Berliner Zeitung 14.09.2019

BerlinerVerlagGmbH

Berliner Zeitung · N ummer 214 · 1 4./15. September 2019 3

·························································································································································································································································································

Report

IM OSTEN GEHT DER

SOMMER AUF

Die Sommerserie der Berliner Zeitung,Teil 13

DER KLEINE REISEFÜHRER: SIEHDICHUM

Entfernung von Berlin-Alexanderplatz: 112 Kilometer

Dauer der Anreise mit Bahn und Bus: 2bis 3Stunden

Zahl der Übernachtungsplätze: 250

Einwohnerzahl: 1531

Partei mit dem stärksten Wahlergebnis: AfD

Jahreshöhepunkte im Ort: Erntefest

Wichtigste Sehenswürdigkeit: Naturpark Schlaubetal

Kulinarische Spezialitäten: Schlaubetaler Forelle

Nächste Bademöglichkeit: Der Schervenzsee am Ortsrand oder

der Grube Puck, 2Kilometer entfernt

fündig, Arbeitslose gibt es praktisch nicht, das hat der

Bürgermeister schon vorabamTelefon gesagt. Da steigt

er vomRad, vorm Gemeindehaus in Pohlitz, gegenüber

dem „Backstübchen“, das leer steht. Wolfgang Beitsch,

ein grauhaariger Mann mit kurzärmeligem Karohemd,

führt hinein in einen kleinen Besprechungsraum. Fast

jeder hier hat Arbeit, sagt er,erkennt nur einen Arbeitslosen,

aber bei dem liege es nicht am Stellenmarkt, sondernamAlkohol.

Nächste

Woche

Wellen

Naschhausen

Rom

Herzsprung

Eisdorf

Lederhose

Aalbude

BLZ/GALANTY

Vogelsang

Wüstenhain

Klein Bademeusel

Wetterwitz

Lieberose

Siehdichum

Altliebel/Rietschen

WIRTSCHAFTLICH GEHT ES DEN MENSCHEN also nicht

schlecht. Aber das ändert nichts an dem Gefühl, dass

sie in der großen Politik keine Rolle spielen. DerBürgermeister

sagt das so: „Die Industrie, gerade im Randbereich,

die wird einfach nicht mitgenommen. Und das

gilt für die Menschen genauso.“ Beitsch sagt: Jetzt, wo

in Brandenburg der Kohleausstieg naht, fließe alle Föderung

in die Lausitz. „der Rest guckt in die Röhre.“

Beitsch lebt gerne hier. Inden 80ern hat er ein paar

Jahre inBerlin gewohnt, da gefiel es ihm nicht. „Die

Luft“, sagt er,„die Kinder wurden krank.“

In Siehdichum gibt es keine erhöhten Feinstaubwerte.

Aber seine Kinder leben nicht mehr hier, sonderninHessen,

sie hatten in der Region keine Perspektiven.

„Viele hier wählen die AfD einfach aus Trotz. Weil

die anderen die Interessen der Bevölkerung nicht umsetzen“,

sagt der Bürgermeister.Das Thema Flüchtlinge

spiele eine große Rolle,obwohl es hier keine gibt. Oder

dieWölfe.Fünf Rudel sollen in denWäldernringsum leben.

„Dass die nicht gefährlich sind, das sei mal dahin

gestellt. Aber der Wolf beschäftigt die Leute sehr.“

Kaum einer,der je einen Wolf gesehen hätte,aber eigentlich

geht es um etwas anderes. Beitsch sagt: „Hier

kam mal die Meinung auf:Wenn es nach den Großstädtern

geht, sind die Alten hier alle irgendwann weggestorben,

und dann gibt es hier nur noch Naturpark.“

Eine einsame Landschaft, durch die Wolfsrudel streifen.

So stellen sich manche Städter Brandenburg vor.

Die, die hier leben, wissen das,und sie mögen es nicht.

Natur ist das Einzige,das es in Siehdichum im Übermaß

gibt. Aber gerade die alten, traditionellen Gewerke

auf dem Land haben zu kämpfen. Um zu verstehen,

warum das so ist, hilft es,ein paar Stunden mit Schäfer

Wutzler zu verbringen. Also runter von der Hauptstraße,

den schmalen Pfad herunter zur Schäferei. Aus

dem schmalen Büro neben der Scheune kommt der

Schäfer,sehnige Arme,grauer Bart,Schiebermütze.

Wutzler steigt in sein Auto und steuert inRichung

Oderbruch. Er bewirtschaftet insgesamt 1150 Hektar,

er hält 250 Ziegen und 2000 Schafe.Weil ihm klar war,

dass der karge Boden keine großen Ernten abwirft,

stellte er vor25Jahren auf Öko-Landwirtschaft um.

Das Geld reicht kaum zum Überleben. Dabei erfüllen

seine Schafe eine wichtige Funktion: Auf den Deichen

an der Oder trampeln sie die Erde fest; mit jedem

Schritt tragen sie zum Hochwasserschutz bei. Dafür

gibt es Prämien, ohne die würde sich Wutzlers Betrieb

gar nicht tragen. Wutzler sagt, der Preis für Wolle ist

niedrig. So niedrig, dass er seine Wolle seit drei Jahren

im Lager liegen lässt. DieMühe hat ihn bitter gemacht.

„Die Bevölkerung merkt es erst, wenn es keine Schäfer

mehr gibt“, sagt er.„Dasdauertnicht mehr lange.“

Er stellt den Wagen am Deich ab. Die Herde verteilt

sich zwischen Wiesen und Bäumen, weißes Fell, grünes

Land, Stille, ein friedliches Bild wie für die Imagebroschüren,

die in den Hotelzimmernausliegen. Aber sein

Beruf ist keine Schäferidylle in diesen Tagen, Wutzler

reibt sich auf, an den Umständen, und zunehmend an

den Klimaveränderungen, den trockenen Sommern.

Als er sich der Herde nähert, laufen drei ponygroße

Schutzhunde auf ihn zu, der Schäfer hat sie voreinigen

Jahren angeschafft. Wegen der Wölfe.Wutzler ist bereit,

sich mit ihnen zu arrangieren. Aber die Zahl der Wölfe

nimmt stetig zu. Er sagt: „Solange nichts passiert, geht

alles noch. Aber irgendwann wirdetwas passieren.“

DerSchäfer kann die AfD-Wähler verstehen, „weil so

viel schiefläuft“. Er wählt grün, trotz der Wolfspolitik, der

Klimawandel ist für ihn eine greifbarere Gefahr. Früher

gab es den ganzen Sommer über für seine Schafe saftiges

Gras.Jetzt muss er die Koppelzäune ständig umsetzen.Er

deutet auf eine Stelle in der Nähe, hartes, gelbes Gras,

durch das trockene Erde schimmert, ein Stück Steppe direkt

an der Oder.„Hier sind wir mit den Schafen schon

gewesen. Es wächst einfach nichts nach.“

EIGENTLICH KANN MAN SICH IN SIEHDICHUM kaum

verfahren, die drei Ortsteile liegen aufgereiht an der

Landstraße L37 wie auf einer Perlenkette. Die Straßen

sind sauber, die Vorgärten gepflegt, das Dröhnen der

Stadt ist weit weg. Hier draußen ist kaum etwas zu hören.

Hier ist es schön ruhig, oder? Eine Oase.

Am Morgen um acht öffnet der Laden von Katrin

Schlabe; die Inhaberin steht hinter dem Tresen. Ob sie

gernhier lebt? „Klar.Ich hab’nichts zu meckern.“

Ein Mann tritt zu ihr heran, es ist elf Uhr morgens,

seine Augen sind glasig, er nimmt sich einen Schnaps.

Siekassiertwortlos.Katrin Schlabe war in der DDR Verkäuferin,

nach der Wende eröffnete sie ihren Laden.

Daswar vor27Jahren. Ihre Stammkunden sind jetzt fast

alle gestorben. Diejungen Leute fahren lieber mit dem

Auto nach Müllrose in den Supermarkt. Katrin Schlabe

sagt, der Tag, an dem sie ihren Laden schließen muss,

wirdkommen, das wusste sie immer.Und dann?

„Wenn der Laden nicht da wäre, wäre esauch nicht

so schlimm.“ Der alte Trinker sagt: „Du musst noch so

lange weitermachen, bis ich unter der Erde bin.“ Draußen

am Stehtisch erzählt er, dass er früher im Eisenbahn-Stellwerk

in Müllrose gearbeitet hat. Das ist

längst zu. Zuletzt arbeitete er für den DB-Sicherheitsdienst

am Alexanderplatz, pendelte jeden Taginsgesamt

dreieinhalb Stunden, sowas kann einen zermürben.

„Schade“, sagt er .„Schade um Ostdeutschland.“

DieStraßen sind still, der Ortwirkt wie die Kulisse für

einen Film über das Leben auf dem Land, kurz bevor

die Filmcrew kommt. Die Menschen sind es gewohnt,

sich um sich selbst zu kümmern, weil sie wissen, dass

sich für sie nur etwas verbessert, wenn sie es selbst in

die Hand nehmen. „Was hält das Dorf amLeben? Die

Feste. Das Miteinander“, sagt Michaela Stenzel, „man

muss dranbleiben, sonst kann es leicht einschlafen.“

Sie ist in Schernsdorf aus ihrem Cabrio gestiegen.

Ein alter Mann fährt seinen Trecker vorbei, sie winken

sich zu, fast jeder kennt Stenzel, Justizangestellte,Vize-

Vorsitzende des Bürgervereins; der organisiert Osterfeuer,Erntefeste.Seit

Maiist sieauch noch Ortsvorsteherin.Waswill

sie in der Politik erreichen? Stenzel winkt

ab:„Ich glaube nicht, dass das politisch ist, ich finde,ich

habe das Dorfzuvertreten mit seinen Interessen.“

Aber die Politik fängt eben bei den kleinen Dingen

an. Da ist zum Beispiel die leer stehende Gaststätte neben

der Heimatstube. „Wir wollen sie wiederhaben.“

DieGemeinde könnte sie kaufen, dann hätten die Leute

wieder einen Ort für Familienfeiern, Taufen, Einschulungen.

So etwas fehlt. DerBürgervereinhatte die Idee,

ein Weihnachtsfest zu organisieren, für die Alten, 100

Leute wären es gewesen. Nurwosollen sie feiern? Stenzel

will etwas tun, damit das Leben hier lebenswert ist.

Aber es gibt vieles,was ihr dabei im Wegsteht. „Es dauert

alles so lange“, sagt sie,„sei esnur, dass es um ein

fehlendes Straßenschild geht oder den Wasseranschluss

auf dem Friedhof. Dasfrustriertdie Leute so.“

Ringsum die Landschaft ist in der Eiszeit entstanden;

Eismassenformten Hänge und Täler.Esheißt, ein

Abt habe 1746 ein Jagdhaus bauen lassen, auf der Anhöhe,

wojetzt das Hotel „Forsthaus“ liegt; und wegen

des traumschönen Ausblicks soll er an seine Mönche

die Aufforderung gegeben haben: „Hier sieh dich um.“

Aber was man erkennt, hängt immer von der Perspektive

ab, der Ort ist wie ein Vexierbild: Wüstenei

ohne Netzempfang, grünes Idyll, intaktes Dorfmit Vereinen,

Zivilgesellschaft und Gemeinsinn, wie man es

dreht und wendet, ergibt sich immer ein anderes Bild.

Wenn man JörgKlofski fragt, geht es um touristische

Kennziffern, um die zwölf Arbeitsplätze, die er geschaffen

hat, die steigende Nachfrage nach seinen Zeltplätzenund

Bungalows,esgeht um den Fachkräftemangel.

Klofski stapft an der Rezeption vorbei in sein Büro,

ein Mann mit grauem Igelschnitt und lauter Stimme,er

kommt gerade von einer Tagung des Tourismus-Ausschussess

der IHK Ost, jetzt lässt er sich auf den Stuhl

hinter seinem Schreibtisch fallen und sagt:„Der Tourismus

ist eines der wichtigsten Themen hier.“ 20 000

Übernachtungen verbucht sein Platz im Jahr,„da geht

eine richtige Wertschöpfung durch die Region.“

Vorder Wende war der Platz vonder Gemeinde betrieben,

danach stand er vordem Aus, dann kam Klofski,

ein Bauleiter aus Eisenhüttenstadt und erkannte

das Potenzial. Heuteist Klofski stolz auf das,was er geschaffen

hat, „wir haben aus einem Schrottplatz einen

Viersterne-Platz gemacht.“ Er würde den Platz gerne

weiter ausbauen, ein Restaurant ist geplant, aber er

stößt an Grenzen. Er findet hier in der Region kaum

noch Bewerber. Er wäre darauf angewiesen, dass

Leute vonanderswo kommen können, um auf seinem

Zeltplatz zu arbeiten, kurzgesagt: Zuwanderung. Zum

anderen bedrückt ihn der Aufstieg der AfD, für ihn

hängt beides zusammen.

„Ich kann hier kein rechtes Gedankengut brauchen“,

sagt er. Esgibt ja viele Menschen, die aus dem

Auslandkommen und bei ihm zelten, Franzosen, Italiener,Amerikaner,auchSchwarze,Expats,

die eigentlich

in Berlin leben. Unddie sollen sich hier wohlfühlen.

Klofski denkt zurück. Es gab mal einen Vorfall, irgendwann

in den 90ernkam eine Gruppe Jugendlicher

auf seinen Platz, rasierte Schädel, Taschen voller Alkohol.

„Die haben eine dreimal drei Meter große Pyramide

aus Bierbüchsen gebaut“, ruft Klofski in der Stille

seines Büros. „Dann das Gegröle. Dahab’ ich gesagt:

Jetzt ist Schluss hier.Das ist mein Zuhause. Mein Platz.“

Er rief die Polizei, es kam ein SEK, die räumten die

Nazis.Sie sind bisher nicht zurückgekehrt.

Draußen, rings um den Zeltplatz, dehnen sich die

Wälder aus; leichter Wind geht und schraffiert den

See. Im Sommer ist es richtig voll hier, mit Familien,

kleinen Kindern. Aber die Saison ist vorbei, es sind

nicht viele Leute da, zum Glück. Es istsoschön ruhig.

Gabriela Keller

kommt aus einer Kleinstadt im Ruhrgebiet und kennt

strukturellen Zerfall auch aus dem Westen.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine