Berliner Zeitung 21.09.2019

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2** Berliner Zeitung · N ummer 220 · 2 1./22. September 2019

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Der Klima-Streik

„Im Meer ist mehr Plastik als in Kylie Jenner“

Vor ein paar Monaten noch war das Schwänzenfürs

Klima an manchen Schulen ein Akt

der Rebellion. Am Freitag gaben fast alle Schulen

den Kindernund Jugendlichen die Wahl: ab

der dritten Stunde demonstrieren oder aber

Unterricht. DieMenge der Jugendlichen ist deswegen

durchmischter:Auf der einen Seite jene,

die mit selbstgebastelten Schildern gekommen

sind. Auf der anderen Seite jene, die wummernde

Musikboxen oder gleich Bierkästen

durch die Menge tragen und zugeben, dass sie

dem Parallelangebot Unterricht entkommen

wollten. „Wallah, Hauptsache kein Deutsch!“

Der 13-jährige Vincent ist schon oft bei „Fridays

for Future“ dabei gewesen. Seine Freunde

und er nehmen das Thema mit Humor,vor sich

her tragen sie ein Schild, auf dem steht:„ImMeer

ist mehr Plastik als in Kylie Jenner!“ Jenner ist ein

mehrfach operierter Social-Media-Star. „Heute

war es verdammt selbstverständlich teilzunehmen,

allein aus unserer Schule sind bestimmt

Kinder und Jugendliche

Ab der dritten Stunde schulfrei: protestierende Schülerinnen

unterwegs.

BLZ/PAULUS PONIZAK

400 Leute hier“, sagt Vincent, der Achtklässler.

Für ihn ist die Demo wichtig, um ein Zeichen

über Deutschlands Grenzen hinaus zu setzen,

„für die Länder,indenen viele immer noch glauben,

dass es den Klimawandel gar nicht gibt“.

Der 17-jährige Bruno hört mit Freundinnen

laut Elektro aus einer tragbaren Box. Die übertönt

sogar die Reden, die nur wenige Meter entfernt

auf der Bühne am Brandenburger Torgehalten

werden.

Er gehe auf das Beethoven-Gymnasium in

Steglitz-Zehlendorf. Das sei eher links ausgerichtet,

man werde dort als Schüler schon in

Richtung Klimademo „gepusht“, sagt Bruno.

Superengagiert sei er nicht in Sachen Klimaschutz,

aber: „Ich finde es trotzdem wichtig,

Präsenz zu zeigen.“

Die jungen Organisatoren von „Fridays for

Future“ jubeln schon um 13 Uhrüber die ersten

Schätzungen von 80000 Teilnehmern. „Es ist

überwältigend, wie viele hier sind“, sagt Franziska

Wessel von den „Fridays“, 15 Jahre alt.

Dass so viele Ältere gekommen sind, freut sie

sehr. „Sie stehen besonders in der Verantwortung,

weil sie der Politik Angst machen, weil sie

wählen können.“ Annika Leister

„Die Wirtschaft will und kann Klimaschutz“

Die Lampe auf seinem Hut leuchtet nicht.

Christian Ahlers hat sich einen schwarzen

Anzug angezogen, eine Fliege gebunden, ein

Einstecktuch in den Farben der Fliege gewählt

und die Melone mit der Leuchte aufgesetzt. Er

ist dem Aufruf der Wirtschaftsinitiative„Entrepreneurs

for Future“ gefolgt, um zu streiken –

im Business-Dress. Zahlreiche Unternehmer

und Angestellte,die sich dem NetzwerkKlimaschutz

verschrieben haben, stehen vor dem

Bundesfinanzministerium. Sie wollen für den

Klimaschutz protestieren. Sie tragen dunkle

Anzüge, und auch viele der Frauen sind so gekleidet.

Katharina Reuter gehörtzurWirtschaftsinitiative

„Entrepreneurs For Future“, die sich im

Märzzur Unterstützung für„Fridays for Future“

gebildet und die zu dem Unternehmerprotest

aufgerufen hat. 300 Firmen haben den Aufruf

für den Protest unterschrieben. Auch Reuter ist

so gekleidet, als würde sie gleich ins Bürogehen.

Der Unternehmer

Christian Ahlerswill eine bessere Welt –auch für seine

zukünftigen Kinder.

CAMCOP MEDIA/ANDREAS KLUG

„Das wollten wir so,umzuzeigen: Für die Wirtschaft

ist der Klimaschutz genauso wichtig wie

das Geschäft. DieWirtschaft will und kann Klimaschutz,

und das verlangen wir auch von der

Bundesregierung“, sagt die 42-Jährige.

Christian Ahlers findet das auch. Er arbeitet

bei Startnext in der Ritterstraße in Kreuzberg –

einem Start-up-Unternehmen mit 40 Mitarbeitern,

das auf seiner Crowdfunding-Plattformfür

nachhaltige Projekte wirbt. Den Anzug hat er

sich nur für die Demonstration angezogen. So

geht er normalerweise nicht zur Arbeit.

„Startnext fördert grüne Projekte“, sagt Ahlers.

Der 27-Jährige erzählt, dass es nicht seine

erste „Fridays for Future“-Demo sei. „Es kann

doch nicht sein, dass Achtjährige mehr als Erwachsene

gegen den Klimawandel aufstehen.

Deswegen bin ich heute hier, beim Klima-

Streik“, sagt er. Christian Ahlers hofft, dass es

grundlegende Änderungen im Klimaschutz geben

werde. Denn so wie bisher könne es nicht

weitergehen. „Ich will einmal Kinder haben. Da

habe ich richtig Bock drauf“, sagt er.

Es sind zum Schluss mehr als 2000 Unternehmer

und deren Mitarbeiter, die sich dem

Streik anschließen. Katrin Bischoff

„Die Welt wird überleben –aber ohne uns“

Die Engagierten

Orange fällt auf: die Eisenbahn-Gewerkschafter Heinz

Frielingsdorf (l.) und Ingmar Pfaff. CAMCOP MEDIA/ANDREAS KLUG

Die Trillerpfeiffen stecken in den Mündern.

Es wirdlaut, wenn die orangefarbene Fraktion

in dem dichten Block vordem Brandenburger

Torihren Protest herauspustet. Orange ist

an diesem Tagdie Farbe der Eisenbahn-Verkehrgewerkschaft

(EVG). 350 Kollegen aus ganz

Deutschland sind zum Klimastreik angereist.

Sie tragen orangefarbene T-Shirts. „Ein Güterzug

erspart der Umwelt 52 Lkw-Fahrten“, steht

darauf. „Man glaubt es nicht, dass die Deutsche

Bahn immer noch zu hundert Prozent dem

Bund gehört“, sagt Heinz Frielingsdorf aus

Nordrhein-Westfalen. Wie sonst sei es zu erklären,

dass in Zeiten des geforderten Klimaschutzes

ein Szenario aufgebaut werde, bei dem

4000 Arbeitsplätze bei der DB Cargo verschwinden

sollen.

Heinz Frielingsdorfist Betriebsrat aus Nordrhein-Westfahlen.

Er sagt, die Bahn müsse endlich,

so wie die Lkw-Fahrer,eine Lobbybekommen.

„Es gibt keine Alternative zum Schienengüterverkehr.

Das müssen die da oben endlich

mal erkennen“, erklärt auch sein Kollege aus

Hessen, Ingmar Pfaff.

Wenige Meter weiter haben der Gartengestalter

Martin Richter aus Berlin-Rudow und

seine Frau Anya Bengs ihr Plakat ausgerollt.

„Gärtnereien pflanzen für die Zukunft“, steht in

gelber Schrift auf grünem Stoff. Sieprotestieren

stellvertretend für die Kollegen, die in der Bundesarbeitsgemeinschaft

selbstverwalteter Gartenbaubetriebe

organisiert sind. Es sind Kleinbetriebe

aus Deutschland, Österreich und der

Schweiz, die sich wegen des Klimawandels,der

anhaltenden Trockenheit im Sommer um ihre

Existenz sorgen.

„Wenn es so weitergeht, wird die Welt zwar

überleben –aber ohne uns Menschen“, sagt der

63-jährige Martin Richter. Seine Frau ergänzt,

dass sie es furchtbar finde, wenn sie die Fragen

der Kinder höre: Opa, was ist ein Eisbär? Wasist

Schnee,was ist eine Hummel? „Ist ihnen schon

einmal aufgefallen, dass die Windschutzscheibe

fast sauber bleibt, wenn SieimSommer

über die Autobahn fahren“, fragt sie. Ein Zeichen,

dass es schon heute zu wenige Insekten

gebe. Katrin Bischoff

.

Weil

die Erde

Fieber

hat

VANUATU+SYDNEY

Der Startschuss für den weltweiten

Klimastreik an Freitag fiel

bei Tagesanbruch an der Datumsgrenze

imPazifik. Auf den vom steigenden

Meeresspiegel bedrohten Inseln

Vanuatu, den Salomonen und

Kiribati sangen Kinder „Wir sinken

nicht, wir kämpfen“. In Australien

traten mehr als 300 000 Kinder, Eltern

und Unterstützer in den Klimastreik.

In zahlreichen Städten gab es

Demonstrationen. „Wir sind hier,

um eine Botschaft an die Politiker zu

senden und ihnen zu zeigen, dass es

uns wirklich wichtig ist“, sagte beispielsweise

der 16-jährige Will Connor

in Sydney. „Sonst werden wir

keine Zukunft haben.“ (AFP)

BRÜSSEL

Vor dem Weltklimagipfel in New

York hat der Präsident des Europaparlaments,

David Sassoli, zum

Handeln aufgerufen. DieStaats- und

Regierungschefs der Welt müssten

„unverzüglich entschlossene Maßnahmen

gegen den Klimawandel ergreifen“,

erklärte Sassoli am Freitag

in Brüssel. „Wir können nicht tatenlos

zusehen, wie täglich Hunderte

Arten sterben, Gletscher schmelzen

und Naturkatastrophen Tausende

Menschenleben kosten.“ Das Europaparlament

bedauere sehr, dass

sich die Staats- und Regierungschefs

der EU im Juni nicht auf ehrgeizigere

Ziele bei der CO 2 -Verringerung bis

zum Jahr 2030 geeinigt hätten. (AFP)

Ein Bewohner der Salomonen demonstriertimaustraischen

Melbourne für den Klimaschutz. GETTY/ASANKA RATNAYAKE

LONDON

Mit ungewöhnlichen Aktionen,

pfiffigen Protestschildern und

Verkleidungen haben sich Demonstranten

in Großbritannien und Irland

am globalen Klimastreik beteiligt.

„Benutzt weniger Papier“, hatte

beispielsweise eine Jugendliche auf

einem winzigen Schild geschrieben.

„Du wirst an Altersschwäche sterben,

aber ich am Klimawandel“,

stand auf einem anderen Schild. Studenten

riefen dazu auf, mit klingelnden

Weckerndie Menschen wachzurütteln.

Unternehmen sollten ihren

Feueralarm aktivieren. In Großbritannien

waren mehr als 200 Demonstrationen

und andere Veranstaltungen

am Freitag geplant. (dpa)

NEU-DELHI

Inder indischen Hauptstadt Neu-

Delhi beteiligten sich mehrere

Hundert Kinder und Jugendliche an

den Demos –vergleichsweise wenig

im Vergleich zur Bevölkerungszahl

des Landes von 1,3 Milliarden. „Die

Eliten hier denken, dass sie sich alles

kaufen können –auch saubere Luft

–, und die Armen haben schon genügend

Probleme, umsich auch noch

um die Klimakrise zu kümmern“, erklärte

eine Teilnehmerin. Indien leidet

stark unter den Auswirkungen

des Klimawandels. Esgibt extreme

Hitzewellen, extremen Regen, Dürre

und Wassermangel. In Neu-Delhi

herrscht eine der schlimmsten Luftverschmutzungen

der Welt. (dpa)

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