Nr. 25 (II-2019) - Osnabrücker Wissen

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Kunst und Kultur

WO FANDEN WILDDIEBE

EIN HAPPY END?

Anfang der 1770er Jahre machten sich zwei Juristen daran, einen Text für Johann Gottlieb Nicolai,

den Konzertmeister der Münsterschen Hofkapelle, zu schreiben: Der Osnabrücker Winold Wilhelm

Stühle und sein Münsteraner Kollege Anton Matthias Sprickmann.

„Die Wilddiebe“ erzählt eine von den

Ideen der Aufklärung inspirierte, aber

ziemlich konventionelle Geschichte

aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.

Der reiche Edelmann von

Treuheim ist des verlogenen höfischen

Lebens überdrüssig und stürzt sich in die

Arme der Natur. Auf dem Land findet

er wieder zu sich selbst und lernt außerdem

die gefühlvolle Wirtstochter Gretchen

kennen.

Doch liebt sie ihn auch um seiner selbst

willen? Treuheim verkleidet sich als

Jäger Jürgen, wird für einen Sittenstrolch

und Wilddieb gehalten, bekommt am

Schluss aber sein Gretchen und teilt

das ansehnliche Vermögen mit den

begeisterten Untertanen. Ein launiges

Quartett besiegelt das glückliche Ende:

O möchte sich ein Jeder üben

Die Tugend ohne Schmink zu lieben;

Dann fühlte Jeder diese Lust.

Das Textbuch erschien 1774 bei Heinrich

Philipp Perrenon in Münster und trug

auf dem Deckblatt die Bezeichnung

„Operette“. Die Gattung, die wir heute

unter diesem Namen kennen, wurde

erst Jahrzehnte später erfunden –

gemeint war hier ein kurzes Singspiel,

für das Johann Gottlieb Nicolai (1744-

1801) einige Musikstücke komponierte,

die auch auf der Bühne ein positives

Echo fanden.

Die Gesangstexte stammten von

Winold Wilhelm Stühle (1750-1828),

der sich eine Auszeit vom juristischen

Alltagsgeschäft gönnte. Ansonsten

publizierte Stühle, von dessen Lebensumständen

leider wenig überliefert ist,

vorwiegend Fachliteratur - unter anderem

über die Verdienste seines Landmanns

Justus Möser. Die eingängigen

Verse der „Wilddiebe“ trugen ihm ein

Sonderlob in Christoph Martin Wielands

„Teutschem Merkur“ ein. Sie seien

„das Beste“ an diesem Singspiel stand

dort 1775. Stühles Autorenkollege war

gleichwohl der versiertere Literat. Anton

Matthias Sprickmann (1749-1833)

arbeitete zwar ebenfalls als Jurist, bekleidete

Lehrstühle in Münster, Breslau

und Berlin und wurde Hof- und Regierungsrat.

Er schrieb aber auch zahlreiche

Gedichte und Theaterstücke, war mit

Goethe befreundet und förderte später

junge Schriftsteller wie Annette von

Droste-Hülshoff. „Die Wilddiebe“

verschwanden in den Archiven, wurden

aber mittlerweile von mehreren Bibliotheken

digitalisiert. So wird das kleine

Werk der Nachwelt noch lange erhalten

bleiben … .

Autor: Thorsten Stegemann

Die Wilddiebe, Lithografie um 1830

Lithografie © Louis Kramp

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Osnabrücker Wissen | Ausgabe II 2019

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