Erfolg Magazin Ausgabe 6-2019

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JEANETTE BIEDERMANN: Musik und Liebe
HARALD GLÖÖCKLER: Bleib dir selbst treu!
MICAELA SCHÄFER: Das nackte Leben
TOKIO HOTEL: Erfolgsstory

Story

Konzentriere

dich auf das

Wesentliche

Jeanette Biedermann im Interview

Bilder: Harald Engel

Witzig, dass du in dieser Situation sitzt.

Du hast ja ursprünglich mal eine Ausbildung

zur Friseurin bei Udo Waltz angefangen,

oder?

Ja genau, aber nicht, weil ich gerne

Friseurin werden wollte. Als ich

sagte, für mich ist klar, dass ich

Sängerin zu werden möchte, und

das war wirklich schon sehr früh

der Fall, meinten meine Mutter

und mein Vater, das ist zwar superschön,

aber lerne doch noch

was Handwerkliches, falls der

Plan nicht aufgeht. Dann hab ich

ein bisschen widerwillig überlegt,

was ich denn machen kann, was

mir vielleicht auch für später was

nützt. Und dann dachte ich, es ist

als Frau schon gut zu wissen, wie

man sich zurecht macht.

Aber die Lehre hast du nicht zu Ende

geführt, sondern bist doch in deiner Leidenschaft

aufgegangen.

Ich habe nach eineinhalb Jahren Lehre einen

Plattenvertrag bekommen.

Krass. Würdest du das auch anderen

Menschen empfehlen, die einen Beruf

wegen dem Elternhaus machen, aber

eigentlich sagen, sie haben eine andere

Leidenschaft? Würdest du ihnen sagen,

folg deiner Leidenschaft, auch, wenn du

den Wunsch deiner Eltern nicht erfüllst?

Das ist eine persönliche Sache, die jeder

für sich selbst entscheiden muss. Man

weiß natürlich nie und auch ich wusste

nicht, was passieren würde. Ich habe mich

entschieden, das zu machen. Jeder muss

selber entscheiden, wieviel Risiko er auf

sich nimmt.

Als Musikerin befasst man

sich zu hundert Prozent,

die ganze Zeit mit seinem

Innenleben, mit sich selber,

mit den Dingen, die

man sagen will, mit Dingen,

die man verarbeitet.

Wie hoch war dein Ehrgeiz-Level? Der

ist bestimmt allgemein sehr hoch, aber

war das damals schon so?

Ich würde mich jetzt nicht als hyper-ehrgeizig

beschreiben, sondern eher als leidenschaftlich.

Ich muss das tun, was ich tue, weil

ich ohne Musik nicht leben kann. Auch wenn

ich mal Pause gemacht und gesagt habe, ich

muss jetzt runterfahren, kam immer der

Moment, wo ich dringend Musik brauchte

und schreiben musste, was raus wollte.

Aber das Ganze als Karriere im Musikbusiness

zu machen ist ja nochmal eine

Schippe drauf. Da geht es ja schon um

Preis bezahlen und man muss Gas geben,

oder?

Preis bezahlen – das liegt immer alles in unseren

Händen, wenn wir uns dafür entscheiden.

Und wenn wir das nicht mehr wollen,

müssen wir das nicht mehr machen. Wenn

die Leute sagen: „Meine Plattenfirma hat

mich vergewaltigt und ich wollte das

alles gar nicht“ - das kann ich nicht

akzeptieren, weil wir alle volljährig

sind. Auch ich war volljährig, als ich

meinen ersten Plattenvertrag unterschrieben

habe, ich konnte lesen und

hatte auch jemanden an meiner Seite,

der solche Verträge versteht und mir

übersetzt hat. Ich habe zu jeder Zeit

die Möglichkeit gehabt, zu sagen, ich

will das nicht.

Du hast ja dann parallel Musik

und Schauspiel gemacht. War das

Interesse an beiden Dingen gleich

hoch?

Das sind ja zwei ganz unterschiedliche

Sachen. Als Musikerin befasst man sich

zu hundert Prozent, die ganze Zeit mit

seinem Innenleben, mit sich selber, mit

den Dingen, die man sagen will, mit Dingen,

die man verarbeitet. Als Schauspielerin

gab es für mich die Möglichkeit, dem

auch mal zu entfliehen, mal ein bisschen

Abstand von mir selber zu nehmen und in

eine ganz andere Person reinzuschlüpfen.

Das war immer ein schöner Ausgleich für

mich und darum konnte ich davon nicht

die Finger lassen.

Hilft dir das denn umgekehrt auch in

deiner Musikkarriere?

Auf jeden Fall, weil irgendwann auch wieder

der Drang kommt, sich mit seinem Inneren

zu beschäftigen.

ERFOLG magazin . Ausgabe 06/2019 . www.erfolg-magazin.de

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