The Red Bulletin November 2019 (DE)

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Zenit bedeutet ja, dass das Ziel, der Höhepunkt

erreicht ist. Befürchtest du, das alles nicht mehr

toppen zu können?

Die Befürchtung hat jeder. Ich bin alt genug, um

schon einmal ein Hoch und ein Tief gehabt zu haben.

Und ich weiss: Das ist hart. Dein Künstlerimage

verwächst mir dir, vor allem wenn du im Leben

nichts anderes machst. Und wenn du plötzlich in der

Öffentlichkeit weniger wert bist, weil deine Musik

nicht mehr so erfolgreich ist, musst du stark sein,

um das irgendwie trennen zu können. Ich weiss,

dass ich mich damit schwertue. Aber du musst es

akzeptieren und dich darauf vorbereiten, dass es

bergab gehen kann.

Das Beste zum Schluss

«Zenit» – RAF Camoras neues Album

Aufgenommen zum Teil in den Red Bull Studios

Tokio (Bild), angekündigt vor tausenden Fans

in Wien: Am 1. November erscheint RAF Camoras

finales Album «Zenit».

Hat das was mit dem Alter zu tun?

Wenn ich 24 wäre, könnte ich sagen: Okay, wenn das

jetzt wieder runtergeht, kann RAF Camora vielleicht

noch mal zurückkommen. Aber irgendwann ist es

auch eine Frage von Authentizität. Dann fragt man

sich: Bin ich das noch, oder bin ich das nicht mehr?

Jetzt bin ich’s noch. Aber am 18. 12. 2020, wenn ich

das Kapitel schliessen will, geh ich auf die 37 zu.

Und das ist dann der Moment, wo ich sage: Bis hierhin

war es super. Aber wenn ich weitergehen würde,

wäre ich als RAF Camora nicht mehr hungrig genug.

Stell dir vor, Kurt Cobain hätte noch mit fünfzig über

den Hass der Jugend gesungen.

Du warst Anfang des Jahres Teil der grössten

Tour, die Deutschrap je gesehen hat, mit mehr

als 200.000 verkauften Tickets. Kann man da

wirklich aufhören? Ist das nicht eine Sucht?

Ich hör nicht auf, ich beende ein Kapitel als Künstler

RAF Camora. Ich bin weiter Produzent. Ob dann

auch noch meine Stimme zu hören ist, ob ich eine

Band gründe, das wird sich alles zeigen. Ich lebe

Musik, ich atme Musik, ich mach Musik, seit ich vier

Jahre alt bin. Ich werde Musik machen, aber nicht

das, was RAF Camora jetzt macht.

Also auch keine Reue in Sicht, was diese Entscheidung

betrifft?

Nein, der Wunsch, das Kapitel zuzumachen und ein

neues zu öffnen, ist stärker. Ich bin auf Kommerzialität

nicht mehr angewiesen. Ich hab mit Musik, die

mir gefällt, so viel Erfolg gehabt, dass ich niemandem

mehr was beweisen muss. Ich könnte danach Musik

mit dem Xylophon machen und nur eine CD verkaufen,

wenn mir das Spass macht. Ich mach damit

RAF Camora nicht kaputt. Das ist dann fertig, gestanden,

der Stempel ist drauf. Ich kann’s nicht mehr zerstören.

Im Gegenteil: Ich könnte viel mehr zerstören,

wenn ich noch weitermachen würde.

Verzichtest du auf Geld?

Ja. Auf Millionen, mehrere Millionen.

Was ist dir wichtiger: Geld zu machen oder ernst

genommen zu werden?

Ernst genommen zu werden. Hundertprozentig.

Nicht die Leute auf der Strasse, das ist mir scheissegal.

Ich will mich selber ernst nehmen können. Ich

hab die Phase von Selbsthass schon durch. Ich weiss,

wie es ist, etwas zu machen, hinter dem du nicht stehen

kannst. Dann stehst du vor dem Spiegel, und du

hast nichts.

«Ich muss mich

häuten. Sonst habe

ich das Gefühl,

stecken zu bleiben.»

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