Berliner Zeitung 14.09.2019

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4./15.

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2019

2019 5

Eine Stadt – ein Land – viele Meinungen

Eine Stadt −ein Land −viele Meinungen

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Eine Prise frische Luft

von Harald Martenstein

Danke für die Veröffentlichung des

pointierten Artikels von Harald

Martenstein. Beim Lesen dieser

kritischen Analyse war es mir, als

würde ich eine Prise frischer Luft

einatmen. Machen Sie weiter so

mit Ihrer differenzierten Darstellung

der allerdings immer unübersichtlicher

werdenden gesellschaftlichen

Entwicklungen.

Reinhard Kunze

Gendersternchen sind

nur ein erster Schritt

Es ist schon auffällig, dass alle eingestehen,

dass sich Sprache permanent

verändert, aber gerade im

Hinblick auf geschlechterinklusive

Sprache wird dies rigoros abgelehnt.

Ich kann mir das nur so

erklären, dass in einer sich immer

schneller verändernden Welt die

Geschlechterbinarität für viele

wohl wie ein Fels in der Brandung

war, ein Kontinuum, dass unverrückbar

und unveränderbar galt.

Jetzt, mit der Einführung der dritten

Option und dem vermehrten

Sichtbarwerden nichtbinärer

Lebensweisen, scheint für viele

Menschen im wahrsten Sinne des

Wortes eine Welt einzubrechen. Ich

selbst schreibe schon lange mit

Gender-Gap und kann versichern,

dass die Umgewöhnung nicht

schwer ist.

Svetlana Linberg, per E-Mail

Die Elite soll die ungleiche

Bezahlung aufdecken

Sehr geehrter Herr Martenstein, sie

bringen da offensichtlich einiges

durcheinander:Wenn Sie inIhrem

Beitrag das soziale Geschlecht

bemühen, dann bitte auch das biologische.

Das biologische wollen

wir doch nicht verändern, das wäre

doch sehr schade! Der soziale

Unterschied soll eben nicht so bleiben,

wie er in Deutschland immer

noch besteht. Die von Ihnen

beschriebene ALDI-Verkäuferin,

die Kindergärtnerin, die Krankenpflegerin,

die Frauen inden sozialen

und Dienstleistungsberufen

sollen das bekommen, was sie verdienen!

Bei Ihrer Einstellung, sehr

geehrter Herr Martenstein, kann es

tatsächlich noch sehr viele Jahre

dauern, bis in Deutschland gleiche

Chancen für Frauen und Männer

erreicht sind. Warum steigen Sie

ein in eine Debatte, die unter anderem

davon geprägt ist, indie da

„oben“ und „unten“ zu spalten?

Christine Rabe, per E-Mail

Das System „Mann und Frau“

ist nur eine Variante

Wie geht es weiter mit den Geschlechtern? So diskutierten die Leser der Berliner Zeitung diese Frage

Thomas „Tom“ Neuwirth, alias Conchita Wurst, zeigte stolz, dass Männer auch Frauen sein können.

Das Thema „Mann und Frau –die

Beziehung zwischen den Geschlechtern“

ist weiter hochaktuell:

Frauen fordern mehr Zugang

zu den Vorstandsetagen, Männer wollen sich

stärker an der Erziehung der Kinder beteiligen.

Die Gruppe der Menschen, die anders

lieben und leben wollen, hat begonnen,

sich –nach Jahrhunderten der Diskriminierung

–zuwehren. Lesben und Schwule wollen

ihre Lebensentwürfe akzeptiert sehen.

Menschen, die sich keinem der beiden Geschlechter

zugehörig fühlen, wollen frei und

ohne Angst an der Gesellschaft teilhaben.

Die Debatten-Woche startete mit vier Thesen

von Harald Martenstein. Eine davon postulierte,

dass Frauen in Deutschland nie

gleichberechtigt sein werden, weil die vielen

Reden Sie mit!

Argumente und Ideen bitte an

leser-blz@dumont.de;

Stichwort: Meinungsfreiheit

Alle Debatten online unter

berliner-zeitung@de/meinungsfreiheit

Gleichstellungsbeauftragten dies verhindern

werden, um ihre Arbeitsplätzezusichern.Eine

andere sagte, dass nicht der Kampf der Geschlechter

das Problem sei, sondern die sozialen

Unterschiede.

DieJournalistinTeresaBückerstellte infrage,

dass Gleichheit überhaupt erstrebenswert

sei. Sie will „weibliche Freiheit“ verwirklichen

und dieseentsteheimmer nurinAbhängigkeit

vonanderen. Ein feministischer Entwurfstelle

deshalb das Zusammenleben ins Zentrum.

UnserSystem müssesichkomplettändern, damitwir

eine neue Welt bekommen.

Mehr Offenheit für andereEntwürfeforderte

auch die Dragperformer*in Xenia von Uexküll

ein. Sie sieht sich weder als Frau noch als

Mann und denkt, dass unter den 7,6 Milliarden

Menschen weit mehr Varianten bestehen, als

IMAGO/CTK PHOTO

es das Frau-Mann-System ahnen lasse. Am

Ende seienwir alle vorallem eins: Menschen.

Die Frage der rechtlichen Gleichstellung

warf taz-RedakteurJan Feddersenauf.Der homophobe

Paragraf 175 wurde nach der Wende

abgeschafft, die Ehe für alle vor zwei Jahren

eingeführt. Feddersenkritisierte aber,dass viele

Konservative dennoch keinen Frieden mit

der Gleichberechtigung von Lesben und

Schwulen gemacht hätten. Esgebe weiter viel

Arbeit an einer Kultur des Respekts,schrieber.

Zum Abschluss der Woche berichtete die

Lernbegleiterin Monisha Moreau, wie schwer

es ist, für lesbische PaareEltern zu werden. Sie

bot ein neues Konzept an: Eine Frau trägt die

befruchtete Eizelle der anderen aus. In

Deutschland ist so eine Herangehensweise

aber momentan noch verboten. (mec)

und sollte sich dem dann auch mal

zugehörig fühlen.

Heribert Eisenhardt, über Facebook

Kinder sollten nicht

zu sehr geschützt werden

„Divers“ drückt doch schon aus,

dass es vielfältig/unterschiedlich

ist. Irgendwann muss es doch auch

mal gut sein. Ich bin gerne eine

Frau und bin der Meinung, dass

man Kinder nicht zu sehr zuschütten

sollte mit irgendwelchen Vorstellungen.

Sie entwickeln schon

selbst ein Gefühl für ihren Körper

und ihren Platz in der Welt, wenn

man sie lässt.

Christine Kuba

Individuelle

Menschlichkeit ist das Ziel

Nicht die Gleichheit ist das Ziel,

sondern die individuelle Menschlichkeit.

Denn ob sich die Männer

in „dem“ Männerbild wiederfinden,

sollte man auch mal diskutieren.

Zwischen Donald und

Barack ist das eine ganz schöne

Bandbreite.

pesi.waidmannslust, via Twitter

Transsexualität

ist kein Elitenprojekt

Ich bin eine transsexuelle Frau, die

durch ihr Leben geht –was in einer

rückwärts gewandtenWelt und

Stadt nicht einfach ist. Beschimpft

auf dem Wegzum Job. Auch im

Betrieb abgelehnt bis hin zu unerträglichen

Mobbingversuchen. Es

ist mir angeboren, sozusagen in die

Wiege gelegt worden. Das ist wohl

kaum ein Elitenprojekt, das ich

persönlich führe. Ja! Die Namensänderung

ist beschwerlich, aber

notwendig. Dass es im 21.Jahrhundert

anerkannt ist, dass es eine

Vielfalt in Geschlecht und Gender

gibt, scheint bei einigen älteren

Herren nicht angekommen zu sein.

Lorinda Tran

Gender-Sternchen

sind ein Ausweg

Und zur Sprache muss man eigentlich

nicht mehr viel sagen. Es ist

eines der vielen Themen der Genderdebatte

neben den genannten

sozialpolitischen. Mir gefallen die

Sternchen auch nicht besonders,

aber es ist ein Ausweg aus einer

männlich dominierten Sprache,

und vor allem macht es bewusst, in

welcher Form Sprache soziale Konstruktionen

transportiert.

Peter C. Seel

Die Religionen bestimmen

das Zusammenleben

„Es ändert sich alles –und bleibt

doch immer gleich“, diesen Kalenderspruch

eines klugen Mannes

habe ich als für mich stimmend

empfunden. Das Zusammenleben

der Menschen und speziell der

Geschlechter bestimmten früher

und auch noch heute die Religionen

–und solange wir nicht den

klugen Gedanken des Dalai Lama

folgen, „Ethik statt Religion“ laut

einem Büchlein von F.Arlt, wird

sich kaum was ändern im Zusammenleben

der Menschheit.

Renate Quente

Die Träume werden

nicht monopolisiert

Frau Bückers Feminismus deckt

sich mit den Ansichten von Frauen,

die ich kenne und schätze. Auch

bei ihnen finde ich nicht nur die

Unzufriedenheit mit dem gesellschaftlichen

Status quo, sondern

auch ein Unbehagen ander

Geschlechterpolitik. Sympathisch

ist es, dass sie über die Ziele und

Träume spricht, wie eine bessere

Gesellschaft aussehen könnte, und

ich finde es als Mann natürlich

sehr positiv, dass sie diese Träume

nicht für Frauen monopolisiert.

Dennoch möchte ich mir eine

kleine Ergänzung erlauben. Träume

sind zwar wichtig, aber auch nicht

ungefährlich, da sie zu irrealen

Hoffnungen und Erwartungen führen.

Irreale Träume, die nicht verwirklicht

werden können, können

tiefe Enttäuschungen verursachen.

Walter Bühler, per E-Mail

Akzeptanz für Diversität

ist angebracht und nötig

Recht hat Xeniavon Uexküll nur bei

der Forderung, dass kein Mensch

wegen seiner objektiven oder subjektiven

Geschlechtsidentität

benachteiligt werden sollte. Akzeptanz

für Diversität ist angebracht

und nötig, nicht aber das zwanghafte

Leugnen, dass die Unterscheidung

in Mann und Frau in

den meisten, weil über 90 Prozent

der Fälle, Sinn macht. Wegen der

Mehrheitssituation wird sich in der

Sprache auch nie etwas an einer

Geschlechterzuordnung ändern.

Es geht ja nicht nur um Minderheiten-,

sondern auch um Mehrheitsrechte.

Essollte beispielsweise weiterhin

nicht möglich sein, dass ein

Vojeur sich zur Frau erklärt und mit

erigiertem Glied in der Duschkabine

eines Schwimmbads als amtlich

bescheinigte Frau andere

Frauen belästigt. Esist bedauerlich,

aber wegen Missbrauchsgefahr

unumgänglich, dass Transsexuelle

gewisse Hürden zum Geschlechtswechsel

auf sich nehmen müssen.

Thomas Scholz

Homophobie oder Hass

auf Homosexualität?

Homophobie ist weiblich. Der Hass

ist männlich. Vielleicht sollte man

die Dinge endlich wieder beim

Namen nennen und nicht mit diesem

verharmlosenden Kunstwort

versuchen zu umschreiben, für das

es ohnehin keine Übersetzung gibt

und das sachlich falsch ist.

Rolf Dombrowsky

Ich leben jeden Tag

mit Diskriminierungen

Ich bin intersexuell. Ich wurde als

Kind mehrfach operiert, damit aus

mir ein „richtiger Mann“ werden

könne. Das erste Mal nur wenige

Tage nach meiner Geburt. Gefragt

hat man mich nicht. Seit Jahren bin

ich damit beschäftigt, die damals

getroffene Entscheidung zu revidieren,

ich nehme es in Kauf, da

ich nie in die aufgezwungene Rolle

gepasst habe. Ich lebe jeden Tag

mit Diskriminierung, werde auf der

Straße angepöbelt, in Vorstellungsgesprächen

wird mir gesagt, dass

man „sowas“ den Kunden nicht

zumuten könne. Das alles macht

mich traurig, aber so ist die Mehrheitsgesellschaft.

Wütend werde

ich, wenn ich lese, dass sich Ärzte

heutzutage damit rühmen, dass sie

jedes Jahr Säuglinge operativ

zuordnen. Das ist ein klarer Verstoß

gegen das Menschenrecht.

Miriam Katharina Praschl

Wichtig ist die

innere Einstellung

Wichtig ist die innere Einstellung

eines Menschen und nicht die Einhaltung

nerviger Sprachkodexe der

selbsternannten Sprach- und Sittenwächter.

Peter Mahr, über Facebook

Welchen Diskurs

meint Herr Martenstein?

„Der feministische Geschlechterdiskurs“

sei widersprüchlich –welche

Diskurse meint Herr Martenstein?

Die zum Radikalfeminismus,

zum anarchistischen Feminismus,

zum Postfeminismus gehörigen...?

Das Argument der Kompliziertheit

ist nicht neu. Die Forschung

konnte jedoch mit zahlreichen Pro-

Argumenten für gendergerechten

Sprachgebrauch aufwarten und es

finden sich Erfolgsgeschichten

bspw. aus Schweden, wo sich ein

neues Pronomen durchsetzte. Dass

der Verfasser sich zutraut, einzuschätzen,

welche Art von feministischen

Anliegen eine Rentnerin

oder eine Kassiererin umtreiben,

finde ich –als eine, die in queerfeministischen

Projekten und auf

Demos schon mit Frauen von ganz

unterschiedlichen Generationen

und sozialen Hintergründen zu tun

hatte –äußerst gewagt.

Michelle Meta Ebene, über Facebook

Gender-Sternchen

verhunzen die Sprache

Ich gehöre zuden Frauen, die

dem derzeitig üblichen Gendern

sehr kritisch gegenüber stehen.

Der Begriff meinte übrigens früher

etwas ganz anderes. Nämlich:

solche Lebensumstände zu schaffen,

dass alle sich unabhängig von

ihrem Geschlecht, Besonderheiten

usw. gleichberechtigt entwikkeln

können und gleichberechtigt

am sozialen Leben teilhaben können.

Die Gender-Sternchen und

ähnliches lösen diese Probleme

nicht, nur die Sprache wird verhunzt.

Und Studierende sind

etwas anderes als Studenten/Studentinnen.

Birgitt Eltzel, über Facebook

Sich dem gewählten

Geschlecht zugehörig fühlen

Laaaaaaangweilig! Xenia kann sich,

wenn sie intersexuell ist, als

„divers“ bezeichnen. Hat keiner ein

Problem mit. Wenn Xenia transsexuell

ist, gehört Xenia bereits

einem (gewählten) Geschlecht an

Biologische Erkentnisse

werden angezweifelt

Echt verwerflich, wie einfach biologisch

fundierte Erkenntnisse wie

der Fakt, dass es nur zwei

Geschlechter gibt, von unseren

Newcomern angezweifelt werden.

ahmetbks, via Instagram

Das Geschlecht

wechseln wie die Adresse

DasProblem der Millenials ist es,

dass sie Unverbindlichkeit mit Freiheit

verwechseln. Letztendlich

kommt es auf den Charakter an.

UndCharakterstärke kann sich nicht

aus Unverbindlichkeiten entwikkeln.

In der westlichen Welt zeigt

sich leider immer öfters ein theatralisches

„ich weiß nicht“ –ein „ich

habe Angst vorEntscheidungen“.

Welche Ausbildung oder berufliche

Entwicklung? „Ich weiß nicht.“ Eine

vertraute Liebesbeziehung eingehen?

„Bloß nicht, schränkt ein.“ Ich

liebe mich, wie mich die Natur

geschaffen hat? „Wie mich die Natur

geschaffen hat, entscheide ich

selbst.“ Oder doch nicht? Das

Geschlechtwechseln wie die

Adresse? Da bleibt nur nocheine

x-beliebige Nummer ... Aber zum

Glück gibt es noch viele andere–vor

allem junge–Menschen, die wissen,

wersie sind und was sie wollen.

Heike König

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