dérive - Zeitschrift für Stadtforschung, Heft 77 (4/2019), Schwerpunkt: Wohnungsfrage

derive

Ausschlaggebend für das Auftauchen der Wohnungsfrage Mitte des 19. Jahrhundert waren die elenden Wohnverhältnisse der ArbeiterInnenklasse. Wohnraum war in den stark wachsenden Städten zur Ware geworden. Heute berührt die Wohnungsfrage Fragen der Ökonomie und Politik, der Ökologie und Nachhaltigkeit, der Architektur und Soziologie gleichermaßen. Der Schwerpunkt von dérive 77 wirft Schlaglichter auf einzelne dieser Aspekte: die Selbstorganisation von MieterInnen in den USA, Wohnbau-Genossenschaften in Zürich, Wohnungsfrage von rechts (Afd, FPÖ), der Wohnrechtskonvent für ein neues österreichisches Wohnrecht, Wohn- und Obdachlosigkeit, Wiener SiedlerInnenbewegung. Für den Magazinteil hat Andreas Zeese einen Artikel über den Phorusplatz, einen vergessenen Wiener Stadtraum verfasst. Ein weiterer Beitrag informiert über den Status Quo der Kampagne SOS Nordbahnhalle. Das Kunstinsert Für die Vögel stammt von Claudia Märzendorfer. Hier kann das Heft bestellt werden: https://shop.derive.at/products/wohnungsfrage.

Okt — Dez 2019

N o 77

Zeitschrift für Stadtforschung

dérive

WOHNUNGS

FRAGE

dérive

ISSN 1608-8131

9 euro

dérive


Editorial

Wien feiert dieses Jahr bekanntlich 100 Jahre Rotes Wien, eine

Ära die, wie man ohne Übertreibung behaupten kann, weltweit

Maßstäbe für die Wohnraumversorgung gesetzt hat. Nicht oft

genug kann man darauf hinweisen, dass das Rote Wien nicht

nur der Gemeindebau, sondern auch die SiedlerInnenbewegung

war. Sie hat es in einer Zeit unglaublicher Not geschafft, mit

bewundernswert schlauen Maßnahmen die von Materialbeschaffung

über Finanzierung bis zur Arbeitsorganisation und

Bodenbeschaffung reichten, Wohnraum für tausende Familien

zu schaffen und selbstorganisiert zu verwalten. Einige der besten

ArchitektInnen der damaligen Zeit haben sich für die SiedlerInnenbewegung

engagiert, darunter Margarete Schütte-

Lihotzky, Josef Frank oder Adolf Loos, Otto Neurath war eine

ihrer zentralen Figuren. Leider verlor die SiedlerInnenbewegung

nach anfänglicher Unterstützung, vor allem durch Jakob

Reumann, den ersten Bürgermeister des Roten Wien, rasch an

Bedeutung. Die große Chance, die demokratischen Alltagserfahrungen,

die gemeinwirtschaftliche Expertise und die Fähigkeit

zur kollektiven Selbstorganisation der SiedlerInnenbewegung

in die DNA der SDAP (heute SPÖ) aufzunehmen, wurde

damals vergeben und bis heute nicht mehr aufgegriffen.

Klaus Novy, dem leider viel zu früh verstorbenen Experten

für die SiedlerInnen- und Genossenschaftsbewegung, ist es

unter anderem zu verdanken, dass die Geschichte der Wiener

SiedlerInnenbewegung nicht auf ewig unentdeckt blieb. Er hat

zahlreiche Texte darüber publiziert und in den 1980er-Jahren

eine Ausstellung über die SiedlerInnenbewegung zusammengestellt,

die in Wien und zahlreichen deutschen Städten zu sehen

war. Auch die GründerInnen des Mietshäuser Syndikats sind

irgendwann auf Texte von Klaus Novy gestoßen und haben von

ihm die Idee des Solidarfonds aufgegriffen, der heute sowohl

Teil des Konzepts von Mietshäuser Syndikat und Habitat als

auch den jungen Schweizer Genossenschaften ist.

In dieser Ausgabe zur Wohnungsfrage veröffentlichen

wir einen Text von Klaus Novy aus den frühen 1980er-Jahren,

weil er den Schwerpunkt bereichert, aber natürlich auch, weil

er im Jubiläumsjahr auf die weniger bekannten Wohnkonzepte

des Roten Wien verweist. Über die jungen Schweizer Genossenschaften

haben wir ein ausführliches Interview mit Andreas

Wirz, einem Mitbegründer der Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft

Kraftwerk1 und Vorstand im Regionalverband Zürich

der Wohnungsbaugenossenschaften Schweiz, geführt. Sieht

man sich an, wo die Ursprünge all dieser Bewegungen (SiedlerInnenbewegung,

Mietshäuser Syndikat, Schweizer Genossenschaftsbewegung)

liegen, stößt man schnell auf Haus- bzw.

Landbesetzungen. Das zeigt, dass in kollektiver Selbstorganisation

eine hohe Innovationskraft und ein demokratiepolitisches

Potential liegen, die, wie bei der Wohnungsfrage sichtbar wird,

für gesellschaftspolitische Herausforderungen immer wieder

gute Lösungen ermöglichen. Die Notwendigkeit einer MieterInnen-Selbstorganisation

am Beispiel Los Angeles verdeutlicht

der Schwerpunkttext von School of Echoes über den Aufbau

der LA Tenants Union.

Wer dérive regelmäßig liest, dem wird nicht entgangen sein,

dass wir dem Konzept, Wohnraum als Ware zu behandeln,

ablehnend gegenüberstehen, weil es gesellschaftlich höchst

unerwünschte Folgen zeitigt. Wohnen ist ein nicht substituierbares

Gut und daher ein UN-Menschenrecht. Es gab und gibt

zahlreiche Möglichkeiten, der Spekulation mit Wohnraum

einen Riegel vorzuschieben, umso unverständlicher ist es, dass

es mittlerweile trotzdem als normaler Vorgang gilt, wenn

Wohnhäuser in immer kürzeren Abständen die EigentümerInnen

wechseln. Aus einer nicht profitorientierten Perspektive

erscheint es im Sinne des Gemeinwohls völlig absurd, dass

jede/r EigentümerIn aufs Neue erwarten darf, mit einem durch

meist jahrzehntelange Mieteinnahmen längst abbezahlten

Haus Profit zu machen. Ebenso absurd ist es, gut 40 Jahre nach

Maggie Thatchers katastrophaler Right-to-buy-Politik, wenn

eine österreichische Regierung in der aktuellen Lage am Wohnungsmarkt

beschließt, den Verkauf von gemeinnützigen

Wohnungen zu erleichtern, wie es vor wenigen Monaten passiert

ist. Nichts anderes lässt sich über die Möglichkeit von

befristeten Mieten oder Lagezuschlägen sagen. Das Wiener

Forum Wohn-Bau-Politik hat sich angesichts der ungeklärten

Probleme, der verhärteten Positionen der Parteien und der fehlenden

Lösungsorientierung auf Bundesebene in Sachen Wohnungsfrage

entschlossen, selbst einen Wohnrechtskonvent zu

organisieren, der seit einigen Monaten läuft. Wie der Stand der

Dinge ist, berichtet Barbara Ruhsmann in ihrem Beitrag für

den Schwerpunkt.

Des Weiteren bietet der Schwerpunkt einen Beitrag über

die Positionen zur Wohnungsfrage von rechtsextremen Parteien

wie der AfD sowie der FPÖ und ein Interview über die Situation

von Wohnungs- und Obdachlosen in Wien. Mehr über

das Schwerpunktthema und die einzelnen Beiträge findet sich

im Einleitungsartikel.

Seit dem letzten urbanize! Festival, das im Oktober 2018

in der Wiener Nordbahnhalle stattgefunden hat, engagieren

wir uns für den Erhalt dieses wichtigen Raums, dem der Abriss

droht. Wie es dazu kam, wie der Stand der Dinge ist und wie es

weitergehen soll, ist im Magazinteil nachzulesen. Wer sich uns

anschließen oder uns unterstützen will, ist herzlich willkommen.

Einer Halle, die in Wien vor genau 40 Jahren abgerissen

wurde und die ebenfalls die Chance geboten hätte, ein Stadtteilzentrum

zu werden, widmet Andreas Zeese einen Artikel in

diesem Heft. Darin geht es nicht nur um die damals kurzfristig

besetzte Halle, sondern um einen ganzen Stadtraum, der aus

dem Wiener Stadtbild verschwundenen ist.

Das zehnte urbanize! Festival steht vor der Tür und widmet

sich mit dem Jubiläumsprogramm Alle Tage Wohnungsfrage

dem Wohnen aus der Perspektive von Architektur und Stadtplanung,

Politik und Gesellschaft, Ökonomie und Ökologie –

und fahndet dabei nach konkreten Utopien fürs Wohnen der

Gegenwart und Zukunft. Wir freuen uns auf interessiertes und

diskussionsfreudiges Publikum.

— Christoph Laimer

01


Credits: BWAG CC-BX-SA4.0 / Uwe Hiksch / bikes and rails / Institut für Alltagsforschung / Deutsche

Wohnen & Co. enteignen, Jan Ickx / einszueins architektur / tonytextures / bigstock / Privat / www.s-e-r.at

www.urbanize.at

9—13 OKT 2019

Wien—Favoriten


Inhalt

01

Editorial

CHRISTOPH LAIMER

Schwerpunkt

04—05

Alle TAGE Wohnungsfrage!

CHRISTOPH LAIMER

06—12

»TEILT alles und spielt FAIR«

Die neuen Schweizer Wohnbaugenossenschaften

und die Wohnungsfrage

ANDREAS WIRZ

13—18

Von SCHLAFsiedlungen und dem

TRAUM vom Einzelhaus

Die Wohnungsfrage im Diskurs der Rechten

PETER BESCHERER, GISELA

MACKENROTH, LUZIA SIEVI

37—38

RECHT AUF WOHNEN

INITIATIVE SOMMERPAKET

39—45

»Die Pioniere vom Rosenhügel«

Zur wirklichen Revolution des ArbeiterInnenwohnens

durch die Wiener SiedlerInnen

KLAUS NOVY

Magazin

46—52

Der vergessene Stadtraum

Wie der Wiener Phorusplatz entstand –

und wieder verschwand

Ein Beitrag zur Geschichte des öffentlichen

Raums in Wien

ANDREAS ZEESE

54—57

Die NORDBAHNHALLE auf dem Weg zum

STADTTEILZENTRUM

CHRISTOPH LAIMER, ELKE RAUTH

Besprechungen

18

FPÖ-Positionen zur Wohnungsfrage

SILVESTER KREIL

19—26

La COMUNA o NADA

Building an Autonomous Tenants Movement in

Los Angeles

SCHOOL OF ECHOES

58—61

Tech-Urbanismus, (an) greifbar gemacht

S. 59

Steirische Wohnbau-Identitätspolitik

Betroffenheit kollektivieren,

S. 60

Wohnungsfrage politisieren

68

IMPRESSUM

S. 58

27—31

Der WOHNRECHTSKONVENT

Ein konsultativ-demokratisches Experiment

BARBARA RUHSMANN

Kunstinsert

32—36

Claudia Märzendorfer

Für die Vögel


dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von

17.30 bis 18 Uhr in Wien auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

03


CHRISTOPH LAIMER

Alle TAGE

Wohnungsfrage!

»In der Umgehung des Kapitalmarktes

liegt die entscheidende Option einer neuen Wohnungspolitik.«

Novy 1982, S. 52

Das Witzige am Wohnen ist, dass es einerseits so selbstverständlich und alltäglich ist,

es sich andererseits jedoch als furchtbar schwer herausstellt, es zu definieren. Wenn

man geht, schläft oder isst, ist relativ klar, was man macht, aber was tut man, wenn

man wohnt? Ein Blick ins etymologische Wörterbuch bringt wohnen in Zusammenhang

mit gewöhnen und gewohnt, aber auch mit Wonne. »Lieben, schätzen«, ist zu lesen,

»wäre demnach die Ausgangsbedeutung« (Kluge 2002, S. 995). Viel einfacher ist es

mit der Wohnungsfrage. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wird sie breit diskutiert und ist

aufs Engste mit der Industrialisierung und dem Städtewachstum verknüpft. Ausschlaggebend

für ihr Auftauchen ist, dass die Schaffung von Wohnraum ein Geschäftsmodell

und Wohnraum somit zur Ware wurde.

Wohnungsfrage, Wohnen, Wohntypologien,

Spekulation, Miete, Hausprojekte

Wohnen ist ein nicht substituierbares Gut und daher ein

UN-Menschen recht. Wir alle müssen Wohnen und brauchen

ein Dach über dem Kopf. Wohnformen sind mit den politischen

und ökonomischen Verhältnissen unauflöslich verbunden

und dadurch geprägt. Das reicht von den feudal und

patriarchal geprägten Zeiten, in denen Bauer und Knecht

sowie Handwerker und Geselle unter einem Dach lebten, zu

den späteren, von Unternehmern geschaffenen Arbeiterunterkünften,

über das kleinfamiliäre Massenwohnen der Nachkriegszeit

im 20. Jahrhundert bis zu den Gated Communities

und der Warenförmigkeit des Wohnens in der neoliberalen

Gegenwart. Die Wohnungsfrage berührt Fragen der Ökonomie

und Politik, der Ökologie und Nachhaltigkeit, der Architektur

und Soziologie gleichermaßen.

Setzt man Wohnung nicht einfach nur mit Behausung

gleich, zeigt sich, so seltsam es auch klingen mag, dass nicht

immer schon gewohnt wurde. Wohnen im heutigen Sinne ist

eine Folge gesellschaftlicher Verhältnisse und war nicht immer

Teil menschlichen Lebens. Hartmut Häußermann und Walter

Siebel setzen die Anfänge des Wohnens mit der Entstehung

von Lohnarbeit und Freizeit an. Lohnarbeit findet nicht in der

eigenen Unterkunft, sondern an einem externen Ort statt. Die

unproduktiven Zeiten verteilen sich nicht mehr über den ganzen

Tag, sondern werden am Ende des Arbeitstags konzentriert,

wodurch erst so etwas wie Freizeit entsteht. »In diesem

Prozeß der räumlichen und zeitlichen Abspaltung von Teilen

der produktiven Arbeit entsteht auch erst Wohnen im heutigen

Sinn als räumliches, zeitliches und inhaltliches Gegenüber zur

im Betrieb organisierten beruflichen Arbeit. Der Haushalt

steht nicht mehr im Mittelpunkt der Wirtschaft. Markt und

Erwerbswirtschaft drängen Selbstversorgung und ›Unterhaltswirtschaft‹

(Egner) an den Rand.« (Häußermann & Siebel

2000, S. 24–25)

Die Entwicklung vom »Ganzen Haus als autarker

Selbstversorgungseinheit von Produktion und Konsum hin zum

städtischen Konsumentenhaushalt« (ebd., S. 26) sowie derjenigen

vom Großhaushalt von mehreren Familiengenerationen

sowie Dienstpersonal, Gesellen, Knechten, Mägden hin zur

Zweigenerationen-Kernfamilie schien unaufhaltsam. In den

letzten Jahrzehnten hat sich jedoch gezeigt, dass es in beiden

Bereichen zu einer Umkehr dieses Prozesses kommt oder die

Entwicklung eine Abzweigung nimmt – wenn auch anfangs nur

in Nischen und einzelnen Teilbereichen. Sowohl kollektive

Wohnformen abseits der klassischen Kleinfamilie als auch der

Wohnraum als Ort der Arbeit, Produktion und Selbstversorgung

sind längst nicht mehr rein historische Motive oder Phänomene

in weniger entwickelten Weltgegenden. Sie sind viel

eher dabei, zu Modellprojekten für ein neues Zusammenleben

in westlichen Städten zu werden, in denen Themen wie Wohnkosten,

Vereinzelung, Nachhaltigkeit und Selbstverwirklichung

04

dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


Links: Viertel Zwei, Wien Krieau:

»We create extraordinary living spaces with

the power to delight« (Value One).

Rechts: Die Aufnahme wurde im Winter ebenfalls

in Wien gemacht. Fotos — dérive

immer wichtiger werden. Die Mängel des fordistischen Massenwohnens

werden dadurch ein weiteres Mal transparent. Es braucht

daher dringend Alternativen, die es längst und zunehmend vermehrt

und vielfältiger gibt, wie wir in diesem Heft zeigen.

Eine der erwähnten Alternativen sind die Hausprojekte

der jungen Schweizer Genossenschaften. Ungefähr zur selben

Zeit als in Deutschland das Mietshäuser Syndikat gegründet

und in Wien am Wohn- und Kulturprojekt Sargfabrik geplant

wurde, erschien in Zürich eine Broschüre, die das Konzept für

Kraftwerk1 dargelegt hat. Einige Jahre später war die Genossenschaft

Kraftwerk1 gegründet und das erste Hausprojekt

Hardturm umgesetzt. Mit Andreas Wirz, einem der damaligen

Initiatoren und dem heutigen Vorstand im Schweizer Verband

der Wohnbaugenossenschaften, haben wir für diesen Schwerpunkt

ein Interview geführt. Eine interessante Erkenntnis

dabei: Die Erfahrungen aus den Züri-brennt-Hausbesetzungen

in den 1980er-Jahren waren für die Genossenschaften in

Zürich genauso wichtig wie die Häuserkämpfe in Freiburg für

das Mietshäuser Syndikat. Sie haben neben vielem anderen maßgeblich

beeinflusst, welche Rolle Mitbestimmung und Selbstorganisation

spielen oder welche neuen Wohntypologien sich

entwickelt haben.

Um Selbstorganisation geht es auch im Artikel der Initiative

School of Echoes Los Angeles, allerdings in Zusammenhang

mit MieterInnenkämpfen in Los Angeles. Die AutorInnen

sehen in Selbstorganisation nicht nur die einzige Chance, die

Lebens- und Wohnverhältnisse für MieterInnen tatsächlich zu

verbessern und Kämpfe zu gewinnen, sondern auch als »an

experience of the possibility of true participatory democracy«.

Ihr Artikel ist eine radikale Kritik sowohl des NGO-Non-Profit-

Sektors als auch des US-amerikanischen Housing Movements.

Für Wohnungs- und Wohnrechtsfragen sind in Österreich

viele Behörden, Magistrate und Ministerien auf unterschiedlichen

Ebenen zuständig. Darüber hinaus gibt und gab es

zwischen den ehemals bestimmenden Parteien ÖVP und SPÖ

immer schon sich gegenseitig ausschließende ideologische

Positionierungen. Wie auch im aktuellen Wahlkampf deutlich

sichtbar, ist für die rechtskonservative ÖVP das Thema Wohnungseigentum

von zentraler Bedeutung, während die SPÖ in

ihrer aktuellen Kampagne die Mieten durch Abschaffung der

Umsatzsteuer senken will. Die Voraussetzungen für eine Änderung

der rechtlichen Rahmenbedingungen fürs Wohnen sind

auf Bundesebene also denkbar schlecht. Das Forum Wohn-Bau-

Politik hat deswegen einen Wohnrechtskonvent gestartet, um

mit BürgerInnen und ExpertInnen über ein Jahr hinweg im

Dialog mit politisch Verantwortlichen ein Weißbuch für ein

neues österreichisches Wohnrecht zu erarbeiten. Wie es dazu

kam, was die Erwartungen und die entscheidenden Knackpunkte

sind, stellt Barbara Ruhsmann in ihrem Artikel Der

Wohnrechtskonvent – ein konsultativ-demokratisches Experiment

vor.

Die Krise der Wohnraumversorgung, insbesondere in

den wachsenden Großstädten, ist eine drängende sozialpolitische

Frage. Kein Wunder also, dass sich auch die rechtsextremen

Parteien AfD und FPÖ dazu positionieren. Wie nicht

anders zu erwarten, verknüpfen sie auch diesen Themenbereich

mit Migrations- und Sicherheitspolitik und vertreten national

istisch-sozialprotektionistische Ansichten, gleichzeitig setzen

sie auf Eigentum und unterstützen marktliberale Positionen.

Diese Ansprüche sind nicht immer unter einen Hut zu bringen,

eine inhaltlich stringente Politik kaum möglich. Statements

und Reaktionen enthalten je nach Situation und Konstellation

immer wieder auch widersprüchliche Inhalte. Peter Bescherer,

Gisela Mackenroth und Luzia Sievi analysieren in ihrem Beitrag

für diesen Schwerpunkt, wie die AfD mit der gegenwärtigen

Wohnungsfrage umgeht. Silvester Kreil hat sich die

diesbezügliche Politik der FPÖ angesehen.

Den Abschluss des Schwerpunkts bildet ein Interview

mit der Initiative Sommerpaket. Sie spielt mit ihrem Namen

darauf an, dass Wien für Obdach- und Wohnungslose zwar ein

Winterpaket schnürt, das von November bis April rund 900

zusätzliche Übernachtungsmöglichkeiten bietet, es diese Plätze

aber eigentlich auch im Sommer, und damit übers ganze Jahr,

bräuchte. Die Initiative setzt sich nicht nur für eine Verbesserung

der Versorgung von Obdach- und Wohnungslosen ein,

sondern auch für bessere Arbeitsbedingungen für die MitarbeiterInnen

von Hilfs- und Betreuungseinrichtungen.

Als Extrabonus zum Schwerpunkt drucken wir anlässlich

des Jubiläums 100 Jahre Rotes Wien einen Text über die

sehr zu Unrecht immer ein wenig im Schatten des Gemeindebaus

stehende Wiener Siedlerbewegung nach, den Klaus Novy

1981 geschrieben hat.

Der Schwerpunkt wirft somit Schlaglichter auf einzelne

Aspekte der Wohnungsfrage, die in ihrer Komplexität weit

über diese Ausgabe der dérive hinaus geht. Viele andere Facetten

haben wir bereits in früheren Heften behandelt. Daher

planen wir als spezielles Service, demnächst eine Sammlung

von ausgesuchten Texten rund um Wohnen und Wohnbau als

PDF zu veröffentlichen.

Literatur

Häußermann, Hartmut & Siebel, Walter (2000): Soziologie

des Wohnens – Eine Einführung in Wandel und Ausdifferenzierung

des Wohnens. 2. korrigierte Auflage. Weinheim/München:

Juventa Verlag.

Kluge, Friedrich (2002): Etymologisches Wörterbuch der

deutschen Sprache. Berlin / New York: de Gruyter.

Novy, Klaus (1982): Anmerkungen zum Verhältnis von Trägerformen

und Finanzierungsalternativen. In: Arch+, Nr. 61,

Februar 1982, S. 52–53. Aachen.

Reulecke, Jürgen (Hg.) (1997): Geschichte des Wohnens,

Band 3 – 1800–1918 Das bürgerliche Zeitalter. Stuttgart:

Deutsche Verlags-Anstalt.

Christoph Laimer — Alle Tage Wohnungsfrage!

05


ANDREAS WIRZ

»TEILT alles

und spielt FAIR«

Die neuen Schweizer Wohnbaugenossenschaften

und die Wohnungsfrage

Andreas Wirz ist Mitbegründer der Zürcher Bau- und Wohngenossenschaft Kraftwerk1

und war von 1995 bis 2003 in dessen Vorstand. Heute ist er Vorstand im

Regionalverband Zürich der Wohnungsbaugenossenschaften Schweiz. Gemeinsam mit

Andreas Hofer, der derzeit die IBA in Stuttgart leitet, ist er Partner im Büro Archipel.

Er berät Wohnbaugenossenschaften, private Auftraggeber und die öffentliche Hand in

Wohnungsfragen im Lebensraum Stadt. Im Interview mit Christoph Laimer spricht er

über die Anfänge der neuen Züricher Genossenschaftsbewegung, und die Erfahrungen

aus der Hausbesetzerbewegung, das Modell der Genossenschaft, neue Wohn typologien

sowie Partizipation und klärt die Frage, warum es bei den neuen Genossenschaften

ein Autoverbot gibt.

Genossenschaft, Zürich, Wohnbau, Hausbesetzungsbewegung,

Wohntypologien, Selbstorganisation,

Partizipation, Städtebau, Mobilität, Miethöhe

Kraftwerk1 war in den 1990er Jahren die erste der neuen Genossenschaften, die in den letzten rund

20 Jahren gegründet worden sind. Die Schweizer Wohnbaugenossenschaften waren damals wenig innovativ

und agierten nach dem Konzept more-of-the-same, wenn sie überhaupt bauten und nicht nur verwalteten.

In dieser Zeit hat die Zürcher Bevölkerungszahl wieder leicht zugenommen, es gab einen Aufschwung

in der Stadt. Was war der Grund für die Gründung von Kraftwerk1, welche neue Ideen haben

mit dieser Gründung Einzug gehalten? Wie kann man sich die Situation damals vorstellen?

Andreas Wirz In Zürich wie in anderen europäischen Städten stellte sich die Wohnraumfrage

das erste Mal mit der Industrialisierung und dem rasenden Wachstum der Städte. Nach dem Ersten und

dem Zweiten Weltkrieg herrschte ein Entwicklungsboom. Die liberal-genossenschaftliche Idee der Hilfe zur

Selbsthilfe ließ damals vorrangig mittelständische Bauten entstehen. Die Neubauten waren teuer und für die

Ärmsten schwer erschwinglich, aber sie brachten trotzdem eine große Entspannung. In den 1980er-Jahren

beschränkten sich die Genossenschaften auf die Verwaltung ihrer Häuser. Die Bewohnerschaft war äußerst

homogen: Klassische Kleinfamilien, mehrheitlich sozialdemokratisches Milieu, Schweizer Staatsbürgerschaft.

Die Stimmung war kleinbürgerlich, miefig. Rückblickend hat man Gartenstädte mit Teppichklopfstangen

vor Augen, die Botschaft lautete »betreten verboten«.

Kraftwerk1 wurde nicht durch den großen Aufschwung ermöglicht, sondern – ich würde etwas großspurig

behaupten – wir waren Teil des Aufbruchs. Wir haben aus den Erfahrungen der Hausbesetzungen

Anfang der 1990er gelernt, dass es auch andere, lustige Formen des Zusammenlebens gibt. Es gab in dieser

Phase unterschiedliche Gruppen: Die Konzeptgruppe Städtebau war ein wichtiges Element, da waren stadtinteressierte

Leute von SAU (Anm: Ssenter for Applied Urbanism) oder INURA dabei. Verkehrsdiskussionen

waren sehr stark, später wurde die Wohnungsfrage wichtiger und wir haben uns fast strategisch gespalten:

Die einen, die gesagt haben, wir kämpfen weiter gegen die Projekte, die unsere Stadt kaputt machen und

06

dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


PETER BESCHERER, GISELA MACKENROTH, LUZIA SIEVI

Von SCHLAFsiedlungen

und dem TRAUM

vom Einzelhaus

Die Wohnungsfrage im Diskurs

der Rechten

Rechtspopulismus, Wohnen, Eigenheim, Kulturalisierung,

Demokratie, AfD, FPÖ

Foto — penjelly

Die Krise der Wohnraumversorgung, insbesondere in den wachsenden Großstädten,

ist eine drängende sozialpolitische Frage. Der Artikel diskutiert anhand einer Analyse

rechter Medien und tagespolitischer Beiträge der AfD in deutschen Parlamenten, wie

die Neue Rechte mit der gegenwärtigen Wohnungsfrage umgeht. Es wird aufgezeigt,

dass die Rechten sozialpolitische Fragen der Wohnungspolitik mit einer vermeintlichen

Krise der Migration verschalten. Von hier aus zeichnet sich als Grundmotiv eine Kulturalisierung

verschiedener Fragen des Wohnens ab, vom Wohneigentum über die

Nachbarschaft bis hin zu Formen der Stadtentwicklung. Mit diesen Positionen leisten

rechte AkteurInnen marktliberalen Lösungen Vorschub. Schließlich soll hier aufgezeigt

werden, wie in diesen Argumentationslinien Bedingungen einer zivilgesellschaftlichen

Demokratie von den Rechten angegriffen werden.

Peter Bescherer, Gisela Mackenroth, Luzia Sievi — Von SCHLAFsiedlungen und dem TRAUM vom Einzelhaus

13


SCHOOL OF ECHOES

La COMUNA

o NADA

Building an Autonomous Tenants

Movement in Los Angeles

Selbstorganisation, Mieterkämpfe, Immobilienmarkt,

Finanzialisierung, Partizipation, Los Angeles

School of Echoes Los Angeles, founding teach-in,

Concord Space, Cypress Park, Los Angeles, 12 October 2012.

»For Kléber [Ramírez Rojas …] building communal power meant dissolving political

power into the community itself; it meant a broadening of democracy in which the

communities will assume the fundamental powers of the state«

From Building the Commune: Radical Democracy in Venezuela

»Being in a tenants association taught me how to be a neighbor«

David, Member of the Mid-City Local of the L.A. Tenants Union

School of Echoes Los Angeles — La COMUNA o NADA

19


BARBARA RUHSMANN

Der WOHN-

RECHTSKONVENT

Ein konsultativdemokratisches

Experiment

Wohnrecht, BügerInnenbeteiligung, Demokratie,

Wohnpolitik, Eigentum, Mietrecht, Partizipation

Mietenwahnsinndemonstration in Berlin im April 2019;

Foto — Leonhard Lenz

Im Mai 2019 startete das Forum Wohn-Bau-Politik einen Wohnrechtskonvent.

BürgerInnen und ExpertInnen erarbeiten über ein Jahr hinweg im Dialog mit politisch

Verantwortlichen ein Weißbuch für ein neues österreichisches Wohnrecht.

Barbara Ruhsmann — Der WOHNRECHTSKONVENT – ein konsultativ-demokratisches Experiment

27


Kunstinsert

Claudia Märzendorfer

Für die Vögel

Claudia Märzendorfer befasst sich seit vielen Jahren mit dem Ephemeren und Flüchtigen. Ihre

Skulpturen von Möbeln, die sie in einem modularen System aus Eis baute (Als er das Messer

warf, 2009) sind ebenso legendär wie die Frozen Records – Viel Lärm um Nichts (2005), auf

denen die Künstlerin vergängliche Klänge in Eis geschrieben erzeugte. Das Unbeständige,

Unkontrollierbare, das außer Kontrolle Geratene, sind Themen, die Claudia Märzendorfer in

ihren narrativ-poetischen Installationen konsequent verfolgt – und damit auch das Kunstobjekt

als Begierde des Sammelns in Frage stellt. Die Titel ihrer Projekte muten oft wie Filmtitel an,

sodass sich den BetrachterInnen weitere Erzählstränge eröffnen, die die Arbeiten aus dem oft

scheinbar bekannten Alltagskontext hinaustragen.

Im dérive-Insert zeigt Claudia Märzendorfer Ausschnitte aus Für die Vögel

(www.forthebirds.at) – ein Projekt, das sie im Juni 2019 anlässlich des 20-jährigen Bestehens

der sozialpsychiatrischen Abteilung im Landesklinikum Hollabrunn im Rahmen von Kunst

im öffentlichen Raum Niederösterreich realisierte. Dieser »aeronautische Skulpturengarten«,

zu dem sie mehr als 40 Kunstschaffende (im Insert sind die Objekte von Ruth Cerha, Regula

Dettwiller, Elektro Guzzi, Anne Hardy, Edgar Honetschläger und Toni Schmale / Wally Salner

zu sehen) quer über Generationen und geografische Grenzen hinweg einlud, hinterfragt

subtil die sprichwörtliche Aussage »einen Vogel haben«. Die Grenzen von Normalität und deren

Abweichungen werden über die harmlose und ausufernde Ansammlung von Vogelhäuschen

im Park der Psychiatrie, die sich in einem breiten Spektrum zwischen funktional und absurd

anmutend auch der zunehmend geforderten Funktionalität von Kunst widersetzen, ausgelotet.

Claudia Märzendorfer schafft mit dieser stillen Installation ein Setting, das uns mit

den grundlegenden Fragen unseres Daseins konfrontiert: Wo wohnen wir, wo lebt »unser Vogel«

(in uns), und wie können wir diesem entkommen oder mit ihm leben? Bezugnehmend auf

die gesellschaftlichen Ideale der Werkbundsiedlung präsentiert die Künstlerin hier innovative

Modelle für ein zukunftsträchtiges Zusammenleben aller.

Auch in ihrer aktuellen Ausstellung A Blazing World im Kunsthaus Wien ist das

Zusammenleben im globalen Kontext und die damit verbundenen ökologischen Aspekte Thema

ihrer Arbeit. Claudia Märzendorfer konterkariert hier die Verschmutzung der Meere durch

Plastikmüll in einer poetischen Installation: Die 22 kg Plastikmüll, die im April 2019 in einer

daran verendeten, schwangeren Walkuh in Sardinien gefunden wurden, goss die Künstlerin

als Gipsskulpturen nach, die begleitet werden von France. Dieses fiktionale Protokoll

der Obduktion eines Wals von Mrs. Microsoft (ver)führt die BetrachterInnen durch seine

sprachliche Raffinesse in die komplexen Gefilde von aktuellen politischen und ökologischen

Befindlichkeiten. Der Titel France bezieht sich dabei auf die Fläche Frankreichs, die lange

als Maß für die Menge des Plastiks galt, das im Meer schwimmt. Heute geht man von der

dreifachen Menge aus.

Mit dem subtilen Humor, der Claudia Märzendorfers Arbeiten eigen ist, gelingt es der

Künstlerin immer wieder von neuem, uns aus der Verzweiflung angesichts scheinbar unlösbarer

Probleme herauszuführen – und uns dadurch zum Handeln anzuregen.

A Blazing World war bis Ende September 2019 im Kunsthaus Wien zu sehen. Weitere

Arbeiten von Claudia Märzendorfer sind u. a. in den Ausstellungen Der Hände Werk in der

Schallaburg (bis 03.11.2019) und in Sinnesrausch im OK Linz (bis 13.10.2019) vertreten.

Informationen: claudiamaerzendorfer.com

Barbara Holub und Paul Rajakovics

© Claudia Märzendorfer/forthebirds.at

32

dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


INITIATIVE SOMMERPAKET

Recht auf

Wohnen

Obdachlosigkeit, Notquartier,

Arbeitsbedingungen, Housing first, Chancenhäuser

Anfang dieses Jahres hat sich ein Zusammenschluss von BasismitarbeiterInnen aus

Notquartieren, Chancenhäusern und Tageszentren – die Initiative Sommerpaket –

gegründet und einen offenen Brief an Trägerorganisationen, die verantwortlichen

Fördergeber sowie die politisch Verantwortlichen verfasst. Darin werden vor allem

ganzjährige Notquartiere für alle, unabhängig von ihrer Herkunft, eingemahnt. Es gibt

ganz pragmatische Forderungen zur Verbesserung der Wohn-, Lebens- und Arbeitsverhältnisse

sowohl der Obdach- und Wohnungslosen als auch der MitarbeiterInnen

der Einrichtungen. Darüber hinaus werden in dem Brief gesellschaftspolitische Themen

wie ein Recht auf Wohnen angesprochen. Christoph Laimer hat mit Gregor, einem

Aktivisten der Initiative, gesprochen.

In eurem offenen Brief an den Fonds Soziales Wien und den

Sozialstadtrat aus dem April dieses Jahres bezeichnet ihr Obdachlosigkeit

als »vermeidbare Ungerechtigkeit« und fordert

ein »Recht auf Wohnen«. Wie könnte Obdachlosigkeit vermieden

werden und was wären aus eurer Sicht Voraussetzungen,

um ein Recht auf Wohnen realisieren zu können?

Wir wollen die bestehenden Ungerechtigkeiten nicht nur

abfedern, sondern sie per se angehen. Wir haben versucht, uns

mit anderen stadtpolitischen Initiativen zusammenzuschließen,

was ansatzweise gelungen ist. Für uns ist klar, dass das Recht

auf Wohnen kein isoliertes Thema ist, sondern natürlich einerseits

im Kontext von Themen wie Gentrifizierung, Verdrängung

und hohen Mieten zu sehen ist, andererseits spielen aber

auch unsere Arbeits- und Lebensbedingungen in den Obdachlosenheimen

eine Rolle.

In den letzten Monaten und Jahren hat es in einigen Bundesländern

eine markante Verschlechterung bei Sozial leistungen

gegeben. In den Städten steigen die Mieten speziell am privaten

Wohnungsmarkt rasant. Welche gesellschaft lichen und

politischen Entwicklungen der letzten Jahre hatten die

spürbarsten Auswirkungen auf die Zahl und Situation von

Wohnungs- und Obdachlosen in Wien?

Die Arbeit der Polizei. Es war sicher kein Zufall, dass

mit dem Beginn der letzten schwarz-blauen Regierung Kontrollen

und Abschiebungen extrem forciert worden sind. Menschen

aus Osteuropa waren von Abschiebung massiv betroffen. Das

haben wir in den Einrichtungen ganz direkt mitbekommen, weil

die Polizei immer wieder aufgetaucht ist. Wir haben im Team

und in unserer Initiative oft diskutiert, wie wir mit dieser Situation

umgehen können. Im Endeffekt ist man relativ machtlos.

Welche sind die rechtlichen und ökonomischen Rahmenbedingungen,

die auf jeden Fall geändert werden müssten, um

die Gefahr von Obdach- und Wohnungslosigkeit zu verringern?

Ganz offensichtlich sind das natürlich die zu hohen

Mieten ebenso wie Hürden am Wohnungsmarkt. Mehr als die

Hälfte der Menschen, mit denen wir zu tun haben, kommen

aus Osteuropa. Sie sind in einem hohen Maß den schlechten

Bedingungen am Arbeitsmarkt ausgeliefert. Die Menschen

kommen in erster Linie, um hier zu arbeiten. Sie sind davon

betroffen, dass Löhne nicht oder nicht zur Gänze ausbezahlt

werden, dass sie nach Arbeitsunfällen nicht mehr gebraucht

werden, sie nicht ausreichend versichert sind usw. Die arbeitsrechtliche

Absicherung und die Situation am Wohnungsmarkt

sind voneinander nicht zu trennen, sie hängen zusammen.

Was ist die rechtliche Basis, mit der EU-BürgerInnen aus

Osteuropa abgeschoben werden können?

Wenn man nicht arbeitet bzw. nicht legal arbeitet, darf

man nur sechs Monate in Österreich bleiben. Das kann natürlich

schwer kontrolliert werden und wenn Menschen beispielsweise

in die Slowakei abgeschoben werden, kannst du damit

rechnen, dass sie nach zwei bis drei Tagen wieder da sind. Der

andere Grund ist (Klein-)Kriminalität.

In dem von euch verfassten Brief kritisiert ihr, dass Notquartiere

zur Gänze durch Chancenhäuser ersetzt werden sollen

und schreibt, dass Chancenhäuser die Realität ignorieren.

Wie sieht diese Realität aus?

Alle paar Jahre tauchen neue Trends auf. Vor einigen

Jahren war es Housing first, jetzt sind es die Chancenhäuser.

Christoph Laimer — Sommerpaket

37


KLAUS NOVY

»Die Pioniere

vom Rosenhügel«

Zur wirklichen Revolution des

ArbeiterInnenwohnens durch die

Wiener SiedlerInnen

Die Stadt Wien feiert dieses Jahr 100 Jahre Rotes Wien. Im Fokus stehen dabei wie

stets die Gemeindebauten. Die SiedlerInnenbewegung, die für die ersten Jahren des

Roten Wien prägend war, kommt meist nur am Rande vor. Einer der gegen diese

Geringschätzung zeitlebens angekämpft hat, war Klaus Novy. Er hat nicht nur zahlreiche

Texte zur SiedlerInnen- und Genossenschaftsbewegung geschrieben, sondern

war auch einer der Initiatoren einer Ausstellung über die Wiener SiedlerInnenbewegung,

die Mitte der 1980er-Jahre neben Wien auch in zahlreichen deutschen Städten

und in Stockholm zu sehen war. Der folgende Text ist die gekürzte Version eines

Artikels, der 1981 in Heft 4 von UM BAU, der Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft

für Architektur, erschienen ist.

SiedlerInnenbewegung, Rotes Wien,

Genossenschaften, Selbstverwaltung, Wohnen,

Volkswohnungspalast, Sozialdemokratie,

Genossenschaftshaus

Einen Schritt zurückgeblieben, dafür zwei nach vorn

Die Wiener SiedlerInnenbewegung geht nicht primär auf die Wohnungsreformagitationen

vor dem ersten Weltkrieg zurück. Gerade das Fehlen fast jeder institutionellen Voraussetzung,

etwa in Gestalt einer starken Bauvereins-, Gartenstadt- oder Schrebergartenbewegung vor 1914,

machte den radikal-sozialreformerischen Aufbruch und Neuanfang nach 1918 erst möglich. Der

Wiener SiedlerInnenaufbruch entstand aus der KleingärtnerInnenbewegung und diese wiederum

aus der Kriegsnot. Illegale Landaneignung, kleingärtnerische Selbstversorgung, das Bauen

von Notquartieren, kurz: wildes Siedeln, ist eines; die Entstehung von großen, als Einheit konzipierten

Genossenschaftssiedlungen als Keimzellen einer neufundierten Gesellschaft ist dagegen

etwas ganz anderes. Dass letzteres aus ersterem hervorgeht, ist – wie jeder Blick in die Nachbarländer

zeigt – keine Selbstverständlichkeit, im Gegenteil: es war eine Wiener Besonderheit.

»Die Pioniere vom Rosen hügel« – »Kommt und seht!« (A. Müller)

Noch im Spätjahr 1920 herrschte in der SiedlerInnenbewegung ein ziemlich planloses

Durcheinander. Aus dem Wald- und Wiesengürtel drohte dauerhaft ein »Gürtel von Brettl- und

Zigeunerdörfern« zu werden. Der hohe Anteil gewerkschaftlich und sozialistisch organisierter

ArbeiterInnen und Angestellter sowie die wachsende Mitarbeit sozialreformerisch gesinnter

Fachleute ließen schließlich ein Organisationsnetz entstehen (Vereine, Genossenschaften, Verbände,

Hilfswirtschaften usw.), welches Teile dieses chaotischen, besitzindividualistisch orientierten

Notprojekts in ein hochorganisiertes Reformprojekt mit weitreichenden Ansprüchen

überführte. Atmosphärische Erleichterung fand ein solches vorstaatliches Reformprojekt

von unten durch das vorangegangene Scheitern der zentralstaatlichen Sozialisierungspolitik und

Klaus Novy — »Die Pioniere vom Rosenhügel«

39


ANDREAS ZEESE

Der vergessene

Stadtraum

Magazin

Wie der Wiener Phorusplatz

entstand – und wieder verschwand

Ein Beitrag zur Geschichte des öffentlichen Raums in Wien

Die Besetzung der Phorushalle am 20./21. Oktober 1979.

Blick aus der Phorusgasse in Richtung Westen.

Foto — KURIER / Herbert Kluger.

Aus: Kurier, 22.10.1979, S. 1.

Plötzlich war er da, »Der Skandal vom Phorusplatz«

(Arena 1979, S. 1). Als am 20. Oktober

1979 – vor genau 40 Jahren – junge AktivistInnen

aus dem Umfeld der Burggarten-Bewegung fast

einen Tag lang die ehemalige Phorushalle besetzten,

richtete sich die Aufmerksamkeit von Medien,

Politik und Öffentlichkeit ein letztes Mal auf einen

Stadtraum, der heute weitgehend vergessen ist.

Der kurze Showdown endete letztlich mit dem

Abzug der BesetzerInnen und einem »offensiven«

Polizeieinsatz. Bereits wenige Tage danach begann

der Abriss der Halle, an deren Stelle man ab

1981 ein Seniorenheim errichtete.

Es sind Episoden wie diese, die jüngere BewohnerInnen Wiens

überraschen dürften. Wer heute an dem 1985 fertiggestellten

Pensionistenheim an der Ziegelofengasse zwischen Mittersteig

und Leibenfrostgasse vorbeikommt, wird kaum einen Hinweis

auf die Vergangenheit des Ortes finden. Dabei ist die Geschichte

des Phorusplatzes zugleich eine besondere und eine gewöhnliche.

Sie zeigt die Entstehung, Existenz und Eliminierung

eines öffentlichen Raums, der ein Jahrhundert lang bestand.

Und sie verdeutlicht, wie sehr die Stadt einem konstanten

Transformationsprozess unterworfen ist, der funktionalen Erfordernissen

und strategischen Überlegungen gehorcht.

Vorspiel

Es war ein folgenreicher Beschluss, den der Wiener Gemeinderat

Ende Juni 1856 fasste. Am 28. Juni teilte die Tageszeitung

Die Presse lapidar mit, die Kommune Wien wolle

»den in der Nähe der Matzleinsdorfer Linie gelegenen und bei

3000 Quadratklafter fassenden Phorus (Holzverkleinerungs-Anstalt

und Holzlager) [...] um den Preis von 60.000

fl. EW zu Gemeindezwecken« erwerben (o. A. 1856).

Der Phorus – das war ein stadtbekanntes, mehr als

einen Hektar großes Werk- und Lagerstätten-Areal, das sich

zwischen der Wiedner Hauptstraße und dem Mittersteig im

4. Bezirk befand und mit Baracken und kleineren Gebäuden

überbaut war. Das Grundstück hatte sich zuvor im Besitz des

gleichnamigen Unternehmens Phorus befunden, das 1821 als

Verein »zur Errichtung einer Brennholz-Verkleinerungs-Anstalt«

gegründet worden war (o. A. 1822) und bis zu seinem

Konkurs 1855/56 die Brennholz-Versorgung der Wiener Stadtbevölkerung

fast monopolisiert hatte. 1

Der Ankauf des Areals durch die neue Groß-Gemeinde

Wien erfolgte zu einem neuralgischen Zeitpunkt: Schon 1850

waren die Vorstädte eingemeindet worden – der seit langem erhoffte

Startschuss für die Stadterweiterung im Bereich des

Öffentlicher Raum, Stadtgeschichte, Besetzung, Markthalle,

Wieden, Platzüberbauung, Privatisierung, Phorushalle

46

dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


BACKISSUES

Bestellungen via Bestellformular auf www.derive.at

oder an bestellung(at)derive.at.

Alle Inhaltsverzeichnisse und zahlreiche Texte sind auf der dérive-Website nachzulesen.

dérive Nr. 1 (01/2000)

Schwerpunkte: Gürtelsanierung: Sicherheitsdiskurs,

Konzept – und Umsetzungskritik, Transparenzbegriff;

Institutionalisierter Rassismus am Beispiel der

»Operation Spring«

dérive Nr. 2 (02/2000)

Schwerpunkte: Wohnsituation von MigrantInnen und

Kritik des Integrationsbegriffes; Reclaim the Streets/

Politik und Straße

dérive Nr. 3 (01/2001)

Schwerpunkt: Spektaktelgesellschaft

dérive Nr. 4 (02/2001)

Schwerpunkte: Gentrification, Stadtökologie

dérive Nr. 5 (03/2001)

Sampler: Salzburger Speckgürtel, Museumsquartier,

räumen und gendern, Kulturwissenschaften und

Stadtforschung, Virtual Landscapes, Petrzalka,

Juden/Jüdinnen in Bratislava

dérive Nr. 6 (04/2001)

Schwerpunkt: Argument Kultur

dérive Nr. 7 (01/2002)

Sampler: Ökonomie der Aufmerksamkeit,

Plattenbauten, Feministische Stadtplanung,

Manchester, Augarten/Hakoah

dérive Nr. 8 (02/2002)

Sampler: Trznica Arizona, Dresden, Ottakring,

Tokio, Antwerpen, Graffiti

dérive Nr. 9 (03/2002)

Schwerpunkt in Kooperation mit dem

Tanzquartier Wien: Wien umgehen

dérive Nr. 10 (04/2002)

Schwerpunkt: Produkt Wohnen

dérive Nr. 11 (01/2003)

Schwerpunkt: Adressierung

dérive Nr. 12 (02/2003)

Schwerpunkt: Angst

dérive Nr. 13 (03/2003)

Sampler: Nikepark, Mumbai,

Radfahren, Belfast

dérive Nr. 14 (04/2003)

Schwerpunkt: Temporäre Nutzungen

dérive Nr. 15 (01/2004)

Schwerpunkt: Frauenöffentlichkeiten

dérive Nr. 16 (02/2004)

Sampler: Frankfurt am Arsch, Ghetto Realness,

Hier entsteht, (Un)Sicherheit, Reverse Imagineering,

Ein Ort des Gegen

dérive Nr. 17 (03/2004)

Schwerpunkt: Stadterneuerung

dérive Nr. 18 (01/2005)

Sampler: Elektronische Stadt, Erdgeschoßzonen,

Kathmandu, Architektur in Bratislava

dérive Nr. 19 (02/2005)

Schwerpunkt: Wiederaufbau des Wiederaufbaus

dérive Nr. 20 (03/2005)

Schwerpunkt: Candidates and Hosts

dérive Nr. 21/22 (01-02/2006)

Schwerpunkt: Urbane Räume – öffentliche Kunst

dérive Nr. 23 (03/2006)

Schwerpunkt: Visuelle Identität

dérive Nr. 24 (04/2006)

Schwerpunkt: Sicherheit: Ideologie und Ware

dérive Nr. 25 (05/2006)

Schwerpunkt: Stadt mobil

dérive Nr. 26 (01/2007)

Sampler: Stadtaußenpolitik, Sofia, Frank Lloyd Wright,

Banlieus, Kreative Milieus, Reflexionen der

phantastischen Stadt, Spatial Practices as a Blueprint

for Human Rights Violations

dérive Nr. 27 (02/2007)

Schwerpunkt: Stadt hören

dérive Nr. 28 (03/2007)

Sampler: Total Living Industry Tokyo, Neoliberale

Technokratie und Stadtpolitik, Planung in der

Stadtlandschaft, Entzivilisierung und Dämonisierung,

Stadt-Beschreibung, Die Unversöhnten

dérive Nr. 29 (04/2007)

Schwerpunkt: Transformation der Produktion

dérive Nr. 30 (01/2008)

Schwerpunkt: Cinematic Cities – Stadt im Film

dérive Nr. 31 (02/2008)

Schwerpunkt: Gouvernementalität

dérive Nr. 32 (03/2008)

Schwerpunkt: Die Stadt als Stadion

dérive Nr. 33 (04/2008)

Sampler: Quito, Identität und Kultur des Neuen

Kapitalismus, Pavillonprojekte, Hochschullehre,

Altern, Pliensauvorstadt, Istanbul, privater Städtebau,

Keller, James Ballard

dérive Nr. 34 (01/2009)

Schwerpunkt: Arbeit Leben

dérive Nr. 35 (02/2009)

Schwerpunkt: Stadt und Comic

dérive Nr. 36 (03/2009)

Schwerpunkt: Aufwertung

dérive Nr. 37 (04/2009)

Schwerpunkt: Urbanität durch Migration

dérive Nr. 38 (01/2010)

Schwerpunkt: Rekonstruktion

und Dekonstruktion

dérive Nr. 39 (02/2010)

Schwerpunkt: Kunst und urbane Entwicklung

dérive Nr. 40/41 (03+04/2010)

Schwerpunkt: Understanding Stadtforschung

dérive Nr. 42 (01/2011) Sampler

dérive Nr. 43 (02/2011) Sampler

dérive Nr. 44 (03/2011)

Schwerpunkt: Urban Nightscapes

dérive Nr. 45 (04/2011)

Schwerpunkt: Urbane Vergnügungen

dérive Nr. 46 (01/2012)

Das Modell Wiener Wohnbau

dérive Nr. 47 (02/2012)

Ex-Zentrische Normalität:

Zwischenstädtische Lebensräume

dérive Nr. 48 (03/2012)

Stadt Klima Wandel

dérive Nr. 49 (04/2012)

Stadt selber machen

dérive Nr. 50 (01/2013)

Schwerpunkt Straße

dérive Nr. 51 (02/2013)

Schwerpunkt: Verstädterung der Arten

dérive Nr. 52 (03/2013) Sampler

dérive Nr. 53 (04/2013)

Citopia Now

dérive Nr. 54 (01/2014)

Public Spaces. Resilience & Rhythm

dérive Nr. 55 (02/2014)

Scarcity: Austerity Urbanism

dérive Nr. 56 (03/2014)

Smart Cities

dérive Nr. 57 (04/2014)

Safe City

dérive Nr. 58 (01/2015)

Urbanes Labor Ruhr

dérive Nr. 59 (02/2015) Sampler

dérive Nr. 60 (03/2015)

Schwerpunkt: Henri Levebvre und das Recht aus Stadt

dérive Nr. 61 (04/2015)

Perspektiven eines kooperativen Urbanismus

dérive Nr. 62 (01/2016) Sampler

dérive Nr. 63 (02/2016)

Korridore der Mobilität

dérive Nr. 64 (03/2016)

Ausgrenzung, Stigmatisierung, Exotisierung

dérive Nr. 65 (04/2016)

Housing the many Stadt der Vielen

dérive Nr. 66 (01/2017)

Judentum und Urbanität

dérive Nr. 67 (02/2017)

Nahrungsraum Stadt

dérive Nr. 68 (03/2017) Sampler

dérive Nr. 69 (04/2017) Demokratie

dérive Nr. 70 (01/2018) Detroit

dérive Nr. 71 (02/2018) Bidonvilles & Bretteldörfer

dérive Nr. 72 (03/2018) Warsaw

dérive Nr. 73 (04/2018) Nachbarschaft

dérive Nr. 74 (01/2019) Sampler

dérive Nr. 75 (02/2019) Sampler

dérive Nr. 76 (03/2019) Stadt – Land


CHRISTOPH LAIMER, ELKE RAUTH

Die

NORDBAHNHALLE

auf dem Weg zum

STADTTEILZENTRUM

Nordbahnhalle, Stadtentwicklung, Stadtteilzentrum,

Demokratie, Aktivismus,

Stadtpolitik, Recht auf Stadt

Letztes Jahr hat dérive das urbanize! Festival in

der Nordbahnhalle im zweiten Wiener Gemeindebezirk

veranstaltet. Die ehemalige Lagerhalle

wurde zuletzt vom Lebensmittelgroßhändler

IMGRO benutzt, bevor sie von einem Forschungsprojekt

der TU Wien zwischengenutzt wurde.

Nach dem Auszug des Forschungsprojekts im

Sommer 2019 sollte die Halle abgerissen werden.

dérive hat sich gemeinsam mit zahlreichen NachbarInnen,

den Studierenden des Teams Nordbahnhalle,

ArchitektInnen und UrbanistInnen, Kulturund

Kunstschaffenden und mit Unterstützung der

IG Kultur Wien zur Plattform IG Nordbahnhalle zusammengeschlossen,

um den Totalabriss zu verhindern.

Diese unmittelbar wichtigste Forderung der

IG Nordbahnhalle wurde vorerst umgesetzt: Die

Stadtplanungspolitik hat eine Nachdenkpause bis

Sommer 2020 ausgerufen. Der aufgrund einer

neuen Straßenbahnführung nicht verhinderbare

Teilabriss ist mittlerweile durchgeführt worden. Die

verbliebenen Gebäudeteile der Nordbahnhalle

sind derzeit unbenutzt und geschlossen. Die IG

Nordbahnhalle will das Ensemble aus Halle und

Wasserturm dauerhaft erhalten und ein gemeinwohlorientiertes

soziokulturelles Zentrum für Nachbarschaft,

Kultur und soziale Initiativen entstehen

lassen: Ein Leuchtturmprojekt für dezentrale Kulturarbeit,

ein Stadtlabor und innovatives Grätzelzentrum

für das neue Stadtentwicklungsgebiet mit

demnächst 20.000 BewohnerInnen.

Auftaktpressekonferenz der IG Nordbahnhalle am 27. Juni 2019:

Foto — IG Nordbahnhalle

So wie in vielen Städten sind auch in Wien ehemalige Bahnhofsareale

zentrale Raumressourcen für die Stadtentwicklung.

Das Areal des ehemaligen Südbahnhofs wurde in Wien zum

Stadtentwicklungsgebiet Sonnwendviertel, das Nordbahnhofgelände

ist mittlerweile zu einem großen Teil von Wohnbauten

geprägt und zur künftigen Stadtentwicklung am Nordwestbahnhof

haben Michael Hieslmair und Michael Zinganel in der

vorletzten Ausgabe von dérive einen ausführlichen Beitrag verfasst.

Über die Zukunft der Westbahntrasse wird momentan

ebenfalls intensiv nachgedacht. In einer wachsenden Stadt ist

die Schaffung von Wohnraum ein vordringliches Anliegen.

Wohnen ist der Treiber für die aktuellen Stadtentwicklungsgebiete.

Doch baut Wohnen auch Stadt? Wer die Wiener Stadtentwicklung

genauer unter die Lupe nimmt, muss zumindest

feststellen, dass es andere Funktionen – trotz ihrer immensen

Bedeutung für den Stadtraum – um einiges schwerer haben.

54

dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


Impressum

dériveZeitschrift für Stadtforschung

Medieninhaber, Verleger und Herausgeber / Publisher:

dérive – Verein für Stadtforschung

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Vorstand: Christoph Laimer, Elke Rauth

ISSN 1608-8131

Offenlegung nach § 25 Mediengesetz

Zweck des Vereines ist die Ermöglichung und Durchführung

von Forschungen und wissenschaftlichen Tätigkeiten zu den

Themen Stadt und Urbanität und allen damit zusammenhängenden

Fragen. Besondere Berücksichtigung finden dabei

inter- und transdisziplinäre Ansätze.

Grundlegende Richtung

dériveZeitschrift für Stadtforschung versteht sich als

interdisziplinäre Plattform zum Thema Stadtforschung.

Redaktion

Mayergasse 5/12, 1020 Wien

Tel.: +43 (01) 946 35 21

E-Mail: mail(at)derive.at

www.derive.at

www.urbanize.at,

www.facebook.com/derivemagazin

twitter.com/derivemagazin

www.instagram.com/derive_urbanize

www.vimeo.com/derivestadtforschung

dérive – Radio für Stadtforschung

Jeden 1. Dienstag im Monat von 17.30 bis 18 Uhr

in Wien live auf ORANGE 94.0

oder als Webstream http://o94.at/live.

Sendungsarchiv: http://cba.fro.at/series/1235

AutorInnen, InterviewpartnerInnen und KünstlerInnen dieser Ausgabe:

Jochen Becker, Peter Bescherer, Elizabeth Blaney Ernst Gruber,

Barbara Holub, Initiative Sommerpaket, Christina Sanchez Juarez,

Silvester Kreil, Christoph Laimer, Gisela Mackenroth, Claudia

Märzendorfer, Julian Smith-Newman René Christian Moya, Paul

Rajakovics, Elke Rauth, Dont Rhine, Barbara Ruhsmann, Luzia Sievi

Andreas Wirz

Anzeigenleitung & Medienkooperationen:

Helga Kusolitsch, anzeigen(at)derive.at

Website: Artistic Bokeh, Simon Repp

Grafische Konzeption & Gestaltung:

Atelier Liska Wesle — Wien / Berlin

Lithografie: Branko Bily

Coverfoto: Protestbanner an Häusern in der Karl-Marx-Allee während

der Mietenwahnsinn-Demonstration am 6. April 2019 in Berlin.; Foto:

Leonhard Lenz/Wikimedia

Hersteller: Resch Druck, 1150 Wien

Kontoverbindung

Empfänger: dérive — Verein für Stadtforschung

Bank: Hypo Oberösterreich

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Abonnement

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Ermäßigt: 24 Euro (inkl. Versandspesen Inland)

Förder- und Institutionenabo: 50 Euro

Ausland jeweils plus 8 Euro Versandspesen

Abonnements laufen ein Jahr (vier Hefte). Bestellungen an:

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Wir danken für die Unterstützung:

Bundeskanzleramt – Kunstsektion,

MA 7 – Wissenschafts- und Forschungsförderung

Chefredaktion: Christoph Laimer

Redaktion/Mitarbeit: Thomas Ballhausen, Andreas Fogarasi,

Elisabeth Haid, Barbara Holub, Michael Klein, Andre Krammer,

Silvester Kreil, Karin Lederer, Erik Meinharter, Sabina Prudic-

Hartl, Paul Rajakovics, Elke Rauth, Manfred Russo

Mitgliedschaften, Netzwerke:

Eurozine – Verein zur Vernetzung von Kulturmedien,

IG Kultur, INURA – International Network for Urban

Research and Action, Recht auf Stadt – Wien.

Die Veröffentlichung von Artikeln aus dérive ist nur mit

Genehmigung des Herausgebers gestattet.

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dérive N o 77 — WOHNUNGSFRAGE


»Each experience of

self-government,

each moment when

tenants collectively

take control over their

own everyday life,

is an experience of

the possibility of

true participatory

democracy.«

School of Echoes Los Angeles, S. 24

Wohnraumversorgung, Mietergewerkschaft, Obdachlosigkeit,

Miete, Wohnrecht, Selbstorganisation, AfD/FPÖ, Finanzialisierung,

Nordbahnhalle, Phorusplatz, Los Angeles, Wien, Zürich

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