Berliner Zeitung 17.09.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 216 · D ienstag, 17. September 2019 3 *

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Seite 3

Slawas Wahl

VonDneprpetrowsk nach Bat Yam: Als Yaron Lehmann mit seinen Elternnach Israel einwanderte, hieß er noch Slawa.

LAIF/JONAS OPPERSKALSKI

Als Yaron Lehmann aus der Ukraine

nach Israel kam, war er acht Jahre

alt und hieß Slawa. Eigentlich war

sein Name Jaroslaw,aber niemand

nannte ihn so. Slawa ist kürzer, klingt weicher

und passt zu ihm, auch jetzt noch, mit

36, da er seine schwarzenLocken gelt, sich so

einen eckigen Koteletten-Kinn-Bart wachsen

lässt, wie es gerade Mode ist und die Namen

seiner Kinder als Tattoo auf seinem Unterarmträgt,

Elin und Milan.

Er lebt in BatYam, einer 130 000-Einwohner-Stadt

südlich von Tel Aviv, die für ihren

breiten Strand, die perfekte Surfer-Welle und

die russischen Läden bekannt ist. Seine Frau

ist Friseurin. Seine Mutter auch. Sein Vater

arbeitet als Tankwart inJaffa. Gerade leben

sie zusammen bei seinen Eltern, weil Yarons

Eigentumswohnung nicht bezugsfertig ist.

Das liegt an der israelischen Bürokratie, die

ihn fast genauso nervt wie die religiösen Regeln

im Land. Yaron isst nicht koscher, trägt

keine Kippa und geht selten in die Synagoge.

Er kommt aus der Ukraine, seine Muttersprache

ist russisch, seine Staatsbürgerschaft

israelisch.

YaronLehmanns Geschichte ist eine ganz

normale Einwandererbiografie, aber noch

nie schien es so wichtig wie in diesen Tagen,

woher er kommt. Heute, amDienstag, wird

in Israel gewählt, und es sieht so aus, als

könnten russischsprachige Israelis wie er

darüber entscheiden, wie diese Wahl ausgeht,

ob Ministerpräsident Benjamin Netanjahu

weiter das Land regiertoder nicht.

Zustimmung für den säkularen Politiker

Das liegt an einem Mann, der ebenfalls aus

der ehemaligen Sowjetunion kommt: Avigdor

Lieberman, 61 Jahre alt, mit 20 aus der

Moldau-Republik nach Israel eingewandert,

Gründer der Partei Jisrael Beitenu, ehemaliger

Verkehrs-, Verteidigungs- und Außenminister,bisher

vorallem für seine unversöhnliche

Haltung gegenüber arabischen Israelis

und seine Treue zu Premierminister Benjamin

Netanjahu bekannt. Seit ein paar Monaten

aber geht er seinen eigenen Weg. Im November

2018 trat Lieberman als Verteidigungsminister

zurück, weil er Netanjahus

Vorschlag, mit der Hamas Verhandlungen

über eine Waffenruhe im Gazastreifen zu

führen, ablehnte. Der Rücktritt führte zu

Neuwahlen im April 2019 und neuem Streit.

Diesmal ging es nicht um Gaza, sondernum

ein Gesetz zur Wehrpflicht für Ultraorthodoxe.Der

säkulareLieberman war dafür,Netanjahu,

der den Religiösen im Wahlkampf

großzügige Zusagen gemacht hatte, dagegen.

DieMänner konnten sich nicht einigen.

Eine Koalition kam nicht zustande. Wieder

wurden Neuwahlen ausgerufen. Wieder ging

alles vonvorne los.Und doch war auf einmal

alles anders.

Liebermans Umfragewerte schnellten in

die Höhe.Zehn Prozent, doppelt so hoch wie

bei der letzten Wahl! Derehemalige Minister

Sie kamen im Alter zwischen 5und 15 Jahren mit ihren Eltern

aus der ehemaligen Sowjetunion nach Israel –jung genug, um sich

schnell anzupassen und doch alt genug, um die Erinnerung an die alte

Kultur zu bewahren. Sie kennen Ausgrenzung und Ablehnung und gelten

doch als die neue Elite. Jetzt könnten die Stimmen russischer Zuwanderer

bei der Wahl den Ausschlag geben.

VonAnja Reich, TelAviv

hatte mit seiner Politik gegenüber den Ultraorthodoxen

einen Nerv getroffen, vor allem

bei seinen jüngeren Landsleuten wie Yaron.

Es gibt sogar eine soziologische Bezeichnung

für diese Bevölkerungsgruppe, sagt die Soziologin

Lily Galili: Generation 1.5, Israelis,

die im Alter von fünf bis 15 Jahren mit ihren

Familien aus der ehemaligen Sowjetunion

ausgewandert sind, die hier groß wurden,

aber auch noch die Kultur ihrer Heimat in

sich tragen, Sprache, Kleidung, Religion. Sie

glauben weder an Gott, noch an den Messias

und verstehen nicht, warum die Ultraorthodoxen

mit ihren Hüten und Schläfenlocken

in einer modernen Gesellschaft wie Israel so

einen großen Einfluss haben und bestimmen,

dass am Sabbat keine Busse fahren und

werheiraten darfund wernicht.

In Israel gibt es keine standesamtliche

Ehe. Umgetraut zu werden, muss man vor

dem Oberrabbinat beweisen, dass man jüdisch

ist. „Für ehemalige Sowjetbürger ist

das ein Problem“, sagt Lily Galili. Im zweiten

Weltkrieg seien Dokumente vernichtet worden,

in der Sowjetzeit Religion nicht wichtig

gewesen, und dann gebe es noch den Streit

darum, wer Jude ist. In der Sowjetunion

zählte die Identität des Vaters, inIsrael die

der Mutter.„Diese Menschen leben hier, arbeiten

hier, aber wenn sie heiraten wollen,

bekommen sie vom Rabbiner zu hören: Du

bist ja gar nicht richtig jüdisch!“

Lily Galili kommt aus Polen und beschäftigt

sich seit vielen Jahren mit der Geschichte

der sowjetischen Einwanderer in

Israel. In diesen Tagen ist sie schwer zu erreichen.

Noch nie war das Interesse an ihrer

Zielgruppe so groß. Am Telefon erzählt

sie,wie sie in den 90ernins Land strömten,

gut ausgebildete Ingenieure, Ärzte, Lehrer.

Sie brachten ihre Kinder, Geschwister, Eltern,

Großeltern mit, zogen in Orte, wo

schon andere Russen lebten, besuchten

Sprachkurse, nahmen Hilfsjobs an. In

kaum einem anderen Land trifft man so

viele hochgebildete Toilettenfrauen, Kartenabreißerinnen

und Museumswärter

wie in Israel, Einwanderer, die seit 30 Jahren

hier leben, aber nie wirklich angekommen

sind. „Russen“ werden sie in Israel genannt,

auch wenn sie Ukrainer oder Armenier

sind. Es klingt abfällig und ist wohl

auch so gemeint. Israel ist ein Einwanderungsland,

in das ständig neue Juden aus

aller Welt ziehen. Die Konkurrenz zwischen

ihnen ist groß, und mit jeder neuen

Gruppe verändern sich die Hierarchien,

rücken die einen auf und geben die Diskriminierungen,

die sie selbst erfahren haben,

an andereweiter.

„Diese Menschen leben

hier, arbeiten hier, aber

wenn sie heiraten

wollen, bekommen sie

vom Rabbiner zu hören:

Du bist ja gar nicht

richtig jüdisch!“

Die Soziologin Lily Galili

über die Probleme der aus Russland

zugewanderten Israelis

Yarons Familie konnte ihre jüdische Herkunft

problemlos nachweisen, leicht war der

Neuanfang trotzdem nicht. Seine Mutter

fand Arbeit in einer Taschenfabrik, bevor sie

ihren Friseursalon eröffnete. Sein Vater, Automechaniker

von Beruf, putzte Windschutzscheiben

an einer Tankstelle, bis

heute arbeitet er dort. „SchwereArbeit“, sagt

Yaron, „vor allem im Sommer, wenn es heiß

ist.“ An Ruhestand ist nicht zu denken, seine

Eltern sind erst Ende 50 und müssen noch

die Großeltern versorgen, deren sowjetische

Arbeitsjahre inIsrael nicht anerkannt werden.

Seine Eltern, erzählt er, sagen manchmal,

dass es hier in Israel zwar schön sei, aber

früher, inder Ukraine, sei es leichter gewesen.

Manhabe sich nicht immer Sorgen ums

Geld machen müssen.

Er sitzt im„Golda“, einer Eisdiele in Bat

Yam. Es ist einer der letzten Sommerabende

dieses Jahres,vom Meer weht eine Brise,der

Sonnenuntergang ist ein Traum, am Strand

spielen Männer Fußball. Yarons Tochter,

Elin, 12 Jahre alt, sitzt neben ihrem Vater,

schleckt Caramel-Fudge-Eis in der Waffel

und tippt auf ihrem Handy. Yaron sagt, er

habe nicht viele Erinnerungen an seine

Kindheit in Dneprpetrowsk. 1990 sind sie

nach Israel gekommen, 29 Jahre ist das her,

eine Ewigkeit. Alles war neu, die Stadt, die

Wohnung, die Sprache, der Name. Inder

Schule wurde er gehänselt, alle kannten

sich, alle sprachen Hebräisch, nur er nicht.

Zu seinen klarsten Erinnerungen zählt die

Begegnung mit einem Mädchen, das für ihn

übersetzte. Erhat ihren Namen vergessen,

aber nicht das Gefühl, nicht mehr so alleine

zu sein.

Er kämpfte sich durch.Vonseinem ukrainischen

Urgroßvater, einem Gebissmacher,

hatte er gelernt, wenn man gute Noten

habe, werde man Arzt, wenn nicht, sei ein

Handwerk das Beste. Erwurde Zahntechniker

wie der Urgroßvater. Das Gute war:

Zahntechniker wurden auch beim Militär

gebraucht, so kam er bei der Armee um den

Dienst an der Waffe vorbei. Nur seine Frau

habe einen noch besseren Armee-Job gehabt,

sagt Yaron. „Sie schnitt Soldaten die

Haare.“

Seine Frau ist Ukrainerin wie er, kam mit

15 nach Israel, war 20, als sie ihn heiratete,

vier Jahre jünger als er. Seine israelischen

Freunde fuhren nach dem Militär nach Indien,

er bestellte sein Aufgebot beim Rabbiner.„WirRussen

heiraten früh“, sagt er,„und

bekommen früh Kinder.“ Für ihn ist das kein

Makel, sondern eine Besonderheit, und

„Russe“ kein Schimpfwort, eher eine Bezeichnung

für eine Generation, die anders ist

als andere, europäischer,gebildeter,zielstrebiger,

auch politisch weiter rechts stehend.

Zum Konflikt mit den Palästinensern hat er

die gleiche harte Meinung wie Lieberman,

der am liebsten sofort einen neuen Krieg im

Gazastreifen anfangen würde: „Wir haben

ihnen so viele Friedensangebote gemacht“,

sagt Yaron, „und was bekommen wir als

Dank? Raketen!“

Lily Galili sagt, die Generation 1.5 sei die

neue Elite im Land, und löse die in die Jahre

gekommenen liberalen aschkenasischen Juden,

die für eine Zwei-Staaten-Lösung

kämpften, ab. Avigdor Lieberman habe das

erkannt. Und nicht nur er. Russen sind die

neue Zielgruppe in der israelischen Politik.

Netanjahu stellte einen russischen Berater

ein, versprach der russischsprachigen Bevölkerung

15 Millionen Schekel aus Haushaltsmitteln,

reiste in alle russischen Enklaven

des Landes,trafden neuen ukrainischen Ministerpräsidenten

und zum Schluss auch

noch Wladimir Putin.

Keine Koalition mit den Ultrareligiösen

Benny Gantz vonBlau-Weiß hätte den Trend

fast verschlafen. Aber wenige Tage vor Öffnung

der Wahllokale fiel ihm doch noch was

ein: Im Falle eines Wahlsieges,verkündete er,

auf keinen Fall mit einer der ultrareligiösen

Parteien koalieren zu wollen. Es war ein

Wahlspruch, aber auch ein historischer Moment:

Noch nie in der Geschichte des Landes

hatte eine große Partei religiösen Wählernso

eine klareAbsage erteilt.

Das israelisch-russische Manöver hat

Gantz anderthalb Prozent mehr in den Umfragen

gebracht. Er liegt derzeit mit 32 Sitzengleichauf

mit Netanjahu. Es wirdwieder

knapp werden, verdammt knapp. Lieberman

kann mit seinen 9,5 Prozent entscheidend

sein. „Königsmacher“ wird erinIsrael

genannt.

YaronLehmann sagt, alle in seiner Familie

würden Lieberman wählen, seine Mutter,

seine Frau, vielleicht sogar sein Vater,

der bisher immer für Netanjahu stimmte.

Seine Tochter schaut vom Handy auf und

erzählt, dass sie heute im Unterricht auch

über die Wahlen gesprochen hätten. Jedem

sei eine Partei zugeteilt bekommen, zu

Hause sollen sie sich mit den Zielen vertraut

machen und Argumente finden, wie richtige

Politiker.

Yaron fragt, welche Partei sie sei. Schas,

sagt sie.Schas?, fragt Yaron. DieUltraorthodoxe

Partei, deren Führer korrupt sein soll!

Deren Anhänger sich vor dem Militär drücken

und keine Steuern zahlen, die immer

mehr Kinder und Einfluss bekommen! Ausgerechnet!

Elin nickt und schaut schon wieder

aufs Handy.Sie ist 12, eine neue Generation.

Die Hausaufgaben wird sie später machen.

Anja Reich

wird in Israel manchmal selbst gefragt,

ob sie Russin sei.

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