Berliner Zeitung 17.09.2019

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4* Berliner Zeitung · N ummer 216 · D ienstag, 17. September 2019

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Politik

NACHRICHTEN

Innenminister fordernVerbot

von Combat 18

DieInnenminister vonNiedersachsen,

Thüringen und Hessen fordern

ein Verbot der rechtsextremistischen

Gruppe Combat 18.„Wenn wir Combat

18 verfassungsfest verbieten

können, sollten wir das so schnell

wie möglich tun“, sagte Niedersachsens

Innenminister BorisPistorius

(SPD) der tageszeitung. EinSprecher

des Bundesinnenministeriums sagte

der taz, zu Verbotsüberlegungen äußeresich

das Ministerium grundsätzlich

nicht. Combat 18 sei aber

eine „neonazistische,rassistische,

fremdenfeindliche,demokratiefeindliche

und gewaltbereite Gruppierung“.

DieGruppierung Combat

18 gilt als bewaffneter Armdes bereits

seit dem Jahr 2000 in Deutschland

verbotenen rechtsextremistischen

Netzwerks Blood &Honour.

Derzeit wirdgeprüft, in welcher Beziehung

Stephan E., der mutmaßliche

Mörder des Kasseler Regierungspräsidenten

Walter Lübcke,zuCombat

18 stand. (AFP)

Immer mehr

Einser-Abiturienten

DerAnteil der Einser-Abiturienten

ist bundesweit in den vergangenen

zehn Jahren deutlich gestiegen.

Hatte 2008 noch jeder fünfte Schulabsolvent

eine Abschlussnote mit einer

Eins vordem Komma, war es

2018 bereits mehr als jeder vierte:

Dies ist das Ergebnis einer Umfrage

der in Düsseldorferscheinenden

Rheinischen Post. In 15 der 16 Länder

stieg der Anteil der Einser-Abiturienten

im Verlauf der vergangenen

zehn Jahre. Spitzenreiter ist Thüringen

mit fast 38 Prozent. Berlin liegt

mit 26,4 Prozent in der Mitte. (AFP)

Johnson ohne Erfolg bei

Juncker

Jean-Claude Juncker begrüßt Boris Johnson.

Im Gepäck hatte der Brite nichts. AP

EinBrexit-Treffen des britischen

Premierministers BorisJohnson mit

EU-Kommissionschef Jean-Claude

Juncker hat am Montag keine greifbaren

Ergebnisse gebracht. Juncker

wiederholte anschließend, es sei an

Großbritannien, umsetzbareund

mit dem Austrittsabkommen vereinbareVorschläge

zu unterbreiten.

„Solche Vorschläge sind noch nicht

gemacht worden“, betonte Juncker.

Johnson gab bekannt, man sei sich

einig, die Gespräche zu intensivierenund

demnächst jeden Tagzu

führen. DerPremier will bis zum

EU-Gipfel am 17. Oktober Änderungen

am bereits fertigen EU-Austrittsabkommen

durchsetzen, was

die EU bislang ablehnt. Sollte keine

Einigung gelingen, droht Johnson

mit einem ungeregelten Brexit am

31. Oktober. (dpa)

UN: Den Rohingya droht in

Myanmar Völkermord

Den600 000 in Myanmar verbliebenen

Rohingya droht nach UN-Angaben

weiterhin systematische Verfolgung

und sogar Genozid. „Myanmar

scheitertanseiner Pflicht, einen Völkermordzuverhindern,

den Völkermordzuuntersuchen

und wirksame

Gesetzeeinzuführen, die Völkermordunter

Strafe stellen“, sagte ein

UN-Menschenrechtsexperte am

Montag. (dpa)

„Wir werden fremdgefüttert“

Starköchin Sarah Wiener über ihren Kampf für gesundes Essen und ihre Arbeit als EU-Abgeordnete

Ihr Abgeordnetenbüro inBrüssel

ist noch nicht eingerichtet,

Sarah Wiener lebt zwischen

Kisten. Die Starköchin, die unter

anderem ein Restaurant in Berlin

und einen Biobauernhof in der

Uckermarkbetreibt, ist nach der Europawahl

im Mai für die österreichischen

Grünen ins Europaparlament

eingezogen. Im Interview spricht sie

engagiert darüber, dass wir für die

Massenproduktion vonFleisch letztlich

alle draufzahlen. Ganz nebenbei

knabbertsie Nüsse.

Frau Wiener, wann haben Sie zum

letzten MalRindfleisch gegessen?

Das ist tatsächlich schon eine

Weile her.

Erinnern Sie sich noch, woher das

Rindfleisch stammte?

Ich esse meist Rindfleisch von

meinem eigenen Hof. Da bin ich natürlich

in einer glücklichen Lage.Wir

haben Kühe auf der Weide, eine eigene

Schlachterei und Fleischerei.

Ichkann also meinen Lebensmitteln

gewissermaßen in die Augen

schauen.

Haben Sie schon einmal Rindfleisch

aus Brasilien gegessen?

Ja. Als Köchin habe ich in den

letzten 30 Jahren alles Mögliche aus

sehr vielen Ländern gegessen. Auch

südamerikanisches Rindfleisch.

Und?

Nun ja. Früher war Rindfleisch

einfach nur Rindfleisch, und Rindfleisch

aus Brasilien war etwas Besonderes.

Das hat sich grundlegend

verändert. Wir leben in Zeiten der

Billigmassenproduktion. Heute wissen

wir sogar in den meisten Fällen

gar nicht mehr, was wir essen und

was da auf dem Etikett steht. „Modifizierte

Stärke, Phosphorsäure,

Würze,E-Nummern, Trockenhuhn“:

Wer weiß denn, was das ist? Aber

auch dort, wo wir etwas schon tellerfertig

serviertbekommen, haben wir

keine Ahnung, wer dawas wo wie

produziert hat. Auch in öffentlichen

Kantinen sieht es nicht anders aus.

Wer den Zuschlag für die Kost in

Krankenhäusern, Schulen, Mensen

bekommen will, der muss wegen der

Konkurrenz billig anbieten. Undbilliges

Zeug ist das Gegenteil von

preis-werten Lebensmitteln. Wenn

das Billigste immer gewinnt, dann

muss man nicht mehr über Qualität

reden.

Wielässt sich das verändern?

In Anbetracht unserer zahlreichen

Probleme brauchen wir mutige

Denker und Denkerinnen und neue

Lösungsansätze. In den Industrienationen

verlieren wir das individuelle

Ess-Erlebnis und die Souveränität

über unseren Körper. Wir werden

fremdgefüttert. Und das auf der Basis

des kleinsten gemeinsamen Nenners,was

Geschmack, Aussehen und

Auswahl betrifft. Die Nahrungsmittelindustrie

will Rendite machen

und denkt dabei weder an die Biodiversität

noch an unsere Gesundheit.

DieEUetwa steckt viel Geld in dieses

falsche Landwirtschaftssystem, damit

es konkurrenzfähig bleibt.

Wiebeeinflusst das IhreArbeit?

Das größte Problem für mich als

Köchin ist heute,dass wir nicht mehr

wissen, was wir essen und wie wichtig

die Vielfalt und guter, unverfälschter

Geschmack als Indikator für die Mittel

zum gesunden und guten Leben

sind. Wirverlieren die Verbindung zu

unserem Körper und zur Natur. Das

macht nicht nur uns krank, sondern

belastet das Wasser, den Boden, andere

Völker, Tiere und auch das

Klima. Wenn am Amazonas die Regenwälder

brennen, dann ist ein

Grund dafür auch, dass wir immer

billigere Lebensmittel erwarten und

befördern. DenPreis zahlen anderein

Form von Landvertreibung, Tierleid,

Emissionen, Müll und Krankheiten.

Populisten wie der brasilianische

Präsident Jair Bolsonaroleugnen diesen

Zusammenhang. Waskann man

da machen?

Es gibt natürlich einige politische

Werkzeuge. Aber: Wir alle müssen

immer wieder standhaft die Wahrheit

sagen, aufklären und hoffen,

dass sich die Vernunft durchsetzt.

Wirsind doch die Wirtschaft und wir

sind die Politik. Wir haben nicht

noch einmal 100 Jahre Zeit, um unsere

zahlreichen Probleme zu lösen.

Es sind nur wenige Jahre. Es wäre

besser,wenn wir klug und entschlossen

handeln als zu jammernund uns

die Augen zuzuhalten. Wir alle werden

Veränderungen erleben, die uns

ZUR PERSON

IMAGO IMAGES/JENS JESKE

SarahWiener kam 1962 in Halle,Westfalen, zurWelt, alsTochter des österreichischen Schriftstellers,

Kybernetikers und Gastwirts OswaldWiener und der deutschen Künstlerin Lore Heuermann.

Sie wuchs in Wien auf und verließ mit 17 die Schule. Seit Mitte der 80er-Jahre lebt sie

in Berlin, kellnerte im „Axbax“ in der Leibnizstraße und arbeitete als Küchenhilfe im „Exil“ am

Paul-Lincke-Ufer,das ihrem Vater gehörte. Sie machte sich 1994 mit einem umgebauten Küchenwagen

der NVAselbstständig als Film-Caterer.

1999 eröffnete sie ihr erstes Restaurant. Seit 2015 bewirtschaftet sie auf Gut Kerkow in der

Uckermark einen Biobauernhof, sie führtein Restaurant in Berlin mit ausschließlich regionalen

Zutaten, eine Bio-Holzofenbäckerei sowie einen Event-Catering-Service.

2004 wurde sie bundesweit durch die Doku-Soap „Abenteuer 1900 –Leben im Gutshaus“

bekannt. Danach war sie jahrelang Stammgast in „Kochen bei Kerner“ und „Lanz kocht“. Seit

2007 ist sie, in wechselnden Formaten, die Hausköchin bei Arte.

Sarah Wiener engagiertsich für artgerechte Tierzucht und biologische Vielfalt und in der „Sarah

Wiener Stiftung -Für gesunde Kinder und was Vernünftiges zu essen“. Für die österreichischen

Grünen zog sie ins Europaparlament ein.

einschränken und verletzlich machen.

Die Hütte brennt lichterloh,

und es wirdjedes Jahr schlimmer.Es

ist an uns,den Brand zu löschen.

Bolsonaro hat eine simple Herangehensweise.

Er denkt in wirtschaftlichen

Kategorien: Weniger Wald gibt

mehr Anbaufläche für Soja und Weidefläche

für Rinder,mehr Rinder steigern

den Export, mehr Exportist gut,

weil dann die Kasse stimmt.

Da will ich vehement widersprechen.

Die Kasse stimmt eben nicht.

Die Massenproduktion von Fleisch

ist so teuer,dass wir sie uns schlichtweg

nicht mehr leisten können. Wir

vernichten Ressourcen, die wir zum

Überleben brauchen. Diese Produktionsmethode

bedient nur die Gier

einiger weniger Konzerne. Dass dabei

mit dem Amazonas der Sauerstofflieferant

der Welt kaputt geht,

interessiert diese Konzerne überhaupt

nicht. Der Regenwald am

Amazonas verlangsamt den Klimawandel,

ist aber auch eines der größten

und vielfältigsten Ökosysteme

derWelt.Wirbrauchen mehr Bäume,

mehr Natur. Dann geht es uns allen

besser: körperlich und geistig. So

simpel ist die Sache in Wahrheit.

Seit ein paar Monaten sind Sie nicht

mehr nur Köchin, sondern als Europaabgeordnete

auch Politikerin. Was

denken Sie über das Freihandelsabkommen,

dass die EU mit dem südamerikanischen

Staatenverbund

Mercosur geschlossen hat, dem auch

Brasilien angehört?

Dazu will ich erst einmal grundsätzlich

sagen: Ein Freihandelsabkommen

zwischen zwei Staatengruppen

ist für mich doch kein Freihandelsabkommen,

wenn davon die

große Mehrheit aller Staaten auf der

Welt ausgeschlossen wird. Es geht

darum, dass die EU als einer der

größten Wirtschaftsräume neue Absatzmärkte

für seine Produkte bekommt.

Es ist offenbar völlig egal,

dass dabei die Umwelt zerstört und

Existenzen vernichtet werden. Es ist

genug für alle da, aber nicht für jedermanns

Gier. Wenn wir billiges

Rindfleisch aus Brasilien nach Europa

einführen, dann werden bei

uns noch mehr (klein)bäuerliche

Strukturen vernichtet. Europa hat

bei Gott keinen Mangel an Fleischproteinen,

im Gegenteil. Wir haben

ein Gülleproblem, ein Nitratproblem

im Wasser, ein Pestizidproblem,

ein Tierschutzproblem.

Sollte die EU das Mercosur-Abkommen

aufgeben?

Natürlich sollte die EU das Mercosur-Abkommen

aufgeben. Wenn

wir wirklich Wert auf die Ökologie,

das Klima und die soziale Frage legen

wollen, dann müssen wir das

tun.

Unddann?

Dann fördern wir unsere eigenen

unterschiedlichen Regionen, das

Handwerk, die Bauern, die Produzenten.

Dann essen wir wieder Lebensmittel

und nicht nur Nahrungsmittel.

Ichdenke an dasVier-Augen-,

maximal Sechs-Augen-Prinzip in dezentralen

Ernährungssystemen, also

vom Bauern direkt zur Köchin oder

von der Bäuerin über einen Zwischenhändler

zum Essenden. Dasist

transparent. Das lässt sich kontrollieren.

Das funktioniert und ist zukunftsweisend

und nachhaltig.

Klingt gut, aber ein Problem bleibt: Regionales

Biofleisch ist teurer als konventionelles.

Was machen die Leute,

die sich das nicht leisten können?

Ein ökologisches und zudem fulminantes

Tierschutz-Desaster löst

man nicht mit dem Ausspielen gegen

die soziale Frage. Zudem: Ein

Kilo Gemüse ist oft teurer als ein Kilo

Billigfleisch. Wenn Menschen in einem

der reichsten Länder der Welt

kein Geld haben, um sich gesund

und vielfältig zu ernähren, dann ist

daran sicher nicht der Biobauer

schuld und auch nicht dieWeidekuh.

Dann stimmt etwas grundlegend

nicht am Wirtschaftssystem. Außerdem,

seien wir mal ehrlich: Fleisch

aus Massentierhaltung hat nichts,

aber auch gar nichts mit Genuss und

Gesundheit zu tun. Es macht vielleicht

satt, aber nicht glücklich. Ab

und an köstlich zubereitetes Gemüse

und Getreide zu essen, das ist

ganz sicher befriedigender und

macht glücklicher als jeden Tageinen

Lappen Fleisch zu essen, von

dem wir nichts,aber auch gar nichts

wissen.

DasGespräch führte

Damir Fras.

Auf dem Land

wird das Leben

teurer

Wasdie Klima-Pläne der

Koalition bedeuten

VonTim Szent-Ivanyi und Daniela Vates

AmFreitag will die Bundesregierung

ihr Klimakonzept beschließen.

Einig sind sich SPD und Union

darüber, dass fossile Brennstoffe –

Benzin, Diesel, Gas, Heizöl –höher

besteuert werden. Umstritten ist die

Methode: DieUnion will den Handel

mit CO 2 -Verschmutzungsrechten auf

die Wärme und Verkehr ausweiten,

die SPD strebt eine Steuer auf den

CO 2 -Ausstoß an. Letzteres ist wahrscheinlich

vom Tisch. Auf alle Fälle

werden Inlandsflüge teurer, Bahnfahrten

billiger.

Diese Auswirkungen haben die

angedachten Klimamaßnahmen für

verschiedene Bevölkerungsgruppen:

Geringes bis mittleres Einkommen auf

dem Land: Höhere Treibstoffpreise

und Heizkosten schlagen voll durch.

Eine Anhebung der Pendlerpauschale

und preiswertere Bahntickets

federn das nur teilweise ab. Die Förderung

für die energetische Sanierung

des Eigenheims kann im Zweifel

nicht genutzt werden, weil dafür erhebliche

Eigenmittel nötig sind. So

kostet eine moderne Gasheizung um

die 5000 Euro, die Wärmedämmung

schlägt mit 20 000 Euro zu Buche.Fazit:

Deutliche Mehrbelastung

Am Freitag soll das Bundeskabinett die

Klimastrategie beschließen.

DPA

Hohes Einkommen auf dem Land: HöhereTreibstoffpreise,Heizkosten

und

Kfz-Steuernfür leistungsstarke Autos

belasten das Budget. Doch es fällt

eher leicht, die Mehrkosten zu vermeiden:

Der SUV wird gegen ein E-

Auto ausgetauscht, das Eigenheim

wärmetechnisch saniert. Am Ende

sinken die Energiekosten gegen null.

Zudem gibt es eine höhere Pendlerpauschale

und andereSteuervorteile.

Dass Flugreisen teurer werden, ist da

zu verschmerzen. Fazit: Entlastung

Geringes und mittleres Einkommen in

der Stadt: Treibstoffpreise und Heizkosten

spielen in einer Stadt nicht so

eine große Rolle. Die Belastung

könnte sogar sinken. DieSPD will erreichen,

dass die energetische Sanierung

im sozialenWohnungsbau stärker

gefördertwird. Im Gegenzug sollen

die Sanierungskosten aber nicht

auf die Miete umgelegt werden dürfen.

Zudem fordert die SPD für den

Nahverkehr ein 365-Euro-Jahresticket.

Wird nicht oft geflogen, wirken

sich höhereAbgaben nicht starkaus.

Fazit: Kaum Änderung

Hohes Einkommen in der Stadt: Steigende

Energiepreise können durch

Investitionen (Wärmedämmung in

der Eigentumswohnung, moderne

Heizung, E-Auto) ausgeglichen werden.

Gleichzeitig sinken ÖPNV- und

Bahnpreise. Die Belastung durch

Flugreisen fällt kaum ins Gewicht.

Fazit: Deutliche Entlastung

Schlussfolgerung: Für Geringverdiener

auf dem flachen Land reicht es

nicht, wenn der Staat höhere Energiesteuern

durch die Förderung von

Sanierungen ausgleichen will. Notwendig

ist – wie im SPD-Konzept

vorgesehen – eine „Klimaprämie“,

also eine direkte Zahlung vonGeld.

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