KUDU Magazin 29361

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KUDU Magazin 29361

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KUDU

1


aus der

taufe gehoben

Stolz ist eine Vokabel, die wir eigentlich relativ selten benutzen. Deshalb auch nur ein einziges Mal an prominenter

Stelle: Doch, doch, wir sind stolz auf KUDU – unser erstes Lesemagazin. Wir freuen uns, ein Magazin geschaffen zu

haben, das unseren Kolleginnen und Kollegen genauso gefällt wie ihren Kundinnen und Kunden. Das jedenfalls ist

das Ergebnis des Versuchsballons namens Nullnummer, die wir im Frühjahr getestet haben. Wir freuen uns auf ein

Magazin mit ausgesuchten Buchempfehlungen, kleinen, feinen, spannenden Geschichten links und rechts entlang

der Welt der Literatur, der Welt der Bücher. Und wir dürfen Ihnen verraten: Für Sie dieses Heft zu planen, zu schreiben,

zu gestalten, hat uns eine enorme Freude bereitet; wir hoffen, Sie werden das beim Lesen und Stöbern in den

kommenden 48 Seiten merken.

Wir empfinden es als großen Luxus, in ein Ladenlokal zu gehen und zu bemerken: Hier hat jemand vorsortiert, hier

hat sich jemand Gedanken gemacht. In den Zeiten der Verfügbarkeit aller Waren ist das nicht selbstverständlich.

Da ist es völlig unerheblich, ob man in einem Lebensmittelladen nach Milch sucht, in einem Schuhgeschäft nach

Winterstiefeln, oder ob man eine Buchhandlung betritt mit dem Wunsch, nach einer Beratung, dem ultimativen Tipp

oder dem Zufallsfund. Denn so ist das doch: Während ich mir Gedanken mache, was ich denn nun kaufen möchte,

welches Buch ich meinem Freund zum Geburtstag schenken kann, in welchen Titel ich einmal endlich wieder versinken

möchte, sind es Buchhändlerinnen und Buchhändler, die die kaum zu überblickende Titelflut bereits gesichtet

haben und mit ein paar wohlüberlegten Fragen meine Wünsche eingrenzen und mir dann zielsicher zwei, drei Vorschläge

machen. Trefferquote nahezu einhundert Prozent.

Wir gehen jede Wette ein, dass die Buchhandlung, in der man Ihnen das Lesemagazin KUDU überreicht hat, genau

so ein Ort ist: Kompetent und freundlich, neugierig und belesen, interessiert an dem, was Sie interessiert.

KUDU will ein Spiegelbild dessen sein, was unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort für Sie sind. Auch wir wählen

aus einer unübersichtlichen Menge Bücher aus, wir testen und beschreiben sie, wir legen Sie Ihnen ans Herz. Wir

schauen über den Tellerrand. Themen gehen wir nicht immer geradlinig an. Es kann schon hier und da passieren,

dass wir Sie auffordern, um die Ecke zu denken.

Dürfen wir Ihnen jetzt Leseempfehlungen geben? Da fällt uns die Auswahl schon schwer, vielleicht richten wir

ein spezielles Augenmerk auf unsere Gastautorinnen und Gastautoren. Die Themen können nicht unterschiedlicher

sein, lesenswert sind ihre Texte aber allemal: Sina Trinkwalder, Unternehmerin aus Augsburg, die ein ganz besonderes

ökosoziales Projekt vorstellt (Seite 20), der Verleger Daniel Kampa, der uns seine Liebe zu George Simenon

beichtet (Seite 12) und der Maler und Illustrator Quint Buchholz über ein Thema, das ihn schon lange umtreibt,

nämlich Langsamkeit (Seite 16).

Wir wünschen Ihnen Freude bei der Lektüre, ein wenig Inspiration und vielleicht den einen oder anderen Kaufanreiz.

Ihre Buchhandlung wird sich bestimmt sehr freuen.

Herzlich

Ihr KUDU-Team

Noch eine kleine Anmerkung:

Und wieso KUDU?

Nein, der Titel erklärt sich wirklich nicht ohne Weiteres.

Aber muss er das?

Als wir ihn zum ersten Mal einer noch kleinen Leserschaft

vorstellten, dachten einige sofort an ein Wortspiel oder

eine Abkürzung. KUnst und DU? KUltur und DU.

Nein, Kudu bezeichnet ein Tier. Eine afrikanische Antilopenart,

um es genau zu sagen. Wenn ein Szenemagazin Marabu

heißen darf, eine Kinderzeitschrift nach dem Gecko benannt

ist, ein Kinderbuchpreis auf den Namen Luchs hört, warum

dann nicht einfach und einprägsam KUDU. Schauen Sie sich das

Tier einmal an: Es ist anmutig, es ist stolz, es ist kräftig

und selbstbewusst. Wir finden die »Rallyestreifen« witzig

und das Gehörn ist so wunderbar geschwungen, wie möglicherweise

das Denken die Richtung wechselt. Und all das würden

wir uns für unser – nein: Ihr Lesemagazin doch wünschen.

2 KUDU


inhalt

Editorial 2

13-Bücher-Fragen an:

Maja Lunde und Regina Kammerer 4

8x Norwegen 6

Kat Menschik – Ein Atelierbesuch 8

Besondere Bücher 10

Daniel Kampa – Niemals ohne Simenon 12

7x Krimi 14

GEDULD

IST DIE

MUTTER DES

SIEGES

Quint Buchholz – Über die Langsamkeit 16

7x Quint Buchholz 18

Sina Trinkwalder – Wunder muss man selber machen 20

6x Zero Waste 22

6x Natur & Umwelt für Kinder 24

Kinder- und Jugendbücher 26

Spaziergang durch Ribbeck 30

Bücher zu Theodor Fontane 32

Belletristik 34

Variationen vom Apfel –

Ein Kochversuch mit Patty Jabs 38

7x Kochen 1x Trinken 40

ISBN 978-3-8270-1404-7

Sachbuch 42

Bücher ohne Verfallsdatum 44

Winter & Weihnachten 46

Kalender 48

KUDU-Rätsel 49

Ein Foto und seine Geschichte –

Uwe Kalkowski, Der Unbekannte 50

Die Fortsetzung von

DER REPORT DER MAGD

Bei den Buchbesprechungen

finden Sie kleine Icons, die darauf hinweisen,

dass dieser Titel auch als

E-Book und/oder Hörbuch

erhältlich ist.

impressum

KUDU Lesemagazin

Oktober 2019 / Auflage 30.000 Stück

Herausgeber:

Buchwert GmbH & Co. KG

Elpke 109 · 33605 Bielefeld

Geschäftsführer: Michael Rosch

buchwert-service.de

Chefredaktion: Thomas Schmitz (V.i.S.d.P.)

Lektorat: Ludger Claßen

Mitwirkende:

Quint Buchholz, Monika Hasemann (mh),

Dennis Hasemann (dh), Patty Jabs,

Uwe Kalkowski, Daniel Kampa,

Mareike Niehaus (mn), Mechthild Römer (mr),

Michael Rosch (miro), Sandra Rudel (sr),

Elena Schmitz (es), Thomas Schmitz (ts),

Kathrin Schwamborn (ks), Sina Trinkwalder,

Dirk Uhlenbrock, Ursula Ulbricht (uu)

»Eine der signifikantesten

und atemberaubendstenm

Stimmen der Gegenwart.«

ZERUYA SHALEV

»Margaret Atwood

versteht den Zustand unserer

Welt wie kaum eine

andere AutorIn unserer Zeit

und übersetzt ihn

glücklicherweise in ihren

Werken für uns alle.«

INGER-MARIA MAHLKE

Shortlisted

Herstellung:

Rheinische DruckMedien GmbH

rheinischedruckmedien.de

Gestaltung/Illustrationen:

erste liga_büro für gestaltung, ersteliga.de

Schutzgebühr 3.- Euro

berlinverlag.de KUDU

3


Foto:© Oda Berby

» Maja Lunde

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Es ist unmöglich, mich auf eines zu beschränken.

Mir waren alle Bücher von Astrid Lindgren wichtig.

Aber auch die Narnia-Reihe, Anne auf Green Gables

und Unsere kleine Farm.

Wie heißt Ihr Lieblingsbuch heute?

Auch hier ist es schlicht unmöglich, mich auf eines festzulegen, aber

Elena Ferrantes Neapel-Reihe hat mich unfassbar berührt.

Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen können, es hat Ihr Leben geprägt?

Nein, aber sämtliche Bücher über Naturkatastrophen, das Klima und den

Klimawandel, die ich in den letzten Jahren las, haben mich verändert.

Zwei Highlights waren dabei ein Erzählungsband von Arne Næss und

Elisabeth Kolberts Das sechste Sterben.

Welches Buch steht auf Ihrer »Hab ich immer

noch nicht gelesen«-Liste ganz oben?

Die Bibel. Ich glaube zwar nicht an Gott, aber ein Buch, welches unsere Geschichte,

Kultur und Philosophie derart geprägt hat, sollte man definitiv gelesen haben.

13 Bücherfragen

Ihr Buch Die Geschichte der

Bienen brachte Maja Lunde Weltruhm.

Der Roman wurde in mehr

als dreißig Sprachen übersetzt.

Nicht nur weil Norwegen Gastland

der diesjährigen Internationalen

Buchmesse in Frankfurt

ist, sondern auch, weil sie mit

ihren spannenden Büchern Umweltthemen

in den Vordergrund

rückt, haben wir sie gebeten;

unsere 13-Bücher-Fragen zu beantworten.

Sie hat bereitwillig

zugesagt. An ihre Seite

haben wir eine Frau gestellt,

die maßgeblich dafür verantwortlich

ist, dass ihre Bücher

ebenfalls in Deutschland so

einen durchschlagenden Erfolg

hatten: Regina Kammerer, Verlagsleiterin

btb.

Maja Lunde

Die Letzten ihrer Art

Aus dem Norwegischen von

Ursel Allenstein

btb, 22,- Euro

Welches Buch oder welche Bücher halten Sie für völlig überflüssig?

Bücher, die Fake-News oder generell Unwahrheiten verbieten, wie zum Beispiel

die Leugnung des Holocaust oder des Klimawandels.

Gibt es ein Buch, das Sie immer wieder verschenken möchten?

Yuval Noah Hararis Eine kurze Geschichte der Menschheit.

Gleichzeitig wichtig und sehr gut lesbar. Für Männer und Frauen, jung und alt

Welches Buch lesen Sie gerade?

Sally Rooney, Gespräche mit Freunden. Und Per Petterson Männer in meiner Lage.

Mit welcher Romanfigur möchten Sie am liebsten einen Tag den Platz tauschen?

Die meisten erwachsenen Protagonisten stecken irgendwie in Schwierigkeiten,

also würde ich mich wohl eher für jemand Glücklichen entscheiden.

Es wäre auf jeden Fall mal sehr spannend, die Welt für einen Tag

durch die Augen eines Mannes zu sehen.

Wo lesen Sie am liebsten?

In meiner Hütte in den Bergen Norwegens.

Haben Sie schon einmal bei einem Buch weinen müssen –

und wenn ja, bei welchem?

Ich weine recht schnell. Ich erinnere mich noch, wie mir mein Vater als Kind

Die Brüder Löwenherz vorlas. Ich hatte ihn bis dahin nie weinen sehen, aber auf den

letzten Seiten überkam es ihn. Auch heute bringt mich das Buch noch zum Weinen;

einerseits wegen der Geschichte, andererseits erinnert es mich immer wieder

an diesen einen gemeinsamen Moment mit meinem Vater.

Welches Buch kann Sie trösten?

Bücher muntern mich ganz allgemein auf. Einfach mal in ein anderes

Leben tauchen, weg von irgendwelchen Sorgen, Leben und Gedanken

von jemand anderem kennenlernen.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Meine Mutter sagte mir immer, dass ihr völlig egal sei, welchen Beruf ich

irgendwann mal haben würde, wenn ich nur immer mein Bestes geben würde.

Ich denke, dass das ein guter Ratschlag für alles im Leben ist.

Welches Buch würden Sie Regina Kammerer empfehlen?

Es muss ein norwegisches sein!

Olaug Nilssens A Tale of terrible Times.

(bisher noch nicht auf Deutsch erschienen)

4 KUDU


Regina Kammerer «

Was war Ihr Lieblingsbuch als Kind?

Schwer zu sagen, ich habe gelesen, was ich in die Finger bekam. Von Karl May bis Astrid

Lindgren. Was mich als Jugendliche am meisten berührt hat, war wohl Albert Camus mit

Die Pest und Der Mensch in der Revolte.

Wie heißt Ihr Lieblingsbuch heute?

Das ändert sich ständig. Jedes Buch, das Spuren bei mir hinterlässt – durch seine Sprache,

seine Klugheit, seine Eleganz, seine Wucht.

Gibt es ein Buch, von dem Sie sagen können, es hat Ihr Leben geprägt?

Kein Buch, aber die Menschen, die mir zu Büchern verholfen haben in meiner Kindheit –

Lehrer, Bibliothekare.

Welches Buch steht auf Ihrer »Hab ich immer

noch nicht gelesen«-Liste ganz oben?

Krieg und Frieden. Ich gestehe.

Welches Buch oder welche Bücher halten Sie für völlig überflüssig?

Pamphlete und Hassschriften.

Gibt es ein Buch, das Sie immer wieder verschenken möchten?

Bruce Chatwins Traumpfade.

Welches Buch lesen Sie gerade?

Ich lese immer zehn Bücher gleichzeitig, mindestens.

Mit welcher Romanfigur möchten Sie am liebsten einen Tag den Platz tauschen?

Ehrlich? Mit keiner – oder mit allen, je nachdem wie die Stimmung ist.

Wo lesen Sie am liebsten?

Ich kann überall lesen, aber am liebsten in meinem Garten.

Haben Sie schon einmal bei einem Buch weinen müssen –

und wenn ja, bei welchem?

Ich habe schon einmal beim Redigieren weinen müssen, bei Karl Ove Knausgårds Alles hat

seine Zeit, seinem ersten Buch auf Deutsch. Der Übersetzer hat mir später gestanden, dass er

an derselben Stelle geweint hat.

Welches Buch kann Sie trösten?

Eines, das mich unterhält und kluge Fragen stellt, wie zum Beispiel Maja Lundes Romane.

Was ist Ihr Lebensmotto?

Lesen hilft!

Welches Buch würden Sie

Maja Lunde empfehlen?

Die Gedichte von Christine Lavant.

Foto:© Ralf Hofer

KUDU

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Jostein Gaarder

Genau richtig. Die kurze Geschiche einer langen Nacht

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

Hanser, 16,- Euro

Die Diagnose ist niederschmetternd und unumkehrbar: Albert hat nicht

mehr lange zu leben. Da seine Frau auf einem Kongress in Australien

weilt, fährt er in das kleine Sommerhaus der Familie, in die kleine Ferienhütte

am See. Hier überlegt er, ob er seinem Leben ein Ende bereiten

soll, bevor es die tödliche Krankheit es tut. Ein bisschen Zeit bleibt

ihm noch. Er nutzt sie und beginnt zu schreiben. Er erzählt, wie er seine

Frau Erin kennengelernt hat, wie seine Ehe zu kriseln begonnen hat.

Welche Rolle Sohn und Enkelin spielen und von seiner Liebe zur Astrophysik.

Es wird eine lange Nacht. (ts)

8x norwegen

Mona Høvring

Weil Venus bei meiner Geburt ein Alpenveilchen streifte

Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen

Edition Nautilus, 19,- Euro

Ebba und Martha sind mit nur einem Jahr Unterschied am gleichen Tag

geboren. Sie wachsen fast wie Zwillinge auf, sind aber ansonsten ausgesprochen

unterschiedlich. Auf der einen Seite die dunkle, nachdenkliche

Ella, sie ist die Ältere. Martha, die helle, impulsive ist wenig fassbar.

Gemeinsam fahren sie mit dem Zug in den norwegischen Winter

in die Berge. Hier soll sich Martha von einem Nervenzusammenbruch

erholen. In der aus der Zeit gefallenen weißen Abgeschiedenheit wird

es für die beiden Zeit, sich mit ihrer Vergangenheit, mit ihren Gefühlen

auseinanderzusetzen.

Sehr schöne, klare, poetische Sprache und ein Cover, das man nicht allzu

häufig sieht: Nachtblauer Pappeinband und goldener Prägedruck. (ts)

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Alva Gehrmann

I did it Norway. Die Entdeckung der nordischen Lebensart

dtv, 16,90 Euro

Wie ist eigentlich die norwegische Lebensart? Bei ständiger Dunkelheit,

tiefen Wäldern, Schnee und Eis kann man doch nur depressiv und übellaunig

werden. Alva Gehrmann ist den Gegenbeweis angetreten und erweitert

unseren Horizont mit einem Buch, dass uns eine völlig andere

Seite der norwegischen Lebensweise offenbart. Abenteuerlustig, mutig

und warmherzig, gastfreundlich. Sie erlebt Musikfestivals, eine raue

Seefahrt und die facettenreiche Hauptstadt Oslo. Eine Warnung muss

man jedoch vor der Lektüre dieses Buches aussprechen: Sie werden anschließend

definitiv nach Norwegen wollen. (dh)

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Stig Saeterbakken

Durch die Nacht

Aus dem Norwegischen von Karl-Ludwig Wetzig

DuMont Buchverlag, 22,- Euro

Es gibt ja dieses russische Sprichwort: Das Leben ist schön und traurig.

Das gilt in diesem Falle auch für ein norwegisches Buch. In ausgesprochen

schöner Sprache erzählt Stig Saeterbakken vom Tod, beschreibt

Trauer und Zerfall einer Ehe. Karl Meyer ist Zahnarzt und führt ein

ziemlich bürgerliches Leben – bis zu dem Zeitpunkt, als sein achtzehnjähriger

Sohn sich das Leben nimmt. Danach ist nichts mehr, wie es war

und trotz allem Bemühen wird es auch nie wieder so werden. »Trauer

tritt in so vielen Formen auf. Sie ist da, sie ist nicht auszuhalten, dann

verschwindet sie, weil man sie nicht permanent ertragen kann. Tausend

Mal am Tag vergaß ich, dass Ole-Jacob tot war. Tausend Mal am Tag fiel

es mir wieder ein.«

Stig Saeterbakken nahm sich 2012 das Leben. (ts)

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Erik Fosnes Hansen

Ein Hummerleben

Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Kiepenheuer & Witsch, 24,- Euro

Gut kann ich mich an seinen ersten großen Wurf erinnern: Choral am

Ende der Reise, die Biografien der Musiker an Bord der Titanic. Eines

der wenigen Bücher, bei denen man wusste, wie es endet.

Jetzt hat Erik Fosnes Hansen einen neuen großen Roman geschrieben,

pünktlich zum Norwegen-Jahr der Frankfurter Buchmesse. Beschrieben

werden Ruhm und Untergang eines einstmals sehr noblen Hotels

im norwegischen Fjell. Dort wächst Sedd bei seinen Großeltern auf. Seinen

Vater kennt er kaum, seine Mutter ist verschollen. Liebevoll, aber

bestimmt, erziehen die Großeltern ihn und bereiten Sedd auf seine Aufgabe

als Hotelerbe vor. Er hilft als Laufbursche, Küchenjunge und Tourenbetreuer.

Schnell verinnerlicht er: Jeder Gast zählt. Doch spätestens

als der örtliche Bankdirektor bei dem jährlichen Galadinner im Hotel

stirbt, bekommt die vermeintliche Idylle Risse. (ts)

6 KUDU


Foto:© Cappelens Forslag, Oslo

Norwegen ist Gastland der Frankfurter Buchmesse 2019. Aus diesem

Grund haben wir unseren norwegischen Buchhändlerkollegen und

Verleger Pil Cappelen Smith um seine persönlichen Favoriten der

aktuellen norwegischen Literatur gebeten. Pil führt zusammen mit

einem Partner eine wunderschöne unabhängige Buchhandlung in Oslo

(mehr unter www.cappelensforslag.no/our-story) und hat mehr als 60

Schriftsteller, Poeten, Musiker, Künstler und Kulturschaffende dazu

gebracht, Beiträge für seine ‚Enzyklopädie der ausgedachten Fakten‘

zu schreiben. Ein amüsantes, zum Nachdenken anregendes, manchmal

irritierendes, in jedem Fall ein sehr unterhaltsames Buch, dass

zum Schmunzeln einlädt. Auf Deutsch ist dieses unter dem Titel

„Weltwissen für Analogdenker“ bei Lübbe erschienen.

Das sind seine Top3-Empfehlungen:

Johan Harstad

Max, Mischa und die Tet-Offensive

Aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein

Rowohlt, 34,- Euro

Eine eindrucksvolle Geschichte über den Spagat und die Frage, wo man

eigentlich hingehört. An die norwegische Westküste, oder in die vereinigten

Staaten. Johan Harstads elegante Sprache, die Blicke nach links

und rechts, abseits der eigentlichen Erzählungen, und die Fähigkeit

sein Augenmerk auf Detailreichtum zu legen, trägt den Leser mit Leichtigkeit

durch dieses mehr als 1.000 Seiten starke Buch. Richtig einfach

lässt sich dieses Werk nicht zusammenfassen, aber es ist definitiv eine

lohnende Entdeckungsreise.

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Monica Isakstuen

Elternteile

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

Eichborn, 22,- Euro

Wie teilt man sich die Verantwortung für ein gemeinsames Kind? Das

Ende einer Ehe birgt emotionales Chaos und man muss sich und sein

Leben völlig neu organisieren – so auch Isakstuens Protagonistin. Ein

mit lyrischer Sprache erzählter Roman über den inneren Konflikt und

die Frage nach der eigenen Identität, die nach den Mechanismen einer

Scheidung eine völlig neue und merkwürdige Realität schaffen.

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Agnes Ravatn

Ein kleines Buch vom Leben auf dem Land

Aus dem Norwegischen von Julia Gschwilm

btb, 15,- Euro

Agnes Ravatn verabschiedet sich mit ihrem Mann und dem gemeinsamen

Baby vom Stadtleben in Oslo, um auf dem Land ein völlig anderes

Leben zu führen. Ruhig, langsam, ohne Termine und. ohne W-Lan. Der

Umfang des Buches ist nicht groß, obwohl Ravatn so große Themen wie

Glück und »Easy Living« aufgreift. Dafür ist ihre Beobachtungsgabe

messerscharf und voller Ironie.

KUDU

7


KAT

Menschik

ein

atelierbesuch

Bevor ich auf den Klingelknopf neben dem Namensschild drücke, denke

ich noch: »Wie viele Illustratorinnen und Illustratoren gibt es eigentlich,

denen ein Verleger angeboten hat, eine eigene Buchreihe zu entwickeln

und zu gestalten?« Es können nicht viele sein – Kat Menschik hat

das Glück, nach einigen Projekten für den Verlag, seit 2016 genau das für

Galiani machen zu dürfen. Seitdem erscheinen zwei Bücher pro Jahr, mit

Texten und Themen, die sie interessieren und ihr am Herzen liegen. Das

neue Buch Die Puppe im Grase. Norwegische Märchen ist gerade erschienen,

und ich möchte Kat Menschik unter anderem fragen, was sie dazu

bewegt hat, sich mit diesen alten Erzählungen auseinanderzusetzen.

Ich werde herzlich an der Wohnungstür begrüßt und wir setzen uns

zum frisch gebrühten Kaffee an den Tisch im Wohnzimmer der Berliner

Altbauwohnung. Während Kat Menschik noch kurz durch die Zimmer

wuselt, um eine große Tafel Schokolade zu holen und ihr Handy auszuschalten,

lasse ich einen ersten Blick über die vielen Bilder an den farbig

gestrichenen Wänden und die prall gefüllten Regale wandern – Leben und

Arbeit verschmelzen in den beiden Räumen, wie ich sehen kann, zu einer

lebensfrohen, anregenden Kulisse.

8 KUDU


Jetzt folgen anderthalb Stunden intensives Gespräch. Kat Menschik ist ein spannendes

Gegenüber, sie erzählt gut und gerne, und eines der ersten Dinge, die ich erfahre

ist, dass sie in ihrer Freizeit nicht zeichnet, denn »Irgendwas zeichnen, das brauch

ich nicht. Das mach ich so oft, da bin ich froh, was anderes zu machen.« Was anderes

– das ist bei ihr zum Beispiel Töpfern oder der Garten im Berliner Umland.

Apropos Garten: Der gehört zu einem alten Bauernhaus, ihrem zweiten Wohnsitz.

Auch dort findet sich das gleiche Setting zum Arbeiten: Rechner, Scanner, Leuchttisch,

DIN A4 Papier, Tusche und Pinsel. Ja, alle ihre Arbeiten entstehen auf einem

schlichten DIN A4 Bogen, mehr benötigt sie nicht, und so pendelt sie zwischen geruhsamen

Landleben und geschäftigem Treiben an der Schönhauser Allee am Prenzlauer

Berg.

So schön ist

Deutschland!

Ein Buch, das in beeindruckenden

Bildern die Vielfalt des Landes

aufzeigt. Perfekt zum 30-jährigen

Mauerfall-Jubiläum!

Von sich selbst behauptet sie, preußisch veranlagt zu sein: Regelmäßige Arbeitszeiten,

das sofortige Machen des Bettes, absolute Pünktlichkeit sind ihr sehr wichtig.

Ihre Wochen sind gut geplant, das hohe Arbeitsaufkommen macht es auch nicht

anders möglich: Da sind die schon genannten zwei eigenen Bücher, die Arbeit für

die Kulturzeitung Das Magazin, die wöchentliche Illustration für die FAZ am Sonntag

und weitere Projekte. Um das alles ohne Burnout hinzubekommen, nimmt sie

sich seit einigen Jahren im Sommer zwei Monate frei; in dieser Zeit wird (außer an

dem FAZ-Beitrag) nicht gearbeitet, dafür sind die Tage dann im Winter länger, in der

dunklen Jahreszeit fühlt sie sich am Arbeitstisch sehr wohl.

Auf meine Frage, wie sie für den aktuellen Buchtitel an die norwegischen Märchen

geraten ist, zeigt Kat Menschik auf eine Reihe großformatiger Bücher auf dem obersten

Regalbrett – Märchen aus aller Welt. Dies ist wohl nur ein Teil der Bücher, die

sie und ihre Schwester in ihrer Jugend immer wieder begeistert gelesen haben; die

skandinavischen Märchen waren ihr immer schon die liebsten. Natürlich war auch

der Gedanke, dass Norwegen Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist,

ein Auslöser, aber die Rauheit der Geschichten aus dem hohen Norden haben sie

schon immer bewegt. Auch wenn es viele Parallelen in der Erzählwelt zu den Grimmschen

Märchen gibt, ist es gerade die Nüchternheit und Ruppigkeit der nordischen

Märchen, die sie bis heute faszinieren.

Für das kleine Bändchen hat sie möglichst kurze Erzählungen ausgewählt, damit

umso mehr hineinpassen; ihre Lieblingsgeschichte ist Einem jeden gefallen seine

Kinder am besten. In dem nur knapp eine halbe Seite langen Text wird beschrieben,

wie ein Jäger die Kinder einer Schnepfe tötet – trotz seines Versprechens sie nicht

zu jagen. Der lakonische Grundton der Märchen spricht die Illustratorin besonders

an. In der Regel sind von der Konzeption bis zur Realisierung eines Buches drei bis

vier Monate notwendig, und sie kann während dieser Zeit aufgrund der intensiven

Auseinandersetzung mit den Inhalten schlecht an einem weiteren großen Projekt arbeiten.

Wichtig bei allem was sie tut, ist der Anspruch eine hohe Qualität zu liefern:

Angefangen bei den Illustrationen bis zum Druck, der Auswahl der Papiere, Verarbeitung

des Einband und der Druckveredelung.

Verena Körting

Das ist Deutschland

Ab 3 Jahren

ISBN 978-3-8458-2897-8

Inzwischen ist schon eine Stunde vergangen und wir sprechen noch über die eigenen

Produkte, die gerade entstehen – eine bisher fehlende Website (die aber jetzt

nötig wird) und ein noch nicht spruchreifes neues Buch. Dann mache ich schnell ein

paar Fotos und packe meine Sachen zusammen – die Verabschiedung fällt genauso

herzlich aus. Nach drei Treppenabsätzen abwärts stehe ich auch schon wieder auf

der Straße im brausenden Berliner Stadtverkehr. Das Gefühl gerade jemanden kennengelernt

zu haben, der für seine Sache brennt, hallt noch lange

nach.

Wie sagte sie noch? »Ich mach mein Leben lang Hobby.« So werden

wir auch in Zukunft Freude haben an weiteren Illustrationen

von Kat Menschik, die irgendwie immer eine moderne Variante

des Jugendstils in sich tragen.

Dirk Uhlenbrock Peter Christen Asbjørnsen

Jørgen Moe / Kat Menschik (Ill.)

Die Puppe im Grase:

Norwegische Märchen

Galiani-Berlin, 18,– Euro

Mehr unter

www.arsedition.de

KUDU

9


Besondere Bücher

Nikolaus Gelpke (Hrsg.)

Normandie

mareverlag, 58,- Euro

Normandie, die kleine Schwester der Bretagne, von Nordseewellen

umspült, von weitem Strand und weißen Klippen gesäumt, unerschöpfliche

Variationen von Blau-Weiß-Grau. Wie entdeckt man unter den

vielen Landschaftsbildbänden, von denen zahlreiche ihren eigenen

Charme haben, ein ganz besonderes? Die Antwort ist banal und einfach:

zufällig. Natürlich macht der Mare Verlag immer wieder durch hervorragend

gestaltete Bücher, durch großartige Bildbände von sich reden. Es

gibt ja diese eine Einschränkung: Das Meer, seine angrenzenden Landschaften,

seine an und mit ihm lebenden Menschen spielen immer die

Hauptrolle. Und diesmal ist es ein Hand in Hand von Mare-Kreativen,

die aus einem Bildband einen Prachtband machen: die Fotografin Nicole

Strasser, lange schon für den Verlag unterwegs ebenso wie Karl Spurzem,

stellvertretender Mare-Textchef, und der Verleger Nikolaus Gelpke

als Herausgeber. Anschauen und genießen und eine der nächste Reisen

könnte Sie in die Normandie führen. (ts)

Thomas Böhm/Carsten Pfeiffer (Hrsg.)

Wunderkammer der deutschen

Sprache. Ein Füllhorn

Verlag Das kulturelle Gedächtnis,

25,- Euro

Wunderkammer ist das richtige

Wort – und Kuriosenkabinett. Es

ist wirklich erstaunlich, was die

deutsche Sprache zu bieten hat.

Und genauso erstaunlich ist, was

die Herausgeber Thomas Böhm

und Carsten Pfeiffer zu Tage befördert

haben. Klar, die Brüder

Grimm mit ihrem Wörterbuch

spielen eine gewichtige Rolle,

aber auch die Sprache der ehemaligen

Halbwelt von St. Pauli. Hier

bezeichnet man schlechte Schuhe

als Asphaltbeleidiger, um etwas

Harmloses zu nennen. Ich lese,

dass es im deutschsprachigen

Raum 14 verschiedene Wörter für

die Murmel gibt. Ich arbeite mich

durch erfolgreiche und durch nie

durchgesetzte Verdeutschungen.

Und zwischendrin immer mal wieder

die zehn Lieblingswörter von

Menschen, die mit der deutschen

Sprache sehr vertraut sind. Meins

wäre »Fluse«.

Ein Buch zum Wegtauchen, ein

Handbuch des nützlichen und

nutzlosen Wissens, ein Füllhorn.

(ts)

Bram Stoker

Dracula.

Große kommentierte Ausgabe

Herausgegeben von Leslie Klinger

Aus dem Englischen von

Andreas Nohl, Andreas Fliedner,

Michael Siefener

Fischer Tor, 78,- Euro

Zweimal habe ich einen Anlauf gemacht,

um Bram Stokers Dracula

zu lesen. Zweimal abgebrochen,

schlicht aus Zeitgründen. 750 Seiten

sind für einen Langsamleser

zu viel, wenn der Stapel nichtgelesener

Bücher in der Zeit immer

größer wird. Jetzt werde ich einen

weiteren Versuch wagen. Im Fischer

Verlag erscheint nämlich ein

dicker Prachtband, eine kommentierte

und illustrierte Ausgabe,

die den berühmtesten Vampir der

Welt noch einmal in ganz besonderes

Licht taucht. (ts)

Bücher, die aus

der Reihe fallen,

weil sie eine besondere

Ausstattung haben, weil

sie das Augenmerk auf nicht

Alltägliches lenken, weil sie

etwas ganz Besonderes erzählen,

haben es doch eigentlich

verdient, dass man ihnen einen

eigenen Raum gibt. Sieben

von Ihnen (sehr persönlich

ausgesucht) finden Sie

auf dieser Doppelseite.

10 KUDU


Niko Schmid/Jörg Weusthoff

von Kirchbach (Hrsg.)

Fußball LOVE

Delius Klasing, 49,90 Euro

Der Volleyschuss, der bange Moment

vor einem Elfmeter, die Jubelschreie

auf den Rängen und die

emotionalen Momente abseits des

Stadions: Es gibt nichts, was während,

vor oder neben einem Fußballspiel

nicht fotografiert wird.

Die Fotografen mit ihren riesigen

Teleobjektiven warten rund um

das Spielfeld verteilt immer auf

den richtigen Moment.

Letztendlich schaffen es nur ein

paar Bilder in die Zeitungen und

ins Internet. Dass viele dieser Fotografen

auch Ausstellungen mit

ihren Fotos gestalten und die Geschichten

dahinter erzählen, will

dieser opulente Bildband deutlich

machen. Fußball ist so viel mehr

als nur seine schillernden Stars

– Fußball bedeutet Emotion, von

der Champions League bis zur

Kreisliga. Genau das fängt dieses

Buch umfangreich ein. (dh)

Tobias Blumenberg

Der Lesebegleiter.

Eine Entdeckungsreise durch

die Welt der Bücher

Kiepenheuer & Witsch, 28,- Euro

Tobias Blumenberg, geboren 1959

in Kiel, ist der Sohn des Philosophen

Hans Blumenberg. Er hat

Archäologie und Zahnmedizin

studiert und galt jahrelang als

Deutschlands belesenster Zahnarzt.

Der Autor machte als Kind mit

seinem Vater Nachtspaziergänge

und wurde auf diesem Weg durch

zahlreiche Gespräche in die Literatur

eingeführt und somit wurde

seine Liebe für die Literatur

geweckt. Mit seinem opulenten

Lesebegleiter bekommen wir einen

umfangreichen Einblick in

die Klassiker der Weltliteratur. In

seinen Beschreibungen erkennt

man seine große Begeisterung für

griechische Tragödien, Gedichte,

spannende Detektivgeschichten,

ungewollte Helden, Anekdoten

und vieles mehr. Es ist eine Fülle

von Geschichten, die uns nahe gebracht

werden. Die Lesereise beginnt

bei Don Quixote, Moby Dick

und Dostojewskis Der Idiot. Die

abenteuerliche Reise führt durch

die Zeit, zum Gilgamesch-Epos,

den mittelalterlichen Heldensagen,

es ist eine Lesereise um

die Welt. Seine absoluten Lieblingsbücher

werden besonders

hervorgehoben und auch einige

freundschaftliche, augenzwinkernde

Hinweise, dass es durchaus

Lektüren gibt, die unnötig sind,

zu lesen.

Für dieses Buch, die Empfehlungsliste

liegt bei etwa 1.500 Werken,

muss man sich Zeit nehmen. (mh)

Caitlin Doughty

Wo die Toten tanzen. Wie rund

um die Welt gestorben und getrauert

wird

Aus dem Amerikanischen von

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Malik, 20,- Euro

Nein, dieses Buch hat schon das

Zeug, ein ganz besonderes zu

sein. Nicht in der Aufmachung,

sondern durch die Art, wie die

Autorin und Bestatterin mit dem

Tabuthema Tod, Totenkult und

Bestattung umgeht. Wo die Toten

tanzen erzählt von Totenschädeln

mit Baumwollmützen, Hotels für

Leichname oder mobile Scheiterhaufen.

Sie fragt, warum wir Totenrituale,

die nicht die unseren

sind, für primitiv halten und was

die Kommerzialisierung im Umgang

mit Toten aus uns und unserer

Trauer gemacht hat, die sie

kaum zulässt.

Die fröhlich ironische Covergestaltung

passt – man will es kaum

glauben – sehr treffend zum Inhalt

des Buches. (ts)

Vitali Konstantinov

Es steht geschrieben.

Von der Keilschrift zum Emoji

Gerstenberg Verlag, 25,– Euro

Man ahnt, welch ungeheuerliche

Arbeit und Recherche in dieses

Buch geflossen sind. Von den Anfängen

bis zur Gegenwart, von

Ägypten bis nach Mittelerde geht

die wilde Reise, die die Leser

antreten und die ihnen einiges

abverlangt. Vitali Konstantinov

taucht in seiner GraphicNovel,

die zuweilen wie ein Wimmelbuch

anmutet, tief in die verschiedenen

Schriftsysteme ein, erzählt kleine

Geschichten und zeigt uns ganz

viele Schriften, die manch einer

noch nie zu Gesicht bekommen

hat. Durchaus sehr kurzweilig,

informativ und amüsant! Dieser

Prachtband ist ein tolles Geschenk

für fitte Schüler ebenso wie für interessierte

Erwachsene. (sr)

Ab 14 Jahren.

Besondere Bücher

KUDU

11


Daniel Kampa

Niemals ohne

Simenon

In den 1960er Jahren gab es eine vielbeachtete Anzeigenkampagne,

die VW an der US-amerikanischen Ostküste schaltete, wenn

die Straßen in New York, Boston, Vermont oder Maine mit Schnee

und Eis bedeckt waren. In der Anzeige wurde die einfache Frage

gestellt: »Wie fährt eigentlich der Fahrer des Schneepflugs zum

Schneepflug?« – Natürlich mit einem VW! In ähnlicher Art kann

man die Frage stellen, was eigentlich Krimi-Bestsellerautoren lesen,

wenn sie einen Krimi lesen wollen? Die Antwort: Simenon.

Der in diesem Sommer verstorbene Andrea Camilleri fing wegen

Simenon überhaupt erst mit dem Schreiben an, Henning Mankell

bezeichnete seine Bewunderung als »gewaltig«, für Klaus-Peter

Wolf ist Simenon ein »Vorbild«, Lee Child, John le Carré, Friedrich

Ani, Wolf Haas und Sebastian Fitzek sind Fans. Aber auch die junge

Generation liest Simenon, etwa Simone Buchholz, die Gewinnerin

des letzten Deutschen Krimipreises, oder der Krimi-Shootingstar

Alexander Oetker, für den Simenons Bücher eine »sprachliche

Wohltat« sind, aber auch »ein Schock: weil mit jeder Zeile klarer

wird, dass die Sehnsüchte, die Abgründe des Menschen zeitlos

sind«. Jean-Luc Bannalec hat seine Bewunderung in eine ganz spezielle

Hommage verwandelt, indem er in seinem neuen Bestseller

Bretonisches Vermächtnis Simenons Roman Maigret und der gelbe

Hund einen Cameoauftritt verschafft hat. Kommissar Dupin kann

das Verbrechen nur aufklären, indem er den Maigret-Fall liest, der

auch im bretonischen Concarneau und sogar im selben Restaurant

spielt. Für Bannalec ist »Maigret eine ganze Welt«, der Kommissar,

»in dem sich die literarische Figur des Kommissars vollendet«,

schlicht: »der Kommissar der Kommissare«.

Der Pfeife rauchende Kommissar der Pariser Kriminalpolizei vom

Quai des Orfèvres ist mindestens so berühmt wie Sherlock Holmes,

Poirot oder Miss Marple. Er ermittelt in 75 Romanen, 28 Erzählungen

und in hunderten von Verfilmungen, ob mit Jean Gabin, Jean

Richard, Bruno Cremer, Heinz Rühmann oder Rowan Atkinson.

Gerade wird wieder ein Maigret verfilmt, der nächstes Jahr in den

Kinos gezeigt werden soll. Und es kommt, wie es kommen musste:

Diesmal wird Maigret von Gérard Depardieu gespielt.

mein netflix heisst maigret

Simenon ist der meistverfilmte Autor der Welt. Heutzutage sind

TV-Serien beliebter denn je und rauben kostbare Lesezeit. Ich gebe

gerne zu: Mein Netflix heißt Maigret. Einen Maigret-Roman zu lesen,

heißt es sich bequem zu machen in einer Welt, die einem von

Fall zu Fall immer vertrauter wird. Es ist wie ein nachhause Kommen,

wenn Maigret die steilen Treppen in sein Büro am Quai des

Orfèvres mit Blick auf die Seine hinaufsteigt, wo im Winter der Kanonenofen

blubbert, oder er sich in seiner Wohnung am Boulevard

Richard-Lenoir von Madame Maigret umsorgen lässt, die nicht nur

nahrhafte französische Gerichte für ihn kocht, sondern ihn zu-

12 KUDU


Foto: © Kampa-Verlag

Foto: © in medias res

Daniel Kampa, 1970 in Luxemburg

als Kind polnischer Eltern geboren,

ist der Verleger des gleichnamigen

Kampa Verlages mit Sitz

in der Schweiz. Zwanzig Jahre

lang arbeitete er für den Züricher

Diogenes Verlag, bevor er

sich nach einem Abstecher bei

Hoffmann & Campe selbstständig

machte, unter anderem wohl auch,

um den meistgelesenen Autor des

20. Jahrhunderts, nämlich George

Simenon, wieder mehr Öffentlichkeit

zu verschaffen.

weilen diskret bei seinen Ermittlungen unterstützt. Maigrets Fälle

führen ihr quer durch Paris (zu Fuß, im Bus oder im Auto, er hasst

es, Metro zu fahren) und durch ganz Frankreich, einmal sogar nach

New York und nach Texas. Die Frage, was er während der Ermittlungen

essen, was trinken wird, ist dabei ebenso wichtig wie der

Fall selbst. Simenon hat den atmosphärischen, menschlichen Krimi

erfunden, den Leser von Donna Leon, Martin Walker, Louise Penny

oder eben Jean-Luc Bannalec lieben. Die Formel ist so einfach wie

genial: Intuition statt Indizien, Psychologie statt Action.

Maigret hat Simenon weltbekannt gemacht, seine Romane ohne

Maigret haben seinen literarischen Ruf begründet. Die 117 großen

Romane werden in den nächsten zehn Jahren neu aufgelegt. »Simenon,

das bedeutet Weltrekord. Er ist der schnellste, der produktivste,

der erfolgreichste Autor des Jahrhunderts« (Der Spiegel),

mit über 600 Millionen verkauften Exemplaren. Und er wird immer

noch weltweit gelesen. Eine Neuausgabe seiner Werke sorgt in Vietnam

und in Sri Lanka für Aufsehen, in Italien steht jede Simenon-Neuerscheinung

auf der Bestsellerliste, auch in England erscheint

eine vielbeachtete Neuausgabe.

schnörkellos und präzise

Was macht Simenon so besonders, warum wird dieser Autor, der

1903 im belgischen Lüttich geboren wurde, im Paris zwischen den

Weltkriegen zum erfolgreichsten Schriftsteller französischer Sprache

avancierte, und dessen 30. Todestag soeben gefeiert wurde, so

aktuell, so lesbar? Die Antwort mag ein wenig simpel erscheinen,

aber Simenon ist einfach einer der großartigsten Erzähler der Welt.

Die Schnörkellosigkeit, mit der er eine Geschichte erzählt, die Präzision,

mit der er Figuren zeichnet, die Atmosphäre, die er mit wenigen

Worten heraufbeschwören kann, die Schonungslosigkeit, mit

der seine Geschichten auf ihr Ende zusteuern, die Spannung, die

er mit den einfachsten Mitteln erzeugt, zeichnen seine Bücher aus.

Bei Simenon wird Lesen zum sinnlichen Erlebnis. Man sieht und

hört, riecht und schmeckt, egal, ob ein Roman in der Wüste Arizonas,

in New York, an der mondänen Côte d’Azur, im nebelverhangenen

Flandern oder in Paris spielt – der Stadt, die ohne Maigret gar

nicht mehr denkbar ist. Und dann kommt noch etwas Entscheidendes

hinzu, das Ferdinand von Schirach, ebenfalls ein Verehrer von

Simenons Werk, auf den Punkt gebracht hat: »Kaum jemand weiß

so viel über den Menschen.«

Ein typischer Roman von Simenon, ob mit oder ohne Maigret,

hat im Durchschnitt knapp 200 Seiten, lässt sich in zwei oder drei

Stunden lesen, also wie ein Kinofilm genießen, in einem Rutsch,

ohne Pause. An einem Abend, während einer Zugfahrt oder eines

Inlandflugs, die natürlich immer verspätet sind. Meine Lösung für

dieses Problem: Ich habe immer ein Buch von Simenon dabei. Wenn

der Zug auf offener Strecke stehenbleibt, das Flugzeug endlose

Warteschleifen dreht, nehme ich meinen Simenon aus der Tasche

und verwandele eine Stunde Ärger und Warten in eine Stunde Leseglück

– und fühle mich geborgen in der Obhut dieses grandiosen

Erzählers.

Ein Mord in den Grotten

von Calès, ein dunkles

Familiengeheimnis und

ein Wettlauf gegen die Zeit …

Der sechste Fall

für Capitaine

Roger Blanc

Daniel Kampa

www.dumont-buchverlag.de

KUDU

13


7x KRIMI

Jan Weiler

Kühn hat Hunger

Piper, 22,- Euro

Jan Weiler hat ein unnachahmliches Gespür, vollkommen alltägliche

und nur allzu menschliche Probleme anzufassen und zu beackern. Ob

es die Pubertät seiner Kinder, die Midlife-Crisis seines Ermittlers Kühn

und jetzt dessen Übergewicht ist – man kann sich sicher sein, dass immer

eine persönliche und aberwitzige Note mit einfließt. Jan Weilers

Kühn gehört beinahe schon zum alten Eisen der Krimi-Reihen. Um seiner

Frau wieder mehr zu gefallen, unterwirft er sich einer strengen Diät.

Gleichzeitig bekommt er von seinem besten Freund und Kollegen immer

mehr Steine in den Weg geworfen. Dass er nun mit seinen Ermittlungen

in seinem neuesten Fall in einer Sackgasse landet, ist auch für seine

Karriere nicht förderlich. Spannend, wortwitzig und so gar nicht eitel

weiß auch der dritte Fall von Martin Kühn zu gefallen. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Eva García Sáenz

Die Stille des Todes

Aus dem Spanischen von Alice Jakubeit

Fischer Scherz, 15,- Euro

Die Idylle in der Stadt Vitoria im Baskenland wird durch einen blutrünstigen

Mord erschüttert. Der Tathergang ähnelt dem einer scheinbar bereits

aufgeklärten Mordserie – 20 Jahre ist das her. Der Profiler Unai

Lopez de Ayala wird mit den Ermittlungen betraut. Seine Erkenntnisse

sind erschütternd. Sitzt wirklich der wahre Mörder im Gefängnis? Die

Mordserie scheint weiter zu gehen und unweigerlich gerät de Ayala in

eine tiefe Verstrickung, die ihren Anfang vor über 20 Jahren nahm. Die

rasante Erzählweise und der actiongeladene Plot sind dabei das I-Tüpfelchen

eines großartigen Thrillers. (dh)

Christian von Ditfurth

Ultimatum

C. Bertelsmann, 15,- Euro

Seit fünf Jahren schickt Christian von Ditfurth, der gelernte Historiker

und Stachelmann-Erfinder, Hauptkommissar Eugen de Bodt ins Rennen,

um komplizierteste Fälle europäischen Ausmaßes zu lösen und gleichzeitig

seine Vorgesetzten durch seine kompromisslose Art und vor allem

durch das Zitieren philosophischer Texte zur Weißglut zu bringen.

Das Kanzleramt ist alarmiert. Der Ehemann der Kanzlerin wurde entführt.

Um der ersten Forderung, einen hochgefährlichen Verbrecher

aus dem Gefängnis zu entlassen, Nachdruck zu verleihen, schicken die

Entführer die Hand des Kanzlergatten. De Bodt gelingt es wohl, den

Entführten zu befreien, allerdings scheint jetzt erst recht ein Katz und

Maus Spiel zu beginnen. In Frankreich wird nämlich die Ehefrau des

Präsidenten ebenfalls entführt. Die Forderungen werden immer absurder

und die Verbrecher immer brutaler...

Rasant von der ersten bis zur letzten Seite, grandioses Hintergrundwissen.

Ein wirklich erstklassiger Thriller. (ts)

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Veit Heinichen

Borderless

Piper, 16,99 Euro

Alles hängt mit allem zusammen, erst recht, wenn man seinen Dienst

tut in der Grenzregion zweier Welten in und um Triest. Das muss auch

die Polizistin Xenia Zannier erkennen, die in einem beschaulichen

Adriabad Dienst tut. Erst werden von einem Frachter aus Dutzende

Flüchtlinge am Strand abgesetzt, kurze Zeit später wird ein deutscher

Investigativjournalist in Salzburg brutal hingerichtet, dann tauchen

Mitarbeiter des BKA in ihrer Dienststelle auf. Menschenhandel, Waffenschieberei,

Machterhalt – und bei der korrupten Senatorin Castello

di Poltieri laufen alle Fäden zusammen. Ihr das Handwerk zu legen,

dafür hat sich Zannier an die Adria versetzen lassen. Schließlich ist die

Senatorin für den Tod ihres wesentlich älteren Bruders verantwortlich.

Ein ausgesprochen spannender Krimi, mit vielen vergessenen Hintergrundinformationen,

die bis zu den Balkankriegen der 1990er Jahren

reichen. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Romy Fölck

Sterbekammer

Bastei Lübbe, 20,- Euro

In Romy Fölcks dritten Fall geht es für Frida Paulsen und Bjarne Haverkorn

in der Elbmarsch wieder brisant zu. Beinahe zufällig findet die junge

Ermittlerin eine unterirdische Kammer, die so bedrückend ist, dass

bei der bloßen Beschreibung dem Leser das Blut in den Adern gefriert.

Schnell stellt sich der Verdacht ein, dass dieser Raum vielleicht ein Tatort

gewesen sein könnte. Vor vielen Jahren verschwand einst eine junge

Mutter auf ihrem Heimweg mit dem Rad spurlos, förmlich wie vom

Erdboden verschluckt. Eigentlich hat für Frida und Bjarne ein ganz anderer

Fall Priorität, doch mit detektivischem Spürsinn gelingt es dem

mittlerweile eingespielten Team, die winzigen Puzzleteile zusammen zu

fügen und den Täter in die Enge zu treiben. Ihr größter Gegenspieler ist

die Zeit; inständig hoffen sie, dass das Opfer von früher vielleicht doch

noch lebt. Ein gelungener Kriminalroman, der unter die Haut geht und

mit gelungenen Charakteren und einem besonders ausgefeilten Täterprofil

punkten kann. (mh)

14 KUDU


NAMEN

NAMEN

:

:

Mu tertag

:

:

MAI

Der gewunschteste

:

Familienplaner

aller Zeiten

Joseph Incardona

Asphalt-Dschungel

Aus dem Französischen von Lydia Dimitrow

Lenos, 22,- Euro

Es ist Sommer, brüllend heißer August. Entlang der französischen Autobahnen

ist Hochzeit. Urlauber, die auf trostlosen Raststätten verschnaufen,

LKW-Fahrer, die dort ihre Liegezeiten einhalten, Prostituierte,

spezialisiert auf schnelle Rastplatzdienstleistungen. Unter diesen

Menschen ist ein Mann, der diese Welt zu seinem Leben gemacht hat:

Pierre Castan, ein ehemaliger Gerichtsmediziner, auf der Suche nach

Hinweisen, die das Verschwinden seines Kindes erklären könnten. Monate

zuvor ist das kleine Mädchen nach einem Autobahnstopp plötzlich

verschwunden. Die Suche ist ein aussichtsloses Unterfangen, bis plötzlich

ein weiteres Mädchen verschwindet. Polizei und der Gerichtsmediziner

ermitteln fieberhaft, jeder auf seine spezielle Art.

Asphalt-Dschungel ist ein Krimi noir, filmreif geschrieben. Spannend,

abgründig, tieftraurig. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Jussi Adler Olsen

Opfer 2117

Aus dem Dänischen von Hannes Thiess

dtv, 24,- Euro

In dem achten Fall, den Jussi Adler Olsen seinen Spezialisten Carl Morck

vom Dezernat Q lösen lässt, greift er zwei brisante Themen unserer Zeit

auf, das Drama um Bootsflüchtlinge und einen geplanten Amoklauf.

Auf Zypern wird eine alte Frau aus dem Nahen Osten tot aus dem Wasser

gezogen. Man hält sie für einen ertrunkenen Bootsflüchtling, tatsächlich

wurde sie aber ermordet. In Kopenhagen reagiert ein 22-Jähriger

seine Wut und seinen Hass gegen die Gesellschaft im Allgemeinen und

seine Eltern im speziellen mit dem Computerspiel »Killing Sublime« ab.

Als er von der alten Frau in den Nachrichten hört, die als Opfer 2.117 auf

der »Tafel der Schande« (einer Auflistung aller im Mittelmeer ertrunkenen

Flüchtlinge) geführt wird, plant er ihren Tod zu rächen.

Plötzlich geht bei der dänischen Polizei ein anonymer Hinweis ein, dass

in Kopenhagen ein Massaker geplant sei. (ts)

€ 14,95 D | GTIN 4019172500009

52 übersichtliche Wochenseiten und viele schön gestaltete

Extra seiten sorgen für Überblick im Familientrubel.

Dazu gibt es praktische Tipps, Rezepte, Spielideen sowie

Wissenswertes rund um ein bedürfnis- und beziehungsorientiertes

Familienleben von den Bestsellerautorinnen

Danielle Graf und Katja Seide.

€ 14,95 D/sFr 21,30 | ISBN 978-3-407-86422-2

Das gewunschteste

Wunschkind

aller Zeiten

treibt mich in den

Wahnsinn

Der Familienplaner

2020

Das gewunschteste

Sommergrutze

Wunschkind

aller Zeiten

Mit Schlagsahne oder Milch ist Rote Grütze

ein erfrischender Nachtisch im Sommer.

treibt mich in den

ZUTATEN:

Wahnsinn

50 g Brombeeren*

50 g Himbeeren*

50 g Erdbeeren*

100 g Johannisbeeren*

100 g Sauerkirschen*

40 g Zucker

1 Päckchen

Vanillezucker

Ein wenig Wasser

30 g Speisestärke

* Geht auch: gemischte Beeren

aus der Tiefkühltruhe

Der Familienplaner

2020

Das ist der Kalender von

Das ist der Kalender von

Wasche die Früchte und tupfe sie trocken. Entsteine die Kirschen.

Tiefkühlobst lässt du auftauen. Koche die Früchte mit

etwas Wasser und dem Zucker auf.

Lass das Obst anschließend etwa zehn Minuten lang köcheln.

Rühre die Speisestärke mit wenig Wasser in einer Tasse an

und füge sie den Früchten hinzu. Noch mal alles zwei bis drei

Minuten lang köcheln lassen. Dann vom Herd nehmen. Ist die

Grütze etwas abgekühlt, fü lst du sie in Schälchen.

Ste le sie in den Kühlschrank oder auf den Balkon. Bereite

Sahne oder Vanillesoße zu. Und dann: Ran an den Schmaus!

Tipp: Im Winter schmeckt die Grütze natürlich auch.

Wenn’s draußen friert, gibt’s warme Vanillesoße dazu.

Inklusive Planungstools

wie Ferien termine,

Jahresübersichten 2020

und 2021, Wunschzettel

Aufklappbar

vom A5-Taschenkalender

zum A4-Wandkalender

Mit 6 Spalten und

viel Platz für Notizen

NAMEN

FREITAG

8

9

10

SAMSTAG

SONNTAG

€ 16,95 D/sFr 23,90 | ISBN 978-3-407-86504-5

4

5

6

7

NAMEN

Das gewunschteste

Wunschkind

Das gewunschteste

Wunschkind

MONTAG

aller Zeiten

treibt mich in den

DIENSTAG

MITTWOCH

KW 19

DONNERSTAG

Mai

Wahnsinn

Der Familienplaner

2020

aller Zeiten

treibt mich in den

Wahnsinn

Der Familienplaner

2020

Das ist der Kalender von

Das ist der Kalender von

DAS SCHISSER-SPIEL

Breitet ein Tuch aus, legt viele Figuren daneben. Ein Spieler beginnt: „Ich hab Angst, wenn Oma

meckert.“ Ein anderer legt einen Löwen aufs Tuch und antwortet: „Der Löwe brü lt so laut, dass

Oma nicht zu hören ist.“ Denkt euch witzige Sachen aus, wie die Figuren jeweils helfen können!

1 2 3

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KUDU

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© Quint Buchholz 2015, Acryl auf Karton

Quint Buchholz

Über die Langsamkeit

Das letzte Stück zum Fluss hinunter führt die schmaler werdende

Straße etwas steiler bergab. Dann endet sie im Wasser. Die nächste

Brücke ist etwa zehn Kilometer entfernt. Wer hier über den

Fluss möchte, nimmt die Fähre. Und das heißt: erst einmal warten.

Den Motor abschalten, aussteigen, sich strecken und schauen,

wo die Fähre gerade ist. Ob sie noch hinüberfährt oder schon

wieder herüberkommt.

Auf einmal ist es still, und für eine Weile ist nichts mehr eilig.

Man hält inne, und dann dauert alles so lange wie es eben dauert.

Vor einem fließt ruhig der Fluss vorbei, man blinzelt in die glitzernden

Wellen. Zwei an einem dritten Seil entlanglaufende Seile

geleiten die Fähre mit ihrer Fracht über den Fluss, hin und her,

ganz ohne Motor, an Wochentagen von morgens um halb sieben

bis abends um sieben. Bei jedem Ablegen verändert der Fährmann

mit einer Kurbel die Länge der Seile und damit die Ausrichtung der

Fähre so, dass sie vom strömenden Wasser wieder zur gegenüberliegenden

Anlegestelle getrieben wird.

Die Blicke wandern an den Häusern und Bäumen am anderen

Ufer entlang und folgen einem Kajak, das flussabwärts den Weg

der Fähre kreuzt. Irgendwann schiebt die Fähre ihre Rampe mit einem

knirschenden Rumpeln über das im Fluss versinkende Ende

der Straße. Bei manchen Wartenden verursacht dieses Geräusch

ein kleines Aufschrecken. Die Schranke öffnet sich, man steigt ins

Auto, und wenn die von der anderen Seite kommenden Passagiere

das Schiff verlassen haben, rollt man selbst auf die Fähre, beobachtet

von ein paar Ausflüglern, die auf einer Hotelterrasse oberhalb

der Anlegestelle unter Sonnenschirmen in ihren Kaffeetassen rühren,

beruhigt vom gleichmäßigen Rhythmus des hin- und herfahrenden

Schiffs.

Nur wenige Autos finden auf der Fähre Platz. Wenn mehr in der

Schlange stehen, müssen die hinteren eben warten bis zur nächsten

Fahrt.

Auf dem Schiff bezahlt man beim Fährmann: fünfzig Cent für

Kinder, ein Euro für Erwachsene, Radfahrer ein Euro zwanzig, Autos

zwei Euro; auch Mähdrescher können mitfahren, für vier Euro,

und größere Laster kosten fünf Euro fünfzig. Wer will, setzt sich für

die kurze Überfahrt auf eine der Bänke, schaut wieder auf den Fluss

oder beobachtet den Fährmann, der mit immer gleichen Bewegungen

seine Arbeit tut.

Erst wenn sich am gegenüberliegenden Ufer die Schranke öffnet,

wenn die Motoren der Autos und der Motorräder wieder losknattern

und man von der Fähre rollt in Richtung Bundesstraße, wenn

die Radfahrer und Fußgänger ausschwärmen zum Radwanderweg

oder ins Café, spürt man, wie die Menschen, während sie ihren Weg

fortsetzen, langsam wieder dieses andere, das gewohnte Tempo

aufnehmen. Außer ein paar Kindern, die manchmal eine Weile nur

so zum Spaß hin und herfahren über den Fluss, sind ja alle vorher

wie nachher in Bewegung, unterwegs von irgendwo nach irgendwo.

Und trotzdem bleibt an vielen von ihnen etwas haften von diesem

geschenkten Intermezzo der Verlangsamung, wie das auch

manchmal geschieht nach einem Spaziergang im Wald, einem Essen

mit Freunden, nach einem Gottesdienst oder nach dem Lesen

eines Gedichts.

»Gedehnte Zeit, vages Versinken«, schreibt Andrea Köhler in ihrem

Buch Die geschenkte Zeit. Über das Warten (Insel Verlag 2007).

»Schlafen mit offenen Augen – die Muße ist jedenfalls dichter am

Glück als die Geschäftigkeit. Sie schifft uns auf dem Fluss einer anderen

Zeitlichkeit ein, in der die Stechuhr der taghellen Ökonomie

nicht gilt.«

An dieser Stelle muss ich zugeben, dass meine letzte Fahrt mit

der Fähre über die Weser zwischen Veckerhagen und Hemeln, von

der ich hier erzähle, sicher schon fünfzehn Jahre zurückliegt. Und

während ich diese Zeilen schreibe, plagt mich eine aktualisierte Vision,

in der mindestens die Hälfte der am Ufer Wartenden längst

16 KUDU


Quint Buchholz wurde 1957 in Stolberg

geboren und lebt heute mit seiner

Familie in München. Seit nunmehr 40

Jahren arbeitet der Maler, Illustrator

und Autor für namhafte Verlage im Inund

Ausland.

In Deutschland sind es insbesondere

der Hanser Verlag, dtv und der Heye

Verlag. Er hat über 40 Bücher illustriert

und noch mehr Cover gestaltet.

Sein Malstil, den man zwischen fotografischer

Genauigkeit und Magie ansiedeln

kann (sofern so etwas möglich

ist), ist einmalig.

Den Wald

vor lauter

Wundern sehen!

Das neue Kinderbuch

von Bestseller-Autor

Peter Wohlleben

nicht mehr gelassen verweilend auf den Fluss schaut, sondern sich

nach einem schnellen Selfie mit Fähre gleich wieder in gebückter

Haltung über das Smartphone beugt, mit den Fingerspitzen pausenlos

irgendwelche Dinge tippt und hin- und herwischt – und von

all dem wunderbaren Zauber der Verlangsamung, den dieser Ort

und die Überfahrt einem schenken können, fast nichts mehr mitbekommt.

Auch zwei surrende E-Tretroller tauchen auf in meiner

Vision. Ob es tatsächlich schon einen Fährtarif für E-Scooter gibt,

kann ich aber nicht sagen.

Foto: privat | Illustrationen: Stefanie Reich

Immer mehr dieser ulkigen Gefährte umsurren mich neuerdings

in München auf dem Weg ins Atelier, obwohl niemand genau sagen

kann, wo in diesen vollen Straßen sie eigentlich fahren sollen und

sie selber das oft auch nicht zu wissen scheinen. Die Anbeter der

großen Schnelligkeit wollten, dass wir endlich Geld dafür bezahlen,

auch noch die letzten Meter in der Stadt nicht mehr zu Fuß zurücklegen

zu müssen. Stattdessen sollen wir lieber am Abend noch ins

Fitness-Studio fahren, vermutlich mit dem Auto, um dort auf dem

Laufband unsere mangelnde Bewegung nachzuholen, während

draußen etwas später hunderte von sogenannten „Juicern“ mit

ihren PKWs in die Stadt ausschwärmen, alle irgendwo abgestellten

E-Scooter einsammeln, zu Hause aufladen und sie vor Morgengrauen

– wieder mit dem PKW – erneut über die Stadt verteilen.

Die Entlohnung pro Scooter beträgt drei Euro. So funktioniert das

wirklich.

Um die Folgen dieser offensichtlich ziemlich sinnlosen Entwicklung

abzumildern – während ich abwarte, dass sich das alles wieder

legt – möchte ich gerne den naheliegenden Vorschlag machen, zumindest

kürzere Strecken in der Stadt weiterhin zu Fuß zu gehen

oder mit dem Fahrrad zu fahren. Dann bliebe am Abend auch noch

Zeit, um sich in aller Ruhe in das Malen eines Bildes zu vertiefen

oder in einem Buch zu lesen. Beides sind Tätigkeiten, die immens

guttun, einen auf einfache Weise wieder zu sich selbst bringen und

zudem eine Insel der Langsamkeit errichten inmitten unserer immer

atemloser gestalteten Tage.

18,– € [D] · AB 6 · ISBN 978-3-7891-0941-6

15,– € [D] · AB 6 · ISBN 978-3-8373-1119-8

»Muße? Das ist das Gegenteil von Nichtstun«, schrieb Christoph

Wilhelm Hufeland schon vor etwa zweihundert Jahren. »Es ist gesteigerte

Empfänglichkeit, ein Tun, das nicht aus dem Zwang der

Not kommt, nicht aus der Gier nach Gewinn, nicht aus dem Gebot

oder der Pflicht, sondern allein aus der Liebe und der Freiheit«

Quint Buchholz

www.wohlleben-kinderbuch.de

KUDU 17


7x quint buchholz

Luis Sepulveda

Der langsame Weg zum Glück.

Ein Schneckenabenteuer

Illustrationen Quint Buchholz

Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen

S. Fischer, 14,99 Euro

Quint Buchholz

studierte Malerei und

Grafik an der Kunstakademie

in München. Mit seinen

Bildern prägte er das Hanser

Kinderbuch von der ersten Stunde

an. Dutzende und Aberdutzende

Buchcover entstammen seiner Feder.

Einige der Bücher mit den unverwechselbaren

Buchcovern möchten

wir Ihnen gerne vorstellen, wobei

wir vermuten, vieles werden Sie

kennen. Sei’s drum. Bestimmt

entdecken Sie ja doch neue

großartige Literatur.

Eine kleine poetische Geschichte des großen Luis Sepulveda. Eine Liebeserklärung

an Langsamkeit und die Schönheit der Natur. Eine kleine

namenlose Schnecke möchte herausfinden, warum sie und ihre Artgenossen

so langsam sind. Keiner ihrer Artgenossen kann ihr die Frage

beantworten. Also macht sie sich auf den Weg, um es herauszufinden.

Kongenial illustriert von Quint Buchholz. (ts)

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Jostein Gaarder

Das Kartengeheimnis

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

dtv, 9,90 Euro

Das Kartengeheimnis ist die Geschichte einer dreifachen Reise. Einer

von Norwegen nach Griechenland. Dorthin machen sich Vater und Sohn

auf den Weg, um nach der Mutter zu fahnden, die lange schon nicht

mehr Teil der Familie ist. Die beiden möchten das ändern. Auf der mehrtägigen

Fahrt mit dem Auto wird dem Jungen ein winziges Büchlein

zugesteckt. Diese Geschichte einer Reise auf eine mysteriöse Insel ist

die zweite Reise. Die dritte ist ein Spaziergang durch die Welt der Philosophie,

denn immer wenn der Vater nicht Auto fährt oder trinkt (das tut

er ganz gerne), erzählt er Geschichten aus der Philosophie und gerade

in Griechenland gibt es ja unzählige Schauplätze, die als Erzählanlässe

dienen. (ts)

David Grossman

Zickzackkind

Aus dem Hebräischen von Vera Loos und Naomi Nir-Bleimling

dtv, 9,95 Euro

Nono wird bald dreizehn und feiert in wenigen Tagen Bar Mizwa, seinen

Eintritt in die jüdische Glaubensgemeinschaft. Sein Onkel lädt ihn zu

sich ein, um ihm noch die allerletzten Tipps und allerletzten Schliff zu

geben. Doch seinen Onkel erreicht Nono nicht. Sein Vater hat ihm nämlich

einen Brief zugesteckt und als Überraschung ein Abenteuerspiel

vorbereitet. Schon gleich zu Anfang patzt der Junge, er holt sich Hilfe

bei der falschen Person. Chaos und Abenteuer nehmen ihren Lauf. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Amos Oz

Sumchi

Aus dem Hebräischen von Mirjam Pressler

dtv, 8,95 Euro

»Einmal bekam ich ein Fahrrad geschenkt und tauschte es gegen eine

Eisenbahn, für die ich einen Hund bekam, an dessen Stelle ich einen

Spitzer fand, den ich gegen Liebe hergab.«

Jerusalem 1947. Sumchi ist elf Jahre alt und verliebt in seine Klassenkameradin

Esthie. Seine Liebe bestätigt er durch ständige Zankerei und

ausgiebige Wortgefechte. In dieser Phase entdeckt er in seinem Umfeld

einige Veränderungen. Sumchi ist ein Träumer und möchte in das

Land Ubangi-Schari reisen, um dort große Abenteuer zu erleben. Dieser

Traum rückt ein wenig näher, als sein Patenonkel ihm ein Fahrrad

schenkt und der Junge sofort losfährt. Doch dieser Tag wird für ihn ein

Tag der Tauschgeschäfte. Ähnlich wie bei Hans im Glück erlebt er skurrile

Geschichten .Das Fahrrad wird ihm gegen eine Spielzeugeisenbahn

abgeluchst, und diese wiederum gegen ein Hund. Das Hundeglück dauert

nur ein paar Minuten und am Ende hat er nur noch einen Anspitzer

in der Hand. Das Glück steht dennoch auf seiner Seite, er darf an diesem

Abend bei Esthie übernachten. Es kommt zwar noch zu einer Auseinandersetzung

mit dem Vater, der ihm aber dann letztendlich doch seine

Liebe zeigt.

Eine rührende Geschichte für Kinder und Erwachsene. (mr)

18 KUDU


NEU

von

Jim Field

Katherine Scholes

Sams Wal

Aus dem Englischen von Herbert und Ulli Günther

Ravensburger Buchverlag, 4,99 Euro

Auch nach seinem Erscheinen vor bald dreißig Jahren verkauft der Verlag

von Sams Wal immer noch viele tausend Exemplare. Das hat seinen

Grund: Das Buch ist lange schon Schullektüre und wird meist von Viertklässlern

in der ganzen Republik gelesen.

Sam traut seinen Augen nicht, als er früh morgens an den Strand läuft.

Im seichten Wasser ist ein Wal gestrandet. Im Vergleich zu seinen Artgenossen

ein kleiner Zwergpottwal, im Vergleich zu Sam mit seinen drei

Metern aber ein Riese. Der Wal lebt. Aber wie soll Sam dem Wal zurück

ins Wasser helfen? Alleine ist er zu schwach, aber wenn er die Fischer

holt, werden sie seinen Wal töten wollen, denn das Gebiss des Zwerpottwals

ist eine genauso seltene wie begehrte Trophäe. (ts)

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Roberto Piumini

Matti und der Großvater

Aus dem Italienischen von Bettina Fehringer

Hanser, 16,90 Euro

Alle haben sich am Sterbebett des Großvaters versammelt, auch Matti,

der seinen Opa sehr liebt und die ganze Situation nicht einordnen kann.

Da richtet sich der alte Mann plötzlich auf und sagt: »Komm, Matti, wir

machen einen Ausflug.«

Gemeinsam machen sie sich auf einen letzten Gang. Erst langsam fällt

dem Jungen auf, dass sein Opa auf dem gemeinsamen Weg immer kleiner

wird, bis er ihn in sich aufnehmen kann. »Jetzt bin ich für immer bei

dir«, sagt der Großvater. »Jetzt können wir nach Hause.«

Matti und der Großvater ist eine wunderbare Parabel auf den Tod – und

das Leben. (ts)

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Quint Buchholz

Vom Glück der Langsamkeit

Gütersloher Verlagshaus, 20,- Euro

Es ist ein »zur Ruhe finden«, ein »wie nach Hause kommen«. Man möchte

in bald jedes Bild abtauchen und versinken. Sei es die Tür, die zu einem

Viertel den Blick aufs Meer freigibt, sei es das Wasserglas auf dem

Bretterzaun oder Buchholz selbst, der Gedanken entrückt in die Weite

schaut, vor ihm ein Pinguin. Alle Bilder erzählen von Zeit, die man sich

nehmen kann, von Entschleunigung, von Langsamkeit. Es muss ein

wichtiges Thema sein für Quint Buchholz, in immer wieder neuen, magisch

schönen, hintergründig realen Bildern widmet er sich dem Thema.

Menschen, die einfach nur dasitzen, vor sich hin schlendern, mit allen

Sinnen staunen. Im Vom Glück der Langsamkeit treten sie in einen Dialog

mit Texten bekannter Autoren wie Toni Morrison, Mascha Kaleko,

Jan Skacel oder Walter Benjamin.

Elke Heidenreich hat ein Vorwort geschrieben, sehr schön, sehr passend.

Der richtige Einstieg für dieses schöne Buch. (ts)

Kleiner Wolf in weiter Welt

Hardcover, 32 Seiten, € 14,00 (D)

ISBN 978-3-7348-2065-6

Wolfsjunge Wido

will keine Hilfe von niemandem,

ganz egal, was es ist. Schließlich

ist er schon fast groß und schafft

alles allein! Doch plötzlich ist Wido

in der klirrenden Kälte der

arktischen Nacht tatsächlich allein.

Und da fi ndet er das gar

nicht mehr so toll …

Was für ein Glück,

dass Wido auch fernab seines

eigenen Rudels auf hilfsbereite

Pfoten stößt!

Eine warmherzige Geschichte

über Hilfsbereitschaft und

den Mut, den man manchmal

braucht, um Hilfe anzunehmen.

www.magellanverlag.de

KUDU

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sina trinkwalder

Wunder

muss man

selber machen

Sina Trinkwalder war erst 21 Jahre

alt, als sie vor zwanzig Jahren mit

ihrem damaligen Mann eine Werbeagentur

gründete und überaus erfolgreich führte.

Nach einer berührenden Begegnung

mit einem Obdachlosen ließ Trinkwalder

ihr altes Leben hinter sich und begann

von vorne: 2010 gründete sie in Augsburg

die Textilfirma manomama, in der

sie hauptsächlich Menschen beschäftigt,

die auf dem »regulären« Arbeitsmarkt

benachteiligt sind: Obdachlose,

Alleinerziehende und andere Menschen,

die schwer vermittelbar sind.

20 KUDU


Bald werden es zehn Jahre. Eine verdammt

lange Zeit für etwas, von dem niemand

glaubte, dass es in unserer heutigen

Welt existieren könnte, geschweige denn

funktionieren. Ich war die Ausnahme. Ich

glaubte immer schon, dass Wirtschaft für

den Menschen gemacht ist und nicht durch

ihn. Ebenso daran, dass der Kapitalismus

jedem Einzelnen in unserer Gesellschaft

einen Vorteil bringen muss und nicht nur

Wenigen. Nicht zuletzt glaubte ich daran,

dass es in unserer Gemeinschaft Menschen

unterschiedlich gut gehen darf, niemandem

aber darf es schlecht gehen. Daran glaubte

ich und war überzeugt, dass die herrschende

Realität meinen Glauben bestätigen würde.

Als erfolgreiche Geschäftsführerin einer

florierenden Werbeagentur, einst als Abiturientin

gegründet, bestätigte ich mir meine

Weisheiten als Selfmade-Emporkömmling

aus der Arbeiterschicht zumindest selbst.

Mit einem wunderbaren Team hangelte ich

mich von Kunde zu Kunde auf den Gipfel

des Erfolgs. Ich verdiente ordentlich »Kohle«

und – wie es sich für die Chefin gehört

– ging es mir besser als meinen Mitarbeitern.

Aber keiner von uns hatte Grund zum

Jammern.

Mein Leben war so, wie ich es mir in meinen

Leitsätzen zurechtlegte. Nur: In einer

Filterblase gefangen, glaubt es sich einfacher,

denn in ihr herrscht Windstille. Kein

Einfluss, der Gedanken ins Wackeln bringen

könnte. Turbulenzen bekommt man erst

mit, wenn man sich ihr entzieht, oder – in

meinem Fall – wenn die Blase platzt. Die Begegnung

mit einem Obdachlosen ließ meine

Filterblase zerschellen und mich vom Glauben

abfallen. Es war 2009. Längst war der

Kapitalismus immer weniger zuträglich,

und augenscheinlich – so erblickte ich es

direkt vor meinen Augen – geht es in unserem

Land Menschen nicht unterschiedlich

gut; einigen scheint es schlecht zu gehen.

Wenige vielleicht erleiden Not. Ein einziger

bereits wäre zu viel, war mein damaliger

Gedanke.

Das zufällige Zusammentreffen beschäftigte

für eine Weile mich, und heute, rund

zehn Jahre später, knapp 150 Menschen,

die, ähnlich wie der Obdachlose, am Rande

unserer Gesellschaft oder bereits außerhalb

unserer Gemeinschaft waren. Die

Begegnung war Anstoß und Grundstein für

manomama, das erste Social Business in

der Textilindustrie. Hier finden Menschen,

die im ersten Arbeitsmarkt keinerlei Chancen

erhalten, eine Möglichkeit, nach ihren

Fähigkeiten und Fertigkeiten dem eigenen

Erwerb nachzukommen.

Warum aber sollten gerade Arbeit, Beschäftigung,

ja Erwerbstätigkeit der Schlüssel

für eine Besserung der Menschen sein?

Wir leben in einer Leistungsgesellschaft.

Dies bringt stillschweigend mit sich, dass

jeder Mensch, der keinen Job hat, die Teilhabe

an dieser Gesellschaft verwehrt bleibt.

Der Umkehrschluss funktioniert ebenso:

wer arbeitet, gehört dazu. Wer leistet, kann

sich etwas leisten. Und wer sich nichts leisten

kann, der bleibt auf der Strecke. Nur:

Heute picken sich Personalabteilungen

Hochleistungsrosinen aus dem Bewerberangebot

und mehr und mehr Menschen

fallen durch das immer anspruchsvoller

werdende Raster des Einstellungskatalogs.

Folglich erkannte ich, dass wir Unternehmer

die gesellschaftliche Kernaufgabe haben,

jedem Menschen die Möglichkeit zu

schaffen, an unserer Gesellschaft teilzuhaben.

Jeder einzelne muss die Chance auf einen

Arbeitsplatz erhalten, ob Migrant oder

Mensch mit Behinderung, ob Legastheniker

oder Analphabet, ob Alleinerziehend oder

alt. »Ich wollte immer schon arbeiten«,

hat Monika, eine meiner Kolleginnen einst

zu mir gesagt, »aber man hat mich nie gelassen.«

Heute kann sie arbeiten. Ohne

Angst, ohne Druck. In einer unbefristeten

Beschäftigung. Zu Zeiten, die in ihr Leben

passen. Zusammen mit ihren Kolleginnen

und Kollegen aus 25 verschiedenen Nationen.

Ohne mittelständische Fördermittel.

Frei von staatlichen Subventionen. Wirtschaft

für den Menschen gestalten wir in

Augsburg, nicht durch ihn. Das ist sozialer

Klimaschutz.

Aus dem sozialen Gedanken heraus entwickelte

sich der ökologische Aspekt. Von

Beginn an traf ich jede Entscheidung nach

umweltfreundlichen und ressourcenschonenden

Gesichtspunkten. Was nämlich

nützt uns eine wiedererstarkte, vereinte

Gesellschaft, in der jeder seinen Platz findet,

wenn der Lebensraum herum langsam,

aber gezielt, zugrunde gerichtet wird? Die

ersten Schritte waren, sehr untypisch für

die Textilbrache, radikale Regionalität. Die

gesamte Wertschöpfung erfolgt in Deutschland,

ausgenommen die Fasererzeugung

der Biobaumwolle. Hier haben wir uns

entschlossen, eine seit über 40 Jahren bestehende

Kooperative von Kleinbauern in

Tansania durch eine langfristige Kooperation

zu unterstützen. Die dort hergestellte

Biobaumwolle ist ausschließlich regenbewässert

und gänzlich pestizidfrei. Ihre

Erzeugung erfolgt quasi CO2-neutral. Als

Grundlage für die Färberei und Ausrüstung

dient der international gültige GOTS-Standard

für Biobekleidung, der mit jedem neuen Produkt

von uns hinterfragt wird, ob es, weil

wir in der Region produzieren, nicht noch

umweltschonender geht. Vor zwei Jahren

begannen wir, das Thema Upcycling für uns

zu entdecken. Blickt man hinter die Kulissen

großer Industriebetriebe, wird man entdecken,

wie viel an Materialien und guten

Ressourcen rein aus Kostengründen in den

Abfall wandern. Das erste Upcyling-Projekt,

das in großem Rahmen entstand, ist BRICH-

BAG. Hier verarbeiten wir tonnenweise

Zuschnittreste aus der Markisenindustrie

und erstellen wasserdichte und witterungsbeständige

Rucksäcke, die Obdachlosen das

Leben auf der Strasse etwas erleichtern.

Und heute? Derzeit arbeite ich daran,

dass wir bei manomama als erstes Industrieunternehmen

komplett abfallfrei werden.

»Zero Waste« ist bei uns Konsumenten

bereits längst angekommen, und muss nun

auch in die Wertschöpfungsketten einziehen.

Dabei ist es nicht einfach, Abfall komplett

zu vermeiden. Aber aus Resten lässt

sich wunderbare etwas Neues gestalten.

Der schöne Nebeneffekt: Für die Aufarbeitung

der Reststoffe benötigt es erneut

helfende Hände; von Menschen, die bisher

erwerbstechnisch auf der Strecke geblieben

sind. Ein nachhaltiges wirtschaftliches Engagement

greift immer wieder ineinander

und bringt nach vorne: Es dient dem Menschen

und der Umwelt.

Erinnern wir uns an das, was ich eingangs

erwähnte? Wirtschaft muss dem Menschen

dienen und der Kapitalismus hat jedem Einzelnen

von uns einen Vorteil zu bringen. Es

darf Menschen unterschiedlich gut, aber

niemandem schlecht gehen. Heute glaube

ich nicht mehr daran. Heute weiß ich, dass

es geht. Wenn wir gemeinsam wollen. Und

handeln. Wie bei manomama.

Sina Trinkwalder

Sina Trinkwalder

Wunder muss man selber machen:

Wie ich die Wirtschaft auf den Kopf

stelle

Droemer, 16,99 Euro

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Shia Su

Zero waste. Weniger Müll ist das neue Grün

Freya, 14,90 Euro

6x zero waste

Die Plastiktütenströme im Meer scheinen weit weg,

aber einmal gesehen, sind sie schwer zu verdrängen.

Die Ressourcen für 2019 sind seit Anfang Mai

bereits aufgebraucht. Ab jetzt leben wir auf Kosten

der kommenden Generationen. Bei jedem Einkauf

nehmen wir neuen Verpackungsmüll mit nach Hause,

der nicht immer nur in der richtigen Mülltonne landet.

Ohne Müll zu leben, wäre so schön. Am besten

ist der Müll, der gar nicht erst entsteht. Reste

verwerten, von denen ich noch nicht einmal gedacht

habe, dass das möglich ist – der Wahnsinn! Aber wie

sagte schon Beppo Straßenkehrer in Momo von Michael

Ende: ein Atemzug, ein Besenstrich. Stück für Stück

herantasten und einfach nicht aufhören, die Zukunft

beginnt jetzt!

Wenn der Ort zum Leben immer mehr in Krimskrams

versinkt, verbringt man eindeutig zu viel Zeit

mit Aufräumen und zu wenig mit Glücklich sein.

Da kommt ganz schnell die Frage auf, wie ich mich

selbst umorganisieren kann, ohne dabei verrückt

zu werden. Ich will klein anfangen und jeden Tag

ein Stück mithelfen, meine Umgebung plastikfreier,

aufgeräumter und nachhaltiger zu gestalten. Es ist

sogar sehr wahrscheinlich, dass diese Veränderung

Vergnügen bereitet. Dürfen wir Sie dazu einladen?

Was Bea Johnson an Müllvermeidungstipps für den amerikanischen

Markt anbietet, schafft die Bochumerin Shia Su nun schon seit einiger

Zeit für den deutschsprachigen Raum. Und das auf so freundliche und

informative Weise, dass das Lesen insofern schwerfällt, als man die gerade

gelesenen Informationen sofort in die Tat umsetzen möchte.

Dieser Ratgeber erleichtert den Start in ein Leben ohne Müll ungemein.

Sie wollen sich erst einmal die Rosinen herauspicken und dort Müll einsparen,

wo es Ihnen gerade passt? Auch gut. Shia Su hat das Passende

für Sie dabei, verbunden mit vielen praktischen Tipps zu Themen wie

Kochen und Vorrat, Haushalt, Einkauf und unterwegs, Körperpflege

und noch einiges mehr. Es geht dabei weit über die Benutzung eines

Stoffbeutels hinaus. (mn)

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Lina Jachmann

Einfach leben – Der Praxis-Coach.

Mit Minimalismus den Alltag organisieren

Goldmann, 15,- Euro

Dieser Ratgeber bietet einen wunderbaren Einstieg in das Thema Minimalismus

in den Bereichen Wohnen, Mode, Körper und Lifestyle. Mit

Homestorys und Interviews werden Beispiele angeführt, wie man die

Dinge in seinem Umfeld reduzieren und am richtigen Ende sparen kann,

um mit diesem Wenigen mehr Zeit zum Glücklich sein zu haben.

Jeder ist frei, sich aus dem vielfältigen Angebot aus Tipps, Tricks und

Rezepten zu wählen, was ihm gefällt. Wer möchte nicht gern mehr Zeit,

Geld und Kraft haben, um sich mit den wichtigen Dingen zu beschäftigen?

So viele praktische Tipps und Links auf sehr anschauliche Weise präsentiert!

(mn)

22 KUDU


Smarticular. Net

Fünf Hausmittel ersetzen eine Drogerie.

Einfach mal selber machen.

Mehr als 300 Anwendungen und 33 Rezepte, die Geld sparen

und die Umwelt schonen

Smarticular Verlag, 14,95 Euro

Sie wollen den Inhalt Ihres Putzschranks radikal reduzieren, Verpackungsmüll

vermeiden und dabei noch Geld sparen? Natron, Soda, Essig,

Zitronensäure und Kernseife sind die Bausteine, die sie benötigen.

Das Team von smarticular.net erklärt in dieser Rezeptsammlung die

Hausmittel, ohne dabei den chemischen Hintergrund außer Acht zu lassen

oder was bei der Anwendung zu beachten ist. Die Herstellung der

Hausmittel ist sehr verständlich erklärt. Die Anwendungsbereiche sind

vielfältig: Grillrost reinigen, Trinkflaschen entkeimen, verschiedenste

Fleckenreiniger, Geruchsentferner, Trockenshampoo mit Natron,

Früchte von Wachs und Pestiziden befreien, Schädlinge im Garten fernhalten

und vieles mehr!

Für die Vertiefung einzelner Bereiche empfehle ich die Reihe Selber machen

statt kaufen aus demselben Verlag. Dort finden Sie die Themen wie

Küche, Haut und Haar, Garten und Balkon. Selbermachen macht glücklich!

(mn)

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Mike Berners-Lee

Es gibt keinen Plan(et) B.

Das Handbuch für die Herausforderungen unserer Zeit

Midas, 25,- Euro

Was kann ich tun? Diese Frage stellt sich Mike Berners-Lee am Ende eines

jeden Kapitels, nicht ohne vorher ausführlich und wissenschaftlich

fundiert die verschiedensten Themenbereiche wie Ernährung, Klimaund

Umweltschutz, Energie, Reiseverhalten, Ökonomie, Arbeitswelt,

Wirtschaft und das Wertesystem zu beleuchten. Er analysiert die Ursachen

und weist Lösungen auf. Das Handbuch ist so konzipiert, dass

es erlaubt, sich einzelne Fragen herauszusuchen oder der Reihe nach

zu lesen. Unterhaltsam und leicht verständlich liefert der Professor für

Nachhaltigkeit am Institut für Soziale Zukunft der Lancaster University

praktikable und umsetzbare Antworten auf die ernsten Fragen unserer

Zeit.

Charmant und interessant, mit der Prise Humor eines englischen Gentlemans.

(mn)

Petra Pinzler / Günther Wessel

Vier fürs Klima.

Wie unsere Familie versucht, CO2-neutral zu leben

Droemer/Knaur, 18,- Euro

Möchten Sie wissen, wie es anderen Familien bei der Verbesserung ihres

ökologischen Fußabdruckes ergangen ist? Während eines Jahres

erforschte die Familie Pinzler-Wessel, wie die Ökobilanz ihres Lebens

wirklich aussieht. Die vier Familienmitglieder wollten ehrlich wissen,

was sie ändern müssen, ohne dabei als neue Klimakämpfer als albern

und verschroben abgestempelt zu werden. Welche Maßnahmen kann

man im Alltag gut umsetzen? Was kann eine einzelne Familie überhaupt

bewirken?

Den Leser erwarten keine Listen von Recherche-Ergebnissen, sondern

sowohl informative als auch amüsante Alltagsberichte über den Verlauf

der angestrebten Veränderungen. Als ob man selbst still am Abendessen

teilhaben dürfte.

Ehrlich, konsequent und liebenswert authentisch! (mn)

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Alexandra Achenbach

Zero Waste Weihnachten.

Mit einfachen Kreativideen für Weihnachtsbaum, Deko und

Geschenke. Nachhaltiger Weihnachten feiern

Frech, 16,99 Euro

43 Prozent aller Geschenke an Weihnachten sind Bücher. Im festen Einband

versprechen sie ein langes Leben. Bücher können von einer oder

mehreren Personen mehrmals gelesen werden. So ist es ein recht nachhaltiges

Produkt. Natürlich hat es Alexandra Achtenbach in ihrem Sachbuch

Zero Waste – Weihnachten nicht nur auf Bücher abgesehen. Sie

zeigt vielmehr, wie man unnötigen Müll auch an Weihnachten vermeidet,

wie die Weihnachtszeit mit frischen Ideen nachhaltiger gestaltet

werden kann und wie achtsames und bewussteres Handeln uns diese

besinnliche Zeit mehr spüren lässt.

Die Sammlung aus verblüffenden Fakten und Geschenkideen für Groß

und Klein enthält außerdem Inspirationen für Adventskalender, Wiederverwertungsideen

für die Weihnachtsdekoration, Anleitungen zum

Basteln mit Naturmaterialien, puristische Adventskranz-Ideen und vieles

mehr. Schenken Sie sich die Zeit! (mn)

KUDU

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Charlotte Schönberger / Claus Hecking / Ilka Sokolowski /

Franziska Viviane Zobel (Ill.)

Unsere Zukunft ist jetzt! Kämpfe wie Greta Thunberg fürs Klima

Oetinger, 10,– Euro

6x natur & umwelt für kinder

Valentina Gianella / Manuela Marazzi (Ill.)

Mein Name ist Greta. Das Manifest einer neuen Generation

Aus dem Italienischen von Claudia Koch und Kathrin Lichtenberg

Midas, 12,90 Euro

Dass man als junger Mensch mit Beharrlichkeit und fundiertem Wissen

sehr viel bewegen kann, hat die 16-jährige Greta Thunberg auf beeindruckende

Weise gezeigt. Aus dem stillen Protest einer einzelnen Person

ist mittlerweile eine weltweite Bewegung entstanden, der sich viele Jugendliche

mit ihren Eltern und auch Wissenschaftler angeschlossen haben.

Vor allem aber passiert endlich in den Köpfen etwas und das, was

die Fachwelt schon seit langem predigt, ist in der Politik angekommen.

In diesem Buch werden Gretas Ideen vorgestellt, immer gut verständlich

mit wissenschaftlichen Fakten untermauert. So entsteht eine solide

Diskussionsgrundlage für alle, die sich gründlich informieren oder mit

Skeptikern auseinandersetzen wollen. (sr)

Ab 12 Jahren.

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Liz Gogerly / Miguel Sanchez (Ill.)

Alles auf Grün! Wie du der Umwelt helfen kannst

Aus dem Englischen von Maria Zettner

Gabriel, 13,– Euro

Alles fängt mit einer Geburtstagsfeier an. Geschenke zu bekommen ist

schon super, aber dann schauen die Kinder auf all den Verpackungsmüll.

Muss das wirklich sein? Natürlich macht es auch Spaß, Luftballons

fliegen zu lassen, aber wer weiß, wo sie landen, platzen und dann

eventuell Tiere gefährden. Und dann das ganze leckere Essen, das mal

wieder viel zu viel war. Wohin damit? Die Kinder gehen ihren Fragen

nach und machen sich auf die Suche nach Antworten. Was passiert mit

unserem Müll, wie wird er weiterverarbeitet oder gelagert? Wie kann

man ihn vermeiden, was kann man eventuell noch wiederverwerten?

Wie kann der Schulalltag nachhaltiger gestaltet werden?

Zu jedem Themenbereich finden die Kinder Tipps, die sie einfach umsetzen

können, und Fakten, die so eindrücklich sind, dass sie ein Umdenken

ganz sicher beschleunigen. (sr)

Ab 8 Jahren.

Am 20. August 2018 begann Greta Thunberg ihren allwöchentlichen

Schulstreik für eine bessere Klimapolitik vor dem Schwedischen

Reichstag. Wahrscheinlich hatte sie keine Vorstellung davon, dass nur

ein Jahr später Tausende Jugendliche, über viele Länder verteilt, sich

ihr anschließen würden. In diesem Buch lernen die jungen Leser erst

Greta und ihre Motivation kennen, dann folgen viele handfeste Tipps,

wie wir alle dazu beitragen können, dass die Natur weniger belastet

wird. Zahlreiche Denkanstöße etwa hinsichtlich Kleidung, Nahrung,

Mobilität, Stromverbrauch und Beschreibungen, wie Greta ihren Alltag

diesbezüglich organisiert hat, sowie viele Links, die einen tieferen Einblick

in Gretas Leben gewähren, runden dieses Buch ab. (sr)

Ab 10 Jahren.

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Dela Kienle / Horst Hellmeier (Ill.)

Plastik? Probier’s mal ohne!

Wo Kunststoffe überall enthalten sind und wie wir sie einsparen können

Carlsen, 5,– Euro

Als 1907 der Chemiker Leo Baekeland das Bakelit erfand – quasi den

Vorfahren unseres jetzigen Plastiks – konnte er nicht ahnen, vor welche

Probleme Kunststoffe die Menschen hundert Jahre später stellen sollten.

Dabei war der Grundgedanke gut! Zahlreiche Produkte aus Naturmaterialien

waren für viele Menschen nicht erschwinglich und so suchten

in der damaligen Zeit die Wissenschaftler nach einem Material, das

günstig herzustellen und formbar war. Heutzutage sind Kunststoffe aus

unserem Leben kaum wegzudenken, schaut man sich aufmerksam um,

findet man sie überall: in Kleidung, Duschgels, Kugelschreibern, Spielzeug

– die Liste wäre lang. Es gibt aber durchaus auch Möglichkeiten,

darauf zu verzichten, und die 30-Punkte-Challenge sensibilisiert und

motiviert ungemein, dafür zu sorgen, dass weniger Plastik die Umwelt

verschmutzt. (sr)

Ab 9 Jahren.

24 KUDU


memo Wissen entdecken

Klimawandel. Hitze, Stürme, Überschwemmung

Dorling Kindersley, 9,95 Euro

Wer verstehen möchte, was Klimawandel bedeutet und welche Faktoren

dafür verantwortlich sind, findet in diesem Sachbuch Antworten.

Gut verständlich werden komplexe Zusammenhänge geschildert, wie

zum Beispiel Treibhauseffekt oder Rückkopplungen und erklärt, warum

Brandrodungen nachhaltig schlecht fürs Klima sind oder Rinderzucht

und Reisanbau ihren Teil zum Wandel beitragen. Ausführlich wird beschrieben,

welche Auswirkungen für den Menschen ein stetiges Ansteigen

der Temperaturen haben könnte, angefangen von Krankheiten, die

sich schneller verbreiten, über Städte und Landstriche, die im Wasser

versinken, bis hin zu einer Massenwanderung, weil in vielen Gegenden

das Wasser immer knapper wird. Wer mitdiskutieren will, findet hier

viele überzeugende Argumente und untermauernde Zahlen. (sr)

Ab 10 Jahren.

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Kristina Scharmacher-Schreiber / Stephanie Marian (Ill.)

Wie viel wärmer ist 1 Grad? Was beim Klimawandel passiert

Beltz, 14,95 Euro

1 Grad klingt so wenig und kann doch so viel ausmachen, wie die Kinder

in diesem Buch herausfinden. Denn so winzige Verschiebungen nehmen

wir erst einmal gar nicht wahr, unser fragiles ökologisches Gleichgewicht

hingegen schon. Heute weiß man, dass es auch in der Vergangenheit

immer wieder zu größeren Temperaturschwankungen kam.

Als zum Beispiel die Dinosaurier den Planeten bevölkerten, war es viel

wärmer als jetzt, wohingegen noch vor 400 Jahren in Deutschland die

sogenannte Kleine Eiszeit herrschte, während der man über das Nordseeeis

vom Festland zu den friesischen Inseln laufen konnte. Dass sich

in den vergangenen Jahrzehnten die Treibhausgase menschengemacht

vermehrt haben, hat zu einem Temperaturanstieg geführt, der mit einer

natürlichen Klimaveränderung nichts zu tun hat. Den Folgen geht

dieses üppig illustrierte Sachbuch nach und zeigt zu verschiedenen Lösungsansätzen

auch das Für und Wider auf. (sr)

Ab 9 Jahren.

Neal &Jarrod Shusterman

Dry

Aus dem amerikanischen Englisch

von Pauline Kurbasik und Kristian Lutze

Fischer Sauerländer, 15,– Euro

Noch ist es für uns eine Selbstverständlichkeit, über die wir nie groß

nachdenken: Wir drehen den Wasserhahn auf – und es sprudelt heraus.

Doch schon nach den letzten beiden regenarmen Jahren wurde selbst in

einigen Gegenden Deutschlands das Wasser knapp.

Neal Shusterman und sein Sohn Jarrod siedeln ihre beklemmende

Geschichte im heißen und trockenen Kalifornien an. Plötzlich ist das

Wasser aus dem Hahn eben keine Selbstverständlichkeit mehr, alle

Leitungen sind trocken. Die Anzeichen, dass das eines Tages passieren

könnte, mehren sich. Pools dürfen schon länger nicht mehr gefüllt, die

Gärten nicht mehr bewässert werden. Und doch trifft der Wassermangel

Alyssa und ihre Familie völlig unvorbereitet. Ganz sicher werden zügig

die Schleusen der Stauseen aus den benachbarten Bundesstaaten geöffnet,

davon sind alle fest überzeugt, schließlich kann man Kalifornien

nicht komplett austrocknen lassen. Wenn jedoch auch woanders die

Not groß ist und wirtschaftliche Interessen im Spiel sind, ist sich jeder

selbst der Nächste. Das zeigt sich im Kleinen bereits im Supermarkt, wo

sich Alyssa und ihre Familie mit Wasser bevorraten wollen. Natürlich

sind sie nicht die Einzigen mit diesem Gedanken, und wer gestern noch

freundlicher Nachbar oder Mitschüler war, ist heute derjenige, der dir

die letzten Flaschen aus den Händen reißen will. Kelton und seine Familie

sind im Gegensatz zu allen anderen gewappnet: Die Nachbarn von

Alyssa haben sich schon seit Jahren auf einen Katastrophenfall vorbereitet,

ihr Haus mit Panikraum, Schießscharten und Wassertank ausgestattet.

Vorher belächelt, zeigt sich jetzt, dass Keltons Vater alles richtig

gemacht hat und sich in einer sehr komfortablen Position befindet. Vor

allem als sich herausstellt, dass so bald kein Wasser mehr fließen wird.

Es vergeht nicht viel Zeit, bis die Lage an allen Ecken eskaliert. Alyssas

Eltern kehren von ihrem Versuch, Wasser von einer neu installierten

Entsalzungsanlage zu holen, nicht zurück und plötzlich ist es der eigenbrötlerische

Kelton, der Alyssa bei der Suche nach ihnen zur Seite steht.

Die vermissten Eltern sind ein Problem, gewaltbereite Nachbarn das

nächste und irgendwann bleibt Alyssa, ihrem jüngeren Bruder Garrett

und Kelton nur noch die Flucht zu Verwandten, wo sie hoffentlich sicher

sein werden.

Das Szenario ist so erschreckend wie realistisch und leider sehr aktuell,

zeigt es doch überdeutlich, welche Auswirkungen Ressourcenknappheit

auf die Wohlstandsgesellschaft haben könnte. (sr)

Ab 14 Jahren.

KUDU

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Kinder- und jugendbuch

Kathrin Schärer

Nur noch eins

Atlantis, 9,95 Euro

Vor dem Zubettgehen muss noch

einiges erledigt werden. Eine

letzte Perle auffädeln, zum Beispiel.

Oder den einen Stein auf

den Turm setzen, ohne dass dieser

umfällt. Eine letzte Murmel

ins Loch schießen, eine Treppenstufe

erklimmen, bis man oben

angekommen ist. Noch schnell

einen Kringel malen, damit das

Kunstwerk perfekt ist, nur noch

ein Buch lesen, bevor es ins Bett

geht. Noch ein Kuss und dann ist

Schluss in dieser so bezaubernden

Gutenachtgeschichte von Kathrin

Schärer, die jeden kindlichen Moment,

jeden Gesichtsausdruck so

überaus entzückend eingefangen

hat. (sr)

Ab 2 Jahren.

Silvia Borando

Pass auf!

Freies Geistesleben, 14,– Euro

Ach, ist das herrlich! Draußen fallen

die Schneeflocken und im Warmen,

hinter dem Fenster, schauen

die beiden Kinder gebannt zu.

Da, schau mal, ein Rotkehlchen!

Es bleibt nicht allein, das Geschehen

im Schnee wird immer

spannender und wir fiebern mit

den Kindern mit. Das Besondere

an diesem witzigen Bilderbuch:

Es kommt ganz ohne Worte aus.

Abwechselnd sehen wir auf einer

Doppelseite die Kinder, die die

Vorkommnisse draußen mit Mimik

und Gestik lebhaft begleiten.

Was sehen sie bloß? Das wird natürlich

hier nicht verraten, das

Mitraten macht schließlich den

Reiz dieser Geschichte aus, die toll

von Erwachsenen begleitet werden

kann, die Kinder aber ebenso

gut auch prima allein verstehen.

(sr)

Ab 3 Jahren.

John Hare

Ausflug zum Mond

Moritz, 14,– Euro

Eine Klassenfahrt zum Mond – und man sieht schon auf dem Cover: Da

ist einer, der ist ein wenig anders als seine Mitschüler. Ein trödelnder

Träumer, wie sich herausstellt; denn während alle anderen mit den Lehrern

den Mond erkunden, fällt er mit seinem Block und den Stiften in

der Hand immer weiter zurück. Völlig versunken hockt er dann hinter

einem Mondfelsen und malt die Erde. Schläft aber leider darüber ein,

und als er wach wird, sind alle weg. Schnell folgt er den Spuren, sieht

aber nur noch, wie das Raumschiff abhebt und sich entfernt. Trost findet

er beim Malen und versinkt darin so sehr, dass er gar nicht mitbekommt,

dass er nicht allein ist. Aufmerksam wird er von Mondbewohnern

beobachtet, die schon bald seine Freude am Zeichnen teilen.

Sein Verbleib auf dem Erdtrabanten wird zum Glück bemerkt und Rettung

naht. Man kann sich gar nicht sattsehen an den Bildern in diesem

Erstlingswerk und es ist beeindruckend, wie John Hare Emotionen

zeigt, ohne dass man Gesichter sieht – schließlich gilt auf dem Mond

Helmpflicht! (sr)

Ab 4 Jahren.

26 KUDU


Andreas H. Schmachtl

Missi Moppel – Detektivin

für alle Fälle. Das Geheimnis im

Turmzimmer und andere Rätselhaftigkeiten

Arena, 14,– Euro

»Jeder Fall kann Spuren von

Spannung enthalten ...« Wie süß

ist das denn bitte? Und genauso

allerliebst ist auch der Tenor der

vielen Fälle, die Maus Missi mit ihrer

Beobachtungsgabe und ihrem

klugen Kopf löst. Zwischenfälle

bei den Proben der Theater-AG,

seltsame nächtliche Aktivitäten

des Nachbarn, Ungereimtheiten

beim Schwimmwettbewerb – wo

Missi wachen Auges unterwegs

ist, bleibt nichts ungeklärt. Sie

ist aber auch zur Stelle, wenn es

darum geht, ihrem Freund Piwi zu

helfen, der immer wieder von Nob,

Rob und Hub fies behandelt wird.

Die kurzen und liebevoll erzählten

Geschichten können getrost auch

zur guten Nacht vorgelesen werden,

denn die behutsam dosierte

Portion Spannung wird garantiert

niemanden vom Einschlafen abhalten!

(sr)

Ab 5 Jahren.

Anke Thiemann (Hrsg.)

Spring doch! sagt die Hexe.

Mutprobengeschichten

dtv, 15,95 Euro

Der vegetarische Drache soll endlich

einen Ritter besiegen, während

der eisenallergiegeplagte

Ritternachwuchs mit Faible für

Musik noch nie mit einem Drachen

gekämpft hat. Was wohl

passiert, wenn die beiden aufeinandertreffen?

Gefahren lauern

überall, wenn sich das Monster

auf den Weg macht. Doch endlich

am Ziel angekommen, stellt es

sich die Frage: Soll ich wirklich –

oder doch eher nicht? Und was hat

es bloß mit dieser eigentümlichen

Selbsthilfegruppe mit Angsthase,

Zitteraal, Bibberbiber und dem

Bammelhammel auf sich, die sich

mit zitternden Knien und bebenden

Nasenhaaren auf einer Waldlichtung

trifft? Zehn wunderbare

Illustratorinnen und Illustratoren

haben sich Mutmachgeschichten

ausgedacht, die ganz unterschiedlich,

aber allesamt überaus aufbauend

sind. Zehn Geschichten,

die auch hervorragend in der Familie

oder Schule vorgelesen und

besprochen werden können. (sr)

Ab 7 Jahren.

Maria Parr / Barbara Korthues (Ill.)

Manchmal kommt das Glück

in Gummistiefeln

Aus dem Norwegischen

von Christel Hildebrandt

Dressler Verlag, 15,– Euro

In schönster Lindgren-Erzähltradition

entführt Maria Parr die

Leser in ein kleines Dorf an der

norwegischen Küste und mitten

hinein in den aufregenden Alltag

von Trille und seiner besten

Freundin Lena. Wir erfahren vom

kläglichen (aber durchaus lustigen)

Versuch, ein Floß zu bauen,

von einer Flaschenpost, die, wie

immer, am dorfeigenen Ufer strandet.

Von Birgitte, die neu im Dorf

ist, die für Trille so hell scheint

wie die Sonne und die gehörig

Unruhe in die Kindergemeinschaft

bringt. Von Lena, die ihren

Stammplatz als Torhüterin der

Jungsmannschaft so gerne behalten

hätte und mutig und stark ist,

aber Trille nicht sagen kann, dass

er ihr bester Freund ist. Und vom

herzensguten Opa, der immer für

die Kinder da ist. Beim Lesen werden

Trille, Lena und all die anderen

schnell zu Freunden, die man

gerne in ihrem beschaulichen Dorf

besuchen möchte, um mit ihnen

all die spannenden, lustigen, aufregenden

oder herzerwärmenden

Momente zu erleben. (sr)

Ab 10 Jahren.

Judith Burger / Ulrike Möltgen (Ill.)

Roberta verliebt

Gerstenberg Verlag, 13,– Euro

Felix ist der Neue in ihrem Zeichenkurs.

Als er den Raum betritt,

ist es für Roberta so, als seien alle

anderen plötzlich verschwunden.

Sie hat sich verliebt, das weiß sie

genau. Im Gegensatz zu ihrer Mutter.

Die denkt nämlich, dass man

sich mit elf überhaupt nicht verlieben

kann. Was für ein Quatsch!

Dafür findet Roberta in der alten

Opernsängerin Hedi eine Verbündete,

die ihr wertvolle Tipps gibt,

wenn es darum geht, Felix’ Aufmerksamkeit

zu erlangen. Das ist

nämlich ein echtes Problem für

Roberta, sie sieht den schüchternen

Jungen nämlich nur mittwochs,

was den Rest der Woche

fast unerträglich werden lässt. Sie

hat keine Ahnung, wo er wohnt,

und selbst, wenn sie diese Dinge

löst, bleibt immer noch die Frage:

Wie soll sie es anstellen, dass

sich Felix auch in sie verliebt? Was

für eine schöne, berührende und

wahrhaftige Geschichte über die

erste Liebe, über Schüchternheit,

den Mut, über den eigenen Schatten

zu springen, und den Kummer,

wenn es sich anders entwickelt als

erhofft. Den zärtlichen Ton Judith

Burgers hat Ulrike Möltgen in ihren

Zeichnungen grandios eingefangen.

(sr)

Ab 10 Jahren.

Kinder- und jugendbuch

KUDU

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Kinder- und jugendbuch

BirgeTetzner /

Karl Uhlenbrock (Ill.)

Fred bei den Wikingern.

Jarl Ragnalds Vermächtnis

ultramar Media, 22,– Euro

Die großartigen Hörspiele rund um Fred und seine geschichtlichen

Abenteuer begeistern schon lange die (nicht nur) jugendlichen Zuhörer,

nun liegt endlich das erste »Fred«-Buch vor. Und das ist eher schon ein

Prachtband: Großformat mit Lesezeichen und vor allem mit beeindruckenden

Illustrationen von Karl Uhlenbrock, der Fred und den Geschehnissen

ein geradezu cineastisches Aussehen verleiht.

Wie auch bei der Hörfassung beginnt die Geschichte ganz weit in der

Vergangenheit, nämlich bei den Wikingern, genauer bei Jarl Ragnald,

der seine Untertanen zu einem großen Fest eingeladen hat; mit dabei

eine Völva, eine Seherin. Wir tauchen ein in die Welt der Sagen und Mythen

der skandinavischen Völker, bevor Fred ins Spiel kommt. Bei ihm

klingelt das Telefon mitten in der Nacht, am anderen Ende sein Großvater,

der gerade in Brasilien weilt. Zu gerne würde er mal wieder Zeit mit

seinem Enkel verbringen, am liebsten in Dänemark. Diese Einladung

kann Fred gar nicht ausschlagen und so findet er sich in den nächsten

Ferien auf einer Fähre in den Norden wieder. Sein Opa hat im Vorfeld

ausbaldowert, womit er Fred eine besondere Freude machen kann, und

für ihn eine Fahrt auf einem Wikingerboot organisiert. Die fällt aber

für Fred sprichwörtlich ins Wasser, denn bei hohem Wellengang geht er

über Bord und findet sich mit einem Eisenring um den Hals an Land

wieder. Nicht nur an Land, wie es Fred schnell dämmert, sondern genau

in der Hochzeit der Wikinger – und damit beginnt sein Abenteuer erst

richtig!

Eingebettet in die packende Geschichte rund um Fred und seinen neuen

Freund Ivar, dessen Dorf in Gefahr ist, wird die ganze nordische Sagenwelt

lebendig. Fundiertes Sachwissen, nordische Mythologie und eine

fesselnde Rahmenhandlung gehen hier Hand in Hand und vermitteln

ein lebendiges Bild vom frühen Leben im hohen Norden. (sr)

Ab 10 Jahren.

Holly Goldberg Sloan /

Meg Wolitzer

An Nachteule von Sternhai

Aus dem Englischen

von Sophie Zeitz

Hanser, 17,– Euro

Bett ist Sternhai und Avery

Nachteule. Die beiden Mädchen

kennen sich nicht, haben aber

eine Gemeinsamkeit: Ihre Väter

haben sich auf einer Messe kennen-

und lieben gelernt. Und die

beiden Männer haben beschlossen,

dass es doch eine super Idee

sei, ihre Töchter in ein Ferienlager

zu schicken, damit die sich

dort beschnuppern und im besten

Falle anfreunden können. Bett

hat dieses Komplott, wie sie es

empfindet, durch Zufall entdeckt

und warnt nun ihre zukünftige

»Stiefschwester« via Mail vor.

Denn nichts will Bett weniger als

eine neue Familie. So entspinnt

sich zwischen den beiden ungleichen

Mädchen ein schlagfertiger

und überaus amüsanter Mailaustausch,

der immer persönlicher

und tatsächlich auch freundschaftlicher

wird.

Und es ist so beglückend mitzulesen,

wie Sternhai und Nachteule

beginnen, Geheimnisse auszutauschen

und sich allmählich zu

vertrauen. Zudem tauchen wir

tief ein in die unterschiedlichen

Welten der beiden Mädchen, lernen

ihre Werte, Probleme und

Wünsche kennen. Garantiert finden

jugendliche Leserinnen dabei

ganz viel Inspiration für ihr eigenes

Leben. (sr)

Ab 11 Jahren.

Anne Becker

Die beste Bahn meines Lebens

Beltz, 12,95 Euro

Wenn Jan Bahn um Bahn

schwimmt, leert sich sein Kopf.

Vergessen ist der Umzug, vergessen

ist die Schule, vergessen sind

alle Schwierigkeiten, die ein Neuanfang

mit sich bringt. Gleich am

ersten Tag im neuen Heim läuft

ihm ein Huhn über den Weg. Das

ist der Nachbarin ausgebüxt und

die ist echt eine Erscheinung: Flo,

etwa so alt wie er, rote Haare und

jede Menge Sommersprossen. Megacool

und absolut nicht auf den

Mund gefallen. Dazu ein absoluter

Mathenerd, wie Jan gleich am ersten

Schultag feststellt. Was auch

auffällt: Linus versucht mit allen

Mitteln, Flos Aufmerksamkeit auf

sich zu ziehen, und Jan spürt, dass

ihr das unangenehm ist. Den Mut,

dazwischen zu gehen, hat er nicht,

denn Linus hat ihn eh auf dem Kieker,

seit er ihn beim Schwimmen

locker abgehängt hatte.

Anne Beckers überaus beeindruckendes

Debüt vereint mit einer

Leichtigkeit die nicht immer einfachen

Themen des jugendlichen

Lebens: erste Liebe, Unsicherheiten,

Schwierigkeiten in der Schule,

Mobbing, das übliche Familienchaos

und mittendrin Jan und Flo.

Absolute Empfehlung! (sr)

Ab 12 Jahren.

28 KUDU


Trenton Lee Stewart

Secret Keepers: Zeit der Späher

Secret Keepers: Zeit der Jäger

Aus dem Englischen von

Nina Scheweling

Thienemann, jeweils 14,– Euro

Ruben lebt mit seiner Mutter im

tristesten Viertel einer ohnehin

tristen Stadt. Wenn die Mutter

morgens die Wohnung verlässt,

um einem schlecht bezahlten Job

nachzugehen, erkundet Ruben

die Umgebung. Auf einem seiner

Streifzüge entdeckt er eine Uhr,

die so kostbar aussieht, dass sie

in einem Juwelierladen sicherlich

eine Menge Geld bringen würde.

Kostbar ist diese Uhr tatsächlich,

aber auf eine ganz andere Weise,

denn sie verleiht ihrem Träger für

eine gewisse Zeit Unsichtbarkeit

und es gibt einen, der schon lange

auf der Suche nach dieser Uhr

ist: Der Schatten, der mysteriöse

Herrscher über die Stadt. Kaum

hat Rubens mit Hilfe der Uhrmacherin

Mrs. Genevieve herausgefunden,

wie die Uhr funktioniert,

folgen ihm die Späher, gefährliche

Augen und Ohren des Schattens.

Anscheinend ist es sehr gefährlich,

diese Uhr zu besitzen. Wie

gefährlich, erfährt Ruben am Ende

des ersten Bandes.

Wie gut, dass der zweite zeitgleich

erschien und es nahtlos mit dem

temporeichen Abenteuer weitergeht,

denn Ruben muss mit

allen Mitteln verhindern, dass

der Schatten seine Uhr bekommt

mehr noch: Ruben muss eine

zweite existierende Uhr in seinen

Besitz bringen, um den Schatten

zu entmachten. (sr)

Ab 12 Jahren.

Chris Rylander

Die Legende von Greg: Der krass

katastrophale Anfang der ganzen

Sache

Aus dem Englischen

von Gabriele Haefs

Carlsen, 16,99 Euro

»Du bist ein Zwerg.« Es dauert

einen Moment, bis Greg dahinterkommt,

dass sein Gegenüber nicht

auf seine Körpergröße anspielt.

Er ist tatsächlich ein Zwerg, eine

Sache, über die er liebend gerne

mit seinem Vater gesprochen hätte;

dummerweise wurde der aber

gerade von einem Troll entführt.

Chicago, dort, wo alles so normal

wie immer aussieht, ist in Wirklichkeit

eine Zwergenhochburg,

wie Greg erfährt. Unter der Erde

haben diese Wesen ihre Heimat

gefunden und hier soll Greg leben,

bis sein Vater gefunden wird. Dort

lernt er auch alles über die lange

Geschichte der Zwerge, die sich

vor Ewigkeiten mit den Elfen einen

unschönen Kampf lieferten.

Seit einiger Zeit herrscht aber

ein fragiler Waffenstillstand zwischen

den Erzfeinden, der nun

in Gefahr ist. Umso brisanter,

dass Gregs bester Freund Edwin

der Sohn des Elfenlords ist. Die

Zeichen mehren sich, dass ausgerechnet

die Elfen hinter der Entführung

von Gregs Vater stecken.

Und so sieht sich Greg schnell in

einem Dilemma zwischen Loyalität

zu seinem Freund und Sorge

um seinen Vater.

Die packende Geschichte voller

Wortwitz und Situationskomik

endet mit einem ziemlich fiesen

Cliffhanger, der die Fortsetzung

herbeisehnen lässt. (sr)

Ab 12 Jahren.

Wendelin van Draanen

Acht Wochen Wüste

Aus dem Englischen von Jessika

Komina und Sandra Knuffinke

Magellan, 17,– Euro

Wren hat Mist gebaut. So unsäglichen

Mist, dass sie mitten in der

Nacht von Uniformierten abgeholt

und von ihnen in die Wüste

von Utah verfrachtet wird. Dort

erwartet sie ein Camp, in dem sie

acht Wochen lang unter einfachsten

Bedingungen zu sich finden

soll. Was für ein Schwachsinn, ist

der einzige Gedanke, den Wren,

wütend und verletzt wie sie ist,

fassen kann. Vieles ist vorher

schiefgelaufen: der Umzug, die

neue Schule, keine Freunde, die

ältere Schwester, die sich mühelos

einfindet, die Eltern, die mehr mit

der Arbeit als mit ihren Kindern

beschäftigt sind. In dieser unerfreulichen

Situation trifft Wren

auf Meadow, mit der sie ihren ersten

Joint auf dem Schulklo raucht

und in der sie die ersehnte Freundin

findet. Glücklich ist sie so lange,

bis sie feststellt, dass sie nur

benutzt wird. Im Camp hat Wren

genug Zeit, nachzuforschen, was

bei ihr schiefgelaufen ist. Dabei

dürfen wir sie begleiten und erfahren

das komplette Ausmaß des

Chaos, das sie hinterlassen hat.

Wir erleben auf äußert ergreifende

Weise, wie ihre Narben allmählich

heilen und wie sie herausfindet,

wer sie sein möchte. Ein ganz

wunderbares Buch mit Wow-Effekt!

(sr)

Ab 14 Jahren.

Verena Körting

Das ist Deutschland.

Eine Reise in Bildern

arsEdition, 20,– Euro

Es ist ein echtes Mammutprojekt,

eine Bilderreise durch Deutschlands

Regionen und Städte, kunterbunt,

detailverliebt – ein Wimmelbuch

für kleine und große

Entdecker. Berge, Flüsse, Meere,

Dörfer, Städte oder einfach nur

die Weite, Verena Körting hat genau

hingesehen und ihr Deutschland

gemalt. Die Hamburger

Landungsbrücke, übervoll mit

Menschen beim jährlichen Hafengeburtstag,

eine Hallig von oben,

fast schon ein Postkartenmotiv,

das so idyllisch anmutende Quedlinburg

oder Ruhrpott pur mit

der Zeche Zollverein – auf über

zwanzig Doppelseiten kann man

mit Augen und Fingern spazieren

gehen. Auf den zweiten Blick, der

garantiert folgen wird, entdeckt

man da die kleine Demo, den Obdachlosen

oder Flaschensammler,

die Schornsteinfegerin, dort die

weggeschmissene Flasche im See,

den Bio-Bauernhof, den CO2-Spar-

Appell am Bus.

So ist ein Buch entstanden, das

auf jeden Fall Lust macht, unser

Land zu erkunden, gleichzeitig

auch viele aktuelle Themen aufgreift,

über die man mit Kindern

ins Gespräch kommen kann. (sr)

Ab 5 Jahren.

Kinder- und jugendbuch

KUDU

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Spaziergang durch

RibbeckZ

Am 30. Dezember 2019 wird Theodor Fontane zweihundert Jahre

alt. Anlass für die literarische Welt, sich wieder einmal mit Leben

und Werk auseinanderzusetzen. Grund genug um Dutzende Anthologien

herauszubringen: Fontane und die Frauen, Fontane und

die Küche, Fontane feiert Weihnachten, Fontane und die Birne.

Fontane und die Birne?

Nein, so eine Sammlung gibt es dann doch nicht, obwohl er sich

ja mit einem »Birnengedicht« ins Zentrum aller Grundschullesebücher

geschrieben hat. Ich kann mich gut erinnern an die Qualen

eines vielleicht Drittklässlers, als wir freitagmittags die Aufgabe

bekamen Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland bis zum

Wochenbeginn auswendig zu lernen. Ich gab mir alle Mühe. Beim

montäglichen Aufsagen vor der Klasse verzweifelte ich aber immer

noch an Wörtern, die ich nicht kannte. »Lobesam«, »Lütt Dirn«,

»röver« oder »Wist ne beer« – einfache Begriffe, die mir trotzdem

kaum über die Lippen kamen, weil sie fremd waren. Inhaltlich fand

ich das Gedicht – wenn ich es damals schon hätte so sagen können

– voll in Ordnung. Minutenlang aber stand ich damals vor versammelter

Schülerschaft und stammelte Vers an Vers. Die Lehrerin

war da unerbittlich. In einer Minute und einundvierzig Sekunden

schaffte Jahre später Achim Reichel seine vertonte Gedichtinterpretation

und setzte damit neue Maßstäbe.

Ribbeck, das kleine Dorf 50 Kilometer westlich von Berlin, mit seinen

weniger als 400 Einwohnern – ob sich ein Besuch lohnen würde?

Einfach so? Oder auf den Spuren der von Ribbecks, Fontanes,

Resten der ehemaligen DDR? Wir nahmen uns vor, ein paar Stunden

in den kleinen Ort zu fahren.

Ribbeck – Fontane – Birne.

Das ist das Bermudadreieck

des örtlichen Marketings.

Abends vorher parken wir gegen acht Uhr am Landhaus Ribbeck.

Das Gebäude ist ein umgebauter mächtiger Schafstall aus dem Jahr

1860. Es muss große Liebe gewesen sein, dieses abbruchreife Haus

inmitten eines prächtigen Gartens zu einem Restaurant- und Pensionsbetrieb

umzubauen, ein abenteuerliches und wenig zu kalkulierendes

Unterfangen. Aber gelungen ist gelungen. Sehr schönes

Restaurant in klaren hellen Farben, überdimensional große Zimmer

unterm Dach, in die wir schnell unsere Reisetaschen werfen,

schließlich gibt es Essen nur bis sieben. Der Wirt macht eine Ausnahme,

obwohl es, wie er betont, »bei uns nicht üblich ist«, aber

auch im Ort gäbe es kein anderes Restaurant. Er bittet uns an den

Gemeinschaftstisch. Hier sitzen aber bereits acht Personen. »Wir

sind ein Eat-Together-Restaurant«, sagt er, als wir abwinken und

lieber einen Tisch für uns möchten. »Es ist bei uns nicht üblich, aber

wir machen das«, wiederholt er sich, dann weist er uns in eine ruhige

Ecke und bittet, Platz zu nehmen. Als ich zu meiner Vorspeise

um ein wenig Olivenöl bitte, höre ich »Das ist bei uns nicht üblich,

aber wir machen das« ein drittes Mal. Danach beginnen wir zu trinken

und der Abend nimmt eine überraschend weinselige Wendung.

Am anderen Morgen dann die ersten Schritte durch Ribbeck.

Vom Hotel weg über den Uhlenburger Weg, dort fällt uns das erste

AfD-Plakat auf. Bis zum Dorfkern werden es dann deutlich mehr.

Sind die Wahlen nicht schon lange vorbei? Und wer duldet so etwas?

125 wahlberechtigte Ribbecker gibt es, lese ich später in den

offiziellen Wählerstatistiken des Landes Brandenburg. Nicht alle

sind zur Wahl gegangen, der Rest wählte zu fast 45 Prozent AfD.

Erschreckend.

30 KUDU


Direkt an der B5 liegt das Cafe Fontane. Hier sieht es ziemlich

traurig aus. Geschlossen, allenfalls werden noch am Wochenende

die letzten Touristen abgegriffen – obwohl, selbst das kann ich mir

beim besten Willen nicht mehr vorstellen. Wir hoffen trotzdem

noch auf einen etwas spannenderen Gang durch den Ort. Von der

Ortsmitte, dem Dorfplatz, sind wir jetzt 150 Meter entfernt. Alles

sehr intim hier. Vielleicht mit Ausnahme des ehemaligen Wohnsitzes

derer von Ribbeck. Das Neobarockschloss, ein imposantes wie

elegantes Gebäude gleichermaßen, war bis 1943 der Stammsitz der

Familie und beherbergt heute ein Museum für Regionalgeschichte

und ein Restaurant der gehobenen Klasse. Uns interessiert mehr

der Familienfriedhof, südlich vom Schloss gelegen. Ein ruhiger,

stiller Ort. Er wurde erst im Jahre 1893 angelegt. Trauriger Anlass

war der Tod von drei Ribbeck-Kindern, die innerhalb weniger Tage

im Alter von vier, fünf und elf Jahren an Diphterie starben. Auch

wenn Kindersterblichkeit im ausgehenden 19. Jahrhundert noch

an der Tagesordnung war, mache ich mir meine Gedanken, wie die

Eltern der Kinder mit einem solchen Verlust, einem so ungeheuren

Schmerz weiter gelebt haben. Der Vater Hans Georg überlebte seine

Kinder auch nur um drei Jahre, er wurde nicht einmal 40 Jahre alt.

BIRNE VON AusWÄRTS

Überall im Ort wird der originale Ribbecker Birnenschnaps angeboten.

Die alte Brennerei – bis zum Krieg wurde dort Kartoffelschnaps

gebrannt, zu DDR-Zeiten Getreide gelagert – ist mittlerweile

allerdings ebenfalls ein denkmalgerecht restauriertes

Gebäude, das für alle möglichen Events vermietet wird. Der Obstbrand

kommt heute aus dem Elsass, erzählt mir ein Ortskundiger

etwas verlegen.

Und was ist mit dem Birnbaum, der dem Ort ja seine eigentümliche

Berühmtheit verschaffte? Es gab ihn wirklich und auch das

Fontane-Gedicht geht auf eine Geschichte zurück, die man sich von

einem der Ribbeckschen Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert erzählte.

Sein originaler Überrest – der Baum ist vor mehr als 100 Jahren

einem Sturm zum Opfer gefallen –, ein vielleicht ein Meter großes

Stück des Stammes, wird in der Kirche aufbewahrt. Irgendwie hatte

ich ihn mir imposanter vorgestellt, aber Birnbäume werden nun

mal nicht so groß. Er macht auf mich den Eindruck, als hätte er hunderte

Jahre im Moor gelegen.

Unser Rundgang ist schneller beendet, als wir dachten. Bevor wir

den Heimweg antreten, besuchen wir die alte Dorfschule, heute

genutzt als Cafe. Wir freuen uns, dass es geöffnet ist. Stilecht umgebaut

mit angedeuteten Schulheften als Speisekarten. Das vorangestellte

Fontane-Zitat gefällt: »Ich bin nicht für halbe Portionen!«

Und was mir als Tagesspätstarter direkt ins Auge springt, gefällt

mir ebenfalls: Frühstück gibt es von 10 bis 18 Uhr. Ich bestelle ein

Schmalzbrot mit Jurke, meine Begleitung einmal Birne Helene.

Während wir aufs Essen warten, sehen wir, wie eine Gruppe Touristen

in den Ort einfällt. »Ihr habt Glück! «, sagt der freundliche

Cafebesitzer und stellt sein Tablett ab. »Am Wochenende und wenn

obendrein die Sonne scheint, ist hier die Hölle los. Da kommt eine

Busladung nach der anderen. Und eins kann ich Ihnen versichern:

Der gemeine Tourist ist ruppig.« Wir sitzen noch lange und denken

nach – nicht nur über den letzten Satz.

Thomas Schmitz

Der gemeine tourist ist ruppig

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Bücher zu THEODOR FONTANE

Theodor Fontane / Dorota Wünsch (Ill.)

Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland

Kindermann, 16,– Euro

»Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland,

Ein Birnbaum in seinem Garten stand,

Und kam die goldene Herbsteszeit

Und die Birnen leuchteten weit und breit,

Da stopfte, wenn‘s Mittag vom Turme scholl,

Der von Ribbeck sich beide Taschen voll«

Das berühmte Gedicht Fontanes über den großherzigen Herrn von Ribbeck,

der den Kindern im Dorf Jahr für Jahr von seinem Baum die Birnen

schenkte, kennt wahrscheinlich jeder. Wie es weitergeht, ist auch

bekannt. Wohl ahnend, was nach seinem Tod folgen wird, lässt er sich

mit einer Birne im Sarg beerdigen. Und richtig, sein Sohn hat mit Teilen

nichts am Hut! Doch schon nach ein paar Jahren können die Kinder die

Birnen am Grab des alten Herrn von Ribbeck ernten. Das Gedicht kommt

hier als fröhlich illustriertes Bilderbuch daher, das in den schönsten

Herbstfarben strahlt und darauf wartet, von Kleinen und Großen neu

und wiederentdeckt zu werden. (sr)

Ab 6 Jahren.

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Christian Grawe

Theodor Fontane. 100 Seiten

Reclam, 10,- Euro

100 Seiten um sich »mal schlau zu machen.« Dafür ist die Reclam-Reihe

100 Seiten wirklich hervorragend. 100 Seiten, 100 Minuten lesen. Da

komme ich meist nicht mit hin und auch bei Fontane habe ich etwas

länger gebraucht. Zum 200. Geburtstag des märkischen Schriftstellers,

der ja wegweisende Romane wie Effie Briest genauso geschrieben hat

wie das lange schon zum Volksgut zählende Gedicht Herr von Ribbeck

auf Ribbeck im Havelland.

Ein erster Einblick, eine gute Übersicht. (ts)

Theodor Fontane

Mehr als Weisheit aller Weisen galt mir reisen, reisen, reisen

Faber & Faber, 24,- Euro

Dieses Buch feiert Fontane genauso wie das Reisen. Es sind ja nicht nur

die Wanderungen durch die Mark Brandenburg, die Theodor Fontane

unternommen hat. Er war in ganz Europa unterwegs und zehrte ein Leben

lang davon. Das Buch ist ein Versuch, den europäischen Horizont

Fontanes an Hand markanter Orte zu beschreiben. Das sehr aufwändig

gestaltete Buch gibt es ebenfalls in einer Sammlerausgabe in Leder gebunden

zum Preis von 68 Euro. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Friedrich Christian Delius

Die Birnen von Ribbeck

Rowohlt TB, 15,- Euro

Theodor Fontane hat den Ort Ribbeck, vielleicht 50 Kilometer von Berlin

entfernt, weltberühmt gemacht. In der 1991 erschienen Erzählung

von Christian Delius kommen nach Öffnung der Mauer Westberliner

nach Ribbeck (man könnte auch meinen, sie fallen ein), um den Ribbeckern

einen neuen Birnbaum zu schenken. Sie pflanzen den Baum neben

das Schloss, wie man eine Standarte in besetztes Gebiet rammt, so

erscheint es den Dorfbewohnern. Sie fragen nicht nach Vergangenheit,

nicht nach Tradition. Auf dem parallel stattfindenden Volksfest verschafft

sich ein Bauer, genauer gesagt ein Traktorist, Gehör und redet

gegen Geschichts- und Gedächtnisverlust an.

Delius‘ Erzählung hat Rowohlt Berlin in einer schönen kleinen gebundenen

Ausgabe neu aufgelegt. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Reiner Matthias (Hrsg.)

Das Herz bleibt ein Kind. Weihnachten mit Fontane

Insel Verlag, 8,- Euro

200 Jahre Theodor Fontane. Auch ein Ausflug in die Weihnachtszeit

darf in einem solchen Jahr nicht fehlen. Wie spartanisch es damals

zuging, welche Besonderheiten es für Fontane und seine Familie gab,

geben kurze Erzählungen, Gedichte und auch der Bericht von einer

Wanderung durch die Mark Brandenburg während der Weihnachtszeit

wieder. . Die unnachahmliche Erzählweise Theodor Fontanes verleiht

der Weihnachtszeit dabei einen ganz eigenen Glanz und ist auch eine

Entdeckungsreise in eine Zeit, in der nicht alles so ganz einfach war.

(dh)

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Johannes Wilkes

Der Fall Fontane

Gmeiner-Verlag, 14,- Euro

Sie haben sich vorgenommen eine Fahrradtour durch die Mark Brandenburg

zu unternehmen und so radelt Hauptkommissar Mütze mit

seinem Lebensgefährten Karl-Dieter gemütlich von einem kleinen Ort

in den nächsten. In Ribbeck fällt den beiden ein kleiner Hund auf, der

sie aufgeregt zum Ribbeck’schen Birnbaum führt. Dort liegt ein Mann

mit eingeschlagenem Schädel. Es ist ja nicht sein Revier, aber Mütze beginnt

zu ermitteln und der Fall scheint ziemlich verzwickt. Welche Rolle

spielt die Ehefrau und ihr Lover? Welche die Kollegen der Fontanegesellschaft?

Ein Buch wie ein sonntägliches Tatort-Vergnügen. Eineinhalb Stunden

gute Unterhaltung. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Dieter Richter

Fontane in Italien

Wagenbach, 18,- Euro

Guinness

World Records 2020

ISBN 978-3-473-55467-6

5 [A] 20,60 / SFr. 28.50

7 [D] 19,99

© 2019 Guinness World Records Limited

»Wie leicht es doch geworden ist, nach Italien zu reisen.« Theodor Fontane

war einer der »modernen« Touristen, die die Möglichkeit hatten,

nach Italien zu reisen.

1874 tritt er seine Reise an. Sie beginnt am Anhalter-Bahnhof in Berlin

und führt ihn und seine Frau Emilie nach Verona, Venedig, Florenz, Rom

bis nach Neapel. Dieter Richter ist im Leinen gebundenen Salto von Wagenbach

diesen Spuren gefolgt unter anderem mit der Frage im Gepäck,

welche Landschaft Fontane wohl letztendlich mehr geschätzt hat: den

Golf von Neapel oder die Mark Brandenburg. Man ahnt es. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Sybil Gräfin Schönfeldt

Bei Fontane zu Tisch

Ebersbach & Simon, 18,- Euro

Und zum Schluss im Fontane-Reigen ein Kochbuch; keins, wie man es

sich gemeinhin vorstellt, eher eine Plauderei aus und über Fontane-Bücher,

Briefe und andere Texten, gespickt mit kleinen Rezepten. Ein

wunderschönes kleines Geschenkbändchen für Koch- wie Fontane-Liebhaber

gleichermaßen. Ein literarische Kochbuch und eine Kulturgeschichte

des Essens im 19. Jahrhundert mit köstlichen Originalrezepten.

(mr)

Guinness World Records

GAMER’S EDITION 2020

ISBN 978-3-473-55468-3

5 [A] 17,50 / SFr. 24.90

7 [D] 16,99

Guinness World Records

Wilde Tiere

ISBN 978-3-473-55462-1

5 [A] 17,50 / SFr. 24.90

7 [D] 16,99

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BELLETRISTIK

Jojo Moyes

Wie ein Leuchten in tiefer Nacht

Aus dem Englischen

von Karolina Fell

Wunderlich, 24,- Euro

Ulrich Alexander Boschwitz

Menschen neben dem Leben

Klett-Cotta, 20,- Euro

Rob Hart

Der Store

Aus dem amerikanischen Englisch

von Bernhard Kleinschmidt

Heyne, 22,- Euro

Dass die Zukunft ja immer schon begonnen und die Gegenwart längst

eingeholt hat, ist nichts Neues. Wie aber haben wir uns vorzustellen,

Teil eines Welt umspannenden Internetkaufhauses zu sein? Der Store

liefert Antworten, spannend wie ein Krimi mit Gruselfaktor. Wenn auch

nur die Hälfte des Beschriebenen Wirklichkeit wird oder bereits ist,

stellt sich mir die Frage, worauf wir zusteuern und wie lange wir unser

Leben selbst bestimmen können.

Das Buch erzählt in drei Handlungssträngen, die ineinander verschwimmen,

vom Leben und Arbeiten im weltgrößten Internetkaufhaus, das

einfach nur der Store genannt wird. Wobei Leben und Arbeiten durchaus

ernst gemeint ist, denn Mitarbeiter des Stores haben ihren Lebensmittelpunkt

in einer Stadt direkt neben der Arbeitsstätte. Eine Stadt in

der überhaupt nur Mitarbeiter des Store leben dürfen. Sie werden quasi

24 Stunden am Tag überwacht. Privatsphäre innerhalb und außerhalb

der Arbeitszeit gibt es kaum.

Exemplarisch werden drei Biografien erzählt: die des Sicherheitsmannes

Paxton, der – ehemals selbstständig – vom Store in die Insolvenz getrieben

wurde; die der Packerin Zinnia, die versucht, Ungereimtheiten

im Versorgungssystem auf die Spur zu kommen und die des Unternehmensgründers

Gibson, der weiß, dass er nicht mehr lange zu leben hat

und noch einmal sein Lebenswerk betrachten möchte.

Der Store von Rob Hart ist einfach und klar in der Sprache. Der Heyne

Verlag hat das Buch zudem sehr ansprechend gestaltet mit angedeutetem

Packpapier als Buchcover, roter Signalfarbe und Armen, die zu einem

EAN-Code werden. Der Schnitt ist ebenfalls rot eingefärbt.

Alles sehr stimmig. (ts)

Für die Liebe ihres Lebens verlässt

Alice ihre englische Heimat

und bricht gen Amerika auf. Es

verschlägt sie in die Berge von

Kentucky, wo sie sich Freiheit und

ein erfülltes Leben erhofft. Doch

stattdessen wird sie auf eine harte

Probe gestellt. Ihre einzige Zuflucht

sind die gleichgesinnten

Frauen der »Packhouse Library«,

die es sich zum Auftrage gemacht

haben, Menschen Bücher zu bringen,

die nicht in der Lage sind,

selber zu ihnen zu kommen. Ganz

wunderbar schöpft die junge Frau

aus diesen Begegnungen neuen

Mut und findet tiefe Freundschaften

und endlich ihren eigenen Weg

ihr Glück zu machen. Auch mit ihrer

neuesten Geschichte wird die

gefeierte Autorin Jojo Moyes wieder

zahlreiche LeserInnen begeistern

und sie ans andere Ende der

Welt entführen können. (mh)

Sein 27. Lebensjahr konnte Ulrich

Alexander Boschwitz nicht

vollenden. Auf der Flucht vor den

Nazis landete er erst in England,

dann in Australien, bevor er sich

entschloss, als britischer Soldat

gegen seine Peiniger zu kämpfen.

Das Schiff, das ihn zurück nach

Europa bringen sollte, wurde

allerdings versenkt. Boschwitz

starb. Spannenderweise hat er

vorher zwei Romane geschrieben,

die lange Zeit als verschollen galten.

Der erste Der Reisende war

im letzten Jahr eine literarische

Entdeckung, jetzt erscheint der

zweite Menschen neben dem Leben.

In ihm beschreibt Boschwitz

das Leben der kleinen Leute im

Berlin der 1920er Jahre: Gestrandete,

Arme, zwischen Krieg und

Wirtschaftskrise Zerriebene, die

nichts zu lachen haben, aber dennoch

das Leben feiern. (ts)

34 KUDU


Matthias Brandt

Blackbird

Kiepenheuer & Witsch, 22,- Euro

Miku Sophie Kühmel

Kintsugi

S. Fischer, 21,- Euro

Helga Bürster

Luzies Erbe

Insel Verlag, 22,- Euro

Delia Owens

Der Gesang der Flusskrebse

Aus dem amerikanischen

Englischvon Ulrike Wasel

und Klaus Timmermanns

hanserblau, 22,- Euro

BELLETRISTIK

Der 15-jährige Morton, genannt

Motte, wächst in den 1970er Jahren

in einer Kleinstadt auf, wo er

mit den ganz normalen Problemen

und Stimmungsschwankungen

eines Jugendlichen kämpft.

Die bevorstehende Trennung seiner

Eltern trägt er mit Fassung.

Doch dann erkrankt sein bester

Freund Bogi plötzlich an Krebs

und Motte kann nur schlecht mit

dem drohenden Verlust umgehen.

Während Mottes Leben den gewohnten

Gang nimmt – mit Lehrerproblemen,

Platteneinkäufen

sowie den Aufregungen des Verliebtseins

– scheint Bogis Leben

still zu stehen. Motte fallen die

Krankenhausbesuche bei Bogi

überaus schwer. Worüber soll er

mit seinem Freund reden? Und

was ist, wenn das Undenkbare

geschieht und sie schon bald nie

wieder miteinander sprechen können?

Nach seinem erfolgreichen Erzählband

Raumpatrouille überzeugt

der Schauspieler Matthias Brandt

nun auch mit seinem berührenden

Debütroman. Zwischen Tragik

und Komik erzählt er in der

authentischen Sprache eines Jugendlichen

der 1970er Jahre vom

Heranwachsen und dem Umgang

mit Verlust. (ks)

»Ein Wochenende. Ein Haus am

See. Und vier Menschen, die meinen

sich zu kennen.«

Max und Reik sind seit zwanzig

Jahren ein Paar. Sie möchten dieses

Jubiläum in ihrem Wochenendhaus

feiern und haben den

ältesten gemeinsamen Freund

Tonio und dessen Tochter Pega

eingeladen. Max ist Archäologe,

sein Lebensgefährte ist ein anerkannter

Künstler. Sie sind schon

lange in ihrer Szene verankert.

In ihrer langjährigen Beziehung

gab es immer mal wieder Kämpfe

um die Gestaltung des Hauses.

Max liebt eine klare puristische

Einrichtung und Reik mag das japanische

Kunsthandwerk und versucht

sich im gemeinsamen Haus

damit durchzusetzen. Das Versprechen,

ein paar unbeschwerte

Tage zu verbringen, erweist sich

als schwierig. Alle vier Protagonisten

kommen in den einzelnen

Kapiteln zu Wort, unterbrochen

von mehreren Dialogen .Wir erfahren

nacheinander über ihre

Beziehungen zueinander, wie sie

aufgewachsen sind und durch ihre

Eltern geprägt wurden. Tonio wurde

sehr früh Vater und zog Pega alleine

groß. Max und Reik wurden

mit einbezogen und waren für

Pega Zweitväter. Für das Mädchen

war es nicht immer einfach, die

Erwartung der drei Väter zu erfüllen.

Bald zeigt es sich, dass dieses

Wochenende anders verläuft als

erwartet.

Miku Sophie erzählt so ehrlich

und melancholisch von vier Leben,

von einer modernen Familie,

von den natürlichen Veränderungen

und davon, dass es immer

wieder einen Weg gibt. (mr)

In einem Dorf bei Bremen hatte

Luzie Mazur ihr ganzes Leben

gelebt und doch nie richtig dazu

gehört. Nun, mit fast hundert Jahren,

ist sie gestorben und hinterlässt

mehrere Generationen, die

das »Mazur’sche Schweigen« nie

durchbrochen haben. Besonders

die große Liebe zwischen Luzie

und dem polnischen Zwangsarbeiter

Jurek im Deutschland der

1940er Jahre fiel unter dieses

Schweigen. Dem will die Enkelin

Johanne auf den Grund gehen,

war Jurek doch ihr Großvater,

dem sie nie begegnet ist.

Helga Bürster legt eine ganze Liebesgeschichte

zwischen die Zeilen

so wenig gesagter Worte. Tragisch,

gefühlvoll und versöhnend.

(mn)

Kya wächst in ärmlichen Verhältnissen

in einer Hütte im Marschland

von North Carolina auf.

Als ihre Mutter 1952 die Familie

verlässt, gehen die älteren Geschwister

ebenfalls fort und die

sechsjährige Kya bleibt mit ihrem

alkoholkranken Vater zurück. Eines

Tages verschwindet auch der

Vater spurlos und Kya ist auf sich

allein gestellt. Mit dem Verkauf

von Miesmuscheln und Räucherfisch

verdient sie gerade genug,

um zu überleben. Sie versteckt

sich vor den Sozialbehörden, verweigert

den Schulbesuch und hat

nur selten Kontakt zu anderen

Menschen. Die Möwen und die

Marsch werden zu ihrer Ersatzfamilie.

Als 1969 der attraktive Chase

Andrews tot im Sumpf gefunden

wird, verdächtigen die Bewohner

der kleinen Küstenstadt

Barkley Cove Kya. Das sonderbare

Marschmädchen soll schuld sein

und wird vor Gericht gestellt.

Eine bewegende Geschichte über

das Erwachsenwerden unter extrem

isolierten Bedingungen,

ein fesselnder Kriminalfall und

eine poetische Liebeserklärung

an die Natur. Die Zoologin und

Sachbuchautorin Delia Owens

erschafft in ihrem späten Romandebüt

mit der unkonventionellen

Kya eine unvergessliche Heldin.

(ks)

KUDU

35


BELLETRISTIK

Michaela Küpper

Der Kinderzug

Droemer/ Knaur, 19,90 Euro

Dror Mishani

Drei

Aus dem Israelischen von

Markus Lemke

Diogenes, 24,- Euro

Simone Lappert

Der Sprung

Diogenes, 22,- Euro

Kathy Page

All unsere Jahre

Aus dem Englischen von

Beatrice Faßbender

Wagenbach, 24,- Euro

Ruhrgebiet 1943. Das Leben hier

ist extrem beschwerlich, extrem

gefährlich. Immer häufiger rollen

englische und amerikanische

Bomber an und werfen ihre tödliche

Last gleich tausendfach ab.

Deshalb bekommt Barbara, eine

junge Lehrerin, den Befehl, eine

Gruppe junger Mädchen in die

Kinderlandverschickung zu begleiten.

Nicht nur die Kinder sind

extrem verunsichert, auch Barbara,

die sich bisher mehr oder weniger

erfolgreich aus der Politik

heraushalten konnte, wird mehr

und mehr Zeugin von Willkür und

durchschaut zum ersten Mal die

verbrecherischen Pläne und Methoden

der Nationalsozialisten.

Nur: Wie kann sie als einzelne

Person anständig bleiben, wie

kann es ihr überhaupt gelingen zu

überleben? (ts)

Über diesen Roman sollte man

vorab nichts lesen, sondern blindlings

danach greifen und ihn innerhalb

einer Nacht verschlingen.

Danach wird man verstehen, warum

Dror Mishani, bekannt geworden

durch seine Tel-Aviv Krimis,

mit seinem neuen Buch einen

derartigen Hype in Israel ausgelöst

hat. Es geht um drei Frauen,

die alle etwas anderes suchen,

aber letztlich das Gleiche finden:

Ein und denselben Mann. Und der

führt etwas im Schilde. Aber nicht

nur er. Ein Roman voll unerwarteter

Wendungen – fesselnd und

abgründig. (es)

»Eigentlich springt sie nicht, sie

macht einen Schritt ins Leere,

setzt den Fuß in die Luft und lässt

sich fallen, mit offenen Augen

lässt sie sich fallen, will alles sehen

auf dem Weg nach unten, alles

sehen und hören und fühlen

und riechen …«

Wer ist die junge Frau in Gärtnerkleidung,

die vom Dach eines

Mietshauses springt? Und was

hat sie zu diesem Schritt bewogen?

Während die Frau noch auf

dem Dach verharrt und sich weigert

mit der Polizei zu sprechen,

werden die vergangen 24 Stunden

vor dem Sprung in Rückblenden

aus wechselnden Perspektiven

von Menschen aus ihrem Umfeld

erzählt. Von ihrem Freund

Finn, ihrer älteren Schwester

Astrid, dem Polizisten Felix, dem

Obdachlosen Henry und vielen

weiteren Bewohnern der kleinen

Stadt Thalbach. Sie alle, die selbst

mit kleineren oder größeren Problemen

zu kämpfen haben, werden

durch die Frau auf dem Dach

nachhaltig aus ihrem Alltag herausgerissen.

Ein meisterlich konstruierter

Plot und ein genau beobachtetes

Figurenensemble sorgen für ein

abwechslungsreiches Lesevergnügen.

(ks)

Kathy Page, in Großbritannien

geboren, erhielt für diesen Roman

den Rogers Writers Trust Fiction

Prize.

Harry, Sohn eines Drehers, der

sich bei United Metal Works in

London hochgearbeitet hat, und

seine Frau Adeline haben zwei

Söhne. Der jüngere Sohn Harry

wird 1920 geboren. Harry ist ehrgeizig

und erhält ein Stipendium,

um eine höhere Schule zu besuchen.

Sein Lehrer erkennt ziemlich

früh sein großes Interesse

an Literatur. Im Sommer 1939 begegnet

Harry in einer Bibliothek

Evelyn Anne Hill. Sie verlieben

sich, sind aber ein ungleiches

Paar – Harry der sensible Literatur-

und Naturliebhaber und

Evelyn die willensstarke Frau. Bevor

Harry seinen Militärdienst antritt,

heiraten sie ziemlich schnell

und sehen sich dann nur noch

sporadisch. Evelyn wird Mutter

eines kleinen Mädchens und führt

ein selbstständiges Leben. Nach

dem Krieg haben sie den Wunsch

nach einem besseren Leben und

suchen die heile Welt einer Idealfamilie.

Zwei weitere Kinder werden

geboren und mit den Jahren

erkennen sie, dass sie sich nicht

alle Wünsche erfüllen können.

Mit diesem Eheroman erhalten

wir das Porträt eines Paares über

einen Zeitraum von sieben Jahrzehnten.

Kathy Page beschreibt

diese Ehe, die unterschiedlichen

Entwicklungen des Paares und

das Zusammenspiel von Nähe und

Distanz mit zärtlichem Blick. (mr)

36 KUDU


Margret Atwood

Die Zeuginnen

Aus dem Englischen von

Monika Baark

Berlin Verlag, 25,- Euro

Sonja M. Schultz

Hundesohn

Kampa Verlag, 22,- Euro

Simon Strauß

Römische Tage

Tropen, 18,- Euro

Ian McEwan

Maschinen wie ich

Aus dem Englischen von Bernhard

Robben

Diogenes, 25,- Euro

BELLETRISTIK

Mit 80 Jahren schreibt Margret

Atwood ihre Fortsetzung von Report

der Magd, dem längst zum

Klassiker gewordenen Roman von

1985. Ein ungewöhnliches Unterfangen,

gleichzeitig ein spannender

Versuch an ein 34 Jahre altes

Meisterwerk anzuknüpfen. Aber

es ist eben offen geblieben, was

aus Desfred, der Hauptfigur des

Welterfolgs wurde: Freiheit? Gefängnis?

Tod?

In Zeuginnen nimmt Margret Atwood

den Faden wieder auf, in

Form dreier explosiver Zeugenaussagen

von drei Erzählerinnen

aus dem totalitären Schreckensstaat

Gileads. Ein Roman mit

schwarzem Humor und Thriller-Charakter.

Nie hat ein Buch

nach Harry Potter einen solchen

Hype ausgelöst. Zum Erscheinen

wurde die Buchpremiere in London

zeitgleich in 1.000 Kinos übertragen.

(ts)

Dass Hawks Alfa Romeo auf einmal

in Flammen aufgeht, scheint

recht schnell nur eine Begleiterscheinung

zu sein. Herbert, so

heißt Hawk eigentlich, hat eine

bewegte und vor allem kriminelle

Vergangenheit hinter sich. Der

Hamburger Kiez war lange sein

Schaffensraum und auch diversen

Konfrontationen ist der mittlerweile

auf gesetzestreuen Beinen

stehende Hawk nie aus dem Weg

gegangen. Sein brennendes Auto

ist dabei aber nur der Startschuss

dafür, dass ihn seine Vergangenheit

nun einholt. Eine Reise in die

1960er Jahre in Hamburg, in seine

Familiengeschichte und die Enttäuschung

über seine gescheiterte

Liebe formen eine bewegende

und zugleich absolut spannende

Lebensgeschichte. (dh)

Dass Simon Strauß sprachgewaltige

und fulminante Bücher

schreibt, wissen wir spätestens

seit seinem Debütroman Sieben

Nächte. Was aber besonders heraussticht,

ist eine andere Eigenschaft,

um die man den 31-jährigen

durchaus beneiden darf: ein

für sein Alter enorm abgeklärter

und weitsichtiger Blick auf das

Leben und die Menschen. Abseits

jeglicher voyeuristischer Intentionen

bewegen wir uns mit Simon

Strauß und einer Gruppe junger

Menschen durch die ewige Stadt

und umschiffen dabei jeglichen

touristischen und verkitschten

Blick auf Italiens Hauptstadt.

Die Menschen stehen im Vordergrund,

ihre Probleme und ihr Alltag.

Und das auf eine so unspektakuläre

Weise, dass es beinahe

schon wieder spießig wirkt. Grandios.

(dh)

Der 32-jährige Charlie hat sich

schon immer für Computer und

künstliche Intelligenz interessiert.

Seinen Lebensunterhalt verdient

er sich mit kleinen Handelsgeschäften

an der Börse. Charlie

ist verliebt in die junge Studentin

Miranda, die eine Etage über ihm

wohnt. Als er eines Tages ein kleines

Vermögen erbt und kurz zuvor

die erste Serie von 25 Androiden

auf den Markt kommt, zögert er

nicht lange. Er gibt das gesamte

Geld für einen Adam aus (die Evas

sind bereits vergriffen). Zusammen

mit Miranda legt er dessen

noch fehlende Persönlichkeitseigenschaften

fest. Adam ist einem

Menschen täuschend ähnlich.

Und er lernt sehr schnell. Dabei ist

ihm der permanente Zugriff zum

gesamten Wissen des world wide

web hilfreich. Sogar zu Sex und

Gefühlen ist er fähig. Als Adam

sich in Miranda verliebt, wird er

bald zum Rivalen Charlies. Aber

Adam entdeckt auch binnen kurzem

das dunkle Geheimnis, das

Miranda umgibt.

Der Roman spielt im Jahre 1982.

Um die Fiktion eines so perfekten

Androiden zu dieser Zeit logisch

erscheinen zu lassen, verändert

Ian McEwan historische Fakten.

Er befasst sich auch mit den

Gefahren und den moralischen

Fragen, die durch künstliche Intelligenz

entstehen können. Sind

Maschinen dem Menschen wirklich

in allem überlegen? Durch die

teilweise recht schrägen und amüsanten

Ideen regt der Roman nicht

nur zum Nachdenken an, sondern

ist außerdem noch sehr unterhaltsam.

(uu)

KUDU

37


Variationen

vom

Liebe Leserinnen und Leser von KUDU, lieben Sie Kochen und

Kochbücher ebenso wie wir? Versinken und versacken Sie

gerne einmal in unbekannten Küchen, in zumeist wunderschön

aufgemachten, geradezu sinnlichen Kochbüchern? Die Auswahl

ist riesig, die Versuchung groß. Aber Hand aufs Herz: Wie viele

Kochexperimente starten wir wirklich? Und: Halten Kochbücher

immer das, was sie versprechen?

In lockerer Reihenfolge möchten wir einzelne Kochbücher genauer

unter die Lupe nehmen. Dazu geht es regelmäßig in die

Kochschule Lecker Werden von Patty Jabs, dem ehemaligen Fernsehkoch.

Mit ihm und einer Kollegin und einem Kollegen aus der

Redaktion testen wir in jeder KUDU-Ausgabe ein anderes Kochbuch.

Dass wir dabei eine Menge Freude haben, versteht sich fast

von selbst. Unsere erste Erkenntnis ist eben: Gemeinsam Kochen

macht ungeheuer viel Spaß.

In dieser Ausgabe bereiten wir ein Drei-Gang-Menü zu, das wir

dem Buch Äpfel – Rezepte aus dem Garten von James Rich aus dem

AT Verlag entnommen haben.

Der Apfel als solcher ist ja zum einen ein wunderbares Herbstthema,

zum anderen ausgesprochen positiv besetzt, erinnert er uns

doch mit ziemlicher Sicherheit an die glücklicheren Tage unserer

Kindheit mit Apfelpfannkuchen, Reibeplätzchen mit Apfelkompott,

gedeckter Apfeltorte mit Schlagsahne, Bratapfelduft oder Paradiesäpfeln

einmal im Jahr auf der Kirmes.

Jetzt gilt es nur noch den biblischen Sündenfall zu vergessen,

wie wir auch so tun müssen, als hätte es den heimtückischen Mordanschlag

auf Schneewittchen nie gegeben; schon steht zwischen

uns und dem Apfel nur noch Positives.

So hat es wohl auch James Rich gesehen, der ein mehr als 200

Seiten dickes Buch dem Apfel widmet. James Rich stammt aus Somerset

und ist Sohn eines Cider-Herstellers. Seine Familie verdient

schon seit vielen Generationen ihr Geld mit Äpfeln. Die Wiederentdeckung

alter Familienrezepte war der Auslöser für dieses Kochbuch.

Offenbar hat Rich ein ausgezeichnetes Verhältnis zu seinen

Großmüttern, die er im Vorwort als seine Inspirationsquellen bezeichnet.

Sie sind es wohl offenbar auch, die wohlgehütete (Apfel)

geheimnisse preisgegeben haben.

Fotos:© Thomas Schmitz

kochen bei hohen temperaturen

Das Buch, ein wunderschöner Bildband und eine üppige Rezeptesammlung

gleichermaßen, beginnt mit einem etwas theoretischen

Teil, bevor es sich den Rezepten zuwendet. Es erklärt vieles über

die verschiedenen Apfelkategorien und beschreibt die wichtigsten

Apfelsorten, die man auch beim Obsthändler um die Ecke oder auf

dem Wochenmarkt finden kann. Kern des Buches ist jedoch die

Sammlung verschiedenster Apfelrezepte, klar gegliedert: Leichte

Kleinigkeiten, herzhafte Gerichte, Beilagen und Saucen, süße Sachen

– und nicht zu vergessen Getränke.

Unsere Kochcrew, bestehend aus Patty Jabs, Berufskoch, Mechthild

Römer, Buchhändlerin und Hobbyköchin – beides seit mehr

als dreißig Jahren – und Dennis Hasemann, Buchhändler mit Hang

zum Experimentieren, traf sich an einem Mittwoch im August in der

alten Industriehalle im Essener Stadtteil Werden, die Patty Jabs zu

einer vollausgestatteten Showküche mit Restaurantbetrieb umgebaut

hat. Nicht ahnend, dass es einer der heißeren Tage im Jahr

war, wurde das Drei-Gang-Menü Tage vorher bereits durchgeplant:

Ein klassisches Herbstessen verlangte den Dreien an diesem Tag

einiges ab.

38 KUDU


Das ultimative Apfelmenü besteht aus einer Apfel-Kurkuma-Fenchel-Suppe

als Vorspeise, Blutwurst mit karamellisierten Äpfeln

(Engländer, lese ich, essen so etwas zum Frühstück. Da würde

ich mich wehren.), die leichte Variante „mit Weißbrot“ hatten wir

durch ein Kartoffel-Mangold-Stampf ersetzt. Zum Dessert gab es

den – nach Aussage des Autors – ultimativen Apfel-Crumble (natürlich

mit Vanilleeis).

Das Menü bereitete keinem der drei Probleme, es gab eine klare

Aufgabenverteilung und ein paar Anmerkungen seitens des Chefkochs.

Der charmant-ruppige Jabs legte die Stirn in Falten, als er las,

man möge eine Zwiebel hacken. Obwohl immer wieder davon in

Kochbüchern geschrieben würde, sei es grundfalsch Lebensmittel

zu hacken. Dabei würden Geschmacksstoffe zerstört und verändert,

erklärte er. Schneiden sei die richtige Methode, fein oder grob

– aber bitte schneiden. Er beschloss die Suppe etwas deftiger zu

machen und gab ihr zwei Kartoffeln zu und dozierte, Kurkuma sei

doch eigentlich eher Farbstoff denn Gewürz. Er ließ uns alle die Nasen

über das gelbe Pulver halten und ein bisschen mussten wir ihm

recht geben. „Immerhin bekommt das Essen davon eine sattgelbe

Farbe“, was ihn ein wenig mit dem Gewürz versöhnen würde.

regional ist trumpf

Immer wieder schickte er einen von uns nach draußen um Kräuter

zu holen. Die zieht Patty Jabs in seinem Küchengarten hinterm

Haus, etwas eingequetscht zwischen Industriegebäude und

S-Bahngleisen. Aus einer Jahrzehnte lang brachliegenden Fläche

ist jetzt ein klassischer Selbstversorger-Nutzgarten geworden.

Überhaupt ist Patty Jabs ein vehementer Verfechter von heimischen

Waren. „Äpfel brauche ich nicht aus Neuseeland, da reicht

mir nebenan der Bauer Weber.“

Die Blutwurst kostete Jabs erst einmal unverarbeitet. „Daran erkennst,

ob dein Metzger sein Handwerk versteht. Und überhaupt,

kauft man keine gute Qualität, brauchst du gar nicht erst mit dem

Kochen anfangen. Das kann nichts werden.“, sagte er und verrührte

Mangold und Kartoffeln mit ein wenig Sahne. „So, jetzt ist

er schlotzig!“ „Schlotzig?“, fragte ich. „Genau: schlotzig!“ Erst am

Abend darauf macht das Netz (schlotzig = sämig und cremig, wird

von Tim Mälzer wohl gerne bei der Zustandsbeschreibung eines

Risottos benutzt) mich klüger.

Die karamellisierten Äpfel, darauf bestand er, machte Jabs eben

so im Vorbeigehen.

Kommen wir also zum Ergebnis. Der schwierigste Part des späten

Nachmittags war das Essen: Drei Gänge, wobei bereits die Suppe

durch die Zugabe der Kartoffeln eine Hauptmahlzeit war. Draußen

zeigte das Thermometer noch immer 35 Grad. Die Luft stand in dem

großzügigen Loft. Alles sehr, sehr lecker – aber eben herbstlich-üppig.

Erst das wirklich ultimative Apfel-Crumble brachte Erleichterung

und ließ uns zufrieden und pappsatt in die Stühle sinken.

Das Kochbuch hat also seinen ersten Stresstest überstanden. Es

wird in Ihrer Küche mit seinen vielen einfachen, aber raffiniert verfeinerten

Gerichten ein kreativer Ideengeber sein.

Versprochen!

E I N F A C H

GEMUSE

E I N F A C H

LECKER

DAS Jamie-Kochbuch,

auf das alle gewartet haben!

# jamiesveggies

Thomas Schmitz

James Rich

Äpfel. Rezepte aus dem Obstgarten

Aus dem Englischen von Susanne Bonn

AT Verlag, 25,– Euro

D 26,95 [D] | ISBN 978-3-8310-3828-2

www.dorlingkindersley.de

/dkverlagKUDU

39

© Jamie Oliver Enterprises Ltd (2019 VEG) Food photography: David Loftus


Bethany Kehdy

Karam - gemeinsam genießen

Aus dem Englischen von Gabriele Kalmbach

Sieveking Verlag, 36,- Euro

7x KOCHEN, 1x trinken

Erin Gleeson

Ein Fest im Süden

Aus dem Englischen von Barbara Holle

Knesebeck, 30,- Euro

Mit diesem ausgesprochen schönem Kochbuch nimmt uns die Bestsellerautorin

Erin Gleeson mit auf eine dreimonatige Reise durch verschiedene

Länder der Mittelmeerküste. Sie schenkt uns hundert vegetarische

Rezepte mit mediterranem Flair, zeigt die Kultur und Küche

Frankreichs, Portugals, Spaniens und Italiens. Erin Gleeson interpretiert

traditionelle Rezepte neu und wandelt sie mühelos in vegetarische

Versionen um. Wichtig sind ihr frische Zutaten und ein geringer Arbeitsaufwand.

Kleine Gerichte für das gesellige Beisammensein stehen im

Vordergrund. Am Ende dieser Reise lädt Erin Gleeson ihre Freunde zu

einer Dinnerparty ein und verwöhnt die Gäste mit ihren Lieblingsgerichten.

Die Rezepte stehen selbstverständlich alle im Buch.

Abgerundet wird das ziemlich ungewöhnliche Buch durch einen kleinen

persönlichen Reiseführer. (mr)

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Jamie Oliver

Veggies

Dorling Kindersley, 26,95 Euro

Endlich ein neues Kochbuch des weltberühmten Kochs aus London.

Sein eigenwilliger Kochstil hat in vielen Haushalten eine kleine Revolution

ausgelöst. Die Mischung aus vielen kulinarischen Kulturen, die

er zu einer verbindet, findet auch in diesem vegetarischen Kochbuch

erneut eine Plattform. Altbewährte Ansätze Olivers finden selbstverständlich

auch hier wieder Verwendung: schnelle, einfache und leckere

Küche mit viel Gemüse und exotischen Ideen. Für Fans von Jamie Oliver

eh schon gesetzt, bietet dieses Kochbuch auch Neuentdeckern leicht

umzusetzende Rezeptideen. (dh)

»Karam« bedeutet Gastfreundschaft. Die ist den Menschen im Nahen

Osten sehr wichtig, immerhin – so eine landläufige Vorstellung – könnten

Gäste Engel in Menschengestalt sein. Besser also, man ist vorbereitet.

Gemeinsam genießen ist in diesem großformatigem Coffeetable-Book

Programm. Natürlich geht es um die Küche des Nahen Ostens,

Israel mit eingeschlossen. Es geht um Grundrezepte für Anfänger, um

Warenkunde oder Vorratshaltung. Genauso wichtig sind aber Menüzusammenstellungen

für Gäste, Festmahle für alle.

Bethany Kehdy ist libanesisch-amerikanische Foodjournalistin und

Bloggerin. Yotam Ottolenghi bezeichnet sie als neue Meisterin der

nahöstlichen Küche. Berühmt sind ihre Supperclubs, zu denen sie regelmäßig

in London einlädt. (ts)

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Janosch

Herr Wondrak kocht so wunderbar

ZS Zabert und Sandmann, 29,80 Euro

Das Buch kommt so sympathisch schnodderig daher, wie man bei einem

echten Janosch vermuten könnte und fast erwarten darf. Insofern ist

das (allemal brauchbare und ungewöhnliche) Kochbuch Nebensache.

Gleichermaßen schön ist das Abtauchen in die alte und altbekannte

Bilderwelt des Tiger-und-Bär-Erfinders. Manche Gerichte sind auch

eher Lebensgefühl als eine Herausforderung in der Küche: Pilzpfanne

zum Beispiel oder Bratkartoffeln oder Tomatensalat. Sie sind aber Ausdruck

einer ganz einfachen und ganz großen Lebensfreude. Und das Gericht,

von dem jedes Kind wahrscheinlich behauptet „Das kenne ich!“

ist natürlich auch mit dabei: Springforelle mit Mandelkernsauce und

kleinen Kartöffelchen. Guten Appetit! (ts)

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Antje de Vries

Abenteuer Geschmack

Gräfe & Unzer, 29,99 Euro

Kennen Sie den Begriff »Umami«? Nicht? Dann sollten Sie ihn dringend

kennenlernen, denn er wird Ihre bisherigen Geschmackserlebnisse

komplett neu definieren. »Umami« heißt so viel wie »köstlich« und

stammt aus dem Japanischen. Man geht in der gehobenen Küche mittlerweile

so weit, dass man neben süß, salzig, bitter und sauer auch noch

den Begriff »Umami« als Geschmack eingegliedert hat. Was es damit genau

auf sich hat, finden Sie neben herrlichen modernen Rezepten, völlig

neuen Kombinationsmöglichkeiten und augenöffnenden Erklärungen

in diesem Kochbuch. (dh)

40 KUDU


Katharina Küllmer

Soul Food. Das Kochbuch mit 120 Rezepten zum Glücklichsein

Edition Michael Fischer, 36,- Euro

»Soul Food« ist der moderne Oberbegriff, der in diesem Buch aufgegriffen

wird. Und ja, er trifft den Nagel auf den Kopf. Essen, welches Sie

glücklich machen soll. Man kann trefflich darüber streiten, ob diese

überambitionierte Sichtweise nicht doch etwas aus der Luft gegriffen

ist, aber: Dieses moderne Kochbuch hat das Potential, Sie glücklich zu

machen. Ob deftig oder süß, international oder klassisch – es sind die

Rezepte, die den Appetit anregen und dazu animieren, es sofort selbst

auszuprobieren. Dass der Weg zur Zubereitung dabei auch zum Glücklichsein

beiträgt, steht außer Frage. Aber: Gibt es tatsächlich so etwas

wie »Soul Food« – Futter für die Seele? Meine Antwort: auf jeden Fall!

Sie finden es in diesem Kochbuch. (dh)

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Juana G. Gürtler/Ute Klasen/Nicola Kellermann

Zuppa lecker lecker

JaJa Verlag, 26,- Euro

Es ist bereits das zweite Kochbuch der Suppenbar Zuppa. Inspiriert

durch die Suppenbars in Metropolen wie Berlin, Hamburg oder Dresden,

verwirklichten die Autorinnen ein ähnliches Angebot auch in Trier:

frisches, selbstzubereitetes Essen zu einem kleinen Preis; seit 2007 mit

großem Erfolg.

Das Buch Zuppa lecker lecker ist ein Spiegel des Könnens der Autorinnen:

einfache Suppen wechseln sich ab mit raffinierten Eintöpfen oder

umgekehrt. Garantiert leicht nachzukochen; ungewöhnlich wie sympathisch

die grafische Lösung der Buchgestaltung. Es müssen einfach

nicht immer Fotos sein, die Appetit auf mehr machen. (ts)

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Jurgen Lijcops/Isabel Bons

150 Bars, die man gesehen haben sollte

Aus dem Niederländischen von Birgit van der Avoort

Gerstenberg Verlag, 26,- Euro

Wie aus Alltagszutaten

wahre Geschmackswunder

werden.

Natürlich weißt du, wie eine

Tomate schmeckt. Aber weißt

du auch, wie sie schmecken

kann? Entdecke „Abenteuer

Geschmack“ und lerne

15 Alltagszutaten von einer

ganz neuen Geschmacksseite

kennen. Für dein leckerstes Ich.

Eine Reise über vier Kontinente. Nicht durch Städte, Parks oder andere

Sehenswürdigkeiten, sondern durch Bars. Ob Hamburg, Singapur, Santiago

oder Brisbane – eine Bar scheint besuchenswerter als die andere.

Der Ansatz ist dabei fast immer der gleiche: Abseits von jeglichem Urlaubsflair

verbindet die Autoren der Gedanke, dass eine Bar immer auch

soziale Aspekte erfüllt. Dass es dabei mit Stil und Finesse zugehen darf,

steht außer Frage. Auf kurze Geschichten zu den Etablissements, Signature

Drinks und Besonderheiten wird besonderes Augenmerk gelegt.

Selbstverständlich dürfen Drink-Empfehlungen nicht zu kurz kommen.

Ein kolossaler Spaß und eine Inspiration für hochprozentige Stippvisiten

rund um den Globus. (dh)

Überall, wo es Bücher und E-Books gibt,

und auf www.GU.de/abenteuer-geschmack

KUDU

41


sachbuch

Ronald D. Gerste

Trinker, Cowboys, Sonderlinge.

Die 12 seltsamsten Präsidenten

der USA

Klett-Cotta, 20,- Euro

Nein, eigentlich wollte ich nicht

über Trump schreiben, keinen

Satz. Aber er darf sich nicht

einbilden, der einzige skurrile

Präsident der Vereinigten Staaten

gewesen zu sein. Ronald D.

Gerste hat in der amerikanischen

Geschichte geforscht und zwölf

Präsidenten portraitiert, die für

sich genommen spannende bis

abwegige Biographien hatten.

Er beginnt sein Stelldichein mit

Andrew Jackson, dem 7. Präsident

der USA, den er den Unbeherrschten

nannte. Sein Erwachsenenleben

lang quälte ihn eine Pistolenkugel

in seiner Brust, die er bei

einem Duell abbekommen hatte.

Gerste porträtiert Roosevelt, den

er als Haudegen und Bücherwurm

bezeichnete und den maulfaulen

Coolidge. Er beschreibt einen getriebenen

Nixon und einen außerordentlich

zügellosen Kennedy.

Ein Stück amerikanischer Geschichte,

fundierte Reportagen

locker erzählt. (ts)

Sarah Baxter

500 Zugreisen. Legendäre Eisenbahnfahrten weltweit

Aus dem Englischen von Klaus Benz

Knesebeck, 32,- Euro

Es wäre vermessen, würde ich mich als Eisenbahn-Freak bezeichnen.

Aber ein paar spannende Strecken bin ich doch schon gefahren: Ruhrgebiet

– Moskau, Rom – Sizilien auch im Nachtzug nach Lissabon bin ich

gewesen. »Einzelzimmer« mit Blick auf vorbeirauschende Landschaften.

500 Zugreisen erzählt von gleichermaßen legendären Strecken

weltweit. Mal kurze, mal lange aber immer aufregende Strecken rund

um den Globus. Reich bebildert mit einem Faktor Abenteuer lässt mich

das Buch ordentlich neidisch zurück. Die eine oder andere Strecke werde

ich wohl noch schaffen. Den Wüstenexpress in Zentralnamibia? Oder

mit dem etwas einfacher erreichbaren Caledonian Sleeper durch England

nach Schottland? Wer weiß? Inspiration habe ich nun genug! (ts)

Hauke Friedrichs

Funkenflug

Aufbau, 24.- Euro

Was passierte in den letzten Tagen,

bevor die Deutsche Wehrmacht

durch ihren Einmarsch

in Polen ganz Europa ins Chaos

stürzte? Hauke Friederichs hat

den Monat August 1939 genau

unter die Lupe genommen. Es war

ein flirrend heißer Sommer, den

die Menschen hätten genießen

können, wäre da nicht die latente

Unsicherheit gewesen: Die einen

sagten, es gibt bald Krieg, die anderen

meinten, der Frieden sei

sicher.

Hauke Friedrichs hat Archive

durchforstet, Zeitungen gesichtet,

Tagebücher gelesen und zeigt ein

spannendes Panorama der letzten

31 Tage bis zum Beginn des Zweiten

Weltkriegs. (ts)

42 KUDU


sachbuch

Ulrike Herrmann

Deutschland,

ein Wirtschaftsmärchen

Westend, 24,- Euro

Sebastiao Salgado/Isabelle Francq

Mein Land, unsere Erde

Aus dem Französischen von

Sina de Malafosse

Nagel & Kimche, 22,- Euro

Matthias Horx

15 ½ Regeln für die Zukunft.

Anleitung zum visionären Leben

Econ, 25,- Euro

James Bridle

New Dark Age. Der Sieg der Technologie

und das Ende der Zukunft

Aus dem Englischen von

Andreas Wirthensohn

C.H. Beck, 25,- Euro

Ulrike Herrmann ist Wirtschaftskorrespondentin

der taz. Ihre

Wirtschaftssachücher liest man

wie Krimis, packend von der ersten

bis zur letzten Seite. In ihrem

neuen Buch, einer umfassenden

deutschen Wirtschaftsgeschichte,

räumt sie mit Legenden auf, die

wir nur allzu oft gehört und deshalb

verinnerlicht haben. Über

Ludwig Erhardt beispielsweise,

dem sie abspricht, der Architekt

des Wirtschaftswunders gewesen

zu sein; über die Bundesbank, die

mit ihrer Zinspolitik Millionen

Menschen in die Arbeitslosigkeit

getrieben hat; über die unterschiedliche

Entwicklung der DDR

und der BRD oder warum Westdeutschland

zwangsläufig ein

reiches Land werden musste und

der Osten in den Ruin getrieben

wurde.

Analytisch durchdacht, sauber

recherchiert und schreiben kann

Frau Herrmann wirklich richtig

gut. (ts)

Der 75jährige Fotoreporter und

Sozialaktivist Salgado ist erst

der zweite Bildkünstler, der den

renommierten Friedenspreis des

deutschen Buchhandels erhielt.

Gerade geschehen am Buchmessen-Sonntag

in Frankfurt. Er wird

weltweit gefeiert für seine eindringlichen

und ausschließlich

in schwarz-weiß fotografierten

Bilder. Seine Bilder bezeugen die

Würde eines jeden Menschen und

die Großartigkeit und Verletzlichkeit

unseres Planeten gleichermaßen.

Im Buch Mein Land, unsere

Erde erzählt er die Geschichten

hinter seinen berühmtesten Reportagen.

Eine gute Gelegenheit,

den Mann, der in Brasilien zweieinhalb

Millionen Bäume pflanzen

ließ, näher und besser kennenzulernen.

(ts)

Matthias Horx ist Publizist und

Zukunftsforscher.

Menschen sind Zukunftswesen.

Sie können gar nicht anders, als

darüber nachzudenken und abzuschätzen,

was die kommende Zeit

bringen wird. In 15 1/2 Regeln für

die Zukunft fasst Horx seine Erkenntnisse

der letzten 25 Jahre

zusammen und macht Mut, mit

Zuversicht die vor uns liegende

Zeit anzugehen.Nur so könne man

es schaffen, die gewaltigen Probleme

zu lösen. Einer seiner Kernaussagen:

Vertraue auf natürliche

Intelligenz, statt dich vor künstlicher

Intelligenz zu fürchten. (ts)

Die Gesellschaft befindet sich im

Wandel. Das ist keine Neuigkeit.

Die Gefahren, die ein solcher Wandel

birgt, sind es hingegen schon.

Jedes noch so kleine Teil wird

heute mit Technologie gespickt;

das Leben soll einfacher werden.

Von Datenkraken, Datenskandalen

und dem Missbrauch von persönlichen

Daten abgesehen, gibt

es ganz konkrete Bedrohungen für

das Leben der Menschheit, die wir

auf einfache Dinge herunterbrechen

können, oder aber noch gar

nicht begreifen können. Technik

drängt immer mehr in unseren

Alltag, soll uns das Leben vermeintlich

einfacher machen, geht

aber völlig an den Bedürfnissen

der Menschen vorbei. Wussten

Sie, dass es die Todesursache »Death

by GPS« gibt? James Bridle

fächert die Probleme einer technisierten

Gesellschaft unterhaltsam

auf, stellt Möglichkeiten

und Bedrohungen dar, ohne dabei

jemals zynisch oder gar pessimistisch

zu werden. (dh)

KUDU

43


Bücher ohne Verfallsdatum

Nagib Machfus

Die Midaq-Gasse

Aus dem Arabischen von

Doris Kilias

Unionsverlag, 8,95 Euro

Er war der erste Literaturnobelpreisträger

der arabischen Welt.

Mit seinem Roman Die Midaq-Gasse

hat er sich in die Herzen unzähliger

Menschen geschrieben. Die

kleine Altstadtgasse beherbergt

sie alle, den Kaffeehausbesitzer,

den Friseur, Onkel Kami, den Bonbonverkäufer

und natürlich Umm

Hamida, Chronistin aller Nachrichten

und wandelndes Lexikon

aller Missetaten. Gerade sie hat

täglich mehr zu erzählen über die

Geheimnisse dieser kleinen Gasse.

Scheinbar zusammenhanglos erzählt

Mahfus vom Leben, Lieben,

Zuhören und von manchen abartigen

Ungeheuerlichkeiten. Irgendwann

begreift man dann aber, alles

ist wunderbar verwoben, jede

Geschichte greift in eine andere

und am Ende hat man einen wunderschönen

Roman gelesen. (ts)

Man wünscht es vielen

Büchern, dass sie nie vergessen

werden. Doch ihr Dasein

sieht leider oft anders aus;

verdrängt in den hinteren Teil der

Regale, weil ja immer Neues nachrückt.

Es wird KUDU ein Vergnügen

sein, in jeder Ausgabe sieben von

diesen (alten) Schätzen endlich

erneut in ein kleines Rampenlicht

zu stellen. Viel Spaß

beim (Wieder)entdecken.

Werner Herzog

Eroberung des Nutzlosen

Fischer Taschenbuch, 10,95 Euro

»Die Frage, die aber alle beantwortet

haben wollten, war: würde

ich den Nerv und die Kraft dazu

haben, alles noch einmal von

vorne anzufangen? Ich sagte ja,

sonst wäre ich jemand, der keine

Träume mehr hätte, und ohne diese

würde ich nicht leben wollen.«

Wozu ist der Mensch in der Lage,

wenn eine Idee, ein Traum sich so

in seinem Kopf und seinem Herzen

festgesetzt hat, dass dies zum

entscheidenden Sinn und Zweck

des Lebens wird? Werner Herzogs

Aufzeichnungen aus der Zeit der

Dreharbeiten zu seinem berühmtesten

Film Fitzcarraldo zeigen

faszinierend die Auflösung der

Grenzen zwischen der Geschichte

des Films und den Umständen seiner

Erstellung. Der Kampf um die

abenteuerliche Verwirklichung

der Vision Fitzcarraldos, der Bau

eines Opernhauses inmitten des

Dschungels am oberen Amazonas,

spiegelt sich im Kampf Herzogs

bei der Umsetzung seiner

filmischen Vision. Legendär sind

dabei die Auseinandersetzungen

mit seinem Hauptdarsteller Klaus

Kinski. Und dies alles beschreibt

Herzog in einer bildgewaltigen

Sprache, die auch seine Filme auszeichnet.

(miro)

Giuseppe Fava

Ehrenwerte Leute

Aus dem Italienischen von

Peter O. Chotjewitz

Unionsverlag, 12,95 Euro

Elena, eine junge Lehrerin, übernimmt

– um nicht noch ein weiteres

Jahr arbeitslos zu sein – die

Stelle an einer Schule einer kleinen

sizilianischen Stadt. Schon

kurz nach ihrer Ankunft wird sie

von dem Dorf-Macho rüde angegangen.

Am anderen Morgen findet

die Carabinieri den Mann mit

einem kleinen Loch in der Stirn

auf der Piazza. Der Mord scheint

in Zusammenhang mit der jungen

Lehrerin zu stehen, die wohl verhört

wird, sich aber keinen Reim

auf die Geschehnisse machen

kann.

Wochen später, der Fall ist in Vergessenheit

geraten, versuchen

zwei Motorradfahrer den Mord

an ihren Freund zu rächen und

verletzen Elena schwer. Noch in

derselben Nacht werden auch diese

beiden Männer liquidiert. Steht

Elena unter dem Schutz »ehrenwerter

Leute«?

Ohne auch nur einmal das Wort

Mafia in den Mund zu nehmen,

schreibt Giuseppe Fava über

nichts anderes. Er wurde mit 49

Jahren 1984 von der Mafia ermordet.

(ts)

J.R. Moehringer

Tender Bar

Aus dem Englischen von

Brigitte Jakobeit

Fischer Taschenbuch, 10,- Euro

Sie haben immer einen Grund zu

kommen. Sie kommen, wenn sie

durstig sind oder hungrig; selbst

wenn sie müde sind, schleppen

sich die Männer auf Long Island

in die Tender Bar. Aber vor allem

kommen sie, um sich um den kleinen

JR zu kümmern, der keinen

Vater hat und – wenn die Mutter

zur Arbeit muss – sein Dasein in

der verrauchten Bar mit seinen

liebenswürdigen Gestalten fristet.

Ein abwechselnd melancholischer

und urkomischer Roman

über einen tapferen Jungen, mitfühlenden

Männern und starken

Müttern.

Gleich mit seinem autobiographisch

geprägten Erstlingswerk

hat sich der New Yorker Moehringer

in die Herzen seiner Leser geschrieben.

(ts)

44 KUDU


Jose L. Sampedro

Das etruskische Lächeln

Aus dem Spanischen von

Roberto de Hollanda

Goldmann, 10,- Euro

Salvatore Roncone ist ein alter

Mann und hat sein ganzes Leben

als Bauer im kalabrischen

Süden Italiens verbracht. Er hat

eine schwere Erkrankung, ihm

bleibt nicht mehr viel Zeit und

beschließt eher widerwillig, zu

seinem Sohn in die Großstadt

Mailand zu ziehen. Bei seinem

Zwischenstopp in Rom erlebt Salvatore

eine besondere Erfahrung:

Während er in einem Museum auf

seinen Sohn wartet, fasziniert

ihn die Tonfigur eines etruskischen

Ehepaares. Das eigentümliche

Lächeln der Statuen lässt

ihn nicht mehr los. Nach einer

Auseinandersetzung mit seinem

Sohn – die Beziehung war immer

schon schwierig – erlebt Salvatore

ganz neue Gefühle, er entdeckt

die große und zärtliche Liebe zu

seinem Enkelsohn Bruno. Einige

Zeit später lernt er die verwitwete

Hortensia kennen und fühlt sich

zu dieser ungewöhnlichen Frau

hingezogen.

Dieser Roman beschreibt einen

Vater-Sohn Konflikt, den Zusammenprall

zweier Welten: industrieller

Norden und das traditionelle

Leben im Süden. Gleichzeitig geht

es aber auch um die Liebeserklärung

an das Leben. Das Buch ist

ein wundervolles Lesevergnügen.

(mr)

Dschingis Aitmatow

Der erste Lehrer

Aus dem Russischen

von Leoni Labas

Verlag Antje Kunstmann, 9,90 Euro

Dschingis Aitmatow beantwortet

in dieser kleinen Novelle aufs

Eindringliche, was es bedeuten

kann Lehrer zu sein. Erzählt wird

die Geschichte von Duischen, der

im Jahre 1924 in sein Heimatdorf

in Kirgisien geschickt wird, um

dort eine Schule zu gründen und

Kinder zu unterrichten. Schnell

regt sich Widerstand bei den Erwachsenen,

denn Lernen und

Schule und Unterricht sind ganz

fremde Begriffe. Duischen, der

selbst kaum lesen und schreiben

kann, nimmt die Herausforderung

an, seine Aufgabe sehr ernst und

schafft es mit seiner Liebe zu den

Schülern ihnen eine ganz neue

Welt zu erschließen.

Keine hundert Seiten stark bleibt

dieser kleine Roman ganz lange

haften – im Kopf und im Herzen.

(ts)

Antonio Skarmeta

Mit brennender Geduld

Aus dem chilenischen Spanisch von Willi Zurbrüggen

Piper, 10,- Euro

Es ist der großartigste kleine Roman, den der chilenische Schriftsteller

Antonio Skarmeta je geschrieben hat. Er beschreibt die so berühmte

Zeit zwischen 1969 und 1973 in einem kleinen chilenischen Fischerdorf.

Deshalb so berühmt, weil in diesen vier Jahren Salvator Allende, der

Hoffnungsträger eines ganzen Volkes, frei gewählter Präsident des Landes

war. Und er ist eine Hommage an den größten chilenischen Dichter

aller Zeiten Pablo Neruda.

In Isla Negra, eben jenem kleinen Fischerdorf, lebt der junge Mario Jimenez.

Die gemeinsame Arbeit mit seinem Vater als Fischer hasst er

allein schon wegen des frühmorgendlichen Aufstehens. Da wird wider

Erwarten die Stelle des Postmannes im Dorf ausgeschrieben. Mario

will die Stelle unbedingt. Nicht wegen des guten Verdienstes. Nein, der

Postbote ist auf Trinkgelder angewiesen, um seinen Lebensunterhalt

bestreiten zu können und im Dorf bekommt eigentlich nur ein einziger

Mann Post. Oben auf dem Hügel lebt in einer kleinen Hütte der große

chilenische Dichter Pablo Neruda, seine Oden kann Mario auswendig.

Ihn will er unbedingt kennenlernen und zwar aus mindestens einem

guten Grund. Mario hat sich in die Dorfschönheit Beatriz Gonzalez verliebt

und nun hofft er, dass Neruda ihm helfen wird, Worte zu finden,

Gedichte zu schreiben, Oden zu verfassen, mit denen Mario seine Angebetete

für sich gewinnen kann. Neruda willigt ein.

Mutter Gonzalez allerdings durchschaut das Spiel und stellt den Dichter

zur Rede.

Mit brennender Geduld (zweimal verfilmt) ist ein großartiger Roman

über Liebe, Poesie und Revolution. (ts)

Bücher ohne Verfallsdatum

KUDU

45


WINTER & weihnachten

Nigel Slater

Das Wintertagebuch.

Rezepte, Notizen und Geschichten für die kalten Monate

Aus dem Englischen von Sofia Blind

DuMont Buchverlag, 38,- Euro

Endlich mal jemand, der uns mit der kalten Jahreszeit versöhnt, der

nach eigener Aussage keine Zeit im Jahr so sehr liebt wie den Winter:

»Das eisige Prickeln im Gesicht, wenn man hinaustritt in die frostige

Luft. Das durchdringende Brennen in den Nasenhöhlen, wie Wasabi.«

Nigel Slaters Wintertagebuch ist ein dickes, auf bestem Papier gedrucktes

Hausbuch. Ein Kochbuch, ein Führer durch die Zeit, vom ersten Frost

über Advents- und Weihnachtszeit bis zum Tauen des Eises auf dem nahen

Teich. Ein im besten Sinne dicker Wälzer, sehr elegant gestaltet, ein

Winterfeuerwerk gegen die Depression der dunklen Jahreszeit. (ts)

Bernd Brunner

Als die Winter noch Winter waren.

Geschichte einer Jahreszeit

Galiani, 18,- Euro

Verwunschen kommt der Winter

daher und doch gibt es wahrlich

viel Berichtenswertes auf rund

230 Seiten. Etwa um 1430 hat es

sogar Wintermonate gegeben, in

denen selbst der mächtige Rhein

zufror und die Menschen darauf

Schlittschuhlaufen konnten. Oder

wussten Sie, dass früher gar nicht

die Kinder die Schneemänner bauten?

Im Jahre 1492 baute niemand

geringeres als Michelangelo für

Piero di Medici einen kunstvollen

Schneemann in den Gassen von

Florenz. Eine klitzekleine Schneeflocke

folgt stets ihrer eigenen

Geometrie und den Gesetzmäßigkeiten

des Wetters und der Physik,

so dass aus Wasser ein regelrechtes

Wunder entsteht.

Betrachtet man die kälteste Jahreszeit

genau, gibt es viele faszinierende

Naturphänomene, die

uns einladen, die Landschaft um

uns herum besonders intensiv

zu erleben. Wie schön ist es im

Schnee zu wandeln. Die Fußstapfen

in der weißen Pracht zu sehen,

ist wie ein Kindertraum und der

Raureif, der den Atem unmittelbar

gefrieren lässt, macht diese Zeit

für so manchen zum Jahreshighlight.

(mh)

Tim Krabbé

Drei auf dem Eis

Aus dem Niederländischen

von Susanne George

Reclam, 8,- Euro

Pieter macht in den Weihnachtsferien

mit seinem Sohn, von dem

er getrennt lebt, Urlaub im Süden.

Aus seiner Heimatzeitung erfährt

er, dass es in Holland sehr kalt geworden

ist und die Kanäle zufrieren.

Er, der ein leidenschaftlicher

Eisläufer ist, weiß, dass er die

Elf-Steden-Tocht, das berühmte

Eislaufrennen vorbei an elf friesischen

Städtchen, wohl verpassen

wird. Ein Rennen, von dem schon

so lange träumt. Der Vater überredet

seinen Sohn, einige Tage früher

die Heimreise anzutreten und

hofft insgeheim auf eine zweite

Chance: Sein Sohn, seine Frau und

er selbst gemeinsam auf dem Eis,

das wäre was.

Krabbés Drei auf dem Eis ist eine

wunderbare Wintergeschichte,

fernab von jedem Klischee, die

auch nach mehrmaligem Lesen

nichts von ihrer Zärtlichkeit und

Melancholie verliert. (ts)

46 KUDU


Winterrezepte aus dem Norden

Thorbecke, 9,90 Euro

In diesem kleinen Buch werden

außergewöhnliche Winterrezepte

aus dem Norden vorgestellt. Die

insgesamt 27 Rezepte sind unkompliziert

und leicht nachzukochen.

In der skandinavischen Küche

werden vorwiegend frische Zutaten

wie fangfrischer Fisch, selbst

gesammelte Beeren und natürlich

Gemüse vom Markt verwendet.

Manche Rezepte lassen Bekanntes

erahnen (Kartoffel-Käse- Suppe

mit Köttbullar), andere machen

neugierig. Spannend zum Beispiel

die Frage, was denn wohl Hasselback

Kartoffeln sind. Auf der Suche

nach der einen oder anderen

Zutat wird man wahrscheinlich in

ein Spezialitätengeschäft gehen,

Elchschinken zum Beispiel gibt

es nicht in jedem Supermarkt. Die

Suche lohnt sich aber auf jeden

Fall. Winterrezepte aus dem Norden

ist ein kleines, sehr schönes

Kochbüchlein, zum Verschenken

bestens geeignet. (mr)

Dylan Thomas / Peter Bailey (Ill.)

Weihnachten in meiner Kindheit

Aus dem Englischen von

Eike Schönfeld

Insel Verlag, 14,- Euro

»In jenen Jahren ... glich ein Weihnachten

so sehr dem anderen,

dass ich nie weiß, ob es sechs Tage

und sechs Nächte lang schneite,

als ich zwölf war, oder zwölf Tage

und zwölf Nächte, als ich sechs

war.« Die kleinen Weihnachtserinnerungen

von Dylan Thomas,

dem großen walisischen Fabulierer

und Sprachakrobaten, dem

Mann, nach dem sich ehrfürchtig

Bob Dylan benannte, dem exzessiven

Schreiber und Trinker, sind

endlich wieder lieferbar. Leider

nicht mehr in der Übersetzung

von Erich Fried. Trotzdem, zum

Wieder- oder Neuentdecken ein

kurzweiliger Spaß in einer kleinen

schönen Geschenkausgabe der Insel-Bücherei.

(ts)

Martin Baltscheit

Der Weihnachtshase. Oder Die

letzte Fahrt vom Weihnachtsmann

Westend, 14,- Euro

Martin Baltscheit, der Multikünstler,

hält uns mit seiner kleinen

Parabel den Spiegel vor, Erwachsenen

genauso wie Kindern.

Das gelingt nicht vielen Schriftstellern.

Ein Hase rettet sich zum Weihnachtsmann,

um sich bitter darüber

zu beschweren, wie ungerecht

die Welt geworden sei, vor

allem, seitdem der Weihnachtsmann

selbst nicht nur die Tiere

im heimischen Wald beschenkt,

sondern auch alle anderen, die

von weit herkommen und Unruhe

in stiften. Der Hase beschließt,

dem Spuk ein Ende zu setzen und

schlüpft in die Rolle des Weihnachtsmannes.

Alles wird er anders

machen, alles.

Eine kleine Geschichte, vielleicht

für Kinder ab sechs Jahren, danach

gibt es aber keine Obergrenze.

Auch Erwachsene werden

dieses mit Klischees spielende

Büchlein lieben. (ts)

Angela Holzmann (Ill.)

Besinnlichkeit ist aus,

aber Glühwein wär noch da!

Heitere Geschichten

Coppenrath, 10,- Euro

Dieses Buch ist eine kleine Flucht

aus dem stressigen Vorweihnachtsalltag.

Humorvoll und

leichtfüßig trägt diese kleine

Sammlung von Geschichten und

Anekdoten dazu bei, den Leser in

Weihnachtsstimmung zu bringen,

ohne dabei kitschig zu werden.

Ein Spaß für die ganze Familie in

einer schönen Ausstattung. Kleiner

Tipp: Dieses Büchlein eignet

sich auch hervorragend als größere

Adventskalender-Überraschung.

(dh)

WINTER & weihnachten

KUDU

47


KALENDER

Jochen Rädeker

An Apple A Day Kalender 2020.

366 neue alte Apfelsorten

Verlag Hermann Schmidt, 24,80 Euro

Man will es gar nicht glauben: Zum vierten Mal in Folge erscheint im

Mainzer Verlag Hermann Schmidt ein Abreißkalender mit (dieses Mal)

366 verschiedenen Apfelsorten. Ich wusste gar nicht, dass es so viele

unterschiedliche überhaupt gibt. Verpackt in einer imitierten Obstkiste,

ausstaffiert mit Stroh ist der Kalender ein wunderbares Geschenk.

An Apple A Day – ein Apfel am Tag kann möglicherweise den Doktor

ersetzen, ganz sicher sorgt er aber allmorgendlich beim Abreißen des

alten Blattes und Betrachten des neuen Apfels für einen guten Tagesanfang.

(ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Unser täglich Brot.

Mit Laib und Seele durch 2020

Verlag Hermann Schmidt, 24,80 Euro

Ähnlich verhält es sich offenbar mit Brot. Deutschland würde wahrscheinlich

spielend eine Brotsortenweltmeisterschaft gewinnen. Schon

beim Grenzübergang in die Niederlande sieht die Brotkultur wesentlich

magerer aus, ganz zu schweigen von Ländern wie Italien, die ja kulinarisch

ansonsten ganz weit vorne sind. 366 mal neue Lust am alten Lebensmittel.

(ts)

Christian Blanck

Kinderzimmerhelden

366 Spielzeug-Autos. Jeden Tag ein kleiner Held

Seltmann + Söhne, 24,80 Euro

Sie waren die Helden meiner Kindheit, die Matchbox-Autos, die ich auf

selbstgebauten Rampen ins Kinderzimmer rasen ließ. Der unglaubliche

rote Jaguar E, der souveräne Pulman oder die alte Badewanne, der Ford

17m. Alle waren sie mächtig bespielt, zerkratzt, gebraucht eben. Eine

wunderbare Hommage an die Begleiter unserer Kindheit, die viel zu

schade sind, um auf irgendwelchen Dachböden zu verstauben. (ts)

* * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * * *

Ralph Burkhardt

Famous Last Words.

366 letzte Sätze bedeutender Belletristik von Adams bis Zola

August Dreesbach verlag, 29,80 Euro

Das ist doch kein Kalender, das ist ein Objekt, sagt mein Kollege, als ich

ihm Famo us Last Words in die Hand drücke. Recht hat er: ein dicker

schmaler Klotz in mattem schwarz. An die Wand hängen kann man ihn

nicht, am Tisch aufblättern, jeden Tag neu, ist auch etwas schwierig. Er

taugt, um immer mal wieder im Jahr in die Hand genommen zu werden

und darin zu versinken, schön wie er ist.

Und trotzdem ist der Klotz ein Kalender, ein immerwährender mit deutlich

lesbarem Kalendarium. (ts)

48 KUDU


Kleines

literarisches

KUDU-Rätsel

So ein Rätsel ist ja immer ein Kompromiss, ein Spagat zwischen Nein, ein Literaturstudium, eine Professur,

Spezialistenwissen ist nicht erforderlich und aber ganz so leicht machen möchten wir es Ihnen natürlich

auch nicht.

Es ist eine kleine Plauderei, die zum Schluss nur nicht mit einem Punkt sondern drei Fragezeichen endet.

Mitmachen lohnt sich auf jeden Fall, verlosen wir doch unter allen richtigen Einsendungen zehn ordentliche

Buchpakete mit Titeln aus dem aktuellen KUDU.

Und auf ein Wort, bevor es los geht: Wir schreiben und lesen und wir handeln mit Büchern. Aber nicht mit

Daten! Alle Informationen, die wir von Ihnen erhalten und Ihre persönlichen Daten betreffen, werden allerspätestens

nach der Auslosung der Gewinner wieder gelöscht. Versprochen!

Menschen, die sich in verschiedenen Berufen ausprobieren, gibt es viele. Unter ihnen sind seit einigen Jahren

vermehrt Schauspieler, die sich als Schriftsteller versuchen, mal mit großem Erfolg, mal mit keinem. Uns interessieren

natürlich im Moment nur die, die bewiesen haben, dass sie etwas zu erzählen haben.

Zum Beispiel Matthias Brandt. Der jüngste Sohn des ehemaligen Bundeskanzlers Willy Brandt und seiner

Frau Ruth hat gerade mit Blackbird einen wunderschönen Roman herausgebracht über die Leichtigkeit des

Jungseins und die Schwierigkeit erwachsen zu werden. Es ist aber nicht das erste Buch aus seiner Feder. Bereits

2016 erschien im Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch ein Erzählband, der den Titel einer Fernsehserie

aus den 1960er Jahren trägt. Wie lautet der Name des Buches?

a) Bonanza

b) Stahlnetz

c) Raumpatrouille

Auch der 1966 geborene Robert Seethaler begann seine Karriere als Schauspieler und zwar an der Schauspielschule

in Wien, betätigte sich aber schnell auch als Schriftsteller. Sein Durchbruch gelang ihm 2012 mit

Der Trafikant. Der Roman erschien in Zürich bei Kein & Aber. Protagonist der Geschichte ist Franz Huchel,

der in Wien 1939 eine Lehre in einer Trafik beginnt, also einem Tabakwaren- und Zeitschriftengeschäft. Dort

freundet er sich mit einem ganz besonderen Stammkunden an, der bald täglich das Geschäft aufsucht. Wer

ist dieser Mann?

a) Ist es der Psychoanalytiker Sigmund Freud?

b) Ist es der noch junge Ernst Jünger?

c) Ist es der Verhaltensforscher Konrad Lorenz?

Der dritte im Bunde ist Joachim Meyerhoff. Burgschauspieler war er und ist seit einem Jahr Mitglied der

Berliner Schaubühne. In vier Büchern, die zwischen 2011 und 2018 erschienen sind, erzählt er warmherzig,

charmant und bisweilen sehr humorvoll aus seinem Leben. Seine frühen Kindheitserlebnisse beschrieb er in

dem Buch mit dem schönen Titel Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war. Der Ort seiner Kindheit war

ein sehr ungewöhnlicher.

a) Wuchs er auf in einer internationalen Polarstation?

b) Verbrachte er seine ersten Lebensjahre in einem Zirkuswagen?

c) Lebte er auf dem Gelände einer psychiatrischen Anstalt?

TEILNEHMER/in

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Vor- und Nachname:

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Adresse:

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Telefon / E-Mail:

Richtig Mühe wird Ihnen die Beantwortung der Fragen nicht machen, vermuten wir.

Deshalb freuen wir uns über zahlreiche Rätsellöser.

Ihre Antworten schicken Sie an die Buchhandlung, die Ihnen das KUDU Lesemagazin überreicht hat.*

Bevor wir Ihnen nun viel Glück wünschen und alle Daumen drücken, zwei wichtige Anmerkungen:

Einsendeschluss ist der 31. Januar 2020 und – es versteht sich von selbst, wir sagen es trotzdem –

der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

Viel Glück, die Daumen sind gedrückt.

LÖSUNGEN

Frage 1: . . . . . . . . . . .

Frage 2: . . . . . . . . . . .

Frage 3: . . . . . . . . . . .

*Teilnahmeberechtigt sind alle natürlichen Personen ab Vollendung des 18. Lebensjahres. Jeder Teilnehmer/jede Teilnehmerin darf am Gewinnspiel nur ein Mal teilnehmen.

Hiervon ausgenommen sind Mitarbeiter der Buchwert GmbH & Co.KG, der angeschlossenen Buchhandlungen und der Agentur erste Liga. Die Gewinnspielteilnahme

erfolgt durch Abgabe dieses Teilnahmeabschnitts inkl. der Angabe Ihrer Daten (vollständiger Name, Wohnadresse, Email-Adresse) in der ausführenden

Buchhandlung oder durch das Senden Ihrer Daten per E-Mail an Ihre KUDU-Buchhandlung.

Die personenbezogenen Daten werden ausschließlich zur Durchführung des Gewinnspiels verwendet. Eine Weitergabe der Daten an unbeteiligte Dritte erfolgt

nicht. Die Gewinner werden unter allen Teilnehmern von der KUDU-Redaktion ausgelost und im Anschluss benachrichtigt. Die Gewinne können nicht umgetauscht

oder bar ausgezahlt werden. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.

KUDU

49


Der Unbekannte

Wer ist dieser Mann? Eine Frage, die mich bei diesem Bild schon seit fast

drei Jahrzehnten beschäftigt. Seit 1991 überlege ich, wer der Mensch auf

dem Foto sein könnte. Wann es fotografiert wurde. Und wo.

Gleichzeitig ist das Bild eine Erinnerung an eine sehr intensive Zeit meines

Lebens. Im Oktober 1990 endete mein Zivildienst auf einer Altenpflegestation

und ich hatte keine Ahnung, wie es nun bei mir weitergehen würde; es war

das Gefühl einer Aufbruchsstimmung ohne Ziel. Ein Job als Altenpflegehelfer

folgte – eine Art Provisorium, wie ich dachte.Es sollte drei Jahre dauern, bis

mir die Idee mit der Buchhändlerlehre kommen würde, aber das ist eine andere

Geschichte.

Ein Foto

und seine Geschichte

Diese drei Jahre, die ich mit alten Menschen verbrachte, waren prägend; sie machten mir damals

klar, wie sehr das Altwerden und der Tod zum Leben gehören. Nie werde ich etwa die alte Dame vergessen,

die mir vom Reichstagsbrand erzählte, den sie von weitem aus ihrem Dachfenster beobachten

konnte. Danach meinte sie zu mir, wie seltsam es sei, alt zu sein, die Jahre wären so schnell vorbeigegangen.

Das ist jetzt lange her und ich bekomme beim Erinnern und Aufschreiben eine Gänsehaut.

Denn wer kennt es nicht, dieses Vorbeirauschen der Zeit?

War einer der Bewohner am Endes seines Wegs angelangt, nahmen die Angehörigen die persönlichen

Gegenstände mit, das Zimmer wurde ausgeräumt und nichts erinnerte mehr an den Menschen,

der hier die letzten Jahre seines Lebens verbracht hatte.

Einmal fand ich dabei dieses Foto, das achtlos neben dem Papierkorb lag. Es zeigt einen jungen

Mann, schwarz gekleidet, Schiebermütze auf dem Kopf, der mit ernstem, arrogant-stolzem Blick auf

die Kamera zuläuft; die rechte Hand lässig in der Hosentasche, unter den linken Arm eine dünne

Aktentasche geklemmt. Von der Kleidung her dürfte das Bild irgendwann zwischen 1930 und 1950

aufgenommen worden sein. Ich nahm das Foto mit und seitdem begleitet es mich; lag auf dem Schreibtisch,

diente als Lesezeichen, eine Zeitlang steckte es sogar in einem Rahmen. Wer war dieser Mann?

Ein Student? Ein Arbeiter? Nazi oder Verfolgter? Ein Mitläufer? Opfer oder Täter? Dieses rätselhafte

Bild hat eine Ausstrahlung, die mich fasziniert; papiergewordene Geschichte, auf Entschlüsselung

wartend.

Es sorgte sogar für eine literarische Entdeckung: Das großartige Buch Die rechte Hand des Schlafes

von John Wray kaufte ich nur, weil der auf dem Buchcover abgebildete Mann mich an jenen auf dem

Foto erinnerte. In einem Beitrag in meinem Blog Kaffeehaussitzer schrieb ich darüber, fragte über die

sozialen Medien nach dem Unbekannten. Sogar die Eines Tages-Redaktion von Spiegel online teilte

den Beitrag. Nichts.

So wird mich der schwarzgekleidete Fremde auch in Zukunft ernst anschauen und ich werde wohl

niemals erfahren, wer er war. Aber mich stets an eine der wichtigsten Zeiten in meinem Leben erinnern.

Uwe Kalkowski

Literaturblog Kaffeehaussitzer

50 KUDU


Faszination

Weltraum

Kepler62 – Die Einladung (Band 1) Kepler62 – Der Countdown (Band 2)

ISBN 978-3-440-16612-3

ISBN 978-3-440-16613-0

ca. € 12,99 [D]

ca. € 12,99 [D]

Als dem 13-jährigen Ari und seinem Bruder Joni das mysteriöse Videospiel

Kepler62 geschenkt wird, verändert sich ihr Leben schlagartig. Denn die

Gerüchte, die Kepler62 mit einer geheimen Weltraummission verbinden,

scheinen wahr zu sein! Das Ende des Spiels ist erst der Anfang von einem viel

größeren Abenteuer für die beiden …

Das ultimative Weltraumabenteuer für Kinder ab 10 Jahren.

Mein großer Kosmos Weltraumatlas

ISBN 978-3-440-16035-0

ca. € 25,00 [D]

Eine eindrucksvolle Reise zu Planeten, Sternen und

fernen Galaxien. Großformatige Ausklappseiten und

viele Fotos machen die riesigen Dimensionen und die

Besonderheiten der Himmelsobjekte erlebbar.

Das perfekte Buch für Astrotüftler ab 8 Jahren.

Nachtleuchtende Planeten (3D-Formen)

Art.-Nr. 67801

ca. € 16,99 [D]

Das nachtleuchtende Deko-Set holt den Sternenhimmel

ins Kinderzimmer! Einfach die 3D-Planeten

an der Wand befestigen und mit den zusätzlichen

Weltraum-Stickern in Szene setzen.

Genau das Richtige für kleine Forscher ab 6 Jahren.

kosmos.de

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Neue Bücher bei Diogenes

Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Foto: Ayse Yavas / © Diogenes Verlag

Foto: Lukas Lienhard / © Diogenes Verlag

Dror Mishani

Drei

Roman · Diogenes

Simone

Lappert

Der Sprung

Roman · Diogenes

Thomas Meyer

Wolkenbruchs

waghalsiges

Stelldichein mit

der Spionin

Roman · Diogenes

Auch als eBook und Hörbuch

Auch als eBook

Auch als eBook und Hörbuch

Über dieses Buch darf man

eigentlich nichts verraten

Drei unvergessliche Frauen.

Und ein gefährlicher Mann,

den sie am besten nie kennengelernt

hätten. Der sensationelle

Bestseller aus Israel.

Vom fragilen Gleichgewicht

unserer Gegenwart

Einen Tag und eine Nacht

lang hält eine junge Frau eine

Stadt in Atem. Und für elf

Menschen ist danach nichts

mehr wie zuvor.

Motti ist zurück und muss

mal eben die Welt retten

Aberwitzig, provokant und

hochaktuell. Motti kämpft

gegen das Böse, Fake News,

seine Mame – und seine

Schwäche für Schicksen.

lesenswertkuku_mishani_lappert_meyer.indd 1 24.09.19 17:42

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