The Red Bulletin November 2019 (DE)

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Sie kann die Luft 6:12 Minuten lang anhalten.

Länger als jeder andere in Deutschland. Wenn

Anna von Boetticher, 49, jedoch gerade nicht

unter Wasser ist, sprudelt es dafür nur so aus

ihr heraus. Dann erzählt sie mit Begeisterung

(und eigentlich auch ohne Luft zu holen) von der Faszination

für das Tauchen, die sie schon im Pool ihrer Eltern

verspürt hat. Und wie sie zufällig zum Apnoetauchen,

also dem Tauchen ohne Pressluftflasche, gekommen ist.

Gerade einmal zehn Jahre ist das her. Seitdem hat sie unglaubliche

33 deutsche Rekorde sowie einen Weltrekord

aufgestellt und drei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften

gewonnen. Von Boetticher gehört damit zu den

besten Apnoesportlern überhaupt, obwohl sie – statt für

Wettkämpfe zu trainieren – viel lieber an ungewöhnlichen

Orten taucht. So wie dieses Jahr in Grönland, wo sie sich

mit Tauchpartner und Fotograf Tobias Friedrich tief in

einen zugefrorenen Fjord wagte.

the red bulletin: Frau von Boetticher, Sie können

überall auf der Welt tauchen – und fliegen ausgerechnet

an einen eiskalten Ort. Warum?

anna von boetticher: Schon als Kind hatte ich eine

Sehnsucht nach den wilden Orten dieser Welt. Und ich

habe mich auch schon immer gefreut, wenn es geschneit

hat. Ich liebe Schnee! Der Zeitpunkt, nach Grönland zu

reisen, war ausserdem genau richtig. Ich hatte eine harte

und turbulente Zeit hinter mir und das Bedürfnis nach

Ruhe im Kopf. Die finde ich am besten in den EXtremen

der Natur. In Grönland, in dieser monochromen, sehr

reduzierten Welt, der ich mich sowohl körperlich als auch

geistig aussetzen musste, stand einfach alles andere still.

Ihr Basislager hatten Sie in Tasiilaq aufgeschlagen,

einem Ort, der sechs Monate im Jahr vom Eis eingeschlossen

ist. Im Grunde unvorstellbar, dort

tauchen zu gehen. Was war für Sie eigentlich die

grösste Herausforderung bei der Expedition?

Für mich war es vor allem die Frage, wie ich mich bei

minus 27 Grad Aussentemperatur warm halten kann.

Darauf habe ich mich akribisch vorbereitet. Ein Beispiel:

Vor dem Apnoetauchen ist es besser, wenn man nichts

im Magen hat. Ich wusste aber, das funktioniert nicht,

wenn ich sieben Stunden in der Kälte stehe und nicht

frieren will. Ich musste also unfassbar viel und energiereich

essen: Erdnussbutter, Haferflocken, Zucker. Und

ich hatte Lagen um Lagen an Kleidung an. Es ging auch

darum, sehr genau einschätzen, wie lange ich im Wasser

bleiben kann. Das war schon alles sehr extrem und an

der Grenze von dem, was man sich zumuten kann.

Das Wasser auf Brille

und Anzug gefriert

nach dem Auftauchen

sofort zu Eis.

30 THE RED BULLETIN

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