The Red Bulletin November 2019 (DE)

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Von der Tribüne aus sehen die drei hockenden

Sumō-Ringer wie riesige Medizinbälle aus.

Der Kontrast zwischen diesem Anblick und

der Umgebung könnte kaum extremer sein.

Wir sind hier in Kalifornien – in der Arena der

California State University in Long Beach,

um genau zu sein. In der pyramidenförmigen

Halle trainieren eigentlich die Basketball-

und Sportteams der Long Beach State 49ers.

Das Innere der Walter Pyramid mit ihren

4000 Sitzplätzen zieren gold-schwarze «Go Beach»-Banner, es

gibt einen Popcornstand, und an jeder Ecke verkaufen sie Hotdogs

und Softdrinks.

Kurz: Amerikanischer geht es fast nicht. Umso mehr stechen

die zwei japanischen und der mongolische Ringer auf dem

polierten Holzboden mit den schwarzen Markierungen eines

Basketballfeldes hervor.

Die drei Athleten sind der 1,84 Meter grosse Byambajav Ulambayar

aus der Mongolei, der 1,92 Meter grosse Hiroki Sumi aus

Japan und der mit 1,70 Metern verhältnis mässig gedrungene

Takeshi Amitani – fünfmaliger japanischer National University

Champion. Sie treten an diesem Nachmittag im März zu den

19. jährlichen US Sumo Open an, dem grössten und ältesten

Sumō-Turnier ausserhalb Japans.

Die Teilnehmer bringen es auf insgesamt 18 Sumō-Weltmeistertitel

und kommen aus Ländern wie Japan, der Mongolei,

Indien, Ägypten, Tadschikistan, Georgien, der Ukraine, Norwegen

und Deutschland. Diese bunte Mischung sollte einen nicht verwundern:

Sumō befindet sich mehr als andere Sportarten im

Umbruch. In Japan werden die besten Ringer des Landes regelmässig

von Quereinsteigern aus Russland, der Mongolei und der

Ukraine bezwungen. In diesen Ländern hat man den japanischen

Nationalsport für sich entdeckt und hegt grosse Ambitionen.

Die Dominanz der Nicht-Japaner ist sogar so gross, dass Japan

2017 erstmals seit zwanzig Jahren wieder einen «Yokozuna» (den

höchsten Rang im Sumō) feiern konnte: Kisenosato Yutaka. Als

sich Yutaka im Januar 2019 mit 32 aus dem Profisport zurückzog,

machten zwei Mongolen das Rennen um den Spitzenplatz unter

sich aus. Diese Entwicklung ist typisch für die Veränderungen

im Sumō: Der traditionsreiche Sport wandelt sich, um weltweit

einem breiteren Publikum zugänglich zu werden. Nirgendwo

wird dies so deutlich wie auf den US Sumo Open.

Jedes Kilo zählt

Zwei Tage vor dem Start der 19. US Sumo Open treffen wir in der

Walter Pyramid einige der renommiertesten Turnierteilnehmer

bei der Abwaage an. Der 35-jährige Ulambayar hat ein Gewicht

von 161 Kilo. «Ich bin viel zu schlank», scherzt er, zieht sich einen

violett geblümten Mantel über und schreitet stolz davon.

Als Nächster steht Hiroki Sumi auf die Waage. Der immerzu

grinsende 29-Jährige greift seinen üppigen Bauch mit beiden

Händen. Mit 220 Kilo ist er einer der schwersten Ringer des

Wettkampfs. Der 26-jährige Takeshi Amitani qualifiziert sich mit

seinen 100 Kilo für die Mittelgewichtsklasse. Er ist gut aussehend

und muskulös, die Haare zurückgekämmt, ein Blumenkohlohr

links, ein Auge von einer Verletzung leicht geschwollen.

Wir unterhalten uns mit ihnen, wobei Amitani die Übersetzungsarbeit

übernimmt. «Ich trainiere sehr hart», sagt er für

Sumi. «Ich stemme 90 Kilo auf der Bank, auf die Schulterpresse

lade ich 60 Kilo und auf die Beinpresse 140.» Während er spricht,

macht Sumi die entsprechenden Bewegungen, wobei seine

Muskeln deutlich und eindrucksvoll hervortreten.

Dann zeigt er auf sein rechtes Knie, über das sich in Zickzacklinie

eine Narbe zieht. Deshalb musste er Kreuzheben und Kniebeugen

aufgeben.

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