Beiträge zur Wohnungsfrage, dérive Sonderausgabe, Herbst 2019

derive

Wohnen war und ist eines der zentralen Themen für dérive. Wir haben uns – beginnend mit den ersten Heften – immer wieder intensiv damit auseinandergesetzt; in den letzten Jahren besonders kritisch mit der Warenförmigkeit von Wohnen. In dieser Sonderausgabe veröffentlichen wir eine Reihe dieser Texte und zwar von und mit: Anita Aigner, Diana Botescu, Christoph Chorherr, Elisabeth Ertl, Edeltraud Haselsteiner, Susanne Heeg, Andrej Holm, Florian Humer, Justin Kadi, Michael Klein, Anna Kokalanova und Haotian Lin.

CHRISTOPH CHORHERR

»Man ist nur

dann OHNMÄCHTIG,

wenn man glaubt es zu sein.«

Aktuelle liegenschafts- und wohnpolitische Maßnahmen in Wien

Sozialer Wohnbau, Liegenschaftspolitik, Bauordnung,

Mietrecht, Baurecht, Mietkauf, städtebauliche Verträge, Klimawandel,

Gemeinnützigkeit, Genossenschaften, Baugruppen

Christoph Chorherr, langjähriger Planungssprecher der Wiener Grünen,

spricht im Interview mit dérive über die Novelle der Wiener Bauordnung und

damit über die Möglichkeiten kommunaler Politik zur Regulierung des Bodenmarktes

und Maßnahmen für den sozialen Wohnbau. Gemeinsam mit

der SPÖ haben die Grünen als Koalitionspartner in Wien diese Novelle Ende

November 2018 beschlossen. Das Gespräch führten Robert Temel und

Christoph Laimer.

Die Novelle der Bauordnung betrifft mehrere Punkte, darunter als besonders wichtige

Aspekte Maßnahmen gegen den Klimawandel und für leistbares Wohnen. Was sind die Gründe,

die eine Änderung der Widmungsbestimmung in Zusammenhang mit dem geförderten Wohnbau

notwendig machten?

Wichtig ist mir, dass die Novellierung einerseits den sozialen Aspekt mit der Widmungskategorie

geförderter Wohnbau aufgreift, aber auch andere wesentliche Themen zum Ziel hat.

Während wir das Interview führen, findet in Polen die UN-Klimakonferenz statt. Mit der neuen

Bauordnung haben wir wirklich einschneidende Maßnahmen gesetzt. Wir sorgen zwar nicht

zu 100 % aber weitestgehend dafür, dass bei Neubauten fossile Energieträger im Regelfall nicht

mehr zur Anwendung kommen. Es sind nun nicht nur Ölheizungen verboten und auch bei

Sanierungen untersagt, sondern vor allem auch Gasetagenheizungen. Mit Energieraumplänen

können wir nun sicherstellen, dass in weiten Teilen der Stadt Abwärmenutzung und vor allem

erneuerbare Energieträger in der Wärme- und in der Warmwasserversorgung eingesetzt werden.

Es ist bezeichnend für die aktuelle Politik, dass darüber überhaupt nicht geredet wird.

Der Wärmebereich verbraucht mehr Energie als der Verkehrssektor, wenn er auch weniger

CO2 produziert. Unsere Maßnahme ist so einschneidend als ob wir sagen würden, ab 2019 werden

keine Autos mit Verbrennungsmotoren – mit Ausnahme von Feuerwehr, Rettung und noch

ein paar Transportfahrzueugen – mehr zugelassen. Man stelle sich das vor – genau das machen

wir im Gebäudesektor.

Weiters haben wir Maßnahmen gegen die Flächenverschwendung erlassen, die erreichen

sollen, dass die Errichtung von einstöckigen Einkaufszentren in Betriebsgebieten erschwert

wird, indem die Begrenzung, ab der eine Widmung als Einkaufszentrum notwendig ist, von

2.500 auf 1.000 m 2 herabgesetzt wird.

Nun zum Kern der Novelle, dem sozialen Wohnbau. Boden ist bekanntlich keine vermehrbare

Ressource. Die verstärkte Nachfrage nach Wohnraum und damit nach Boden hat vor

allem in den letzten Jahren zu einem dramatischen Preisanstieg der Bodenpreise geführt, die

eins zu eins auf die Wohnungen überwälzt werden. Das hatte zur Folge, dass der Anteil

des geförderten Wohnbaus in den letzten 10-15 Jahren von ca. 2/3-3/4 auf unter ein Drittel

zurückgegangen ist. Es wird derzeit insgesamt zwar genug gebaut, aber nicht annähernd genug

im Mietpreissegment des geförderten Wohnbaus. Wien hat einen starken Überhang an Eigentumswohnungen

in der Kategorie von 4.000-7.000 EUR/m 2 .

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Christoph Chorherr — »Man ist nur dann OHNMÄCHTIG, wenn man glaubt es zu sein.«

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