The Red Bulletin November 2019 (DE)

online.magazines

«Man muss sich selbst

fordern. So lernt man,

Ruhe zu bewahren.»

Aber geht es beim Apnoetauchen nicht genau darum:

Grenzen zu überschreiten?

Natürlich will ich den einen Meter mehr schaffen, und

klar ärgert es mich, wenn ich nicht besser als letztes Mal

und tiefer als alle anderen getaucht bin. Aber man muss

ehrlich zu sich sein: Wie ist mein körperlicher Zustand,

wie sind die äusseren Umstände, und wie reagiere ich

darauf? Dann erst kann ich eine objektive Entscheidung

treffen, die nicht von Gefühlen oder meinem Ego getrieben

wird. Diese Kontrolle zu haben ist eines der Geheimnisse

des sicheren und erfolgreichen Apnoetauchens.

Angenommen, ich bin bereit, über meine Grenzen

hinaus zugehen. Wie gelingt mir der letzte, der entscheidende

Schritt?

Das ist ganz viel Selbsterfahrung und ein Verständnis

dafür, was im Körper passiert. Beim Apnoetauchen überwindet

man jedes Mal den Urinstinkt des Atmenwollens:

Muss ich wirklich schon atmen, oder ist das ein Fehlalarm?

Wie wenn die Beine nach zwei Stockwerken weh

tun, man aber trotzdem noch in die vierte Etage geht.

Okay, aber beim Treppensteigen fällt es mir leichter,

mich zu überwinden. Da kann ja eigentlich nicht viel

schiefgehen. Notfalls setze ich mich halt hin.

Im Grunde ist es dasselbe Erlebnis wie beim Luftanhalten:

zu merken, dass man einen Instinkt überwinden kann

und dass in diesem Moment sowohl körperlich als auch

geistig viel mehr möglich ist, als man gedacht hat. Beim

nächsten Mal stelle ich mich einer neuen Situation dann

schon mit mehr Selbstvertrauen.

Was, wenn ich trotzdem nervös bin oder vielleicht

sogar Angst habe – wie kann ich im entscheidenden

Moment ruhig bleiben?

Zu einem gewissen Grad bringt man die Ruhe mit. Aber

jeder Mensch kann dazulernen. Dafür muss man sich

eben ab und zu fordern und sich neuen Dingen aussetzen.

Dabei lernt man, mit dem Gefühl des Unwohlseins, das

wir alle haben, klarzukommen und trotzdem aktiv zu

handeln. Wer sich bewusst mehr Stresssituationen aussetzt,

wird also irgendwann mehr Ruhe bewahren.

Sie bleiben also immer ganz cool?

Beim Apnoetauchen hatte ich tatsächlich noch nie Panik.

Ich habe schon immer mit sehr viel Ruhe auf Probleme

unter Wasser reagiert, ich bin beim Tauchen mental

sehr stark. Interessanterweise überträgt sich das auf

mein restliches Leben. Ich habe durchaus Angst, aber ich

hebe sie mir für später auf. Übrigens habe ich auch mal

einen psychologischen Test gemacht – ich bin ganz durchschnittlich,

was das angeht. Ich habe normale Angst.

Einmal probiert, nie wiederholt: Umziehen auf dem Eis. Viel zu kalt

Sie stellen sich ja auch oft neuen Herausforderungen

– als Trainerin für die Bundeswehr etwa.

Stimmt. Ich arbeite unter anderem mit den Kampfschwimmern

und Minentauchern zusammen. Eine

rie sige Herausforderung und eine Zusammenarbeit

auf sehr hohem Niveau. Da geht es auch genau darum:

Wie lernt man den Panikinstinkt zu beherrschen, der

einem diktieren will, wie man reagieren soll?

Und was lernen Sie dabei?

Für mich ist beeindruckend, mit wie viel Ruhe die Ausbilder

und Soldaten vorgehen. Dort gibt es eine besondere

Art, die Leute zu fordern und zu unterstützen. Der Ausbilder

steht am Beckenrand und verzieht keine Miene,

sagt nichts, und trotzdem wissen alle, was angesagt ist.

Das habe ich mir abgeschaut: über die Art, wie ich mich

verhalte, zu beeinflussen, wie viel Druck ich aufbaue –

ganz ohne Worte.

Gibt es eigentlich etwas, was Sie nach all den Tauchgängen

noch überrascht?

Das Erlebnis der Unterwasserwelt ist jedes Mal intensiv

und wunderschön und anders. Es ist schwierig, das mit

irgendetwas zu vergleichen. Man gehört da als Mensch

nicht hin, kann sich aber trotzdem so weit anpassen,

um dort etwas Zeit zu verbringen. Das fasziniert mich

immer wieder.

annavonboetticher.com

THE RED BULLETIN 33

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine