AJOURE´ Magazin November 2019

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AJOURE AJOURE / INTERVIEW / PEOPLE

INTERVIEW

Foto: Anelia Janeva Photography für Club Aldiana

genwald das Bewusstsein, dass ich gewisse

Dinge nicht mehr mit meinem Gewissen

vereinbaren kann. Steak hat nie wieder

so gut geschmeckt wie davor, als ich mich

noch nicht mit diesen Themen befasst habe.

Ich bin kein Fan davon, mit dem Finger auf

andere zu zeigen. Ich glaube, jeder von uns,

der in der modernen Welt lebt, hat keine

komplett weiße Weste. Und das ist okay.

Wir müssen uns die Hände reichen und

überlegen, welche Schritte können wir gemeinsam

tun, um diese Dinge zu ändern.

Ich versuche auf Fleisch zu verzichten, esse

aber trotzdem ab und zu mal Fleisch. Ich

versuche auch Lebensmittel zu essen, die

mir Energie geben, also vor allen Dingen

frische Produkte. Ich liebe zum Beispiel

Salate. Das ist auch etwas, das ich durch

meine spirituellen Freunde entdeckt habe.

Gerichte wie Haferbrei oder warmes Obst

hätte ich früher niemals gegessen. Oder

anstatt Kaffee lieber mal einen Tee. Ich bin

kein Fan von Verzicht oder Absolutismus.

Man muss einfach alles im Gleichgewicht

halten, damit man auch mal abends zur

Bar gehen kann

Du bist ja wahnsinnig viel unterwegs,

gibt es bei dir so etwas wie einen typischen

Tagesablauf und wie sieht dieser

aus?

Nein, ich habe keinen Tagesablauf.

Wie bekommst du bei all den Reisen dein

Privat- und Berufsleben unter einen Hut?

Mit vielen Telefonaten und Face-Time.

Man versucht von der Ferne alles am Laufen

zu halten. Das ist nicht immer einfach.

Manchmal nehme ich meinen Partner

auch auf Reisen mit, was sehr unterstützend

ist. Dann habe ich bei der Arbeit auch

nochmal mehr Power.

Mit deiner Band Hot Banditoz bist du

als Sängerin bekannt geworden. Bist du

heute auch noch hin und wieder als Sängerin

auf der Bühne? Oder vermisst du

das Singen?

Ich vermisse es tatsächlich, auf der Bühne

zu performen. Durch meine Sportprogramme

produzieren wir die Musik selbst.

Deshalb bin ich auch viel im Studio und

singe Lieder ein. Und ich muss wirklich

sagen: „Music was my first love ... and

it would be my last“. Ich werde bei allen

Dingen, die ich mache, auch immer irgendwie

mit Musik zu tun haben.

Du setzt dich für das Charity-Projekt

„Children of the Forgotten“ ein. Kannst

du uns was darüber erzählen?

Ich bin vor vier Jahren das erste Mal in den

Amazonas-Regenwald gefahren, um dort

indigenen Völkern zu helfen. Wie kam

ich auf diese Idee? 2015 ist mein Opa in

meinen Armen gestorben und er war für

mich wie mein Papa. Klar war ich traurig,

aber gleichzeitig stand ich da und dachte,

das ist das größte Geschenk, was mir

jemand machen konnte, denn ich habe

verstanden, was Lebenszeit bedeutet. Die

Uhr läuft rückwärts, es ist ein Countdown

ab der Geburt. Also habe ich überlegt, was

mache ich mit meiner Lebenszeit. Ich war

zu der Zeit extrem überarbeitet, ein absoluter

Workaholic, wie so viele Selbständige.

Wir drehen das Hamsterrad immer

weiter.

Also habe ich beschlossen, dass ich mehr

Auszeiten brauche. Ich musste in mich

reinhorchen, was meine Seele denn eigentlich

will. Es war für mich wichtig

herauszufinden, wie ich glücklich werde

und was ich machen will. Bei einem dieser

Heilungswege stieß ich auf einen spirituellen

Lehrer, der mir zwei Meisterpflanzen

aus dem Regenwald vorstellte, die gemeinsam

das Getränk Ayahuasca ergeben. Ich

trank Ayahuasca in der ersten Nacht und

es passierte nichts. In der zweiten Nacht

hatte ich dann eine ganz klare Vision, dass

ich Licht zu den Indianern bringen muss.

Ich dachte zuerst, jetzt bin ich völlig bekloppt.

Aber zwei Monate später war ich

im Regenwald.

Das Projekt „Children of the Forgotten“

basiert auf vier Säulen. Es geht vor allen

Dingen um nachhaltige Infrastruktur

und Bildung. Denn auch im Regenwald

braucht man Geld zum Leben. Es werden

Boote, Benzin, Generatoren usw. gebraucht.

Die erste Säule ist Wasser. Es gibt keinen

Zugang zu sauberem Trinkwasser und haben

dadurch ganz viele Krankheiten und

die Kindersterblichkeit ist sehr hoch. Die

zweite Säule ist Energieversorgung durch

alternative Energiequellen. Die dritte Säule

ist, ihnen beizubringen, wie man Agroforstwirtschaft

betreibt. Wir haben aktuell

das Problem mit den Brandrodungen, die

außer Kontrolle geraten sind. Das Land

ist begrenzt, die Familien wachsen und

die Familie muss weiterziehen, wenn der

Acker zwei- oder dreimal geerntet wurde.

Sie müssen also lernen, mit dem Wald zu

leben und nicht gegen ihn. Für die Indianer

ist das hart, denn früher haben sie sich

einfach am üppigen Wald bedienen können.

Jetzt müssen sie von geplanter Landwirtschaft

leben. Diese ersten drei Säulen

sind die Basis, damit wir zur Bildung

kommen. Denn wie willst du Bewusstsein

schaffen, ohne Wasser und Essen.

Wir haben letztes Jahr mit „Children of

the Forgotten“ und „Viva con Agua“ die

ersten beiden Brunnen gebaut.

Deine brasilianischen Wurzeln sind dir

sehr wichtig, wie oft bist du in deiner

Heimat?

Häufig, meistens zwei- bis dreimal im

Jahr. Auch natürlich durch „Children of

the Forgotten“. Ich fliege auch übermorgen

schon wieder hin. Durch die aktuelle

Situation und aufgrund meines nun veröffentlichten

Buches fliege ich mit Stern TV

in den Amazonas und besuche dort Regionen,

die niedergebrannt sind und die wir

wieder aufforsten und aufbauen wollen.

Zum Glück ist meine indigene Familie

sicher, sie berichten nur von schwarzem

Rauch, schwarzem Regen und Hustenanfällen.

Aber bei ihnen ist alles intakt.

Eigentlich wollte ich das Buch schon letztes

Jahr veröffentlichen. Dann habe ich

beim Schreiben gemerkt, dass ich das

nicht alles so in Watte packen darf. Und

ich sagte mir: „Mach einen Seelenstriptease,

schrei die Wahrheit heraus, trau dich,

dir selbst eine Stimme zu geben und trau

dich vor allen Dingen für die Menschen zu

sprechen, die selbst keine Stimme haben.“

AJOURE MAGAZIN SEITE: 23 | NOVEMBER 2019

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