Berliner Zeitung 01.10.2019

BerlinerVerlagGmbH

20 Berliner Zeitung · N ummer 228 · D ienstag, 1. Oktober 2019

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Feuilleton

„Spüren ist das Wichtigste“

Der Friedrichstadt-Palast

feiert in dieser Saison

sein hundertjähriges Bestehen

und hat dazu den

Regisseur und Autor René Pollesch

eingeladen. MitFabian Hinrichs und

28 Tänzerinnen und Tänzernwirder

die Uraufführung seines Stücks

„Glauben an die Möglichkeit der völligen

Erneuerung derWelt“ inszenieren.

Fabian Hinrichs wurde an der

Volksbühne und später an der Seite

von Dagmar Manzel als „Tatort“-

Kommissar bekannt. Er ist 45 Jahre

alt, hat sich aber die Frische eines

kernigen Landburschen bewahrt.

Doch wo steckt er? Der Kaffee droht

kalt zu werden, als er endlich die

Treppe im Foyer des Friedrichstadt-

Palasts zu unserem Gespräch heraufhetzt.

Lieber Herr Hinrichs, hallo und

schön, dass Sienun da sind!

Es tut mir leid, dass ich mich so

verspätet habe, ich wollte Ihnen

nicht die Zeit rauben. Aber gerade

gibt es Bauarbeiten an der S-Bahn

und am Regionalexpress nach Potsdam.

Deshalb habe ich das Auto genommen

und stand natürlich ewig

im Stau.

Sie sind verheiratet, haben zwei

kleine Kinder und sind vor vier Jahren

aus Kreuzberg nach Potsdam gezogen.

Bereuen Siedas manchmal?

Überhaupt nicht! Denn wenn der

öffentliche Personennahverkehr

funktioniert, bin ich in 35 Minuten

am S-Bahnhof Friedrichstraße. Da

braucht man für räumlich kürzere

Wege in Berlin oft zeitlich länger.Außerdem

ist Potsdam für mich einer

der schönsten Orte in Deutschland,

eine richtig gestaltete,durchkomponierte

Stadt, ein heller Ort, Arkadien.

IstPotsdam aber nicht auch die Stadt,

in der sich die Ost- und die West-Bewohner

aus dem Weg gehen? Wo es

auf der einen Seite die reichen Zugezogenen

aus demWesten gibt und auf

der anderen Seite die abgehängten

Einheimischen?

Mein Eindruck von der Stadt ist

anders. Die Bereiche, indenen ich

mich als Bürger bewege,sind durchaus

gemischt, im Kindergarten, im

Supermarkt, im Einwohnermeldeamt,

in der Straßenbahn. Ichglaube,

die Teilung erfolgt hier eher nach

Einkommensverhältnissen. Es gibt

immer noch den Handwerker, dem

eine – wenn auch unrenovierte –

Villa gehört, und daneben den reichen

Werbeagenten, der für seine renovierte

Villa sechs Millionen Euro

auf den Tisch legte. Dieser leise Anschein

einer konkreten Utopie wird

leider wohl bald verschwinden.

Trotzdem muss man ein Auge darauf

haben, dass Potsdam nicht ein deutsches

Beverly Hills wird.

Klingt fast wie ein Satz aus einem

Stück von René Pollesch, der sich oft

mit Eigentumsverhältnissen und sozialen

Entwicklungen beschäftigt.

Worum wird esindem neuen Stück

„Glauben an die Möglichkeit der völligen

Erneuerung der Welt“ gehen?

Wir arbeiten nie nach Themen

und geben auch keine Inhaltsangaben

heraus, nach denen die Zuschauer

dann prüfen können, ob

auch alle Stichworte wirklich in der

Inszenierung auftauchen. Pollesch

und ich haben Begegnungen und

daraus entstehen unsere Theaterabende.

Wäre ich ein Romancier,

würde ich meine Romane auch nicht

erklären wollen. Man müsste sie lesen

und dann könnte die Abteilung

Hermeneutik übernehmen.

Will weder Chef sein, noch einen haben: Fabian Hinrichs.

Erklären müssen Sie’s janicht, aber

Sie können doch kurz sagen, was das

Thema der Produktion sein wird. Der

Titel gibt doch eine Richtung vor.

Man kann ihn verschieden lesen,

neomarxistisch, philosophisch, vielleicht

sogar theologisch. Übrigens

stehen die Titel bei uns auch manchmal

einfach für sich, wir verordnen

uns da kein Programm. Es wäre für

die Zuschauer doch eine Möglichkeit,

in die Aufführung wie in ein Konzert

zu gehen und danach selbst zu entscheiden,

was man gesehen und gehört–und

was man gespürthat. Das

ist ja fast das Wichtigste im Theater,

finde ich: Spüren, nicht nur denken.

In den Friedrichstadt-Palast passen

knapp 2000 Zuschauer. Wie wollen

Siedie alle erreichen?

Ich möchte auf jeden Fall größtenteils

ohne Mikrofon arbeiten. Das

Theater ist ja ein kultischer Raum.

Eine natürliche Stimme in einem

solchen Raum ist etwas sehr Schönes.

Diese Erfahrung kann man mit

den Zuschauern teilen. Ich will auf

der Bühne nicht dank Mikroportwie

am Küchentisch oder wie im kleinen

Fernsehspiel sprechen. Das ist inzwischen

so verbreitet, furchtbar!

Selbst in hutschachtelgroßen Winzräumen

haben die Schauspieler

Mikroports und einen Tonmeister

im Hintergrund, der alles aussteuert,

darunter blubbert irgendeine Ambient-Klangfläche.

In „Kill your Darlings!“ sind Sie 2012

mit 15 jungen Turnern in der Volksbühne

aufgetreten. Diesmal spielen

sie mit 28 Tänzerinnen und Tänzern.

Wir haben uns sozusagen beim

Tanzensemble des Friedrichstadt-

Allein mit 28 Tänzerinnen und Tänzern: Fabian Hinrichs spielt in der

neuen Inszenierung von René Pollesch im Friedrichstadt-Palast

ZUR PERSON

Theater Geboren 1974 in Hamburg,studierte Fabian Hinrichs einigeSemester Jura, bevorer

Schauspieler wurde. Von2000 bis 2005 gehörte er zum Ensemble der Volksbühne. Danach

war er in München, Zürich, Wien und Hamburg engagiert. Er lebt in Potsdam.

Auszeichnungen Mit dem Solo „Ich schau dir in dieAugen, gesellschaftlicherVerblendungszusammenhang“

vonRené Pollesch wurde Fabian Hinrichs 2010 Schauspieler des Jahres.

2012 erhielt er den Alfred-Kerr-Darstellerpreis, 2014 den Ulrich-Wildgruber-Preis.

Film undTV 2005 spielte Hinrichs Hans Scholl in „Sophie Scholl –Die letztenTage“. Seit 2015

ist er „Tatort“-Kommissar Felix Voss und auf Sky in der Mini-Serie „8 Tage“(2019) zu sehen.

Premiere „Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt“ vonRené Pollesch

und Fabian Hinrichs hat am 9.10. im Friedrichstadt-Palast Premiere. WenigeTermine!

Palastes beworben. René und ich haben

uns vorgestellt, haben erzählt,

wie wir arbeiten, ich habe ein paar

Texte gesprochen. Wer wollte,

konnte dann bei uns mitmachen.

Das war rund die Hälfte des Ensembles.Und

wir haben gesagt, werspäter

merkt, dass es ihm nicht gefällt,

kann ohne jedes Drama wieder aussteigen.

Wir wollten nicht so einen

Ausbeutungsmythos begründen,

dass wir machen können, was wir

wollen, wenn sie erst einmal zugesagt

haben. Wir wollten die Leute,

die sich wirklich für uns entschieden

haben, und wir haben sie aufgefordert,

auch Dinge zu machen, die sie

in den großen Shows nicht zeigen.

Sie können sich einbringen und

nicht nur Ornament sein.

JELKA VON LANGEN

Die Bühnenbilder im Friedrichstadt-

Palast sind berühmt für ihre Prächtigkeit.

Wiewirddas bei Ihnen sein?

Wir dürfen das Bühnenbild der

aktuellen Show „Vivid“ benutzen,

das ist eine Herausforderung, es ist ja

kein skulpturales Bühnenbild wie

früher oft bei Bert Neumann an der

Volksbühne. Inder Existenzphilosophie

Heideggers,auch im Existentialismus

Sartres gibt es das Wort „Geworfenheit“.

Wir sind in diesem

Sinne in dieses Bühnenbild geworfen

und wollen etwas aus dem machen,

was wir darin erfahren.

Studieren Sie ander Fernuniversität

Hagen noch Kulturwissenschaften?

Ja, ich bin ein Langzeitstudent,

weil ich viel arbeite und Familienvater

bin. Ichmache das Studium ja für

mich. Es ist mir eine Artvon Zugang

zur Welt, es vergrößert ihn. „Man

sieht nur, was man weiß“, hat Goethe

gesagt.

Im Theater sind Sielange nicht aufgetreten.

Werden Sie inder Intendanz

von René Pollesch ab 2021 wieder an

der Volksbühne spielen?

Auf jeden Fall! Das haben wir

schon fest verabredet. Zwischendurch

hatte ich immer mal Anfragen

für sogenannte klassische Theaterarbeiten,

die ich eher bürgerlich

nennen würde.Das interessiertmich

aber nicht, ich habe nach der Schauspielschule

jahrelang meist glücklose

und trübsinnige Erfahrungen

im „normalen Theaterbetrieb“ gemacht.

Für mich war das Unterforderung

und Überforderung zugleich

und überhaupt keine künstlerische

Arbeit. Und dann diese Regisseure

mit ihren Markenzeichen vonRegie-

Handschrift, die eine mehr oder

minder intellektuelle, meist aktualisierende

Interpretation verfolgen,

die ich wahrscheinlich nicht teile …

Ich sollte diese dann ausführen und

fühlte mich wie eine Servicekraft, die

in einem Dienstleistungsverhältnis

zum Regisseur steht. Nein, das ist

nichts für mich. Ich will weder Chef

sein, noch möchte ich einen Chef

haben. Ich will lieber etwas mit anderen

zusammen machen und setze

auf die Schwarmintelligenz.

Im Fernsehen fühlen Siesich in dieser

Hinsicht besser aufgehoben?

Schauspielerei vorder Kameraist

ein ganz anderer Beruf als im Theater.

Regie spielt bei den meisten

Fernsehfilmen keine große Rolle,

den Autorenfilm gibt es da nicht, der

ist weitgehend ausgestorben. Am

wichtigsten ist das realistische Drehbuch

mit psychologisch durchgezeichneten

Figuren. Dann ist die

Frage,wie man das glaubwürdig umsetzen

kann. Das finde ich reizvoll.

Ich selber gucke ja auch realistischpsychologische

Filme oder Serien.

Und als Schauspieler versuche ich

wie viele andere daran zu arbeiten,

dass es in Deutschland zu einer Verbesserung

in diesem kulturellen Bereich

kommt.

Beim „normalen Theater“, klagen Sie,

haben Schauspieler keinen Einfluss

auf die Inszenierungen. Ist das im

Fernsehen anders?

Manchmal bin ich an der Drehbuch-Entwicklung

beteiligt, da kann

ich Einfluss nehmen. Aber wenn da

steht, „Liebeserklärung“, muss die

auch stattfinden, nur wie und auf

welche Weise, das ist der Unterschied.

In den Grenzen des Drehbuchs

ist die Freiheit des Schauspielers

zu entdecken. Undinden Grenzendes

Bildes natürlich, denn wenn

ich den Rahmen verlasse, sieht man

mich nicht mehr.

Ein Stücktext ist doch auch eine Art

Drehbuch, oder nicht?

Aber im Theater bin ich dann

dauernd mit einem interpretatorischen

Befehl zur Aufführung konfrontiert,

das reicht vonder Regie bis

zum Licht, zum Kostüm, zur Musik,

und das ist für mich nicht interessant.

Es gibt nicht viel starke Gegenwartsdramatik,

also spielt man lieber

die alten Stücke. Das ist ja in Ordnung,

aber man muss schon genau

schauen, wie man die Klassiker so

herausbringen kann, dass sie uns

heute noch etwas zu sagen haben.

Da reicht es nicht, wenn der Regisseur

und sein Dramaturg behaupten,

die Stücke von Ibsen oder

Strindberg zeigen genau die bürgerliche

Gesellschaft vonheute und der

Schauspieler soll das im Anzug und

mit Handy auf der schicken Sofalandschaft

demonstrieren. Das ist

kein Plädoyer meinerseits für sogenannte

Werktreue, bloß unreflektierte

Übertragungen helfen im

Theater auch nicht weiter. Gerade

kommen ja viele antike Stücke auf

die Bühne, weil es darin Schlüsselworte

wie „Flucht“ und Krieg“ gibt.

Doch dass die Punischen Kriege mit

den heutigen asymmetrischen Kriegen

überhaupt nichts zu tun haben

und ebensowenig die Fluchtursachen,

wirdgar nicht mehr bedacht.

DerFriedrichstadt-Palast ist viel größer

als auch große Sprechtheater.

Fürchten Siesich ein wenig, wenn Sie

an die Premieredenken?

Ich habe Angst im Leben, aber

nicht auf der Bühne.Das habe ich irgendwann

so beschlossen! Außerdem

habe ich mir angewöhnt, kurz

vor einer Vorstellung durch den Vorhang

das Publikum zu betrachten.

Dann sage ich mir:Sind ja alles Menschen!

Und ich bin auch so ein

Mensch. Dadurch verliere ich jede

Angst und denke: Probiere ich das

heute Abend einfach mal.

DasGespräch führte Irene Bazinger.

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