Beiträge zur Wohnungsfrage, dérive Sonderausgabe, Herbst 2019

derive

Wohnen war und ist eines der zentralen Themen für dérive. Wir haben uns – beginnend mit den ersten Heften – immer wieder intensiv damit auseinandergesetzt; in den letzten Jahren besonders kritisch mit der Warenförmigkeit von Wohnen. In dieser Sonderausgabe veröffentlichen wir eine Reihe dieser Texte und zwar von und mit: Anita Aigner, Diana Botescu, Christoph Chorherr, Elisabeth Ertl, Edeltraud Haselsteiner, Susanne Heeg, Andrej Holm, Florian Humer, Justin Kadi, Michael Klein, Anna Kokalanova und Haotian Lin.

MICHAEL KLEIN

When SPECTRES

R E T U R N

Woh nungswesen,

WOHNREFORM und die

Vorstellung vom GUTEN WOHNEN

Wohnungsfrage, Geschichte des Wohnungswesens,

Wohnreform, Diskurse des Wohnens

Alle Fotos Chris Bethell

(ursprünglich für VICE fotografiert).

Debatten um das Wohnen erleben gegenwärtig

wieder Aktualität. Nachdem die Wohnungsfrage die

Städte, das gesellschaftliche Zusammenleben in

Städten und ihre Konflikte im 19. und 20. Jahrhundert

über weite Strecken begleitet und maßgeblich

geprägt hatte, war es um sie ruhig geworden.

Nun ist sie wieder da – und mit ihr einige Themen,

die auf die Debatte um die Wohnungsfrage eingewirkt

haben.

Wohnungsfrage und Funktionalismuskritik

Wenige Jahre, nachdem sich nahezu jede zeitgenössische

Architektur nach der Moderne mit Selbstverständnis und

dezidiert von den Wohnsiedlungen der Moderne abgegrenzt

hatte, die einmal als Wohnbunker, ein anderes mal als Retortenstädte

gebrandmarkt über Jahrzehnte schlechtgeredet wurden,

ist das Wohnen wieder im Kanon der Architektur, der Planung

und in der Öffentlichkeit angekommen. In Ausstellungen und

Festivals, Konferenzen, Artikeln und Büchern wird wieder

darübe r nachgedacht, wie das Wohnen in Städten für die Masse

gesichert werden kann 1 – ein Wort, das zwischenzeitlich aus

den (Architektur-)diskursen verbannt schien.

Die Jahre der Kritik an der Monotonie und Langeweile

der modernen Vorstadt, an der Funktionstrennung der modernistischen

Stadtplanung und an ihrem strukturellen Mangel

sind an Architektur und Planung nicht spurlos vorübergegangen. 2

Die Durchmischung von Funktionen, die Gleichzeitigkeit

verschie dener Programme und das romantische Bild der historischen

Innenstadt werden weiterhin bemüht, wenn es um die

Wunschbilder der Stadt von morgen geht, schließt man aus Renderings

und Collagen von PlanerInnen. Aber fast wirkt es, als

wäre die Architektur von ihrer Wirklichkeit eingeholt worden:

Die historischen Innenstädte bergen nicht länger die unsanierten,

aber günstigen Nischen in sich, in denen scheinbar alles möglich

ist, wie noch in den frühen Tagen der Funktionalismuskritik.

Sie sind nun Austragungsort in einem Wettkampf um hohe Mieten,

um Aufwertung und der Frage, wer früher geht und wegzieht;

und Funktionsmischung läuft oft auf die Ergänzung des

Wohnungsbestandes durch Shopping hinaus oder aber auf

das Einstreuen kurzzeitig mietbarer Apartments, mit denen sich

über Online-Plattformen noch höhere Erträge erwirtschaften

lassen als mit Wohnungsmieten. Die gegenwärtige Sorge gilt also

dem Wohnen.

04

dérive N o 65 — HOUSING THE MANY Stadt der Vielen

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