich. Ich

darf mein Gesicht den Erdlingen nicht zeigen. So sind die

Regeln.“

Beim Wort „Erdlinge“ blickt Lisa nach oben zu den Sternen,

dann wieder in das schwarze Gesicht. Eine Erkenntnis leuchtet in

ihren Augen auf, aber sie behält sie für sich, fragt stattdessen:

„Kannst du denn gut sehen, wenn deine Augen verdeckt sind?“

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Ein Kichern ist zu hören und anschließend: „Oh doch, ich sehe

alles sehr gut.“

Lisa bemerkt etwas auf der Brust des Fremden und setzt an:

„Was ist …?“ Dann stoppt sie die Frage und ihre nächsten Worte

klingen ein wenig vorwurfsvoll: „Du hast mir noch gar nicht

gesagt, wie du heißt.“

„Stimmt. Entschuldige“, antwortet die schwarze Gestalt. „Du

kannst mich einfach Duh nennen.“

Lisa macht große Augen. „Duh … so wie ich und du?“

„Ja, so ungefähr.“

„Dein Name gefällt mir“, sagt Lisa zufrieden. „Also Duh, was ist

das hier, das so grün leuchtet?“ Sie berührt die Stelle auf dem

Umhang. „Es ist hart. Ist das ein Kästchen?“

Bereitwillig erklärt Duh: „Das ist ein kleines Gerät, das meine

Sprache für dich übersetzt und deine für mich.“

Das Mädchen wundert sich. „Verstehst du denn kein Deutsch? Auch

kein Russisch? Ich kann schon gut Russisch sprechen“, fügt sie stolz

hinzu. „Kann das Kästchen auch andere Sprachen übersetzen?“

„Ja, alle Sprachen der Welt.“

Lisa schüttelt beeindruckt den Kopf und lehnt sich an Duhs

Schulter: „Du riechst gut“, murmelt sie.

„Ich habe mich extra für dich fein gemacht.“

Lisa ist zwar erst sechs Jahre alt, aber versteht den Scherz und

antwortet gespielt ernst: „Für Mädchen müssen die Jungs sich

eben fein machen.“

„Gut erkannt, Kleine“, murmelt Duh.

Lisa wird müde und der Fremde trägt sie wieder ins Haus, in ihr

Bett. Sie löst sich nur ungern aus seinen Armen. Bevor der Schlaf

sie endgültig überwältigt, flüstert sie: „Danke, Duh …“

„Wofür denn, Kleines?“

„Dafür, dass du so lieb bist.“

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Renate Zawrel

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Renate Zawrel

wurde 1959 in Wien geboren und übersiedelte 1993 mit ihrer

Familie nach Oberösterreich in das wunderschöne Ennstal.

Die Erstausgabe von ›Il Vesuvio‹ präsentierte sie im April 2011.

Es folgten im Verlag Sarturia Veröffentlichungen von mehreren

Kurzgeschichten, sowie die Krimi-Trilogie ›Damendoppel‹.

Ebendort war Renate Zawrel Herausgeberin der Kinderbuchreihe

›Märchen unterm Regenbogen‹ und der Sarturia-

Märchenbibliothek.

Seit 2016 Mitarbeiterin im Karina-Verlag, Vienna.

Kurzgeschichten in den Büchern der Reihe ›Respekt für dich‹,

sowie Mitautorin der Flügel-Trilogie (Thriller), Teamleiterin des

Fantasyprojekts ›Magic‹, Herausgeberin der Märchenbücher

›Sternenreihe‹

›Schattenglück – Bijela kuća‹ erlebte 2016 im Karina-Verlag,

Vienna, eine Neuauflage.

2018 wurde der Thriller ›Zuckerwatte und Christbaumherz‹ im

Karina-Verlag veröffentlicht.

Im Selfpublishing wird die Kinderbuchreihe ›Paulinchens und

Onkel Paulchens Märchenwelt‹ herausgegeben - innerhalb dieser

Reihe die Serie der Umweltbücher.

https://www.renate-zawrel.at

www.facebook.com/Renate.Zawrel


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Amely lebt in einer von Gewalt dominierten Beziehung. Die

daraus resultierenden Selbstzweifel münden in Resignation …

Die junge Frau und Mutter eines Sohnes gibt sich selbst die

Schuld für alles, was ihr Dasein zur Hölle macht.

Es bedarf eines einschneidenden Erlebnisses und einer gehörigen

Portion Mut, sich aus diesem Kapitel ihres Lebens zu befreien

und einen Neustart zu wagen.

ISBN 978-3-903161-00-9 EUR 14,90

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Schattenglück - Bijela kuća

Andjela, die Urenkelin Amelys, wird deren Aufzeichnungen aus ihrem

Leben, das lange unter einem dunklen Schatten stand, zu einem Roman

verarbeiten, der in der Gegenwart spielt …

Die Einlösung einer ›Wettschuld‹, wenn man es so bezeichnen will, führt die

Österreicherin Amely nach München. Dort trifft sie auf einen Mann, der

ihr Herz berührt. Aber sie weiß, dass sie die Gefühle zu ihm in ihrem

Herzen begraben muss. Amely ist verheiratet … wenngleich die Ehe auch

die Hölle ist. Und … Amely entschließt sich zu einem folgenschweren

Schritt.

„Es gibt nicht mehr viel ‚weiter‘. Er ist in dieser Nacht bei mir

geblieben und hat mich am Vormittag zum Zug gebracht. Das

war es dann!“ Amelys Stimme schwankte als sie beteuerte: „Aber

ich bereue nichts. Gar nichts. Nicht eine Sekunde.“

Und dann folgte etwas, das Marianne, Amelys Freundin, ihres

Zeichens Anwältin, zu allerletzt erwartet hätte!

Amely erklärte: „Ich möchte die Scheidung. Und ich will, dass du

mich vertrittst. ER soll mein Leben nicht mehr bestimmen

dürfen.“ Sie missverstand das Erstaunen der Freundin. „Schau

mich nicht so an“, verteidigte sie sich. „Von Marko habe ich

weder Telefonnummer noch Adresse. Wir werden uns nie mehr

sehen. Er ist nicht der Grund für die Scheidung, aber er hat den

Ausschlag für meinen Entschluss gegeben. Er hat mir gezeigt,

was es heißt, geliebt zu werden, wenn er es vielleicht auch nicht

so empfunden hat. Mir ist klar geworden, dass ich nicht mehr

dulden werde, dass ER mich und das Kind seelisch und

körperlich zerstört.“ Amelys flehender Blick traf Marianne.

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„Wirst du mir helfen? Wirst du einen Weg finden, dass ich, dass

wir, endlich in Ruhe leben können?“

Wie lange schon hatte sie auf die Freundin eingeredet? Und

dieser Marko Urbanić schaffte es an einem Wochenende. Respekt!

Marianne fragte dennoch: „Bist du dir hundertprozentig sicher?

Nicht, dass du nach der ersten Verhandlung wieder einen

Rückzieher machst. Dein künftiger EX“, formulierte sie mit

Genugtuung, „wird alle Register ziehen. Doch sei unbesorgt,

meine Argumente werden besser und stichhaltiger sein. Wir

werden auf allen Ebenen siegen und du wirst ein Leben führen

können, wie du es dir schon so lange wünschst.“

Sie hielt Amely die Hand entgegen und die schlug ein.

„Ja, ich steh es durch!“, versprach sie. „Es muss nun genug sein.“

Während sie erzählte, war Amely so aufgewühlt gewesen, dass sie

sogar darauf vergaß, Tränen zu vergießen. Nun war die

Anspannung gewichen und Marianne hielt eine bitterlich

Weinende im Arm. Die Freundin schluchzte und bebte, denn sie

hatte soeben eine Entscheidung getroffen, die ihr weiteres Leben

bestimmen würde.

Marianne aber erkannte, dass Amely in ihrem Leben zum ersten

Mal wirklich geliebt hatte und geliebt worden war.

Mariannes Brief löst eine Flut an Katastrophen aus:

Neugierig, warum ausgerechnet Marianne ihm einen eingeschriebenen

Brief schickte, beeilte sich Roman, ihn vom Postamt

abzuholen. Vielleicht hatte die Mutter ihm ja irgendetwas schon

zu Lebzeiten vererbt. Keinen Gedanken verschwendete der Mann

daran, dass dieses Schreiben in irgendeinem Zusammenhang mit

seiner Frau stehen könnte. Die hatte er schließlich fest im Griff.

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Er führte ein bequemes Leben. Die Mutter unterstützte ihn,

wenn er sich wieder einmal ein neues Prestige-Auto zulegen

wollte, eine luxuriöse Armbanduhr oder welche Annehmlichkeit

auch immer. Er selbst war froh, dass er sich nicht um sie

kümmern musste. Gegenüber seinen Kumpanen bezeichnete er

sie als ›alten Drachen‹ und in dieser Eigenschaft informierte sie

ihn über jeden Schritt, den Amely tat.

Seine weiblichen Begleiterinnen wechselte Roman wie die

Hemden. Sie mussten gut im Bett sein, mehr interessierte ihn an

diesen Frauen nicht. Was die eigene betraf, so freute er sich

darauf, es ihr wieder einmal so richtig ‚zu besorgen’, sobald die

Schwiegereltern abgereist waren. Er wusste, dass er Amelys Seele

traf, wenn er sie mit brutaler Gewalt nahm oder seine perversen

Spiele mit ihr trieb; ebenso, dass sie wegen Michael nicht zu

schreien wagte. Auch für diesmal hatte er sich gewisse Bosheiten

ausgedacht, da ihm die Mutter ausführlich über Amelys Verhalten

seit ihrer Rückkehr aus Deutschland berichtet hatte. Diesmal

würde ihre Beherrschung zusammenbrechen, ob das Kind in der

Nähe war oder nicht. Es würde eine Weile dauern, ehe sie sich

‚danach‘ wieder auf die Straße wagen konnte. Sie sollte erfahren,

nein, erspüren, was geschah, wenn man ihm Widerstand leistete.

Er unterschrieb den Reco-Brief. Mit zweideutigem Lächeln

machte er der Frau am Schalter ein Kompliment, das sie zum

Erröten brachte, und verließ in bester Laune das Postamt.

Sein Grinsen gefror, als er den Inhalt des Briefes überflog.

In rechtsfreundlicher Vertretung von Frau Amalie Berg, wohnhaft in …

Roman übersprang persönliche Daten … teile ich Ihnen mit, dass meine

Mandantin eine sofortige Lösung des ehelichen Verhältnisses anstrebt.

Gemäß der §§83,84,105,201 StGB liegt Ihrerseits eine schwere

Eheverfehlung vor, insbesondere durch die Tatsache der Anwendung

körperlicher Gewalt und Zufügen von schwerem seelischen Leid. Sie werden

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daher eingeladen, zwecks Besprechung der notwendigen Schritte, gemeinsam

mit Ihrem Rechtsvertreter am Mittwoch, dem 13.Jänner diesen Jahres in

meiner Kanzlei vorzusprechen.

Hochachtungsvoll

Dr. Marianne Bräuer

Erstes Opfer seiner Aggression wurde eine am Boden liegende

Getränkedose. Wütend trat er auf sie ein, bis sie nur mehr ein

flaches Stück Blech war. Roman riss das Handy aus der

Hosentasche und wählte, zitternd vor Zorn, Amelys Nummer …

dreimal, viermal, fünfmal vergeblich: ‚Der gewünschte Teilnehmer ist

im Moment nicht erreichbar. Wollen Sie eine Nachricht hinterlassen ...’

Ungeduldig wartete er den Signalton ab und hinterließ eine

Tirade wüster Beschimpfungen und Drohungen, die er mit ‚Du

bist tot!’ beendete. In seiner unbezähmbaren Wut bedachte er

nicht, dass ihm gerade diese Worte zum Verhängnis werden

konnten. Seine Frau über das Festnetz zu erreichen, wagte er

nicht, er fürchtete ihre Eltern.

In seiner Wohnung angekommen, warf er die Tür ins Schloss,

dass die Wand bebte. Die ›Entschädigungszahlung‹ für diesen

herausfordernden Fetzen Papier würde Amely nicht unbeschadet

überstehen.

Anwalt … Anwalt …

Roman überlegte krampfhaft: Er hatte keinen Freund, der Anwalt

war. Eigentlich hatte er gar keine Freunde, höchstens Kumpel, die

ihm kaum helfen würden, wenn es hart auf hart kam. Er blätterte

das Telefonbuch mehr mals nach einem geeigneten

Rechtsbeistand durch, doch die Wut ließ ihn keinen klaren

Gedanken fassen. Morgen würde er sein Glück aufs Neue

versuchen. Amely und ihre bescheuerte Anwältin hatten die

Rechnung ohne ihn gemacht.

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Weihnachtliche Düfte locken Kinder wie Erwachsene auf den

Wiener Christkindlmarkt.

An einem der Verkaufsstände arbeitet Hannah. Hinter ihrem

schrillen Äußeren verbirgt sich eine junge Frau, deren Kindheit

kein Honiglecken war. Aufgewachsen in einem Waisenhaus,

musste sie erfahren, dass Liebe und Zuneigung unerfüllte

Herzenswünsche bleiben.

Dem Waisenhaus steht Georgine Häusler vor. Ihr ist Hannah ein

Dorn im Auge – und das nicht nur aufgrund der provokativen

Art, die diese an den Tag legt.

Ein Kind des Waisenhauses verschwindet auf unerklärliche Weise

im Tiergarten Schönbrunn, ein Verbrechen kann nicht

ausgeschlossen werden. Mit allen Mitteln versucht Georgine

Häusler, Hannah dafür verantwortlich zu machen. Ein weiteres

Kind wird als vermisst gemeldet … und bald darauf fehlt auch

von Hannah jede Spur.

Von Weihnachtsfrieden ist keine Rede mehr, als sich der wahre

Charakter der Heimleiterin herauskristallisiert, der ein Tierpfleger

und ein korrupter Polizist zur Seite stehen.

Über all dem schwebt der Wunsch eines Jungen im

›Herzerlbaum‹, der den weihnachtlichen Rathauspark schmückt.

ISBN: 978-3-96443-113-4 EUR 13,90

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Zuckerwatte und Christbaumherz

Im Tiergarten Schönbrunn.

Die Uhr des Tierpflegers Heinz Pfader zeigte noch nicht einmal

achtzehn Uhr.

Die spezielle Nachtführung, für die sich die ›Arbeitsgemeinschaft

Biologie‹ der Schüler der Neuen Mittelschule aus dem achten

Gemeindebezirk angemeldet hatte, würde um neunzehn Uhr

starten. Stefan Lindner und Georg Hanaus sollten die Mädchen

und Buben sowie die beiden Lehrbeauftragten zu den

nachtaktiven Tieren begleiten.

»Heute bekommt’s wieder Besuch, meine Schönen«, rief Pfader über

den Zaun des Wolfsgeheges. Ein Paar bernsteinfarbener Punkte

tauchten aus dem Dunkel auf, begleitet von einem leisen Knurren.

»Schon gut, Amio«, brummte der Pfleger beruhigend. »Es dauert

nicht lange, dann habt ihr wieder Ruhe vor den neugierigen

Fratzen.«

Für Heinz Pfader waren Kinder unliebsame Störenfriede und

heute war es soweit, ein Exempel zu statuieren. Das erwies sich

aus seiner Sicht als durchaus notwendig, abgesehen davon, dass er

ja im Auftrag handelte …

Die Schüler samt den Lehrern näherten sich mit ihren Führern

dem Wolfsgehege.

Jasmina aus der Sonnenherberge trödelte ein wenig hinter der

Gruppe her.

»Mädchen!«, rief Professor Schütze ungeduldig. »Komm endlich,

wir wollen nicht immer auf dich warten.«

»Ich komme schon, muss mir nur den Schnürriemen neu binden«,

antwortete Jasmina.

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»Dann beeile dich.« Die Umrisse des Biologie-Lehrers verschmolzen

mit der Dunkelheit.

Jasmina war allein und das beunruhigte sie nun doch, denn es

waren Geräusche zu hören … Sie versuchte angestrengt, das

Dunkel mit ihren Blicken zu durchdringen.

Kiesel knirschten unter harten Sohlen.

Erleichtert atmete Jasmina auf. Sicher kam der Professor sie

holen. Unerwartet blendete sie das Licht einer Taschenlampe.

»Bitte nicht, Professor!«, bat sie und hielt abwehrend die Hand

vor die Augen.

»Nix Professor«, knurrte eine böse Stimme …

Die Professoren Schütze und Hofer reihten ihre Schüler

inzwischen ahnungslos vor dem Wolfsgehege auf, wie die

Tierpfleger Lindner und Hanaus es angewiesen hatten. Die

Schülerinnen und Schüler erhielten Nachtsichtgeräte und

benutzten sie gemäß den Anweisungen der Angestellten des

Tierparks.

Bald hörte man verhaltene Ausrufe wie ›Boah!‹ ›Cool!‹ und all jene

Wörter, die eben gerade ›in‹ waren, wenn man seiner

Begeisterung Ausdruck verleihen wollte.

»Scheiße!«, rief eine Jungenstimme plötzlich laut.

»Martin, mäßige dich!«, zischte Professor Hofer.

»Geht nicht, Professor!«, gab der Bursche mit rauer Stimme

zurück. »Ich hab’ grad beobachtet, wie eins der Viecher was

hinter den Busch zog, das wie ein Mensch aussah …«

»So ein Quatsch«, knurrte Hofer. »Wo willst du das gesehen

haben?«

Martin drückte das Nachtsichtgerät des Lehrers so weit nach

links, dass dieser ungefähr den Busch im Visier haben musste,

den er meinte.

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Gerold Hofers Hand begann zu zittern. »Schütze«, krächzte er.

»Schau mal oder schau lieber nicht. Ich weiß nicht, was besser

ist.«

Schütze schaute. Bei anderen Lichtverhältnissen hätte man wohl

gesehen, wie er blass wurde. So verwunderte höchstens, dass der

Mann sich haltsuchend an das Gatter lehnte. Er keuchte und

stammelte, nur für den Lehrerkollegen hörbar: »Von Verfütterung

eines … Menschen … war aber in der Nachtführung … nicht die

Rede. Das ist ja wie … in einem … Horrorfilm.«

Die Schüler hatten mitbekommen, dass etwas geschehen sein

musste und schwenkten ihre Geräte in die Richtung, in welche die

Professoren und mittlerweile auch die beiden Zoo-Führer

starrten.

»Herr Professor«, stotterte ein Mädchen verunsichert, »ist … ist

das … wirklich ein … Mensch, den die Wölfe …?«

Die Frage wurde unterbrochen … Unerwartet erhob sich

schauriges Heulen. Ein einzelner Wolf hatte es angestimmt, aber

nach und nach fielen andere ein.

Georg Hanaus verständigte über Handy eilig das Sicherheitspersonal

des Tierparks. Zehn Minuten später flammten

Suchscheinwerfer auf. Der blattlose Strauch im Gehege stand nun

grau im gleißenden Licht. Schleifspuren, abgebrochene Zweige

und unter dem dürren Geäst wurden deutlich Teile eines roten

Schnürstiefels sichtbar.

»Jasmina!«, schrie Schütze in plötzlicher Erkenntnis, wem der

Stiefel zuzuordnen war.

Totenstille. Keiner wagte zu reden. Alle horchten gespannt,

hofften auf Antwort.

Das Geheul der Wölfe verstummte. Die Tiere verschwanden

lautlos im dichten Gehölz.

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»Ein abschreckendes Beispiel ist immer gut«, murmelte Heinz

Pfader in den dicken Schal hinein, den er um den Hals trug.

»Immer! Nicht wahr, Amio?« Er klopfte an den stabilen Zaun des

Wolfsgeheges und schlurfte davon. Ein starrer Blick aus

bernsteinfarbenen Augen folgte ihm. Der Leitwolf kehrte zu

seinem Rudel zurück. Die Sonderration Fleisch würde die Tiere

noch eine Weile beschäftigen.

Schneeflocken sanken lautlos zur Erde und bedeckten alle

Spuren, falls welche vorhanden gewesen waren …

*

Als Hannah durch das Portal in die Eingangshalle des Heims trat,

warteten dort schon ›Georgie‹ und der dümmlich-arrogante

Polizist Lampert auf sie. Triumphierend verkündete der

›Hausdrachen‹: »Du bist verhaftet. Sigi nimmt …« Erschrocken

hielt die Häusler inne und beeilte sich, ihren Fehler zu

korrigieren. »Inspektor Lampert wird dich gleich mitnehmen.«

Der Versprecher hatte ausgereicht, um bei Hannah alle

Alarmglocken läuten zu lassen: Daher wehte der Wind! ›Georgie‹

und der Polizist steckten unter einer Decke.

Lampert gab sich keine Mühe, höflich zu sein. Jetzt konnte er es

diesem blöden Weib heimzahlen. »Entführung eines Minderjährigen.

Und halte gefälligst die Klappe! Du hast nichts zu

vermelden. Mitkommen!« Er packte Hannah am Unterarm und

wollte sie mit sich ziehen. Nur so einfach lief das nicht. Hannah

befreite sich mit einem Ruck und versuchte, durch das Portal zu

entkommen. Aber davor hatte sich die Heimleiterin aufgebaut.

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Als Hannah an ihr vorbeieilen wollte, packte sie zu, erwischte die

Fliehende und rammte ihr durch Anorak und Pullover hindurch

eine Spritze in den Oberarm.

Ehe Hannah recht begriff, was ihr geschah, sackte sie zusammen

und fiel wie ein Stein zu Boden. »Verschwinde mit ihr! Aber

schnell!«, zischte Georgina Lampert zu. »Es darf dich keiner

sehen!« Sie drückte ihm ein Kuvert in die Hand. »Die Anzahlung;

Rest wie vereinbart.«

Lampert steckte das Päckchen ein, schulterte die bewusstlose

Hannah und verschwand durch den Hintereingang … Dort hatte

er den Lieferwagen abgestellt und den Motor laufen lassen.

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Der Regisseur Ronald Graham plant sein Filmprojekt vor der

Kulisse des schlummernden Vulkans. Ein Film, der das

verschwommene Bild der Camorra, der Mafia in Neapel

beleuchten soll. Wie steht Don Carlos, der Pate, jedoch dazu?

Er stellt Bedingungen – eine davon ist tödlich.

Nebst Filmkulisse birgt das Haus von Sir Lindsay, dem

englischen Lord, zudem ein Geheimnis: Maria! Wie glühend

roter Lavastrom begleitet der Name durch die Geschichte.

Doch welche Rolle ist Marie zugedacht in diesem blutigen Spiel

um Macht, Korruption und … Liebe?

ISBN 978-3-745022-72-8 EUR 21,99

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Il Vesuvio - Die Ehrenwerte Gesellschaft

Auf dem Kai tummelten sich neben streunenden Katzen, die

gierig nach jedem Happen schnappten, auch Kinder, die sich

verstohlen hier und da einen Fisch schnappten und mit ihm

davonrannten, nicht einholbar für die schimpfenden Fischer, die

ja letztendlich bei ihrer Ware bleiben mussten. Die Kisten, deren

Deckel oft nur einen Spaltbreit offenstanden, enthielten Fische,

Langusten und Muscheln.

Frauen mit großen Körben wählten aus dem reichen Angebot.

Das Geräusch der vielen Stimmen hörte sich an wie das

Rauschen der Meeresbrandung, zumal weder Karl noch Ronald

ein Wort verstanden. Über allem lag der intensive Geruch von

Fisch.

Unversehens stieß Landmann Graham an und wies nach vorn.

»Sieh mal, wer da ist!« Nur er bemerkte, dass sich sein Puls

beschleunigte, dennoch befürchtete er, man könne es geradezu

sehen.

Wenige Meter von ihnen entfernt stand Marie, die junge Frau, der

sie gestern bei Sir Edward begegnet waren.

Lachend und ungezwungen unterhielt sie sich mit dem Fischer,

scheute sich nicht, die Fische selbst aus den großen Behältern

herauszuholen und besiegelte deren Kauf mit Handschlag. Die

fangfrischen Tiere wurden in Nylonsäckchen verpackt und in

einen großen Korb gelegt.

Mit dem Handrücken strich Marie sich eine widerspenstige

Strähne aus dem Gesicht und packte dann den Korb, um ihn

aufzuheben. Karl war mit wenigen Schritten bei ihr.

Marie erschrak, als so plötzlich jemand neben ihr auftauchte und

nach dem Henkel griff. Sie reagierte automatisch und schlug mit

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der Faust zu … Erst danach erkannte sie die Situation und fuhr in

tödlicher Verlegenheit zurück. »Oh, es tut mir ja so leid«, rief sie.

»Wie hätte ich ahnen sollen, dass Sie es sind. Ich dachte, es sei

einer dieser flinkfingrigen Burschen. Mister Landmann, bitte

entschuldigen Sie.« Marie wusste nicht, was sie noch sagen oder

tun sollte.

Der Schlag hatte gesessen. Karl – in gebückter Haltung –

bemühte sich, eine regelmäßige Atmung zustande zu bringen.

Ronald stand einige Meter entfernt und schnappte ebenfalls nach

Luft, jedoch vor Lachen. Es hatte aber auch zu komisch

ausgesehen, als die kleine Lady dem großen Mann eine Breitseite

verpasste, dorthin, wo es Mann am schmerzhaftesten trifft!

Auch Giuseppe der Fischer hatte seine Kappe nach hinten

geschoben, kratzte sich das Kinn und grinste unverschämt. Er

mochte Marie, die schon seit langer Zeit bei ihm die Fische

kaufte. Sie wusste genau, was sie wollte und zahlte gern einen

vernünftigen Preis. Er hatte es inzwischen aufgegeben, ihr mehr

Euros zu berechnen. Das funktionierte nicht bei dieser Frau.

Außerdem gefiel es ihm, dass sie italienisch sprach, sich nie zu

fein war, selbst mit anzupacken, obwohl man bei ihrer grazilen

Erscheinung eher dazu neigte, gleich hilfsbereit zur Stelle zu sein,

wie soeben dieser junge Mann. Aus seiner Jackentasche holte

Guiseppe eine kleine Flasche und hielt sie dem noch immer mit

dem Schmerz Kämpfenden hin, der wohl das erste Mal in seinem

Leben von einer Frau geschlagen worden war und dann noch …

na ja …

»Bere!«, forderte er Karl freundlich auf und hielt ihm die Flasche

unter die Nase.

»Sie sollen trinken, das hilft«, übersetzte Marie. »Giuseppes

Grappa ist gut, fast schon Medizin.«

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Karl nahm dankbar einen kräftigen Schluck. Zu kräftig! Statt

sofortiger Besserung fehlte ihm urplötzlich wiederum die Luft

und er erlitt einen Hustenanfall.

Ronald, der inzwischen neben der Gruppe stand, traten Tränen

der Heiterkeit in die Augen. Einer seiner Filmhelden sah hier

gerade gar nicht wie ein verwegener Mafioso aus, eher wie eine

ausgepresste Zitrone.

Dankend nahm auch er die Flasche entgegen, die ihm der Fischer

reichte, der nun ebenfalls herzlich lachte. Puh, das war vielleicht

ein Zeug! »Himmel! Was trinkt ihr da? Das brennt ja wie Feuer.«

Giuseppe verstand nicht, was der Fremde sagte, konnte sich aber

denken, was die Worte bedeuteten und lachte erneut.

Der Grappa brannte Ronald bis in den Magen hinunter, von dort

jedoch breitete sich eine wohltuende Wärme in seinem Körper

aus.

Marie war inzwischen zu ihrem Auto gelaufen, das nur wenige

Meter entfernt stand und kam mit einer Flasche Mineralwasser

zurück. Schuldbewusst beugte sie sich zu dem hustenden und

prustenden Karl hinunter, der noch immer nach Luft schnappte,

und reichte ihm die Plastikflasche. Als er abwinkte, sprach sie ihm

gut zu: »Das ist nur Mineralwasser, ehrlich. Bitte, trinken Sie in

kleinen Schlucken.«

Endlich griff er zu und nippte sehr vorsichtig an dem klaren

Nass. Er hatte ehrlich gezweifelt, dass es sich wirklich um Wasser

handelte. Langsam fühlte er eine Besserung und vermochte sich

aufrichten. Doppeltes k.o. war der richtige Ausdruck dafür, was

ihm soeben widerfahren war. Als er endlich wieder aufrecht zu

stehen vermochte, traf sein Blick auf den besorgten

Gesichtsausdruck von Marie. In ihren Augen flackerte noch

immer Erschrecken und etwas wie Angst.

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Sie war heute ungeschminkt und auf ihrem Gesicht zeigten sich

hektische rote Flecke. Der üppige Rollkragen des Pullis schien

ihren Kopf verschlucken zu wollen und eine Windböe zerrte an

ihrem aufgesteckten Zopf.

Karl drängte es, die Hand zu heben und Marie über die Wange zu

streichen, sie zu trösten, wie man es bei einem Kind tut, das

ungewollt eine Dummheit begangen hat. Im letzten Moment

besann er sich und verlangte nur den Verschluss der Wasserflasche.

Als Marie ihm die Kappe reichte, berührten sich ihre Hände und

es war, als spränge ein elektrischer Funke über. Gedankenschnell

fuhren beider Hände auseinander und der Plastikverschluss fiel zu

Boden. Beide bückten sich, gleichzeitig, und – stießen nun auch

noch mit den Köpfen zusammen.

Giuseppe und Ronald – abwechselnd am Grappa nippend –

beobachteten die beiden interessiert, grinsten einvernehmlich und

gaben jeweils ihre Meinung kund – für den einen so

unverständlich wie für den anderen. Aber sie waren sich

vollkommen einig: Wer den Schaden hatte, brauchte für den Spott

nicht sorgen …

Marie hatte inzwischen ein krebsrotes Gesicht und das Karls

näherte sich der gleichen Farbe. Er murmelte fast nicht

Verständliches, das gleichzeitig wie eine Entschuldigung und wie

›das gibt’s doch nicht‹ klang. Immerhin hatte er es geschafft, die

Flasche wieder zu verschließen und Marie zu reichen.

Wie kam es nur, dass er so unvermittelt auf eine Frau reagierte?

Er wusste nichts von ihr, außer, dass sie hervorragende Petit

Fours machte, ihre Finger – wenn auch unbeabsichtigt – seinen

Nacken berührt hatten, dass sie einen treffsicheren Schlag auf

edle Körperteile ausführen konnte, ihr Kopf eine richtig harte

Nuss war und – dass sie ausdrucksvolle Augen besaß, Haar, das

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zum Streicheln einlud, Hände, die man in die seinen nehmen

wollte, einen Körper, den man augenblicklich zu umarmen

wünschte und … Karls Magen zog sich warnend zusammen.

Wann hatte er das letzte Mal solche Gefühle für eine Frau

gehabt?

Marie hatte sich gefangen; sie griff nach dem Korb mit den

Fischen und eilte – in der anderen Hand die Wasserflasche – auf

den Kombi zu. In ihrem Hals saß ein Kloß. Wahrscheinlich hätte

sie den Rest Grappa in der Flasche leeren müssen, um ihn

fortzuschwemmen. Distanz war das Einzige, das helfen würde.

Daher wollte sie so schnell wie möglich von diesem Mann fort,

der sie so aus dem Konzept brachte. Sie hatte sich geschworen,

nie mehr solche Gefühle zuzulassen, wie sie sich ihr nun

aufdrängten. Zornig über sich selbst warf sie die Fische in die

große Kühlbox, die sich im Kofferraum des Kombis befand. Und

ihr seelischer Zustand besserte sich erst recht nicht, als Karl

schweigend neben sie trat und ihr beim Beladen half.

Zum Glück ahnte sie nichts von den Bildern in seinem Kopf …

Er sah sich Marie in die Arme nehmen, sah, wie er sie entkleidete

und auf die freie Ladefläche des Kombis bettete … Einen

Augenblick schloss er die Augen, meinte zu spüren wie ihr Mund

den seinen berührte, seine Finger durch ihr Haar glitten, das sich

anfühlte wie …

»Mister Landmann, ist Ihnen nicht gut? Ich würde gern den

Kofferraumdeckel zumachen.« Jetzt erst registrierte er, dass Marie

auf ihn einredete. Sie musste ihn schon einige Male angesprochen

haben, denn ein besorgtes Lächeln lag auf ihrem Gesicht, das die

normale Farbe zurückgewonnen hatte.

»Natürlich, ja. Ich war nur etwas … abwesend. Soll ich helfen?«,

bot er höflich an.

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»Lieber nicht.« Marie wehrte in komischem Entsetzen ab. »So gut,

wie wir beide das heute können, schlage ich Ihnen letztendlich

noch die Klappe auf den Kopf. Schadensersatzforderungen kann

ich mir nicht leisten.« Sie hatte sich wieder im Griff und das war

das Wichtigste.

Der Wind trieb dunkle Wolken heran und einzelne Regentropfen

fielen vom grauen Himmel.

Giuseppe rief Marie etwas zu und deutete auf das Meer hinaus.

Die Frau nickte und wandte sich an Karl, der noch immer wie ein

Schatten neben ihr stand.

»Ich bringe Sie beide ins Hotel. Es wird gleich regnen. Sehen Sie,

Giuseppe schafft alles an Bord. Ich muss zwar noch einige

Besorgungen machen, doch solange können Sie im Wagen

warten.«

Der Wellengang verstärkte sich, die Gischt spritzte über die

Kaimauer.

Auch die anderen Fischer brachten ihre Waren in Sicherheit und

der zuvor dicht belaufene Kai lag bald wie leergefegt da. Man

kannte hier die Vorzeichen des Wetters nur zu gut. Sobald der

Wind über das Meer hereinpeitschte, war es besser, Schutz zu

suchen.

Ronald überlegte gar nicht erst, schob Karl zur Beifahrertür und

ließ sich selbst auf die Rückbank fallen, was in Anbetracht

dessen, dass die Parkplätze neben Maries Wagen bereits leer

waren, nicht mehr so schwierig war. Fischgeruch wölkte im

Lieferwagen.

Ronald gingen bereits wieder sehr praktische Gedanken durch

den Kopf: Diese Frau sprach perfekt italienisch, schien gut mit

den Menschen hier auszukommen und Karl hatte ganz

offensichtlich eine Schwäche für sie. Marie würde sich also

wunderbar als Sprachmittlerin zwischen ihm und den

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Neapolitanern und vielleicht sogar als heimliche Geliebte Angelo

Cortesas eignen, der rechten Hand des Padrone. Es hieß nur

abwarten, bis sich die geeignete Gelegenheit ergab, ihr dies

schmackhaft zu machen.

Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe; die Scheibenwischer

waren schon auf die schnellste Geschwindigkeit gestellt,

um einigermaßen freie Sicht zu gewähren.

Marie konzentrierte sich auf den Straßenverkehr und achtete

nicht auf ihren Beifahrer. Sie hatte Francine angerufen, die

sowohl die Bluse für sie, als auch für sich selbst einige Dinge

erstanden hatte. Die Anzüge des Lords aus der gleich neben der

Galleria liegenden Reinigung hatte sie bereits abgeholt. Der Gang

zum mercato musste verschoben werden. Bei diesem Wetter

waren die Markstände mit Sicherheit bereits geschlossen. Fehlten

nur noch die Zigarillos für Frederic.

Die Französin staunte nicht schlecht, als sie bemerkte, wen Marie

aufgelesen hatte. Sie schlüpfte hochbeglückt rasch auf den Platz

hinter Marie, neben Ronald Graham.

»Wir bringen die Herren ins Hotel«, erklärte Marie. »Ehe der Bus

kommt, sind die beiden bis auf die Knochen durchgeweicht.«

»Ischt gut, ischt gar keine Problem.« Francine blinzelte Ronald zu.

Vielleicht wurde der Regisseur auf sie aufmerksam und entdeckte

sie! Eine Rolle beim Film – das klang wie Himmel auf Erden. »In

welsche 'otel wohnen Sie?«, fragte sie neugierig.

»Im Rex schönes Kind«, Ronald lächelte galant. Wenn er wollte,

konnte er!

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Barbara Siwik

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Barbara Siwik

Jahrgang 1939, geboren in Liegnitz, arbeitete nach dem Abitur zwecks

›politischer Umerziehung‹, ein Jahr in einem volkseigenen Bau-Betrieb

der ehemaligen DDR. Sie wollte Germanistik studieren, erhielt jedoch

aus politischen Gründen keinen Studienplatz, deshalb absolvierte sie

illegal ein sozialpädagogisches Fachschulstudium in West-Berlin.

Drei Jahre war sie als Erzieherin nacheinander in einem Kinderheim in

Calbe/Saale, einem Kindergarten in Halle/Saale und zuletzt in der freien

religiösen Kinderbetreuung im Dekanat Torgau tätig.

Nach der Heirat und der Geburt ihrer drei Töchter nahm sie ein

vierjähriges Fernstudium an der Fachschule für Bibliothekare in Leipzig

auf. Es folgte eine langjährige Tätigkeit als Dipl. Bibliothekarin in der

Stadtbibliothek Merseburg, die sie von 1991 bis zu ihrem Ruhestand

auch leitete.

Die Autorin ist in zahlreichen Anthologien mit Gedichten, Märchen

und Erzählungen vertreten.

2008 gab der Schmöker-Verlag Garbsen das Lyrikbändchen »Highmatt-Land

– satirische Gedichte« heraus, das auf Initiative des

Schriftstellerkollegen Wolfgang Reuter entstand.

2010 erschien im Fhl-Verlag Leipzig der Fantasy-Roman »Das Erbe des

Casparius«, der 2015 im Sarturia-Verlag Unterensingen neu verlegt

wurde. Noch im selben Jahr gab der Verlag die Roman-Fortsetzung

»Das Buch der magischen Sprüche« heraus.

Bunte Märchenbilder zaubert die Autorin in ihrem Buch »Die

Märchenweberin«, das 2016 im Karina-Verlag Wien erschien. Im

Oktober 2017 folgten das Fantasy-Jugendbuch »Der Schatz aus der

Truhe« und im Februar 2018 die paranormalen Geschichten für

Jugendliche und Erwachsene »Das nicht Greifbare«.

Barbara Siwik lebt in Braunsbedra bei Merseburg. Sie ist Mitglied des

Verbandes deutscher Schriftsteller Sachsen-Anhalt.

Webseite: https://barbarasiwik.wixsite.com/wortkunst

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Der Mord an einer jungen Schauspielerin lässt weder ein Motiv

noch einen Täter erkennen. Mit Sicherheit steht nur fest, dass die

›Mordwaffe‹ sich ›Aqua Tofana‹ nennt – das bevorzugte Gift der

Mörderinnen früher Jahrhunderte.

Ein seit Jahren Verschollener scheint in diesem Fall eine wichtige

Rolle zu spielen und so weiten sich die Ermittlungen bis in die

USA aus.

Als der Fall bereits ›kalt‹ zu werden beginnt, ergibt sich

unerwartet eine Aufklärung des Verbrechens, die dem leitenden

Ermittler buchstäblich auf den Schreibtisch flattert: Eine

Anwaltskanzlei in Bologna schickt ihm im Auftrag eines

Detektivs Notizen, die den Mord in völlig unvermutetem Licht

erscheinen lassen …

ISBN 978-3-966618-45-8 EUR 12,90


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Aqua Tofana

Schlüsselszene

Der Zuschauerraum des ›Frankfurter Schauspielhauses‹ war bis auf

den letzten Platz gefüllt. Man gab Goethes ›Faust‹. Die Kerker-

Szene näherte sich dem Höhepunkt und das Spiel damit auch

dem Ende der Tragödie.

Die Gretchendarstellerin Eliza Burger war eine bemerkenswerte

Schauspielerin und die Vorstellung nicht zuletzt deshalb

ausverkauft. Gleiches Interesse brachte das Publikum auch dem

Faust-Darsteller entgegen, der sie soeben beschwor: »Besinne dich!

Nur einen Schritt, so bist du frei!«

Mephisto drohte ungeduldig, Faust zu verlassen, sofern dieser

ihm nicht endlich folge. Dessen Blick aber war auf Gretchen

gerichtet, die ihn wie einen Geist anstarrte. In ihren Augen lag

blankes Entsetzen, als sie in höchster Not aufschrie: »Dein bin ich

Vater … rette mich … ihr Engel … ihr heiligen Scharen ... lagert euch

umher ... mich zu bewahren.«

Röchelnd presste die Darstellerin mit letzter Kraft aus sich

heraus: »Heinrich, mir graut’s vor dir!«

Manchem Zuschauer lief bei diesem Szenario ein Schauer über

den Rücken.

Im grauen Büßerhemd, das Haar aufgelöst, sank Gretchen aufs

Strohlager. Es schien, als wolle Faust zu ihr hineilen, aber

Mephisto zerrte ihn mit sich.

Langsam senkte sich der Vorhang, doch vergeblich wartete das

textkundige Publikum auf den letzten, verzweifelten Ruf

Gretchens: ›Heinrich … Heinrich …‹

Nach einem Augenblick atemloser Stille brandete Beifall auf. Die

Schauspieler erschienen jedoch nicht vor dem Vorhang, um den

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Applaus dankend entgegenzunehmen. Ungeduldig skandierte das

Publikum schließlich: »Gret-chen, Gret-chen, Gret-chen ...«

Endlich ließen sich Mephisto und Faust mit Frau Marthe sehen.

Sie verbeugten sich mit einstudiertem Lächeln. Das Publikum

applaudierte, wurde unruhig und skandierte erneut: »Gret-chen,

Gret-chen ...«

»Wir müssen's ihnen sagen«, zischte der Faustdarsteller Gert

Becker, während er sich automatisch verbeugte. Sein Kollege Rolf

Tender bejahte dies und schickte zugleich ein arrogantes

Mephisto-Lächeln in die tobende Menge. Entschlossen trat

Becker zwei Schritte vor und hob die Hand. Der Tumult

verebbte. Seine Stimme klang angestrengt, als er informierte:

»Verehrtes Publikum! Diese Begeisterung ehrt Eliza Burger sehr.

Leider kann sie den Beifall nicht persönlich entgegennehmen. Sie

erlitt einen Schwächeanfall.«

Ausrufe des Bedauerns wurden laut, Blumen für die Schauspielerin

auf die Bühne gereicht. Eliza Burger würde sie nie in

Empfang nehmen – sie war tot.

*

Die Zeiger der Uhr standen auf Mitternacht. Erregt schritt der

Direktor des ›Frankfurter Schauspielhauses‹ im Büro auf und ab. Auf

seiner Stirn standen Schweißperlen. Er sprach mit sich selbst. Das

tat er stets, wenn ihn etwas überforderte. Und was heute Abend

geschehen war, reichte weit über seine Vorstellungskraft hinaus.

»So ein Unglück«, murmelte er zum wiederholten Mal. »Eine

Katastrophe. Nicht zu fassen.« Schließlich sank er doch in den

Schreibtischsessel und starrte auf die leere Tischplatte.

Wie ein Film liefen die Ereignisse des Abends vor seinem inneren

Auge ab : Gegen zweiundzwanzig Uhr näherte sich die

Vorstellung dem Ende. Wie üblich war er zur letzten Szene hinter

den Kulissen erschienen. Dort standen zwei Techniker und die

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Nebendarsteller. Wenige Meter vor ihnen gebärdete sich die

Burger auf der Bühne, als werde sie wirklich von Furien gejagt.

Auch ihn hatte ein Schauer erfasst, als sie die Himmelsgeister

anrief, als sie ganz zuletzt … nein, da spielte ihm die Textkenntnis

einen Streich, wie man ihm versichert hatte. Im Unterschied zu

den anderen glaubte er nämlich, den Nachruf ›Heinrich! Heinrich!‹

gehört zu haben. Tatsächlich aber war dies nicht geschehen.

Jedenfalls – nach Beckers und Tenders Abgang und dem Fallen

des Vorhangs hätte auch Eliza auftauchen müssen, aber sie kam

nicht. Becker war deshalb noch einmal auf die Bühne

zurückgekehrt und bald darauf mit entsetztem Gesichtsausdruck

erschienen, die offenbar Ohnmächtige auf den Armen. ›Ich weiß

nicht, was passiert ist‹, hatte er gesagt und die schlaffe Last in die

helfend ausgestreckten Arme der beiden Techniker gleiten lassen.

Dann war er mit Tender und den anderen Darstellern vor den

Vorhang geeilt, um den Applaus des Publikums entgegenzunehmen.

So war es nun mal im Theater – die show musste

laufen, selbst wenn die Welt einstürzte, was ja der Wahrheit in

diesem Fall ziemlich nahe gekommen war, wie sich herausstellte.

Während Becker das Publikum informierte, hatten die Techniker

die Schauspielerin in den Aufenthaltsraum getragen und er hatte

per Handy seinen Hausarzt angerufen, der in der Nähe wohnte.

Der war auch in kürzester Zeit erschienen und stellte fest, was

alle inzwischen ahnten – Eliza lebte nicht mehr.

›Die Polizei muss her‹ hatte der Arzt gesagt und jemand – ja, wer

eigentlich? – hatte im Präsidium angerufen. Zu diesem Zeitpunkt

war ihm bereits alles über den Kopf gewachsen.

Das Publikum ahnte von den Vorgängen hinter der Bühne zum

Glück nichts und verließ das Theater wie stets in Gelassenheit.

Die Polizei dagegen befand sich immer noch im Gebäude.

Warum zum Teufel? Weil die Burger zu jung war, um ›einfach so‹

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zu sterben? Es traf doch oft noch jüngere Leute, ohne dass

deshalb eine Untersuchung von Amts wegen stattfand ...

Und an dieser Stelle fiel dem Direktor ein, dass es auch noch ein

›morgen‹ und ›übermorgen‹ für das Schauspielhaus gab, an dem

›Faust‹ aufgeführt werden musste – und zwar in veränderter

Gretchenbesetzung. Das bedurfte einiger Arrangements und war

etwas, woran er sich festhalten konnte, etwas, worauf er sich

verstand. Trotz später Stunde griff der Direktor zum Telefon ...

Am anderen Ende der Leitung meldete sich niemand.

»Auch das noch!«, stöhnte er. Aber man konnte der Larivière

schließlich nicht vorschreiben, wo sie sich nachts aufzuhalten

hatte. Dabei war sie ihm doch vor zwei Stunden geradezu in die

Arme gelaufen.

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Es gibt Dinge zwischen Himmel und Erde, die sich in jener

Grauzone bewegen, von der sich kaum ein Zeitgenosse sicher ist,

ob er sie akzeptieren oder ignorieren soll – Heimsuchungen

durch das personifizierte Böse, Kontakte mit Geistern, die

lebensecht wirken, Zeit- und Raumveränderungen, in die er

hineingerät, magische Kräfte, die sein Tun beeinflussen.

Vordergründig ist er stolz auf seinen nüchternen Verstand.

Warum wünscht er sich dann insgeheim, einen Blick hinter all

jene Dinge werfen zu können, die es eigentlich gar nicht gibt?

Die vorliegenden Geschichten – mögen sie nun möglich oder

unmöglich, ernst oder heiter sein – sind aus dem Bestreben

heraus entstanden, der Vorstellung von einem magischphantastischen

Weltbild, die so manchen Menschen im

Verborgenen begleitet, Nahrung zu geben.

ISBN 978-3-961116-72-0 EUR 13,90

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Grüne Kreide ist nicht immer das, wonach sie aussieht, vor allem

dann nicht, wenn sie sich unversehens in Nebel auflöst.

Vier Jugendliche erleben durch sie wundersame Dinge. Sie stellen

fest, dass auch Märchen ihren normalen Alltag besitzen, reisen

rückwärts in die Zeit und machen die Erfahrung, dass so manche

Überlieferung fragwürdig ist.

Eins allerdings bleibt wahr – in jeder Legende steckt ein

Körnchen Wahrheit. Langweilig sind dagegen Reisen in die

Zukunft, denn worauf sollte man noch gespannt sein, wenn man

schon alles weiß?

Gelegentlich jedoch sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

so dicht ineinander verwoben, dass selbst ein wacher Verstand

den Durchblick verliert.

ISBN 978-3-961116-59-1 EUR 13,90

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Der Schatz aus der Truhe

Jugendliteratur Fantasy

An diesem Nachmittag betrat Janus zum ersten Mal den

Dachboden.

„Du lieber Himmel, der ist ja voller Gerümpel“, staunte er und

deutete dann auf die kleine Tür an der Wand. „Ist sie das?

Dahinter fällt man doch direkt nach draußen.“

„Falsch! Dahinter liegt eine unbekannte, magische Welt“,

berichtigte Ulla. „Es kommt nur darauf an, das Richtige auf die

Tür zu schreiben.“

Tori drückte vorsichtig die Klinke nieder.

Ulla griente. „So einfach geht’s nicht.“ Sie holte die Kreide und

den Schlüssel aus der Truhe und blickte den Bruder auffordernd

an.

Janus rief: „Worauf wartest du? Ich will den mittelalterlichen

Markt in Hamburg auch sehen, von dem du mir erzählt hast.“

Ben schüttelte den Kopf. „Kein Markt. Wie wär’s mit der

Wackerburg? Ich meine, in einer Zeit, als dort die Raubritter ihr

Unwesen trieben. Wisst ihr noch, wie enttäuscht wir waren, weil

die im Dorf nicht mal etwas über die Wacker-Brüder wussten?“

Janus war mit diesem Ziel sofort einverstanden, nur Tori

erkundigte sich beklommen: „Können die uns sehen?“

Ulla nickte. „Ja. Es ist, als seien wir Menschen aus dieser Zeit.“

Das gefiel Tori nicht sehr; unsichtbar bleiben wäre ihr lieber

gewesen.

„Wann haben die Wacker-Brüder denn gelebt?“, wollte Janus

wissen.

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„Die Burg ist im Jahr 1590 abgebrannt“, sagte Ulla. „Ich hab’s

neulich erst in einem Sagenbuch nachgelesen. Darin ist auch von

dem Schatz die Rede, der dort noch liegen soll.“

Sie setzte die Kreide an und schrieb WACKERBURG VOR

DEM BRAND 1590. Während sie die Jahreszahl auf das

Türchen setzte, murmelte sie das Sprüchlein. Es waberte grün

und dann war die Schrift verschwunden. Ulla steckte den

Schlüssel ins Schloss und ließ Tori öffnen. Mit vor Aufregung

zitternder Hand kam die Freundin der Aufforderung nach. Aus

der Öffnung gähnte ihnen Dunkelheit entgegen.

„Wir sind im Verlies gelandet“, vermutete Janus. „Was machen

wir ohne Licht?“

„Ich hole Kerzen.“ Ben sauste die Bodentreppe hinunter in die

Küche. Er hatte Glück – Lisa war nicht da, also musste er sich

keine Ausrede einfallen lassen. Er wusste, wo Kerzen und

Streichhölzer aufbewahrt wurden. Null Komma nichts war er

wieder bei den anderen.

Während seiner Abwesenheit hatte Ulla einige Rollen Schnur aus

dem alten Schrank gekramt, die ihr schon beim ersten

Bodenbesuch ins Auge gefallen

waren. „Kellergänge sind ja was Ähnliches wie ein Labyrinth“,

erklärte sie. „Nicht, dass wir uns auf dem Rückweg verirren.“

Ben zündete drei Kerzen an und drückte je eine Tori und Janus in

die Hand. „Ich gehe mit Ulla voraus“, bestimmte er.

Ulla band die Schnur an der Innenklinke des Türchens fest und

Ben leuchtete ihr beim Laufen. Janus und Tori folgten. Selbst bei

Kerzenlicht war es in dem engen, muffig riechenden Gang

ziemlich duster. Die erste Rolle war bald aufgebraucht und Ulla

knüpfte eine weitere Schnur an. Einige Male gelangten sie an

Abzweigungen, entschieden sich jedoch, im Hauptgang zu

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leiben. Auch die dritte Schnurrolle kam noch zum Einsatz, denn

die finstere Röhre führte um einige Ecken.

Endlich wurde es vor ihnen ein wenig heller und dann standen

die vier am Fuß einer schmalen, ausgetretenen steinernen Treppe.

Oberhalb erkannten sie Fackelschein.

„Vorsicht!“, warnte Ulla leise. „Wo Licht ist, sind Menschen.“

Über die Treppe gelangten sie in die Eingangshalle der Burg.

Dort roch es nach verbranntem Pech, Braten und Klosett.

„Igitt!“, flüsterte Tori und hielt sich die Nase zu.

Laute Stimmen drangen an ihr Ohr, obgleich in der Halle kein

Mensch zu sehen war. Also kamen sie wohl aus der Etage

darüber. Ulla band das Schnurende an einen der rostigen Haken,

die massenweise aus der Wand ragten. Die anderen löschten die

Kerzen und legten sie auf

den Stufen ab. Mit Herzklopfen schlichen alle im Gänsemarsch

erst durch die Halle und dann über eine schmale Treppe ohne

Geländer, die an der Wand entlang führte, nach oben. Dort tat

sich eine ähnliche Halle auf wie unten, ebenfalls von Fackeln

erhellt, die schrecklich qualmten und den

Raum mit grauem, stinkenden Nebel füllten. An einem klobigen

Tisch in der Mitte des Raumes hockten auf klobigen Schemeln

drei vor Schmutz starrende, wüste Gesellen. Einer davon schien

besonders groß und stark zu sein.

„Die Wacker-Brüder“, flüsterte Ben Janus zu.

Entlang der Wand, nahe der Treppe, zog sich eine breite,

hochbeinige massive Holzbank hin. Sie lag in tiefem Schatten und

bot den vier Eindringlingen

genügend Platz, um darunterzukriechen. Die Männer am Tisch

achteten nicht auf ihre Umgebung. Sie waren ziemlich betrunken

und stritten heftig. Was sie sich an den Kopf warfen, war nicht zu

verstehen, aber es klang drohend. Zwei ebenso schmutzige,

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heruntergekommene Gestalten stolperten von der anderen Seite

des Saales herein und brachten zwei Weinkrüge. Einer schenkte

dem Riesen ein, der andere dessen Brüdern, die johlend tranken

und sich nachschenken ließen.

Auf der Tischplatte blinkte und funkelte Gold und Silberzeug.

„Beute! Und sie streiten darum“, wisperte Ulla.

Der Riese erhob sich taumelnd – Himmel war das ein Ungetüm!

Krachend fiel der Schemel um. Auch seine Brüder versuchten, in

die Höhe zu kommen, aber stattdessen fielen sie wie nasse Säcke

von ihren Sitzen herunter. Die Knechte luden sich die Säufer

schweigend auf die Schultern und schleppten sie weg. Der Riese

aber lachte dröhnend und schadenfroh, griff einen Ledersack von

den Dielen auf und schob das funkelnde Zeug hinein, das auf

dem Tisch lag. Es klimperte und klirrte. Dann schulterte er den

Sack und trampelte mit unsicherem Schritt an der Bank vorüber

die Treppe hinunter in die Halle.

„Ein Wunder, dass der die Stufen findet“, flüsterte Janus.

„Der ist ans Saufen und an die Treppe gewöhnt“, vermutete Ben.

„Was ist?“, wisperte Ulla. „Schleichen wir ihm hinterher?“

Doch Tori wollte das Versteck unter der Bank auf keinen Fall

verlassen und Janus entschied: „Entweder alle oder keiner.“

Die Entscheidung erwies sich als richtig, denn der Unhold – ganz

gewiss der Gero der Legende – kam zurück. Er grölte etwas

Unverständliches und wiederum erschienen die Knechte. Gero

öffnete eine Truhe an der gegenüberliegenden Wand und

entnahm ihr drei weitere prall gefüllte Ledersäcke. Er und die

beiden zwielichtigen Gestalten luden sie sich auf die Schultern

und stapften die Treppe hinunter.

„Himmel!“, flüsterte Ulla. „Das ist der Schatz. Gero bringt ihn in

Sicherheit. Ich will sehen, wohin.“ Die vier krochen nun doch

unter der Bank hervor und schlichen in die Halle hinunter. Sie

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war leer, aber das Portal zum Burghof stand offen. Draußen war

Nacht, doch im Schein der Fackeln, die auch dort brannten,

erkannten sie einen Karren und zwei eingespannte Pferde. Ein

drittes Pferd

stand aufgezäumt bereit. Gero von der Wacker gestikulierte mit

den Knechten und kam dann allein auf das Portal zu. Eilig

wichen die vier zurück und drückten sich in eine dunkle Nische

zwischen der Wand und einem großen Schrank.

Der Riese verteilte an vielen Stellen der Halle Pech, das er mit

einer Holzkelle aus einem Bottich schöpfte. Auch der Schrank

bekam davon eine Ladung ab, doch in die Nische schaute der

Raubritter nicht. Aus bereitstehenden Säcken verstreute er

gehäckseltes Stroh und stapfte dann in den Saal hinauf. Die vier

folgten in sicherem Abstand und – auf den Stufen hockend –

sahen sie ihn den Raum in gleicher Weise für einen Brand

vorbereiten. Schemel, Tisch, Truhe und Bank wurden reichlich

mit Pech bekleckst.

„Gut, dass wir dort weg sind!“, hauchte Tori.

Schließlich verließ Gero den Saal in der Richtung, aus der anfangs

die Knechte gekommen waren. Auch Janus und Ben setzten sich

in Bewegung, in der Absicht, den Riesen weiter zu beobachten.

„Ich geh da nicht mit“, flüsterte Tori. „Ist mir zu gefährlich.

Wenn wir uns in der Burg verlaufen …“

Ulla gab ihr recht, aber die Jungen winkten ab. „Wir packen das!

Verzieht euch in den Keller!“ Schon liefen sie quer durch den

Saal. Die Mädchen schlichen wieder treppab, dicht an die Wand

gedrückt, und quer durch die Halle zur Kellertreppe. Dort

hockten sie sich auf die kalten, schmutzigen Stufen.

„Nach der Legende setzt Gero von der Wacker jetzt die Kammer

seiner Brüder in Brand. Nur passiert es nicht aus Unachtsamkeit,

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wie die Legende berichtet, er hat’s von vorn herein geplant“,

flüsterte Tori.

„Von wegen Dämon!“, pflichtete Ulla bei. „Mit so viel Pech

bekleckert, brennt alles im Nu. Und mit dem Schatz haut der Kerl

ab. Hast du ja gesehen.“

„Aber es heißt, die drei Brüder seien gemeinsam …“

„Mensch, Tori! Drei Männer sind den Flammen entkommen. Die

Leute dachten, es seien die drei Brüder. Aber zwei von ihnen

waren ja abgefüllt bis oben hin. Wie sollten die sich aufrappeln?

Nee, nee! Der Kerl lässt sie brutzeln und murkst sicher später

auch die Knechte noch ab. Deshalb hat nie wieder jemand was

von den Wacker-Brüdern gehört.“

Nach einer Zeit, die den Mädchen wie einen Ewigkeit vorkam,

hörten sie es im oberen Saal rumoren und zischen, dann

polterten schwere Tritte die Treppe herunter. Vorsichtig reckten

Ulla und Tori die Hälse …

Der Riese stürzte den Pechkübel in der Halle um, rannte von

Fackel zu Fackel, riss sie aus den Halterungen und warf sie auf

Stroh und Pech. Im Handumdrehen fing alles Feuer und der

Brandstifter preschte aus der Halle. Sie hörten ihn etwas schreien,

das wie ein Befehl klang, ein Pferd wieherte und dann knarrten

Räder …

Nun war nur noch das Knistern der Flammen zu vernehmen.

„Der ist weg“, murmelte Ulla. „Die Burg gehört uns.“

„Mir ist nicht nach Lachen“, jammerte Tori. „Wo bleiben die

Kerle?“ Gerade da sprangen zwei Gestalten durchs Feuer und

fielen mehr als dass sie rannten die Kellertreppe hinunter.

„Weg von hier“, keuchte Janus.

„Immer schön langsam“, bremste Ulla. „Wenn überhaupt, brennt

es hier unten zuletzt.“

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„Aber wenn sich der Rauch hier sammelt, ersticken wir“, keuchte

Ben und

versuchte mit zitternder Hand, ein Streichholz zu entzünden. Es

flackerte und erlosch. Mit einem zweiten und dritten erging es

ihm ebenso.

„Geht schon los“, knurrte er. „Die Kerzen können wir uns

knicken.“

Über ihnen rauschte hörbar das Feuer. Eilig hangelten sich die

vier in der Finsternis an der Schnur zurück, erreichten glücklich

das Türchen und Ben – als Letzter in der Reihe – drückte es

aufatmend hinter sich zu.

„Bin ich froh, wieder auf dem Dachboden zu sein“, gestand Tori

und ließ sich auf einen alten Sessel fallen.

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Der Lebensweg eines Menschen ist nicht vorhersehbar, denn

nicht er selbst ist seines Glückes Schmied ─ die Zeit schwingt

blind den Hammer. Sie fügt auch in diesem Roman zwei Familien

zusammen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Die

Wurzeln der einen Familie reichen bis ins 13. Jahrhundert zu

einer Burg zurück, die der anderen krallen sich um Bedeutungslosigkeit.

Doch auf dem unwegsamen Pfad der Zeit schlägt der

Hammer des Schicksals auf die eine wie die andere emotionslos

ein. Er formt und er zertrümmert Schlag um Schlag familiäres

Glück auf dem Amboss der Weltgeschichte durch Krieg, Tod

und Vertreibung. Nie wieder wird die Zeit Teile eines ehemals

Ganzen in alter Weise zusammenfügen, nie wird sie letzte

Klarheiten schaffen über den Verbleib eines Verschollenen.

Tatsache ist am Ende nur, dass sie bereits neue Eisen im Feuer

liegen hat, um sie zu bearbeiten, dass nichts endet, sich vieles nur

ändert …

ISBN 978-3-961119-25-7 EUR 29,90

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Der unwegsame Pfad der Zeit

Zeitgeschichtlicher Familienroman

(Juni 1945 in Niederschlesien))

Das Liegnitz, das sie verlassen hatten, gab es nicht mehr. Auf

dem Ring lag so viel Papier wie im Winter Schnee auf den

Uferwiesen der Katzbach. Wer auch immer so gewütet hatte – er

schien alle Akten, die im Rathaus aufzufinden waren, auf dem

Platz verstreut zu haben. Viele Gebäude in der Frauenstraße

waren ausgebrannt. Es sah aber nicht nach einem Bombenangriff

aus, eher nach Brandstiftung. Die Inneneinrichtung der Häuser

lag zumeist zertrümmert als Müll auf der Straße. Der Geruch

nach Brand und Verwesung schlug ihnen überall entgegen. Nur

vereinzelt waren Menschen zu sehen, die auftauchten wie

Gespenster und eilig wieder verschwanden.

Endlich standen sie auf der Nepomukbrücke und spähten mit

bangem Blick voraus: Ja, das Häuschen von Weigts stand noch.

Unter dem Glockengeläut der Dreifaltigkeitskirche zogen die

Heimkehrer durch die Gerichtstraße. Die Haustür des kleinen

Gebäudes stand offen. Im Treppenhaus lag das Eigentum der

Weigts und der Pohls umher. Es stank bestialisch, als befänden sie

sich in einer Kloake. Letztendlich sollte sich das bewahrheiten.

Die alte Frau Weigt hatte ihre Wohnung wohl doch verlassen, ehe

die Russen einrückten. Wo mochte sie untergekommen sein? In

dem verwüsteten Haus schien sich dennoch jemand aufzuhalten,

denn die Treppe war freigeräumt. Die Wohnungstüren im

Obergeschoss standen sperrangelweit offen, die Tür des

separaten Mittelzimmers dagegen war abgeschlossen.

Beklommen nahm Trudl ihre Wohnung in Augenschein: Überall

lagen Wäsche, Kleidung, Bücher, zerbrochenes Geschirr und

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Mobiliar herum. Sämtliche Federbetten waren aufgeschlitzt

worden. Die Federn bedeckten den Fußboden, vielfach vermischt

mit Urin und Scheiße. Der bestialische Gestank machte das

Atmen schwer. Es gab kaum eine größere Fläche, auf der sich

kein Haufen befand. Was, um Himmels willen, waren das für

Menschen, die sich hier ausgetobt hatten?

Sie setzte Monika auf dem Wohnzimmertisch ab – eine von

Fäkalien freie Fläche – stieg in ungläubigem Entsetzen zwischen

dem Unrat umher und entdeckte, dass da auch Dinge

herumlagen, die nicht ihr gehörten.

Bei ihnen sähe es nicht besser aus, erfuhr sie von Käthe, die die

Schaukel der Kinder ablieferte, Fremdgut gewissermaßen. Trudls

Vater hatte am letzten Weihnachtsfest als Geschenk für die Enkel

zwei Haken in das obere Futter der Schlafzimmertür eingedreht

und eine Gitterschaukel daran aufgehängt. Bei geöffneter Tür ließ

es sich zwischen Wohn- und Schlafraum nun so gut schaukeln

wie im Sonnenland neben der Laube. Die Kinder hatten sich

jedoch nur kurze Zeit an dem Geschenk erfreuen können, denn

im Februar waren sie ja aus Liegnitz geflohen.

Aus der Wasserleitung im Hausflur lief nur ein dünner Strahl. Ein

Wunder, dass es überhaupt Wasser gab. Trudl schrubbte die

Schaukel sauber, so gut es möglich war, hängte sie auf und setzte

Moni hinein. Die Kleine war nun erst einmal beschäftigt. Eins der

beiden Kinderstühlchen befand sich in noch brauchbarem

Zustand. Darin saß Bärbel in der Nähe der Schlafzimmertür und

schaute Moni beim Schaukeln zu.

Trudl reinigte die Couch. Offenbar hatte die als Gelegenheit für

gewisse Dienste gedient. Sie war mit typischen Flecken übersät,

aber wenigstens nicht beschissen! Vorerst würden die Kinder

leider auf dieser Couch schlafen müssen, denn für die

Kinderbetten gab es weder Kissen noch Zudecken. Wenn sie es

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geschickt anstellte, rettete sie vielleicht noch Federn für ein

dünnes Deckbett. Nähzeug war vorhanden, dafür hatte sich

keiner interessiert.

Bärbel hielt es nicht mehr auf dem Stühlchen, sie wollte

unbedingt das Märchenbuch suchen. Trudl warnte: „Pass auf,

wohin du trittst!”

Das Kind balancierte um die Haufen und die schaukelnde Moni

herum bis zum Kachelofen im Schlafzimmer. Dort schrie es

wütend auf ...

So schnell wie möglich versuchte Trudl ins Schlafzimmer zu

gelangen, rutschte auf einem Haufen aus und bekam glücklicherweise

die Schaukel zu fassen. Die Seile hielten! Moni lachte

fröhlich, weil sie glaubte, das sei ein Spiel.

Dann stand Trudl im Schlafzimmer und erkannte die Ursache für

Bärbels Wutgeschrei: Das Märchenbuch lag in fast aufgelöstem

Zustand auf dem Boden. Die Blätter waren herausgerissen und

als Klopapier benutzt worden. Auf dem abgetrennten Buchdeckel

machte sich ein eingetrockneter Scheißhaufen breit und ringsherum

war es einmal sehr nass gewesen.

„Ich hasse sie! Ich hasse sie!”, schluchzte Bärbel. Sie hatte Helmut

Pohl nicht verstanden, als er ihr erklärte, was Hass sei. Jetzt

wusste sie, wie sich das anfühlte. Diese Gemeinheit hatten

Ungeheuer wie das in Komotau begangen!

„Mäusl! Hör auf zu weinen”, tröstete Trudl. „Du bekommst ein

neues Buch. Es wird genauso aussehen wie das alte, denn davon

gibt es nicht nur eins.” Ihr Blick irrte umher, fiel auf die

Spiegeltoilette und da erkannte sie das Bambi-Buch,

offensichtlich unbeschädigt. Sie stieg über einen Haufen Federn,

griff danach und hielt es hoch. „Sieh mal! Bambi ist noch da!”

Bärbel ließ sich beruhigen. Trudl half ihr zum Stühlchen zurück

und machte sich wieder ans Aufräumen. Sie kam nur langsam

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voran. Bis zum Abend schaffte sie es jedoch noch, ein dünnes

Federbett für die Kinder zurechtzustopfen. Die heil gebliebenen

Sofakissen steckte sie in Bezüge, die sie noch im Schrank

vorgefunden hatte. Für das Federbett fand sich nichts Passendes.

Die Kinder hatten Hunger. Woher sollte Trudl etwas Essbares

nehmen? Als habe sie etwas geahnt, brachte Käthe zwei Gläser

Pflaumenkompott herüber. Martha Vogt war bald nach der

Ankunft mit den Töchtern im Keller verschwunden und sie

hatten nach oben getragen, was an eingeweckten Vorräten noch

zu finden war.

„Da unten ist es sauberer als hier oben”, berichtete Käthe. „Es

sind schon welche vor uns im Keller gewesen, aber die kannten

Frau Weigts Lager für schlechte Zeiten nicht. Die Vorräte sind

jetzt drüben bei uns. Sie werden ein Weilchen reichen, wenn wir

sparsam sind.” Und dann erzählte sie, dass sich im Mittelzimmer

ganz eindeutig jemand aufhalte. „Vater vermutet, dass es Trieblich

ist. Offenbar will er von uns nicht gesehen werden.”

Die Kinder schliefen, eins zu Häupten eins zu Füßen, auf der

Couch. Trudl verbrachte die Nacht in einem heil gebliebenen

Sessel, bedeckt mit ihrem Wintermantel, den sie unter einem

Haufen Federn gefunden hatte. Sobald es draußen hell wurde,

war sie wieder auf den Beinen, räumte und säuberte weiter. In der

Waschküche im Hof lief das Wasser besser als oben im Hausflur.

Sie füllte eine Wanne und walkte die Wolldecken durch.

Nach einigem Suchen fand sie eine Wäscheleine und Klammern.

Der Tag versprach warm zu werden, also würden die Decken gut

trocknen. Während sie aufhängte, läuteten auch an diesem

zweiten Pfingstfeiertag die Glocken. Waren Pfarrer Smaczny und

die Grauen Schwestern in Liegnitz geblieben? Gern wäre Trudl bis

zur Kirche gelaufen, aber sie wagte sich nicht auf die Straße. Die

Angst, noch einmal vergewaltigt zu werden, war zu groß. Bärbel

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und Moni spielten derweil auf der Couch mit den wiedergefundenen

Puppen und einer Riesenmuschel. Trudl hatte sie

beim Aufräumen unter den fremden Dingen entdeckt, sie Moni

ans Ohr gehalten und ihr weisgemacht, darin sei das Rauschen

des großen Wassers zu hören, das man Meer nannte.

Moni hatte gelauscht und behauptet: „Nein, die Englein singen.”

Bärbel begutachtet die Muschelgeräusche ebenfalls und erklärte

altklug: „Dummchen! Das ist Rauschen, kein Singen.” In gewisser

Hinsicht spürte man schon, dass die Große reif für die Schule

war. Eigentlich hätte sie Ostern eingeschult werden sollen,

stattdessen war sie im Februar in Dresden knapp dem Tod

entgangen. Nun würde Bärbel wohl noch ein weiteres Jahr auf

den herbeigesehnten ersten Schultag warten müssen.

In der zweiten Nacht nach der Rückkehr schlief Trudl mit den

Kindern im Ehebett. Die Wolldecken waren rechtzeitig trocken

geworden.

Einer der folgenden Tage bescherte Vogts und Trudl eine

unangenehme Überraschung – das Haus erhielt Einquartierung.

In den späten Morgenstunden ratterten zwei russische Armee-

Autos auf den Hof. Die rauen Zurufe in fremder Sprache, die

schlagenden Türen verhießen nichts Gutes. Trudl schlug das Herz

bis zum Hals, als jemand an ihre Wohnungstür pochte. Noch ehe

sie sich gefasst hatte, lief Bärbel in den Korridor und schob den

Riegel zurück, den Vogt an der Tür anstelle des defekten

Schlosses angebracht hatte. Draußen stand ein russischer Offizier.

Er trat nicht ein, musterte das Kind nur freundlich und fragte

Trudl in Deutsch, ob sie hier wohne. Als sie dies bejahte, erklärte

er: „Wir besetzen Räume unten. Kommandantur! Dürfen bleiben,

wenn wollen. Ich verspreche, keine Gefahr für Frau. Charaschò?”

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Trudl nickte beklommen. Der Offizier zeigte auf die Tür

gegenüber. „Auch Leute?” Und als sie dies bejahte, klopfte er bei

Vogts. Sie sah gerade noch, dass Martha Vogt öffnete, ehe sie die

eigene Tür aufatmend schloss und den Riegel vorschob.

Es wurde nun ziemlich laut im Haus. Zwei Soldaten räumten die

Weigt-Wohnung leer und kehrten alles, was im Hausflur lag,

durch die Hintertür in den Hof. Dort verbrannten sie den Unrat.

Am Abend klopfte es erneut an der Tür. Diesmal war es eine

Russin in Uniform, die ihnen Schwarzbrot und Tee brachte, den

sie tschai nannte. „Fier Kindärr!”, erklärte sie.

Trudl bedankte sich überrascht. Moni zupfte die fremde Frau an

der Uniformbluse und die beugte sich zu ihr hinunter. Die Kleine

hielt der Russin die Muschel ans Ohr und sagte: „Horch! Die

Engelein singen!”

Vermutlich verstand die Frau kein Wort, aber sie lächelte und

lauschte.

Vogt wagte es schließlich, sich in der näheren Umgebung

umzusehen. Mit Spannung und Besorgnis erwarteten die Frauen

seine Rückkehr. „Mit wem hast du gesprochen?”, fragte Martha

Vogt, als sie alle um den Tisch saßen.

„Ich hab' im Pfarrhaus geklopft. Die Glocken läuteten an

Pfingsten schließlich nicht von selbst”, erklärte er und erzählte:

„Pfarrer Smaczny ist in Liegnitz geblieben. Die Glocken hat er

selber geläutet. Die Grauen Schwestern und ihre Zöglinge wurden

Ende Januar in einem eigenen Transport aus der Gefahrenzone

nach Hessen gebracht. Das hat das Mutterhaus in Breslau noch

organisiert, obwohl die Russen dort schon vor der Stadt standen.

Der alte Tierarzt aus der Zimmerstraße sollte auch mit, aber er

wollte nicht. Inzwischen behandelt er Zweibeiner nach Vierbeinerdiagnose,

meint Smaczny. Er soll gesagt haben, ob Tier, ob

Mensch, innen läuft's gleich ab. Liegnitz ist am neunten Februar

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von der Roten Armee eingenommen worden. Die Soldaten haben

unter der Zivilbevölkerung viel Unheil angerichtet. Obgleich die

Stadt menschenleer wirkt, sind viele Leute nicht geflohen oder

jedenfalls nicht rechtzeitig, meint Smaczny. Die Russen haben in

der Innenstadt überall Siegesfeuer gelegt. Tragisch ist, sagt er,

dass sie meist ehemals jüdische Geschäftshäuser erwischt haben,

also eigentlich das Eigentum von denen vernichteten, die durch

die Nazis in den Lagern umkamen.”

„Ich wüsste gern, was aus der Großmutter von Franz geworden

ist”, sagte Trudl. „Sie wohnt in der Breslauer Straße.”

„Da würd' ich an Ihrer Stelle jetzt nicht hingehen Viel zu

gefährlich für Frauen”, beurteilte Vogt die Lage. „Aber ich war in

der Karthausstraße in der Wohnung Ihrer Eltern. Dort sieht's so

wüst aus wie überall. Jedenfalls sind sie offenbar rechtzeitig aus

Liegnitz 'raus.”

Der sechste Juni '45 war ein warmer Vorsommertag. Bärbel hatte

inzwischen begriffen, dass die Lachel-Oma und der Lachel-Opa

nicht nach Liegnitz zurückgekommen waren, dass sie mit Mutti

und Moni in diesem Jahr nicht ins Sonnenland laufen würde und

auch nicht nach 'Afrika', weil der schlimme Krieg zwar zu Ende

war, aber auf den Straßen noch immer böse Soldaten

herumliefen, die Menschen töteten oder verschleppten. Die

Soldaten in ihrem Haus gehörten nicht dazu, die brachten ihnen

etwas zu essen. Es gab also auch gute! Nach langer Zeit tanzte sie

mit Moni heute wieder das ausgedachte Spiel Alle Tage ist kein

Sonntag. Das Spitzenhäubchen der Gocke-Oma war heil

geblieben. Moni durfte als erste aufs Stühlchen hinaufsteigen und

sich mit dem Häubchen drehen. Sie tat's ein bisschen wacklig, ließ

sich am Ende schwer in die Arme der großen Schwester fallen

und blieb kraftlos darin hängen. Ängstlich rief Bärbel um Hilfe.

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Als Mutti aus der Küche herbeieilte und Schwesterchen in den

Arm nahm murmelte Moni: „Mickl is so kaputt.”

Mutti legte Schwesterchen die Hand auf die Stirn und stellte fest:

„Du hast Fieber.” Darauf befühlte sie Bärbel und sagte: „Du

auch.”

Was Fieber bedeutete, wusste Bärbel: Man war krank. Schließlich

hatte sie schon eine Krankheit hinter sich gebracht, die Scharlach

hieß. Aber jetzt tat ihr doch vom um den Stuhl Herumtanzen nur

ein bisschen der Kopf weh. Es half nichts, sie wurde wie Moni

unter die Decken gepackt und unversehens wurden Arme und

Beine wirklich immer schwerer.

Sobald die Kinder schliefen, lief Trudl zu Vogts hinüber. „Die

Mädchen haben Fieber”, sagte sie bekümmert. „Es wird doch

nichts Ernstes sein?”

„Lassen Sie eine Nacht verstreichen”, riet Martha Vogt. „Ist ja

kein Wunder, dass die Kinder bei der miesen Ernährung und den

Strapazen, die sie hinter sich haben, schlapp machen. Das nimmt

uns Erwachsene ja schon mit.”

In dieser Nacht tat Trudl kein Auge zu und am Morgen zeigte

sich, dass es nicht allein um Entkräftung ging: Beide Kinder

hatten hohes Fieber und kamen gar nicht zu sich.

„Geh zum Viehdoktor, Georg”, bat Martha Vogt ihren Mann.

„Er soll sich die beiden ansehen. Was kann er schon falsch

machen!”

Der Tierarzt war nicht daheim, sondern bei anderen zweibeinigen

Patienten. „Ich sag's ihm, wenn er zurück ist”, versprach die

Haushälterin und schrieb sich die Adresse auf.

Am Nachmittag dieses Tages kam Bärbel zu sich. Sie wand sich

vor Bauchschmerzen. Trudl setzte sie aufs Töpfchen. Was das

Kind stöhnend und weinend aus sich herauspresste, bestand

indes nur aus Blut und Schleim. So furchtbar dies war, Trudl hätte

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viel darum gegeben, wenn Moni aus dem gleichen Grund wach

geworden wäre. Aber die Kleine lag still und flach atmend unter

dem dürftigen Federbett. Bärbels Bauchkrämpfe wiederholten

sich. Käthe und Trudl legten ihr ein Gummilaken aus

Kleinkinderzeiten unter, ein mehrfach gefaltetes Leinentuch

darauf und ließen den Dingen ihren Lauf. Das Kind kam nicht

einmal mehr beim qualvollen Pressen zu sich. Das Thermometer

zeigte 40° Fieber an. Gegen sieben Uhr abends erschien endlich

der Tierarzt. Er war einer russischen Streife in die Hände gefallen,

die unbedingt einen Faschisten festnehmen wollte. Schließlich

hatte man ihn gehen lassen.

Der alte Mann setzte sich zu Moni ans Bett, nahm die kleine,

noch warme Hand in die seine und strich ihr über das Köpfchen.

„Sie ist tot”, sagte er leise.

„Nein”, widersprach Trudl. „Sie hat eben noch geatmet.”

„Das glaube ich gern”, versicherte der Arzt. „Kinder in diesem

Alter wehren sich nicht gegen den Tod und sterben daher

friedlich und fast unbemerkt.”

Schluchzend nahm Trudl die Kleine in den Arm. Auch Käthe

weinte, aber jemand musste jetzt handeln. Sie schlug die Decke

über Bärbel zurück und der Doktor nahm das fiebernde Kind in

Augenschein, betrachtete den blutigen Schleim. Dann winkte er

Käthe ins Wohnzimmer und schloss die Tür.„Ich dachte es mir

schon”, sagte er leise. „Es ist bei beiden Kindern Typhus. Sie

haben sich vermutlich erst hier infiziert. Ich weiß, dass die

Wohnungen als Abtritte missbraucht wurden. Auch in der

russischen Armee grassieren Ruhr und Typhus. Exkremente sind

tückische Krankheitsherde. Die Kleine ist so schnell gestorben,

weil ihr Kreislauf überfordert war. Die Größere könnte es bei

richtiger Medikation schaffen, am Leben zu bleiben. Ich kann

aber nur eine Pferdekur anbieten und das meine ich wörtlich.”

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Der Doktor öffnete seine Tasche und holte einen Beutel von der

Größe einer Teepackung heraus. „Das ist medizinische Kohle,

wie sie Pferden bei Durchfall verabreicht wird”, erklärte er. „Es

sollte wirken, wenn das Durchhaltevermögen des Kindes

ausreicht.” Er setzte die Größe der Dosis und die Häufigkeit der

Einnahme fest, versprach auch, in zwei Tagen wiederzukommen.

Käthe brachte den Doktor zur Tür und kehrte ins Schlafzimmer

zurück. Dort versuchte sie, Trudl gut zuzusprechen. „Du musst

stark bleiben. Bärbel braucht dich, damit sie es schafft, gesund zu

werden.” Leere Worte, doch was hätte sie sagen sollen? Sie

wickelte Monika schließlich in ein Betttuch und Vogt trug den

kleinen Leichnam hinunter in den Keller, weil es dort kühl war.

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Wenn man das Leben mit einem Wettlauf gleichsetzt, dann

erreicht Else Stehauf als Letzte das Ziel. Sie hat einen schlechten

Start, ihre Bahn ist voller Stolpersteine und auf ihren Schultern

lastet ein Gewicht, das sie abwerfen müsste, um voranzukommen.

Das Gewicht heißt Alfred – von der Natur mit Einfalt gestraft

oder gesegnet, wer will das entscheiden? Else jedenfalls stellt

solche Überlegungen nicht an. Sie weiß: Das Leben ist eben keine

Rennbahn mit Platz und Sieg, sondern eher ein aufhaltsamer

Dauerlauf. Und auf manchem Stolperstein des Weges wächst

auch ein bisschen Moos, auf dem sie rasten kann – trotz oder mit

Alfred.

ISBN 978-3-748585-14-5 EUR 22,90

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Wohin du gehen wirst

Zeitgeschichtlicher Familienroman

Im Mai 1915 wurden auf dem Weg zur Grube ’Kamerad’ zwei

lange Baracken gebaut und mit einem hohen Stacheldrahtzaun

umgeben. Eines Nachmittags rannte der dürre Klaus durchs

Dorf, als seien die Hunde hinter ihm her, und schrie: „De

Franzen komm’! De Franzen komm’!“

Tatsächlich folgte ihm ein Zug Kriegsgefangener, mindestens

hundert Männer. Sie trotteten durch Naundorf hindurch und

verschwanden in den Baracken hinter dem Stacheldraht.

Die Franzosen arbeiteten in der Grube ’Kamerad’ und wurden

von Merseburg aus mit Nahrungsmitteln versorgt.

„Die kriegn mehr, als unsereener uff ’n Tisch bring’ kann“,

ärgerten sich die Bergarbeiter.

In den ersten Tagen pilgerten die Schulkinder nachmittags zu den

Baracken und bestaunten die Fremden wie Zootiere. „Die hahm

ja jarkeene Jewehre“, wunderte sich Alfred.

„Du kommst uff Ideen!“, spottete Else. „Die hahm unsre den’

doch abgenomm’. Was denkst’n, was die machen würd’n, wenn

sie eens inne Hand kriegt’n? Die ballern damit inner Gegend rum

und schießen dich ohne Gnade in’ Arsch.“

Das leuchtete Alfred ein. Die Franzosen blieben besser ohne

Gewehre! Wenigstens musste er dann nicht auf seinen Hintern

achtgeben. Das Begucken wurde schnell langweilig, denn die

Männer sahen aus wie alle anderen Leute. Wenn der Stacheldraht

und die Gerüchte über die bessere Verpflegung nicht gewesen

wären, hätten vermutlich sogar die Erwachsenen die Gefangenen

vergessen.

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Im Juni des Jahres 1915 stand Alfred wieder einmal quäkend –

wie Else es nannte – unter der Wilhelms-Eiche, diesmal im Kreis

der Großfamilie Kluge. Die jüngeren Brüder seines Vaters waren

gefallen. Friedrich Georg war unverheiratet gewesen, Ernst

Eduard jedoch hinterließ eine Frau und vier Kinder. Alfred

schluchzte hinreichend für alle, die keine Tränen hatten oder sie

zurückhielten. Er erhielt deshalb fast mehr Zuspruch als die

Witwe.

Der Krieg machte sich inzwischen im täglichen Leben

empfindlich bemerkbar, vor allem bei den Ärmeren. Zu Beginn

des Jahres waren Brotkarten eingeführt worden und solche ’zur

Empfangnahme von Butter, Margarine – Pflanzenfett’. 5 Rose markierte

das Brot auf der Rückseite. Dennoch fehlte immer wieder ein

Stück und keins der Kinder wollte es gewesen sein. Zuletzt

schloss sie das Brot in der Truhe ein und nahm den Schlüssel

überallhin mit.

Auch Seife wurde rationiert. Almas duftendes Weihnachtsgeschenk

lag noch unberührt zwischen der Bettwäsche im

Schrank – jedenfalls dachte Rose das. Als sie sich eines Tages

entschloss, die kostbare Reserve für das Einreiben stark

verschmutzter Wäsche zu verwenden, suchte sie jedoch

vergeblich danach. „Wer von euch war an der Seefe?“, fragte sie,

als die Mädchen aus der Schule kamen. Else und Lydia blickten

verständnislos, Hilde dagegen rief, sie habe etwas vergessen und

müsse noch mal …

Rose erwischte und schüttelte sie. „Wo is die Seefe?“

Hilde schwieg verstockt, aber Lydia ging plötzlich ein Licht auf.

Sie verschwand in der Schlafkammer und kam mit einem Kamm

und einem Handspiegel zurück. „Ich hab mich gewundert, woher

Hilde das Zeug hat“, rief sie empört und hielt beides empor. „Nu

weeß ich’s.“

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Es stellte sich heraus, dass Hilde die Seife bei der Weidauer-

Tochter gegen Kamm und Spiegel eingetauscht hatte. Anna

versohlte Hilde den Hintern, sperrte sie in die Kammer ein und

strich ihr das Abendbrot. Aber das brachte den kostbaren Besitz

nicht zurück und der Trödelkram – denn etwas anderes war es

nicht – ließ sich nicht versetzen.

Die vierjährige Frida war während des Strafgerichts unter den

Tisch geflohen, dessen Schutz sie nun ganz allein genoss, denn

auch Otto ging inzwischen zur Schule. Sie verstand nicht, was

geschah, aber die zornige Mutter erschreckte sie. Dass Hilde

nichts zu essen kriegen sollte, begriff sie allerdings schon. Von

diesem Teil der Strafe nahm Rose jedoch am Abend Abstand.

Mehr als eine Brotschnitte mit ungesüßtem Apfelmus kriegten die

Kinder ja nicht und mit leerem Magen fiel schon Erwachsenen

das Einschlafen schwer, um wie viel mehr erst Kindern.

Zur Zeit der Kartoffelernte ereignete sich auf einem Feld hinter

Naundorf Furchtbares. Alfred hatte es von Ewald erfahren, der

die Nachricht aus der Nachtschicht mitbrachte, und posaunte nun

stolz in der Schule herum: „Die hahm Beckern abjemurkst!“

Keiner glaubte ihm, aber bis Mittag wurde es traurige Gewissheit.

Um die noch nicht abgeernteten Felder vor Dieben zu schützen,

waren die alten Männer des Dorfes vom Gemeindevorsteher

beauftragt worden, nachts zu wachen. Dem alten Becker war ein

Kartoffelfeld zugeteilt worden. Weil die von der Grube

Heimkehrenden stets den kürzeren Weg quer über die Felder

nahmen, hatten sie den Alten gefunden – erschlagen. Vielleicht

wären die Schuldigen nie entdeckt worden, wenn nicht der dürre

Klaus in eben jener Nacht auf eigene Faust Wachmann gespielt

hätte.

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„Hawwes jeseh’n! Hawwes jeseh’n! ”, trompetete er in aller Frühe

vor Kassaus Haus. Der Gendarm – in Hemd und Unterhose –

wurde aus Klausis verworrener Geschichte nicht klug, begriff

nur, dass irgendwo irgendjemand tot herumlag. Erst Ernst Kluges

Meldung brachte Licht ins Dunkel. Der dürre Klaus führte

Kassau und den Ortsvorsteher nun aufs Feld, wo einer der

Kumpel bei Beckers Leiche Wache hielt. „Na und, Klaus?“,

bohrte Kassau. „Wen hast du gesehen?“

Klausi griente, machte kehrt und stampfte auf das

Gefangenenlager zu.

Letztendlich kam heraus: Zwei Franzosen aus der ’Stacheldraht-

Kolonie’, wie die Naundorfer das Lager nannten, hatten einen

Weg durch den Zaun gefunden und waren von Becker beim

Kartoffelbuddeln erwischt worden. Einer gegen zwei, das konnte

natürlich nicht gut ausgehen. Die kampferprobten Soldaten

hatten ihn nicht umbringen wollen, aber zu kräftig zugeschlagen

und dem alten Mann das Lebenslicht ausgelöscht.

Plötzlich befand sich der Krieg mitten im Dorf. Hier deutsch, da

französisch – und zumeist gnadenloser Hass auf deutscher Seite!

„Gleich abmurksen!“, verlangten die einen. „Vors Kriegsgericht!“,

rieten die Besonnenen.

Nur die alten Frauen murmelten: „Ach, die Ärmsten! Die

hungern eben ooch. Nischt is mit Sonderverpflegung. Hätt’

Becker se doch klauen lassen, dann wär’ er ooch noch am

Leben.“

Pastor Redlich nahm die Tat zum Anlass, im Religionsunterricht

der Großen über das fünfte Gebot zu sprechen: ’Du sollst nicht

töten’. Natürlich klammerte er das länderübergreifende Morden

aus – das war ja etwas ganz anderes: Da kämpfte Gott mit,

selbstverständlich auf Seiten der Deutschen!

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„Siehste, ich hatte recht“, sagte Else zu Alfred. „Wenn die

Franzosn Gewehre gehabt hätt’n, hätt’n se Beckern in Arsch

geschossen. Und nu wern’se selber ooch ä Kopp kürzer

gemacht.“

In der Grube ’Kamerad’ weigerten sich die Kumpel, mit den

Gefangenen gemeinsam zu arbeiten. Erst eine energische

Verlautbarung der Grubenverwaltung unter Androhung des

Kriegsgerichtes brachte die Männer zur Vernunft. Die Wachen

um das Gefangenenlager wurden verstärkt, weil zu befürchten

stand, dass die Naundorfer die Baracken stürmen könnten. Doch

die Aufregung legte sich schnell, nicht zuletzt deshalb, weil die

Sorge um die eigene Lebenslage ständig zunahm.

Rose hob viel häufiger Gräber aus als zuvor, denn vornehmlich

die Alten verloren Lebensmut und Kraft und starben in aller

Stille. Weihnachten ging sang- und klanglos vorüber.

Im Januar 1916 wurde Lehrer Richter wiederum zum

militärischen Lehrgang eingezogen. Hauptlehrer Neuhaus

verzichtete diesmal auf eine Eingabe und schickte die verwaisten

unteren Schulgruppen zum staatlich verordneten Sammeln von

Buntmetall, denn vier Gruppen zur gleichen Zeit konnte er nicht

unter einen Hut bringen. Die Kinder sammelten mit Eifer und

Einfallsreichtum: Sie stahlen den Großeltern die Nachttöpfe

unterm Bett weg und den Müttern die Blechtöpfe aus dem Regal.

Natürlich wurden auch die oberen Klassen zum Sammeln

angehalten. Alfred schleppte den löchrigen Eisentopf an, aus

dem der Hund gefressen hatte, ehe er – von ihm reichlich

beweint – an Altersschwäche gestorben war.

„Wir hahm nischt“, erklärte Else lauthals in der Schule und damit

war die Sache für sie erledigt. Lydia entdeckte jedoch in Althoffs

Scheune einen Topfdeckel und war glücklich, dass die Kinder des

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Bauern ihr nicht zuvorgekommen waren. Dreizehn Zentner

Alteisen türmten sich zuletzt in der Schule.

Als Rose am letzten Tag der Aktion vom Wäschewaschen bei

Kunzes nach Hause kam, empfing sie bedrückte Stille. „Is was

passiert?“, fragte sie und setzte beunruhigt hinzu: „Is was mit

Hilde?“ Die war nämlich wieder mal nicht daheim.

„Nee!“, sagte Else schnell, „der geht's gut, aber …“

„Ich war’s nich!“, beteuerte Erich vorsorglich.

„Hilde hat den Regulator abgeliefert“, platzte Lydia heraus. Roses

Blick fiel auf die Wand, an der sonst die Uhr hing und sie

schimpfte: „Um Himmels willen! Hat se den Verstand verlor’n?

Wenn der Vater heemkommt und das Ding nich …“

„Da passiert gar nischt“, fiel Else der Mutter ins Wort. „Uns tät

er verkloppen, Hilde nich. Die is sein Liebling.“

„Quatsch“, widersprach Rose. „Die Uhr hat er selber gekooft! Da

wird er wilde, wenn die weg is.“

„Und was mach’mer nu?“, rief Lydia. „Hilde hat sich

verkrümelt.“

„Kümmert euch um die Kleene“, befahl Rose. „Ich geh’ zu Berta

Gehre. Die hat den Schulschlüssel. Die Uhr muss wieder her! Es

weeß ja sonst keener mehr, wie spät’s is.“

Die Frau des Postboten schlug die Hände zusammen, als Rose

bei ihr auftauchte und sie den Grund für den Besuch erfuhr.

„Hilde is aber ooch ein verrücktes Huhn. Mein Willy geht mit ihr

in eene Klasse. Was der manchmal so erzählt.“

Rose sagte, sie wolle es lieber nicht wissen. Was das Mädchen zu

Hause losließe, reiche ihr. Die beiden Frauen hasteten in der

Dunkelheit zum Schulhaus, das zum Glück bereits elektrisches

Licht besaß. Wegen der Diebe standen die Säcke in einem der

Unterrichtsräume, nicht in der Scheune.

„Na, dann mal los“, seufzte die Frau des Postboten.

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„Warten Sie“, sagte Rose. „Vielleicht is was zu hör’n.“

Berta Gehre hatte nicht viel Hoffnung. „Wenn da was Schweres

druffliegt, könn’ die Zeiger nich weiter.“ Beide lauschten in die

Stille … nichts! Nun legte Rose das Ohr auf jeden Sack und bei

Nummer zehn rief sie: „Hier isse drin!“ Ein Schnarren war zu

hören …

Die Uhr lag mit dem Zifferblatt nach unten auf der Öffnung

eines alten Topfes. Das hatte es den Zeigern ermöglicht, sich zu

bewegen. Die Ketten waren auch noch dran, allerdings fehlten die

Gewichte und deshalb mussten die Frauen das sperrige Eisenund

Blechzeug Stück für Stück aus dem Sack holen, ehe sie die

Zapfen fanden. Erleichtert trug Rose die von ihr so oft

verwünschte Uhr heim, wo Hilde sich inzwischen eingefunden

hatte. „Du Dussel, was haste dir denn dabei gedacht?“, schimpfte

Rose und hängte den Regulator an den alten Platz zurück.

„Na, du hast immer gesagt, die is kaputt“, maulte Hilde.

„Und wenn! Die Uhr gehört’m Vater. Du kannst nich

verschenk’n, was nich deins is. Und noch eens!“ Rose hob den

Zeigefinger und schnitt damit energisch die Luft in zwei Teile.

„Mit der Uhr wird keener totgeschoss’n! Was denkt ihr denn, was

die aus’m Zeug machen, das ihr sammelt? Gewehr- und

Kanonenkugeln! Und damit schießen se nich uff Spatzen,

sondern uff Menschen!“

Lydia hätte nun gern den Topfdeckel zurückgehabt und Else war

froh, dass sie sich gar nicht erst die Mühe gemacht hatte, nach

Eisen zu suchen. Erich aber dachte: „Drei Nägel und ’ne

Schraube, das reecht nich für ’ne Kugel“, und fühlte sich deshalb

frei von jeder Tötungsschuld.

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Die Autorinnen

bedanken sich für Ihr

Interesse!

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