Leseprobe_xerubian-aath-lant-tis_andreas-hagemann

nadineskonetzki

Andreas Hagemann

Xerubian

Band 1: Aath Lan’Tis


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www.zeilengold-verlag.de

Nadine Skonetzki

Blütenhang 19

78333 Stockach

info@zeilengold-verlag.de

1. Auflage

Alle Rechte liegen bei Zeilengold Verlag, Stockach 2019

Cover, Satz, Illustration: saje design, www.saje-design.de

Lektorat: Nina C. Hasse, www.ninahasse.wordpress.com

Korrektorat: Claudia Heinen, www.sks-heinen.de

Druck Softcover: bookpress, 1-408 Olstzyn (Polen)

Druck Hardcover: booksfactory, 71-063 Szczecin (Polen)

ISBN Softcover: 978-3-946955-26-9

ISBN E-Book: 978-3-946955-69-6

Hardcover: exklusiv im Verlagsshop

Alle Rechte vorbehalten

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.


Das Buch ist meiner Oma Ursula gewidmet,

die leider nicht mehr die Möglichkeit hatte,

diesen Roman zu lesen.


Prolog

Gott ist nur sein Rufname. Eigentlich heißt er Fürchtegott.

Seine Schöpfungen bezeichnen ihn als den Herrn über alle Dinge:

die Zeit, das Licht, das Leben und Billard.

Nur zufällig hatte sich dieses Spiel in seinen Alltag gedrängt

und nahm ihm schleichend den Großteil seiner freien Zeit.

Anfangs war er beim Spielen unsicher, beinahe ängstlich. Er

misstraute dem filigranen Stab und seiner Funktion. Mit stetem

Üben begeisterte sich Gott für die Balance von Kraft und Präzision,

verliebte sich regelrecht in die kniffligen Spielzüge.

Auch wenn es ein Zeitvertreib war, so verlangt der Tisch mit

sechs Löchern, 16 Kugeln und dem geliebten Queue viel Verantwortung

von ihm. Denn in jeder der Spielkugeln pulsiert funkelnd

ein Universum voller Leben. Mit jedem Spielzug lassen sich

Geschehnisse lenken, Wind und Wetter beeinflussen, aber auch

Katastrophen auslösen. So ergab sich der Name Spiel des Lebens.

Gott betrachtet den Spieltisch. Den Billard-Queue als Stütze

unter die Achsel geklemmt, steht er vor der im himmlischen Blau

bezogenen Spielfläche. Die Kugeln der Schöpfung liegen ausgebreitet

vor ihm. Er analysiert die Konstellation. Am hinteren,

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echten Loch liegt die grellrote Drei. Sie funkelt kurz, als wolle

sie sich bemerkbar machen.

Es wäre ein Leichtes, sie mit einem gezielten Stoß zu versenken,

wenn die violette Vier nicht im Wege läge. Er könnte mit der

Hand vielleicht ein wenig … Schließlich wäre diese kleine Unstimmigkeit,

gemessen an der Unendlichkeit der Zeit, eine kaum ins

Gewicht fallende Nichtigkeit.

Er sollte es besser wissen. Auch wenn es in seinem Kopf widerhallt:

»Der Wille des Herrn geschehe!«

Fest entschlossen, den Stoß regelgerecht auszuführen, begibt

er sich an die kurze Seite des Tisches. Gelassen legt er den Queue

zwischen Zeige- und Mittelfinger, beugt sich hinunter und wirft

einen flüchtigen Blick auf die beiden Kugeln. Auch aus diesem

Blickwinkel verdeckt die violette Vier die von innen leuchtende

rote Drei. Belebt kreisen winzige Lichtpunkte in den Kugeln, ihn

daran erinnernd, dass die in ihnen enthaltenen Galaxien darauf

warten, mit neuer Energie aufgeladen zu werden.

Er konzentriert sich.

Probeweise gleitet der Queue ein paar Mal vor und zurück.

Dann holt er Schwung. Es ist ein banaler, nahezu belangloser Zug.

Und trotzdem, eine ihm unerklärliche Spannung bringt das linke

Augenlid zum Zucken, als er mit einer kaum wahrnehmbaren

Bewegung des Handgelenkes den Stoß ausführt. Erst sacht, dann

schneller werdend und letztlich viel zu wild.

Und so nehmen die Dinge ihren Lauf. Sein Handballen rutscht

von der Kante des Tisches und die blaue Spitze des Queues verfehlt

den anvisierten Punkt auf der weißen Kugel des Urknalls.

Deutlich zu schnell fliegt sie geradewegs auf die violette Vier zu.

Gottes Augen weiten sich.

Es ist der gleiche Blick wie damals, als er von Maria erfuhr,

dass sie schwanger von ihm war. Genau wie heute war er in jenen

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Tagen in bester Absicht unterwegs. Doch die Sache verlief anders

als geplant. Die Geschichte mit der unbefleckten Empfängnis war

jedoch die genialste Ausrede, die er sich je hatte einfallen lassen.

Ungeachtet dessen sind die Probleme, die ihn jetzt erwarten,

andere. Weniger delikat, allerdings mit noch unvorhersehbareren

Folgen.

Die weiße Urknallkugel trifft die knallrote Drei mittig mit voller

Wucht. Kurz darauf löst die viel zu große Energie des Zusammenpralls

die Formen beinahe auf, ihr Inneres beginnt, kräftig zu

strahlen. Die unerwartet intensive Vereinigung zwingt die jetzt

grell leuchtende Vier in eine an dieser Stelle überflüssige Drehbewegung.

Die in den Eingeweiden befindlichen Galaxien entfernen

sich dabei mit rasender Geschwindigkeit von ihrer Drehachse,

während die Kugel selbst rasch an Umfang zunimmt.

Da ist sie wieder, die Erinnerung an die schöne Maria.

Der ganze Vorgang dauert nicht länger als das unmerkliche

Zucken seines Auges.

Derweil verfehlt völlig unbeachtet die leuchtende Drei das

anvisierte schwarze Loch. Und während sie zurück in die Weiten

des Tisches rollt, beginnt sich in ihr, etwas unbekannt Dunkles

zu materialisieren.

In einer der durcheinandergewirbelten Galaxien der Vier, in

einem unscheinbaren Sonnensystem ganz am Rand, auf einem

winzigen grünen Planeten namens Xerubian wird sich eine halbwegs

intelligente Lebensform über diesen Drift wundern. Sie

wird tollkühne, mathematisch schöne, dafür allerdings realitätsferne

Alles-im-Universum-entfernt-sich-vom-Zentrum-aber-keiner-weiß-wohin-Theorien

entwickeln.

Recht werden sie haben. Sonderlich geschickt war dieser Stoß wirklich

nicht.

Mit der einen Hand den Unheils-Queue von sich gestreckt, die

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andere in die rundliche Hüfte gestemmt, steht Gott fassungslos

vor dem Tisch. Nachdenklich blickt er auf die Kugeln und murmelt:

»Mist! Das ist mir ja noch nie passiert. Zumindest nicht in

dem Umfang.«

Die Vier ist deformiert, die ehemals strahlend rote Drei liegt

abseits auf der anderen Seite des Spielfelds.

Nachdenklich kratzt er sich den Hinterkopf. Das ist mit Abstand

die unglücklichste Weltenmischung, die er bislang hervorgerufen

hat. Aber besser Chaos anrichten, als gar keine Spuren

hinterlassen.

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Kapitel 1

Die Nacht bedeckt die Stadt Punkt mit ihrem violetten Kleid.

Schon vor Stunden hat der Abendhimmel den Kampf gegen die

zwei Sonnen zu seinen Gunsten entschieden.

Aus einer finsteren, schwer einsehbaren Ecke des Marktplatzes

starrt in diesem Moment ein wachsames Augenpaar auf die sandige

Fläche vor der großen Kathedrale. Am Tage würde man den

prächtigen, golden glänzenden Kuppelbau und seine hohen mit

Ornamenten versehenen Säulen in ganzer Pracht bewundern können.

Im zuckenden Schein der Fackeln jedoch lässt sich das wahre

Ausmaß des Bauwerks zu dieser späten Stunde nur erahnen.

Der weite Marktplatz ist übersät von zurückgelassenen Holzkarren

und Fässern mit stinkenden Abfällen. Sie sind ideal, um

ungesehen zum Eingang der Kathedrale zu gelangen. Der Schatten

huscht aus dem Dunkel und duckt sich geräuschlos hinter

einen der Behälter.

Er muss einen Würgereiz unterdrücken, als ihm die unsichtbaren

Schwaden fast die Sinne rauben. Nur mit Mühe kann er

die Augen offen halten. Sein Blick zum Brunnen in der Mitte

des Platzes verschwimmt. Dessen langer und grotesker Schatten

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ietet genug Deckung, um auch die letzten Meter ungesehen zurückzulegen.

Heiser lachend, kommen just in dem Moment zwei Stadtwachen

scheppernd um die Ecke. Schnell drückt sich der Schatten

noch tiefer auf den hier feuchten Boden. Das einzige Interesse der

beiden in Blech gehüllten Wesen gilt jedoch dem grünlich schimmernden

Brot in ihren Händen.

Erneut muss die dunkel gekleidete Gestalt einen Anflug von

Übelkeit unterdrücken, doch diesmal entfährt ihr dabei leises

Stöhnen.

Überrascht schaut der kleinere der beiden Wachmänner auf

und bleibt stehen. Der andere geht Gedanken versunken noch

ein Stück weiter, bis die Einsamkeit ihn erweckt. So schnell es die

sperrige Rüstung zulässt, dreht er sich nach seinem Kumpan um.

»Was iszt?«, ruft er lispelnd zu ihm hinüber.

»Ich glaube, ich habe etwas gehört.«

»Dasz wird wohl eher die Bohnenszuppe von heute Mittag

szein, die dir einen Sztreich szpielt«, gibt der Erste zurück.

»Wahrscheinlich hast du recht. Die Katze vorhin ist ja auch

nicht ohne Grund davongelaufen«, hustet der Kleinere lachend.

»Worüber haben wir gerade gesprochen? Ach ja, wenn du also

die Chilischoten mit in den Bohnentopf gibst, dann pass auf, dass

du sie klein schneidest, sonst passiert dir das Gleiche wie Fips. Du

erinnerst dich doch, oder?«

»Na klar, die Sztichflamme habe ich noch zwei Blocksz weiter

geszehen!«

Sie lachen schallend, während sie hinter der nächsten Ecke

verschwinden und ihre Unterhaltung mit sich ziehen.

Warum laufen diese Kreaturen frei herum, denkt der Schatten und

verzieht wie unter Schmerzen sein Gesicht. Am Ungleichgewicht

von zu viel Panzer und zu wenig Hirn sind, der Lehre des bekannten

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Charldar Win folgend, schon einige dieser überflüssigen Mutationen

gestorben. Aber leider eben doch noch nicht alle.

Sobald das Scheppern der Rüstungen verhallt ist, springt er

lautlos auf und rennt so leise wie möglich zur großen, vergoldeten

Pforte des Gebäudes. Umgeben von der Kühle der Nacht spürt

er die Hitze, die die Mauer nun als wärmenden Mantel trägt.

Die Spannung wandert durch seinen verhüllten Körper. So

lange hat er darauf warten müssen und nun trennen ihn nur

noch wenige Meter von seinem Ziel. Er verharrt plötzlich in der

Bewegung. Ein ungutes Gefühl breitet sich in ihm aus. Es ist der

Blick einer Person, den er zu spüren meint.

Keine zehn Schritte entfernt ragt ein Paar Sandalen aus einem

Verschlag. Zwei ärmliche Dinger aus rissigem Leder und dünnen,

faserigen Schnüren. Sie umspinnen schwarzblaue, nur durch den

seltenen Regen gesäuberte Füße.

Mit vorsichtigen Schritten schleicht der Schatten hinüber.

Aus einem Fass auf dem Weg dorthin greift er ein Bund übel

riechenden, aber fest anmutenden Gemüses. Von der Gestalt ist

röchelndes Stöhnen zu vernehmen. Bei dem kleinen Bretterverschlag

angekommen, schlägt ihm eine Fuselwolke entgegen. Aus

einem bärtigen Gesicht schaut ihn alle paar Sekunden ein träge

blinzelndes Augenpaar an. Der Teint unterscheidet sich nicht von

den Füßen. Der Fremde kämpft vehement damit, ins Land der

Träume zu gleiten.

Der Schatten unterstützt die Versuche des armen Kerls. Ein

Zeuge, egal wie berauscht, ist das Letzte, was er gebrauchen kann.

Nass klatschend explodiert das stinkende Etwas auf der Stirn

und nimmt dem kämpfenden Augenpaar die Arbeit ab. Er tippt

dem Trunkenbold an die rechte Schulter, woraufhin dieser langsam

an der Verschlagwand nach unten rutscht. Nun kann er sich

beruhigt dem eigentlichen Ziel zuwenden.

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Schnell und lautlos legt er die kurze Distanz dorthin zurück.

Kaum angekommen, gleiten seine Finger über das vergoldete und

reich verzierte Holz. Die makellose Verarbeitung ist beeindruckend,

macht es jedoch schier unmöglich, einen Weg hineinzufinden.

Es gibt weder Spalten noch Knauf oder Klinke zum Öffnen

der Pforte. Seine Freude schlägt in Nervosität um.

»Was willst du von mir?«, tönt es in diesem Moment laut aus

dem Nichts.

Der Schatten zuckt zusammen, dreht den Kopf rasch in alle

Richtungen und streckt die Arme angewinkelt von sich. Er ist bereit,

jeden Angreifer mit tödlicher Entschlossenheit abzuwehren.

»Was will ich von wem?«, flüstert er.

»Na, von mir!«, antwortet die tiefe, fast angenehme Stimme

beleidigt.

Dem Schatten dämmert es. Er tritt zurück und schaut prüfend

zum oberen Ende der Pforte. Er hat von Resten alten magischen

Wirkens in dieser Stadt gehört. Dass diese ausgerechnet jetzt seinen

Weg kreuzen, gefällt ihm jedoch gar nicht.

»Ich hatte die Absicht … ein wenig zu beten. Warum?«

Noch im selben Moment könnte er sich für die dumme Antwort

ohrfeigen.

»Es ist sehr unhöflich, eine wichtige Pforte wie mich zu so später

Stunde unterhalb der ersten Scharnierlinie zu befingern. Wer

hat dich geistig so nackt in die Welt geschickt, dass du nicht mal

grundlegende Anstandsregeln kennst? Wer bist du überhaupt?«

»Verzeihen Sie die Aufdringlichkeit, es war gewiss nicht meine

Absicht. Ich bin …« Der Schatten sucht stotternd einen Weg aus

dieser Situation.

»Ich bin … Paul! Ja, Paul bin ich. Und … ich komme von einem

Hof weit im Norden und wollte Sie wirklich nicht unsittlich

berühren. Nur beten wollte ich hier. Für meine kranke Mutter

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eten.« Seine Worte gewinnen an Festigkeit und unterdrücken so

das Zittern seiner Stimmbänder beim Lügen. »Mit wem habe ich

denn die Ehre?«, schiebt er rasch hinterher.

»Ich bin die goldene Pforte des Lichts, vom großen Magier vor

vielen, vielen Jahren zum Leben erweckt, mit der Aufgabe, diese

heiligen Mauern und das, was sie seit dem Anbeginn aller Zeit

bewahren, zu schützen.«

Die Einwohner der Stadt wissen, dass es nur knapp fünfzig

Jahre her ist, dass die damals morsche und mehr als altersschwache

Pforte aus den Angeln brach und durch diese hier ersetzt

werden musste. Aber nun ja, wer Gold trägt, der darf natürlich

auch protzen. Außerdem, wie bedeutend klingen schon fünfzig

Jahre gegenüber einer scheinbaren Ewigkeit?

»Ich bin hoch erfreut«, gibt der Schatten leise zu verstehen.

Die Pforte jedoch scheint ihn nicht weiter zu beachten.

»Es tut mir leid, dass wir uns auf diese Weise kennenlernen«,

setzt er wieder an. »Ich habe allerdings eine kleine, aber sehr

dringliche Bitte. Es ist für mich unermesslich wichtig, dass ich

trotz der späten Stunde in Ihre heiligen Hallen eingelassen

werde.«

Die Antwort ist kurz, dafür unmissverständlich: »Bedaure.«

»Lassen Sie mich raten: An einem derart komprimierten Ergebnis

Ihrer Denk- und Entscheidungsprozesse haben Sie sicher

jahrelang gefeilt«, grummelt der Schatten verärgert. Schnell lässt

er seinen Blick über den Platz gleiten. Ihm bleiben nur noch wenige

Minuten, bis die Wachen wieder vorbeikommen.

»Das habe ich gehört!«, empört sich die Pforte.

»Das war durchaus beabsichtigt«, gibt der Schatten zurück.

»Darf ich trotzdem fragen, warum Sie mich nicht einlassen wollen?«

Er sieht seinen Plan bereits scheitern.

»Darfst du. Ich habe absolut keine Lust! Abgesehen davon ver-

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spüren meine alten Scharniere zu dieser späten Stunde nicht den

Drang, sich zu bewegen.«

»Was müsste ich denn tun, um dir ein wenig Lust zu verschaffen?

Dich ein weiteres Mal für mich zu bewegen, meine ich

natürlich.«

»Welch Ungeheuerlichkeit! Noch nie hat es jemand gewagt,

mir solch ein frivoles Angebot zu machen und obendrein auch

noch zu duzen. In der ganzen langen Zeit nicht! Entweder du

nennst mir das geheime Losungswort der Mitglieder unseres Ordens

oder du bleibst hier stehen, bis du schwarz wirst«, gibt die

Pforte barsch und pikiert zurück.

Der Schatten schaut auf seinen dunklen Umhang hinab. Es

leben die hohlen Phrasen.

»Wie du in deiner unendlichen Weisheit sicherlich spüren

kannst, führe ich nichts Böses im Schilde. Daher dachte ich, wir

seien Freunde und habe ich es dir gleichgetan.«

Völlig fassungslos sucht die Pforte nach einer Antwort. Aber

so strahlend wie ihr dicker Goldbelag glänzt, so hohl und leer ist

ihr Geist.

Der Schatten sieht sich hektisch um. Mit solch einem Hindernis

hat er nicht gerechnet. Die Wachen haben das Gebäude zwar

noch nicht umrundet, aber die Zeit wird knapp. Eine schnelle

Lösung muss her.

»Dieses Losungswort, es liegt mir auf der Zunge, will nur irgendwie

nicht heraus. Meine Frau hat mir die letzten Tage vor

der Reise den Kopf mit mir unverständlichen Dingen gefüllt, an

die ich unbedingt denken soll. Also gönn mir ein wenig Frieden

und lass mich ein.«

Kaum besser als die erste Geschichte, aber immerhin ein Versuch.

»Wenn du das Losungswort vergessen hast, musst du auf den

großen Ad-Min Istrator warten. Er wird morgen um neun Uhr

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wieder hier sein und kann dann deine Daten überprüfen. Sei dir

meines Beileids sicher«, höhnt die Pforte und kann sich ein knarrendes

Lachen nicht verwehren.

Dem Schatten wird das Katz-und-Maus-Spiel zu dumm. »In

Gottes Namen, lass mich hinein!«, ruft er unbeherrscht.

Kaum ausgerufen, schlägt er die Hände vor den Mund. Er hofft

inständig, dass die Wachen seine laute Äußerung nicht gehört

haben.

»Nur über meine Holzkohle!«, gibt die Pforte ebenso laut zu

verstehen.

»Psst, sei leise!« Mit diesen Worten gleitet der Schatten abseits

der Fackeln wieder in die Tiefen des Platzes zurück.

»Magie sollte verboten werden. Türen, die einem widersprechen.

Das kann doch alles nicht wahr sein«, murrend verschwindet

er hinter dem Brunnen. Er braucht eine neue Idee. Sein Einfall

ist zwar nicht besonders pfiffig, könnte aber Erfolg haben. Unvermittelt

stürmt er mit dem Kopf voran aus der Dunkelheit gegen

das vergoldete Holz.

Kraft gleich Masse mal Beschleunigung. Das hatte doch schon

der alte Nyu Ten verkündet. Die Pforte zeigt sich von dieser Aussage

und dem dilettantischen Versuch ihres Praxisbeweises völlig

unbeeindruckt. Polternd prallt der Schatten ab.

»Mein Gott, tut das weh!«, stöhnt er gekrümmt auf der Erde

liegend. Den dröhnenden Kopf hält er zwischen den Händen.

»Fünf Millimeter Goldbeschichtung«, bemerkt die Pforte stolz.

Vom Schmerz benebelt, erhebt sich die dunkle Gestalt ungelenk

und wankt zur Umrandung der Pforte. Ihr Blick fällt auf

einen kleinen Kasten mit der Aufschrift »Zieh eine Nummer«. Dieser

war ihm vorher gar nicht aufgefallen.

Seit wann muss man hier zum Beten eine Nummer ziehen?

Unsicher streckt er die Hand aus, kann jedoch keine Num-

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mernzettel entdecken. Von seiner Berührung angestoßen, gleitet

das Holzkästchen davon.

Immer diese scheiß Magie, denkt er.

Vor Generationen schon wurde der Planet des Tragens sämtlichen

von seinen Bewohnern produzierten und oftmals unnötigen

Plunders überdrüssig. Seitdem ließ er immer mal wieder Gegenstände

einfach schweben, meist solche, die er schlichtweg für

besonders nutzlos hielt. Dies führte jedoch dazu, dass sich viele

Bewohner über blaue Knie und andere schmerzende Körperteile

beklagten. Trat man nämlich versehentlich gegen einen dieser

Gegenstände, schoss dieser unkontrolliert davon.

»Himmel, Herrgott, Arsch und Zwirn! Zieh eine Nummer, sehr

witzig«, murmelt er verärgert.

In jenem Moment geht bedächtiges Knarren durch das alte

Holz. Rasch weicht der Schatten geduckt zurück.

»Du hast das Losungswort genannt und darfst daher nun mein

Inneres betreten. Auch wenn es mir persönlich gar nicht passt«,

gibt die Pforte zu verstehen.

Der Schatten vermag es kaum zu glauben. Dieser schwebende

Kasten war quasi eine Anti-Haft-Notiz!

Vorsichtig macht er einen Schritt nach vorn. Er möchte sichergehen,

dass die Pforte nicht abrupt ihre Meinung ändert

und aus reiner Bosheit wieder zuschnellt. Er schiebt den Fuß ein

Stückchen weiter, dann noch ein Stück und mit einer schnellen

Drehung des Körpers ist er drin.

Ein kühler Luftzug streift ihn. Ohne den Lichtschimmer, der

durch den Spalt der Pforte einfällt, wäre es stockfinster. Gemächlich

hebt er die rechte Hand vor Augen. Trotz des diffusen

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Scheins erkennt er praktisch nichts. Die Schritte möglichst lautlos

setzend, tastet er sich ins vor ihm liegende Dunkel. Die Zeit ist

knapp, er kann nicht warten, bis sich die Augen an die Finsternis

gewöhnt haben. Seine Hände berühren flüchtig raue Säulen, verschiedene

hölzerne Gegenstände und gleiten über Dinge, dessen

Bedeutung und Funktion ihm völlig schleierhaft sind.

Der Boden ist uneben und macht ein schnelles und leises

Vorankommen schwierig. Am Widerhall der Schritte kann er

dennoch erkennen, dass er sich langsam seinem Ziel nähert: dem

Ende der großen Halle.

Nach und nach werden die ersten Umrisse sichtbar. Mannsdicke

Säulen zeichnen sich ab, Bankreihen tauchen aus dem Nichts

auf und ein paar breite, über die gesamte Front der Kathedrale

verlaufende Stufen werden sichtbar.

Der Schatten geht auf die nächste Säule zu und lauscht in die

Tiefe des Raumes. Niemand außer ihm scheint hier zu sein. Nur

schwer kann er sich beherrschen, nicht einfach zwischen den

Bänken hindurch nach vorne zu rennen, um ihn endlich in den

Händen zu halten. So lange war er auf der Suche. Einzig dieser

Moment ließ ihn immer wieder Kraft schöpfen.

Von Säule zu Säule tastet er sich zu den Altarstufen, bis die erste

hart an seine Zehen schlägt. Zehn Stufen sind es insgesamt. Dunkelgrauer

Marmor, an den Rändern verziert mit filigranen Goldleisten.

Der Blick fällt auf die dunkelbraune Konstruktion am oberen

Ende der Treppe. Ähnlich einem Himmelbett mit vier dicken

Beinen und einem Leinentuch darüber belegt der Altar fast die

gesamte Fläche. Schritt für Schritt, das Gewicht auf jeder Stufe

ausbalancierend, kommt er seinem Ziel immer näher. Jetzt kann

er die bescheidene Erhebung auf dem Altar sehen. Sie ist bezogen

mit dunklem Samt. Auf ihr steht eine kleine Schatulle. All

die kunstvollen Verzierungen und Szenen darauf interessieren

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ihn nicht. Er spürt seinen Herzschlag als schmerzhaftes, fast unerträgliches

Pochen in den Schläfen. Endlich haben sich all die

Strapazen gelohnt.

Winzige goldene Buchstaben blitzen auf, als die Hände sich der

Schatulle bis auf wenige Zentimeter nähern. Seine Augen weiten

sich und werden vom seltsamen Leuchten in den Bann gezogen.

Das Suchen, das Warten, die Hoffnung, alles ist vergessen. Wie

ein Feuer durchströmt ihn die Energie, die von dem Kästchen

ausgeht. Es ist lange her, seit er diese Zeichen das letzte Mal hat

funkeln sehen. Vorsichtig streicht er mit dem Zeigefinger über

das Holz. Er kann das leise Knistern hören, das die winzigen Lichtbögen

zwischen Holz und Fingerspitzen erzeugen.

Langsam drückt er beide Daumen fest unter die Kante des

Deckels, hebt ihn an und wirft rasch einen Blick ins Innere. Giftgrünes

Licht bricht daraus hervor. Der Schatten kneift für einen

Moment die geblendeten Augen zusammen und atmet, von neuer

Kraft durchflossen, tief ein. Vorsichtig gleiten seine Finger hinein,

um den Stein herauszunehmen.

Plötzlich krachen mit ohrenbetäubendem Getöse vor der goldenen

Pforte sowie den Fenstern des Kathedralen-Hauptschiffes

massive Metallgitter hinunter.

Eine Falle!

Ruckartig schießt der Schatten herum. Der Eingang ist zu weit

entfernt, um etwas erkennen zu können. Adrenalin durchflutet

seinen Körper, die Muskeln sind angespannt. Hastig lässt er den

Stein zurückgleiten und verbirgt die Schatulle im Inneren des

Umhangs. Mit schnellen Schritten eilt er die Stufen hinab und

verharrt an deren Ende. Jede Fluchtmöglichkeit ist versperrt.

Nervös dreht er sich in alle Richtungen, bis ihn ein fahler Lichtschimmer

über dem Altar emporblicken lässt. Ein kleines Detail,

das ihm zuvor entgangen ist, doch es könnte ihn jetzt retten.

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