Berliner Zeitung 17.09.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 216 · D ienstag, 17. September 2019 7

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Wirtschaft

China bangt

um sein

Wachstum

Premier Li: Ziele sind

schwer einzuhalten

Von Andreas Landwehr und Bernd Zeberl

Der Handelskrieg mit den USA

macht es China schwer, seine

ursprünglichen Wachstumsziele einzuhalten.„Esisteineziemlichschwere

Aufgabe für eine so große Volkswirtschaft

wie China, schnelle

Wachstumsraten vonmehrals 6Prozent

vordem Hintergrund der ungewissen

internationalen Situation zu

wahren“, sagte Premier Li Keqiang

vor einem am Montag beginnenden

Besuch in Russland der russischen

Nachrichtenagentur Tass.

Peking plant für dieses Jahr ein

Wachstum von 6bis 6,5 Prozent. Im

zweiten Quartal fiel das Wachstum

der zweitgrößten Volkswirtschaft

aber schon auf 6,2 Prozent –sowenig

wie seit fast drei Jahrzehnten nicht

mehr. Der Abwärtsdruck nimmt

noch zu. Neue Wirtschaftsdaten, die

das Statistikamt am Montag veröffentlichte,

zeigen eine unerwartet

schwache Entwicklung in der Industrieproduktion,

dem Einzelhandelsumsatz

und den Investitionen in

Sachanlagen.

Im August legte die Industrieproduktion

im Vergleich zum Vorjahreszeitraum

nur um 4,4 Prozent zu und

damit noch weniger als im Juli. Da

war bereits die geringste Wachstumsrate

seit Anfang des vergangenen

Jahrzehnts erreicht. Experten

hatten damit gerechnet, dass die Produktion

wieder anzieht. Auch der

Umsatz im Einzelhandel schwächte

sich überraschend ab. Erzog im August

um 7,5 (Juli: 7,6) Prozent an.

Auch die Investitionen in Sachanlagen

enttäuschten. Sielegten bis Ende

August um 5,5 Prozent zu.

„Langer Marsch“ im Zollkonflikt

Trotz der Entwicklung gab sich Chinas

Premier aber optimistisch und

pries die „große Widerstandsfähigkeit,

das Potenzial und die Möglichkeiten“

der chinesischen Wirtschaft.

Mit Blick auf die ersten acht Monate

des Jahres insgesamt sprach Li Keqiang

von einer „reibungslosen und

nachhaltigen Entwicklung“. Wichtige

Wirtschaftsdaten lägen innerhalb

der Erwartungen.

Allerdings gehen Experten davon

aus,dass die Notenbank und die Regierung

bald zu Maßnahmen greifen

werden, um die Wirtschaft zu beleben.

Auch der Anstieg der Ölpreise

nach den Angriffen auf die Ölanlagen

in Saudi-Arabien, einem wichtigen

Öllieferanten Chinas,lässt den Druck

steigen.

Experten erwarten aber eine eher

gemäßigte Unterstützung der Wirtschaft.

Da sich die chinesische Regierung

angesichts der Unberechenbarkeit

vonUS-Präsident Donald Trump

im Handelskonflikt auf einen „langen

Marsch“ einstellt, könnten die

Verantwortlichen vorsichtig sein,

ihre Munition zu früh zu verschießen.

„Was den politischen Spielraum

angeht, glauben wir,dass sowohl die

Zentralbank als auch das FinanzministeriumvielPlatzhaben“,sagteHelen

Qiao,China-Expertin der Bank of

America Merrill Lynch, bei Bloomberg-TV.

„Aberdie Frage ist, ob sie ihn

nutzen wollen.“ (dpa)

Voreiner „schweren Aufgabe“: Chinas

Premier Li Keqiang. FOTO: ANDREA VERDELLI/AP

„Die Datenmenge wächst exorbitant“

Google-Managerin AnnetteMaier ist überzeugt, dass es ohne Cloud-Dienste gar nicht mehr geht

Die Cloud bestimmt unser

digitales Leben. Wermit

Mietmodellen für Software,

Speicherplatz und

Rechenleistung, die online zur Verfügung

gestellt werden, Geld verdienen

will, muss über gigantische Serverkapazitäten

verfügen. Für Annette

Maier, Deutschland-Chefin von

Google Cloud, ist deshalb klar, dass

sich in diesem Geschäft nur die ganz

Großen durchsetzen können.

Frau Maier,woist eigentlich die ominöse

Daten-Cloud? Überall und nirgends?

Wenn Sie erlauben, möchte ich

meinen Morgen beschreiben: Ich

schaue mir auf Youtube die neuesten

Nachrichten an. Über die Deutsche-

Bahn-App kaufe ich mir eine Fahrkarte.

ImZug höre ich Musik über

Spotify und arbeite dabei meine E-

Mails ab. Bis dahin habe ich also

schon viermal Cloud-Dienste genutzt.

Alle Dienste von Google, also

auch Youtube,liegen schon immer in

der Cloud. Dasist vielen Nutzerngar

nicht bewusst.

Privaten Nutzern wird ständig angeboten,

Bilder, Videos und andere Inhalte

mit großen Datenmengen in der

Cloud zu speichern. Muss das wirklich

sein?

DieNutzung mobiler Geräte wird

weiter steigen, und die Datenmengen

werden exorbitant wachsen, vor

allem durch immer mehr Bewegtbilder.

2020, also bereits nächstes Jahr,

werden 82 Prozent des Internettraffics

Videos sein. Die Cloud als Speichermedium

wird damit für private

Nutzer das Mittel der Wahl, wenn sie

gleichzeitig mobil sein und ihre

Daten sicher aufbewahrtwissen wollen.

Dank Sicherungskopien, die in

der Cloud liegen, haben Nutzer beispielsweise

beim Kauf eines neuen

Smartphones die Möglichkeit, im

Handumdrehen ihre Daten aus der

Cloud auf ihr neues Gerät zu ziehen.

Wenn die Cloud so wichtig ist, warum

hat Google lange anderen Anbietern

das Feld überlassen?

Das muss man etwas anders aufrollen:

Denn gerade der Cloud-Markt

ist nicht so eindimensional, wie er

manchmal scheint. Einklarer Vorteil,

den wir bei uns sehen, ist die Infrastruktur.

Google selbst wurde in der

Cloud geboren und alle unsere Produkte

werden über die Cloud zur Verfügung

gestellt. Unser Anliegen ist es

stets, erst in den Markt einzutreten,

wenn wir davon überzeugt sind, dass

wir die bestmöglichen Lösungen für

unsere Nutzer anbieten können –

und das kann manchmal etwas länger

dauern. Zudem sind wir führend

wenn es um künstliche Intelligenz –

auf Englisch: AI –und maschinelles

Lernen geht. Sundar Pichai, Chef von

und besonders Purdue Pharma –

wird vorgeworfen, die Suchtgefahr

heruntergespielt und dazu beigetragen

zu haben, dass viel mehr Medikamente

wie Oxycontin verschrieben

wurden. Ohne Einigung mit den Klägern

hätte im Oktober ein Verfahren

gegen Purdue vor einem Bundesgericht

begonnen, das erste dieser Art.

Der juristische Ärger dürfte für

Purdue aber nicht vorbei sein. Etwa

die Hälfte der Staaten hat sich der

Grundsatzeinigung nicht angeschlossen,

etliche wollen vorGericht

„Oxycontin ist seit Dezember 1995

von der Arzneimittelbehörde FDA

als sicher und wirksam für seine

vorgesehene Anwendung zugelassen.“

Purdue Pharma auf seiner Website

dagegen Beschwerde einlegen und

weitere Klagen gegen Mitglieder der

Sackler-Familie anstrengen, der die

Firmagehört. DieFamilie hatsich be-

Google, hat den Leitsatz „AI first“

ausgerufen, der sich durch das komplette

Unternehmen zieht. Doch

nicht nur wir setzen auf diese Technologie,sondernmachendiese

auch

anderen Unternehmen zugänglich.

Marktforscher erwarten, dass sich die

Zahl der Cloud-Anbieter auf wenige

ganz große Konzerne verengen wird,

weil gewaltige Rechnerkapazitäten

benötigt werden. Das hört sich nach

einem Oligopol an. Sehen Sie das

auch so?

Ein Cloud-Anbieter muss sicher

und verlässlich sein. Undeswirdzunehmend

künstliche Intelligenz und

damit Rechenkapazität benötigt –etwa

um in Callcentern einen Großteil

der Anfragen automatisiert zu bearbeiten.

Das alles zusammen erforderteinen

riesigen Apparat und kostet

Unmengen an Geld. Deshalb wird

es eine Konsolidierung geben –denn

es wird wohl nur einige wenige Anbieter

geben, die das stemmen können.

Das Kerngeschäft von Google

Cloud ist dabei das Anbieten vonInfrastrukturdienstleistungen.

So kann

etwa ein Rechenzentrum, das heute

noch kosten- und wartungsintensiv

von einem mittelständischen Zeitungsverlag

selbst betrieben wird,

morgen als Service über Google

Cloud laufen. Dasverschafftdem Betrieb

Wettbewerbsvorteile. Zweitens

bieten wir alles rund um das extrem

wichtige Thema Datenanalyse an.

Unddrittens geht es um alles,was ein

Unternehmen benötigt, um eine

eigene Internetplattform zu entwickeln

und zu betreiben.

DieDebatte über die Marktmacht der

Cloud-Anbieter hat begonnen. Wirtschaftsminister

Peter Altmaier (CDU)

denkt darüber nach, ein europäisches

Cloud-Netzwerk zu schmieden, um

von US-Konzernen unabhängiger zu

werden. Fürchten Sie eine staatlich

kontrollierte Super-Cloud?

Es geht auch ohne eine solche

Staats-Cloud: Letztlich geht es doch

darum, das zu bieten, was der Kunde

braucht und will. Unddas sind hochverfügbare,

sichere, skalierbare und

innovative Lösungen, die ihm Flexibilität

garantieren und ihn nicht an

einen einzigen Anbieter binden. Wir

verfügen nicht nur über ein großes

Ökosystem an Partnern, sondern

unterstützen genauso auch hybride

und Multi-Cloud-Ansätze: Unternehmen

können zum Beispiel kritische

Daten und Programme nach

wie vor auf eigenen Rechnern speichern,

wenn das für sie aus bestimmten

Gründen erforderlich ist, und zugleich

einen anderen Teil ihrer Computerinfrastruktur

über die Cloud

betreiben.

DasGespräch führte

Frank-Thomas Wenzel.

Opioidklagen schicken Pharmakonzern in Insolvenz

Von Andreas Schwitzer und Bernard Darko

Der US-Hersteller des berüchtigten

Schmerzmittels Oxycontin

hat Insolvenz angemeldet. Der

Schritt kam für die Firma Purdue

Pharma nicht überraschend: VoreinigenTagen

hatte das Unternehmen

im Zusammenhang mit seiner Rolle

in der Opioidkrise in einem milliardenschweren

Rechtsstreit eine

grundsätzliche Einigung erzielt.

Rund 2000 Kommunalregierungen

und mehr als 20 US-Staaten hatten

Purdue Pharma verklagt. Nach

demDealsolldasUnternehmenüber

einen längeren Zeitraum mehr als

10 Milliarden Dollar Entschädigung

zahlen. Opioide werden für den Tod

von mehr als 400000 Menschen in

den USA in den vergangenen zwei

Jahrzehnten verantwortlich gemacht.

Der US-Pharmaindustrie –

Die Daten-Cloud wird zum Spielplatz: Googles ControllerStadiamacht aufwendigeVideospieleohne

Konsole möglich –zum Beispiel auf TV-Geräten. FOTO: ANDREA WARNECKE/DPA

ZUR PERSON

Annette Maier ist Chefin der Cloud-Dienste vonGoogle in Deutschland, Österreich und der

Schweiz. Sie hat an der Kölner Universität einen Abschluss als Diplom-Kauffrau erlangt und

kann 15 Jahre Erfahrung im Management und Vertrieb in der IT-Branche vorweisen. Vorihrer Tätigkeit

bei Google war sie unter anderem bei dem US-Softwareunternehmen VMware tätig.

Google Cloud gehörtzum Hightech-RiesenAlphabet und ist derzeit weltweit die Nummer vier

unter den Anbieternvon internetbasierter IT-Infrastruktur wie Software, Speicherplatz und Rechenleistung.

Nach milliardenschwerem Vergleich mit Schmerzmittelsüchtigen gibtUS-FirmaPurdueauf

reit erklärt, mindestens 3Milliarden

Dollar zu der Einigung beizusteuern

sowie die Firma selbst anzubieten.

Bei dem Unternehmen stehen tiefgreifende

Reformen an, künftige Profite

sollen an Gläubiger fließen.

In einer Erklärung drückten die

Hinterbliebenen der verstorbenen

Werksgründer Mortimer und Raymond

Sackler ihr „tiefes Mitgefühl

für die Opfer der Opioidkrise“ aus.

Die Rahmenvereinbarung sei „ein

historischer Schritt“, der wichtige

Ressourcen bereitstelle, um gegen

eine tragische Lage für die öffentliche

Gesundheit vorzugehen.

AuchPurdue-VorstandschefSteve

Miller warb für die mit den Klägern

erzielte Vereinbarung. Zugleich betonte

er aber auch, dass das Unternehmen

kein Fehlverhalten eingeräumt

habe und dies auch nicht vorhabe.

(ap)

NACHRICHTEN

Flixbus will

klimaneutral werden

DerFernbusanbieter Flixbuswill bis

2030 klimaneutral werden. Dazu

soll verstärkt in Busseinvestiert

werden, diemit Ökostrom, Wasserstoffoder

Biogas fahren, wie Flixbus-GeschäftsführerDaniel

Krauss

sagte.„Wirwerdenallesdaran setzen,

das zu schaffen.“Allerdings

werdeman vorerst noch aufDieselbusse

angewiesensein.Flixbus will

Kunden dazu bewegen, den CO 2 -

Ausstoßsolcher Fahrten durch Zahlungenfür

Klimaschutzprojekte

auszugleichen. Teilnehmer der sogenanntenKlimastreiks

will Flixbus

gratis zu denKundgebungen am 20.

und27. September fahren. (dpa)

Wirecard kooperiert

mehr mit Chinesen

DerZahlungsdienstleister Wirecard

will über einen Ausbau der Zusammenarbeit

mit dem chinesischen

KreditkartenkonzernUnionpay die

Geschäfte in China ankurbeln. Eine

neue Vereinbarung beinhalte eine

stärkereAbwicklung vonZahlungen

mit Unionpay-Karten weltweit sowie

die Entwicklung gemeinsamer digitaler

Zahlungsdienste,wie der Dax-

KonzernamMontag mitteilte.Unionpay

ist laut Wirecard-Manager

Georgvon Waldenfels der weltweit

größte Kartenaussteller mit 7,6 Milliarden

Karten. In der ersten Phase

sollen Projekte in Asien-Pazifik,

Europa und den USA gestartet werden.

(dpa)

US-Autogewerkschaft

bestreikt General Motors

Beschäftigte streikenvor demGM-Werk

Detroit-Hamtramck.

FOTO: PAUL SANCYA/AP

DieUS-Autogewerkschaft United

Auto Workers (UAW)will den AutokonzernGeneral

Motors (GM) zum

ersten Malseit zwölf Jahren bestreiken.

In der Nacht zu Montag (Ortszeit)

wurden die Bänder in mehrerenWerkeninden

USA zum Stillstand

gebracht, wie die Gewerkschaft

mitteilte.Die letzte Vereinbarung

mit dem Unternehmen über

die Arbeitsbedingungen und Löhne

aus dem Jahr 2015 lief demnach am

Wochenende aus,die UAWwollte sie

nicht verlängern. DieArbeitnehmer

fordernnun höhereGehälter,eine

bezahlbare Gesundheitsversorgung,

Beteiligung an den Gewinnen sowie

Beschäftigungssicherung und ein

Regelwerkfür die Übernahme von

Leiharbeitern. (dpa)

Ex-Bankchef Cryan

bekommt neuen Job

DerfrühereDeutsche-Bank-Chef

John Cryan bekommt eine neue Aufgabeinder

Finanzbranche.Der 58-

jährigeManagerwirdvon Januar

2020 an das Aufsichtsgremium der

britischenMan Group leiten, wie

der weltgrößte börsennotierte

HedgefondsamMontag mitteilte.

Cryan wirdNachfolger vonIan Livingston,

der Ende 2019 nach nicht

einmalvierJahren seinen Posten abgeben

wird. Cryan sitzt bereits seit

Anfang2015 im Man-Group-Aufsichtsrat,

hat dabeiaberbisher keine

führende Rolle. DerBrite warvon Juli

2015 bis April2018Vorstandschef

der Deutschen Bank. (dpa)

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