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“Der eigenen Stimme auf der Spur”

Im September 2018 kehrt Judith Ramerstorfer aus ihrer Karenz zurück an die

Landesmusikschule Peuerbach. Warum sie Gesang unterrichtet, verriet uns die

bekannte Sopranistin bei sich zu Hause.

„…mehr als Welt und Himmel sein.“ Die Sopranistin

Barbara Bonney verstummt nach der letzten Zeile

ihrer Arie. Zwischenapplaus. Sie verneigt sich. Es

erheben sich Jesus und ein Evangelist und beginnen

ein Rezitativ. Auch der Chor steht auf. Gleich beginnt

der 15. Choral.

Judith Ramerstorfer ist 15 Jahre alt. Umringt von

Mitschülerinnen beginnt sie zu singen. Ein bisschen

stolz ist sie schon, bei der Aufführung der Bach Matthäus

Passion im Chor des Linzer Musikgymnasiums dabei

sein zu dürfen. Eigentlich spielt sie Klarinette, möchte

dies später auch einmal studieren. „Was die Bonney da

singt, das kann ich aber auch“, denkt sie sich heimlich.

Mehr als 20 Jahre später bäckt Judith einen

Maulwurfskuchen. Kreativ mit Fondant verziert,

Schokostreusel, Marzipangras, dazwischen

ein lachender Maulwurf, alles dabei. Ihr

Motivtortenbacktalent hat sich herumgesprochen.

Feiert man Jubiläum im örtlichen Fußballverein,

muss Judith Torte backen. Sie macht es gern. Die

Maulwurfstorte wird jetzt kaltgestellt, sie bringt Lorenz

zum Fußballtraining, ihre beiden anderen Kinder

kommen mit.

Nach dem Musikgymnasium beginnt Judith zwei

Parallelstudien: Klarinette und Sologesang am

Brucknerkonservatorium Linz. Sie studiert in der

Schweiz, kehrt schließlich nach Österreich zurück, um

in Salzburg ihr Studium am Mozarteum abzuschließen.

Zusehends verzichtet sie auf die Klarinette. Vielleicht

ist es die eigene Physis, das Schwingen des eigenen

Körpers oder die Nutzung eigener Resonanzräume,

die das Singen für sie attraktiver machen. Sie nimmt

an verschiedenen Meisterkursen teil, widmet sich

verschiedenen Genres: Alte Musik, Oratorium, Oper,

Operette, Musical bis hin zur Zeitgenössischen Musik

und Voice-Performance. Man lernt Judith Ramerstorfer

als ausgezeichnete Interpretin schätzen und kennen:

Brucknerfest Linz, Wien Modern, Klangspuren Schwaz,

Steirischer Herbst, diverse Rundfunkproduktionen,

Kirchenmusik.

„Warum unterrichtest du eigentlich?“, wird sie bei

einem Meisterkurs von einer russischen Kollegin

angesprochen. Judith weiß es. Es ist die Motivation,

die sie von Anfang an vorantrieb: Für sie ist der

Gesangsunterricht eine Suche nach der eigenen

Urstimme, eine Auseinandersetzung mit sich selbst.

Judith hört auch, wenn es einem Menschen nicht gut

geht. Eine Schülerin oder ein Schüler sollte immer

nach sich selbst klingen.

„Viele Schülerinnen stülpen eine künstliche Maske

über ihre Stimme“, erklärt sie bei der Rückfahrt mit

ihren Kindern. Selbst bei klassisch ausgebildeten

Sängerinnen müsse die Stimme nach dem Menschen

klingen, nach der Persönlichkeit. „Die Stimme darf nicht

verfälscht werden“, merkt sie an. „Wenn jemand zu

mir in den Unterricht kommt, versuche ich die eigene

angeborene Stimmfarbe herauszukitzeln. Jeder muss

nach sich selbst klingen. Authentisch.“

Die Maulwurfsorte ist schon kalt. Ein Foto davon

postet Judith auf Facebook. Einige Minuten später

liest sie bereits die ersten positiven Kommentare.

“Meine Torten machen mehr Aufsehen als meine

Konzerteinladungen”, schmunzelt sie.

“Singen bedeutet auch eine Zurschaustellung der

eigenen Person. Es hat etwas Nacktes. Ich habe nichts

vor mir, nichts hinter mir. Singen ist etwas Persönliches.

Man sollte dennoch weder egoistisch, noch narzisstisch

sein. Aber ein bisschen Bühnenmensch - das schadet

nicht”, ergänzt sie.

Und Judith Ramerstorfer lehrt, was sie selbst bereits

ist: authentisch.

Text von Georg Wiesinger

Seite / 13

HERBST 2018

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