2019/37 - Wegbegleiter

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KINDER IN TRAUER

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FOTO: © PATAT/SHUTTERTOCK.COM

Papa weint – Papa habe ich

noch nie weinen sehen.

Er sagt, Mama kommt

nicht mehr nach Hause.

Nicht heute, nicht morgen,

nie mehr. Sie ist tot, sagt Papa.

Jetzt weinen wir beide. Ich weiß

nicht, was „tot“ ist. Wenn Mama nie

mehr bei mir sein wird? Sie fehlt. Ich

bin wütend: Warum kann Papa nicht

machen, dass sie wiederkommt?

Papa kann doch sonst alles. Angst

habe ich auch: Wo ist Mama, was

passiert mit ihr dort, wo sie jetzt ist?

Bin ich schuld, dass sie fort ist?

Den Tod begreifen und durch die

eigene Trauer zurück ins Leben und

zu sich selbst finden – eine Herausforderung

für fast jeden, der einen

nahestehenden Menschen verloren

hat. Schon Erwachsene tun sich im

Umgang mit dieser Erschütterung,

diesem Schock oft schwer. „Kinder

und Jugendliche haben es erfahrungsgemäß

noch schwerer: Sie

trauern anders. Und sie brauchen

Unterstützung dabei, die ihnen im

Alltag nicht einfach so zuteilwird“,

sagt Angelika Bayer. Die diplomierte

Sozialpädagogin leitet seit April

2018 „Lacrima“ – das Zentrum für

trauernde Kinder in der Region Ulm

/ Neu-Ulm und betreut seit vergangenem

Dezember die ersten Trauergruppen

sowie deren ehrenamtliche

Betreuer.

Tod und Trauer sind bei „Lacrima“

nicht tabu, sondern eine Selbstverständlichkeit:

„Sie bekommen bei

uns den Platz im Leben, der ihnen

zusteht“, sagt Bayer. „Denn wer der

Trauer und damit verbundenen Gefühlen

wie zum Beispiel Wut, Angst,

Hilflosigkeit keinen Raum gibt, riskiert,

dass sie in einer späteren Lebensphase

plötzlich wieder hervorbrechen

und abermals mit Schmerz

sowie Leiden den Alltag auf den

Kopf stellen. Die Trauer, eine ursprünglich

natürliche Reaktion,

kann dann umschlagen und krank an

Leib und Seele machen.“

Kindliche Trauer kennt kein Tabu

Kinder und Jugendliche bahnen ihrer

Trauer einen Weg gemäß des individuellen

gedanklichen und gefühlsmäßigen

Entwicklungsstandes.

Sie malen oder basteln, werden

übermannt von Gefühlsausbrüchen,

sodass sie schreien, toben und weinen.

Auch im situativen Spiel verarbeiten

sie Tod und Trauer: „Zum

Beispiel, wenn sie mit unseren Playmobilfiguren

den Krankenhausaufenthalt

der verstorbenen Oma nachstellen.

Die Kinder unserer ersten

Lacrima-Trauergruppe haben Elternteile,

nahestehende Angehörige

oder Bezugspersonen aufgrund einer

schweren Erkrankung oder eines

Suizids verloren; eine Mutter ist

bei der Entbindung ihres dritten

Kindes verstorben.“

In ihrem alltäglichen Umfeld fanden

die sechs- bis neunjährigen Kinder

keinen verständnisvollen Gesprächspartner,

mit dem sie sich hätten

austauschen können. „Die übrigen

Familienmitglieder sind selbst

mit der eigenen Trauer beschäftigt.

Manche sind zudem unsicher, wie

sie die Kinder bei deren Trauerprozess

unterstützen können. Andere

sind schlichtweg überfordert, um

aus eigener Kraft Hilfe anzubieten.“

Gleichaltrigen Freunden, Bekannten

oder Mitschülern, die noch nie mit

einer ähnlichen Situation konfrontiert

waren, fehlt die Erfahrung, wie

sie mit dem trauernden Altersgenossen

umgehen sollen: „Wie, du lachst

über den Witz, den der grade gemacht

hat? Macht man das, wenn

erst neulich dein Vater gestorben

ist? Ich könnte das nicht!“

Papa sagt,

Mama kommt

nicht mehr nach

Hause.

Kinder und Jugendliche haben

sehr feine Antennen und spüren instinktiv,

wie viel eigene Trauer sie

ihrer Umwelt zumuten können:

„Tränen werden unterdrückt, drängende

Fragen an Angehörige zum

Tod des Verstorbenen werden nicht

gestellt. Wie auf Knopfdruck stellen

die jungen Leute den inneren Befindlichkeitsschalter

von traurig auf

fröhlich, nur, um andere nicht unglücklich

zu machen oder zu verletzen.“

Der Schmerz bleibt – der Trost

bleibt aus.

Angelika Bayer selbst „hatte nie

die Tendenz, vor Tod und Trauer

davonzulaufen.“ Als sie die Stellenausschreibung

der Johanniter-Unfall-Hilfe

zum Aufbau des Lacrima-Projektes

in Ulm und Neu-Ulm

las, war sofort klar: „Das will ich unbedingt

machen. Trauerarbeit ist

eine sinnvolle und erfüllende Aufgabe.“

Das Lacrima-Konzept der Johanniter

wurde 2007 von Diakon

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