Ottakringer Flaneur Ausgabe 1/2019

ottakringer.flaneur

Das neue Bezirksmagazin für Wien 16.

Ausgabe 1 – August 2019

GESCHICHTEN FÜR MUSIKANTEN TSCHECHERANTEN DILETTANTEN QUERULANTEN POETEN PROLETEN UNGENIERTE AMÜSIERTE

TEETRINKENDE ABWAARTENDE REALISTEN FATALISTEN INDIVIDUALISTEN BALKONSITZER U6SCHWITZER DÖNERESSER ZEITUNGSLESER

Statue vor der Bücherei

Sandleiten –––––→ Die

coolsten Plätze Seite 4

Das neue Magazin für

Aufmerksame,

Teilhabende,

Vergnügungssüchtige,

Leseratten,

Kritische, Lachhafte,

Einsame,

Nostalgische,

Musikalische,

Introvertierte,

Interessierte

Angfressene, Verfressene,

Begeisterte, Zeitgeistige,

Amüsierte, Ungenierte,

Grantige, Schwitzige,

Witzige, Neugierige,

Obergscheite, Tschecheranten,

Querulanten

Gegenkonzept „Tschuschistan“

–––→ EsRap Interview Seite 24

Fünf Spritzer in der

Blauen Nosn ––––→

Heurigenkalender

Seite 18

Das neue Magazin

für die Bewohner des Besten

aller Wiener Bezirke

#otk

UNIVERSALE ORGINALE BETROFFENE VERSOFFENE DÜPIERTE OPTIMIERTE STUDIERTE VERWIRRTE GENTRIFIZIERTE FLANEURE AKTEURE

INTROVERTIERTE INTERESSIERTE SCHWITZIGE WITZIGE KANTIGE GRANTIGE VERFRESSENE ANGFRESSENE FRISIERTE IMMIGRIERTE


02 Ottakringer Flaneur —— Erste Ausgabe

Liebe Leserin,

lieber Leser,

Sie halten gerade die erste Ausgabe

des Ottakringer Flaneurs in den Händen.

Vielleicht befinden Sie sich im

Moment in der Straßenbahn oder im

Heurigen oder am Yppenplatz, an dem

sich so viele verschiedene Menschen

in den Cafés versammeln. Eventuell

sitzen Sie auch in Ihren eigenen vier

Wänden müde von der Arbeit oder

von der letzten durchtanzten Nacht.

In den letzten sieben Monaten bin ich,

der Ottakringer Flaneur, durch die

Grätzl gezogen. Ein „Flaneur“ ist jemand,

der ziellos herumschweift, um sich davon

zu Geschichten inspirieren zu lassen.

Das ist auch die Philosophie

dieser Publikation. Ich habe in Ottakring

mit Menschen gesprochen, Geschichten

gesammelt und nachgesehen, welche

Personen hinter Projekten, Geschäften

und Veranstaltungen stehen. Von meinen

Erlebnissen habe ich bislang im

Internet auf OttakringerFlaneur. com

berichtet.

Ich möchte aber für alle Menschen

in Ottakring da sein. Und so entstand

die Idee – abseits von der virtuellen

Welt – ein Magazin zum Anfassen zu

veröffentlichen. Hier möchte ich die

Vielfalt und die oft im Trubel des Alltags

übersehenen Details des Lebens

in der Vorstadt ins Licht rücken. An

dieser Stelle werden die Menschen

aus der Umgebung porträtiert, das

kulturelle Leben Ottakrings begleitet

und die Geschichte des Stadtteils erkundet.

Es ist ein liebevoller Blick auf

Ottakring, der wo nötig auch kritisch

sein wird.

Eine Leserin schrieb auf meiner Website

unter ein Foto: „Seit zehn Jahren

gehe ich mit meinem Hund an diesem

Graffiti vorbei und habe erst jetzt bemerkt

wie schön die Botschaft dahinter

ist.“ Damit hat sie das Ziel dieses Mediums

beschrieben: Es soll alle Facetten

von Ottakring sichtbar machen.

In diesem Sinne wünschen ich Ihnen

bis zur nächsten Ausgabe im Herbst

eine erholsame Sommerzeit.

Ihr Ottakringer Flaneur

Impressum und Offenlegung:

Der Ottakringer Flaneur ist ein vierteljährlich

erscheinendes, unabhängiges Magazin für

und aus dem 16. Wiener Gemeindebezirk.

Herausgeberin:

Alexandra Folwarski

Redaktion:

Lars Bulnheim, Johannes Lau, Alexandra

Folwarski, Franziska Mayr-Keber, Tino

Schlench, Al Bird Sputnik, Marion Wittfeld

Art Direction:

Tom Koch Bespoke Communications

Layout Kalendarium: Sebastian Traxl

Leserbriefe:

redaktion@ottakringerflaneur.com

Anzeigen:

anzeigen@ottakringerflaneur.com

Erscheinungstermine 2019:

Oktober und Dezember

Veranstaltungen innerhalb und in direkter

Umgebung des 16. Bezirks können online

kostenlos eingetragen werden auf

ottakringerflaneur.com/veranstaltungen

Bei Fragen wenden Sie sich bitte an:

mystory@ottakringerflaneur.com

Produzierendes Unternehmen:

Flaneur Media e.U.

1160 Wien, Grundsteingasse 12

E: af@flaneurmedia.at

Offenlegung in vollständiger Länge:

ottakringerflaneur.com/impressum

Druck:

Mediaprint Zeitungs- und Zeitschriftenverlag

Ges.m.b.H & Co KG

In dieser Ausgabe

Meinung: Stadt

ist Veränderung——————————————————→ 3

Flanierziele im Sommer:

Die coolsten Plätze

in Ottakring ——————————————————→ 4

Hineingeschaut:

Kulinarisches Abenteuer

Kimchi——————————————————————→6

Die Schöne Galerie:

eine Wiedergeburt des

Kunstmäzenats mit

Online-Shop—————————————————→10

Zurückgeschaut:

Albert-Sever-Saal

in den 60er Jahren—————————————→12

Hingehört:

EsRap im Interview und

der Ausruf des Utopie-Staates

„Tschuschistan“

am Yppenplatz———————————————→22

Kunst, Mode, Design, Matura?

Ein Rundgang durch die KMD

Herbststrasse———————————————→24

Angeschaut:

Kunst am Bau———————————————→26

Ottakringer Live-Ticker:

90 Minuten Protokoll aus

dem Café Ritter—————————————→28

Glosse: Es stinkt der

Mensch, sobald er steht.——————→30

Ghostletter Sauerkraut:

Auf den Spuren demontierter

Schriftzüge———————————————————→ 31

Veranstaltungen:

Ein „Flaneur“ ist jemand,

der ziellos herumschweift,

um sich zu Geschichten

inspirieren zu lassen.

Events im August——————————————→13

Gürtel Nightwalk———————————————→14

Events im September———————————→16

Heurigenkalender———————————————→18


03

Meinung

Stadt ist

Veränderung!

Text: Tom Koch

Wer ein wenig rumkommt, lernt Wien zu

schätzen. Mögen andere Städte in Teilaspekten

auch attraktiver erscheinen, in Summe

hat Wien für seine Bewohner wohl eines der

besten Angebote weltweit! Denn entgegen

dem derzeit so beliebten Wien Bashing und

der „typisch wienerischen“ Tendenz, alles

schlecht zu reden, lebt es sich in unserer

Stadt eigentlich sehr, sehr gut.

Ganz besonders in Ottakring.

Man muss nur näher hinsehen.

Wo sonst können Sie schon nach ein paar Tram-Stationen

im Wienerwald Frischluft tanken? Oder – sofern Sie in

Gürtelnähe wohnen – in weniger als 30 Minuten ans

Wasser (Alte Donau, Donaukanal) oder ins Zentrum gelangen?

Wo sonst sind es vom Bobo-Lokal zur Vorstadt-

Kleschn nur wenige Meter? In wie vielen Bezirken gibt es

noch einen täglich gut frequentierten Markt, der nicht

völlig überteuert, von Touristen überrannt oder von Leerstand

geprägt ist? Welcher Bezirk bietet gemütliche Heurige

und ist zugleich ein Zentrum der Clubkultur? Und welcher

Bezirk hat mit Veranstaltungen wie dem Grundstein, Soho

in Ottakring und dem Gürtel Nightwalk Vorreiterrollen

übernommen, lange bevor andere nachzogen (Donaukanaltreiben)

oder überhaupt erst draufkamen, hip zu sein

(die drüben im 15.)?

Wie die Stadt selbst unterliegt der Bezirk einem permanenten

Wandel und die Geschichte Ottakrings ist geprägt

von Veränderungen, Umwälzungen, Verschmelzungen.

Der Aufstieg Neulerchenfelds zum „größten Wirtshaus

des Heiligen Römischen Reiches“ mit seinen Hinterzimmern

und dem Entstehen politischer Programme, die Zusammenlegung

und Eingemeindung dörflicher Strukturen (die

heute noch in manchen Ecken Ottakrings erkennbar sind),

Industrialisierung und Arbeiterunruhen, Verslummungstendenzen

der Nachkriegszeit, zuletzt die Zuwanderung

seit den 1980er Jahren: All diese Veränderungen haben

den Bewohnern Ottakrings sicher Sorgen bereitet, heute

sind sie für uns selbstverständlich. Durch den Aufstieg

seit der Jahrtausendwende steht Ottakring nun vor einer

neuen Herausforderung: der schleichenden Gentrifizierung.

In den letzten Jahren haben sich ganze Gräzel verändert,

und so mancher fragt sich wohl: Ist das noch Ottakring?

Selbst das Ottakringer Bezirkswappen zeugt

von Veränderung: Der Zusammenlegung der einst

selbstständigen Gemeinden Ottakring (links)

und Neulerchenfeld (rechts). © WStLA

Wie sich diese Entwicklungen auf unser aller

Leben, auf Mieten und Preise langfristig auswirken

werden, bleibt abzuwarten. Ich hoffe

jedoch, es gelingt dem Bezirk seinen Charakter,

seine Ecken und Kanten und hier und da auch

ein paar „räudige“ Flecken zu behalten. Denn

an einem Ort mit so vielen Facetten wie Ottakring

tun sich naturgemäß Reibungsflächen

auf. Reibung erzeugt Energie! Diese Energie

und entsprechende Freiräume wiederum laden

Menschen dazu ein, Initiativen zu setzen, aktiv

zu werden, etwas zu verändern. Zur Zeit spürt

man in Ottakring diese Energie, sie macht den Bezirk

wohl für Viele so attraktiv. Auch weil sie erkennen: Das Zusammenleben

hier funktioniert eigentlich sehr gut.

Ich finde, darauf dürfen wir ruhig ein wenig stolz sein.

Wir, die Bewohner des Besten aller Wiener Bezirke.

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Flanieren,

plaudern, genießen.

In STAUD’S kleiner Schmuckkassette mitten am Brunnenmarkt können

Sie sich nach Lust und Laune durch die über 220 Sorten an süßen und

feinsauren Delikatessen kosten.

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Ecke Brunnengasse/Schellhammergasse , 1160 Wien

Öffnungszeiten: Di-Fr 08:30 - 12:30 & 15:00-18:00 Uhr

Sa: 08:00-13:00 Uhr

Sommeröffnungszeiten von 16. Juli - 14. August 2019:

Fr: 08:30 - 12:30 & 15:00-18:00 Uhr

Samstag: 08:00 - 13:00 Uhr

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04

Flanierziele Sommer 2019

Wer die heiße Jahreszeit in

der Stadt verbringt und sich

zwischendurch nach dem Gefühl

von Urlaub sehnt, der findet auch

hier im 16. Bezirk einen Platz für

sich. Vom Ausflug in idyllische

Weinberglandschaften oder

einem Spaziergang durch den

Wiener Wald über den Sprung

ins kalte Wasser bis zu einer

internationalen kulinarischen

Reise im Brunnenviertel:

Der Flaneur zeigt Ihnen seine

Tipps für den Sommer 2019.

Fotos/Text: Ottakringer Flaneur

Die

coolsten

Plätze

Bücherei Sandleiten

Rosa-Luxemburg-Gasse 4

Vor 125 Jahren wurde die kommunale

Wohnhausanlage Sandleitenhof errichtet

und ist mit ihren 1587 Wohnungen

der größte Gemeindebau Wiens.

Drei Architekturgemeinschaften, mitunter

Schüler von Otto Wagner, arbeiteten

an der Errichtung der „Stadt

in der Stadt“. Während der ehemalige

Kino- und Theatersaal mit 600 Plätzen

nur noch sporadisch für Ausstellungen

genutzt wird, findet man in den Räumlichkeiten

der Bücherei Sandleiten einen

kühlen Ort für eine Pause.


05 Ottakringer Flaneur

Saigon Box

Brunnenmarkt Stand 24

Höhe Grundsteingasse

Beim Gang von der Thaliastraße in

Richtung Yppenplatz kommt richtiges

Urlaubsfeeling auf. Frisch gebackenes

Tandoori Brot, Käsekrainer, Falafel,

Kebab, Gözleme, frisches Obst und

Gemüse, weiße Spritzer, kühles Bier

oder Ayran: Street Food-Fans finden

hier sicher etwas für sich. Tipp: Auf

dem Dach der Siam Box können Sie

den Markt mal von oben betrachten.

Wilhelminenberg

Autobuslinien 46A, 46B, 48A

Hinter dem Schloss Wilhelminenberg und der angrenzenden Wiese befindet

sich diese idyllische Landschaft. Sie ist nur eine Busfahrt entfernt. Und wenn

Sie schon hier oben sind, statten Sie doch einem der Heurigen Ottakrings

einen Besuch ab. Mehr dazu finden Sie in unserem Heurigenkalender auf

Seite 18.

Kongressbad

Julius-Meinl-Gasse 7a

Jubiläumswarte

Johann-Staud-Straße 80

Nichts für Menschen mit Höhenangst,

dafür aber für alle, die eine schöne

Aussicht genießen möchten. 183 Treppenstufen

führen zur 459 Meter über

dem Meeresspiegel liegenden Aussichtsplattform

mit Blick über den

Wienerwald und Teile der Stadt. Die

1998 anstelle eines alten Gasthauses

eröffnete „Wiener Waldschule“ steht

direkt neben der Warte. Aufgestellte

Tafeln und Baumquerschnitte veranschaulichen

Kindern und neugierigen

Erwachsenen die Vielfalt der Tierund

Pflanzenwelt des Wienerwaldes.

Da kommen bei den meisten, die in Ottakring aufgewachsen sind, Kindheitserinnerungen

auf. Errichtet wurde es 1928 im Rahmen eines Programms, das

die zu dem Zeitpunkt hohe Arbeitslosigkeit lindern sollte. Damals waren die

beiden Schwimmbecken miteinander verbunden und hatten eine Gesamtlänge

von 100 Metern.


06 Portrait

Seit fast fünf Jahren betreibt das junge

Ehepaar einen kleinen Stand auf dem

Yppenplatz. Man findet dort nach koreanischer

Tradition fermentiertes Gemüse,

Senf und diverse Chutneys.

Sowohl Saly als auch Ulrich kommen

aus der gehobenen Gastronomie, sammelten

Kocherfahrungen rund um den

Globus und fassten schließlich den

Entschluss, den kulinarischen Trend,

der in Asien und Nordamerika bereits

lange Fuß gefasst hat, nach Österreich

zu holen.

Ich treffe die beiden vor ihrem Geschäft,

das sich direkt hinter dem Yppenplatz

befindet. „Es ist noch ein richtiges

Chaos.“, lacht Saly und zeigt mir, wie

das Geschäft in Zukunft aussehen wird.

„Dort hinten kommt ein Lagerraum

rein. Hier verkaufen wir unser Kimchi

und dort produzieren wir. Unsere Kunden

sollen sehen, wie Kimchi entsteht.

Der Produktionsprozess allein ist schon

faszinierend!“

Ottakringer Flaneur:

Was ist Kimchi?

Ulrich: Die Kurzfassung wäre es, Kimchi

als koreanisches Sauerkraut zu beschreiben.

Das ist aber eine sehr kurze

Umschreibung. Es dauert mindestens

KI

Warum sich zwei junge

Köche dafür entscheiden,

Kimchi in Wien selbst zu

produzieren.

MC

HI

Saly und Ulrich Wolfger

verbinden mit „b*l*v*b“

(ausgesprochen: blub)

traditionelle Gemüsezubereitung

aus Korea mit Zutaten

aus lokalem Anbau. Im Juni

öffneten sie ihr Geschäft in

der Weyprechtgasse 12.

drei bis vier Wochen, bis ein Kimchi

reif genug ist, um sich Kimchi nennen

zu können. Ansonsten wäre es eingelegtes

Gemüse, so wie wir es kennen.

Saly: In Korea wird prinzipiell alles,

was eingelegt ist, als Kimchi bezeichnet.

So, wie man im englischen Sprachraum

dazu „Pickles“ sagt.

Ulrich: Es ist aber die Milchsäuregärung,

die Kimchi von anderem eingelegten

Gemüse unterscheidet. Ganz

ähnlich wie beim Sauerkraut, wird das

Gemüse zunächst in gesalzenes Wasser

gelegt. Die Menge des Salzes hat dabei

den entscheidenden Einfluss auf die

Gärung. Ein klassisches Kimchi besteht

aus Chinakohl, Knoblauch, Rettich,

Chili und Meeresfrüchten, die gekocht,

getrocknet und dem Gemüse beigefügt

werden.

Saly: Der Fisch und die Meeresfrüchte

machen den Geschmack erst so richtig

funky. Es ist eine ganz bestimmte


07

Portrait

Säure, die hier dominiert. Das Gemüse

liegt einige Wochen in Tontöpfen, bis

es die richtige Geschmacksnote bekommt.

Für unsere Kunden produzieren

wir sehr unterschiedliches Kimchi.

Wer keinen Fisch mag, kann die vegane

Variante wählen und, wir unterscheiden

zwischen weißem und rotem Kimchi

(mit reichlich Chili). Es ist für jeden

etwas dabei. Fermentierte Käferbohnen

haben wir auch. Man kann wirklich

aus allem Kimchi machen. Da wir ausschließlich

saisonales Gemüse von lokalen

Zulieferern nutzen – entweder

direkt vom Markt oder von Bauern in

der Umgebung –, sind unsere Produktreihen

sehr schlank gehalten. Wir verarbeiten

das, was uns die Natur gerade

anbietet.

Ulrich: Mit lokalen Zulieferern zu arbeiten

ist besonders spannend. Viele

wissen oft nicht, dass ihre Produkte auf

so vielfältige Weise zubereitet werden

können. Wir bringen ihnen oft ein Glas

mit und die Reaktionen sind herrlich!

Ottakringer Flaneur: Bei fermentiertem

Gemüse denke ich sofort

an einen Haufen Bakterien.

Ulrich: Der hohe Salzgehalt gibt Keimen,

die bei Rohkost für uns Menschen

gefährlich werden können, wie Salmonellen

beispielsweise, keine Überlebenschance.

Gleichzeitig entstehen

viele Bakterien, die der Darmflora sehr

guttun und sie – wie wir es sagen –

trainieren. Es ist ratsam, sich langsam

an Kimchi heranzutasten. Es regt die

Verdauung an.

Saly: In unserer heutigen Gesellschaft

haben wir etwas ganz Entscheidendes

verlernt. Wir hören nicht mehr auf unseren

Darm. Wir sprechen zwar vom

Bauchgefühl oder den Schmetterlingen

im Bauch, aber was ziehen wir aus den

alten Redensarten?

Dass sich die Gesundheit unseres

Darms auf unser Gemüt auswirkt, beweisen

immer mehr Studien. Das war

für uns mit ein Grund dafür, Kimchi

auf den Markt zu bringen. Wir möchten

unseren Kunden das Gefühl von Ausgeglichenheit,

Ruhe und Geborgenheit

in einem Einmachglas mitgeben.

Ottakringer Flaneur: Wie esse ich

Kimchi und womit kombiniere ich

es? Gibt es ein Anfängerrezept?

Ulrich: Kimchi kann man mit allem

essen. Es gibt aber ein Rezept, dass

wir mindestens ein Mal in der Woche

zubereiten: Du kochst etwas Reis, gibst

etwas Kimchi und ein weich gekochtes

Ei hinzu. Sobald sich das Eigelb mit

dem Reis und dem Kimchi verbindet,

wird es himmlisch!

Saly: Das Ei kann pochiert, gekocht,

angebraten oder direkt in den Reis gegeben

werden. Das Gericht ist ein

Traum!


08 Portrait

Ottakringer Flaneur: Wie seid Ihr

auf den Geschmack gekommen?

Saly: Das war noch in Kanada. Ich bin

in Toronto aufgewachsen. Mein Vater,

der selbst ein fantastischer Hobbykoch

ist, hat mir beigebracht, immer nach

neuen Geschmacksrichtungen zu suchen.

Als ich Ulrich bei der Arbeit

kennen lernte, war schnell klar, dass

wir diese Neugierde teilen.

Das war der Beginn unserer gemeinsamen

Reise, die bis heute andauert.

Wir gingen zunächst nach Vancouver,

wo die Asiatische Community um einiges

größer ist – dort ging es so richtig los.

Ulrich: Wir haben einige koreanische

Freunde in Kanada, die so sehr an den

Geschmack von Kimchi gewöhnt sind,

dass sie immer ein kleines Glas davon

bei sich haben. Das war am Anfang

fast beklemmend. Einmal sind wir zum

Italiener essen gegangen und sogar dort

packten sie ihre Gläser aus. Ich glaube,

wer auf den Geschmack von Kimchi

gekommen ist, der entwickelt eine Art

Sucht. Heute verstehen wir das Verhalten

unserer Freunde.

Saly: Nachdem wir nach Wien gezogen

sind, haben wir uns natürlich auf die

Suche nach Kimchi gemacht. Wir gingen

regelrecht auf Kimchi-Jagd. Es gibt

zwar ein recht gutes Angebot in Wien,

aber es war aber zu selten das, was

wir uns unter richtigem Kimchi vorgestellt

haben. Deshalb wollten wir es

selbst produzieren.

Ottakringer Flaneur: Ihr wart viel in

der Welt unterwegs. Europa, Asien,

Nordamerika, Australien, … Was hat

Euch nach Österreich — genauer —

an den Yppenplatz geführt?

Saly: Als ich das erste Mal Ulrichs Familie

in der Steiermark kennenlernte,

war ich überwältigt von der Wärme

und der Gastfreundlichkeit, die mir

entgegengebracht wurde. Es war wie

im Märchen.

Die Landschaft und die Menschen waren

so besonders. Sie lieben es, ihre

Familie um sich zu haben, sie lieben

es zu essen, zu trinken und eine gute

Zeit miteinander zu verbringen. Mir

war sehr schnell klar, dass ich mich

hier wohlfühlen würde.

Ulrich: Für Köche ist Österreich ein

kulinarisches Paradies. Die Qualität

der Lebensmittel ist unschlagbar. Du

kommst sehr schnell an Zutaten aus

biologischem Anbau. Am Yppenplatz

haben viele Bauern und lokale Lebensmittelhersteller

ihren Stand.

Es ist einer der Märkte, die wirklichen

Marktcharakter haben. Deshalb haben

wir beschlossen, genau hier nach einer

Ladenfläche für b*l*v*b zu suchen

und sind vor Kurzem auch privat nach

Ottakring gezogen.

Saly: Es gibt in Wien viele Märkte,

wie den berühmten Naschmarkt oder

den Karmelitermarkt. Märkte dieser

Art gibt es in Toronto oder Vancouver

natürlich auch. In Kanada, wie auch

in Nordamerika, wird aber immer noch

viel in Supermärkten eingekauft.

Wenn Du Gemüse oder Fleisch hoher

Qualität von lokalen Produzenten kaufen

willst, wird es schnell sehr teuer.

Es ist ein Lebensstil, den sich nicht

viele leisten können. Das ist hier vergleichsweise

anders.

Ottakringer Flaneur: Immer mehr

Menschen gehen auf kulinarische

Jagd. Der Trend, unterschiedliche

Ramen (japanische Nudelsuppen)

zu essen oder so viele Gin Sorten

oder Craft Biere wie möglich auf

seiner Erlebnisliste zu haben, hat

Kultstatus eingenommen. Gehört

Kimchi in Wien auch zu einem solchen

Trend?

Ulrich: Es geht ein wenig in die Richtung.

Vom Kultstatus kann man aber

nicht sprechen. Kimchi ist vielen noch

fremd. Sobald an unserem Stand das

Wort „fermentiert“ fällt, siehst Du, wie

bei den Leuten die Augen aufgehen.

Dabei ist Kimchi dem Sauerkraut, das

wir in Österreich gut kennen und mögen,

sehr ähnlich.

Saly: Viele unserer Kunden kommen

jeden Samstag zu uns, probieren sich

durch alle unsere Produkte und nehmen

sich das Kimchi mit, das ihnen

am besten geschmeckt hat. Sie sind

schnell Teil unserer b*l*v*b-Familie.

Fotos/Text: Ottakringer Flaneur

Wir umarmen uns zur Begrüßung und

erzählen von der Woche. Einige Kunden

kennen uns schon so gut, dass sie

sogar beim Beraten und Verkaufen

mitmachen, wenn die Menschentraube

um den Stand zu groß wird. Es ist

schön, dass sich immer mehr Menschen

bei uns willkommen fühlen. Das

soll in unserem Geschäft auch so sein.

b*l*v*b Shop: Weyprechtgasse 12

Mi–Fr: 12.00 bis 20.00

Sa: 08.00 bis 13.00


09 Stadtleben




Unbefristete Mieten.

Lebenslanges Glück. Unser Gemeindebau.


10 Underground Talks

Man muss ein Mal um die Ottakringer

Brauerei herumgehen, um in die Kuffnergasse

7, in der sich „Die Schöne“

Galerie versteckt, zu gelangen. Zunächst

deutet nichts darauf hin, dass

hier moderne Kunst gefördert und ausgestellt

wird. Doch hinter den Kulissen

der urbanen Hinterhofatmosphäre finden

wöchentlich Ausstellungen von

bis zu 8 Künstlern statt und 5 Ateliers

und ein Verkaufsraum für Werke junger

Kunstschaffender haben hier ihre

Heimstätte.

Jeden Donnerstagabend werden die

Türen zum oberen Saal geöffnet. Ab

19 Uhr finden die wöchentlichen Vernissagen

statt, zu denen mehrere junge

Kunstschaffende eingeladen werden.

„Die Ausstellenden kommen zum größten

Teil direkt von der Akademie. Entweder

sie schließen ihre Ausbildung

gerade ab oder beschreiten ihre ersten

Schritte als freischaffende Künstlerinnen

und Künstler.“, so Florian Appelt,

Kurator der „Schönen Galerie“.

Die Ausstellungen können noch in den

beiden Folgetagen besucht werden.

Willkommen ist jeder, der sich für

Kunst interessiert. Es geht in dieser

Galerie nicht um den Verkauf von

Kunst, sondern um Kunstvermittlung.

Ein Ansatz, der das Schaffen von künstlerischen

Werken unterstützen soll.

Am Sonntag wird die Ausstellung abgebaut

und Platz für die nächsten

Künstler gemacht. „Dieser Turnus findet

jede Woche statt, sodass viel Unterschiedliches

gezeigt werden kann.

Mittlerweile haben wir 35 Positionen

in unserem Repertoire, das für 2019

schon komplett besetzt ist.“, so Appelt.

So war es aber nicht von Beginn an.

Kunstmäzene im Hintergrund

Die beiden Gründer der Galerie bleiben

im Hintergrund und handeln aus Überzeugung.

Sie haben ihre eigenen Unternehmen

und betreiben die Galerie

nicht persönlich. Dafür reicht die Zeit

nicht. Es war ihnen aber ein Anliegen,

Raum für Kunstvermittlung zu schaffen,

weshalb sie den Hinterhof anmieteten

und monetäre Unterstützung für das

Kuratieren und den allgemeinen Betrieb

der Galerie sicherten.

Die Schöne

Galerie:

Wo junge

Kunst vermittelt

und

Online gekauft

werden

kann

Vor fünf Jahren erfüllten sich

zwei Unternehmer den Wunsch,

junger Kunst einen uneingeschränkten

Raum zu geben,

in dem gearbeitet, ausgestellt

und experimentiert werden darf.

Ausgestellt wird vor allem junge Kunst,

was nicht bedeutet, dass es nicht auch

Werke von etablierteren Künstlern zu

sehen gibt. Die Räumlichkeiten hinter

dem großen Hauptsaal fungieren als

Ateliers für fünf Kunstschaffende, die

hier stationär arbeiten, wie die Wiener

Künstlerin Sylvia Kummer, die in den

Räumlichkeiten interdisziplinäre Projekte

zwischen Kunst und Anthropologie

verwirklichen kann. Ein weiteres

Atelier wird von dem Graffiti- und Streetart

Künstler RUIN belegt, dessen großflächige

Wandmalereien weltweit Beachtung

finden.

„Vielleicht kann man das Prinzip der

Galerie mit dem Kunstmäzenat vergleichen.

Hier kann produziert, ausgestellt

und ausprobiert werden.“

Florian Appelt,

Kurator Der Schönen Galerie

Anfangs fanden Ausstellungen sehr

sporadisch statt. Zwischendurch wurden

die Räumlichkeiten als Lager genutzt,

bis sich vor einigen Jahren ein

Team formierte, das den Betrieb der

Galerie sichert und für regelmäßige

Abläufe sorgt. „Vor drei Jahren kam ich

dazu und kurze Zeit später Sonja Gansberger.

Wir kümmern uns hauptsächlich

um die Organisation und die Kommunikation

der Galerie aber auch um

den Betrieb der Online-Verkaufsplattform

„Kunst ab Hinterhof“.“

„Dass wir durch private Gelder unterstützt

werden, gibt uns sehr viele Freiheiten.

Vielleicht kann man das Prinzip

der Galerie mit dem Kunstmäzenat

vergleichen. Hier kann produziert, ausgestellt

und ausprobiert werden. Auch

Dinge, die vielleicht noch nicht ganz

fertig sind, haben hier Platz. Wir bekommen

nichts vorgeschrieben und

müssen niemandem Rechenschaft ablegen.“,

so Florian Appelt.

Die notwendige Konsequenz der Galerie,

die über die Jahre eine Sammlung

von 250 Werken aufgebaut hat, war

es, den Ausstellenden die Möglichkeit

zu geben, ihre Kunst zu verkaufen. So

entstand die Online-Plattform „Kunst

ab Hinterhof“, wo man eine Auswahl

an ca. 500 Werken von 60 unterschiedlichen

KünstlerInnen vorfindet.

Die Werke, die auf die Plattform kommen,

werden vorab ausgewählt, im Anschluss

abgelichtet, mit einem Preis

versehen und Online gestellt. „Die

Möglichkeit, sich die Bilder in guter

Qualität online anschauen zu können

und gleich zu wissen, wie viel sie kosten,

ist für die Käufer eine neue Erfahrung.

Viele trauen sich nämlich

nicht, in Galerien oder auf anderen

Plattformen nach dem Preis zu fragen,

weil sie glauben, dass Kunst immer

teuer sein muss. Das machen wir anders

und arbeiten transparent. So bieten

wir auch den Künstlern eine für Galerien

unübliche Kondition von 30/70.

Was zum einen bedeutet, dass die

Künstler 70 Prozent anstatt 50 Prozent

vom Preis der Bilder erhalten und zum

anderen der Preis für die Kunst günstiger

angesetzt werden kann. Das Prinzip

bricht den klassischen Galeriebetrieb,

wobei „Kunst ab Hinterhof“ sich

nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung

zu anderen Galerien sieht.


11 Ottakringer Flaneur

1

2 3

4

1 Anfang 2019 startete die Plattform „Kunst

Ab Hinterhof“, auf der man online Werke

junger Kunst kaufen kann. Hier werden die

Kunstwerke verpackt und später an die Käufer

versendet

2/3/4 In und um der „Schönen“

5 Die Originalwerke werden im Lager archiviert

und können vor Ort eingesehen werden

6 Vernissage im Rahmen der Foto Wien

im März 2019.

Fotos/Text: Ottakringer Flaneur

5 6

dieschoene.at


12 Orte und ihre Geschichte

Text: Al Bird Sputnik

STAR

CLUB

Wien

Unter den heimischen Jugendtreffs

der 1960er-Jahre sticht ein Ort besonders

hervor, der – für Wiener

Verhältnisse recht untypisch – mit

internationalem Flair und Musik am

Puls der Zeit zu punkten vermochte

und dessen Name in der Retrospektive

synonym für geglückte Nachwuchsförderung

steht. Ein Club in

der Peripherie der Bundeshauptstadt,

über den es heisst, dass dort die

besten österreichischen Bands ihrer

Zeit aufgetreten seien: alle hätten

sie dort gespielt, von den Bambis

bis zu den Slaves und darüber hinaus

so-gut-wie-jede Wiener Twistoder

Slop-Combo, die genügend

Repertoire für einen abendfüllenden

Gig zusammenstoppeln konnte. Und

das alles inmitten von Rotlicht-Spelunken,

Stoßpartie-Platten und provinziellen

Fünf-Uhr-Tees. Der Star

Club Wien, beheimatet im Ottakringer

Albert Sever Saal.

Zur Vorgeschichte: Sonntägliche Tanzveranstaltungen

der Jungen Generation

Ottakring hatten im geräumigen

Albert Sever Saal am Schuhmeierplatz

bereits in den späten 1950er-Jahren

Konjunktur, wo sich die B- und C-Liga

heimischer SchlagersängerInnen –

unter wechselnder Beschlagwortung

(etwa: „Rendezvous der Jungen“) – die

Bühne mit HumoristInnen, gelegentlich

ZirkusartistInnen und ZauberkünstlerInnen

teilte. Auch Bezirkspolitiker,

vom Gemeinderat abwärts, waren geladen,

um einleitende Wort zu sprechen.

Ein Blick in lokale Archive befördert

zudem längstvergessene Altherren-Tanzkapellen

wie Die Melodischen

6 oder Die Rhythmischen 7

zu Tage, die alternierend für die akustische

Unterfütterung der Abende zuständig

waren: Swing, Dixieland und

Schlager – Musik, wie aus einer Vico

Torriani-Revue. Der Andrang von Bohémiens,

Beatniks und Coolcats der

Stadt, dem Schauspiel beizuwohnen

hielt sich demgemäß in Grenzen.

Erst im Jahr 1962 erlebte die Veranstaltungsreihe

ihren Durchbruch, als

der 21-jährige Schriftsetzer und Schluckauf-Sänger

Hannes Patek zum Chef-

Conférencier bestellt wurde. Die Altherren-Tanzkapellen

hatten ausgedient

und wichen zeitgemässen Rock-N-

Roll- und Beat-Formationen aus der

lokalen Subkultur. Aus dem anachronistischen

Schlager-Stelldichein wurde

– in Anlehnung an das gleichnamige

Hamburger In-Lokal – der Star Club

Wien, der sich über Nacht zum Stadtgespräch

entwickelte. Die ungestümen

Live-Shows, die Patek fortan mit wechselnden

Begleitbands auf die Bühne

brachte, waren ein Novum in der Wiener

Szene und bescherten der Einrichtung

ein stetig wachsendes Publikum

euphorischer Teenager.

Bis zu drei heimische Bands waren

allabendlich auf der Bühne zu sehen,

doch auch Gastspiele renommierter

Showgrößen aus Funk und Fernsehen,

die zu einer spontanen Autogrammstunde

in den Albert Sever Saal eingeladen

wurden, standen auf dem

Programm. So kamen etwa Peter Alexander,

Roy Black, Udo Jürgens und

sogar Ella Fitzgerald. Guter Stoff für

die lokale Presse, die immer häufiger

Berichte über Besucher-Rekorde des

Star Clubs brachte: „600 Glückliche

fanden Einlaß, 300 Enttäuschte, die

keine Karten mehr bekommen hatten,

trösteten sich im Hinblick auf den

nächsten Sonntag“. Sogar vom „größten

Tanzclub Österreichs“ war bereits

die Rede.

Zu veranstalterischen Richtlinien zählten

die Betriebszeiten des Star Clubs

(„Sonntag von 17 bis 20 Uhr“) sowie

moderate Fixpreise, die der sozialistischen

Tradition der Direktion verpflichtet

waren („15 Schilling Eintritt

ohne Konsumationszwang“). „Kein

Neppen von Jugendlichen also, sondern

reines Tanzvergnügen“, konstatierte

eine Gewerkschaftszeitung im

Frühling 1966.

weiter auf Seite 20 —→


13

Veranstaltungskalender

Herrliche Damen — Zauberhaft

Glamour, Glitter und höchste Perfektion

punkto Choreografie sowie

künstlerischer Darstellung sind seit

nunmehr 35 Jahren das Markenzeichen

der „Herrlichen Damen” im

deutsch-sprachigen Raum.

9. & 10. 8. 19:30. Tschauner

Bühne, Maroltingergasse 43,

1160 Wien. 27–35 €

Faela!

Oder auch: THE LATIN BALKAN

ANIMALS, wie sich die Band selbst

gerne beschreibt. Ein einzigartiger

und elektrisierender musikalischer

Mix: Die Bandmitlieder stammen

aus allen vier Himmelsrichtungen

und sind in verschiedensten Musikgenres

verwurzelt. Bei Faela!

ziehen sie aber an einem Strang

und machen aus Jazz, Reggae und

verschiedenen Latin-Genres eine

explosive Fusion, bei der es sich wie

von alleine tanzt.

13.8. 21:00. Fanialive, U-Bahnbogen

22–23 (U6 Thaliastraße),

1080 Wien. 15 €

Gum Bleed

Elektrisierender Punk Rock aus

Beijing. Seit 2006 rocken die Gum

Bleed die Bühnen Chinas und sind

heuer erneut auf Europatour, um

ihre Fans mit dem von den Sex Pistols,

The Clash und The Casualties

beeinflusstem Sound mitzureißen.

16.8. 20:00. Kramladen, U-Bahnbogen

39–40, Lerchenfeldergürtel,

1080 Wien. 10 €

© Gum Bleed © Faela!

Armes Theater Wien

zu Gast im Bockkeller

Serge hat sich für eine beachtliche

Summe ein Gemälde gekauft: weiße

Streifen auf weißem Untergrund.

An diesem Bild entzündet sich der

Streit zwischen drei Freunden, in

dessen Verlauf sich ihr Leben und

ihre Beziehungen grundlegend ändern.

Serge begeistert sich für das

Gemälde, Marc bekämpft es auf

das Heftigste, und Yvan bezieht, da

er es sich mit keinem der anderen

verderben will, keine Stellung. Das

Kunstwerk dient als Katalysator, mit

dessen Hilfe Yasmina Reza auf psychologisch

fein gezeichnete Weise

die drei Männer, ihre Gefühle, ihre

Befindlichkeit, ihre Freundschaft,

ja ihr gesamtes bisheriges Dasein

auf den Prüfstand stellt — eine

wortgewandte Komödie über die

Halbwertszeit von Freundschaften

für ein furioses Schauspieler-Trio.

Yasmina Reza über ihr Stück: „Lachen

schützt, entschärft, erleichtert,

rettet. Sinn für Humor zu haben,

in der erhabenen Bedeutung des

Wortes, also nicht nur über Witze

zu lachen, sondern über sich selbst

lachen zu können, ohne Tabu, und

jederzeit von Lachen geschüttelt zu

werden — das ist eine beneidenswerte

Gabe. Wer sie hat, ist vom

Schicksal oder von den Göttern

gesegnet. Das Lachen stellt das Vertrauen

in uns selbst wieder her, es

erhebt uns über die Situation. Das

Drama von ‚Kunst‘ ist ja nicht, dass

sich Serge das weiße Bild kauft, sondern

dass man mit ihm nicht mehr

lachen kann. Wenn Sie mit einem

Freund lachen können, dann können

Sie alle möglichen Differenzen

mit ihm haben. Sie können sogar

schwarzweiß denken, bis zu einem

gewissen Grad, wenn Sie über diese

Differenzen lachen können, denn

eine Freundschaft ist jenseits von

Meinungen begründet. Wenn man

nicht mehr lachen kann, gewinnt die

Meinung die Oberhand, und es gibt

nichts mehr jenseits von ihr.“ von

Yasmina Reza Regie: Erhard Pauer.

Mit Peter Kratochvil, Aris Sas und

Jörg Stelling.

15.8. 20:00. Wiener Volksliedwerk

im Liebhartstaler Bockkeller. Ermäßigt:

12 €. VVK: 19 €. AK: 21 €


Gürtel

Nightwalk

XXII

NOX

Party / DJ-Line

Stadtbahnbögen 70–71

Text: Ottakringer Flaneur

Der Lerchenfelder Gürtel genießt einen

Ruf wie Donnerhall. Einerseits

beliebt beim Wiener Jungvolk für

zahlreiche Lokale, Clubs und Gasthäuser,

in denen bis zum Morgengrauen

gefeiert werden kann. Andererseits

gefürchtet bei Pensionisten und Eltern

wegen des ewigen Katz- und

Mausspiels zwischen Polizei und

Kleinkriminellen. Übersehen wird

dabei gerne, dass Wien nicht nur

regelmäßig zur lebenswertesten Stadt

der Welt erklärt wird — nein, auch

zu einer der sichersten in Europa

gehört. In anderen Worten: Liebe Erziehungsberechtigte,

blutige Nasen

holen sich Ihre Sprösslinge eher auf

dem Fußballplatz als beim nächtlichen

Rambazamba auf dem Gürtel. Am 31.

August findet nun der seit 22 Jahren

zelebrierte Gürtel Nightwalk statt —

mit einem opulenten Programm und

der sympathischen Idee, alle Lokale

zwischen der U6-Station Alserstraße

und Thaliastraße einzubinden. Neben

Kunst und Kino bieten Bands und DJs

ein vielfältiges Programm zwischen

Indie Rock und Salsa im Fania Live

bei der U-Bahn Station Thaliastraße.

Eröffnen werden den Abend um

18:30 Uhr die meinungsstarken und

twitteraffinen Gebrüder Moped im

Café Carina. Wer es ruhiger mag,

kann sich ab 21:00 Uhr „Das Ende ist

erst der Anfang“ am Durchgang Laudongasse

anschauen — ein kauziger

Thriller vom belgischen Regisseur

Bouli Lanners, den manche Kritiker

mit dem allseits beliebten Quentin

Tarantino vergleichen. Auf den vier

Open-Air-Bühnen vor dem Chelsea,

dem Rhiz, dem Loop und dem B72 treten

die lokalen Acts „Dun Field Three”

(Rhiz 21:00 Uhr) auf, die jüngst ihre

Debut-CD präsentiert haben und mit

ihrem knalligen, düsteren Rocksound

14 22. Gürtel Nightwalk am 31. August 2019 als Geheimtipp des Abends gehandelt

werden. Die nerdigen Garagenrocker

„Siamese Elephants” lassen es um

21:00 Uhr vor dem B72 krachen und

damit sich alle Bands gegenseitig das

Publikum wegnehmen, wird ebenfalls

um 21:00 Uhr „Yakata” die Bühne vor

dem Loop entern und ihren eigenwilligen

Pop, geprägt von 80iger-Synthesizern

und Chris-Isaac-Gitarren,

vortragen. Das Management von

Wanda betreut die Band Strandhase,

die um 20:00 Uhr vor dem Chelsea

ihren tighten Indierock mit cleveren

Texten präsentiert. Ob man allerdings

mit dem Namen „Strandhase” eine

ähnliche Karriere wie Wanda hinbekommt,

sei dahingestellt. Das Coco

setzt einen Frauenschwerpunkt und

CAFE CARINA

bietet mit Agnes Milewski melancholisches

Songwriting, das in den besten

Momenten an Joni Mitchell erinnert

und auf angenehme Weise auf den

anstehenden Herbst vorbereitet. Das

„Palms Orchestra” tritt im Kramladen

um 23:00 Uhr auf, ihre Selbstbezeichnung

lautet “Tropical Gothic”. Die

Frage muss erlaubt sein: Passen Kajalstift

und Bananenrock zusammen?

Aber das Schöne ist ja, dass man sich

beim Flanieren am Gürtel überraschen

lassen kann, was die Wiener Szene zu

bieten hat. Bei 20 Lokalen und über

60 Acts ist garantiert für jeden etwas

dabei.

B72

OPEN AIR

20:00 Yokohomo

21:00 Siamese Elephants

INDOOR

22:00 Dj: Der Karl

Hernalser Gürtel Bogen 72–73

VOLXKINO

21:00 “DAS ENDE IST ERST DER

ANFANG”

BE/FR 2015, 93 min., OmU / Regie:

Boulie Lanners, mit Suzanne

Clément, Michael Lonsdale

Durchgang Laudongasse,

1080/1160 Wien

KUBUS VALIE EXPORT

Kunst- und Musikperformance

made by women. Alle Einnahmen

werden Organisationen gespendet,

die die Interessen von Frauen in den

Mittelpunkt rücken.

Lerchenfelder Gürtel, Bogen 48

18:30 Eröffnung

GÜRTEL NIGHTWALK XXII

GastgeberInnen: Stefanie Vasold

(Klubvorsitzende SPÖ Josefstadt),

Stefanie Lamp (Bezirksgeschäftsführerin

SPÖ Ottakring) und Peter

Jagsch (Bezirksvorsteher Stellvertreter,

SPÖ Hernals).

Gebrüder Moped Kabarett

19:30 Vienna Samba Project

21:00 kukuč

22:00 PACHECO

23:00 Fetz‘n Fisch

01:00 Karaoke-Show

danach: Dj Kollektiv Team

Im Stationsgebäude der U6

Josefstädter-Straße

KRAMLADEN

22:00 David Howald

23:00 Black Palms Orchestra

24:00 Dj-Line: Viennalizm

U-Bahnbogen 39–40


15

Ottakringer Flaneur

Vor 22 Jahren waren es vier Lokale, die am

Nightwalk teilgenommen haben. Heute können

sich die Gäste auf 60 Acts, 150 Stunden Musik

in 20 Locations freuen. © M. Nachtschatt

INDOOR:

22:00 Djane Likely Lady & Dj Erv

U-Bahnbogen 29–30

WIENSTATION

ab 21:00

TRAM HAPAT

NO GODS

The Chaos Circle

U-Bahnbogen 28

LOOP & GÜRTELBRÄU

OPEN AIR

19:00 Good Wilson

20:00 KRAYNE

21:00 YAKATA

RHIZ

OPEN AIR:

20:00 Shamamas

21:00 Dun Field Three

INDOOR:

22:00 Bruch

23:00 The Painting Faces

Dj-Line: Merkwürdig

U-Bahnbogen 37

CAFE CONCERTO

WINTERGARTEN

20:00 DJn Betty Shine

06:00 AFTERHOUR mit Noize

Director

GEWÖLBEKELLER

22:00 Facelift

23:00 DubTalks

24:00 DJ Monty Burns

Lerchenfelder Gürtel 53

WEBERKNECHT

GEWÖLBEKELLER:

22:00 Hopetilldecember

(Metalcore)

23:30 AREVO (Ska)

01:00 STAY-due-BEAUTY

(Punkrock)

DJ-Line: Noize Director & friends

LOUNGEFLOOR:

19:00 OLGAS BORIS

19:50 SÓL

20:40 The Boy I Used To Be

21:30 AMSEL

22:20 Skofi

23:10 Karli Braun

00:00 DJ Greenpenys

BARFLOOR:

ab 18:00 music by the crew

Lerchenfelder Gürtel 49

ROTER BOGEN

22:00 DJane TNT

U-Bahnbogen 36

COCO

23:00 Agnès Milewski & Band

24:00 Fell In Love With A Girl

01:00 Resident DJs

U-Bahnbogen 34–35

CHELSEA

OPEN AIR:

20:00 Strandhase

21:00 Scarabeusdream

LOOP INDOOR:

22:30 Aramboa

23:30 DJ-Line: Assim Collective

U-Bahnbogen 26–27

FANIALIVE

23:00 KCK

24:00 Tropical Beats All Star DJ-Line

U-Bahnbogen 22–23

THE LOFT

CAFE

Ines Kolleritsch

UNTEN

Kaelani

FLUUR

Dj-Line: Dachsmilch

OBEN

Dj-Line: Conny Wanjek, Wario, Gal

Bourdin

WOHNZIMMER

Mixmasta Albin & Kapazunda

Lerchenfelder Gürtel 37


16

Veranstaltungen im September

Mondscheinbazar #29 — Der

Wiener Nachtflohmarkt

100 Stände, Foodtrucks, ein großer

Außenbereich mit musikalischer

Verstärkung von Agnes Milewski.

7.9. 17:00–23:00.

Ottakringer Brauerei Eintritt 3 €

an der Abendkassa. Kinder bis 12

Jahre Kostenlos.

Undergroundwrestling

Herbstshow

Wie immer mit den bekannten

WUW-Stars, sowie einigen speziellen

Gästen aus dem Ausland . Einer

unserer Gäste aus den USA bringt

es auf 360 Pfund Lebendgewicht !!!

8.9. Einlaß: 15:30, Beginn 16:00.

Weberknecht, Lerchenfelder Gürtel

49, 1160 Wien. 12 €

Vortrag: Jane Goodall

Pionierin, Verhaltensforscherin,

Umweltaktivistin, UN-Friedensbotschafterin,

Dame of the British

Empire, Gründerin einer weltweiten

Jugendorganisation, u.v.m. – diese

Titel sind Ausdruck eines langen,

arbeitsamen Lebens. Mit 85 Jahren

kommt die international gefeierte

Ikone noch einmal nach Wien um

ihr Leben mit all seinen Höhen und

Tiefen Revue passieren zu lassen.

10.9., Einlass 18:00, Vortragsbeginn:

19:30. Meinls RÖSTHALLE,

Julius-Meinl-Gasse 3–7, 1160

Wien. Ermäßigt: 19 €. VP: 35 €

© Vincent Calmel

Ottakringer Kirtag

40 Jahre Jubiläum

Von Freitag, den 13. September bis

Sonntag, den 15.September wird in

Ottakring wieder kräftig gefeiert.

13.–15.9.

Für drei Tage verwandelt sich der

Alte Ort in Ottakring, Ottakringer

Straße 200, zum größten Open

Air Festival und Rummelplatz nach

dem Wiener Donauinselfest.

16er Buam

Wienerisch, Virtuos, Pointiert seit

1994!

Aus dem Wiener Musikantentum

kommend wirken die zwei Ottakringer

Vollblutmusiker und Virtuosen

auf ihren seltenen Instrumenten

weit über das Genre Wienerlied

hinaus. Und das tun die 16er Buam

musikalisch herausragend, humorvoll

pointiert und nicht ganz frei

von Satire.

15.9. 11:00–13:00.

beim Ottakringer Kirtag

The Telescopes — Sneers. —

Baits

Beim „Exploding Head Syndrome“

— so nannte John M.S. Pearce das

© 16er Buam

© Lily Kowski

von Robert Armstrong-Jones in den

1920er Jahren erstmals beschriebene

Phänomen – handelt es sich

um eine ungewöhnliche akustische

Halluzination, einen Zustand, bei

dem die Betroffenen im Halbschlaf

explosionsartige Geräusche wahrnehmen,

oftmals in Verbindung mit

zuckenden Blitzen.

Ist das noch Komposition oder

schon Illusion? Wie der Titel Exploding

Head Syndrome vermuten

lässt, spiegelt dieses Album den

Sound eines Geistes wider, der sich

auf seiner ganz persönlichen Suche

nach grundlegender Klarheit bis in

die tiefsten Tiefen seiner inneren

Zerrissenheit vorwagt.

Gegründet im Jahr 1987, erwiesen

The Telescopes sich schon bald

als innovative Melodic-Noise-Band

und wurden nicht nur für ihr Publikum,

sondern auch für zahlreiche

Kunstschaffende zu einer wichtigen

Inspiration.

Vorprogramm:

Die Noise-Band SNEERS aus Italien

und frischer Garagenrock von den

aus Wien stammenden BAITS.

18.09. 20:00. Kramladen. U-Bahnbogen

39–40, Lerchenfeldergürtel,

1080 Wien. 14 €

LYDIA LUNCH & MARC

HURTADO perform ALAN VEGA

and SUICIDE Songs

Suicide darf man getrost als eine der

einflussreichsten Bands überhaupt

© Manfred Rahs


17

Ottakringer Flaneur

bezeichnen. Als sie sich 1970 gründeten,

schufen Alan Vega und sein

Partner Martin Rev mit Synthesizern

und einfachen Drum-Maschinen

einen Sound, der Synthie

Pop, Techno, Industrial, Noise, Punk

und Techno vorwegnahm. Dabei

spielten Suicide einen eklektischen

Rockabillysound mit elektronischen

Mitteln und Alan Vega gluckste

und hiccupte sich durch die Songs

wie ein betrunkener Hillbilly-Barde.

Neu war die Attitüde, die Punk

vorwegnahm und ein Sound, der

in den 70igern schon so 80s war,

dass man sich wundert, warum die

80er immer noch als stilbildend

für heutige Popmusik bezeichnet

werden. Wenn sich nun die New

Yorker Punk-Ikone Lydia Lunch und

der in Marokko geborene Marc Hurtado

dranmachen live Suicide ihren

Tribut zu zollen, wird das Chelsea

voller Lederjacken tragender älterer

Semester sein und der Bierumsatz

im altehrwürdigen Gürtellokal dürfte

an Champions-League-Endspiele

heranreichen.

20.9. CHELSEA, U-Bahnbogen

29–30, Lerchenfeldergürtel, 1080

Wien. VVK: 21 €. AK: 24 €

GINMARKT Wien

Im „Hefeboden“ und „Hopfenboden“

der Ottakringer Brauerei in Wien

wird zum dritten Mal das Lifestyle

Getränk Gin gefeiert. Gin Produzenten,

Barkeeper und Brandmanager

präsentieren neben den ganz

großen auch viele kleinere, neue

Gin-Brands. Im Zentrum steht einmal

mehr „Queen Mum’s Klassiker“

das Gin Tonic. Live-DJs sorgen für

ausgelassene Partystimmung.

20. & 21.09. 16:00–22:00.

Ottakringer Brauerei,

Ottakringer Platz 1, 1160 Wien

© Rainer Mirau

Austrofred

Franz Adrian Wenzl aka Austrofred

ist das, was man gemeinhin als

Rampensau bezeichnet. Egal, ob er

als Frontmann seiner Band Kreisky

auftritt, auf der Theaterbühne im

Theaterstück von Sybille Berg „Immer

Gut Essen“ als Hauptdarsteller

brilliert, als Schriftsteller einen

fiktiven Briefwechsel mit Wolfgang

Amadeus Mozart - Titel: „Du kannst

Dir Deine Zauberflöte in den Arsch

schieben“ — verfasst oder eben

als Austrofred Queen-Songs mit

österreichischen Dialekttexten

versieht: Die große Show ist immer

auf Wenzls Seite. Wenn „We Will

Rock You“ mit dem Ambros-Text

„Schifoan“ versehen wird, ist es als

ob ein Gleichnis über Österreich

aufgeführt wird. Stadionrock trifft

Austropop, die längst vergangene

Größe der Republik spiegelt sich

im provinziellen Text über des Österreichers

liebstes Hobby — Größenwahn

und Kleingeisterei reichen

sich die Hände. Dann wundert man

sich gar nicht mehr, was alles so

gehen wird in der Republik und

vielleicht ist man mit Austrofred

näher am Kabarett als am „lustigen

Konzert“. Nur die große Wenzl-Show

verhindert, dass wir das merken.

24.9. CHELSEA, U-Bahnbogen

29–30, Lerchenfeldergürtel, 1080

Wien. VVK: 18 €. AK: 22 €

© Ingo Pertramer

The Division Men aus Texas

Das Desert Noir Duo aus Austin,

Texas, stellt auf der Bühne des Fania

Live das neue Album „Niños

Del Sol“ vor. Dunkle Klänge akustischer

Gitarren und eindringlicher

Gesang bringen das Publikum über

die Wüste des US-amerikansichen

Südens bis zur Grenzstadt El Paso,

die dem Ehepaar J. Spencer Portillo

und Caroline Rippy Portillo als Inspirationsquelle

ihrer musikalischen

Werke diente. Wer eine Schwäche

für den Sound von Sängern wie

Nick Cave oder Johnny Cash hat, der

kann sich auf einen wird an diesem

Konzert seine Freude haben.

10.10. Einlass: 20:00 Konzertbeginn:

21:00. Fanialive, Gürtellinie

U-Bahnbogen 22–23 (U6 Thaliastrasse),

1080 Wien

Museum auf Abwegen

Ottakring

Eröffnung: Sa 05.10. 18:00.

am Eröffnungstag ist die Grundsteingasse

Fußgängerzone

1160 Ottakring

Dauer: 5.–19.10.

Öffnungszeiten:

Mi–Sa 17:00–20:00.

Finissage: 19.10. ab 17:00.

© The Division Men


18

Heurigenkalender 2019

Auf fünf

Spritzer

zum ...

Heuriger Leitner

Mit einem wundervollen Blick auf die Dächer

Wiens können Sie hier ein Glas Wein genießen

begleitet von einer Stelze oder einem Bratl.

Reservierungen werden empfohlen.

Geöffnet bis 26. Oktober 2019

Dienstag–Freitag: 17:00–23:00

Samstag: 16:00–23:00

Sonntag & Montag Ruhetag

Sprengersteig 68

Weinbau Herrmann

Unter Weinlauben im Sonnenschein

oder auf der Veranda bei Regenwetter.

In der Buschenschank Weinbau Herrmann

wird seit 1982 der eigene Wein

ausgeschenkt. Die Spezialität des

Hauses: Kümmelbraten.

Ausgesteckt: 1.–9. August, 1.–16.

September, Oktober immer Samstag

und Sonntag ab 15.30 Uhr. Dienstag

& Mittwoch Ruhetag

Johann-Staud-Straße 51

Heurigenschank Zur blauen Nos’n

Eine Ausstellung mit Bildern vom alten Ottakring im

Eingangsbereich und musikalische Darbietungen von

einem Meister des Wiener Liedes Rudi Koschelu tragen

zu einem angenehmen Aufenthalt bei.

Wienerliedabend jeden ersten und dritten Montag im

Monat mit Rudi Koschelu und Marie Theres Stickler.

Geöffnet täglich ab 12 Uhr

Adresse: Johann-Staud-Straße 9A


19

Ottakringer Flaneur

Heuriger Sissi Huber

Der Gastgarten ganz unweit

der Straßenbahnlinie 2 ist mit

seinem mediterranen Ambiente

ist im Sommer ein Muss für

jeden Heurigenliebhaber.

Geöffnet 15:00–24:00

Sonntag & Montag Ruhetag

Roterdstraße 5

Heuriger Herrgott aus Sta’

10er Marie

Seit 1740 genießen Gäste im

ältesten Heurigen Wiens

nicht nur vorzüglichen

Wein ausschließlich aus

dem Eigenbau, sondern

auch regelmäßig stattfindende

Wienerliedabende

mit den größten Ikonen

des Genres. Immer einen

Besuch wert!

Geöffnet

Montag–Samstag:

15:00–23:00

Sonntag Ruhetag

Benannt nach einem der

bekanntesten Wiener Lieder

„Herrgott aus Sta“ von Karl

Hodina, ist der Heurige

nur zehn Minuten von der

U-Bahnstation Ottakring

entfernt. Das Highlight: Jeden

Donnerstag wird neben

einer exquisiten Auswahl

an Rot- und Weißweinen

die Stelze für zwei Personen

serviert.

Geöffnet

Mittwoch–Samstag:

15:00–23:00

Sonntag: 12:00–22:00

Montag & Dienstag Ruhetag

Speckbachergasse 14

Ottakringer Straße 222–224

Weinbau Stippert

Die Familie Stippert betreibt ihren Heurigen

in Ottakring bereits in der sechsten

Generation. Das Traditionshaus

schenkt überwiegend Weißweine aus

eigenem Anbau aus. Hausspezialität ist

der Ententag, der an jedem Donnerstag

stattfindet.

Geöffnet

Mittwoch–Samstag: 15:00–23:00

Sonntag Frühschoppen: 10:00–13:00

Montag & Dienstag Ruhetag

Ottakringer Straße 225

Gitti’s Heuriger

Das Ottakringer Wohlfühlplatzerl

ist pure Gemütlichkeit.

Gitti und ihr Team sind

nach der Übernahme des ehemaligen

Heurigen von Pepi zu

einem festen Bestandteil der

Heurigenkultur der Ottakringer

Straße geworden.

Geöffnet täglich 15:00–23:00

Ottakringer Straße 177

Fotos: © Ottakringer Flaneur. Kartendaten: © OpenStreetMap


20 Orte und ihre Geschicht

Zur Wahrung der Sitten wurde zudem

ein Alkoholverbot praktiziert, sowie

strikte Bekleidungsvorschriften, die

sich erst in den späten 1960er-Jahren

allmählich lockerten: „Freilich wird

auch hier getwistet und geslopt, daß

die Sohlen rauchen, aber von Haus

aus darf nur der in den Saal, der eine

Krawatte trägt und bei dem auch

Haarschnitt und Benehmen in Ordnung

sind“, wusste eine Tageszeitung

über die Türpolitik zu berichten. Im

selben Artikel wurden auch Vergleiche

mit konkurrierenden Etablissements

des Wiener Nachtlebens gezogen und

mit einer erfreulichen Feststellung

garniert: „Hier ist nichts von jener

schwülen und gefährlichen Atmosphäre

zu finden, die manche Kellerlokale

'auszeichnet'. Und der Erfolg

zeigt, dass der überwiegende Teil der

Jugend bei aller 'Tanzwut' und Lebensfreude,

ja doch durchaus positiv

eingestellt ist.“

1 Bildstrecke für eine Werbekampagne

des Star Club Wien, ca. 1968

2 Bekannt aus Funk und Fernsehen:

Popstar Udo Jürgens bei einer

Signierstunde im Star Club Wien

Bis in die späten 1960er-Jahre buhlte

der Star Club mit einem eigenen Club-

Maskottchen (Hamster Emmerich),

Schallplattenveröffentlichungen, Tombolas,

Band- und Tanzwettbewerben

und sogar einer hauseigenen Hitparade

um die Gunst des Publikums,

um die Führungsposition unter den

Jugendclubs der Stadt zu verteidigen.

Erst die Etablierung der sogenannten

Disc-Dancings ab den frühen 1970er-

Jahren, den ersten grösseren Diskotheken

im Wiener Raum, die den klassischen

Tanzveranstaltungen allmählich

das Wasser abgruben, liessen die

Besucherzahlen des Star Clubs empfindlich

schrumpfen. Als Hannes Patek

seine Tätigkeit als Conférencier ruhend

stellte, um eine Karriere als Comedian

zu lancieren, bemühten sich

noch Rundfunk-Legenden wie Peter

Rapp oder Evamaria Kaiser um seine

Nachfolge, doch vergebens. Der große

Glanz des Jugendclubs war dahin, wie

auch die Hochphase des heimischen

Beat-Movements insgesamt im Schwinden

war. Es war eine beschwingte

Reise aus der vorstädtischen Obskurität

hinein ins grosse Rampenlicht

und dann wieder zurück: Der Abgang

des Star Club Wien signalisierte das

Ende einer Ära.

1

2


21 Ottakringer Flaneur

3 Auf der Bühne des Star Club Wien:

Das Vienna Rambler Sextett, ca. 1962

4/5 Seltene Momentaufnahmen aus

dem Star Club Wien, ca. 1961

6 Showmaster der Herzen: Die Wiener

Rockabilly-Ikone Hannes Patek, ca. 1962.

Fotos: © Trash Rock Archives

3

4

6

5


22 Sounds of Suburbia

© Rosa Danner

Als EsRap am 28. Juni auf dem Ottakringer

Yppenplatz ihr durch Crowdfunding

finanziertes Debutalbum „Tschuschistan“

präsentierten, hat man einen

kleinen Trick angewendet. Das Open-

Air-Konzert wurde offiziell als Demonstration

abgehalten. Natürlich

hätte man auch in einen der umliegenden

Clubs gehen können, aber

man hätte nicht die erreicht, für die

EsRap angetreten sind, ihre Stimme

zu erheben: Die Kids auf der Straße,

in den Parks, diejenigen, für die ein

Clubbesuch unmöglich ist, weil sie

das Geld nicht haben oder ihr Gesicht

dem Türsteher nicht passt.

Eine Demonstration war es nicht nur

von EsRaps eigener Idee von Rap, die

sich wie maßgeschneidert um die kulturelle

Vielfalt von Ottakring schmiegt:

Orientalisch anmutende Refrains, dargeboten

von Sänger Enes, der osmanische

Volksmusik und europäischen

Pop mit arabisch beeinflussten Melodielinien

versieht, dazu der aggressiv

fordernde Rapstil seiner Schwester

Esra – unterlegt mit Beats aus der

Werkstatt von Freshmaker, einem der

gefragtesten heimischen Produzenten.

Eine Demonstration war es auch in

Sachen Selbstermächtigung. Das heißt,

einen Ort für sich zu schaffen, in dem

die Marginalisierten nicht nur einen

Platz haben, sondern selbstbestimmt

leben können. Ein Utopia, das im spielerischen

Ausruf des Staates „Tschuschistan“

an Konzepte, wie George

Clintons P-Funk und den kosmischen

Jazz Sun Ras erinnert, die in comichafter

Überzeichnung, den Weltraum

als erträumten Zufluchtsort vor Rassismus

und Ausgrenzung für sich deklamierten.

Die Bühne gehörte nach dem Konzert

für wenige Minuten den Unsichtbaren.

Sie tanzten ausgelassen, bis der Strom

abgedreht wurde, weil sie sich endlich

trauten, sich zu zeigten. Sie wussten:

Das hier ist unsere Party. EsRap hatte

ihnen eine Stimme gegeben.

Rapperin Esra wirkte dabei wie eine

Mischung aus Sozialarbeiterin und Patin.

Es ist ihre Stärke, in eigener Sprache

Ross und Reiter zu benennen. Mit der

Energie eines Kraftwerks rappte sie zu

rasend schnellen Balkan-Offbeats, die

die Band Gasmac Gilmore zum Konzert

beisteuerte: „Du hast Privileg, ich hab’

Freunde dabei. Du hast Polizei, ich

hab‘ Brüder dabei, ich hab‘ Schwestern

dabei, ich hab‘ Tschuschen dabei, ich

hab‘ Ottakring dabei!“ Und das alles

trägt sie in einer Intensität und Dringlichkeit

vor, die im sonst so coolen

Wien einzigartig ist. Der Ottakringer

Flaneur traf Esra und und Enes zu einem

Interview.

„Du fühlst

dich als Apfel,

sollst aber eine

Orange sein.“

Ottakringer Flaneur: Ihr beide seid

in Ottakring aufgewachsen, oder?

Enes: Ja. Ich bin auch hier zur Schule

gegangen, hinter der Manner-Fabrik

Esra: Meine Mutter dachte, dass sie

mich besser in eine andere Schule

schickt, wo nicht so viele Türken sind.

Dann bin ich im 8. Bezirk bei der

Josefstädter Straße in die Schule gegangen.

Später haben wir in Sandleiten

gewohnt.

Ottakringer Flaneur: Hat man hier

eher Freunde aus der türkischen

Community oder ist das durchmischt?

Esra: Bevor wir nach Sandleiten übersiedelt

sind, haben wir in einem typischen

Haus voller Gastarbeiterfamilien

gewohnt. In der Volksschule waren wir

sehr durchmischt. Dort war ich in einer

Klasse mit vielen ausländischen Kindern.

Es gab viele Türken, ein paar

Serben und Kroaten und ja: Das war‘s

eigentlich.

Ottakringer Flaneur: Andere

Freunde hast du erst auf der Uni

getroffen?

Esra: Nein, meine Eltern haben gesagt,

ich solle die Matura machen. Sie schickten

mich ans Sportgymnasium, weil

ich Basketball gespielt habe. Da war

ich die einzige Türkin in der ganzen

Klasse. Und das war wirklich schrecklich,

das hat nicht funktioniert. Ich

habe dort viel Rassismus erlebt, aber

nicht so einen direkten, sondern eher

indirekten – ich habe gemerkt wie sie

meine Sprache nachmachen. Irgendwann

war ich an dem Punkt, wo ich

mit niemanden mehr geredet habe.

Ottakringer Flaneur: Hat sich da

heute etwas verändert?

Esra: Von den Workshops her – mein

Bruder und ich unterrichten in der

Schule Hip Hop – glaube ich, dass es

insgesamt noch so ist. Im Gymnasium

bist du, wenn du als Türke in eine

österreichische Klasse kommst, immer

noch ein Opfer. An den Hauptschulen

ist es anders. Musik wirkt dort sehr

verbindend und die Mädels sind ein

bisschen frech und sehr selbstbewusst.

Ottakringer Flaneur: Das Selbstbewusstsein

der Kinder in der Hauptschule

haben die Schüler im Gymnasium

nicht?

Esra: Was mich bewusst runtergezogen

hat, war das Gymnasium. Du bist einfach

nicht du selbst dort. Du fühlst

dich als Apfel, sollst aber eine Orange

sein. Ich hatte im Gymnasium das Gefühl,

ich muss etwas sein, was ich einfach

nicht bin und das macht unglücklich

und innerlich leer.


23

Ottakringer Flaneur: Aber was ist

die Alternative? Heute reden doch

alle davon, wie wichtig Bildung ist

– gerade für Migrantenkinder

Enes: Es gibt auch Schulen, an denen

du eine Ausbildung machen und danach

studieren kannst. Diese Schulen

sind viel durchmischter, dort funktioniert

es besser.

Ottakringer Flaneur: Wer muss

sich wem anpassen, damit sich

das verändert?

Enes: Das Wort Assimilierung gibt mir

ein schlechtes Gefühl. Mein Opa war

so ein Mensch, der sagte: Passt euch

an, seid leise auf der Straße. Er war

Gastarbeiter und hatte immer Angst,

etwas falsch zu machen. So wollte ich

nicht sein.

Esra: Ich war in den USA und dort

hatte ich das Gefühl, dass die Leute

das ausleben, was sie sind und dadurch

die Annäherung viel besser funktioniert.

Wenn ich hier das Wort Anpassung

höre, habe ich immer das Gefühl,

ich muss etwas von mir auf die Seite

geben. Das Wort Assimilierung legt

mir nahe, nicht mehr so „tschuschenhaft“

zu sein. Aber will ich das? Wenn

ich in einer komplett österreichischen

Gruppe bin, dann versuche ich krampfhaft

besser deutsch zu sprechen. Aber

eigentlich ist es mir peinlich, extrem

integrativ zu sein.

Ottakringer Flaneur: Hat sich deine

Perspektive

über die Jahre

verändert?

© Daniel Shaked

Tschuschistan

Esra: Umso älter

ich werde, desto

besser kann ich

argumentieren,

warum und wie

ich etwas mache.

Wurde ich früher

nach meiner Religion

gefragt,

dachte ich mir:

Scheiße, was sag

ich jetzt? Wenn

ich sage, dass ich

Muslimin bin,

glauben sie, dass

ich Antifeministin

sei oder als

Muslima nicht

zu Österreich gehöre.

Migration

heißt aber nicht,

dass ich etwas

ablegen muss,

sondern, dass ich

der Mehrheitsgesellschaft

etwas

hinzufüge.

Ottakringer Flaneur: Eure Eltern sind

Migranten, ihr seid hier aufgewachsen.

Was hat Euch mehr geprägt –

die Familie oder euer Umfeld?

Enes: Unser Vater hat uns beigebracht,

keine Vorurteile zu haben – zum Beispiel

Obdachlosen gegenüber. Wenn

andere Eltern ihre Kinder von denen

weggezogen haben, hat unser Vater

immer gesagt: „Urteilt nicht über die

Menschen!“

Esra: Wir hatten Schwule und Lesben

in der in der Klasse. Immer wenn sie

geärgert wurden, stand ich immer hinter

ihnen. Wenn jemand gemobbt wurde,

war ich immer die große Schwester.

Auch bei unseren Workshops merkt

man, dass viel gemobbt wird. Gerade

dann, wenn Männer über Frauen sprechen,

kann man sich oft nur fremdschämen.

Diese Werte kamen immer

von Zuhause. Ich habe aber nie gehört,

dass meine Mutter oder mein Vater

jemanden ausgelacht haben.

Enes: Es hat etwas mit der menschlichen

Psyche zu tun. Jemand, der andere

Menschen auslacht, der hat meistens

selbst Probleme in seinem Leben. Ich

habe Interviews aus der Türkei gelesen,

wo sich drei Millionen syrischer Flüchtlinge

befinden. Auch dort kommt

heraus: Ja, die Araber sollen weg. Ich

glaube, es ist immer eine innerliche

Frustration, die beim Rassismus herauskommt.

Ottakringer Flaneur: Wenn

Rassismus immer da ist, hat das

den Grund, warum ihr euer Album

„Tschuschistan“ genannt habt –

ein eskapistischer imaginierter

Ort, an dem man all das abschütteln

kann?

Esra: Wir sagen mit unserem Album

einfach: Ihr seid nicht allein, wir machen

uns die Welt ein bisschen besser.

Es ist schwierig, Migrant zu sein. Wir

Türken wollen vielleicht draußen den

Teppich säubern, wir wollen gerne auf

dem Balkon Tee trinken und uns unterhalten.

Aber was passiert? Sofort

kommt eine Beschwerde. Man will vielleicht

draußen das Auto waschen. Beschwerde.

Man will Sonnenblumenkerne

essen. Beschwerde. Alles ist verboten

– man muss sich immer verstecken.

„Tschuschistan“ ist das Gegenkonzept

dazu.

Text: Lars Bulnheim

Interview: Ottakringer Flaneur

EsRap live am 20.9. Rabenhof Wien / EsRap

treten im Rahmen der Reihe Literatursalon im

Gemeindebau mit Dirk Stermann auf.

Das aktuelle Album „Tschuschistan“ ist am

Berliner Springstoff Label erschienen und

im Recordstore Ihres Vertrauens bzw.

den üblichen digitalen Kanälen erhältlich.

Sounds of Suburbia


24 Rundgang

KunstModeDesign

Herbststraße: Zurück

zum Handwerk

Matura und künstlerisches Handwerk:

Die KunstModeDesign Herbstraße ist

eine HLA, die sich zu einer Talentschmiede

auf immer mehr künstlerischen

Ebenen entwickelt.

Beim Betreten des Schulgebäudes in

der Herbststraße 104 merkt man sofort,

dass hier eine für Schulen ungewöhnliche

Atmosphäre herrscht. In einem

Geschoss des siebenstöckigen Gebäudes

befindet sich ein umgebauter

Snackautomat, in dem kleinere Kunstwerke

zum Kauf angeboten werden;

aus dem Keller ertönt metallischer

Lärm von Kreissägen; in den Gängen

sind Modedesign-Skizzen, fertige Keramik-

oder Textilarbeiten ausgestellt.

Mit Kreide beschriebene Schultafeln

findet man wenige.

140 Jahre Textiltradition

Gegründet wurde die KunstModeDesign

Herbstraße ursprünglich 1873 im

sechsten Bezirk als Kunststickereischule

im Zuge der Wiener Weltausstellung

im selben Jahr. Ziel der Ausbildungsstätte

war es, Frauen über

das Erlernen eines Handwerks den

Einstieg in das Berufsleben zu ermöglichen.

1945 zog die Schule aus

dem im Krieg beschädigten Gebäude

in der Mollardgasse nach Ottakring

in die Herbststraße 104, wohin heute

Schülerinnen und Schüler aus der

ganzen Stadt kommen, um auf dem

Weg zur Matura künstlerisches Handwerk

zu lernen.

Bis in die 1970er Jahre war das Lehrangebot

auf Berufe zugeschnitten, die

damals Frauen zugeordnet wurden.

Eine Durchmischung tritt erst mit der

Eröffnung der Höheren Lehranstalt

für Mode und Bekleidungstechnik

und für künstlerische Gestaltung ein.

Handwerk wird hier großgeschrieben

„Die KMD Herbststraße ist heute eine

HLA mit Matura, die bei uns in zwei

Bereiche gegliedert ist: Der Zweig

Kunst umfasst die Werkstätten Metall,

Holz und Keramik, während im Zweig

Mode das Weben, die textile Oberflächengestaltung

und der Druck gelernt

werden.“, erklärt Hemma Pumhösl, interimistische

Fachvorständin Kunst

an der KMD.


25

Rundgang

Auslandsreisen in Mode- und Kunstmetropolen

gehören zum Programm,

genauso wie die Teilnahme an großen

Events, wie etwa bei der Vienna Fashion

Show am 14. September im Museumsquartier.

Dort werden ausgewählte

Modedesigns der Schülerinnen

und Schüler präsentiert.

Von der Aufteilung der Tätigkeiten

nach Geschlechtern bleibt heute keine

Spur. Im Gegenteil: Die regenbogenfarbene

Treppe, die zu einer der beiden

Druckwerkstätten führt, erinnert die

Schülerinnen und Schüler an den

Leitsatz, den sich die Schule auf die

Fahne geschrieben hat:

“Being Creative

Is Our Way

Of Life.”

Fotos/Text: Ottakringer Flaneur

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26 Architekturgeschichte

Hallo.

Ich stehe in der Nähe des Wilhelminenspitals

und für die, die ihn kennen,

gegenüber dem frisch sanierten Lobmeyrhof.

Ich schillere nicht. Ich bin

Durchschnitt. Ich bestehe aus drei Blöcken,

meine Fassaden sind Graubraun,

meine Fenster stehen in Reih und

Glied, meine Eingangstüren fügen sich

dem Raster. Selbst die Balkone betonen

einen geradlinigen Auftritt. Schief ist

hier nur die Straße, was ich natürlich

perfekt ausgleiche, man beachte die

versetzten Fensterreihen. Wer nicht

hier wohnt, schaut gerne weg, oder

schlimmer noch, rümpft die Nase. Für

viele bin ich der Inbegriff langweiliger

Architektur, ohne Gesicht, ohne Namen.

Auch wenn ich zugeben muss, einen

Namen hat man mir wirklich nicht

verpasst! Vielleicht aber wird das noch,

viele Gemeindebauten wurden erst

spät nach ihrer Errichtung getauft.

Ich bin ein Querdenker!

Meine drei Blöcke stehen quer zur

großen Straße und zu der hier sonst

dominierenden Blockrandbebauung.

Wer viel flaniert, weiß wovon ich spreche.

Blockrandbebauung heißt, ein

Grundstück maximal, also bis zur

Grundstücksgrenze zu bebauen. Tja

und das wiederum bedeutet für Flanierier,

sich entlang von meist grauen

Hauswänden zu bewegen. Das kann

ganz schön heiß werden in den Sommermonaten,

oder frisch, wenn der

Wind ungehemmt durch solche Straßen

fegt. Bei mir ist das anders.

Nicht nur durchbrechen die Grünstreifen

zwischen meinen Blocks das

städtische graubraun, nein, auch die

Dichte der Stadt wird aufgelockert.

Hier kann der Blick bis in die nächste

Straße schweifen. Ich bin Teil eines

Wohnbauprogrammes der 1950er Jahre.

Damals mussten schnellstmöglich

Wohnungen gebaut werden. Kein Firlefanz,

sondern schlichte Formen,

alles gerade und ordentlich und vor

allem günstig und einfach zu bauen.

Möglichst gleich auszusehen kann

auch ein politisches Statement sein,

Ausdruck von modernem Denken.

Heute mag man unter moderner

Optik vielleicht etwas anderes verstehen.

Bitte aber nicht vergessen, ich

bin ein Kind der Nachkriegszeit! Stichwort:

Wohnungsnot, Hunger und Armut

in den Städten, Sehnsucht nach Neubeginn.

Insofern erzähle ich durch

mein Aussehen ein Stück Österreichischer

Geschichte, vom Wandel der

Gesellschaft.

Das wichtigste ist natürlich, ich biete

Raum zum Wohnen, konkret 128 Wohneinheiten,

und dazu ganz viel Raum

zum Atmen.

Ich

schillere

nicht.

Ich bin

Durchschnitt.

Wie so oft bei Gemeindebauten wurde

auch bei mir auf das Grün dazwischen

geachtet. Bäume, Wiesen, Ruhezonen

mit Bankerln und Sandkisten für meine

kleinsten Bewohner und Bewohnerinnen.

Nicht zu vergessen, auch meine Wände

zieren farbenfrohe Kunstwerke! Der

Österreichische Maler Karl Hauk hat

sich hier verwirklicht genauso wie

Robin Christian Andersen. Die beiden

mögen vielen heute kein Begriff mehr

sein. Seinerzeit waren sie durchaus

prominente Zeitgenossen, im Wien

der 1950er Jahre. Andersen zum Beispiel

lehrte an der Akademie der bildenden

Künste, zu seinen Studenten

zählten Arik Brauer, Ernst Fuchs und

Lisl Engels!

Flaneure, aufgepasst: In den 1950ern wurden an

Gemeindebauten häufig Mosaike oder Sgraffitos

angebracht. Diese Wiener Besonderheit findet

derzeit internationale Beachtung und ist in Ottakring

allgegenwärtig – ihr findet sie in jeder Gasse.

© Haeferl, Wikimedia


27 Architekturgeschichte

Seht Euch die

Kunstwerke

doch am besten

selber an!

Text: Franziska Mayr-Keber

Das „Leben

am Wasser“ oder

„Ein Sommertag“

ist für alle Flaneure

gut sichtbar,

zumindest für die,

die nicht die Nase

rümpfen und einen

neugierig offenen

Blick wagen, auf

mich, den Gemeindebau

in der

Wernhardtstraße

12-16.


28

Ottakringer Live Ticker: Im Café Ritter

12:52 12:50

12:48

12:47 12:46

12:45

In seiner Kolumne besucht unser

Autor Tino Schlench ganz unterschiedliche

Plätze und Orte im 16.

Bezirk. Als teilnehmender Beobachter

hält er dabei protokollartig fest,

welche Szenen und Gespräche sich

um ihn herum ereignen. Diese werden

dann verfremdet (aber wirklich

nur ein bisschen).

Café Ritter.

Donnerstag, früher Nachmittag.

Im Café Ritter war ich seit Jahren

nicht mehr. Es ist also dringend Zeit

für einen erneuten Besuch. Bis zu meinem

nächsten Termin habe ich etwa

90 Minuten Zeit. Die Länge eines

Fußballspiels also.

Die in weiß gekleidete Bedienung grüßt

mich schon beim Betreten des Lokals.

Schön.

Von meinem Platz aus kann ich das

Kaffeehaus gut überblicken. Die Kellnerin

kommt prompt vorbei. Ich bestelle

eine Melange.

Direkt vor mir sitzt eine Vierergruppe

aus Männern im Alter von 50 bis 60

Jahren. Kartenspieler, vermutlich Tarock.

Neben ihnen stehen Messing-

Schalen für den Einsatz.

Die Melange wird serviert. Dazu gibt

es eine kleine Manner-Schnitte. Keine

Gewichtsangabe, doch eine Briefmarke

wird nicht viel weniger wiegen.

Zack und weg.

Meinl-Logo auf dem Tablett. Meinl-

Logo auf der Tasse (zweimal). Meinl-

Logo auf der Untertasse. Stimmiges

Ensemble.

13:14 13:09

13:08 13:07 13:06 13:05 13:01

13:00

12:58

12:57

12:55

Google-Rezension aus dem letzten

Jahr: „Erst nachträglich erfahren, dass

es außer Meinlkaffee auch noch richtigen

Kaffee gibt.“ Na toll.

Bisschen viel Milchschaum vielleicht.

Aber insgesamt doch sehr genießbar.

Ich sitze ab und an im Café am Heumarkt.

Dort wird man zum Teetrinker.

Die Tarock-Männer wiederum trinken

Soda Zitron, gespritzten Saft und

Almdudler. Kein Bier. Wirklich kein Bier.

Ist DAS noch Ottakring?

Es kommt noch ärger: Eine Frau Ende

20 setzt sich in die Nische zu meiner

Rechten. Sie packt einen Laptop aus

und bestellt ... Kaffee mit Sojamilch.

Der dandyhafte Mann am Fenster

hingegen bestellt das Mittagsmenü:

Suppe und Schnitzel.

Lautes Schnitzel-Klopfen aus der Küche.

Der Schnitzel-Dandy (graues Sakko,

gepflegter Bart) blättert derweil in

einer Zeitung.

Das Schnitzel-Klopfen aus der Küche

wird immer lauter. Ist das Viech denn

noch nicht tot?

Die Sojamilch-Frau rechts bestellt empört

einen Salat.

Der Schnitzel-Dandy bekommt seine

Vorsuppe. Die wird ihm nicht von der

Kellnerin, sondern von einem Ober

serviert. „Mahlzeit!“ – „Danke.“ – „Bitte,

gerne.“ Ausgesprochen höfliches Personal.

Facebook-Eintrag vom 22. November

2017: „Bin noch nie von einem Kellner

so beschimpft worden, wie von dem

großen grauhaarigen (Wolfgang??)

wir kommen NIE WIEDER!“ War das

eben der geläuterte Herr Wolfgang?

Optisch würde das schon passen.

Ein etwas verwirrt aussehender Teenager

mit Wuschelfrisur und Nickelbrille

betritt das Lokal. Wechselt zweimal

den Platz bevor er sich dann endlich

für den Tisch zu meiner Linken entscheidet.

Aus der Nähe betrachtet

wohl doch schon Anfang 20. Und sicher

Student. Der hat heute nichts

mehr vor.

13:16

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13:42

Der Schnitzel-Dandy wartet derweil

aufs Schnitzel und wirft der Sojamilch-Frau

einen verträumten Schnitzel-Blick

zu.

Das Schnitzel ist da und riecht bis

hierher. Nicht unangenehm.

Warum nicht mal in die Speisekarte

blicken? Ganz viele Bio-Produkte und

Regionales im Angebot. Der Hauswein

kommt vom Weingut Hugl-Wimmer

aus Ponyhof.

Oh, der Ort heißt Poysdorf.

Schöne Kuchenauswahl auch. Breites

Sortiment. Farblich dominiert ganz klar

die Trendfarbe beige. Facebook-Rezension

vom 30. Januar 2017: „Alles

aus echter Butter.“ Das schafft Vertrauen.

Zum Kuchen wäre so ein Ponyhof-

Spritzer eigentlich nicht so verkehrt.

Morgen ist Freitag und Freitag ist ja

fast schon Wochenende. Und mit einem

Kaltgetränk schmeckt ein Kuchen

ohnehin besser.

Der Teenager-Mann erhält Gesellschaft

von einem anderen Studenten.

Ähnliche Frisur, dafür weniger Locken

und leicht ausgedünnt. Zur Begrüßung

gibt’s ein Selfie.

Ich bestelle einen Spritzer und eine

Topfentorte. Die Bedienung schaut

verständnisvoll.

Endlich Streit in der Tarock-Truppe.

Der ist allerdings sofort beigelegt. Die

sind alle furchtbar herzlich und nett

zueinander. Muss am fehlenden Alkohol

liegen. Oh, mein Spritzer ist da!

Einer der Kartenspieler geht rauchen,

was vom Rest der Gruppe mit „Du

Oarsch!“ kommentiert wird. Nur ein

Raucher. Nur einer von fünf. Ist DAS

noch Ottakring?

Der Schnitzel-Dandy verlässt das Lokal

und wirft dabei der Sojamilch-Frau

einen letzten Schnitzel-Blick zu. Die

konzentriert sich aber auf ihre Notizen

(beige).


29

90 Minuten im Café Ritter

Cafe Ritter: Ottakringer Str. 117

Das Café Ritter ist täglich ab 9 Uhr

mit ganztägigem Frühstücksangebot

geöffnet: caferitterottakring.at

13:49

13:52

13:54

13:55

13:59

14:01

14:06

14:09

Teenager-Mann und Teenager-Mann-

Begleitung starren noch immer auf

ihr Smartphone. Einzeln, selbstverständlich.

Die Sojamilch-Frau wird angerufen.

Ganz sanfte Stimme. So ein Mensch

beutet keine Kühe aus.

Auch die Studenten reden jetzt miteinander.

Deutsche.

Der Teenager-Mann lacht wie eine

Teenager-Frau. Wie kurz vorm Erstickungstod.

Nicht unsympathisch.

Die Studenten sitzen jetzt nebeneinander

und zeigen sich Dinge auf

ihren Telefonen. Nicht ungewöhnlich.

Die Sojamilch-Frau (beige) schaut interessiert.

Der Dienst der Kellnerin neigt sich

dem Ende zu. Sie will kassieren.

Die Rechnung verrät den Namen der

Kellnerin: Brigitte.

14:10

14:11

14:13

14:15

Brigitte geht gleich. Die Tarock-Truppe

bleibt sitzen.

Auch die Sojamilch-Frau bleibt sitzen

und kritzelt hastig Dinge in ihren Notizblock.

Die zwei deutschen Wuschel-Studenten

verlassen das Lokal und verabschieden

sich mit „Tschüß!“. Brigitte

(noch da) antwortet mit „Baba!“

Ich korrigiere den Fauxpas meiner

Landsleute und flöte beim Rausgehen

ein „Wiederschaun!“ in Richtung Brigitte.

Aber die antwortet schon nicht

mehr. Die Sojamilch-Frau wirft mir ein

beiges Lächeln zu.

Tino Schlench – knietief im akademischen Prekariat

– liest, schreibt und trinkt Kaffee. Auf

seinem Instagram-BuchBlog @literaturpalast

beschäftigt er sich mit Literatur und Themen

aus dem deutschen und europäischen Osten.

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30 Glosse —— Parfum in der U6

Die altehrwürdige U6 – ein übelriechender

Schweinestall! So hört man

es überall in der Stadt – im nächsten

Gastgarten oder im Stiegengang im

Gespräch mit den Nachbarn.

Anfang des Jahres traten die Wiener

Linien an, diesem Gestank den Garaus

zu machen: Mitte Jänner wurde gegen

jenes besondere Lüftlein, das sich aus

dem Fastfoodgemampfe der Fahrgäste

– vor allem zur kollektiv eingespritzten

Abendstunde – ergab, ein allgemeines

Essverbot verfügt.

Aber man glaubt im Kampf für ein

allgemein erquickliches Bouquet noch

nicht genug getan zu haben. Erst ging

man gegen die Fäulnis in der Untergrundbahn

mit der Verteilung von

Gratisdeodorants vor – und nun sollen

es Parfums richten: Seit Juli werden

in jeweils zwei Bahnen auf der Linie

U4 und U6 Raumdüfte aus der Lüftung

freigesetzt: „Happy Enjoy“ oder „Fresh

White Tea“ heißen die vorab auf Allergenfreiheit

getesteten Kreationen,

die einem derzeit unter die Nasen

steigen.

Online dürfen die besprühten Passagiere

votieren, ob ihnen diese Maßnahme

behagt und im nächsten Schritt,

welches Eau de toilette publique ihnen

bei diesem Eingriff der Verwaltung

besonders gefallen hat. Ob es vielleicht

günstiger wäre, einfach nur ein paar

Wunderbäume in Bim und Bahn aufzuhängen,

müssen die weisen Schatzmeister

der Stadt beurteilen.

Per se ist eine gute Idee, dass niemand

mehr das Odeur der Anderen ertragen

muss und sich bald niemand mehr

riechen kann. Gerade eingeborene

Großstädter sind traditionell zart besaitete

Pflänzlein und im Umgang mit

anderen Menschen nicht sehr geübt,

während zugezogene Landbewohner

Text: Johannes Lau

naturgemäß mit sehr geringer Toleranz

gegenüber strengeren Düften sozialisiert

wurden.

Und möglicherweise steigen uns wohlige

Aromen in Zukunft nicht bloß in

der Tram in den Riechkolben: In den

Gasthäusern waltet wegen des allgemeinen

Rauchverbots nicht mehr die

schändliche Gleichmacherei des Zigarettenqualms,

die stets jenen individuellen

Hauch verhüllte, der in all

seinen Facetten aus Poren, Ritzen und

Falten aufsteigt. Dass man daher mit

automatisch dosierten Duftwassern

auch in der Gastronomie dem Kunden

auf den dünstenden Leib rückt, wäre

also nur konsequent wie geboten.

Statt sich über derlei den Kopf zu zerbrechen,

könnte man aber auch einfach

leben und leben lassen – gerade

im Sommer. Da sitzen in den einschlägigen

Stadtbädern die Menschen

eng aneinander gezwängt: Hintern an

Hintern – die nächste Achselhöhle nur

eine Nasenlänge weit entfernt. In einer

Wolke aus dampfendem Schweiß, öliger

Sonnencreme und ranzigem Pommesfett

müffelt dort die verkohlte

Masse einträchtig und quietschfidel

wie ein gut durchmischter Kompost

vor sich hin. Aber am Schwimmbecken

nennt man das nicht Gestank, sondern

weiterhin Atmosphäre.

Achselkuss

vegane Deocreme,

erhältlich in diversen

Duftnoten auf

achselkuss.at

Es

stinkt der

Mensch,

sobald er

steht.

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31

Hinter den Fassaden

© Daniel Gehrersdorfer

Sauerkraut Schweiger

Text: Tom Koch

Aufmerksamen Flaneuren ist er bestimmt

schon aufgefallen: Der Sauerkraut

Ghostletter Ecke Gaullacher

Gasse /Brunnengasse.

Den Handel mit Gemüsekonserven

an der Ecke Gaullachergasse/Brunnengasse

gab es bereits 1923. Anfänglich

verkaufte Inhaber Karl Brauneder

dort eingelegte Rüben, Schnittkraut

und saures Gemüse auf einem Marktstand.

Die Kunden bevorzugten es

damals, zwischen den Ständen flanierend

einzukaufen. Seine Waren

brachte er täglich mit dem Pferdegespann

aus der eigenen Erzeugung in

der Grundsteingasse zum Stand. In

den 1930er Jahren wurde ihm das Geschäftslokal

dahinter angeboten, er

mietete es zuerst als Lager, später erfolgte

der Umbau zum Verkaufsraum.

Die Tochter Rudolfine Schweiger half

im elterlichen Geschäft mit und übernahm

es 1965 mit der Pensionierung

Abdrücke demontierter Schriftzüge

findet man noch häufig in Ottakring.

Sie erzählen uns Geschichten über

die Geschäfte hinter den Fassaden.

ihres Vaters. Sie erinnert sich an lebhafte

Zeiten am Brunnenmarkt, an

Faschingsumzüge und wohlhabende

Kunden, die wegen ihres Sauerkrauts

extra aus der Cottage kamen. Vielleicht

erklärt das die Eleganz des „Sauerkraut“-Schriftzuges

aus den 1950ern:

Die Klientel war durchaus gehoben,

man belieferte das Grand Hotel, an

einem benachbarten Obststand wurde

gar in Lederhandschuhen bedient.

Am 1. April 1992 sperrte Frau Schweiger

zu, die beiden Schriftzüge blieben an

der Fassade. 2012 wurden sie demontiert,

einer davon fand 2018 als Leihgabe

des Verein Stadtschrift seinen

Weg zurück in die Grundsteingasse.

Dieser Text erschien zuerst im Buch

„Ghostletters Vienna“, Falter Verlag.

Frau Schweiger vor dem Stand Nr. 152, 1949

Fasching am Brunnenmarkt, ca. 1983

Fotos: © Rudolfine Schweiger


Flanierziele

im Sommer

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Geschichte

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Suburbia

Ottakringer

Flaneur

Kunst am

Bau Hinter

den Fassaden

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