TONI_Stand180912

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„In den Ballsälen wurde mit ihm die

alte Ständeordnung aufgehoben; man

walzte im Ball als Ereignis miteinander“

Nicole Haitzinger

vielleicht sogar gerade deshalb – verbreitete sich der

Walzer als erster populärer Einzelpaartanz in allen

Gesellschaftsschichten und läutete damit ein neues

Zeitalter ein. Nicole Haitzinger, Tanz- und Musikwissenschafterin

auf der Universität Salzburg, bezeichnet den

Walzer aufgrund dieses Paradigmenwechsels auch als

revolutionären Zeitgeist der Moderne, der schon bereits

im 18. Jahrhundert seine Wellen schlug. „In den

Ballsälen wurde mit ihm die alte Ständeordnung aufgehoben;

man walzte im Ball als Ereignis miteinander“,

erklärt Haitzinger im Interview.

Der Mythos vom tanzenden Kongress

Ein Event der Sonderklasse half im 19. Jahrhundert vor

allem im österreichischen Raum, den vorerst noch als

sittenwidrig eingestuften Einzelpaartanz auch in den

gehobeneren Schichten zu verbreiten: Der Wiener

Kongress. Napoleon hatte gerade erst seine letzten

Niederlagen zu verkraften, da riefen die Großmächte

1814 auch schon zum gemeinsamen Treffen in Wien,

um Europas Ordnung wieder herzustellen. Da die Verhandlungen

eher schleppend liefen und die Gastgeber

daher auch auf gesellschaftlicher Ebene die verschiedenen

Parteien zusammenführen wollten, wurde

anstatt zu diskutieren eben getanzt. „Der in verschiedenen

Varianten überlieferte Ausspruch ‚Le Congrès

danse beaucoup, mais il ne marche pas‘ (Der Kongress

tanzt sehr viel, kommt aber nicht weiter) wurde zu einem

Stehsatz.“, erklärt Thomas Nußbaumer, Walzer-

Autor und Musikwissenschafter am Mozarteum.

Getanzt wurde damals kein anderer als der Wiener

Walzer, der es laut diesem Mythos somit auch in die

Prunksäle des Adels schaffte. Einer rasanten Verbreitung

in allen Bevölkerungsschichten stand dem beliebten

Paartanz nun nichts mehr im Wege.

Seit dem Wiener Kongress sind nun 200 Jahre vergangen

und doch hat sich um den Walzer nichts verändert.

Immer noch folgen zahlreiche Paare am Opernball der

Massen-Tanzaufforderung und drehen sich die Füße

wund. Beweis genug, dass es sich bei diesem Standardtanz

um weit mehr als nur ein anthropologisches

Überbleibsel aus längst vergangenen Tagen handelt.

Das How-To zum perfekten Walzer

Abgesehen von der Sechser-Schrittfolge ist das charakteristischste

und wichtigste beim Walzer die Drehung.

„Gut getanzt ist ein Walzer dann, wenn die in

den Raum gerichtete Rotation genützt wird. Das heißt,

ein Paar führt keine Auf- Ab-Bewegung aus, sondern

strebt drehend in den Raum hinaus“, erklärt Gunhild

Oberzaucher-Schüller, die ehemalige Leiterin der Derra

de Moroda Dance Archives der Universität Salzburg.

Der Dreivierteltakt eignet sich dafür besonders gut,

wie Mozarteum-Professor Nußbaumer sagt: „Was den

Dreivierteltakt meiner Meinung nach beim Tanzen auszeichnet,

ist die regelmäßige Verlagerung des Gewichtes

von rechts nach links. Das erzeugt einen gewissen

Schwung, ein außerordentliches Gefühl.“ Bei wem

die Sechser-Schrittfolge anstatt der perfekten Drehung

eher eine Beinverknotung hervorruft, kann laut

Nußbaumer auch einfach den sogenannten Fleckerlwalzer

mimen, der aus einem Drehschritt nach vorne

und einem nach hinten besteht. Und allen, die ihre

Walzerschritte bis zum nächsten Ball noch etwas aufpolieren

wollen, hilft einem ein Schnellkurs zum Tanzerfolg.

Ansonsten kann man beim Walzer nur raten: Am

Ball bleiben!

Text von Michaela Pichler

mit freundlicher Druckgenehmigung der

Österreichischen Universitätenkonferenz

(uniko)

Seite / 41

HERBST 2018

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