Berliner Zeitung 21.09.2019

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Berliner Zeitung · N ummer 220 · 2 1./22. September 2019 3 **

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Der Klima-Streik

Sie tragen ein Schild bei sich, und sie sehen

sehr stolz dabei aus: „Für mein Enkelkind.

Zukunft retten“, steht auf der Pappe.PetraMöller,

61, und ihr Mann Michael Schweig, 62, haben

sich entschlossen, beim Klima-Streik dabei

zu sein. VorzweiMonaten wurde ihr Enkelsohn

geboren. Das sei der wichtigste Grund, für den

Klimawandel zu demonstrieren, sagt PetraMöller.Sie

arbeitet bei der sozialökologischen GLS-

Bank, die den Unternehmerstreik mit organisierthat

und allen MitarbeiterninDeutschland

freigegeben hat, um am Streik teilzunehmen.

Die Bankfilialen sind an diesem Freitag überall

geschlossen. „Wir sind es schließlich nicht nur

uns und unseren Kindern, sondern nun auch

unserem Enkel schuldig, uns um das Klima zu

kümmern“, sagt PetraMöller.

Familie Bürmann aus Schöneberg demonstriert

mit drei Generationen: Die Kinder Hannes,

12, Julian, 8, und Zeyneb, 11, Mutter Mareike

und die GroßelternAngela, 73, und Eckard

Die Großeltern

„Wir haben ein schlechtes Gewissen“

Seit zwei Monaten Großeltern: Petra Möller und ihr

Mann Michael Schweig.

BLZ/PAULUS PONIZAK

Bürmann, 75. Hannes war schon fünf Mal bei

den Klimademonstrationen, seine Mutter hat

ihn oft begleitet. Für die Großeltern aber ist es

das erste Mal bei „Fridays for Future“. Warum

sie an diesem Taggekommen sind? Sie wolle

ihre Enkel unterstützen, sagt Angela Bürmann.

„Und weil wir ein schlechtes Gewissen haben.

Wir haben zu lange nichts getan, wir haben zu

lange gedacht: DiePolitik wird’sschon richten.“

Siedenke mit Grausen daran, wie sie vor30Jahren

noch mit Kindern imAuto geraucht habe.

Damals habe man sich einfach noch keine Gedanken

gemacht um die Gesundheit, um den

Klimawandel.

Heute sei das anders: Sie und ihr Mann fahren

jetzt häufiger mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln

als früher,achten auch stärker auf

Mülltrennung. Gemeinsam mit den Enkeln

habe sie außerdem den „Club der drei Aufheber“

gegründet: Jeder vonihnen hebt seither jeden

Tag mindestens drei Mal Abfall von der

Straße auf. In ihrem Bekanntenkreis gebe es ein

paar, die schon aufgewacht seien, viele andere

in ihrem Alter aber interessierten sich nicht weiter

für das Thema. „Datut sich noch nicht viel“,

sagt sie. Katrin Bischoff &Annika Leister

Sie sind viele. Sie wollen,

dass sich etwas ändert. Und sie

halten zusammen: Berliner und

Zugereiste, Jugendliche, Eltern und

Großeltern, Unternehmer und

Angestellte sind am Freitag zum

Brandenburger Torgekommen, um

für mehr Klimaschutz zu kämpfen.

Impressionen von einem

besonderen Freitag in Berlin

DPA/JENS BÜTTNER

Neu an diesem Freitag ist die Unterstützung

von zahlreichen Prominenten auf der

Bühne am Potsdamer Platz: Bands wie das Reggae-Trio

Culcha Candela und Clemens Rehbein,

Sänger der Kasseler Folk-Gruppe Milky

Chance, treten auf und verwandeln die Menge

vor dem Brandenburger Torfür die Länge von

ein paar Songs in ein Pop-Konzert, vor Entzückung

kreischende Teenager inklusive. „Den

wollte ich schon immer mal sehen!“, schwärmt

eine 15-Jährige über Rehbein. Zu „Hamma“,

dem bekanntesten Song von Culcha Candela,

hüpft die ganzeMenge.

Kein Vergleich ist das zu früheren Demonstrationen,

bei denen vorallem unbekannte und

oft auch ältere Künstler Musik lieferten –und

die Menge nur selten mitrissen. Das hat allerdings

auch zur Folge,das viele nicht an der Demonstration

rund um den Pariser Platz teilnehmen,

sondern sich gar nicht von der Bühne

wegbewegen können.

Die Stars

„Wir müssen uns retten“

Im Getümmel: Bestseller-Autor Eckartvon Hirschhausen.

BLZ/PAULUS PONIZAK

Auch der Bestseller-Autor,Arztund Kabarettist

Eckart von Hirschhausen tritt im Ärzte-Kittel

zusammen mit Kollegen der Charité auf die

Bühne.„Denkenn’ich aus dem Fernsehen“, erschallt

es von mehreren aus der Menge. Der

Mann, der gewohnt ist, Medizin für Laien zu erklären,

spricht auch hier viel in Bildern: Die Atmosphäre

der Erde sei empfindlich wie die

Haut eines Apfels. Die Erde habe Fieber. Die

Kinder hätten ganz richtig verstanden, dass es

kurzvor zwölf und der Klimawandel real sei. Sie

sollten sich nichts anderes einreden lassen.

„Wir müssen nicht das Klima retten“, sagt er.

„Wir müssen uns retten.“

Obwohl sich die Proteste maßgeblich gegen

die Untätigkeit der Politik wenden, sind auch

zahlreiche Politiker gekommen, Berlins Justizsenator

Dirk Behrendt etwa und die Bundestagsabgeordnete

Renate Künast (beide Grüne).

Sie stürzen sich allerdings nicht ins volle Getümmel,

sondern umarmen am Rand der Demonstration

für ein Foto Bäume. Auf Twitter

schreibt Kanzlerin Angela Merkel, sie sei „als

Naturwissenschaftlerin“ beeindruckt, wenn

Klimaaktivistin Greta Thunbergsage: „Vereinigt

euch hinter der Wissenschaft.“ Annika Leister

„Wir werden noch mehr zivilen Ungehorsam zeigen“

Der radikale Arm der Klimabewegung, der

vor allem aus den Gruppen „Extinction

Rebellion“ und „Ende Gelände“ besteht, bleibt

am Freitag zurückhaltend. DerTag gehöre„Fridays

for Future“, insgesamt wolle man familientauglich

und gemäßigt bleiben, hieß es

schon vorab.

Ein paar kleinere Aktionen aber gibt es am

frühen Morgen vor Demobeginn: Aktivisten

blockieren mit Absperrband kurzzeitig eine

Straße an der Jannowitzbrücke, ein Fahrradkorso

besetzt um 7.30 Uhr den Ernst-Reuter-

Platz in Charlottenburg. Über der A100 sei außerdem

ein Banner von einer Brücke entrollt

worden, sagt eine Sprecherin der Polizei. Das

habe den Verkehr aber nicht beeinträchtigt.

Insgesamt verlaufe die Großdemonstration

friedlich und ohne Störungen.

Dieradikaleren Gruppen kämpfen auch mit

Aktionen des zivilen Ungehorsams für den Klimaschutz

und nehmen dabei gezielt in Kauf,

Die Radikalen

Seawatch-Kapitänin Carola Rackete in Berlin. Sie ist

Mitglied von „Extinction Rebellion“. DPA(FABIAN SOMMER

von der Polizei festgenommen zu werden. Als

prominentes Mitglied von „Extinction Rebellion“

spricht am frühen Nachmittag „Seawatch“-Kapitänin

Carola Rackete auf der

Bühne. Sie steuerte ein Boot mit aus Seenot

Geretteten trotz Einfuhrverbot in den Hafen.

„Die Welt wird sich drastisch verändern“, sagt

Rackete. Das primäre Ziel müsse sein, die

Treibhausgase sofortzureduzieren.

Sie fordert alle Anwesenden auf, sich dem

radikalen Protest von „Extinction Rebellion“

anzuschließen: „Extinction Rebellion ist nicht

nur eine Rebellion gegen das Aussterben, es ist

eine Rebellion für das Leben.“ Die „Rebellen“

wollen ab dem 7. Oktober so richtig aufdrehen

–dann haben sie einen „Aufstand gegen das

Aussterben“ geplant unter dem Motto „Berlin

blockieren“.

Einen Testlauf absolvieren sie schon am

Freitagabend: Biskurznach 22 Uhrblockieren

einige hundert Aktivisten sitzend die große

Kreuzung am Potsdamer Platz. Tino Pfaff von

„Extinction Rebellion“ verspricht: „Heute ist

nur ein Vorgeschmack. Wir werden noch entschiedener,

noch viel mehr zivilen Ungehorsam

zeigen.“ Annika Leister &Elmar Schütze

WARSCHAU

Mit einer Hüpf-Aktion haben

junge Demonstranten in Warschau

gegen die Energiepolitik der

polnischen Regierung protestiert.

„Wer nicht hüpft, der ist für Kohle“,

riefen die Teilnehmer einer Kundgebung.

An der Demo beteiligten sich

mehrereTausend Menschen. Polens

Regierung setzt bei der Energieversorgung

weiter auf Kohle. Das Land

erzeugt 80 Prozent seiner Energie

damit und hat den mit Abstand

höchsten Kohleanteil aller 28 EU-

Länder. Bis 2030 sollen noch immer

60 Prozent der Energie aus Kohle

stammen. Auch in vielen anderen

polnischen Städten gab es am Freitag

Klimademonstrationen. (dpa)

KOPENHAGEN

Auch in Dänemark sind am Freitag

zahlreiche Menschen auf die

Straße gegangen. Auf dem Rathausplatz

in der Hauptstadt Kopenhagen

kamen am Mittag 2000 überwiegend

junge Demonstranten zusammen,

wie der Fernsehsender TV2berichtete.Eine

Siebtklässlerin hielt ein

Schild mit der Aufschrift„Make Love,

NotCO 2 “indie Höhe.Eine Mitschülerin

sagte dem Sender, sie wolle,

dass Erwachsene und Politiker begreifen,

dass es um die Zukunft ihrer

Generation gehe. Insgesamt waren

nach Angaben des dänischen Rundfunks

DR Klimaproteste an 19 verschiedenen

Orten in Dänemark geplant.

(dpa)

„Wendepunkt für die Gesellschaft“: Greta Thunberg beim

Protestmarsch durch NewYork.

DPA

NEW YORK

ImVorfeld des UN-Klimagipfels haben

auch in NewYorkTausende für

den Schutz des Erdklimas protestiert.

Viele der Demonstranten waren

Teenager. Schüler hatten von ihren

Schulen die Erlaubnis erhalten, für

die Teilnahme an dem Protest dem

Unterricht fernzubleiben. Am Protestmarsch

nahm auch die 16-jährige

schwedische Aktivistin Greta Thunberg

teil, die mit ihrem freitäglichen

Schulstreiks die weltweite Protestbewegung

in Gang gesetzt hatte. Sie

hoffe,dass der globale Klimastreik einen

„Wendepunkt für die Gesellschaft“

darstelle, sagte Thunberg.

Auch der New Yorker Bürgermeister

Bill de Blasio marschierte mit. (AFP)

ISTANBUL

Hunderte türkische Schüler sind

in Istanbul zum globalen Aktionstag

für mehr Klimaschutz auf die

Straße gegangen. Rund 500 Kinder,

Jugendliche und ihre Eltern versammelten

sich im Rahmen von„Fridays

for Future“ am Freitagnachmittag am

Hafen von Kadiköy auf der asiatischen

Seite der Bosporus-Metropole.

AufSchildernforderten sie „Klimagerechtigkeit“

und warnten: „Unser

Haus brennt“. Im August sorgte die

Abholzung großer Berggebiete für

eine Goldmine an der Ägäis für eine

Welle vonProtesten. Allerdings gibt es

in der türkischen Öffentlichkeit bisher

keine größere Debatte über die

Erderwärmung. (AFP)

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