Berliner Zeitung 16.09.2019

BerlinerVerlagGmbH

6 Berliner Zeitung · N ummer 215 · M ontag, 16. September 2019

·························································································································································································································································································

Wirtschaft

NACHRICHTEN

Bahn erwägt Klagen

gegen Ex-Vorstände

In der Berateraffärebei der Deutschen

Bahn prüft der Staatskonzern

die Möglichkeit, frühereVorstände

zur Kasse zu bitten. Es bestehe ein

potenzieller Regressanspruch, verlautete

am Sonntag aus Aufsichtsratskreisen

des bundeseigenen

Unternehmens.Obdieser geltend

gemacht werde, hänge vomVerlauf

derBeratungenindem Kontrollgremium

ab.Der Bahnaufsichtsrat will

sich an diesem Mittwoch mit den

umstrittenen Beraterverträgen auseinandersetzen.

Beiden Fällen geht

es vorallem darum, dass Ex-Vorstände

vomManagementnach dem

Ausscheiden Beraterverträge bekommen

haben, ohne dass die Zustimmung

des Aufsichtsrats eingeholt

wurde.Dem Vernehmen nach

wurden in elf Fällen Verstöße gegen

das Aktienrecht festgestellt. (dpa)

Audi droht

Zwangsgeld

DasKraftfahrt-Bundesamt (KBA)

hat Audi mit Zwangsgeld gedroht,

sollte der Autobauer bei der Umrüstung

manipulierter Dieselfahrzeuge

Fristen nicht einhalten. Dasbestätigte

das Bundesverkehrsministerium

am Sonntag. Zudem drohen

Audi wegen Abgasmanipulationen

weitereRückrufe für ältereDieselmodelle

mit der Abgasnorm4.Die

Rückrufe durch das KBA vonEuro-

4-Fahrzeugen vonAudi stünden

„unmittelbar bevor“, hieß es.Audi

sieht sich bei der Umrüstung manipulierter

Dieselfahrzeuge im Plan

und wirdnach eigener Aussage die

Fristen einhalten. (dpa)

Brexit: Merck stockt

Arzneilager auf

Sichtkontrollevon Tabletten in derProduktionbei

Merck.

FOTO: ARNE DEDERT/DPA

DerPharmakonzernMerck rüstet

sich für einen ungeordneten EU-

Austritt Großbritanniens.„Wirhaben

unserelokalen Arzneilager für

den Fall eines ungeordneten Brexits

aufgestockt“, sagte Merck-Chef Stefan

Oschmann. ProMonat würden

45 Millionen Packungen Medikamente

aus Großbritannien in die EU

gebracht, 35 Millionen gingen umgekehrtauf

die Insel, erklärte Oschmann.

„Es wärenicht auszudenken,

wenn es zu langwierigen Grenzkontrollen

käme und Patienten wichtige

Medikamente fehlten.“ DasSzenarioeines

ungeordneten Brexits ist

ausOschmannsSicht wahrscheinlicher

geworden. (dpa)

Chemiearbeitgeber

in schwieriger Lage

Vor den Tarifverhandlungen für

rund 73000 Beschäftigte in der baden-württembergischen

Chemieindustrie

haben die Arbeitgeber Forderungen

der Gewerkschaft zurückgewiesen.

DieIndustrie stecke in der

Rezession, Produktion, Umsatz und

Gewinne stürzten ab,und Arbeitsplätzeseien

in Gefahr,erklärte der

Arbeitgeberverband Chemie Baden-

WürttembergamWochenende.Die

Gewerkschaft IG BCE hatte beschlossen,

unter anderem mit der

Forderung nach einem Zukunftskonto

in Höhe vonjährlich

1000 Euro,überdas jeder Beschäftigte

individuell verfügen kann, in

die Verhandlungen zu gehen. (dpa)

Unverheiratet, allein lebend, Stiefkind

Neue Familienmodelle werden in der gesetzlichen Erbfolge nicht bedacht –Vorsorgeist notwendig

Von Theresa Dräbing

Die „klassische“ Familie

–Mann und Frau verheiratet,

gemeinsame Kinder–wirdimmeröfterabgelöst

vonanderen Familienkonstellationen.

Geschiedene Eheleute finden

neue Partner, bringen jeweils

eigene Kinder mit in die zweite Ehe,

Paare leben unverheiratet zusammen

und haben keine leiblichen Kinder,

sondern einen Adoptivsohn oder

eine Adoptivtochter.Das gesetzliche

Erbrecht kennt viele dieser Konstellationen

aber gar nicht.

Wenn sogenannte Patchworkfamilien

also weder ein Testament verfassen

noch einen Erbvertrag abschließen,

werden einige Familienmitglieder

nicht bedacht, hingegen

andereentferntereVerwandte mehr.

Undwenn dann am Ende Verwandte

der Stiefeltern erben und näherstehende

Personen nicht, kann das

schnell zu unnötigen Verwerfungen

führen. Deshalb ist es einerseits

wichtig zu wissen, wer erben würde,

wenn es nach der gesetzlichen Erbfolge

geht, und andererseits,wie man

diese aushebeln kann, wenn man andereVorstellungen

hat.

Gesetzliche Erbfolge

NachdergesetzlichenErbfolgeerben

zunächst der Ehepartner, die Kinder

und anschließend die Enkelkinder.

Nur wenn von den nahen Verwandten

(Ehepartner ausgenommen)

zum Todeszeitpunkt des Erblassers

keiner mehr lebt, geht das Erbe

neben dem Ehepartner an die Eltern,

die Geschwister und unter Umständen

an Nichten und Neffen.

Großeltern, Onkel und Tanten

kommen nur zum Zug, wenn alle anderen

bereits verstorben oder nicht

vorhanden sind. „Wichtig ist zu wissen,

dass der Ehepartner bei einer

kinderlosen Ehe nicht alles erbt“,

sagt Kajo Frings, Notar und Fachanwalt

für Erbrecht in Berlin. „Wenn

keine Kinder da sind, geht ein Teil des

Erbes an die Elternoder die nachstehenden

Verwandten.“ Diese gesetzliche

Erbfolge greift immer dann,

wenn vom Verstorbenen kein Testament

oder Erbvertrag vorliegt.

Die Patchworkfamilie

Wenn Partner aus früheren Beziehungen

Kinder mit in die Ehe bringen,

zusätzlich vielleicht noch gemeinsamen

Nachwuchs haben, handelt

es sich um eine klassische Patchworkfamilie.

Nach der gesetzlichen

Erbfolge werden beim Erbe aber

eben nur die leiblichen Kinder bedacht.

Das bedeutet, dass im Fall

eines Verstorbenen Elternteils die

Kinder des anderen Elternteils leer

ausgehen. Das gilt selbst, wenn die

neuen Partner verheiratet sind.

Das Gesetz macht natürlich auch

dann keinen Unterschied, wenn die

Stiefkinder von klein auf bei dem

neuen Partner des Elternteils leben

und seit jeher wie die eigenen Kinder

angenommen worden sind. „Stiefkinder

haben keinen Pflichtteilsanspruch“,

macht Notar Frings deut-

Testament: Manunterscheidet zwischen Einzeltestamenten

und Gemeinschaftstestamenten.

Einzeltestamente kann jeder für sich

oder mit einem Notar erstellen und auch jederzeit

widerrufen. Das Gemeinschaftstestament

entfaltet auch erst mit dem Toddes

Erstverstorbenen Bindungswirkung.

nen 18 Rotoren aussieht wie eine Mischung

aus Hubschrauber und

Drohne,wirdmit Stromangetrieben,

verursacht also in der Stadt keine Abgaseundistdeutlichleiseralsnormale

Helikopter.Bei demTest am Samstag

drehte der Volocopter gut vier Minuten

lang vor dem Mercedes-Museum

seine Runden –allerdings ohne

Passagiere. Ein Pilot steuerte das

Fluggerät vom Boden aus auf gut

30 Meter Höhe und blieb etwa

100 Meter vor den etwa 12500 Zuschauerninder

Luft stehen.

Deutschlandweit wird anFlugtaxis

gearbeitet: So hat der fünfsitzige

ZWEI VERFÜGUNGSARTEN

Erbvertrag: Im Unterschied zum Testament

entfaltet der Erbvertrag sofortBindungswirkung.Das

bedeutet, der Vertrag kann nicht

ohne beiderseitigeZustimmung geändert

werden. Auch Elternkönnen mit ihren Kinderneinen

solchen Vertrag abschließen. Erbverträgemüssen

notariell beglaubigt werden.

Dem Stau entfliegen

elektrische Lilium-Jet im Mai in

Oberpfaffenhofen seinen Jungfernflug

erfolgreich absolviert. Der Flugzeugbauer

Airbus hatte kurzdavor in

Donauwörth seinen viersitzigen

elektrischen City-Airbus mit vier Rotoren

erstmals in die Luft gebracht.

Forscher der RWTH und der Fachhochschule

Aachen wollen bis 2024

ihr elektrohybrides Kleinflugzeug Silent

Air Taxi in Betrieb nehmen.

Daimler-Chef Källenius hält fliegende

Taxis für eine Lösung der Verkehrsprobleme

in den Städten. Er sei

überzeugt, dass das Stauproblem auf

bestimmten Strecken auf diese Art

GRAFIK: SASCHA JAECK

lich. „Deshalb ist es in solchen Konstellationen

notwendig, dass die Eltern

klare Regelungen treffen –für

beide Varianten: Waspassiert, wenn

der eine Elternteil zuerst verstirbt,

was passiert, wenn der anderezuerst

verstirbt? Daskannman in derRegel

nur sinnvoll über einen Erbvertrag

lösen“, führteraus.Ein Erbvertrag ist

ähnlich dem Testament, aber mit

dem Unterschied, dass ein Testament

zu Lebzeiten noch keine Bindungswirkung

entfaltet, es kann jederzeit

widerrufen werden.

In einem Erbvertrag, aber auch in

einem Testament können Erblasser

sogenannte Vor- und Nacherben

festlegen. Dem Vorerben, beispielsweise

dem Ehegatten, steht dann das

Erbe des Verstorbenen zu, nach dem

Toddes Vorerben wiederum geht der

Nachlass an den Nacherben und

nicht an die gesetzlichen Erben des

Ehepartners.

So kann beispielsweise sichergestellt

werden, dass im Anschluss an

den Ehegatten erst die Stiefkinder

profitieren und nicht die Eltern, Tanten

oder Neffen. „Der Vorerbe darf

den Nachlass zwar nutzen, ihn aber

nicht verschenken oder verkaufen“,

heißt es bei der Notarkammer Berlin.

„Ein Vorerbe darf grundsätzlich keine

Verfügungen treffen, die die Rechte

der Nacherben beeinträchtigen.“

Getrennt oder unverheiratet

Sofern eine frühere Ehe nicht geschiedenwordenist,erbtauchdergetrennt

lebende Ehepartner.Ein neuer

Partner, dann natürlich unverheiratet,

hat keinerlei Ansprüche.Bei einer

Scheidung wird inder Regel ein bestehender

Erbvertrag oder Gemeinschaftstestament

aufgelöst, außer es

ist darin eine Vereinbarung getroffen

worden, dass er auch über eine Scheidung

hinaus Gültigkeit behält.

Eingetragene Lebenspartner

Bei gleichgeschlechtlichen Partnern

müssen ausnahmsweise keine Sonderregelungen

getroffen werden. Sie

sind dem Gesetz nach beim Erbe mit

Ehepartnerngleichgestellt.

Adoptivkinder

Auch adoptierte Kinder zählen voll

und ganz zur Familie.Adoptivkinder

sind demnach beim Erbe den leiblichen

Kindern gleichgestellt. Einen

Sonderfall gibt es bei Adoptionen im

Erwachsenenalter. Dann bleibt das

Adoptivkind mit seinem leiblichen

Vater und seiner leiblichen Mutter

verwandt, ist aber auch erbberechtigt

bei seinen Adoptiveltern.

Keine Verwandtenmehr

Natürlich gibt es gerade unter Älteren

auch Menschen, die zum Zeitpunkt

ihres Todes allein leben und keine

Verwandten mehr haben. Diese vermachen

ihr Erbe automatisch dem

Staat. Es geht an das Bundesland, in

dem der Erblasser zuletzt gewohnt

hat.Sollenesstattdessengemeinnützige

Organisationen sein, ein Pfleger

oder die Nachbarin, die vom Nachlass

profitieren sollen, ist auch dann

ein Testament notwendig.

ZukunftsmusikinStuttgart: Das ersteVolocopter-Flugtaxihebtab–aber noch ohne Passagiere

Von Annika Grah

Baden-Württembergs

MinisterpräsidentWinfriedKretschmann

(Grüne) würde auf jeden Fall einsteigen,

Daimler-Chef OlaKällenius will

damit die Staus in Städten verringern:

Am Samstag flog ein als Flugtaxi

gedachter Ultraleichthubschrauber

des Bruchsaler Start-ups Volocopter

erstmals vorPublikum in einer europäischen

Stadt.

„Natürlich wäredas auch für mich

ein optimales Gerät“, sagte Kretschmann

mit Blick auf seinen Termindruck.

DasFluggerät, das mit sei-

gelöst werden könne, sagte er. Der

Autobauer ist an dem Bruchsaler

Start-upbeteiligt. AuchDaimlerschinesischer

Großaktionär Geely ist bei

Volocopter eingestiegen. Insgesamt

hat Volocopter 85 Millionen Euro von

Investoren eingesammelt.

Wann allerdings tatsächlich Flugtaxis

in deutschen Innenstädten

unterwegs sein werden, ist völlig offen.

Firmenchef Florian Reuter rechnet

damit in den kommenden zwei

bis drei Jahren. DerFlughafen Frankfurtprüft

gemeinsam mit Volocopter,

wie das Verkehrsmittel in den Flughafenbetrieb

integriertwerden kann.

Klimaprotest

mit Fahrrad

und Gesang

Tausende Demonstranten

wollen IAA lahmlegen

Von Isabell Scheuplein

Glänzende Neuwagen in den Messehallen,

Tausende Demonstranten

vor der Tür: Amersten Besucherwochenende

der Internationalen

Automobilausstellung (IAA) prallen

in Frankfurt am Main Weltanschauungen

aufeinander. Während

drinnen Autofans die Neuentwicklungen

vonVW, BMW und Daimler in

Augenschein nehmen, protestieren

vor den Toren amSamstag mindestens

15000 Menschen für mehr Klimaschutz

im Verkehrssektor.AmTag

darauf blockieren Aktivisten stellenweise

Zufahrtswege und Eingänge

der weltgrößten Automesse.

Schon am Morgen waren die

Demonstranten des Bündnisses

„SandimGetriebe“ in der Innenstadt

zusammengekommen. Kurz vor

Messebeginn um 9Uhr lassen sich

mehrereHundertvon ihnenauf den

Stufen vor dem Haupteingang nieder

–und machen ihndamit für Messebesucher

unpassierbar.„Ihrkönnt

auch Fahrrad fahren“ und „Es gibt

keinRecht,einSUVzufahren“singen

die Aktivisten den verdutzten Autofans

vor. „Autokonzerne entmachten“

und „Die Straße ist besetzt –Verkehrswende

jetzt“ steht auf ihren Plakaten.

Auch eine Fahrraddemo formiert

sich und blockiert zwischenzeitlich

einen Verkehrskreisel. Andere

Demonstranten setzen sich auf Straßen,

um die Zufahrt zum Messegelände

zu verhindern. „Ein echter

Wandel hin zu klimafreundlichem

Verkehr ist nur gegen die Profitinteressen

der Autolobby möglich“, erklärt

die Sprecherin des Bündnisses

aus Umwelt- und Klimaschützern.

Unter ihrem Pseudonym Tina Velo

war sie zuvor schon in der ZDF-Sendung

„Mabyrit Illner“ zu Gast.

Sternfahrtmit 18 000 Radfahrern

Für viel Aufmerksamkeit und teils erhebliche

Verkehrsbehinderungen

sorgt am Samstag eine großangelegte

Fahrradsternfahrt, zu der sich nach

Veranstalterangaben 18000 Radler

mit dem Ziel IAA aufmachten, einige

sogar aus dem 200 Kilometer entfernten

Stuttgart. Zwei Autobahnabschnitte

werden für die Radler vorübergehend

gesperrt. Als der aus Osten

kommende, bunte Korso durch

Offenbach rollt, wird ermit lautem

Klingeln begrüßt.

Woher kommt der breite Protest?

Die Forderungen der Demonstranten

nach mehr Radwegen, mehr öffentlichem

Nah- und Fernverkehr

und autofreien Innenstädten seien

an sich nicht neu, sagt der Sprecher

des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs

(ADFC) in Hessen, Torsten

Willner.Doch jetzt seien sie dringlich

geworden. Dieselskandal, verpasste

Klimaziele, die Fridays-for-Future-

Bewegung und die vergangenen zwei

trockenen und heißen Sommer kämen

in der Wahrnehmung der Menschen

zusammen. „Es ist einfach

nicht mehr zu leugnen, dass sich etwas

ändernmuss.“ DerVerkehrssektor

habe bisher nichts zur Reduzierung

des klimaschädlichen CO 2 beigetragen.

(dpa)

Demonstranten fordernein Umdenken in

der Verkehrspolitik. FOTO: THOMAS ROHNKE/EPD

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine