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Historie

Heute eine Ruine, im Mittalter aber das geistliche Zentrum einer Wikinger-Siedlung in Grönland: die Kirche von Hvalsey

Die Wikinger in der

grönländischen Arktis

Warum sie kamen, warum sie blieben und warum sie wieder verschwanden –

moderne Forschung klärt das mysteriöse Verschwinden der Nordmänner.

Thomas Willke (Text)

Die Besiedlung Grönlands durch norwegische

Wikinger beginnt mit Mord und Totschlag.

Erik Thorvaldsson ist wie sein Vater

ein jähzorniger Mann, der sein Schwert nur

zu leicht zieht. Die Familie stammt ursprünglich

aus Jären südlich von Stavanger.

Vater und Sohn müssen nach Island auswandern,

wegen Totschlag – wie die «Saga von

Erik dem Roten» berichtet. Doch auch in Island

geht der Ärger weiter. Leichen pflastern

Eriks Weg. Er muss umziehen und wird

schliesslich vom Thing, der Versammlung

der freien Männer und damit auch dem Gericht,

verbannt und für vogelfrei erklärt. Jeder

kann ihn jetzt straffrei töten – und es gibt

genug Leute, die Rache für ihre erschlagenen

Verwandten nehmen wollen.

Eriks Situation ist verzweifelt. Er kann

nicht in Island bleiben und nicht nach Norwegen

zurück. Er kennt aber die Geschichten

eines gewissen Gunnbjörn Úlfsson.

Dieser soll irgendwann um das Jahr 900

Land im Westen entdeckt haben. Erik hat

anscheinend genug Geld, um ein Expeditionsschiff

auszurüsten, und genug Freunde,

die ihn begleiten wollen. Um 985 brechen

sie auf und entdecken tatsächlich Neuland,

das sie besiedeln. Von Island holen sie

weitere Kolonisten, um das Land zu erschliessen.

Bilder: Mauritius Images, Arctic Images / Mauritius Images, Danita Delimont

So berichten es die «Grönländer-Saga»

und die «Saga von Erik dem Roten», die ungefähr

200 Jahre nach der Erstbesiedlung

Grönlands aufgeschrieben wurden.

Erste Siedlungen

Norwegische Kolonisten sind eindeutig in

dieser Zeit nach Grönland eingewandert.

Sie fanden ein menschenleeres Land vor.

An einigen Stellen gab es Reste einer Eskimo-Kultur,

die aber schon vor längerer Zeit

untergegangen war. Die Neu-Grönländer

bauten ihre erste Siedlung, die Ostsiedlung,

ganz im Süden des Landes. Hier lag Eriks

Hof Brattahlid am Eriksfjord. Später kam

noch die Westsiedlung in der Nähe der heutigen

Hauptstadt Nuuk dazu sowie ein Lager

für sommerliche Jagdtouren noch weiter

nördlich in der Diskobucht.

Der Name Grönland wurde zwar von Erik

als Marketinginstrument gewählt – so berichten

es die Sagas – um das neue Land für

weitere Siedler attraktiv zu machen, aber es

entsprach damals auch der Realität. Das

Land war fruchtbarer und freundlicher als

viele Gegenden Islands. Entlang der Westküste

lagen zahlreiche grüne Flächen mit

Wiesen, zum Teil sogar

Bäumen. Viehwirtschaft

war problemlos möglich,

an einigen Stellen sogar

der Anbau von Feldfrüchten.

Wissenschaftler haben

Reste von grönländischer

Gerste gefunden. Auch in

Unterlagen des norwegischen

Königs, dem «Königsspiegel»

aus dem 13.

Jahrhundert, wird den

Weiden eine hohe Qualität

bestätigt und von Getreideproduktion

berichtet.

Grönland gedieh. Weitere Siedler kamen

aus Island herüber. Die Menschen bauten

Häuser aus Gras-Soden, später auch grosse

Scheunen und Kirchen aus Stein, die von

professionellen Steinmetzen bearbeitet und

mit Bronzeglocken ausgestattet wurden. Es

gab mehrere Hundert Bauernhöfe, und zur

Spitzenzeit lebten wahrscheinlich 2’500 bis

3’000 Kolonisten in Grönland.

Eriks Sohn Leif stiess weiter nach Westen

vor. Der Sage nach entdeckte er in Kanada

Erik der Rote – wie ihn sich ein heutiger Künstler vorstellt.

die Baffin-Insel (Helluland – flaches Steinland),

Labrador (Markland – Waldland)

und Neufundland (Vinland – Wein- oder

Weideland). Hier gründete er eine Kolonie,

deren Überreste Archäologen in der Nähe

des Orts L’Anse aux Meadows entdeckten.

Die amerikanischen Kolonien gaben die

Wikinger laut den Sagas wieder auf, aber

Grönland gedieh weiterhin. Europa wurde

auf seinen entlegenen Aussenposten auf-

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