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fangs nur wenige Erklärungen lieferten.

Die Vernichtung durch äussere Feinde war

eine der ersten Vermutungen. Die Sagas

berichten immer wieder von Auseinandersetzungen

mit Skrälingern (Schwächlingen),

wie die Wikinger Inuit und Indianer

bezeichneten. Auch in alten Inuit-Sagen

ist vereinzelt die Rede von Kämpfen mit

den Kavdlunait, wie die Inuit die Fremden

nannten. Die Beziehungen zwischen den

Völkern waren also nicht immer friedlich,

aber von Kriegen oder gar Vernichtungsfeldzügen

gibt es nirgendwo in Grönland

Spuren. Damit fiel auch die zweite früher

beliebte Hypothese, dass baskische Piraten

die Kolonien zerstört hätten. Ebenso

fehlen Spuren, dass die Pest im Mittelalter

von Europa in die Arktis gelangt wäre.

Ein Faktor, der das Leben schwerer machte,

war mit Sicherheit ein Wandel des Klimas.

Am Ende des Mittelalters zog die

sogenannte kleine Eiszeit über Europa. In

Grönland fiel ab etwa 1350 die durchschnittliche

Temperatur kontinuierlich

und deutlich um über ein Grad ab, wie

man aus Eiskernbohrungen im grönländischen

Eisschild weiss. Insgesamt war die

Durchschnittstemperatur damit um fast

zwei Grad gesunken, seit die Wikinger vor

450 Jahren angekommen waren. Getreideanbau

war damit unmöglich und die Viehzucht

deutlich schwieriger.

Die Klimadaten passen zu den archäologischen

Funden: Um 1350 wurde die Westsiedlung

im Norden aufgegeben und ab

1450 scheinen keine Kolonisten mehr in

Grönland gelebt zu haben. Aber sind 450

Jahre nicht genug Zeit, um sich an neue

Umweltbedingungen anzupassen?

Klimawandel

Schon früh waren Vermutungen aufgetaucht,

dass die Grönländer zu konservativ

für diesen Übergang gewesen wären und

damit ihren Untergang selbst herbeigeführt

hätten. Man sah sie als Menschen,

die verhungerten, weil sie sich nicht umstellen

konnten. Der US-Biogeograf Jared

Diamond hat diese Hypothese in seinem

2005 erschienenen Buch «Kollaps» zusammengefasst,

das sich mit dem Untergang

von Kulturen und Gesellschaften

beschäftigt. Diamonds Kernthese: Sie

passten sich nicht den neuen Umweltbedingungen

an, sondern beharrten darauf,

Landwirte zu sein und von Viehwirtschaft

zu leben. Im Gegensatz zu den Inuit, die

im Mittelalter nach Westgrönland einwanderten

und bis heute dort erfolgreich leben,

lernten die norwegisch-stämmigen

Grönländer nicht, sich aus dem Meer zu

ernähren.

Fazit: Selbst schuld. Damit schien die Ursachenforschung

für das mysteriöse Verschwinden

der Kolonien beendet zu sein.

Doch in den letzten Jahren hat sich das

Bild gewandelt. Vor allem norwegische

und dänische Wissenschaftler haben vor

Ort weiter ausgegraben und sich mit Biologen

und Chemikern zusammengetan,

um präzisere Daten zu erheben. Dieser

moderne Forschungsansatz kommt zu einem

anderen Fazit: Die norwegischen

Grönländer waren viel flexibler und wirtschaftlich

breiter aufgestellt, als man es

ihnen zugetraut hatte.

Toilettenforschung

Müllhaufen und Kloaken (die Reste von

ehemaligen Toiletten) sind für Archäologen

immer wahre Fundgruben. Sie zeigen, was

Menschen früher assen, was sie als Kleidung

trugen und im Alltag benutzten. In

Grönland fiel auf, dass sich kaum Fischgräten

in den Abfällen befanden. Das bewog

Diamond zu seiner These, dass die Wikinger

sich nicht aus dem Meer ernährten. Allerdings

zeigen die Abfälle, dass sich die Zusammensetzung

der Nahrung über die Jahrhunderte

je nach sozialem Status veränderte.

Bild: Mauritius Images, Danita Delimont

Bilder: Mauritius Images, Alamy / Ian Dagnall / Fotofinder.com, Caro/Seeberg

Bild oben: Ein Spiel für einen reichen Mann:

Schachfiguren aus Walross-Elfenbein, gefunden

auf der schottischen Insel Lewis.

Bild linke Seite: Säulenhalle für Nordmänner:

Rekonstruktion einer typischen Wikingerunterkunft,

eines Langhauses, in Brattahlid

Bild rechts: Und so könnte ein typischer Wikinger-

Feierabend bei Erik dem Roten ausgesehen haben

(in Szene gesetzt im Museum von Haithabu).

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