2019/45 - Ein Land

suedwest.presse

Ostblick

Die Mauer ist weg. Der Graben auch? Drei

Zeitungen, ein Projekt – von Volontär*innen,

die nach 1989 aufgewachsen sind.

Das

Wende-

Magazin


INHALT & EDITORIAL – Ein Land 3

Inhalt

Im September trafen sich Volontär*innen und Redakteur*innen der Märkischen Oderzeitung,

Lausitzer Rundschau und Südwest Presse in Zwickau. In der sächsischen Stadt besprach das Team

die finalen Details des Magazins.

Foto: Julia Siebrecht

Vom Osten betrachtet

04 Der Fluchtgrund

Henryk Müller floh in den

Westen – und zog zurück in

den Osten. Ein Trip durch

das ehemalige Sperrgebiet.

08 Liebe im

Sperrbezirk

Giesela und Meinhard

Schmechel lernten sich in

komplizierten Zeiten kennen.

Eingezäunt in Rüterberg.

10 Zurück nach Hause

Viele Deutsche verlassen

ihre Heimatorte. Für Rückkehrende

gibt es Hilfe von

Initiativen.

Impressum

Verlag & Herausgeber

Neue Pressegesellschaft

mbH & Co. KG

Frauenstr. 77, 89073 Ulm

Projektleitung

Magdi Aboul-Kheir, Bodo

Baumert, Lisa Mahlke,

Matthias Stelzer

12 Ein Schnipsel

Leben

Bis heute suchen Tausende

nach Antworten – durch

Einsicht in ihre Stasi-Akten.

15 Umfrage zur

Wendezeit

16 Die Kämpferinnen

Sie wollten Anerkennung.

Über zwei Frauen, die in der

DDR ihren Platz suchten.

20 Einer Kleinstadt

reicht’s

Ein Vater und sein Sohn demonstrierten

1989 – und sie

tun es heute wieder.

Anzeigen (verantwortlich)

Stefan Schaumburg

Redaktion

Ulrich Becker, Oliver

Haustein-Teßmer, Claus

Liesegang

Gestaltung

Franziska Oblinger, Nadine

Spreng, Michael Zülzke,

Max Meschkowski

Titelgrafik

Beniamino Raiola

Datenschutz

Den Datenschutzbeauftragten

erreichen Sie unter:

datenschutz@swp.de

22 Früher, heute

Die Grenze prägte den Alltag

der Menschen in Ost und

West. Bilder zeigen, was sich

verändert hat.

24 Zusammenwachsen

mit Narben

Es gibt eine „Schule der Einheit“,

doch sie wurde fast

geschlossen.

26 „Die Mauer fiel nur

für mich“

Das Regime zerschlug die

Hoffnung eines jungen Paares.

Dann kam die Wende.

Druck

Konradin Druck GmbH

Kohlhammerstraße 1-15

70771 Leinfelden-Echterdingen

November 2019

Editorial

Liebe Leser*innen,

heute ist die Mauer bereits zwei

Jahre länger Geschichte, als sie

einst traurige Realität war. Genau

vor 30 Jahren wurde sie geöffnet,

die Teilung zweier deutscher

Staaten fand ein friedliches

Ende. Menschen fielen sich

am 9. November 1989 erstmals

nach 28 Jahren wieder in die

Arme. Es wurde viel geweint,

gelacht und getanzt. Der Traum

vom geeinten Deutschland

schien Wirklichkeit zu werden.

In manchen Köpfen besteht

die Mauer trotz deutsch-deutscher

Wiedervereinigung weiterhin.

Und auch so gelten heute

Menschen in Ost und West

vielmals voneinander getrennt.

Im vereint geglaubten Land gibt

es immer noch eine Ungleichheit

bei den Löhnen, und Klischees

auf beiden Seiten. Was

zusammengehört, ist längst

nicht wieder so zusammengewachsen

wie erwartet.

Doch wir sind es: 22 Volontär*innen

der Märkischen Oderzeitung,

Lausitzer Rundschau

und Südwest Presse, fast ausschließlich

nach der Wende geboren.

Als Redakteur*innen von

Ein Land“ haben wir in Hitzacker

(Niedersachsen) und im

östlich gelegenen Zwickau gemeinsam

Geschichte aufgearbeitet

und an Geschichten geschrieben:

miteinander für ein

multimediales Wendemagazin,

das die vergangenen Jahrzehnte

in Augenschein nimmt und

Menschen aus heutiger Sicht

über Flucht, Heimatverbundenheit

und persönliches Leid berichten

lässt.

Das Wendemagazin ist von

beiden Seiten aus lesbar – es

stellt klar: In Ost und West wurde

gleichermaßen gestritten, geliebt,

auf bessere Zeiten gehofft.

Aus unserer Sicht könnten bald

schon letzte Mauern in den

Köpfen überwunden sein.

Um unseren Teil dazu beizutragen,

verwenden wir den Genderstern.

Anders als vor 30 Jahren

ist die Vielfalt der Geschlechter

– nicht nur bestehend

aus Männern und Frauen – für

uns heute Realität. Auf dass unser

Land weiter in Freiheit zusammenwächst:

gelebte Einheit.

Ein Land.

Annika Funk,

Jana Reimann-Grohs

Volontärinnen

Märkische Oderzeitung


Überall Wald und Wiesen.

„Irgendwo hier muss es

gewesen sein.“

Der Fluchtgrund

Freiheit Kurz vor dem Mauerfall floh Henryk Müller nach Westdeutschland. Die Geschichte

eines Mannes, der stundenlang durchs Sperrgebiet irrte, nach Schwaben zog und heute

wieder im Osten lebt. Von Luca Stettner und Moritz Clauß

Hier irgendwo muss

das gewesen sein“,

sagt Henryk Müller.

Der kleine, kräftige

Mann steht auf einer

großen Wiese, ringsherum dichter

Nadelwald. „Hier irgendwo

muss das gewesen sein“, diesen

Satz wiederholt der 53-Jährige

oft an diesem sonnigen Nachmittag

im September. Er sucht

am Waldrand und im Gebüsch,

fährt mit seinem Geländewagen

über schmale Wege, hält mehrfach

an, steigt aus. Hier, irgendwo

im Grenzgebiet zwischen

Thüringen und Bayern, erlebte

Müller am 10. Januar 1989 die gefährlichsten

Stunden seines Lebens.

Doch die Landschaft hat

sich in mehr als 30 Jahren stark

verändert. Der Jungwald versteckt

die Vergangenheit. Und

Müller sucht.

Er wächst in der DDR auf, im

beschaulichen Rudolstadt in

Thüringen. Mit seinen Freunden

baut Henryk Baumhäuser, seine

Eltern lassen ihm alle Freiheiten.

„Ich hatte eine herrliche

Kindheit“, sagt er heute. Auch

seine Jugend sei „eigentlich

schön“ gewesen. Doch mit der

Zeit reibt Henryk sich am

DDR-System, sein FDJ-Hemd

trägt er nur widerwillig. Stolz ist

der junge Mann auf seine Jeans,

die ihm Brieffreund*innen der

Familie aus Süddeutschland

schicken. Nach dem Realschulabschluss

macht er eine

Ausbildung als Bauverarbeiter

– und fühlt sich zunehmend eingeengt

vom Staat.

„Wenn du etwas nicht darfst,

beißt du dich daran fest“, erklärt

er. Henryk will mehr dürfen,

nicht nur in Ungarn und in der

Tschechoslowakei Urlaub machen.

1986 und 1987, mit Anfang

20, stellt er mehrere Ausreiseanträge.

Alle werden abgelehnt.

Aus Verzweiflung betritt er zusammen

mit seinem Schwager

Jens die Botschaft der BRD in

Ost-Berlin. Sie betteln darum,

ausreisen zu können. Die Botschaftsmitarbeiter

schicken die

jungen Männer nach draußen,

wo die Polizei bereits wartet

und sie vorläufig festnimmt.

Henryk erkennt: „Das bringt alles

nichts.“

Leichtsinnig entschieden

Mit seinem Schwager ärgert er

sich „über das Scheiß-Regime“,

über die staatliche Bevormundung.

Sie stacheln sich gegenseitig

an, wollen nicht mehr in

der DDR leben. Lange Zeit reden

die beiden nur. Dann muss

Henryk zur Musterung. Er befürchtet,

im Gefängnis zu landen,

wenn er den Wehrdienst

verweigert, und beschließt zu

fliehen.

Das sei schon leichtsinnig gewesen,

sagt Müller heute. „Aber

ich hatte nichts zu verlieren.“

Der 53-Jährige spaziert von der

Wiese, geht vorbei an mehreren

Hochsitzen, hinein in den Wald.

„Das war damals alles freigeschnitten,

da konnte man richtig

weit sehen“, erzählt er. Jetzt

sieht man nur Bäume und eine

kaputte grüne Gießkanne aus

Plastik, die verlassen auf dem

Waldboden steht.

Die beiden DDR-Bürger

schmieden Fluchtpläne. Erst

überlegen sie, sich in einem

Hackschnitzel-Transporter zu

verstecken, der nach Österreich

fährt. Aber das scheint ihnen zu

riskant: An der Grenze könnten

sie von den Stäben getroffen

werden, mit denen die Kontrolleure

die Ladung abtasten. Die

zwei verwerfen die Idee und

entwickeln eine neue. Mit so

wenig Material wie möglich

wollen sie über den Grenzzaun

gelangen. Zwei Stricke und einen

Bolzenschneider, mehr wollen

sie nicht mitnehmen.

Ihre Flucht proben die Männer

heimlich in einer Scheune,

klettern über Wochen immer

und immer wieder die Stricke

hinauf. Müllers Schwester und


FOTOS: MORITZ CLAUSS

seine Mutter sind in die Pläne

eingeweiht. Die Mutter versucht,

ihm die Flucht auszureden.

Vergeblich.

Gemeinsam mit seinem

Schwager bricht Henryk am

10. Januar 1989 früh morgens auf.

Sie schlüpfen in Armeeuniformen,

die Jens besorgt hat, und

fahren in die Grenzstadt Sonneberg.

Ihren Trabi stellen die beiden

gegen vier Uhr vor der örtlichen

Kaserne ab. Dann verlassen

sie zu Fuß die Stadt und betreten

das Sperrgebiet vor der

Grenze. Es ist neblig und kalt,

auf der Suche nach dem ersten

Grenzzaun irren sie stundenlang

durch den Wald – voller

Angst, entdeckt zu werden. Er

habe unglaubliche Bauchschmerzen

gehabt, erzählt Müller:

„Als müsste ich jeden Moment

kotzen.“

Im Gebüsch versteckt

September 2019. Wieder sucht

Henryk Müller den Zaun. Nur

trägt er diesmal keine Uniform,

sondern kurze Hosen und Sonnenbrille.

Statt der ehemaligen

Grenze findet er wilde Brombeersträucher.

Der 53-Jährige

pflückt die Beeren einzeln, sammelt

sie in der rechten Hand,

isst eine nach der anderen unter

blauem Himmel. „Schöne

Ecke“, sagt er. Und: „Das muss

hier irgendwo gewesen sein.“

Gegen elf Uhr erreichen die

jungen Männer auf ihrer Flucht

den ersten Signalzaun. Sie verstecken

sich hinter Büschen,

überlegen, wie sie nun vorgehen

"

Ich hatte

große Angst,

dass jemand

auf mich

schießt.“

sollen. Schnell ist klar: Mit den

Stricken kommen sie nicht über

den Zaun. Der 22-jährige Henryk

fürchtet sich, er will umkehren.

Doch Jens überzeugt ihn, zu

bleiben. Dann haben sie eine

neue Idee.

Mit dem Bolzenschneider lösen

die Männer eine etwa sechs

Meter hohe Holzleiter von


6

Ein Land – REPORTAGE

einem nahegelegenen Hochsitz,

die sie zum Zaun schleppen.

„Die war sauschwer“, erinnert

sich Müller. Mit aller Kraft stellen

sie die Leiter senkrecht auf

und lassen sie in den Zaun fallen.

Sie sind sich sicher, dass sie

damit einen Alarm ausgelöst haben.

Schnell klettern Henryk

und Jens die Leiter nach oben

und lassen sich auf der anderen

Seite auf den Boden hinab. „Ich

hatte große Angst, dass jemand

auf mich schießt“, sagt Müller

heute.

Henryk und Jens erreichen

eine Hügelkuppe, spurten übers

freie Feld. Dann kommen die

Flüchtigen an eine Panzerstraße.

Unten in der Senke liegt der

Grenzort Heinersdorf, dort sind

Grenztruppen stationiert. Die

jungen Männer beobachten, wie

Soldaten in mehrere Lkw steigen

und ausrücken. Henryk und

Jens verstecken sich in einer

Kuhle, warten leise ab, was passiert.

Der Grenztrupp fährt auf

die beiden zu – und an ihnen

vorbei. „Wenn die uns gesehen

hätten, wäre für uns Schicht im

Schacht gewesen.“

In Heinersdorf steht bis heute

ein Stück Mauer. Auch die

Panzerstraße gibt es noch. Henryk

Müller fährt sie mit dem Geländewagen

entlang, es geht

steil bergauf. Oben auf dem Hügel

endet der Belag, mit Allradantrieb

fährt Müller auf dem

von Löchern durchzogenen

Waldweg weiter, sein Schlüsselbund

klappert rhythmisch gegen

das Armaturenbrett. Müller

sagt: „Das hätte ich auch nicht

gedacht, dass ich hier mal mit

dem Auto fahre.“

Gedenken am

Ortsrand

Heinersdorf liegt in Thüringen,

direkt an der

Grenze zu Bayern. Während

der Teilung Deutschlands

lag das Dorf im 500

Meter breiten „Schutzstreifen“,

der besonders gut gesichert

war. Teile der Mauer

sind dort bis heute erhalten.

Seit 1995 erinnert eine

Gedenkstätte am Ortsrand

an die deutsche Teilung.

Die jungen Männer verharren

noch für kurze Zeit in ihrem

Versteck, dann rennen sie weiter.

Zwei kleinere Zäune trennen

sie von der Freiheit. Diesmal

brauchen sie keine Leiter,

sondern können einfach

über die Zäune klettern. „Da

waren die blau-weißen Pfähle

zu sehen“, erinnert sich

Müller. Die Grenzmarkierungen

der Bundes republik.

Gleich dahinter: ein Polizeiauto.

„Die standen da, als

hätten wir sie bestellt“, sagt

der 53-Jährige über die Polizisten.

Schnell steigen die

Geflüchteten ins Auto, die

Polizisten bringen sie in Sicherheit.

„Wir hatten richtig

Schwein.“

Es geht nach Ludwigsstadt,

in die Bahnhofsmission.

Henryk und Jens

übernachten dort, erhalten

neue Kleidung. Am nächsten

Tag erzählen sie ihre

Fluchtgeschichte auf dem

Polizeirevier. Auch die lokale

Presse kommt – für

einen Zeitungsartikel erhalten

sie 20 Mark. „Das

war mein erstes Westgeld“, erzählt

Müller und lacht. Die beiden

kommen bei Jens’ Onkel in

Gifhorn unter. Sechs Tage nach

Henryk Müller auf der Suche

nach der Stelle, an der früher

der Grenzzaun stand.

Über die

Flucht von Henryk (li.) und Jens

berichtete auch der Fränkische

Tag. Quelle: Alexander Müller

der Flucht fängt Henryk an zu

arbeiten – auf dem Bau.

Überall Werbung und moderne

Autos – im Westen findet er

alles „schicker und angenehmer“.

Nur das niedersächsische

Flachland ödet ihn an. Henryk

erinnert sich an die Brieffreundschaft

seiner Angehörigen, telefoniert

mit der Familie Stettner

im schwäbischen Gschwend.

Kurz darauf fährt er nach Baden-

Württemberg.

Umzug nach Schwaben

Die Stettners freuen sich über

seinen Besuch, mit Sohn Matthias

freundet er sich schnell an.

Die Wälder, Hügel und Wiesen

auf der schwäbischen Ostalb gefallen

dem Geflüchteten gut.

„Kann ich hier nicht irgendwo

unterkommen?“, fragt Henryk

nach einiger Zeit. Er kann, die

Stettners haben ein Zimmer frei.

Im Schwabenland arbeitet er

erst als Maurer, später als

Lkw-Fahrer. Henryk fühlt sich

heimisch, als freier Mensch mit

gleichen Rechten. „Nur schwäbisch

schwätza hen i nie glernt“,

sagt er und lacht.

Zehn Monate nach Henryks

Flucht fällt die Mauer. Er ist

überwältigt, freut sich, dass er

seine Familie wiedersehen kann.

Doch er sagt auch: „Wenn ich

das gewusst hätte, hätte ich natürlich

nie mein Leben riskiert.“

Im Frühjahr 1990 besucht der

junge Mann seine Familie. 1993

lernt er bei einem Heimatbesuch

seine spätere Frau kennen,

kurz darauf zieht er zurück

nach Thüringen.

Die Schauplätze seiner

Flucht besucht Henryk Müller

nur selten, seine Geschichte

will er nicht an die große

Glocke hängen. „Das ist doch

eine alte Kamelle“, meint er. Er

sucht noch ein bisschen nach

Anzeichen des ehemaligen

Grenzverlaufs, verfährt sich mit

dem Geländewagen im Wald.

Irgendwo hier muss es gewesen

sein. Irgendwo hier. Am späten

Nachmittag fährt Henryk Müller

nach Hause. Den Zaun – oder

was davon übrig ist – hat er

nicht gefunden. „An eine Grenze

erinnert hier nichts“, sagt er.

Da ist nur ein schönes Fleckchen

Natur.

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8 Ein Land – PORTRAIT

Lange Liebe: Gisela und Meinhard

Schmechel in ihrem Garten in Rüterberg

und am ehemaligen Grenzzaun an der Elbe.


Fotos: Thomas Sabin

Liebe im

Sperrbezirk

Grenzerfahrung Eingezäunt in Rüterberg,

lernen sich Gisela und Meinhard Schmechel

kennen und in komplizierten Zeiten lieben.

Von Thomas Sabin

Ein Herz aus Tusche

ziert seinen Unterarm.

Ein G und ein

S sind darin verewigt.

„Das G

steht für Gisela“, sagt Meinhard

Schmechel und verzieht

den Mund zur kessen

Schnute. „I love you“, steht

darunter gekritzelt. Seine

Frau – Gisela – lässt ihren

Blick zu ihm rüber wandern.

„Das war vor meiner Zeit“, sagt

sie. Beide kichern.

In ihrem blumigen Garten

sitzen die Schmechels gemütlich

in ihren Klappstühlen. Ein

Sonnenschirm spendet Schatten.

Sie erzählen von ihrer gemeinsamen

Geschichte, die vor

50 Jahren in Rüterberg, einem

besonderen Ort in der DDR, begann.

Hier war das Leben komplizierter.

Ein Zaun trennte die Rüterberger*innen

vom Westen

und auch vom Osten. Ein Zaun,

der zwischen Familien und Liebenden

stand. Das Paar erzählt

von diesem Zaun und Passierscheinen,

vom Prager Frühling

und ungewollten Trennungen.

Rüterberg, 1964: Grenzzäune

umrahmen die Halbinsel, die im

Südwesten Mecklenburg-Vorpommerns

in die Elbe drängt.

In einem langen Bogen schiebt

sich der Fluss am Dorf vorbei.

Die Angst vor der Flucht der eigenen

Bürger*innen zeigt sich

mit Grenztürmen und Maschendraht.

Über zehn Millionen

DDR-Mark werden für den Bau

der Grenzanlagen ausgegeben.

Hier lebt Gisela Siefert. Hier im

Sperrgebiet begegnet sie ihrem

zukünftigen Mann.

Sie, Verkäuferin im Dorfkonsum,

lebt hier seit ihrer Geburt.

„Ich kenne den Ort noch ohne

Grenzzäune“, sagt die 69-Jährige.

Ihr Mann Meinhard kommt

als Grenzsoldat aus Züssow bei

Oldenburg nach Dömitz, dem

Nachbarort von Rüterberg, wo

sein Bataillon stationiert ist.

Im Konsum tauschen die beiden

erste Blicke aus. Er erinnert

sich: „Das kann man gar nicht

so schön erzählen“, sagt der

72-Jährige mit den Händen auf

dem Bauch. Vögel zwitschern

im Hintergrund. „Ihr Cousin ist

damals umgezogen. Wir Soldaten

haben geholfen. Im Konsum

hat er dann ein Bier ausgegeben.

Sie war gerade einkaufen. Eines

Tages habe ich sie angesprochen.

Habe gefragt, ob sie mir

Zigaretten mitbringt. Später

kam sie damit zur Kompanie. So

fing alles an.“

Viele Briefe geschrieben

Der Keim der Liebe ist gesät und

wächst, wenn auch langsam.

Auch weil es die Zeit nicht

schneller zulässt. Denn Gisela

ist nur selten im Ort und Meinhard

oft bei der Kompanie. „Ich

habe in Ribnitz-Damgarten in

Mecklenburg-Vorpommern

meine Lehre gemacht. Den Kontakt

zu halten, war schwierig“,

erklärt sie. „Wir haben uns viele

Briefe geschrieben“, sagt er.

Zwar war Rüterberg ihre Heimat,

aber durch den Sperrgebietsstatus

„durfte ich das nur

als Nebenwohnsitz nehmen.

Also musste ich für einen Besuch

in meiner Heimat einen

Passierschein beantragen. Das

war schon sehr kriminell hier

damals“, sagt sie.

Die DDR ist für die Dorfgemeinschaft

nur noch mit Passierscheinen

erreichbar – einzigartig

an der innerdeutschen

Grenze. Familien sind sich zum

Teil so nah und doch so fern.

Das hält die beiden jedoch

nicht davon ab, sich am 18. Mai

1968 das Ja-Wort zu geben. Ein

Jahr zuvor kehrt Gisela von der

Lehre zurück. Eine Ausgangskarte

ermöglicht es Meinhard,

nun jederzeit aus Dömitz nach

Rüterberg zu kommen. Die Beziehung

wird enger, aber neue

Probleme tauchen auf.

Eigentlich wollen sie am

11. Mai heiraten. „Doch unsere

Tochter war im Anmarsch“, sagt

Meinhard. „Gisela hat gerackert

und die ganzen Vorbereitungen

getroffen. Doch wie das Leben

so spielt, hat unser Kind nicht

gewartet.“ Vier Tage früher

kommt Manuela, ihre erste

Tochter, zur Welt. Die Hochzeit

fällt ins Wasser. „Wir mussten

alles abblasen. Die Trauung

mussten wir auf den 18. Mai verschieben.“

Und das ist ein Problem.

Meinhards Eltern leben nicht im


PORTRAIT – Ein Land

9

Sperrgebiet. Um bei der Hochzeit

dabei zu sein, müssen sie

Passierscheine beantragen, mindestens

sechs Wochen im Voraus.

Und das tun sie für den

11. Mai. Die Scheine aufgrund

der speziellen Umstände nun

aber auf den 18. Mai umschreiben

zu lassen: „Keine Chance“,

erinnert sich Meinhard.

Hochzeitsfotos verboten

Das Paar heiratet standesamtlich

ohne Familie. Die kirchliche

Trauung im Kreise der gesamten

Familie findet nicht statt.

Auch auf das Hochzeitfoto muss

das Paar verzichten. Fotos sind

im Grenzgebiet streng verboten.

Viel zu gefährlich. „Es hätte sofort

der Verdacht bestanden,

dass man den Grenzzaun fotografieren

will.“

Am 22. August wollen sie es

erneut versuchen, dieses Mal in

"

Gerade als

ich zur Kirche

wollte, bekam

ich einen

Stellungsbefehl.“

Meinhard Schmechel

Züssow, zuhause bei Meinhards

Familie. Aber die Zeit macht

dem Paar erneut einen Strich

durch die Rechnung. „Gerade

als ich zur Kirche wollte, bekam

ich einen Stellungsbefehl. Ich

sollte sofort zurück zur Truppe

nach Dömitz“, sagt Meinhard.

Doch er bleibt noch bis zum

nächsten Morgen. Dieses Mal

gibt es auch das begehrte Hochzeitsfoto.

Heute lacht er darüber. Damals

rücken die Truppen des

Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei

ein. Es ist der Gipfel

des Prager Frühlings. Und

das am Tag der Hochzeit. „Das

haben wir uns aber dieses Mal

nicht nehmen lassen“, sagt er.

An der Grenze zum Westen

muss er fortan über Wochen

bleiben. Ausflüge nach Hause

sind nicht gestattet. Auch nicht

am Tag, an dem seine Tochter

getauft wird. Tag und Nacht liegen

die Soldaten in Dömitz mit

der Maschinenpistole im Anschlag

am Pfosten.

Gisela darf ihren Mann nicht

besuchen. Am Grenztor ist

Schluss. Mit dem Fahrrad fährt

sie immer wieder zum massiven

Zaun, um ihren Mann zu sehen.

Die Blicke der beiden: gestört

durch ein Mosaik aus Stahl. Sich

berühren? „Unmöglich.“ Ein

Kuss? „Keine Chance“, sagt er.

Stets im Kopf der beiden:

„Angst. Wir wussten nicht, was

passieren wird“, sagt sie und

wischt ein paar Krümel vom

Gartentisch.

Doch das Band zwischen den

beiden ist 1969 schon fest und

es bis heute geblieben. Der

Grenzsoldat Meinhard Schmechel

hätte nie gedacht, dass er

in Rüterberg bleiben würde.

Doch er verliebt sich. Rüterberg,

das Sperrgebiet, wird auch seine

Heimat.

Auf dem Trinknapf im Garten

des Paares landen zwei Vögel

und ziehen die Aufmerksamkeit

der beiden auf sich. „Schön,

guck mal Gisela“, sagt er und

streift über ihren Arm. „Da sind

sie ja wieder“, entgegnet sie aufgeregt.

„Im Nachhinein“, sagt

Meinhard Schmechel nach kurzer

Pause, „muss ich sagen, war

es die richtige Entscheidung.

Die für die Liebe.“

Mehr zu den Schmechels und

ein Video aus Rüterberg unter

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10

Ein Land – BERICHT

Das Gleis 1 am Finsterwalder

Bahnhof.

FOTO: STEPHAN MEYER

Zurück nach Hause

Unterstützung Viele Deutsche verlassen ihre Heimatorte. Um die

Rückkehrenden kümmern sich Initiativen. Von Stephan Meyer

Nur eine Handvoll

Menschen stehen

am Gleis 1 des Finsterwalder

Bahnhofs.

Es ist 16 Uhr. In

knapp 20 Minuten trifft der Zug

aus Leipzig ein. Stephanie Auras-Lehmann

wartet auf ihren

Besuch: Karin Gottfried aus

dem nord rhein-west fä lischen

Hochsauerlandkreis. Was die

Frauen verbindet: Sie beide leiten

Rückkehrerinitiativen, die

miteinander im Erfahrungsaustausch

stehen.

Sowohl Finsterwalde als auch

der Hochsauerlandkreis sind

ländlich geprägt und kämpfen

mit sinkenden Bevölkerungszahlen.

Junge Menschen kehren

ihrer Heimat den Rücken, für

Ausbildung, Studium, Job.

Auras-Lehmann macht zu Beginn

der 2000er Jahre eine Ausbildung

zur Reiseverkehrskauffrau

in Finsterwalde. Danach

zieht es sie fort, sie geht für ein

Studium nach Hessen. „Als Reiseverkehrskauffrau

wollte ich

einfach mal die Welt sehen“,

sagt sie. Nach dem Studium arbeitet

sie in Berlin, Leipzig und

in New York. Gerne wäre sie in

den USA geblieben. Doch die

Liebe lockt sie zurück nach Hause.

Marco, ihr heutiger Ehemann,

überzeugt sie 2009, mit

ihm nach Finsterwalde zu ziehen.

Bevölkerungsentwicklung

Keinen Anschluss gefunden

Laut Zahlen des Statistischen

Bundesamtes zogen von 1989 bis

1990 rund 750 000 Menschen

aus dem Osten weg. Vor allem

junge, qualifizierte Männer und

Frauen zwischen 18 und 30 Jahren.

Dadurch ging auch die Geburtenrate

zurück. 1994 erreichten

sie mit 0,77 einen historischen

Tiefstand.

Finsterwalde hatte 1989 noch

23 892 Einwohner*innen. Heute

sind es 16 220. Fast alle ostdeutschen

Landkreise haben seit 1991

massiv Einwohner*innen verloren.

Damit einhergeht der Verlust

von Steuereinnahmen. In

manchen Orten mussten Schulen,

Krankenhäuser, Sport- und

Freizeitanlagen schließen.

Die 37-jährige Stephanie Auras-Lehmann

ist in Finsterwal-

de als PR- und Social-Media-Managerin

tätig, nebenbei

betreut sie die Rückkehrerinitiative

„Comeback Elbe-Elster“.

Die Rückkehrenden, die sie begleitet,

sind meist zwischen 30

und 40 Jahre alt und kommen

häufig aus Bayern. „Oft höre ich

von ihnen, sie hätten dort keinen

Anschluss, keine Freunde

gefunden“, sagt sie. Das sei für

viele der Hauptgrund zurückzukehren.

Auch eine Familiengründung

oder ein Hausbau

sind Anlässe für einen Umzug

in die alte Heimat.

Anfangs erhielt die Initiative

nur selten Anfragen. Inzwischen

sind es um die zehn pro Monat.

„Comeback Elbe-Elster“

hilft bei der Vermittlung von

Jobs und Wohnungen. Finanziell

unterstützt wird sie von der

Robert-Bosch-Stiftung.

Dem Statistischen Bundesamt

zufolge wird die Bevölkerungszahl

in den ostdeutschen

Flächenländern weiter abnehmen;

bis zum Jahr 2030 voraussichtlich

um 14 Prozent. Doch in

den vergangenen Jahren sind die

Abwanderungen deutlich zurückgegangen.

Einige Regionen in Ostdeutschland

konnten sogar wieder

Zuwachs verzeichnen. Mittlerweile

gehen mehr Menschen

aus dem Westen in den Osten

als umgekehrt. Junge Leute hätten

in Finsterwalde inzwischen

mehr Perspektiven und weniger

Gründe wegzuziehen, sagt Auras-Lehmann.

Doch es sind vor

allem die Groß- und Universitätsstädte,

die attraktiver geworden

sind.

Auch im Westen ein Problem

Inzwischen ist der Zug aus Leipzig

in Finsterwalde eingetroffen.

Karin Gottfried kommt mit einem

kleinen Trolley aus dem

Bahnhofsgebäude. Auch sie ist

eine Rückkehrerin, die eine

Rückkehrerinitiative betreut.

Während der Osten seit Jahren

mit einem Bevölkerungsrückgang

zu kämpfen hat, ist

dieser im ländlichen Raum

Westdeutschlands noch ein junges

Phänomen. 1990 wohnten im

Hochsauerlandkreis 268 627

Menschen. Heute sind es 260 475

– bei einer Fläche von 1960 Qua-


BERICHT – Ein Land

11

dratkilometern. Die Bevölkerungsverluste

im Hochsauerlandkreis

scheinen gering. Um

einem Rückgang entgegenzuwirken,

wurde 2016 trotzdem

die Rückkehrerinitiative „Heimvorteil

Hochsauerlandkreis“ gegründet.

Wirtschaftlich geht es

der Region gut. Viele kleine und

mittelständische Unternehmen

sind dort ansässig. Noch haben

die Firmen unter keinem großen

Fachkräftemangel zu leiden.

Doch auch dort verlassen die

jungen Menschen den ländlichen

Raum zum Studieren – und

kommen selten zurück.

Menschen ziehen in Unistädte

„Oft zieht es sie nach Köln,

Münster oder Paderborn“, sagt

Karin Gottfried. „Der Landkreis

ist eingebettet in Unistädte. Wir

haben eine Fachhochschule im

Landkreis, die deckt aber nicht

alle Bedürfnisse ab.“ Zwar gebe

Stephanie Auras-Lehmann (l.) und Karin Gottfried bei ihrem Treffen

in Finsterwalde. Beide leiten Rückkehrerinitiativen.

es genügend Ausbildungsplätze,

jedoch nur für technische

Berufe.

Gottfried selbst kommt aus

Velmede, ein etwa 3500 Einwohner*innen

zählender Ortsteil im

Hochsauerlandkreis. Für ein

Studium hat auch sie ihre Heimat

verlassen. Sie ging nach

Münster. Nach Stationen in

Hamburg und Hannover kehrte

sie 2016 zurück. Anlass war der

Nachwuchs: „Das Landleben ist

für mich einfach attraktiver, um

FOTO: STEPHAN MEYER

Kinder großzuziehen.“ An die

frisch gegründete Rückkehrerinitiative

„Heimvorteil Hochsauerlandkreis“

schickt die

Pressereferentin einen Steckbrief,

der an Firmen im Landkreis

weitergereicht wird. Doch

es kommt anders. Nachdem die

einstige Projektleiterin die

Rückkehrerinitiative verlässt,

nimmt Gottfried das Angebot

wahr, selbst dem Projekt vorzustehen.

„Heimvorteil Hochsauerlandkreis“

unterstützt Rückkehrende

über sein Karrierenetzwerk

und veranstaltet regelmäßige

Stammtische. Das

Projekt wird im Rahmen des

Modellvorhabens „Land(auf)

schwung“ durch Mittel des Bundesministeriums

für Ernährung

und Landwirtschaft gefördert.

In Finsterwalde tauschen sich

nun die Leiterinnen der Rückkehrerinitiativen

aus Ost und

West aus. Kennengelernt haben

sie sich über Facebook, wo Auras-Lehmann

auf das Projekt im

Hochsauerland aufmerksam geworden

ist. Nun wollen sie von

den Erfahrungen des jeweils anderen

profitieren. Welche Gemeinsamkeiten

und Unterschiede

es gibt und was man voneinander

lernen kann. Im Frühling

kommenden Jahres steht der

Gegenbesuch an. Stephanie Auras-Lehmann

reist dann in den

Hochsauerlandkreis zu Karin

Gottfried.

Ein Mutmacher zum Fest

Mauerfall, ein Land im Umbruch. Unsicherheit

regiert. Doch es gibt Menschen, die mutige

Entscheidungen treffen, die anpacken und am

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schreiben, die bis heute andauert.

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12

Ein Land – PORTRAIT

FOTOS: PRIVAT/THOMAS SABIN

PAPIER © CHURSINA VIK/SHUTTERSTOCK.COM

Als junger Friedensaktivist

in Ost-Berlin

gerät Friedhelm

Martens in den Fokus

der Stasi (links).

Heute lebt der 58-Jährige

in Schleswig-Holstein

(unten).

Ein

Schnipsel

Leben

Die meisten Zettel, die

Friedhelm Martens

seit der Wende zu

Gesicht bekommen

hat, sind total belanglos.

„Man wundert sich, was

die alles aufgeschrieben haben“,

sagt der 58-Jährige mit lichtem

grauen Haar. Über manche Notizen

der Staatssicherheit kann

er lachen: Wo er einkaufte, mit

wem er sprach. Andere Schriftstücke

lassen ihm bis heute keine

Ruhe. Die letzte Einsicht liegt

zwei Jahre zurück.

Martens ist ein Kind der

DDR. Heute lebt der Familienvater

in Bünsdorf, nördlich von

Hamburg. Rund 400 Menschen

leben hier in rotbraunen Häusern.

Wildrosen streben über

die Gartenzäune. „Eine tolle Gemeinschaft“,

sagt Martens in seinem

Wohnzimmer. Sein Beruf

als Prediger hat ihn hierher verschlagen.

Durch seinen klaren

Blick drängen Erinnerungen.

„Mich hat immer interessiert,

wie menschenverachtend

die Stasi gearbeitet hat. Wie dieses

System funktionierte.“ Aufklärung

ist ihm wichtig; er berichtet

als Zeitzeuge an Schulen.

„Ich finde, es wird viel zu wenig

über diese Zeit gesprochen.“

Martens will wissen, was das

Regime mit ihm gemacht hat.

Seit der Wiedervereinigung

beantragt er regelmäßig Einblick

in seine Stasi-Akten. Anfangs

wurde nichts gefunden,

dann einzelne Dokumente. Zettel

für Zettel setzt er seit 30 Jahren

sein Leben zusammen. Aber

jeder Satz wirft neue Fragen auf.

Geboren wurde Martens am

13. November 1960 in Ost-Berlin.

Sein Vater war leitender

evangelischer Pastor in der

DDR, seine Mutter Krankenschwester.

Beide standen dem

System kritisch gegenüber. „Wir

sind von meinen Eltern so erzogen

worden, dass wir einen geraden

Gang gehen. Wir sollten

uns nicht anpassen, um irgendwelche

Vorteile zu bekommen.

Wir sollten uns selbst im Spiegel

angucken können.“

Aufarbeitung 30 Jahre nach dem Ende

der SED-Diktatur suchen immer noch

tausende Menschen nach Antworten

durch Einsicht in ihre Stasi-Akte.

Friedhelm Martens ist einer von ihnen.

Von Thomas Sabin und Jana Zahner

Verhaftet und verhört

Die evangelische Kirche in der

DDR war die einzige große Organisation,

die nicht vom Staat

organisiert wurde. Sie bot einen

Raum für Andersdenkende –

was sie in den Fokus der Stasi

rückte. Martens Vater wurde als

Querulant eingestuft. Mehrfach

bot man ihm an, er dürfe ausreisen.

„Irgendwann wollten sie

ihn nur noch loswerden. Er war

auch aufgrund seiner Funktion

sehr unbequem für den Staat.“

Später galt das gleiche für Friedhelm

Martens. Er leitete kirchliche

Jugendgruppen, schloss

sich der Friedensbewegung an.

Genug, um verdächtig zu sein.

Martens wurde mehrfach verhaftet.

„Das erste Mal wurde

ich mit 17, 18 Jahren von der

Staatssicherheit weggekascht“,

erzählt er mit einem unsicheren

Lächeln im Gesicht. Er berichtet

von Verhören, Demütigung

und Folter im Stasigefängnis

Hohenschönhausen.

Seit 1990 gingen rund

sieben Millionen Anträge auf

Akteneinsicht beim BStU ein.

„Die Angstgefühle sind heute

noch da“, sagt der Prediger

und schnauft. Seine Augen glänzen.

„Ich überlege noch immer

sehr genau, wem ich was erzähle.“

Er gehe gehemmt in jedes

Gespräch, sagt er. „Das werde

ich einfach nicht mehr los, trotz

Verhaltenstherapien.“ Viele offene

Fragen quälen ihn: Wer hat

ihn beobachtet, wer hat ihn angeschwärzt?

FOTO: BSTU/MULDERS


PORTRAIT – Ein Land

13

Im Herbst 1989 versuchte die

Stasi, die Spuren ihres Machtmissbrauchs

zu verwischen.

Bürger*innen stürmten die Zentralen

und stoppten das Schreddern

der Aktenberge. Im Dezember

1991 legte das Stasi-Unterlagen-Gesetz

fest, dass jeder

Einblick in Dokumente erhalten

darf, die ihn betreffen.

" Die

Angstgefühle

sind

heute noch

da.“

„Da muss was sein“

Mitte der 1990er Jahre wollten

er und sein Vater Klarheit. Beide

stellten Anträge auf Einblick

in ihre Akten. Sein Vater fand

heraus, dass die Nachbarsfamilie

sie jahrelang ausspioniert

hatte. Er selbst musste länger

auf Antworten warten. Im Zwei-

Jahres-Takt schickte er Anfragen

an den Bundesbeauftragten für

die Stasi-Unterlagen (BStU).

Immer wieder meldete die Behörde,

dass zu Friedhelm Martens

nichts vorliege. „Doch ich

wusste, da muss was sein.“

Schließlich wurde doch noch

etwas zu ihm gefunden. „2006

muss es gewesen sein. Da wurde

ich dann endlich eingeladen.“

Der Sachbearbeiter führte ihn in

einen Lesesaal. Fotografieren

oder Abschreiben war verboten.

Was Martens damals in den Akten

las, bestätigte eine schlimme

Vermutung.

Vor ihm lag ein Schreiben des

Ost-Berliner Bildungsministeriums:

Es wies seinen damaligen

Direktor an, dass Martens die

Schule nicht besser abschließen

dürfe als mit der Note 2. „Sie haben

mich somit daran gehindert,

Abitur zu machen und zu studieren.“

Eine Schulsekretärin

habe das später bestätigt, erzählt

der 58-Jährige. Diese Anordnung

hat bis heute Auswirkungen

auf sein Leben. Eigentlich

wollte er Lehrer werden.

Durch ein kirchliches Angebot

konnte er zumindest Theologie

studieren. „Damals sind viele

Träume zerplatzt. Manchen

trauere ich bis heute nach.“

Ein Verdacht treibt ihn um

Nicht nur die Karriere, auch sein

Körper hat gelitten. Martens

glaubt, als junger Radsportler

gedopt worden zu sein. Im Leistungssport

suchte er mit 13 die

Anerkennung, die ihm als Außenseiter

in der sozialistischen

Gesellschaft verwehrt blieb.

Seine langjährigen Nierenprobleme

geben ihm und Ärzt*innen

heute Grund zur Annahme,

dass er Opfer des Staatsdoping-Systems

der DDR wurde.

Er selbst weiß nur, dass er damals

beim Training bunte Pillen

bekommen hat. Ihm wurde gesagt,

damit würde er besser


14 Ein Land – PORTRAIT

regenerieren. „Doping, das Wort

kannte ich ja damals gar nicht.

Als junger Mensch hat man den

Trainern vertraut.“

Mit 18 musste er das erste Mal

wegen Nierenschmerzen ins

Krankenhaus. Er wurde operiert

und erholte sich. Heute weiß er,

dass das alles andere als selbstverständlich

war. Bei der letzten

Akteneinsicht stieß Martens

auf eine Anweisung, gerichtet

an das Krankenhaus Berlin-

Friedrichshain: „Diese Operationsmethode

beim Bürger Friedhelm

Martens ausprobieren.

Wenn er die Operation nicht

überstehen sollte, ist es kein

Verlust für die sozialistische Gesellschaft.“

So erinnert er sich

an den Wortlaut. „Diese zwei

Sätze waren für mich ein

Schock.“ Ihm wurde damals nur

die Fetzen elektronisch zusammen.

Das braucht Zeit. Wann alles

zugänglich sein wird, kann

bei der BStU niemand sagen.

Manches kommt auf unerwarteten

Wegen ans Licht. Vor

drei Jahren bekam Martens einen

Anruf von einem Jugendfreund.

Er habe ihm gestanden,

dass er sich auf Wunsch seiner

Eltern mit ihm angefreundet

habe. „Er sagte, seine Eltern hätten

von der Stasi den Auftrag dafür

bekommen. Beim Abendbrot

wurde er dann immer gefragt,

was ich so gesagt habe.“

Manche Betroffenen wollen

nicht wissen, was in ihren Akten

steht. Andere entscheiden

sich erst im Alter für eine Akteneinsicht

oder stellen Anfragen

für verstorbene Angehörige.

2018 gingen rund 45 000 Anträge

bei der BStU ein.

"

Damals sind

viele Träume

zerplatzt.

Manchen

trauere ich

bis heute

nach.“

gesagt, ein Experte aus Moskau

würde ihn operieren. „Er wolle

ein ganz neues Verfahren verwenden,

sagten sie mir.“ Martens

willigte ein.

„Das so zu lesen . . . wie menschenverachtend

das ist. Da

wurde einfach mit dem Leben

der Menschen gespielt.“ Martens

ringt sich ein Schmunzeln

ab: „Böse gedacht, doch Gutes

ist geworden. Die OP ist gelungen.“

Nicht auf jede Frage ist eine

Antwort in den Akten zu finden.

Noch heute vermutet Martens,

dass jemand aus seiner Verwandtschaft

ihn bespitzelt hat.

Beweisen können wird er es

vielleicht nie. Viele Dokumente

der SED-Diktatur sind verschollen,

zerstört oder nicht erschlossen.

15 500 Säcke zerrissenes Papier

lagern noch heute in den

Stasi-Archiven. Anfangs puzzelten

die Mitarbeiter*innen von

Hand, heute setzt ein Scanner

Ein Kreis schließt sich

Martens hofft noch heute, dass

weitere Dokumente über ihn gefunden

werden. Er wünscht sich

Klarheit – und die Möglichkeit

zur Aussprache. Anfangs hatte

er Angst, den Menschen, die

ihm geschadet haben, nicht vergeben

zu können. Durch die Beschäftigung

mit der Arbeit der

Stasi jedoch wuchs sein Verständnis:

„Ich wurde barmherziger

mit den Leuten. Viele wurden

einfach massiv unter Druck

gesetzt.“

Ein Schnippchen kann er dem

untergegangenen System, das

sein Leben so lange steuerte,

doch noch schlagen. „Ich habe

in Berlin ein Angebot bekommen”,

sagt er freudestrahlend.

„Für mich schließt sich ein

Kreis.” Ab Anfang nächsten Jahres

wird Martens als Lehrer für

Religion und darstellendes Spiel

arbeiten.

Sein größter Wunsch geht so

30 Jahre nach dem Mauerfall in

Erfüllung. Und ein Kapitel seines

Lebens ist vollständig.

Etwa 111 Kilometer Stasi-Akten

lagern in den Archiven der

Behörde. Dazu kommen

tausende Säcke zerrissener

Dokumente, die wieder

zusammengesetzt werden.

Fotos: Thomas Sabin/BStU/

Mulders


UMFRAGE – Ein Land

15

Umfrage zur Wendezeit: Wer kennt sich gut aus?

Was ist

1 eine Rennpappe?

Indra Peters (21) aus Winterberg:

„Mit einer Pappe rennen?“

(lacht)

Was war

2 die Treuhand?

Anne-Darlin Haff (24) aus

Frankfurt (Oder): „Dass man

ein Vermögen hat und das verwalten

kann?“

Was ist

3 ein Mauerspecht?

Merlin Gerd (13) aus Odelzhausen:

„In Deutschland war ja die

Mauer durch die Mitte und ich

verbinde damit, dass das die

Wachen waren, die darauf aufgepasst

haben, dass keiner die

Mauer überquert.“

Was sagen die

Jüngsten?

Burkhard Teichert (69) aus

Grünheide (Mark): „Das war

der viel geliebte Trabi, auf den

man sehr lange warten musste.

Den haben wir uns dann zur

Wende zugelegt.“

Felicitas Kastner (77) aus Berlin-Wilmersdorf:

„Das war

nach der Wende die Treuhand,

die die ganzen Fabriken aufgekauft

hat und wahrscheinlich

zum Niederfall gebracht hat.“

Thomas Gerd (49) aus Odelzhausen:

„Die Menschen haben

sich einzelne Stücken aus der

Mauer als Andenken herausgebrochen

und die mit nach Hause

genommen.

Ich besitze

aber

keins dieser

Mauerstücke,

ich bin

also kein

Mauerspecht.“

Kinder aus einem Ulmer

Kindergarten und einer Kita aus

Frankfurt (Oder) versuchen,

DDR-Begriffe zu erraten.

Die Videos gibt es online unter:

www.einland.net/video

Wir sagen Danke

In eigener Sache „Ein Land“, ein Team: Wir

wollen uns bei denjenigen bedanken, die uns

unterstützt und gefördert haben. Ohne sie

wäre das Projekt nicht möglich gewesen.

Großer Dank gilt unserer Grafikerin

Franziska Oblinger, die

sich für jede einzelne Geschichte

extrem viel Zeit genommen

hat. Ohne sie gäbe es dieses Magazin

nicht. Echt jetzt.

Genauso wichtig waren unsere

Ausbildungsredakteur*innen!

Vielen Dank an: Bodo Baumert

für die Organisation der

Planungstreffen. Magdi Aboul-

Kheir und Lisa Mahlke für Rat,

Tat und die ständige Verfügbarkeit.

Matthias Stelzer für die

Kommunikation mit den Sponsor*innen.

Dank gilt auch der

Neuen Pressegesellschaft dafür,

dass wir uns neben dem Arbeitsalltag

Zeit für dieses Magazin

nehmen konnten.

Wir bedanken uns zudem bei

Roland Müller, Daniel Steiger

und Andreas Clasen für Korrekturen

und Feedback. Bei Anja

Hummel für ihre Social-Media-Unterstützung.

Bei den Grafiker*innen

Beniamino Raiola

und Nadine Spreng. Bei Kathleen

Weser, Stefan Schaumburg

und den Anzeigenabteilungen.

Wir danken auch allen Anzeigen-Kund*innen

und der Firma

Schwenk Zement. Ein ganz besonderer

Dank geht an die

Staatsministerin für Kultur und

Medien sowie an die Bundesstiftung

zur Aufarbeitung der

SED-Diktatur. Auch ohne sie

hätten wir das Projekt nicht realisieren

können.

Vielen Dank!

Warum laufen Linien

durch die Seiten?

Die Einheit grafisch verarbeitet: Auf

28 Doppelseiten sind Grenzverläufe eingezeichnet.

Sie stellen den Umriss Deutschlands dar.


16

Ein Land – PORTRAIT

In der sächsischen Provinz der

1970er Jahre: Bettina Dziggel

knattert mit dem Moped über

Landstraßen, tanzt in Discos,

verliebt sich. Auf den ersten

Blick eine Teenagerin wie jede*r andere.

Aber für sie steht fest: „Ich will

nicht so leben wie alle. Das war für

mich ein Horror.“ So leben wie alle,

das bedeutet zeitig heiraten, Kinder

bekommen, ein Leben lang bleiben

im sächsischen Dorf. Ein Lebensentwurf,

in dem Frauen keinen Platz haben,

die ihr Glück ganz sicher nicht

in einer heteronormativen Ehe finden

wollen und würden. Lange Zeit

habe sie gar nicht gewusst, dass sie

lesbisch ist, erzählt Bettina Dziggel:

„Es gab ja keine Worte dafür.“

Ein ungewöhnlicher Weg

Ein paar hundert Kilometer entfernt

und einige Jahre früher wächst Ursula

Sillge in einem Dorf in Thüringen

auf. „Ich wurde im Pfarrhaus geboren,

zwischen Knast und Kirche.

Ist das nicht symbolisch?“ In ihrem

Umfeld ist es so gut wie unmöglich,

an Informationen über Homosexualität

zu kommen. Nicht nur, weil

das in den 1960er und 70er Jahren in

der DDR kaum Thema ist. Sondern

auch, weil von manchen Zeitschriften

nur ein Abo für das ganze Dorf

zu haben ist, wie Ursula Sillge erzählt.

Über all dem schwebt der Gedanke,

womöglich die Einzige zu

sein, der es so geht.

Wie findet man sich selbst, wenn

es keine Worte für das eigene Ich

gibt? Wenn man nicht vorkommt im

offiziellen Gesellschaftsentwurf?

Nach dem ersten unerwiderten

Verliebtsein wählt Ursula Sillge einen

ungewöhnlichen Weg: „Ich bin

zur Ehe- und Sexualberatung gegangen

und habe gesagt, dass ich eine

Freundin suche.“ Die beratende Ärztin

reagiert mit Schock, Verwunderung

und medizinischem Interesse.

Ein Psychologe rät ihr, eine Anzeige

für eine Brieffreundschaft in die

Wochenpost zu setzen und nicht zu

schreiben, welches Geschlecht sie

suche. „Ich habe dann 40 Briefe von

Männern bekommen und drei von

Frauen. Und so hatte ich einen Faden,

an dem ich ziehen konnte.“

Diesen Faden zu finden, war lebenswichtig.

„Es war einfach nur

furchtbar“, erinnert sich Bettina

Dziggel an ihre Jugend im sächsischen

Dorf. „Man war immer auf der

Suche. Mal hast du es vergessen, und

Die Vereinsamung

durchbrechen

– dafür gingen

Ursula Sillge und

Bettina Dziggel

nach Ostberlin,

gründeten

Gruppen, organisierten

Treffen.

Das Thema

Gemeinschaft und

Verbundenheit

spiegelt sich in

Fotos, die Bettina

Dziggel 1986 für

einen Kalender

anfertigte.

Die Kämpfer-

innen

Aktivismus Die DDR inszenierte sich als egalitärer, gesellschaftlich

fortschrittlicher Staat. Doch gleiche Rechte galten längst nicht

für alle. Ursula Sillge und Bettina Dziggel rangen um Anerkennung

und Gleichberechtigung – und forderten das Regime heraus. Über

zwei Frauen, die im Selbstverständnis der DDR nicht vorgesehen

waren. Von Liesa Hellmann


PORTRAIT – Ein Land

17

Kriminalisierung homosexueller

Handlungen

Auf den ersten Blick war die

rechtliche Situation für Lesben

und Schwule in der DDR besser

als in der Bundesrepublik. 1968

wurde der Paragraph 175, der

sexuelle Handlungen zwischen

Männern unter Strafe stellt,

aus dem Strafgesetzbuch der

DDR entfernt. In der BRD hielt

man bis 1969 an der im Nationalsozialismus

verschärften

Form fest, erst 1994 wurde das

Gesetz schließlich abgeschafft.

Allerdings bedeutete die Streichung

des Paragraphen 175 aus

dem DDR-Strafgesetzbuch keineswegs

eine Entkriminalisierung

gleichgeschlechtlicher sexueller

Handlungen. Das Gesetz

wurde 1968 vielmehr

durch ein anderes ersetzt: Der

neue Paragraph 151 verbot

zwar gleichgeschlechtliche

Kontakte nicht mehr per se,

setzte aber das Schutzalter für

homosexuelle Handlungen sowohl

zwischen Männern als

auch zwischen Frauen auf 18

Jahre herauf.

1988 wurde der Paragraph gestrichen,

das Schutzalter lag in

der DDR nun bei 16 Jahren.

FOTO: ROBERT HAVEMANN GESELLSCHAFT/ BETTINA DZIGGEL/ RHG_FO_GZ_1966

dann war es wieder präsent,

dass es nicht für dich stimmt.

Du hast niemanden, den du ansprechen

kannst. Und dann wird

es elend.“

Auch Bettina Dziggel steht

einmal vor der Tür eines Arztes.

Sie betritt die Praxis nicht.

Dennoch: „Ich wollte die Vereinsamung

durchbrechen.“ Wie

Ursula Sillge zieht sie deshalb

nach Ostberlin.

Freiräume schaffen

Beide Frauen hätten dort mit

ihren Freundinnen in relativer

Ruhe zusammenleben können.

Allerdings nicht offen lesbisch.

„Du konntest nicht sagen: Hier

habe ich ein Recht darauf“, fasst

Bettina Dziggel die Situation für

Lesben und Schwule zusammen.

Wenn ein homophober Hausbuchverwalter

das lesbische

Pärchen nicht akzeptierte, hatte

es in seinem Wohnblock keine

Chance, eine Wohnung zu bekommen.

Es wäre ein Leben im

Versteck gewesen. „Aber das hat

mir nicht gereicht. So bin ich

nicht erzogen“, sagt Ursula Sillge.

Beide Frauen gründen Gruppen,

in denen sich lesbische

Frauen* treffen, vernetzen und

politisch aktiv werden können.

„Ich wollte einen Anlaufpunkt,

damit die Leute wissen, wo sie

hingehen können, wenn sie im

Coming Out stecken. Das ist

eine kritische Phase“, sagt Ursula

Sillge. 1987 gründet sie den

Sonntags-Club mit, der bis heute

existiert. Bis zur Vereinsgründung

1990 blieb er eine informelle

Gruppe aus Lesben und

Schwulen, denn von FDJ bis Gesundheitsministerium

wollte

niemand dem Sonntags-Club

ein Dach geben, was für einen

Verein notwendig war. „Mir

wurde mindestens ein Dutzend

Mal gesagt, ich könne das doch

alles bei der Kirche machen. Das

wollte ich aber nicht. Ich wollte,

dass Lesben und Schwule

ganz normale Bürger sein dürfen

und nicht Oppositionelle“,

betont Ursula Sillge.

Bettina Dziggel sieht das etwas

anders: Sie politisiert sich

Anfang der 1980er Jahre in der

Friedensbewegung und gründet

mit Freund*innen die dezidiert

oppositionelle Gruppe „Arbeitskreis

homosexuelle Selbsthilfe

– Lesben in der Kirche“. Reli giös

waren die Frauen* zwar nicht,

aber „es ging uns darum, Freiräume

zu schaffen. Fortschrittliche

Pastoren und Gemeindekirchenräte

haben ihre Pforten

geöffnet“, erklärt Dziggel. Ab

1984 treffen sich jeden zweiten

Donnerstag dutzende Frauen* in

der Gethsemane-Kirche in Berlin-Prenzlauer

Berg zu Gesprächsrunden

und Veranstaltungen.

Eine Gruppe kann wie ein

Schutzschild sein. Sie gibt Identität,

schirmt ab, ermutigt. Sie

gibt Halt. Und den brauchen die

Frauen*. „Ich selbst habe mich

nicht so recht als Oppositionelle

verstanden. Aber wir haben

uns nicht weggeduckt, wir waren

selbstbewusst“, sagt Ursula

"

Ich wollte,

dass Lesben

und Schwule

ganz normale

Bürger sein

dürfen und

nicht

Oppositionelle.“

Sillge. Eine Frau, die sich mit anderen

Frauen trifft. Um sich auszutauschen,

Freundschaften zu

schließen, vielleicht mehr. Aus

Sicht der Sicherheitsbehörden

ist Ursula Sillge eine Bedrohung

für den Staat. Gut 15 inoffizielle

Mitarbeiter*innen hatte die Stasi

auf sie angesetzt, erfährt Ursula

Sillge beim Lesen ihrer

Akte nach der Wende.

Die Stasi streut ein Gerücht

Als Sillge 1978 das erste landesweite

Treffen für Lesben in der

DDR organisiert, wird sie von

der Polizei vorgeladen. Einen

Tag lang wird sie verhört, stundenlang

in eine fensterlose

Kammer gesperrt. „Da habe ich

die ganze Zeit die Sputnik gelesen.

Und dann habe ich den Genossen

von der Kriminalpo-


18

Ein Land – PORTRAIT

Die Gruppe „Lesben in der Kirche“ macht bei der Friedenswerkstatt 1985 mit einem Plakat auf sich aufmerksam.


Foto: Robert Havemann Gesellschaft/ RHG_Fo_GZ_1951

lizei erklärt, was schwul, lesbisch

und homosexuell bedeutet“, erzählt

sie mit einem Schmunzeln. Als sie

in den Folgejahren trotz Überwachungsmaßnahmen

und Verhören

ihr Engagement nicht einstellt, greift

das System zu anderen Mitteln.

Um sie zu diskreditieren, streut

die Stasi das Gerücht, Sillge sei

selbst als inoffizielle Mitarbeiterin

tätig. Manche glauben diese Lüge.

Das belastet die 73-Jährige noch

heute, auch wenn es nie einen Beweis

gab und über ihre Geschichte

online auf den Seiten der Bundesbeauftragten

für Stasi-Unterlagen

berichtet wird. „Von 1982 bis zur

Wende wurde ich nirgends mehr

eingestellt“, berichtet Sillge. Einmal

sagt man ihr ganz offen, dass man

sie gern genommen hätte, aber nicht

dürfe. Schließlich putzt sie in Berlin-Rummelsburg

Züge: „Von irgendwas

muss der Schornstein ja

rauchen.“

Verhindertes Gedenken

Dass die Frauen* von „Lesben in der

Kirche“ von der Stasi überwacht

wurden, sei allen klar gewesen, berichtet

auch Bettina Dziggel. „Du

" Du

kannst

dich

damit

verrückt

machen

oder eben

nicht.“

kannst dich damit verrückt machen

oder eben nicht. Vielleicht werde ich

verhaftet – na und? Ich mach mich

doch nicht wegen so ein paar Jungs

verrückt“, sagt Dziggel. „Ansonsten

hatten wir nicht allzu viele Widerstände.“

Außer bei dieser einen Sache,

damals 1984.

Die Gruppe will die Verfolgung

von Lesben während des Nationalsozialismus

aufarbeiten. Dazu gibt

es keine Informationen in der DDR.

„Wir wussten damals nicht, ob auf

Grundlage des §175 auch Lesben verfolgt

wurden, aber unser Prinzip

war: Da, wo Frauen sind, sind auch

Lesben.“ Deshalb fährt die Frauengruppe

1984 ins Konzentrationslager

Ravensbrück. Sie legen einen

Kranz nieder, tragen sich ins Besucherbuch

ein. Doch beides wird

schnell wieder entfernt.

Zum 40. Jahrestag der Befreiung

des Konzentrationslagers fahren die

Frauen* erneut nach Ravensbrück.

Wieder mit einem Kranz, im selben

Blumenladen bestellt. Doch dieses

Mal erfährt die Polizei davon.

„Schon am S-Bahnhof Schönhauser

Allee haben uns zwei Herren empfangen.

Sie begleiteten uns, auch

beim Umsteigen. Auf dem Bahnhof

in Fürstenberg haben sie dann eine

Ausweiskontrolle gemacht, nur bei

uns elf Frauen“, erinnert sich Bettina

Dziggel. „Dann haben sie uns auf

einen Lkw geladen und durch Fürstenberg

gefahren. Dann durch den

Wald.“

„Es war geschafft“

Männer in Zivil kommen hinzu, die

Frauen* werden einzeln verhört.

Mehrere Stunden dauert das Prozedere

insgesamt, am Ende müssen sie

zurück nach Berlin fahren, ohne die

Gedenkstätte betreten zu können.

„Das hat bei allen einen ganz massiven

Bruch hinterlassen.“ Einige

Frauen* stellen daraufhin einen Ausreiseantrag.

Bettina Dziggel fährt

erst nach der Wende noch einmal

zum Gedenken nach Ravensbrück.

Im November 1989 löst sich die

Gruppe „Lesben in der Kirche“ auf.

„Es war sozusagen geschafft“, sagt

Bettina Dziggel. Der Staat, der all

jene zu Oppositionellen machte, die

gleichberechtigt leben wollten, war

gescheitert.

Doch obwohl es nun Zugang gab

zu Büchern, Filmen, Kunst und die


PORTRAIT – Ein Land

19

Freiheit, sich zu versammeln,

Vereine zu gründen: Eine Gesellschaft,

in der sie gleichberechtigt

und ohne Diskriminierung

leben können, finden die

beiden Frauen auch in der BRD

nicht vor.

Ursula Sillge und Bettina

Dziggel können dutzende Geschichten

erzählen: von Menschen,

die ihnen nicht die Hand

geben wollen. Die sie ignorieren.

Die nicht mit ihnen gemeinsam

im gleichen Straßenbahnabteil

fahren wollen. Die ankündigen,

alles zu tun, um ihrer Karriere

zu schaden. Die den

eigenen Töchtern verbieten, ein

Praktikum bei ihnen zu machen.

Und in der Gedenkstätte Ravensbrück

gibt es noch immer

kein Mahnmal für lesbische

Frauen, auch wenn die Diskussion

darum längst nicht verstummt

ist.

Ursula Sillge ist zurück nach

Thüringen gegangen. In Meiningen

leitet sie mit ihrer Lebenspartnerin

ein Hostel, das dazu

da ist, um die laufenden Kosten

zu decken. Ihre Aufmerksamkeit

gilt dem Lila Archiv, das sie 1991

gegründet haben. Es versammelt

Literatur und Dokumente zur

Frauen- und Lesbenbewegung

mit einem Fokus auf die DDR.

Bettina Dziggel ist in Berlin

geblieben. „Ich denke darüber

nach, wieder eine Gruppe zu

gründen.“ „Lesben gegen Gewalt“

könnte sie heißen. In den

vergangenen Jahren hat die Zahl

der homophoben Gewalttaten

wieder zugenommen, geht aus

Zahlen des Bundesinnenministeriums

hervor. Sie ist so hoch

wie seit 15 Jahren nicht mehr.

Ursula Sillge und Bettina

Dziggel schweigen nicht. Sie

kämpfen noch immer.

Lesbisches Leben in der

DDR – das interessierte

auch Westberlin. Nach dem

Mauerfall lud das Lesbenarchiv

Spinnboden zu

Lesungen und Diskussionsveranstaltungen

ein.

FOTO: HELLMANN/FFBIZ – DAS FEMINISTISCHE ARCHIV

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Gründer Volker Tolle und Reiner Müller

NIG-Etappen:

2005 Firmengründung durch

Reiner Müller und Volker Tolle

2006 Erste internationale

Großprojekte für industrielle

Großkunden

2008 Neuer Firmensitz und

Erstzertifizierung nach

ISO 9001:2008 und SCC

2009 Start als Ausbildungsbetrieb

2012 Gründung der süddeutschen

Betriebsstätte bei Nürnberg

in Röthenbach a.d. Pegnitz

2017 Letzte Rezertifizierung der

ISO 9001 und SCC)

2019 Richard Müller Prokurist ppa.

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20

Ein Land – BILDGESCHICHTE

Kinder an die Macht” –

auf der schwarz-weißen

Fotografie lässt

sich der Schriftzug nur

erahnen. Das Plakat trägt der damals

vierjährige Richard, mit

seinem Vater steht er 1989 auf

der Bühne. Rund 30 Jahre später

überlegen Michael Wolf und

sein Sohn, wer das Schild gemalt

hat. „Das muss Mutti gewesen

sein“, sagt Richard. Das Bild der

Mauer-Proteste, drei Jahrzehnte

alt – und doch topaktuell. Seit

Monaten gehen die Massen auf

die Straßen, zum Klimastreik. In

Finsterwalde, einer Kleinstadt

in der brandenburgischen Lausitz,

ist Pfarrer Michael Wolf damals

wie heute an den Demonstrationen

maßgeblich beteiligt.

Kirche organisiert Protest

Finsterwalde ist eine eher verschlafene

Gemeinde. Große Politik

wird hier nicht gemacht,

aber durchaus kritisch beobachtet.

Selbst in Finsterwalde haben

etwa 300 Schüler*innen und Erwachsene

am globalen Klimastreik

am 20. September 2019

teilgenommen. Und auch schon

Ende der 1980er Jahre gingen

nicht nur in Berlin Tausende auf

die Straße, sondern auch in

„Dusterbusch”, wie die Stadt

heute manchmal scherzhaft genannt

wird.

„Wir dachten uns‚ das, was

die in Berlin können, können

wir hier auch”, erklärt Michael

Wolf rückblickend. 1987 gründete

er zusammen mit anderen Gemeindemitgliedern

einen Umwelt-

und Friedenskreis, der nur

sieben Mitglieder hatte. Schon

im Jahr drauf waren es zehn, die

an einem Friedensgebet für inhaftierte

Regimekritiker*innen

teilnahmen. Klingt nach nicht

viel, doch „der Anfang war gemacht”,

wie Michael Wolf stolz

dazu sagt.

„Zu unserem Friedensgebet

am 8. November 1989 kamen

Menschen über Menschen. In

der Trinitatiskirche hatten sie

keinen Platz mehr. Es waren

Tausende“, beschreibt Wolf. In

Zeitungsberichten ist von 12 000

Demonstrant*innen die Rede.

Finsterwalde hatte damals etwa

24 000 Einwohner*innen. „Danach

haben wir immer gesagt,

Einer Kleinstadt

reicht’s

Protest Ein Bild aus dem Spätherbst 1989 zeigt Vater und Sohn

während der Mauerfall-Demonstrationen in Finsterwalde. 30 Jahre

später entsteht dort eine neue Aufnahme. Das Ziel ist das gleiche

geblieben: Die Menschen sollen protestieren. Von Josephine Japke

" Flucht

und

die Klimakrise

machen vor

Mauern nicht

Halt.“

dass die Mauer am 9. November

gefallen ist, weil wir einen Tag

zuvor auf die Straße gegangen

sind“, scherzt Wolf.

Das Foto, auf dem der damals

32-jährige Jugendpfarrer mit seinem

Sohn zu sehen ist, wurde

am 18. November 1989 gemacht.

Die Euphorie, die durch die

Menschen ging, war noch nicht

ganz verebbt und trotzdem gab

es unter den Demonstrierenden

bereits vorsichtig warnende

Stimmen. „Wir haben die Menschen

dazu aufgerufen, Ruhe zu

bewahren, vorsichtig zu bleiben

und kritisch zu sein“, sagt Wolf.

Heute, 30 Jahre später, ist das

Plakat „Kinder an die Macht“

aktueller denn je. Michael Wolf

und Sohn Richard unterstützen

die Klimaproteste „Fridays for

Future“ und hoffen, wie schon

in der Vergangenheit, auf ein

Umdenken in der Gesellschaft.

„Damals war allen klar, dass es

so nicht weitergehen kann und

man für sein Recht und das

Recht in Freiheit zu leben, auf

die Straße gehen muss. Die glei-


BILDGESCHICHTE – Ein Land

21

che Stimmung brauchen wir

auch heute wieder“, sagt Wolf.

Denn das Recht zu leben betrifft

seiner Meinung nach nicht nur

uns, sondern vor allem nachfolgende

Generationen – die es

schwer haben werden, wenn mit

der Natur nicht besser umgegangen

wird. „Wir haben nur

eine Erde. Und die gilt es zu

schützen”, sind sich Richard und

Michael Wolf einig.

Im November 1989 stehen Vater und Sohn Wolf erstmals gemeinsam

auf der Bühne in Finsterwalde. An gleicher Stelle organisieren

sie 30 Jahre später den Klimaprotest.


Fotos: Frank Hilbert, Josephine Japke

Leben in einer Demokratie

Vieles hat sich seit den Protesten

1989 verändert. Die Menschen

dürfen reisen und sagen,

was sie möchten. Sie leben in

demokratischen Verhältnissen,

in der Meinungs- und Pressefreiheit

gelebt werden und jede*r

kritisch mitdenken und

mitreden darf. „Den Menschen“,

so Michael Wolf, „geht es vermutlich

so gut wie noch nie.“

Dennoch versuchten „Demagogen“,

sagt er, von der AfD all dieses

Gute wieder umzukehren.

Was sie und viele andere nicht

verstünden: „Flucht und die Klimakrise

machen vor Mauern

nicht Halt.”

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2007

22 Ein Land – BILDER

Früher

Heute

Zeitreise Das Leben an der Grenze hat

den Alltag der Menschen in Ost und West

geprägt. Vieles hat sich seit der Wende

verändert. Von Annika Funk und Julia Weise

1989

2007

1987

Ausreiseverkehr am Grenzübergang

Bergen bei Salzwedel

am 10. November 1989.

„Die Mauer wird

fallen“, steht auf

der Mauer im

Jahr 1987. Heute

hat man dort

freie Sicht auf

den Reichstag in

Berlin.

2019

damals

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1990

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19621989

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Weitere Fotos unserer Spurensuche

finden Sie auf www.einland.net/bilder

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Eine Gedenktafel erinnert an die Grenzanlage

in Oebisfelde in Sachsen-Anhalt.

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Der Bahnhof

Probstzella war

bis 1990 eine

DDR­ Grenzstation.

Heute steht an der

Kontrollstelle ein

Supermarkt.

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Das Dorf Mödlareuth

war bis 1989 in der

Mitte geteilt.

FOTOS: BERGEN: DANNEIL-MUSEUM SALZWEDEL; BERLIN: FLORIAN BORTFELDT (FRÜHER); ANNIKA FUNK (HEUTE);

MÖDLAREUTH: MEDIATHEK DES DEUTSCH-DEUTSCHEN MUSEUMS MÖDLAREUTH (FRÜHER); JULIA WEISE (HEUTE);

OEBISFELDE: ULRICH PETTKE (FRÜHER); ANNIKA FUNK (HEUTE); PROBSTZELLA: ARCHIV ROMAN GRAFE


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30 Jahren in

Brandenburg

„Ist die Energiewende

eigentlich eine

Raketenwissenschaft?“

Nicht für den, der sie gestaltet. Und das machen

wir gemeinsam mit Ihnen jeden Tag.

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24

Ein Land – FEATURE

Schule der Deutschen

Einheit – in großen

schwarz-rot-goldenen

Buchstaben

steht der Beiname

des Philipp-Melanchthon-Gymnasiums

an der Fassade der

Schule. Die Buchstaben beißen

sich etwas mit dem weißen und

blauen Putz des länglichen Gebäudes.

In der Chronik von Gerstungen,

gelegen im Westen Thüringens,

wird als bemerkenswert

notiert, dass der russische Zar

"

Schule der

Einheit

war ein

guter Slogan“

im November 1910 einmal im

Zug an dem Ort vorbeigefahren

ist. Auch heute fahren Fernzüge

durch Gerstungen, halten dort

aber nicht. Die Gleise verlaufen

fast direkt neben dem Schulgelände.

Vom Westen in den Osten

Erst 2009, also 20 Jahre nach

dem Mauerfall, gab sich das

Gymnasium in Grenznähe den

Beinamen „Schule der Einheit“.

Schüler*innen aus Thüringen

und Hessen, aus „Ost-“ und

„Westdeutschland“, gehen hier

gemeinsam zur Schule. Dabei ist

die Richtung, in der diese Geschichte

verläuft, entgegengesetzt

zu der vieler Wende-Erzählungen:

Junge Menschen

kommen aus dem Westen in den

Osten. Es ist eine Mann-beißt-

Hund-Geschichte.

„Hin und wieder wurde mit

Kategorien wie Ossi und Wessi

und damit verbundenen Unterscheidungen

oder Klischees kokettiert“,

sagt Björn Becker aus

dem hessischen Bebra über die

Schule, die er von 2000 bis 2008

besucht hat. Von 2005 an, also

in der Zeit, in der die Debatte

um eine mögliche Schließung

des Gymnasiums aufkam, war

Becker Schülersprecher. „Aber

je länger man gemeinsam zur

Schule ging, desto weniger

spielte das eine Rolle.“

Björns Schwester Stella Becker

kam vier Jahre nach ihrem

Bruder nach Gerstungen. „Eine

ernsthafte Trennung gab es da

nicht. Schon, weil sich auch viele

Partnerschaften entwickelt

haben zwischen Leuten aus Dörfern

auf der einen und anderen

Das Gymnasium nennt sich heute „Schule der deutschen Einheit“. Diana Köberlein (li.), Stella und Björn

Becker sind dort zur Schule gegangen. Gerald Taubert (unten) ist der Direktor. Fotos: Daniel Roßbach

Zusammenwachsen

mit Narben

Grenzverkehr An einem Gymnasium im thüringischen Gerstungen

lernen seit der Wende auch viele hessische Schüler*innen. Deshalb

wurde es fast geschlossen. Von Daniel Roßbach und Julian Münz

Seite.“ Eine davon ist auch die

Beziehung zwischen ihrem Bruder

Björn und seiner Freundin

Diana Köberlein. Auch Diana

sagt: „Im Kontakt miteinander

war ziemlich egal, woher jemand

kam.“

Stasi-Altlasten

Das Gebäude, in dem das Gymnasium

1991 eröffnet wurde, gehörte

vor der Wende den Grenzbehörden

der DDR. Die „Passkontrolleinheit“

des Ministeriums

für Staatssicherheit (MfS)

war in dem grauen, länglichen,

zweistöckigen Gebäude untergebracht.

Das MfS installierte

dort eine Abhöranlage für Telefongespräche.

In diesen Räumen

wurden später Toiletten

eingebaut.

1992 kam der erste Schüler

aus Hessen an die Schule, im

Jahr 2000 pendelten fast die

Hälfte der etwa 120 neuen Schüler*innen

des Gymnasiums aus

Hessen nach Thüringen.

Die Gründe für den Andrang

waren vor allem pragmatisch:

„Es gab bei uns im Kreis kein

reines Gymnasium“, erklärt

Björn Becker. In Thüringen war

das anders und die Schule leicht

zu erreichen. „Meine Eltern fanden

es aber durchaus auch

schön, überhaupt die Option zu

haben, ihre Kinder zur Schule

in den Osten zu schicken.“

Schließlich hatte die Teilung

auch in den westdeutschen „Zonenrandgebieten“

Möglichkeiten

limitiert.

Doch einigen Kommunalpolitiker*innen

war die Schule ein


FEATURE – Ein Land

25

Dorn im Auge. 2005 wurde über

eine geplante Schließung der

Schule gestritten. Noch heute

sagt Schulleiter Gerald Taubert

über diese Diskussion: „Es gab

da sehr dümmliches, niveauloses

Denken“, von „zweitklassigen

Kreispolitikern“. Taubert,

seit 1992 Lehrer, seit 2003 Schulleiter

in Gerstungen, meint damit

das Argument, Thüringen

habe mit dem Betrieb der Schule

mit vielen hessischen Schüler*innen

die Aufgaben des

Nachbarlandes finanziert.

Interesse aus Hessen

Einer der Befürworter der

Schließung im Kreistag war Helmut

Rackwitz. Er leitete damals

eine Regelschule direkt gegenüber

des Gymnasiums in Gerstungen.

Zu der Debatte über das

Gymnasium möchte er heute

nichts mehr sagen. „Das ist eine

Angelegenheit des Kreistages,

und zu lange her.“ Mit dem Fortbestehen

des Gymnasiums könne

er aber mittlerweile gut leben.

Als die Möglichkeit der

Schließung im Raum stand, gab

es im Umfeld der Schule schnell

lautstarken Protest. Da ist „sofort

das ganze Gebiet hier rebellisch

gewesen“, sagt Schulleiter

Taubert. Im Mittelpunkt stand

der symbolische Wert der Schule:

Bei einer der Aktionen bauten

Schüler*innen sinnbildlich

die Mauer wieder auf.

Diana Köberlein erinnert sich

an die Debatte um die Schließung

und das Unverständnis

über diesen Vorschlag: „Wir haben

eigentlich dann erst gemerkt,

wie besonders die Situation

des Gymnasiums war. Es

‚Schule der Einheit‘ zu nennen,

war ein guter Slogan – aber eben

auch einer, der nicht aus der

Luft gegriffen war.“

Der Kreistag des Wartburgkreises

stimmte schließlich

nach monatelanger Debatte gegen

die Schließung der Schule.

„Die zuständige Schuldezernentin

sagte in der Sitzung, in der

darüber abgestimmt wurde, dass

das Gymnasium aus politischen

Gründen nicht geschlossen werden

könne – was auch immer

das heißt“, erinnert sich Björn

Becker, der bei der Entscheidung

vor Ort war. „Die Regionalpolitiker

reagierten insgesamt

sehr trotzig und ignorant

auf unsere Argumente.“

Kompromisse eingegangen

Obwohl das Gymnasium weiter

existierte, zogen die neuen Regelungen

der Schulbehörden

Einschnitte für den Bildungs-

Grenzverkehr nach sich. Die

Zahl der Schüler*innen, die das

Gymnasium in jedem Schuljahr

aufnehmen konnte, wurde auf

90 begrenzt. Dabei wird thüringischen

Kindern Vorrang eingeräumt.

Gibt es dann noch mehr

hessische Anmeldungen als

Plätze, wird ein Losverfahren

angewandt. Im Jahr 2006 kam es

dazu: 29 Kinder aus Hessen

mussten auf diese Weise abgelehnt

werden. Weil das bei Eltern

schlecht ankommt, ist die

Zahl der Anfragen in den folgenden

Jahren gesunken. Inzwischen

liegt sie konstant knapp

unter der Kapazitätsgrenze, der

Anteil aus Hessen beträgt rund

ein Drittel.

Über eine Schließung der

Schule redet aber heute keiner

mehr. Und auch den selbst gewählten

Titel „Schule der deutschen

Einheit“ stellt in Gerstungen

niemand in Frage.

DerneueKia XCeed.

MitHabenwollen-Effekt.

Am 21.09.2019 feierte der neue Kia XCeed bei den

Fischer Autohäusern Premiere. Mit dem schicken Crossover

wächst die beliebte Kia Ceed Familieauf vier Mitglieder an.

Gleiche Gene haben der Kia Ceed,Kia Ceed Sportswagon

undKia ProCeed.

Starteiner neuen Bewegung.

Es ist schon etwas ganz Besonderes,

wenn man ein Fahrzeug präsentieren

kann, das mit Konventionen bricht.

Ein Auto, das die Vorzüge eines SUV

mit denen eines agilen Kompaktwagens

verschmelzen lässt. Ein Kia,

der auf Anhieb fasziniert und wie geschaffen

für Abenteuerlustige ist, die

stets neue Erfahrungen suchen. Kein

Wunder also, dass erbei vielen Menschen

schon beim ersten Anblick den

Habenwollen-Effekt auslöst. Und das

Bestedaran:Der sportlicheCrossover

mit coupéhafter Silhouette feierte

am 21.09.2019 in den Fischer AutohäusernPremiere.

Sportlicher Blickfang

mit starker Ausstrahlung.

Dirk Fischer vom gleichnamigen

Autohaus schwärmt noch heute: „Ich

Heißen Sie herzlichwillkommen:Fischer Autohäuser und Team.

war sofort vom markanten Design

des neuen Kia XCeed begeistert. Ich

bin davon überzeugt, dass sich dieser

neue Kia schon bald großer Beliebtheit

erfreuen wird.“ Die Seitenansicht

mit gestreckter Motorhaube ist betont

sportlich. Für weitere Dynamik sorgen

keilförmige LED-Frontscheinwerfer,ein

breiterHeckdiffusorsowie

fünfstrahlige 18-Zoll-Felgen1 mit

Y-förmigen Speichen. Dirk Fischer

ergänzt: „Der Auftritt des neuen Kia

XCeed ist dank breiter Karosserieund

markanten Kühlergrills sowie großen

unteren Lufteinlasses souverän. Die

progressive Silhouette ist von vorn

bis hinten gelungen.“ Designhighlights

sind u. a.: LED-Tagfahrlichter

aus vier Spots, schlanke LED-Rückleuchten,

schwarz verkleidete Radläufe

und Seitenschweller sowie die

Dachreling.

Modernitätund Zeitlosigkeit

treffen zusammen.

Im neuen Kia XCeed fällt sofort das

großzügige Raumangebot auf. Zahlreiche

Soft-Touch-Applikationen,

dunkle Chromelemente am Armaturenbrett,

hochwertige Sitzbezüge

und eine erhöhte Sitzposition sorgen

für einen kultivierten und edlen Eindruck.

„Elementewie derfreistehende

Touchscreen des Infotainmentsystems

oder das Multifunktions-Display für

Bordcomputerdaten und Informationen

zuNavigation, Audiosystem und

intelligenten Assistenzfunktionen2

sind hilfreiche Unterstützer im Alltag

und unterstreichen gleichzeitig den

modernen Look“, sagt Dirk Fischer..

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Die Motorleistung reicht von 85 kW

(115 PS) bis150 kW (204 PS).Die Topmotorisierungmit

Ottomotormeistert

den Sprint von 0auf 100 km/h innur

7,5 Sekunden. Dirk Fischer macht zudem

auf die verschiedenen Antriebsmöglichkeiten

aufmerksam: „Unsere

Kunden haben die Wahl zwischen

Benziner und Dieselmotoren und

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Somit ist für jeden Geschmack

etwasdabei.“

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26

Ein Land – PORTRAIT

FOTO: PRIVAT

Sommer 1988: Peggy und Thomas

Zecha auf einem Segelbootausflug

auf dem Großen Jasmunder Bodden.

Schmerzen – das ist

das erste, woran sich

Peggy Zecha erinnert,

wenn sie an

den Tag des Mauerfalls

zurückdenkt. Sie hatte

Zahnschmerzen, als sie ihre Eltern

in Frankfurt (Oder) besuchte.

„Es tat so weh, dass ich mich

erst einmal ins Bett verkroch.

Alles musste leise sein, kein Radio,

kein Fernsehen“, erzählt die

52-Jährige. Die Welt hatte sie

komplett ausgeblendet. Ihre

Mutter kümmerte sich währenddessen

um ihren zweijährigen

Sohn Franz. Den Vater des

Kindes, Thomas Zecha, hatte

sie zu diesem Zeitpunkt bereits

seit fünf Monaten nicht mehr

gesehen. Plötzlich klingelte das

Telefon . . .

Junge Liebe

Vier Jahre zuvor lernt Peggy

Zecha Thomas kennen. Sie ist

gerade einmal 18 Jahre alt, macht

eine Ausbildung zur Krippenerzieherin

und ist eine lebenslustige

junge Frau. Besonders die

gegenkulturelle Jugend- und

Freiheitsbewegung der 1960er

Jahre prägt ihr Weltbild. Im

Sommer 1985 macht sie sich, mit

Vokuhila-Haarschnitt, DDR-

Kraxe – einem Rucksack – und

Tramperschuhen ganz im Zeitgeist

gekleidet, auf die Insel Rügen

nach Glowe auf. Der dorti-

„Die Mauer fiel

nur für mich“

Verlust Peggy Zecha, in Frankfurt (Oder) geboren, hat in der DDR

die Liebe ihres Lebens getroffen. Dann zerschlug das Regime die

Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft. Von Christina Sleziona

Wir

"

waren

der Willkür

dieses

Staats

ausgeliefert“

ge Zeltplatz ist bei den Jugendlichen

sehr beliebt, weil er den

Ruf hat, sie auch einige Tage

ohne Anmeldung übernachten

zu lassen. Eigentlich aber sucht

Peggy Zecha hier einen berühmten

Basketballer, der für ein

Trainingslager angereist sein

soll. Am Zeltplatz angekommen,

findet die junge Frankfurterin jedoch

jemand völlig anderen: „Im

Gegenlicht stand er plötzlich

vor mir. Mein Tommy, mit seinem

langen, lockigen Haar wie

der junge Jesus. Mich hat das

weggehauen“, schwärmt Peggy

Zecha noch heute. „Als er dann

in den Schatten trat, war ich unsterblich

verliebt. Wahrscheinlich

hab ich gesabbert.“ Der Basketballer

ist sofort vergessen.

Was folgt, ist eine lange und

doch viel zu kurze Nacht auf

dem Zeltplatz, in der sie sich

über Gott und die Welt unterhalten.

„Wir kamen uns total

vertraut vor.“ Dennoch dauert

es ein halbes Jahr, bis aus einer

Sommerromanze eine Beziehung

wird. Denn Thomas Zecha

hat bereits eine Freundin und

muss als Segler an der Sportschule

in Hellersdorf zurück

nach Berlin. Es bricht ihr das

Herz, doch als er an einem Wintertag

vor ihrer Tür steht, ist

jeglicher Frust sofort vergessen.

„Ich hab ihn bedingungslos


Ideenschmiede der Zukun in Schwarze Pumpe

Ab Frühjahr 2020 kann das neue Kompetenzzentrum für Gründer und Gewerbe bezogen werden

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(KGG) scha die ASG SprembergGmbH wich-

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und mehr. Abdem Frühjahr 2020

kann es bezogen werden. Die Vision: Gründer und

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Bestandsunternehmen sollen voneinander profieren,

indem sich Synergien zwischen den Gewerben

bilden. Zusätzliche Unterstützung gibtesseitens der

ASG Spremberg GmbH u.a. in Form von Projektmanagement,

Förderung,Beratung und Standortmarke-

ng. So entsteht ein Organismus aus verschiedenen

Partnern, der steg wächst und auf Veränderungen

der Umwelt flexibel reagieren kann.

WeitereInformaonen findenSie unter

www.asg-spremberg.de

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Kennen Sie schon die „Räuberleiter“?

Projekte zurFachkräegewinnung und -sicherung

Im Rahmen der Akon „Räuberleiter“ betreuen 21

ehrenamtlich täge Mentoren Spremberger Schüler/-innen,

die aus einem Umfeld stammen, in welchem

sie nur unzulängliche Hilfebei der Berufswahl

erhalten. Ziel des Projekts ist es, ihnen die zahlreichen

Möglichkeiten der Aus- und Weiterbildung darzulegen

und sie darin zu unterstützen, ihre Berufswahl

gemäß der eigenen Kompetenzen zu fällen.

Die Koordinierungsstelle Sprembergfür Rückkehrer

und Neu-Spremberger stellt aktuelle Informaonen

über das Leben und Arbeiten in Spremberg zur Verfügung.

Sie vermielt Kontakte bei der Suche nach

Wohnungen, Jobs, Kitas, Schulen und der ärztlichen

Versorgung. Mit der zuverlässigen Pflege der Website

unterstützt sie die „Heeme fehlste Crew“.

Die „Heeme fehlste Crew“, eine Spremberger Ini-

ave für Rückkehrer, Neu-Spremberger und Heimatverliebte

organisiert u.a. regelmäßige Stammsche.

Gemeinsam möchte die Crew neue Ideen und

Akonen erarbeiten, um zu zeigen, wie lebenswert

die Stadt ist. Insbesondere Rückkehrern soll so die

„Heimreise“ erleichtert werden.

Folgen Sie uns gern auf den Social Media Kanälen

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www.heeme-fehlste.de


28

Ein Land – PORTRAIT

geliebt, deshalb war es dann auch

egal.“ Sie gehen miteinander aus

und finden in den Clubs und Bars

der Berliner Jugendszene einen großen

Freundeskreis.

Zwei Jahre später bekommt Peggy

Zecha einen Studienplatz als Rehabilitationspädagogin

und zieht

nach Berlin-Hellersdorf um. Die erste

gemeinsame Wohnung mit Thomas

Zecha ist klein und spärlich eingerichtet.

Peggy Zecha bezeichnet

sie liebevoll als „Matratzenlager“,

denn außer dem großen Doppelbett

haben sie kaum etwas. Nur ein

selbstgezimmertes Regal und Holzgartenstühle

von der Mutter schmücken

zusätzlich die Zimmer. Die Toilette

ist ständig verstopft und im

Winter eingefroren. Doch all das ist

Peggy Zecha egal, sie liebt das Leben

in Ost-Berlin. Nicht nur sind die

Einkaufsmöglichkeiten gefühlt unbegrenzt,

auch der politische Umbruch

bahnt sich bereits an. „Man

hat die Aufbruchstimmung definitiv

gespürt. Vielleicht nicht ganz so

stark wie in Leipzig oder Dresden

mit den Montagsdemos. Aber wir

hatten eine große Clubszene, wie

das Haus der jungen Talente, wo

man auch mal Tamara Danz auf dem

Klo treffen konnte.“

Unter ständiger Beobachtung

Die Schattenseiten des DDR-Regimes

sind für Peggy Zecha trotzdem

ständig präsent. Nie fühlt sie

sich wirklich frei. „In Berlin lief man

immer Gefahr, dass man irgendetwas

falsch macht. Wir wussten ja,

dass es genügend Leute gab, die uns

mit Argusaugen beobachteten. Allein

unsere Blueser- und Tramperszene

und mein kirchlicher Hintergrund

waren für die Stasi ausreichende

Indikatoren zur weiteren

Verfolgung.“ Später wird Peggy

Zecha in ihrer Frankfurter Stasi-Akte

die Bestätigung dafür finden. Jetzt

aber, im Jahr 1987, bleibt ihr nichts

anderes übrig, als sich mit der ständigen

Beobachtung zu arrangieren.

„Wir konnten auf dem Schwarzmarkt

unsere Schallplatten von Bob

Dylan, Pink Floyd oder Led Zeppelin

eintauschen, irgendwie ging das.“

In ihren Lebensentscheidungen aber

fühlt sich Peggy Zecha weiterhin

massiv beschnitten. So darf sie zum

Beispiel nur in das befreundete sozialistische

Ausland reisen. Weiter

weg will sie zwar sowieso nicht,

„aber dass uns die Entscheidung abgenommen

wurde, hat mich immens

gestört“. Zerstreuung sucht sie daher

immer wieder bei ihren

Freund*innen, der Familie, ihrem

Liebsten.

Doch von einem Tag auf den anderen

ist plötzlich alles anders:

„Tommy sagte auf einmal, dass wir

uns trennen müssten.“ Warum, kann

sich Peggy Zecha nicht erklären.

Dann rückt Thomas Zecha mit der

Sprache heraus: Sein Vater kam von

einem kurzen Reiseaufenthalt in

Westdeutschland nicht zurück. Er

und seine Familie wissen nicht, weshalb.

Der Staatssicherheitsdienst

hält sie jedoch für Mitwisser und

stellt Thomas Zecha vor die Wahl:

Entweder er erklärt seinen Vater für

tot oder aber er darf nicht studieren.

Wenig später stellt er seinen Ausreiseantrag

in den Westen. „Natürlich

musste Tommy seinen Vater suchen.

Es gab in der DDR keine Zukunft

mehr für ihn. Er musste gehen“, wird

der jungen Liebenden schnell klar.

„In diesem Moment hab ich die DDR

wirklich gehasst. Wir waren einfach

der Willkür dieses Staates ausgeliefert.“

Unerwarteter Nachwuchs

Peggy Zecha will nicht loslassen.

Zwei lange Jahre wartet sie mit Thomas

Zecha auf seine Ausreisebestätigung.

„Es war furchtbar. Ich konnte

keine Pläne für die Zukunft

schmieden.“ Die Gedankenmaschine

kann sie nicht abschalten. Immer

Zwei Monate vor der Ausreise: Für einen Moment ist

das Familienglück mit Sohn Franz perfekt.

„In Berlin

lief man

immer

Gefahr,

dass man

irgendetwas

falsch

macht.“

wieder stellt sie sich die eine Frage:

„Was mache ich nur, wenn er weg

ist?“ Die Antwort kommt: Peggy

Zecha wird schwanger. Ungeplant,

aber es gibt ihr Kraft. „Natürlich war

das ein richtig schlechtes Timing,

aber das war das Kind von dem

Mann, den ich über alles liebe. Ich

habe mich riesig gefreut.“ Während

der Schwangerschaft verbietet sie

sich, über Thomas Ausreise nachzudenken,

bis sie im Frühling 1989 einen

Sohn zur Welt bringt.

Tag der Ausreise

Nur wenige Wochen später kommt

die Bestätigung. Thomas Zecha soll

am Tränenpalast zur Ausreise erscheinen.

Das Schlimmste für Peggy

Zecha: Sie schafft es nicht mehr,

sich von ihm zu verabschieden. „Ich

hätte ihm sagen wollen, alles ist gut.

Du brauchst dir keine Sorgen machen“,

erzählt sie mit brüchiger

Stimme. Vor allem die Angst, dass

ihr Geliebter in der Fremde verzweifeln

könnte, setzt ihr zu. „Ich hatte

schließlich unser Kind, Tommy aber

musste alles zurücklassen.“

Thomas Zecha kommt zunächst

im westdeutschen Auffanglager in

Gießen unter, bis er von dort aus seinen

Vater in Frankfurt am Main findet.

Nur durch spärliche Telefonanrufe

können er und Peggy Zecha den

Kontakt aufrechterhalten. Die Angst

davor, abgehört zu werden, ist jedoch

groß. „Ich hatte beim Amt

nicht angegeben, dass Franz der


PORTRAIT – Ein Land

29

FOTO: PRIVAT

Sohn von Thomas ist. Mit einer

potenziell angedichteten Alimente-Schuld

hätte er nicht ausreisen

dürfen, das wollte ich

nicht riskieren. Wir mussten

also sehr vorsichtig sein, worüber

wir uns unterhielten.“ Sehen

können sie sich während

dieser Zeit nie.

Fünf Monate später, am 9. November

1989, klingelte plötzlich

das Telefon: „Hey Peggy, hast du

schon gehört? Bist du schon bei

Tommy?“, rief Bruder Ole seiner

Schwester gerade noch so

durch den Telefonhörer zu,

dann wurde die Leitung unterbrochen.

Die von Schmerzen geplagte

Peggy Zecha verstand die

Welt nicht mehr. Erst, als die

Mutter den Fernseher einschaltete

und beide Frauen ganz erstaunt

unzählige Wartburgs und

Trabis durch den Checkpoint

Charlie fahren sahen, wurde

Peggy Zecha allmählich bewusst:

Die Mauer war offen. „Ich

war total überwältigt und hab

sofort versucht, Tommy zu erreichen.“

Ohne Erfolg, denn alle

Leitungen waren überlastet.

Es gab

"

in

der DDR

keine Zukunft

mehr für ihn.

Er musste

gehen.“

Bilder der Vergangenheit: Peggy Zecha erzählt ihrem Sohn Charlie

immer wieder gern, wie sie und ihr Mann in der DDR gelebt haben.

FOTO: CHRISTINA SLEZIONA

Zur selben Zeit war Thomas

Zecha schon auf dem Weg zur

Grenze. „Während alle anderen

nach West-Berlin drängten,

stand er an der Mauer und wollte

als einziger in den Osten zurück.“

Doch erst zwei Tage später

konnten sie sich endlich wiedersehen.

Seitdem ist das Paar

unzertrennlich. Auf die Heirat

1991 folgten zwei weitere Kinder,

Charlie und Lili. Heute lebt

die Familie in einem Einfamilienhaus

in Frankfurt (Oder). Peggy

Zecha ist glücklich und noch

immer unsterblich verliebt: „Ich

hatte die Hoffnung nie verloren,

nie. Ich wusste, alles wird gut.

Auch wenn ich nur eine von tausend

Geschichten bin: Ich weiß,

dass die Mauer nur für mich gefallen

ist.“

Meine

Zukunft

ist hier!

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"

Ich

" weiß nur, wie

darüber geredet

wird: ‘

Mauerfall,

Ost-West – eine

Vereinigung‘. Für

mich ist Deutschland

ein Land, schon

immer.“

Melanie Mahovsky (18)

aus Berlin-Pankow

"

Es Es gibt gibt noch noch

schiede

.

Sind wir

heute

und da laufen viele mit

' Oststolz'-T-Shirts

rum. Also ich glaube

schon, dass die

Trennung noch nicht

überwunden ist.“

Wir waren in Dresden

Peter Walter (45)

aus Bamberg


"

"

"

Unter

zwischen den Gehältern

Heute ist es

ausgeglichener als

damals, aber es

hängt selbst uns noch

hinterher.

Dass man schon sagt:

Wir sind halt schon

noch ‘

die Ärmeren‘.“

Erik Pfeiffer (18)

aus Eggersdorf

Heute

"

könnten

die Mauern für mich

noch höher sein.

Der Mauerfall bedeutet

für mich

Arbeitslosigkeit,

Kinderarmut,...

Das Thema ist

für mich heute eine

Katastrophe.“

Marion Linke (60)

aus Berlin-Hohenschönhausen

auf jeden Fall noch,

auch in meinem

Freundeskreis.

Aber nach 30 Jahren,

das ist eine ganze

Generation,

sollte es eigentlich

nicht mehr so sein.“

Vorurteile gibt es

Lars Schnell (18)

aus Berlin-Altglienicke

Im Osten

"

ist es eher

rechtsradikal.

Da merkt man

die Unterschiede

schon ein

bisschen mehr.“

Valentin Divkovic (21)

aus Berlin-Spandau

Alle Videos zu den

Umfragen gibt es auf

www.einland.net/video

Die ältere Generation

macht auf

jeden Fall noch einen

Unterschied.“

offen sozialisiert

und ich habe nie

zwischen Ost und West

unterschieden.“

Ich wurde sehr

Rebecca Lauer (33)

aus Berlin-Spandau

Sofia Liviero (32)

aus Berlin-Spandau

FOTO: SCREENSHOTS UMFRAGEN MOZ


Westblick

Die Mauer ist weg. Der Graben auch? Drei

Zeitungen, ein Projekt – von Volontär*innen,

die nach 1989 aufgewachsen sind.

Das

Wende-

Magazin


BILDUNGVERBINDET

Hochschule Neu-Ulm – Studieren an der

Internationalen Business School für

Innovation, Entrepreneurship und

digitaler Transformation.

hs-neu-ulm.de


INHALT & EDITORIAL – Ein Land

3

Inhalt

Zusammen in der Zwergenstadt: Im März trafen sich Volontär*innen und Redakteur*innen der drei

Verlagshäuser zur Themenplanung im niedersächsischen Hitzacker.

Foto: Parkhotel Hitzacker

Vom Westen betrachtet

04 „Das war echte

Pionierarbeit“

Die Fanta Vier im Interview.

06 Die Schatten der

Vergangenheit

Der Sohn von BND-

Agent*innen berichtet.

10 „Das ist eine historische

Stunde“

Ein Schwabe wurde 1991

Staatssekretär in Sachsen.

12 Der Freund von der

anderen Seite

Saarlouis und Eisenhüttenstadt

schrieben 1986

deutsch-deutsche Geschichte.

14 Umfrage zum

Mauerfall I

Impressum

Verlag & Herausgeber

Neue Pressegesellschaft

mbH & Co. KG

Frauenstr. 77, 89073 Ulm

Projektleitung

Magdi Aboul-Kheir, Bodo

Baumert, Lisa Mahlke,

Matthias Stelzer

16 Vereint in der

Feindschaft

Die Fans von Hertha BSC

und Union Berlin waren sich

vor 1989 näher als danach.

Zwei Anhänger berichten.

18 Mein Vater, der

Grenzsoldat

Ein junger Soldat flüchtet

1971 in den Westen. Im Gespräch

mit seiner Tochter

erwachen die Erinnerungen.

20 Sieben Sekunden

Schauspieler

Ein Barkeeper in Berlin und

seine Rolle im Film „Coming

Out“. Premiere war am

9. November 1989.

23 Umfrage zum

Mauerfall II

Anzeigen (verantwortlich)

Stefan Schaumburg

Redaktion

Ulrich Becker, Oliver

Haustein-Teßmer, Claus

Liesegang

Gestaltung

Franziska Oblinger, Nadine

Spreng, Michael Zülzke,

Max Meschkowski

Titelgrafik

Beniamino Raiola

Datenschutz

Den Datenschutzbeauftragten

erreichen Sie unter:

datenschutz@swp.de

24 „Menschen zu

verurteilen, ist

idiotisch“

Der frühere Westberliner

Alexander Ahrens ist Bürgermeister

in der AfD-Hochburg

Bautzen. Ein Interview.

26 Typisch Nachwendekinder?

Ein Streitgespräch mit Nicolas

und Sebastian, die nach

der Wende geboren wurden.

28 Die unendliche

Geschichte

Der Mauerfall beschäftigt

uns bis heute. Ein Essay.

29 Ein Land im Netz

Das Magazin gibt es auch

online – ganz ohne Bezahlmauer.

Druck

Konradin Druck GmbH

Kohlhammerstraße 1-15

70771 Leinfelden-Echterdingen

November 2019

Editorial

Liebe Leser*innen,

heute vor 30 Jahren gingen besondere

Bilder um die Welt. Bilder

von Menschen, die sich weinend

in die Arme nahmen. Die

Hand in Hand die deutsch-deutsche

Grenze überquerten. Die

zusammen auf der Berliner

Mauer feierten. Sie alle einte ein

Traum. Der Traum von Freiheit,

Gleichheit und einem geeinten

Deutschland.

Was die Deutschen stattdessen

bekommen haben, ist ein bis

heute unvollendetes Projekt.

Denn trotz Mauerfall und Wiedervereinigung:

Ein Land bedeutet

nicht Einheit. Zumindest

noch nicht. Auch 2019 gibt es

noch gravierende Unterschiede

zwischen Ost und West: unterschiedliche

Löhne, unterschiedliche

Sichtweisen, unterschiedliche

Perspektiven.

Und trotzdem: Die Bürger,

die vor und am 9. November in

Ostdeutschland auf die Straße

gegangen sind, haben Deutschland

für immer verändert. Sie

haben den nachfolgenden Generationen

ermöglicht, in einem

Land aufzuwachsen, in dem

Mauer, Kalter Krieg und Stasi-Verbrechen

nur noch in den

Geschichtsbüchern existieren.

Daher ist es etwas Besonderes,

dass wir dieses Magazin

schreiben durften. Denn wir

sind Volontär*innen. Junge

Journalist*innen aus Ost und

West, aus drei Verlagshäusern,

fast alle nach der Wende geboren.

Für das Magazin haben wir

uns mehrmals getroffen und monatelang

gearbeitet.

Wir haben Gewaltopfer, Wende-Pfarrer

und andere Personen

interviewt, die uns ihre Geschichte

erzählt haben. Wir haben

Streitgespräche moderiert.

Und wir haben uns gefragt, was

Deutschland heute noch trennt

und was es eint. Das Ergebnis

ist ein Magazin, das Gegensätze

vereint: Glück und Leid, Vergangenheit

und Zukunft, Einheit

und Vielfalt.

Zu dieser Vielfalt gehört

auch, dass wir mit Genderstern

schreiben, um alle Geschlechter

anzusprechen. Denn egal ob

Mann, Frau oder divers: Wir haben

alle eine gemeinsame Heimat.

82 Millionen Menschen, ein

Land: Deutschland.

Christian Kern

Volontär

Südwest Presse


4

Ein Land – INTERVIEW

„Das war echte

Pionierarbeit

damals“

Die Fantastischen Vier Die Hip-Hopper Michi Beck,

Smudo, And.Ypsilon und Thomas D sind seit

30 Jahren erfolgreich. Dass aller Anfang schwer ist,

mussten auch sie lernen – vor allem im Osten.

Von Annika Funk und Conradin Walenciak

Hip-Hopper mit Mut zur Frisur: Die Fantastischen

Vier bestehend aus And.Ypsilon, Smudo, Thomas D

und Michi Beck (v.l.) im Jahr 1993. Foto: Imago

Im Juli 1989, also kurz vor dem

Mauerfall, traten vier Stuttgarter

Musiker zum ersten Mal gemeinsam

auf, die später die

Hip-Hop-Szene in Deutschland

entscheidend mitprägen sollten –

Die Fantastischen Vier. Im Gespräch

erzählen die Bandmitglieder Smudo

und Michi Beck von ihren Erinnerungen

an abstruse Konzerte, den

Mauerfall vorm Fernseher und

Schulausflüge in den Osten.

Durch den Mauerfall hattet ihr die

Möglichkeit, eure Musik auch den

Menschen im Osten des Landes vorzustellen.

Könnt ihr euch noch an

euer erstes Konzert im Osten erinnern?

Smudo: Ja. Das war unvergesslich.

Das war in Dresden.

Michi Beck: Das war kurz nach der

Wende – und wirklich abstrus. Wir

haben in der Dresdner Uni-Mensa

vor Studenten gespielt. Keine Sau

kannte uns und alle wollten die ganze

Zeit Udo Lindenberg hören. Das

war in so einem ollen, miefigen Saal,

die Studenten alle hinten an der

Wand, wir auf der Bühne und dazwischen

der leere Raum. Als nach unserem

Auftritt unser Manager auch

noch Hip-Hop-Musik aufgelegt hat,

waren die Leute dann völlig verwirrt.

Sie konnten damit einfach

nichts anfangen. Das war echte Pionierarbeit

damals.

Smudo: Also alle Beteiligten – die

Zuschauer wie auch wir – hatten

echt einen scheiß Abend.

Als die Mauer gefallen ist, wart ihr

Anfang 20. Wie habt ihr denn diesen

Tag miterlebt?

Smudo: Ich erinnere mich, als ob das

gestern gewesen wäre. Ich hab das

im Wohnzimmer meiner Eltern im

Fernsehen gesehen. Ich war 21 Jahre

alt – und ich musste weinen. Mich

hat das sehr gerührt. Einige meiner

Verwandten haben in den Jahren vor

dem Mauerfall über die Grenze gemacht.

Was gerade noch wie festgemauert

dastand, fällt plötzlich einfach

weg.

Hattet ihr vor der Wende schon Berührungspunkte

mit der DDR?

Smudo: Ich habe wenige Jahre vor

dem Mauerfall mit der Schule eine

Klassenreise durch die DDR gemacht

und dort sehr viele Leute und

die Stimmung kennengelernt. Es gab

zum einen die Linientreuen, die gesagt

haben, dass die beiden deutschen

Hälften doch wirklich sehr

verschieden sind. Wir haben aber

auch Leute getroffen, die das Leben

in der DDR sehr schwierig fanden

und sich beispielsweise einfach nur

wünschten, mal in Westeuropa Urlaub

zu machen.

Michi Beck: Also ich hatte gar keinen

Bezug zur DDR. Das hat mich

ehrlich gesagt überhaupt nicht interessiert.

Wenn du dort keine Verwandten

hattest und auch nie hingefahren

bist, war das wie ein anderes

Land. Es war ja nicht so, dass

man das Gefühl hatte, die Leute in

der DDR wären unsere Brüder oder

so. Heute bereue ich es total, dass

ich nicht zu DDR-Zeiten . . .

Die Musiker haben vom Fall der Mauer

profitiert: Michi Beck (l.) und Smudo von den

Fantastischen Vier sitzen im Backstage-Bereich

kurz vor einem Konzert in Dresden.

Foto: Christina Sleziona

In ihrem Element: And.Ypsilon, Smudo, Michi

Beck und Thomas D. (v.l.) performen auf der

Bühne. Foto: Christian Charisius/dpa


INTERVIEW – Ein Land

5

Smudo: (lachend) Dass du es nicht

genossen hast?

Michi Beck: Nein, dass ich damals

nicht schon in Berlin war. Ich lebe

jetzt seit 18 Jahren in Berlin und

habe es gar nicht getrennt miterlebt.

Das finde ich echt schade, weil

der Unterschied ja schon krass ist.

Ich war damals echt so ein bornierter

Kiff-Wessi-Teenie, der sich eher

für die neue Hip-Hop-Musik aus

den USA interessiert hat. Ich hab

eher in die andere Richtung geguckt.

Und auf einmal war

Deutschland viel größer, ohne dass

ich es großartig mitbekommen

habe. Natürlich sieht man das dann

im Fernsehen, aber ich hab das

nicht so zusammengebracht, dass

wir jetzt wieder ein vereintes Land

sind. Das kam erst später wirklich

bei mir an.

Smudo: Jetzt hast du aber auch

ganz schön lange gebraucht, um zu

sagen, dass du von damals eigentlich

nichts weißt.

Seid ihr anfangs mit irgendwelchen

Vorurteilen in den Osten gefahren?

Smudo: Ne, also wir hatten eigentlich

keine direkten Vorurteile.

Durch meine Erfahrungen bei den

Schulausflügen hatte ich auch

schon den Eindruck, dass die Kultur

in der DDR im Grunde die gleiche

war wie in der Bundesrepublik.

Da sprachen alle die gleiche Sprache,

bezahlt wurde in Mark, mittags

gab es Sauerkraut und Klöße

und später Kaffee und Kuchen.

Diese ganzen Unterschiede zwi-

schen West und Ost, die später so

aufgemacht wurden, haben für uns

zu dem Zeitpunkt keine Rolle gespielt.

Denkt ihr heute noch in Ost und

West? Also typisch Osten, typisch

Westen?

Michi Beck: Ja, viel.

Smudo: Ja, schon viel.

Michi Beck: Es gibt natürlich super

viele Vorurteile. In Berlin bekomm

ich das ja selber mit. Ein Klischee

ist, dass die Wessis Ostberlin

gentrifizieren und die Alteingesessenen

mit ihrer West-Kohle aus

den Traditionsbezirken verdrängen.

Und andersherum ist oft so

die Denke, dass die Wessis sich als

was Besseres fühlen: „Die Ossis

sind ja schließlich noch gar nicht

so lange richtige Deutsche.“ Das

sind alles so Sachen, die erstaunlicherweise

wirklich lange brauchen,

um aus den Köpfen zu verschwinden.

Müsste das bei der Generation, die

die DDR gar nicht mehr miterlebt

hat, nicht eigentlich schon verschwunden

sein?

Michi Beck: Das stimmt. Vielleicht

empfinden wir das auch nur so,

weil wir diese Zeit noch miterlebt

haben.

Smudo: Ich glaube auch, dass es

sehr stark am Alter hängt, wie stark

die Vorurteile ausgeprägt sind.

Trotzdem finde ich, dass viele Vorurteile

stimmen oder zumindest

auf der Wahrheit fußen. Allerdings

habe ich den Eindruck, dass das

Bemühen, West und Ost miteinander

zu vermählen, von beiden Seiten

aus groß ist.

"

Die Mauer

steht in

vielen Köpfen

noch.“

Die Unterschiede zwischen Westund

Ostdeutschland werden also

geringer?

Smudo: Auf der kulturellen Ebene

zumindest. Allerdings kann ich mir

auch gut vorstellen, dass es sich

aus Ost-Sicht doof anfühlt, wenn

die ganze West-Kultur so über einen

kommt – also die ganzen Feiertage

oder so etwas. Dass deshalb

dann eine Entwurzelung stattfindet,

ist für mich ein sehr nachvollziehbares

Gefühl. Auch was die Bezahlung,

die Arbeitsplätze und die

infrastrukturellen Unterschiede

betrifft, ist schon noch ein weiter

Weg zu gehen.

Michi Beck: Ja, aber nur teilweise.

Und das ist das Ding. Ich glaube,

im ostdeutschen Raum fühlen sich

viele abgehängt – und solche Fälle

mag es regional bestimmt auch

geben. Wenn man dann aber mal

ins Ruhrgebiet oder in andere Teile

von Westdeutschland reinschaut,

ist es mindestens genauso

beschissen wie in Teilen von Ostdeutschland.

Smudo: Also, ich glaube der Punkt

ist, dass es einen Unterschied gibt

zwischen denen, die wirklich abgehängt

sind, und denen, die denken,

sie wären abgehängt, es aber

eigentlich gar nicht sind. Und bei

der Angst vor dem Abgehängt-Sein

greift dann der Populismus.

Gemeint sind damit sicherlich die

Wahlerfolge der AfD.

Smudo: Genau. Ich glaube, das

größte Problem, warum in Ostdeutschland

viel AfD gewählt

wird, hängt mit der schwachen Infrastruktur

zusammen. Wenn man

da mal rausfährt in die ganzen Käffer,

da wo die Gegenden wirklich

ausbluten, da hast du als Jugendlicher

ja einfach nichts außer vielleicht

einem grünen Baum. Da

kannst du dir dann billig tschechisches

Crystal Meth besorgen und

musst ja allein schon aus Protestgründen

gegen alles und jeden

sein. Das ist ein Riesenproblem,

das übersehen wurde. Das müssen

wir jetzt alle miteinander anpacken,

damit wir das alle möglichst

schnell mit möglichst wenig Schaden

hinter uns gebracht bekommen.

Michi Beck: Ich glaube, dass viele

Menschen in Ostdeutschland den

„Osten“ aber auch als willkommene

Ausrede benutzen, so als Anti-

Hybris. Wenn es ihnen schlecht

geht, liegt das daran, weil sie ja halt

hier im Osten sind. Das wird dann

gerne mal vorgeschoben.

Smudo: So eine Art Opferhaltung.

Michi Beck: Ja, genau. Ich habe den

Eindruck, die wird im Osten öfter

gebraucht als in strukturschwachen

West-Regionen. „Was soll ich

machen? Ich bin in Duisburg aufgewachsen.

Aus mir kann ja nichts

werden“: Das hört man eher selten.

Gibt es noch eine Mauer in den

Köpfen der Leute oder sind wir

mittlerweile ein Land?

Smudo: Also, ich glaube, dass die

Mauer in vielen Köpfen noch steht

und nur zu Teilen eingerissen ist.

Das kommt auch ganz darauf an,

wo man zu Hause ist. Mein Gefühl

ist, dass die Unterschiede zwischen

Ost und West im Denken,

im Leben und in den Ansprüchen,

die an einen Staat oder an eine Gemeinschaft

gestellt werden, zum

Teil noch sehr groß sind.

Die Langfassung des Interviews

und ein Video finden Sie auf

www.einland.net/fanta4

FOTO: © HANOHIKI/SHUTTERSTOCK.COM


6

Ein Land – PORTRAIT

Die Schatten der

Vergangenheit

Spionage Der Verrat, das Schweigen, die Hintergründe – erst nach mehr als 50 Jahren

kommt das geheime Doppelleben der Familie Brauns zur Sprache. Von Jana Reimann-Grohs

An jenen Tag, als sich

sein Leben „mit einem

Schlag änderte“,

kann sich Rainer

Brauns noch

sehr genau erinnern: Es ist Freitag,

der 26. Februar 1965. Vor

dem Elternhaus in Berlin-Blankenburg

stehen drei fremde Autos.

Als der ausgelernte Maschinenbauschlosser

mit dem Gesellenbrief

in der Hand nach Hause

kommt, nieselt es. Die

Haustür ist verschlossen. Er

klopft. Ein Fremder im dunkelblauen

Anzug öffnet ihm. „Herr

Brauns, ich muss Sie darüber informieren:

Ihre Eltern sind inhaftiert

worden wegen Agententätigkeit.

Richten Sie sich bitte

darauf ein, dass Sie sie eine lange

Zeit nicht wiedersehen können

und werden. Rückfragen haben

jetzt keinen Sinn.“ Während

der oberste Vernehmer am

Schreibtisch seines Vaters sitzt,

wird der 20-Jährige immer wieder

von Mitarbeitern der Staatssicherheit

(Stasi) befragt. Danach

darf er auf sein Zimmer zurück,

das Haus aber nicht verlassen

oder Kontakt zur Familie

aufnehmen.

Schwerwiegende Vorfälle

Einiges sei inzwischen verblasst,

sagt Rainer Brauns. Der

heute 74-Jährige sitzt am Tisch

seines Arbeitszimmers in Berlin-Wilhelmsruh

und geht innerlich

mehrere Jahrzehnte zurück.

Das geheime Doppelleben seiner

Eltern aufzuarbeiten, fällt

ihm schwer – er ist immer noch

auf der Suche nach Antworten.

In seiner ungewöhnlichen Familiengeschichte

werden die Eltern

vom DDR-Staat als feindliche

Spione enttarnt. Margarete

Brauns wird zuhause in Ost-Berlin

festgenommen, ihren Mann

Erich fängt die Stasi auf dem

Weg zur Arbeit ab. Das Ehepaar

hatte im Auftrag des westdeutschen

Bundesnachrichtendienstes

(BND) spioniert.

Düstere Vorahnungen

Rainer Brauns wusste bis dahin

nicht, dass es in seiner Familie

BND-Spitzel gab. Manches habe

er aber schon als Kind geahnt,

Der Familienwagen in Blankenburg,

1963: Rainer Brauns, von

Spionage nichts ahnend – 2019

sucht er immer noch Antworten.

weil er sich „über die Dinge im

Alltag wunderte“, sagt er.

Auch darüber, wie Pakete zu

ihnen kamen, sie besaßen den

ersten Fernseher in der Straße,

ein Auto, der Vater bekam

eine teure Uhr. „Ich habe

mich dann gefragt: Wie wird

das eigentlich finanziert?“

Der Junge wagte nicht,

nachzuhaken. Sein Vater war

eine Autoritätsperson und

zog sich oft zum Arbeiten an

den Schreibtisch zurück.

Warum er sich auf die Spitzeleien

einließ, bleibt für Rainer

Brauns bis heute ein Rätsel: „Es

passt nicht zu ihm, so wie ich

ihn kennengelernt habe. Er war

immer fleißig, arbeitsam, gründlich,

gewissenhaft.“ Habe der

Ingenieur mal nicht am Schreibtisch

gesessen, sei er mit Gartenarbeit

beschäftigt gewesen.

Spionage war eher etwas für

seine staatsfeindliche Mutter –

„eine sehr intelligente Frau“, resümiert

Brauns, mit der sich

schwer über Politik diskutieren

ließ. „Sie war keine Freundin

der DDR. So bin ich auch erzogen

worden. Als ich bei den Pionieren

eintreten wollte, sagte

sie nur: Was willst du in dem

Verein?“

Rainer Brauns wuchs mit seinem

zwei Jahre jüngeren Bruder

Rolf auf. Die Großmutter wohnte

mit im Elternhaus. Heute lebt

Brauns im Nachbarbezirk. Mit

seiner Frau Regina hat er selbst

zwei erwachsene Söhne und

mehrere Enkelkinder. Von

FOTOS: PRIVATES FOTOARCHIV/RAINER BRAUNS


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und etwa 1.000 Mitarbeitern versorgt das Elbe-

Elster Klinikum jährlich rund 40.000 stationäre

und ambulante Patienten.

Das MVZ Elbe-Elster

Unsere Praxen befinden sich in Dahme, Elsterwerda,

Falkenberg, Finsterwalde, Großthiemig,

Grünewalde, Herzberg, Lauchhammer, Massen,

Sallgast und Schipkau.

Die Fachabteilungen

Anästhesie und Intensivmedizin, Chirurgie mit

Teilbereich Orthopädie, Gynäkologie und Geburtshilfe,

Innere Medizin, Pädiatrie, Psychiatrie,

Psychotherapie und Psychosomatik, Radiologie.

Die EE Klinikservice GmbH

Die Klinikservice GmbH ist unter anderem für das

Catering in den drei Krankenhäusern der Region

zuständig. Hier werden täglich 750 Mittagessen

gekocht und serviert.

www.ee-klinikum.de


8 Ein Land – PORTRAIT

außen betrachtet ein normales

Familienleben seit Generationen.

Wenn da nicht die Spionage-Vergangenheit

seiner Verwandten

wäre. Durch die

Buch-Recherchen seines Sohnes

Dirk, der die Familiengeschichte

als Vorlage für den 2019 erschienenen

Spionage-Roman

„Die Unscheinbaren“ nutzte,

kommen die Doppelleben ans

Tageslicht.

Die Verwandtschaft aus

West-Berlin soll für die Anwerbung

der Brauns verantwortlich

gewesen sein. Schwager Alfred

war dort als V-Mann für den

BND tätig und fragte den Vater

regelmäßig über geplante Projekte

bei dessen Arbeitgeber

Veb Inex Industrieanlagen-Export

aus. Von 1956 an lieferte

Erich Brauns gegen Geld Informationen.

„Mein Vater hat in

der DDR einen Schaden in Millionenhöhe

angerichtet“, betont

Rainer Brauns. Nötig gehabt

hätte der Abteilungsleiter das

"

Mein Vater

hat in der

DDR einen

Schaden in

Millionenhöhe

angerichtet.“

Spionieren wohl nicht. Er sei

kein Genosse gewesen, verdiente

„ganz DDR-untypisch gutes

Geld“.

Margarete Brauns muss ihren

Mann zur Spionage „überredet“

haben, ist sich Rainer Brauns sicher.

Damals war er elf, sein

Bruder neun Jahre alt. Das Ehepaar

riskierte, ihre Kinder zu

verlieren – solche Geschäfte hätten

sie ausschlagen müssen,

wirft Brauns seinen verstorbenen

Eltern vor. „Mein Bruder

und ich wären damals bei einer

Verurteilung ins Waisenhaus gekommen.“

Geheimtinte und Pakete

Bis die Berliner Mauer am 13.

August 1961 hochgezogen wurde,

gingen Margarete und Erich

Brauns öfter abends in West-Berlin

aus und trafen sich dort mit

FOTOS: PRIVATES FOTOARCHIV/RAINER BRAUNS

Familienspione:

Margarete Brauns,

1955 am Fenster

ihres Eigenheims;

Erich Brauns in den

1950er Jahren.

Verwandten. Zum „netten“ Onkel

Alfred und zur Patentante

Ilse bestand immer guter familiärer

Kontakt. Danach hatte er

sie aber nie wieder gesehen, erzählt

Brauns: „Für meine Eltern

muss das dann ganz schrecklich

gewesen sein. Vorher haben sie

viele Informationen durch direkten

Kontakt vermitteln können.

Das war nun alles nicht

mehr möglich.“ Doch die Spionage

ging mit Geheimtinte und

Paketen weiter. Margaretes Mutter

sprang als unwissende Kurierin

präparierter Briefe ein,

wenn sie in den Osten reisen

durfte.

Erich Brauns musste 15 Jahre

ins Gefängnis, Margarete Brauns

8 Jahre. So schockierend das

geheime Doppelleben seiner

Eltern war – nach ihrer Verhaftung

war der junge Rainer

Brauns vor allem mit dem Einzug

ihres Vermögens und

offenen Rechnungen überfordert.

Nur Haus und Grundstück

gehörten laut Grundbuch der

82-jährigen Großmutter. Eine

Schenkung an die Enkelsöhne

rettete das Erbe. Der mühevoll

abbezahlte Familienbesitz konnte

nach dem Tod der Großmutter

verkauft werden.

Vor kurzem ist Rainer Brauns

seinem Sohn Dirk zuliebe zum

Elternhaus zurückgekehrt. Aber

nur, um es von weitem anzuse-

hen. Er will die neuen Besitzer*innen

nicht in die heikle Familiengeschichte

hineinziehen.

Dafür begleitet er seinen ältesten

Sohn auf Lesungen oder

stellt sich als Zeitzeuge zur Verfügung.

Kein leichter Akt, die erneute

Auseinandersetzung fordert

den 74-Jährigen.

Getrennte Wege

Im Gegensatz zu Bruder Rolf,

der Ende der 60er Jahre offiziell

nach Westdeutschland ausreiste,

blieb Rainer Brauns aus politischer

Überzeugung in

Ost-Berlin und schlug das Angebot

auf Familienzusammen-

BND-Akten der Familie

Brauns, aus dem Archiv in

Pullach bei München

führung aus. Er entschied, seiner

späteren Frau Regina und

der pflegebedürftigen Großmutter

zur Seite zu stehen.

Sein Traum vom Medizinstudium

war allein wegen der

Agententätigkeit seiner Eltern

geplatzt. Er wäre angenommen

worden, erzählt Brauns, den

Platz fürs Praktische Jahr im

Krankenhaus hatte er schon.

Nach seinem Wehrdienst bei der

Nationalen Volksarmee orientierte

sich der 22-Jährige mit einem

Finanz-Studium ins Bankenwesen

um. Er machte Karriere,

erst in der Deutschen Notenbank

und späteren Staatsbank

der DDR, dann in der Deutschen

Außenhandelsbank AG. Aus Unterforderung

promovierte

Brauns in Wirtschaft. Er hätte

im Westen Sportarzt werden

können, sagt der Rentner rückblickend

– so habe er im Osten

„das Beste daraus gemacht“.

Vergebliche Bemühungen

Bleibt nur die quälende Frage,

warum die Eltern spionierten.

„Manche Dinge hätte ich früher

ansprechen sollen“, resümiert

der 74-jährige. Aber schon zu

Lebzeiten war den beiden nicht

auf die Spur zu kommen. Einige

Male habe er seinen Vater noch

im Gefängnis besucht, bevor

dieser nach vier Jahren in einer

Gruppe von 21 politischen

DDR-Häftlingen gegen den 1961

enttarnten Doppelagenten

Heinz Felfe getauscht und in die

BRD überführt wurde, berichtet

FOTO: PRIVATES FOTOARCHIV/RAINER BRAUNS


PORTRAIT – Ein Land

9

Spionage-

Roman

Brauns. Die Mutter wurde nach zwei

Jahren freigekauft und konnte in

West-Berlin ein neues Leben beginnen.

Bei späteren Besuchen seiner Eltern

in Ost-Berlin versuchte der junge

Mann schon, das Schweigen zu

brechen. Er scheiterte. „Das wurde

sofort abgeblockt – mein Vater hätte

sofort seinen Hut genommen und

wäre gegangen.“ Auch nach dem

Tod Erich Brauns 1982 gab es „keine

Chance“ auf eine Aussprache,

bedauert er. „Ich hätte gerne mit

meiner Mutter über ihre Beweggründe

gesprochen. Obwohl mir klar

war, warum sie das gemacht hat: wegen

ihrer Haltung und für das Materielle.

Aber sie hat abgewimmelt

oder gesagt, es spiele keine Rolle.“

Angst vor neuen Skandalen

Als der Rentner gemeinsam mit seinem

Sohn Dirk 2017 in den Archiven

von BND und Stasi nach Familienmitgliedern

sucht, taucht auch

Rainer Brauns Name auf. Im Archiv

der Stasi-Unterlagen-Behörde existiert

eine umfangreiche Dokumentation

seiner Überwachung, wie Rainer

Brauns erfuhr: „Ich war umgeben

von Leuten, die sehr viel über

mich sagen konnten und das auch

gemacht haben“.

Doch konkreter will er es lieber

nicht wissen. Der Berliner hatte seine

Stasi-Akte selbst angefordert und

den Termin kurzfristig wieder abgesagt.

Zu groß war die Gefahr, ein

weiteres Mal enttäuscht zu werden.

„Mir hat das schon mit meinem Vater

gereicht – die 1000 Seiten, die ich

da gesehen habe. Sie können da genau

sehen, wer das war. Namen werden

zwar geschwärzt, aber aus dem

Zusammenhang heraus ergibt sich

ja, wer das war.“

Er werde keinen neuen Antrag auf

Akteneinsicht stellen, sagt Rainer

Brauns nachdrücklich: „Ich möchte

nicht sehen, was andere über mich

gesagt oder geschrieben haben, wo

ich eine bestimmte Ahnung hatte.

Ich könnte sehr erschreckt sein über

Namen, die ich da entdecke.“

Während ein großer Teil seiner

Vergangenheit weiter in den Akten

ruht, ist aber die Spionage-Geschichte

der Familie Brauns noch

lange nicht zu Ende. Was niemand

ahnte: Bruder Rolf führte das Vermächtnis

seiner Eltern fort und geriet

zwischen die Fronten ost- und

westdeutscher Geheimdienste. Der

promovierte Tierarzt soll für beide

Seiten tätig gewesen sein. Doch vieles

bleibt nach wie vor aufgrund

nicht zugänglicher BND-Akten im

Dunkeln. Rolfs mysteriöser Tod

1998 – angeblich Selbstmord – ist bis

heute nicht ganz aufgeklärt.

Ein Interview mit dem Buchautor

Dirk Brauns lesen Sie unter

www.einland.net/bnd

Spannendes

Familienschicksal:

Enkel Dirk Brauns

schreibt über die

Spionage-Vergangenheit

seiner Großeltern

(Galiani Berlin,

2019).

www.hss.de

l

30 Jahre Mauerfall

1989-2019

Ein Land – Ost und West wachsen

weiter zusammen

Die Hanns-Seidel-Stiftung leistete von Anfang an einen

Beitrag:

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1989 Eröffnung Verbindungsstelle Berlin mit Politischer

Bildung für die Gebiete der späteren Länder Berlin,

Brandenburg undMecklenburg-Vorpommern

-

1990 Eröffnung Verbindungsstelle Leipzig mit Seminaren

für die Gebiete Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

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Kloster Banz anfangs als „deutsch-deutsches Begegnungszentrum“

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Politische Bildung in ganz Deutschland

Wir setzen uns in Deutschland und in über 70 Ländern der

Welt für Demokratie, Frieden und Entwicklung ein.

Theo Waigel

Leipzig, Feb. 1990

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Dialog | Internationale Zusammenarbeit | Mehr unter www.hss.de

Foto: Winfried Rabanus/ACSP


10

Ein Land – INTERVIEW

Hubert Wicker hat im

Osten Karriere gemacht.

Nach der

Wende verließ er

seine Stelle als stellvertretender

Abteilungsleiter

im baden-württembergischen

Innenministerium und zog nach

Dresden. Im sächsischen Innenministerium

arbeitete er fünfeinhalb

Jahre lang als Staatssekretär.

Was bedeutete der

Wechsel für den Baden-Württemberger

damals – und wie

sieht er ihn heute? Wir haben

den 71-Jährigen in Stuttgart getroffen.

Herr Wicker, waren Sie vor dem

Mauerfall schon einmal in Ostdeutschland?

Hubert Wicker: Ein paar Mal war

ich damals im Rahmen von Studienreisen

in Ostberlin. Aber

ich habe dort keine Verwandten,

meine Familie kommt von der

Schwäbischen Alb. Um ehrlich

zu sein, hat uns das eigentlich

auch nicht so sehr interessiert.

Schließlich haben wir ohnehin

gedacht, dass wir nicht mehr zusammenkommen.

" Westdeutschland

war auf die

Wiedervereinigung

nicht

vorbereitet.“

Aber dann kam alles anders.

Nach der Vereinigung wurden

Sie Staatssekretär im sächsischen

Innenministerium.

Im Sommer 1991 wurde ich gefragt,

ob ich bereit wäre, rüber

zu gehen. In der Hierarchie bin

ich dadurch zwei Stufen höher

gerückt – natürlich auch ein

reizvoller Punkt. Ich war immer

skeptisch, wenn sich Leute aus

Westdeutschland bei mir beworben

haben und nur von Idealismus

sprachen – das klang unwahrhaftig.

Außerdem war meine

Tätigkeit in Dresden auch

zehnmal spannender als in

Stuttgart. Und es gab mehr Arbeit

als hier (lacht). Ich habe

einfach gemerkt: Das ist jetzt

eine historische Stunde, und bei

diesem Prozess will ich dabei

sein. Ich habe gedacht: Ich riskiere

es.

Nach fünfeinhalb Jahren kehrte Hubert Wicker in den Südwesten

zurück. Noch gut erinnert sich der 71-Jährige an die Zeit in Dresden.

„Das ist eine

historische

Stunde“

Verwaltung Von Stuttgart nach Dresden:

Der Baden-Württemberger Hubert Wicker

wurde 1991 Staatssekretär im sächsischen

Innenministerium. Von Liesa Hellmann,

Verena Köger und Katrin Stahl

Welche Aufgaben hatten Sie als

Staatssekretär?

Die erste Aufgabe war der Aufbau

des Ministeriums. Es war

notwendig, mehrheitlich Beamte

aus dem Westen unter einen

Hut zu bekommen. Es gab aber

auch zwei Gruppen von Einheimischen,

die sich nicht ganz

grün waren. Die eine war Träger

des alten Systems, die andere

fühlte sich dem Widerstand

zugehörig. Das alles zusammenzufassen,

war nicht einfach. Eine

Herkulesaufgabe war es, die Polizei

zu demokratisieren und einen

anderen Spirit hineinzubekommen,

als es noch bei der

Volkspolizei der Fall war. Auch

die Einführung der Gebietsreform

war nicht leicht, damals

haben wir die Zahl der Landkreise

fast um die Hälfte reduziert.

22 Städte verloren das

Landratsamt. Das war ein Verlust

an Prestige und Arbeitsplätzen.

Es mussten Entscheidungen

fallen, die hart waren.

FOTO: KATRIN STAHL

Sind Sie auf Widerstand gestoßen?

Es gab Diskussionen, bei denen

mir entgegengehalten wurde,

dass ich etwas nicht verstehe,

weil ich Wessi bin. Und das hat

man bei mir aufgrund meiner

Sprache immer sofort erkannt.

Ich habe einen ostdeutschen

Geografen für die Kreisgebietsreform

eingestellt, der reines

Sächsisch gesprochen hat. Ich

fand es besser, dass er im breiten

Sächsisch einem Bürgermeister

erklärt, dass er die Eigenständigkeit

verliert, als wenn

ich das im breiten Schwäbisch

mache.

Hätte man rückblickend etwas

anders machen müssen?

Man muss sagen, Westdeutschland

war auf die Wiedervereinigung

nicht vorbereitet. Auf der

anderen Seite gab es den starken

Wunsch, dass in Ostdeutschland

wieder fünf Länder,

die es so in etwa einmal gab, entstehen.

Hätte man in größeren

Räumen geplant, bräuchte man

weniger Verwaltungen, Ministerpräsidenten

und so weiter.

Aber das wäre nicht durchsetzbar

gewesen. Es wäre auch nicht

akzeptiert worden, wenn wir gesagt

hätten: Wir schieben die

deutsche Einheit fünf Jahre hinaus.

Die D-Mark wurde zum 1.

Juli 1990 eingeführt, bevor die

Einheit überhaupt da war. Die

Leute haben gesagt, entweder

kommt die D-Mark zu uns oder

wir kommen zu euch. Und an

der Freizügigkeit hätte man ja

nichts ändern können.

Wie viele Westdeutsche und wie

viele Ostdeutsche haben im Innenministerium

in Sachsen gearbeitet?

Etwa ein Viertel bis ein Drittel

der Mitarbeiter waren Westdeutsche.

Aber man muss schon

sagen: Je höher es ging, desto

mehr Leute waren aus Westdeutschland

vertreten.

Noch heute beträgt der Anteil

von Ostdeutschen in Führungspositionen

in Ostdeutschland

laut einer Studie der Universität

Leipzig etwa 23 Prozent, in ganz

Deutschland sind es lediglich

1,7 Prozent. Für Sie – und viele

andere Westdeutsche – bedeutete

der Wechsel nach Dresden

indes einen Karrieresprung.

Natürlich ist das problematisch,

keine Frage. In Ostdeutschland

galten ab dem 3. Oktober 1990

westdeutsche Gesetze und die

Marktwirtschaft. Deswegen war

es unumgänglich, dass relativ

viele der führenden Positionen

von Westdeutschen besetzt

wurden. Die 40 Jahre DDR haben

das Land und zum Teil auch

die Menschen zerstört. Manche

wollen auch keine Verantwortung

übernehmen, schließlich

muss man dann auch für die Entscheidungen

geradestehen. Es

ist mit Sicherheit ein Nachteil,

dass noch heute viele Führungskräfte

in Ostdeutschland Westdeutsche

sind und es ist ein

Nachteil, dass kein großes Unternehmen

seinen Sitz in Ostdeutschland

hat. Ich sehe das

mit großer Sorge. Ich dachte damals

schon, dass es länger als

eine Generation dauert, bis man

zusammengewachsen ist; aber

jetzt habe ich eher den Eindruck,

dass es wieder mehr auseinandergeht.

Hier können wir

die AfD ignorieren, aber in Ostdeutschland

können wir das

nicht.


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12

Ein Land – FEATURE

Der Freund von

der anderen Seite

Kommunales Eisenhüttenstadt und das saarländische Saarlouis

schrieben 1986 Geschichte – mit der ersten deutsch-deutschen

Städtepartnerschaft. Eine vorsichtige Ost-West-Annäherung, die

Schlagzeilen machte. Von Katrin Stahl

831,6

Kilometer trennen das brandenburgische

Eisenhüttenstadt und

das saarländische Saarlouis. Die

Route führt einmal quer durch

Deutschland.

Das Erste, was Manfred

Hoffmann auffiel, als er

in Westdeutschland aus

dem Bus stieg, war das

Gras: „Das war irgendwie grüner

als bei uns.“ Das war im Jahr

1987. Für den damals 30-Jährigen

war es der erste Besuch im

Westen. „Für uns war das eigentlich

unerreichbar – so als ob

man auf den Mond fährt.“

Der Mond hieß in diesem Fall

Saarlouis. Eine Kreisstadt im

Saarland mit rund 30 000 Einwohnern.

Hoffmann kam aus

dem mehr als 800 Kilometer

entfernten Eisenhüttenstadt.

Nur wenige Monate zuvor hatten

die beiden Städte Geschichte

geschrieben, als sie eine

deutsch-deutsche Städtepartnerschaft

besiegelt hatten. Die

erste überhaupt. Hoffmann war

Tänzer im Eisenhüttenstädter

Volkskunst-Ensemble. Es war

die zweite Gruppe aus Eisenhüttenstadt,

die dem Partner im

Saarland einen Besuch abstatten

durfte. „Das musste alles von

der Stasi abgenickt werden“, erinnert

sich der heute 63-Jährige.

Vorbereitet war ein mehrstündiges

Show-Programm für das

Stadtfest in Saarlouis. Außerdem

sollte es Gelegenheit zum

Austausch und Kennenlernen

geben. „Das war schon irre“,

sagt Hoffmann.

Erich Honecker sagte Ja

Saarlouis im Juli 2019. Trotz der

sommerlichen Temperaturen ist

es kühl im Wohnzimmer von

Erich Pohl. Der 90-Jährige sitzt

am Tisch, vor ihm stapeln sich

dicke Aktenordner. Fotos, Zeitungsausschnitte,

Rede-Manuskripte:

Der ehemalige Sonderschulrektor

hat alles über die

Partnerschaft zwischen den beiden

deutschen Städten gesammelt.

„Hier können Sie alles

nachlesen“, sagt er immer wieder

und deutet auf die Doku-

mente. Viel lieber erzählt er je-

doch selbst. Als hauptamtlicher

Kulturbeigeordneter in Saarlouis

war er schließlich von An-

fang an dabei. Der Nachmittag

mit ihm wird zur Zeitreise in das

noch geteilte Deutschland der

1980er Jahre.

Als die Stadt Saarlouis damals

nach einer Partnerstadt jenseits

der Mauer suchte, fiel die Antwort

der Ständigen Vertretung

der DDR in Bonn relativ kurz

Es war eine

"

Gehschule

deutschdeutscher

Kontakte.“

Erich Pohl

Saarlouiser

aus: Für eine Partnerschaft würden

„die notwendigen Voraussetzungen“

fehlen. Die Saarländer

gaben nicht auf – und wandten

sich direkt an Erich Honecker.

Der stammte ursprünglich

aus dem Nachbarkreis Neunkirchen.

Auch Oskar Lafontaine,

damals saarländischer Ministerpräsident,

reiste nach Ost-Berlin,

um den DDR-Staatschef von

der Idee zu überzeugen. „Der

hat dann noch ein bisschen Feuer

gemacht“, sagt Pohl und lacht.

Honecker sagte schließlich Ja.

Die Wahl fiel auf Eisenhüttenstadt:

Vorzeige-Retortenstadt

des Kommunismus. „Wir nannten

es immer Ei-Hü“, erinnert

sich Pohl. Gemeinsam mit einer

Delegation reiste er Richtung

Osten. Nach der Begrüßung

stand für ihn fest: „So übel sind

die doch gar nicht.“ Sein erster

Eindruck von der Planstadt war:

„Viele Kasernenbauten, aber

doch ganz schön.“

Der erste Entwurf der Vereinbarung

habe, so Pohl, durchaus

manche ideologische Formulie-

rung enthalten. Auf Ausdrücke

wie „staatliche Souveränität“

oder „Friedensliebe des Sozia-

lismus“ legte die Eisenhütten-

städter Gruppe besonderen

Wert. Alle Schritte mussten von

der SED abgesegnet werden. Es

war ein langes Ringen. Die vereinbarten

Ziele lauteten schließlich:

Austausch und Zusammenarbeit

zwischen den kommunalen

Einrichtungen und gesellschaftlichen

Organisationen.

Auf dem Programm: Informationsreisen

und -gespräche, gegenseitige

Besuche von Delegationen,

Jugendgruppen und

Künstler*innen.

Unterschrieben wurde der

Vertrag am 19. September 1986

in Saarlouis, besiegelt am 6. Oktober

1986 in Eisenhüttenstadt.

Handelte es sich tatsächlich um

einen ersten Haar-Riss in der

Mauer? Eine „Gehschule

deutsch-deutscher Kontakte“

nennt Pohl die Partnerschaft,

und fügt mit einem Lächeln hinzu:

„Natürlich waren wir als

Stadt stolz.“ Innerhalb kürzester

Zeit wurden Saarlouis und

Eisenhüttenstadt zum Thema in

den Medien – und das weltweit.

„Sogar Fernsehteams aus Südkorea

und den arabischen Staaten

waren dabei“, erinnert sich

der 90-Jährige. In Deutschland

waren die Reaktionen allerdings

nicht immer positiv. Die

Bild-Zeitung schrieb von einem

„üblen Propagandapapier, (. . .)

das nur Funktionärsreisen fördert“.

Der Normalbürger, so die

Frankfurter Allgemeine Zeitung,

bleibe außen vor: „Die Delegation

von Saarlouis muss von allen

guten Geistern verlassen gewesen

sein, als sie so etwas akzeptierte.“

Die Tänzer*innen und Musiker*innen

des Eisenhüttenstäd-


FEATURE – Ein Land

13

Volles Programm erwartete

die Besucher*innen aus

Eisenhüttenstadt bei ihrem

Ausflug ins Saarland.

FOTOS: MANFRED HOFFMANN

Der Saarlouiser Erich Pohl im

Interview.

FOTO: KATRIN STAHL

ter Ensembles hatten auf jeden

Fall eine gute Zeit im Saarland.

Für sie ging es an diesem

Mai-Wochenende 1987 an die

Saarschleife, in die Saarlouiser

Ford-Werke und ins Karl-Marx-

Haus in Trier. „Wir hatten les Programm von morgens bis

volabends,

da musste man gut zu

Fuß sein“, erinnert sich Manfred

Hoffmann. Geschlafen wurde im

Hotel. Zu enger Kontakt mit den

Einheimischen war dann auch

wieder nicht erlaubt. Alles offiziell,

alles geordnet.

Erschlagen war Hoffmann vor

allem von der großen Vielfalt.

Eigens für die Besucher*innen

aus dem Osten wurde am Sonntag

das Kaufhaus in Saarlouis

aufgemacht: Jeder bekam 60 DM

und durfte sich etwas kaufen.

„Wir wurden wirklich hofiert

und herumgezeigt“, erinnert

sich Hoffmann, „seht her, das

sind die Eisenhüttenstädter.“

Negatives? Habe es eigentlich

nicht gegeben – „außer, dass alles

schon recht teuer war“. Und

vielleicht die Abreise. Die kam

nämlich ziemlich überstürzt.

Der Trommler verschwindet

In der Nacht von Samstag auf

Sonntag verschwand plötzlich

ein Mitglied aus der Gruppe der

DDR. Der Trommler aus der Eisenhüttenstädter

Band hatte

sich heimlich abgesetzt, seine

Flucht war anscheinend schon

länger geplant. „Wir haben später

erfahren, dass er sogar westdeutsches

Geld in seinen Drums

versteckt hatte“, erzählt Hoffmann,

„doch zu dem Zeitpunkt

wussten wir von nichts.“ Die

Nachricht verbreitete sich wie

ein Lauffeuer. Sogar die

DDR-Vertretung in Bonn wurde

informiert. Wie sollte es nun

weitergehen? Ganz normal, ent-

schieden schließlich die Verant-

wortlichen. „Wir hatten am

nächsten Tag ja noch einen Auf-

tritt“, sagt Hoffmann, „den

mussten wir dann noch mit ei-

nem Ersatz-Trommler über

Nacht komplett neu einstudie-

ren.“ Im Anschluss hätten sich

alle in den Armen gelegen und

geheult – „aber mehr aus künstlerischer

Perspektive, nicht aus

politischer“. Aus Angst vor weiteren

Fragen reiste die Gruppe

"

Für uns war

das eigentlich

unerreichbar

– so als ob

man auf den

Mond fährt.“

Manfred Hoffmann

Eisenhüttenstädter

dennoch etwas früher ab als eigentlich

geplant. Wie später bekannt

wurde, hatte sich der Musiker

bei der Saarlouiser Polizei

gemeldet, er wolle im Westen

bleiben. Die befürchteten Repressalien

blieben wider Erwarten

aus.

Bis zur Wende wurden fast 60

deutsch-deutsche Städtepartnerschaften

ins Leben gerufen.

In dieser Zeit besuchten 626

Saarlouiser Eisenhüttenstadt

und 465 Eisenhüttenstädter

Saarlouis. Auch nach 1990 blieb

der Kontakt zwischen den Partnerstädten

bestehen – wenn

auch in abgeschwächter Form.

Heute gibt es in Eisenhütten-

stadt die Saarlouiser Straße und

in Saarlouis die Eisenhütten-

städter Allee. Die Bürgermeis-

ter treffen sich ab und an zu Ge-

sprächen. Die Freiwillige Feuer-

wehr besucht sich regelmäßig.

Auf den Stadtfesten in West und

Ost gibt es saarländischen

Schwenker und Thüringer Rostbratwurst.

Die meisten Bewohner*innen

waren jedoch noch

nie in der Partnerstadt – gerade

die Jüngeren haben oft kein größeres

Interesse. Eine

deutsch-deutsche Städtepartnerschaft

in einem seit fast 30

Jahre wiedervereinten Deutschland

– ist das nicht überholt?

Denkt man. Und hört dann

die Geschichte von Carmen und

Michael Krüger. Der Eisenhüttenstädter

und die Saarlouiserin

haben sich über die Städtepartnerschaft

kennengelernt. Beide

waren im jeweiligen Tischtennisverein

aktiv. Als die zwei

Clubs 1991 gemeinsam eine Tour

nach Frankreich machten, kam

sich das Paar näher. Eine Fahrt

nach München war für den da-

mals 26-jährigen Michael Krüger

der erste große Ausflug in

den Westen.

Schon lange verheiratet

Der Bauingenieur hatte gerade

sein Studium abgeschlossen und

war auf Jobsuche. In Eisenhüttenstadt

würde es nicht so einfach

werden, das war ihm damals

klar: „Ich wollte mich auf

jeden Fall mal in Westdeutschland

umhören“, erinnert er sich.

Dann ging alles ganz schnell:

„Im Juli fand unsere gemeinsame

Fahrt statt, im Dezember

habe ich dann einen Arbeitsplatz

im Saarland gefunden.“

Mittlerweile sind die Krügers

seit mehr als 20 Jahren verheiratet

und wohnen zusammen in

Saarbrücken. „Unterschiede

zwischen ost- und westdeutscher

Mentalität merken wir eigentlich

nicht“, sagt Krüger und

lacht.

Auch der 90-jährige Erich

Pohl ist davon überzeugt, dass

die Städtepartnerschaft zwischen

Saarlouis und Eisenhüttenstadt

auch heute noch eine

Bedeutung hat: „Wenn etwas in

einer schwierigen Zeit aufgebaut

wurde, dann soll man das

nicht einfach so zugrunde gehen

lassen.“


14

Ein Land – UMFRAGE

Umfrage zum Mauerfall

So haben Menschen aus dem

Südwesten den Mauerfall

1989 erlebt

Hanna Albrecht (58)

aus Ulm

Erwin Bergmann (58) aus Ulm

men. Sie war so erschüttert, so

gerührt und hat bestimmt eine

halbe Stunde lang geweint.“

Ulrich Walker (83)

aus Neu-Ulm

Franz Schindler (72)

aus Ulm

„Am liebsten wäre ich nach Berlin

gefahren, wenn ich nicht so

weit weg wohnen würde.“

„Ich habe mal in Berlin studiert

und habe es noch vor dem Bau

der Mauer kennengelernt, als

man noch frei hin- und herpendeln

konnte. Als sie dann stand,

war das natürlich ein Schock.

Umso größer war die Freude am

9. November. Man hat sich an

diesem Tag ganz besonders gefühlt,

weil Deutschland wieder

vereinigt war. Ein großartiges Erlebnis.“

„1988 bin ich von Polen, einem

sozialistischen Land, nach

Deutschland gekommen. Ich

konnte also gut nachvollziehen,

was in der DDR los ist. Und dann

saß ich ein Jahr später auf dem

Sofa. Und plötzlich kommt im

Fernsehen die Nachricht: Die

Mauer ist gefallen. Da bekomme

ich gleich wieder Gänsehaut,

wenn ich daran denke. Am Anfang

dachte ich, das ist nur ein

Gag. Aber dann war es überall zu

sehen. Diese Bilder, das war fantastisch.

Wie ein Rausch.“

Bärbel Engelhardt (62)

aus Ulm

„Die Freude, der Jubel. Meine

Mutter hat das so mitgenom-

„Man hat ja schon im Vorfeld

mitbekommen, dass sich da was

tut. Ich war überrascht, dass alles

so ruhig abgelaufen ist, und

habe immer gehofft, dass da

keiner die Nerven verliert.“

Die kompletten Fragen und

Antworten im Video unter

www.einland.net/umfrageulm

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16 Ein Land – FEATURE

Das Derby hat genau

jetzt damit begonnen,

dass diese Hurensohnbande

aufgestiegen

ist. Und Derby

heißt Krieg um jeden Zentimeter

in Berlin.” Nur wenige

Stunden nach dem Aufstieg von

Union Berlin in die Fußball-

Bundesliga im Mai 2019 kursierte

eine WhatsApp-Nachricht

durch soziale Netzwerke, die die

Feindschaft zwischen dem 1. FC

Union Berlin und Hertha BSC

zusammenfasst. Publiziert auf

der Instagram-Seite “herthaklebt”

macht der Verfasser deutlich,

was er von Union hält: „Jeder

muss das Maximum an Hass

und Gewalt aufbringen und alles

dafür tun, dass diese Missgeburten

wissen, dass sie Hertha

BSC nicht gewachsen sind.“

Mittlerweile wurde der Post gelöscht.

Zusammenhalt in den 90ern

Die beiden Berliner Vereine

sind zum ersten Mal direkte

Konkurrenten in der höchsten

deutschen Spielklasse. Sie begegnen

sich in teils tiefer Abneigung.

Vor 30 Jahren aber waren

Feind*innen noch Freund*innen.

Im Januar 1990 kam es vor

mehr als 60 000 Zuschauer*innen

im Berliner Olympiastadion

zum ersten sportlichen Vergleich

in der Geschichte beider

Vereine. Hertha gewann das

Freundschaftsspiel 2:1. Gefeiert

wurde dennoch auf beiden Seiten.

„Wir halten zusammen wie

der Wind und das Meer, die

blau-weiße Hertha und der FC

Union“, war das Motto des

Abends.

„Das war natürlich toll.

Die Trabis haben geknat-

tert, die Luft hat vibriert,

und es war wirklich emotional.

Es gab Leute, die nach

1961 das erste Mal wieder im

Olympiastadion waren und

Tränen in den Augen hatten“,

sagt der 59-jährige Manfred

Sangel. Mehr als 30 Jahre lang

moderierte er das Radio-Magazin

„Hertha-Echo” und erinnert

sich noch an die

Zeiten, als die Berliner

Mauer beide Fanlager

nicht voneinander

trennte, sondern

vereinte.

Frühjahr 1979.

„Deutschland, Deutschland!“,

rufen sich zahlreiche

der 30 000 Zuschauer*innen

im Wechselgesang

Vereint in der

Feindschaft

Konkurrenz Hertha BSC und Union Berlin

teilen sich eine Stadt – und spielen seit der

Saison 2019/20 beide in der Fußball-

Bundesliga. Zwei Fans erzählen, wie aus

Freundschaft Hass wurde.

Von Josephine Japke und Lukas Grybowski

Tiefe Freundschaft

beim ersten Duell

von Hertha und

Union 1990.

Trotz Freundschafts-Schal

waren die Fronten 2011

schon verhärtet.

FOTO 1: THOMAS

WATTENBERG DPA/LBN

FOTO 2: J. JAPKE

FOTO 3: J. JAPKE

FOTO 4: HANNIBAL

HANSCHKE/DPA

im Stadion Juliska zu. Hertha

BSC trifft im Europacup auf

Dukla Prag und wird nicht

nur von den eigenen Fans

begleitet. „Wir aus Westberlin

mussten nach links

auf die Tribüne und, auf

der anderen Seite waren

Unioner“, erinnert sich

Manfred Sangel. „Wir haben

gut gespielt und am Ende

tatsächlich gewonnen, und dann

schallten diese Rufe durchs Stadion,

und alle haben mitgemacht.

Das war ein derartiges

Gemeinschaftsgefühl“, berichtet

der 59-Jährige.

Sportschau auf Opas Schoß

Olaf Forner, leidenschaftlicher

Union-Fan, hat ebenfalls Erinnerungen

an das Frühjahr 1979.

In Ostberlin saß er auf dem

Schoß vom Opa und folgte der

„Sportschau“, obwohl er schon

lange im Bett sein sollte. Doch

einen Monat nach dem Sieg ge-

gen Dukla Prag traf Hertha im

Halbfinale des Europacups auf

Roter Stern Belgrad – und das

konnte er sich doch nicht ent-

gehen lassen!

„Abgesehen von den zehn

Prozent, die im Stadion auch

linientreu waren, hatten alle

anderen Zuschauer auch ei-

nen Westverein, den sie ver-

folgt haben“, erklärt Forner

mit Bestimmtheit. Köln,

Mönchengladbach, Hamburg,

Bayern. In der Alten Försterei

sei das normal gewesen. Wer auf

seiner Kutte einen Westaufnäher

hatte, war gut. „Und wer einen

beschaffen konnte, der hatte

auch einen Hertha-Aufnäher.

Hertha gehörte dazu, weil dit is

ooch Berlin“, sagt er.

Buhlen um Aufmerksamkeit

Während der Teilung gab es viele

Gründe, einander zu mögen.

Beide Vereine teilten sich eine

und doch nicht die gleiche Stadt,

beide bedienten Arbeiter, beide

Fanlager waren deutlich gegen

die Mauer in ihrer Mitte. Eine

sportliche Konkurrenz-Situation

gab es nie. Die gab es auch

nach der Maueröffnung nicht –

und doch buhlte man plötzlich

um vieles: Fans, Aufmerksamkeit

und öffentliche Gelder.

Berlins ehemaliger Regierender

Bürgermeister Klaus Wowereit

machte kein Geheimnis daraus,

dass er Fan von Hertha BSC

und Vereinsmitglied ist. So manchen

Union-Fan verwunderte es

deshalb nicht, als Hertha nach

den beiden Abstiegen in die


FEATURE – Ein Land

17

Der direkte Vergleich

1892

36 500

Olympiastadion

74 475

64 Prozent

223 Millionen

Euro

Deutscher

Meister 1930, 1931;

Deutscher

Vize-Meister

1926, 1927, 1928,

1929, 1975

Gegründet

Mitglieder

Stadion

Kapazität

Auslastung

Marktwert der

Mannschaft

Größte

Erfolge

1966

30 000

Stadion a. d.

Alten Försterei

22 012

97 Prozent

35,45 Millionen

Euro

FDGB-Pokal-

Sieger 1968;

DFB-Pokal-Finale

2001

2. Bundesliga 2010 und 2012 die Stadionmiete

von etwa 7,5 Millionen

Euro gestundet wurde. Im Ostteil

der Stadt musste man zuvor noch

recht mühsam um Baugenehmigungen

für die teils selbst gebaute Alte

Försterei ringen.

Freundschaft unter älteren Fans

Im Stadion von Union Berlin wird

vor jedem Spiel ein Lied gespielt:

„Wir sind keen Verein, wo die Euros

weh’n, die richtig dicke Kohle

hat hier nie eener geseh’n. Und die

Mannschaft weiß, dass wir hinter ihr

steh’n, und wer das nicht kapiert,

der soll zu Hertha gehen.” Auf der

anderen Seite werden munter Aufkleber

mit dem Spruch „Und niemals

vergessen Scheiß Union” verteilt.

„Die älteren Fans sind eher

freundschaftlich miteinander verbunden.

Sie denken an die Zeiten zurück,

die sie gemeinsam erlebt haben.

Es sind hauptsächlich jüngere

Fans, die aufstreben und Anerkennung

und Aufmerksamkeit wollen

und sich nicht mehr darum kümmern“,

sagt Sangel und fügt hinzu:

„Wir hätten ein Alleinstellungsmerkmal

haben können – eine Stadt,

die als Fanmacht zusammenhält.“

Doch das wird nicht passieren.

Sangel und Forner sind sich einig:

Dort anzuknüpfen, wo beide Vereine

1990 aufgehört haben, ist nicht

mehr möglich. Sobald die Vereinsführungen

aufeinander zugehen, haben

sie die Fans gegen sich, und andere

Ideen erreichen immer nur

kleine Gruppen.

Forner wagte in diesem Jahr dennoch

den Versuch, die beiden Fangruppen

zu einen. Seit dem Aufstieg

seines Teams war klar, dass er das

erste Derby gemeinsam mit seinen

Hertha-Kumpels feiern will. Die Lösung:

Party mit reichlich Bier auf einer

gemeinsamen Dampferfahrt auf

der Spree – denn die fließt durch

ganz Berlin. Dabei waren Sponsor*innen

und eine gemischte Fangruppe

einer Behinderteneinrichtung,

denen sich auch Freund*innen,

Familie und Privatpersonen anschlossen.

Ein Volltreffer also!

Die Autorin Josephine ist seit ihrer

Kindheit Fan von Union Berlin und seit

vielen Jahren Dauerkarteninhaberin

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Kindheitstagen fußballbegeistert und

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18

Ein Land – PORTRAIT

Mein Vater, der

Grenzsoldat

FOTO: PRIVAT

Familie Ein 19-jähriger NVA-Soldat flüchtet 1971 während seines

Wachdienstes in den Westen. Im Gespräch mit seiner Tochter

erwachen die Erinnerungen. Von Julia Weise

© JOE BELANGER/SHUTTERSTOCK.COM

" Irgendwann

konnte

ich nur

noch an

die Flucht

denken.“

Es ist bereits tief in der

Nacht. Rudi Siegmund,

Grenzsoldat der Nationalen

Volksarmee (NVA) patrouilliert

gemeinsam mit

einem Kollegen am Waldrand nahe

Grumbach im heutigen Bundesland

Thüringen. Die Kälte kriecht dem

19-Jährigen erbarmungslos in die

Knochen. Da hilft es auch wenig,

dass er sich für seinen Wachdienst

gleich zwei Uniformen übergezogen

hat. Bis auf die Schritte der jungen

Männer und das Rauschen der Blätter

ist alles still, fast harmonisch.

Rudi Siegmund nimmt all seinen

Mut zusammen. Er greift zur Waffe

und lädt seine Kalaschnikow durch.

Eine andere Zeit

Während mein Vater Rudi Siegmund

mir seine dramatische Flucht

aus der DDR vom 5. Mai 1971 schildert,

lausche ich gebannt. Auf einem

kleinen Stapel vor uns liegt eine

Schwarzweiß-Fotografie. Sie zeigt

einen jungen Mann in Uniform

und Kappe. Es ist mein Vater,

der Grenzsoldat.

Der Mann, der die

Grenze doch selbst

so gerne überwinden wollte. 30 Jahre

nach dem Fall der Mauer kann ich

mir nur schwer vorstellen, was für

ihn noch bitterer Alltag war.

Beobachtungstürme, Kontrollstreifen

oder gar Minen? So etwas habe

ich in Deutschland nie miterleben

müssen.

Keyboard gegen Kalaschnikow

Antreten, marschieren, Waffe putzen,

Meldung machen. „Das Leben

in der Kaserne hat mir von Anfang

an gestunken“, sagt Rudi Siegmund.

Als Sohn eines Landwirts in dem

kleinen Örtchen Barigau im Landkreis

Rudolstadt geboren, war er es

von klein auf gewohnt, jede freie Minute

in der Natur zu verbringen.

Auch auf dem Acker wurde fleißig

mitgeholfen. „Das Anspannen der

Kühe oder das Auflesen von Kartoffeln

waren für mich eine Selbstverständlichkeit.“

Der berufliche Werdegang

schien gesichert. „Es war immer

mein Traum, den Hof meiner

Eltern später einmal weiterzuführen“,

erzählt der heutige Schwäbisch

Haller. Doch dieser Wunsch sollte

aufgrund der in der DDR üblichen

Kollektivierung zu sogenannten

Landwirtschaftlichen Produktionsgesellschaften

(LPG) nicht in Erfüllung

gehen. „Stattdessen wurde ich

zum Zerspanungsfacharbeiter ausgebildet“,

sagt er. Den Beruf habe er

sich nicht selbst ausgesucht. Ebenso

wenig wie den Wehrdienst, der

auf die Lehre folgte.

Mit einem Lkw sei er am 4. Mai

1970 zur Kaserne gebracht

worden. „Von diesem Tag

an war alles Private passé.“

Erst kurz zuvor stand er

noch mit seiner Band, den

„Tele stars“, auf der Bühne.

Doch anstatt eines Keyboards

waren nun

Stahlhelm, Sturmgepäck

und Kalaschnikow

angesagt.

Durch das

harte Training,

das zahlreiche Laufeinheiten

und viele Schussübungen beinhaltete,

sollten die jungen Männer für

ihren Dienst an der Grenze gestählt

werden. „Für mich war es nach einem

halben Jahr Grundausbildung

soweit“, erinnert sich Rudi Siegmund.

Er wurde in die Grenzkompanie

Brennersgrün und damit in die

unmittelbare Nähe der Demarkationslinie

in Richtung Bayern versetzt.

„Wenn wir Streifendienst hatten,

mussten wir acht Stunden lang auf

den Postenwegen patrouillieren“,

sagt er. Winzige Verschläge dienten

als Unterkunft, wenn die Soldaten

aufpassten, dass sich niemand der

Grenze näherte. „Das Dick icht am

Rande des Thüringer Waldes wurde

großflächig abgeholzt“, berichtet

er. Eine Lichtstraße bot zusätzliche

Sicht. „Manche Stellen wurden

strengstens bewacht“, sagt Siegmund.

Andere wiederum so gut wie

gar nicht. „Als ich gesehen habe, wie

nah der Westen tatsächlich ist und

wie es im Grenzgebiet zugeht, begann

ich, mit dem Gedanken an eine

Flucht zu spielen.“ Von der Bundesrepublik

versprach sich Rudi Siegmund

schlichtweg bessere berufliche

Perspektiven. Eine Zukunft als

Zerspanungsfacharbeiter kam für

ihn nicht in Frage.

Spitzel in der Kaserne

Auch die Bespitzelungen durch die

Stasi und deren Befürworter hätten

zu seiner Entscheidung beigetragen.

„Ich bin mehr als einmal verpfiffen

worden“, sagt er. Mitunter sogar in

Brennersgrün. „Die Wachdienste

waren meist sehr langweilig. Darum

habe ich mir von zu Hause ein kleines

russisches Radio schicken lassen.“

Mit diesem hätten sich die

Wehrdienstleistenden unterwegs

sehr gerne die Zeit vertrieben. Der

Apparat konnte auch westdeutsche

Sender empfangen. „Doch schon

kurz darauf wurde mein Spind

durchsucht“, erzählt er. Ein Politof-


PORTRAIT – Ein Land

19

den Boden und geh ein paar

Schritte dort rüber!“, befiehlt

Siegmund. Sein Kollege tut wie

ihm geheißen. Mutiger als er

sich fühlt, entfernt Siegmund

das Schloss der Kalaschnikow.

Macht sie unbrauchbar. „Möchtest

du mit mir kommen?“, fragt

er beinahe hoffnungsvoll. Aber

der andere verneint. So ruhig,

wie es seine aufgewühlten Nerfizier

habe dabei mehrmals betont,

dass er von dem Radio wisse.

„Gefunden haben sie es zwar

nicht“, sagt Rudi Siegmund.

Dennoch habe er es im Anschluss

mit der Post zurück

nach Hause gesendet.

Nur wenige Vorbereitungen

Von diesem Ereignis weiter angefeuert,

keimte der Gedanke an

die Flucht in ihm von Woche zu

Woche stärker. „Irgendwann

konnte ich nur noch daran denken“,

unterstreicht er. Eine

günstige Gelegenheit ergab sich

an jenem 5. Mai. „Es war ein Tag

wie jeder andere“, beschreibt er.

„Die Stelle am Waldrand bei

Grumbach hatte ich mir vorher

schon ausgeguckt.“ Zudem

schob sich Rudi Siegmund vor

Dienstbeginn alle seine Fotos,

ein paar Zigaretten, seinen

Dienstausweis und etwas Geld

in die Hosentasche. „Nervös war

ich zu diesem Zeitpunkt noch

nicht“, meint er. Dies änderte

sich allerdings schlagartig, als er

die Waffe unterwegs mit einer

ruckartigen Bewegung rasch

entsicherte.

Rudi Siegmund besucht seine Heimat regelmäßig. Bei Brennersgrün

zeigt er, wo er die Grenze einst überquerte.

Foto: Julia Weise

Adrenalin durchfährt den

jungen Soldaten, während er die

kalte Kalaschnikow so fest wie

möglich umklammert hält. Obgleich

er die Waffe nicht auf seinen

Kollegen richtet, reagiert

dieser zutiefst erschrocken.

„Mach doch keinen Scheiß!“,

stammelt er, als er den Blick unverwandt

auf Rudi Siegmund gehaftet

hält. „Leg deine Waffe auf

ven zulassen, dreht sich Rudi

Siegmund um und geht. Die tiefschwarze

Nacht verschluckt ihn

binnen Sekunden. Er weiß, die

Grenze ist nicht weit. Die Sterne

am Himmel und das Plätschern

eines Baches dienen ihm

als Orientierung. Ein Ast knackt

unter seinen Füßen. Wird er

verfolgt? Werden sie ihn zurückholen?

Vorsichtshalber behält

der 19-Jährige einen Schuss im

Lauf. Auch dann noch, als er den

Stacheldrahtzaun und die Demarkationslinie

längst hinter

sich gelassen hat.

„Im Westen bin ich auf eine

Straße geraten“, erzählt mein

Vater, während wir das alte Foto

noch einmal gemeinsam betrachten.

Diese führte ihn in die

bayerische Gemeinde Tschirn,

wo er der Nacht zum Trotz noch

ein brennendes Licht im Fenster

einer Kneipe erblickte. „Erst

als mir der Wirt die Türe öffnete,

fiel die Angst endlich von mir

ab“, sagt er. Und mit einer unscheinbaren

Bewegung sicherte

mein Vater, der Grenzsoldat,

die Kalaschnikow zum allerletzten

Mal.

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Ein besonderer Ort des Gedenkens

Die Gedenkstäe Zuchthaus Cobus ist ein ungewöhnliches Projekt

in der Erinnerungslandscha Deutschlands

Cobus. Im 1860 eröffneten „Königlichen Centralgefängnis“

wurden im Naonalsozialismus wie auch in

der DDR zahlreiche polische Gegner inhaiert. Seit

2011 ist der Verein Menschenrechtszentrum Cobus

e.V. Eigentümer des ehemaligen Gefängnisses. Das

Besondere: Die meisten Mitglieder des 2007 gegründeten

Vereins sind ehemalige polische Gefangene.

Die Dauerausstellung „Karierte Wolken – polische

Ha im Zuchthaus Cobus 1933 - 1989“ zeigt typische

Beispiele polischen Unrechts aus der Zeit der

NS-Terrorherrscha bzw. der SED-Diktatur. Auch die

Dauerausstellung „HAFT – ZWANG – ARBEIT im Zuchthaus

Cobus 1933 - 1989“ dokumenert dies mit

Informaonen, authenschen Objekten und Zeitzeugeninterviews

in Schri und Film. Den Außenbereich

der Gedenkstäe können sich Besucher im Rahmen

einer Führung oder mit Hilfe der Dauerausstellung

„Vergangen, nicht vergessen – Das Zuchthaus Cobus

im Spiegel der Zeiten“ selbst erschließen.

Zudem zeigen die Künstler Mahias Koeppel, SOOKI

und Gino Kuhn noch bis zum 30. November 2019 in

der Sonderausstellung „Es war einmal die Mauer …“

Werke, die das Leben mit der Mauer im einst geteilten

Berlin themasieren.

Menschenrechtszentrum

Cobus e.V.

Bautzener Straße 140

03050 Cobus

Tel.: 0355 290 133-0

info@menschenrechtszentrum-cobus.de

www.menschenrechtszentrum-cobus.de


FOTOS: JULIAN MÜNZ

heute seine doch sehr kurz geratene

Karriere als Schauspieler

ein. Wobei, auch das sei nicht

ganz richtig, schließlich habe er

in dem Film weniger eine Rolle

gespielt als vor allem das getan,

womit er auch im realen Leben

sein Geld verdiente: hinter der

Theke stehen und Getränke ausschenken.

Sieben

Sekunden

Schauspieler

Filmgeschichte 30 Jahre lang arbeitete Wolfhard Zehe als

Barkeeper im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg. Seine Arbeit

brachte ihm eine Rolle im Film „Coming Out“ ein. Der Streifen

feierte am Abend des Mauerfalls Premiere. Von Julian Münz

Ein ganzer Kinosaal für

mich. Das muss ich unbedingt

fotografieren“,

staunt Wolfhard Zehe

und holt sein Handy

hervor. Auch wenn die moderne

Smartphone-Kamera nicht so

recht ins Ambiente des 1963 errichteten

Gebäudes passen

möchte – so eine Möglichkeit

hat der 74-Jährige schließlich

nicht alle Tage.

Das Kino International, in

dem sich neben der Filmprominenz

auch die politische Elite

der DDR jahrelang zu großen

Wolfhard Zehe im Kino

International, wo „Coming

Out“ am 9. November

1989 Premiere feierte.

Filmpremieren einfand, trägt

den Charme der sozialistischen

Baukunst noch immer in sich.

Vor dem großen Kinosaal erstreckt

sich das Kinofoyer mit

einer Fensterpromenade, die einen

Panoramablick auf das pulsierende

Berliner Stadtleben im

Schatten des Fernsehturms gibt,

aktuell aber vor allem von der

Großbaustelle an der Karl-

Marx-Allee geprägt ist.

Zehe selbst ist lange nicht

mehr in diesem Kino gewesen –

und das, obwohl er hier selbst

einmal auf der Leinwand zu sehen

war: Es war im Film „Coming

Out“ des durch Klassiker

wie „Die Legende von Paul und

Paula“ berühmten Regisseurs

Heiner Carow. „Coming Out“ ist

vor allem aus zwei Gründen in

Erinnerung geblieben: Es war

der erste Film in der DDR, der

sich mit dem Thema Homosexualität

auseinandersetzte, und

es war der Film, der im Kino International

am Abend des Mauerfalls

seine Premiere feierte.

„Naja, ich war höchstens sieben

oder acht Sekunden zu sehen“,

ordnet Wolfhard Zehe

Eine Kneipe als Drehort

Der Film „Coming Out“ handelt

von dem jungen Lehrer Philipp

Klarmann, der seiner alten Jugendliebe

Matthias wieder begegnet,

während er bereits in einer

Beziehung mit seiner Kollegin

ist. Dadurch muss er sich mit

seiner lange verdrängten Homosexualität

auseinandersetzen, es

kommt zum Eklat. In den Hauptrollen

sind Matthias Freihof,

Dagmar Manzel und Dirk Kummer

zu sehen.

Da Regisseur Carow für das

Projekt nach authentischen

Schauplätzen suchte, geriet die

seit 1963 existierende Schoppenstube

in der Schönhauser Allee,

im Volksmund auch einfach

„Schoppe“ genannt, in seinen

Blickpunkt. Dort gingen in den

späten 1980er Jahren an jedem

Abend hunderte Leute aus der

Schwulenszene ein und aus. Zusammen

mit der ebenfalls bei

Homosexuellen beliebten Gaststätte

„Zum Burgfrieden“ wurde

die „Schoppe“ so als Drehort

für den Film auserkoren.

Ein unbezahlbarer Job

Zehe selbst kommt Anfang der

1980er als Barkeeper in die

Schoppenstube – auch weil der

gelernte Gastronom gute Kontakte

zum Besitzer hat. „Der Job

war unbezahlbar, ich will nicht

sagen, was ich dort jede Woche

verdient habe“, sagt er heute.

Sein Chef habe das homosexuelle

Publikum vor allem als

zahlende Kundschaft gesehen,

weiß er. „Einerseits fand er, dass

jeder so leben sollte, wie er

möchte. Andererseits war das

auch eine finanzielle Frage,

wenn man sieht, was die Schwulen

für Umsatz gebracht haben“,

erklärt Zehe. Im von zahlreichen

Bars durchzogenen Stadtteil

Prenzlauer Berg wird die

„Schoppe“ bald zu einer der be-


PORTRAIT – Ein Land

21

kanntesten Szenekneipen für

Homosexuelle.

„Das war in Berlin das Haus

eins, Haus zwei war dann der

Burgfrieden. Dann gab es noch

das Cafe Peking in der Schönhauser

Allee, das Cafe Senefelder,

das eher auf Lesben ausgerichtet

war, und die Altberliner

Bierstuben“, zählt Zehe auf.

Doch nirgendwo ist der Andrang

so groß wie in der „Schoppe“:

„Die Gäste haben in 20 Meter

langen Schlangen gestanden,

manche kamen erst nach zwei

oder drei Stunden hinein.“

Von seinem bevorstehenden

Filmdebüt bekommt der Barkeeper

aber zunächst nur wenig

mit. „Der Chef hat uns das mal

nebenbei beim Kaffeetrinken erzählt“,

sagt Zehe schulterzuckend.

Und auch vom eigentlichen

Inhalt des Filmes erfährt

er während des Drehs kaum etwas.

„Unser Chef hat erzählt,

wie der Film heißen soll und

dass es ein Schwulenfilm ist.“

Die genauen Details interessieren

ihn nicht besonders, der

Auftritt bedeutet vor allem höhere

Einnahmen. „Wir haben gearbeitet

und dabei noch extra

Geld verdient. Mir war es da

doch egal, ob ich Getränke ausgebe

und dabei gefilmt werde

oder einfach nur Getränke ausgebe.“

Gäste als Statisten

Die Dreharbeiten finden an einem

Wochenende statt, an denen

in der Kneipe vom frühen

Abend bis in den Morgen gedreht

wird. „Die Statisten, die

dort getanzt haben – das waren

alles Gäste“, erklärt Zehe. Alles

sei gut gelaufen und allgemein

seien die Szenen in viel kürzerer

Zeit gedreht worden, als er

"

Der Chef hat

uns das mal

nebenbei beim

Kaffeetrinken

erzählt.“

Wolfhard Zehe

erzählt, wie er von

dem Filmdreh erfuhr.

erwartet habe, erinnert er sich.

„Nur einmal hat mich der Carow

so richtig angefaucht: Kannst du

hinter der Bar mal aufhören mit

dieser Klapperei?“, so Zehe, dem

man beim Erzählen auch 30 Jahre

später noch seinen überraschten

Blick ansieht.

Zur denkwürdigen Premiere

an jenem Abend des 9. November

1989 ist Zehe dank seines

Auftritts, wie alle Schauspieler,

in das Premierenkino eingeladen.

Doch Zehe sagt ab. „Mein

Chef hatte mich gefragt, ob ich

hin möchte. Ich wollte nicht,

weil ich ja Schicht hatte“, erzählt

er trocken. „In meinem jugendlichen

Leichtsinn habe ich mir

gesagt, dass ich den Film wahrscheinlich

sowieso bald mal sehen

werde.“

Und so verbringt Zehe den

Abend des Mauerfalls so wie an

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22 Ein Land – PORTRAIT

hinter der Theke als Barkeeper.

„Ich habe ganz normal bis sechs

Uhr morgens weitergearbeitet“,

sagt Zehe. Irgendwann im Laufe

des Abends habe ihn seine

Schwester angerufen und gesagt,

dass die Mauer gefallen sei.

„Das war dann ein großes Geschrei

im Laden.“ Einige seien

sofort aufgebrochen, um mit eigenen

Augen zu sehen, was sich

an der Grenze abspielt. Auch die

eigentlich in der Gaststätte

„Zum Burgfrieden“ geplante

Premierenfeier von „Coming

Out“ fällt an diesem besonderen

Abend ins Wasser.

„Was soll ich dort?“

Zehe selbst zieht es an diesem

Abend nicht über die Grenze. Zu

seinem Geburtsort Tegel im

Westen der Stadt hat er jeglichen

Bezug verloren. „Ich durfte

ja im April 1989 schon einmal

wieder nach West-Berlin ausreisen,

zum 88. Geburtstag meiner

Tante. Nach ein paar Tagen bin

ich zurückgefahren, weil ich mir

dachte: Was soll ich dort?“

"

Ich habe

ganz normal

bis sechs Uhr

morgens

weitergearbeitet.“

Wolfhard Zehe

über den Abend

des Mauerfalls

Nach der Wiedervereinigung

eröffnet sich ihm mit dem Rückzug

des alten Besitzers die Möglichkeit,

die „Schoppe“ selbst

weiterzuführen. „Als ich dann

festgestellt habe, dass ich ein gewisses

Alter erreicht habe und

keinen Job mehr bekomme, habe

ich sie ihm abgekauft“, erzählt

Zehe.

Auch Darsteller*innen sowie

Teile des Filmteams begrüßt er

dort nach der Wiedervereinigung

noch einmal. „Der Dirk

Kummer hat zum Zehnjährigen

in der Schoppe eine Feier veranstaltet“,

erinnert sich Zehe.

FOTOS: JULIAN MÜNZ/ FILMSTREIFEN: © SIMBERT BRAUS/SHUTTERSTOCK.COM

Doch die große Zeit des Ladens

ist in den 90er Jahren vorbei,

die „Schoppe“ wird in der

Nachwendezeit zur finanziellen

Last für Wolfhard Zehe. „Im

Prinzip habe ich nur noch Geld

reingesteckt. Mit dem Wissen

von heute hätte ich die Schoppenstube

nicht gekauft“, sagt er.

Als der Mietvertrag 2013 ausläuft

und die neue Miete deutlich

höher wird, entschließt sich

der Ur-Berliner deshalb, die

Gaststätte aufzugeben. Die Feier

zum 50-jährigen Bestehen im

Sommer des Jahres 2013 war somit

zugleich der Abschied von

der einstigen Kultkneipe im

Prenzlauer Berg.

Ein Stück Filmgeschichte

Seinen Auftritt im letzten Film,

der hinter der Mauer seine Premiere

feierte, sieht Zehe schließlich

erst nach der Wende zum

ersten Mal. Nämlich als der

Streifen schon im Fernsehen

läuft. „Da hat mich mein Nachbar

darauf aufmerksam gemacht“,

erinnert er sich.

Das Ergebnis gefällt ihm. Vor

allem, da „Coming Out“ – anders

als zahlreiche andere Filme des

Genres – keinen problematisierenden

Blick auf die Schwulenszene

in der Bundeshauptstadt

werfe. „Der Film drückt nicht

auf die Tränendrüse, sondern

stellt ganz einfach ein Stück Leben

von zwei Menschen dar und

zeigt, dass sie dieselben Probleme

und Bedürfnisse haben wie

andere auch. Da hat der Carow

eine sehr gute Aussage mit getätigt“,

findet Zehe. Und macht,

wo er schon mal im altehrwürdigen

Premieren-Kino ist, gleich

noch ein paar Fotos.

Oben: Wolfhard Zehe steht am

Panoramafenster des Kinos

International, das auch einen

Blick auf den Fernsehturm

bietet.

Mitte: Im großen Saal des Kinos

feierte der Film am 9. November

1989 Premiere.

Unten: Auch die Schoppenstube

ist in dem Film zu sehen, an

die an ihrem früheren Standort

in der Schönhauser Allee 44

kaum noch etwas erinnert.


UMFRAGE – Ein Land

23

Umfrage zum Mauerfall

1

Wie haben Sie den Mauerfall

erlebt?

Bettina Wecker (50) aus Mammendorf

(Fürstenfeldbruck):

„Ich komme aus München und

hatte keinerlei Familie im Osten

und keinen Bezug. Von daher

ist für mich da einfach nur

die Mauer aufgegangen.“

Ehepaar Larsen aus Berlin

(73 und 70): „Mein Mann hat

mich angerufen ,Die Mauer

ist offen‘, und ich sagte

‚Quatsch‘, dann kam er und

dann sind wir losmarschiert.“

Felicitas Kastner (77) aus Ber-

lin-Wilmersdorf: „Ich war

abends zuhause und habe

auch nicht ferngesehen, und

als ich den nächsten Tag ins

Büro ging, hörte ich, dass die

Mauer gefallen ist und man in

der Bornholmer Straße rübergehen

konnte.“

Weitere Umfragen zum

Mauerfall unter

www.einland.net/video

2 Was haben euch eure

Eltern über den Mauerfall

erzählt?

Robert Blau (20) aus Berlin-Hellersdorf:

„Von meinen

Eltern zum Beispiel weiß ich,

dass da meine Mutter wieder

ihre Mutter kennengelernt hat,

die damals abgehauen ist.“

Dominik Kukielka (19) aus

Frankfurt (Oder): „Meine Eltern

haben in Sachsen-Anhalt

gewohnt und hatten Verwandte

im Westen, und ich weiß,

dass sie keinen Kontakt mehr

hatten und nach dem Mauerfall

ist das wieder verbunden

gewesen.“

Anne-Darlin Haff (24) aus

Frankfurt (Oder): „Meine El-

tern waren dabei. Ich weiß,

dass sie über die Grenze gefahren

sind und es total voll ge-

wesen ist. Und dann hat man

ja die 100 Mark bekommen

oder so. Und es war auf jeden

Fall total aufregend und neu.“

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24 Ein Land – INTERVIEW

Die ostsächsische Stadt

Bautzen erlangte im

September 2016 traurige

Berühmtheit. 80

Rechtsradikale jagten 20 Asylbewerber

durch die Stadt. Am

Abend nach der Hetzjagd versammelten

sich wütende Bürger*innen

auf dem Kornmarkt.

SPD-Oberbürgermeister Alexander

Ahrens stellte sich ihnen,

hörte zu – und zeigte Haltung.

Der 53-Jährige ist im West-

Berliner Stadtteil Spandau aufgewachsen.

Er hat als Jurist in

Hongkong, Shanghai und Berlin

gearbeitet. 2008 zog er mit seiner

Familie nach Bautzen. Im

Alter von 47 setzte er sich zur

Ruhe. Nach einem Jahr suchte

er eine neue Herausforderung –

und wurde 2015 Oberbürgermeister.

Bei der Landtagswahl

2019 war die AfD in drei der fünf

Wahlkreise in Bautzen (39 000

Einwohner) stärkste Kraft.

Herr Ahrens, allein in Sachsen

wurden vergangenes Jahr

116 Straftaten gegen Kommunalpolitiker

verübt, 2017 waren

es sogar 181. Sie haben sich

2016, nach den rechten Gewaltexzessen

in Ihrer Stadt, aufgebrachten

Bürgern noch am

Abend gestellt. Sie sind

Familien vater und Ehemann.

Hatten Sie keine Angst?

Alexander Ahrens: Absolute Sicherheit

gibt es nicht. Man muss

sich die Gefährdung bewusst

machen. Ich war bei dem Auftritt

innerlich darauf eingestellt,

dass es passieren kann, dass ich

tätlich angegriffen werde. Seit

meiner frühesten Jugend im

Plattenbau in Berlin-Spandau

kenne ich Gewalterfahrungen

im öffentlichen Raum. Wenn

man da aufwächst, bringt man

eine gewisse Körpersprache

mit, die signalisiert: Ich bin definitiv

kein Opfer. Es gab bei

dem Auftritt ein Restrisiko, aber

davon darf man sich nicht irremachen

lassen. Dann wäre

man tatsächlich für so ein Amt

nicht geeignet. Man muss darauf

vertrauen, dass die Menschen

es wertschätzen, dass

man sich stellt.

Wie lief der Auftritt konkret ab?

Ich habe mich beschimpfen lassen,

bin ruhig geblieben und

habe immer wieder gesagt: Ich

bin hier, weil ich dachte, dass ihr

reden wollt. So nach 20 Minuten

hat das dann auch funktioniert.

Ich finde es wichtig, dass

man ein Signal gibt, dass man

„Menschen zu

verurteilen,

ist idiotisch“

Rechtsextremismus Alexander Ahrens ist

progressiver SPD-Politiker und

Oberbürgermeister der AfD-Hochburg

Bautzen. Ein Gespräch über entwürdigte

Menschen, den richtigen Umgang mit der

AfD – und warum er deren Potenzial bei

40 Prozent sieht. Von Dominik Guggemos

sich nicht einschüchtern lässt.

Die Bautzener Polizei sagte mir

nach dem Auftritt: Wir hätten

uns da nicht alleine hingetraut.

Nur 50 Prozent

" finden,

dass

Demokratie gut

funktioniert.“

Hat Bautzen ein Problem mit

Rechtsextremen?

Eines steht für mich fest: In

Sachsen leben nicht schlechtere

Menschen als in anderen

Bundesländern. Das ist schon

rein statistisch auszuschließen.

FOTO: SEBASTIAN KAHNERT/DPA

Alexander Ahrens

(re.) hat sich in

aufgeheizter

Stimmung den

Bürgern gestellt.

Und wenn Bautzen eine braune

Hochburg wäre, würde ich hier

nicht leben – und dann wäre ich

auch nicht Bürgermeister. Ich

habe während des Wahlkampfs

2015 fünfmal am Tag betont,

dass es mit mir keine Politik gegen

Flüchtlinge geben wird. Ich

betrachte den Großteil der

AfD-Wähler als Leute, die ich

zurückgewinnen will.

Mit was für Rezepten wollen Sie

das schaffen?

Mit den Leuten ins Gespräch zu

kommen und zu fragen, warum

sie AfD gewählt haben, ist der

erste Schritt. Es geht nicht darum,

die Leute zu verurteilen.

Das ist idiotisch. Die Menschen

wissen in der Regel genau, warum

sie wen wählen. Ungefähr

zehn Prozent der Menschen in

der Bundesrepublik sind Antidemokraten,

die gerne einen

Führer hätten und früher NPD

gewählt haben. Aber die große

Mehrheit der AfD-Wähler fällt

nicht in diese Kategorie. Und

die kann ich nur zurückgewinnen,

wenn ich sie ernst nehme.

Woher nehmen Sie diese Zahl?

Im Sachsen-Monitor sind die interessantesten

Antworten die

zum Thema Demokratie. Die

Medien stürzen sich immer darauf,

dass 57 Prozent der Sachsen

der vorformulierten Aussage

„Deutschland ist in einem gefährlichen

Maß überfremdet“

zustimmen. Die Frage interessiert

mich gar nicht. Das ist eine

Suggestivfrage. Bei den Fragen

zur Demokratie sagen rund 90

Prozent der Sachsen: Demokratie

ist eine ganz tolle Sache.

Aber nur rund 50 Prozent sagen,

dass sie gut funktioniert. Aus

dieser Diskrepanz von mehr als

40 Prozentpunkten kommt das

AfD-Potenzial in Ostdeutschland.

Aber diese Menschen kann

man erreichen. Man kann mit ihnen

reden: Leute, habt ihr einen

besseren Vorschlag?

Der bessere Vorschlag kann

aber nicht der sogenannte

„Flügel“ mit ihrem Anführer

Björn Höcke sein.

Wenn man sich den ganzen Flügel-Salat

anschaut, das Zeug ist

spätestens seit 1945 abgelaufen

und ungenießbar. Die AfD ist

sehr geschickt darin, es den Leuten

als frische Ware zu verkaufen.

Dabei braucht man noch

nicht einmal einen besonders

empfindlichen Magen, damit einem

davon schlecht wird. Der

Flügel besteht in meinen Augen

größtenteils aus Nazis.

Ein klassisches Argument für

gute Wahlergebnisse der AfD

sind soziale und wirtschaftliche

Probleme. Das gilt für Bautzen

nicht. Die Arbeitslosigkeit liegt

bei rund fünf Prozent, die Stadt

ist pro Kopf eine der wirtschaftsstärksten

in Sachsen.

Woran liegt es dann?

Im Bereich der Kurzzeit-Arbeitslosen

haben wir Vollbeschäftigung.

Wir sind eine

schuldenfreie Kommune, haben

Rücklagen. Wir bauen gerade

eine Kita für 185 Kinder und die

wird trotzdem nicht reichen,

weil wir seit 15 Jahren eine Geburtenrate

haben, die weit über


INTERVIEW – Ein Land

25

Der Erfolg

der AfD in

Bautzen

dem Bundesdurchschnitt liegt: 2016

bei 2,2 Kindern, 2017 bei 1,97. Für Familien

ist die Stadt unheimlich attraktiv.

Wir sind ein Musterbeispiel

für den Aufschwung Ost – und trotzdem

haben wir viele AfD-Wähler.

Ein Beleg, dass die wirtschaftliche

Komponente eigentlich keine Rolle

spielt. In Ostdeutschland ist die

Angst vor der Globalisierung sehr

groß. Wir werden Diskussionen in

aller Breite und Tiefe führen müssen,

die heute schwer vermittelbar

erscheinen. Stichwort: bedingungsloses

Grundeinkommen.

Kritiker sagen, dass Hartz IV bereits

für ein ausreichendes Grundeinkommen

sorgt.

Hartz IV ist nicht deswegen so unpopulär,

weil die Leute sagen: „Das

Geld ist viel zu wenig“, sondern weil

es an eine permanente Kette von

Entwürdigungserfahrungen gekoppelt

ist. Diese Erfahrungen entfremden

die Leute vom politischen System.

Ich habe das als Kind und Jugendlicher

am eigenen Leib erlebt.

Meine Mutter hat halbtags gearbeitet

und musste trotzdem zum Sozialamt

gehen. Da mussten wir mitkommen,

uns sozusagen präsentieren.

Sie wurde durch unangemessene

Fragen und Bemerkungen regelmäßig

entwürdigt. Ich verstehe auch

den bürokratischen Aufwand nicht.

Mal ganz platt: Ich kenne keine

alleinerziehende Frau, die zu viel

Geld hat.

Wie reagieren Sie auf Bürger, die AfD

gewählt haben? Bei der Landtagswahl

waren es in Bautzen in zwei

Wahlkreisen rund 36 Prozent, bei

der Bundestagswahl 2017 gab es

ähnliche Ergebnisse.

Ich spreche viel mit Leuten, und sie

haben keine Scheu, mir zu sagen,

dass sie die AfD gewählt haben. Denen

komme ich gerne mit dem Bei-

Landtagswahl

2019 (in Prozent)

Wahlkreis Bautzen I:

AfD 36,8, CDU 34,6

Wahlkreis Bautzen II:

CDU 35,8, AfD 31

Wahlkreis Bautzen III:

CDU 32,3, AfD 31,5

Wahlkreis Bautzen IV:

AfD 33,9, CDU 33,5

Wahlkreis Bautzen V:

AfD 36,4, CDU 33

Bundestagswahl

2017 (in Prozent)

AfD 32,8 Zweitstimmen,

CDU 27,1,

Direktmandat mit

33,2 für die AfD

spiel von Björn Höcke. Ja, was meint

er denn, wenn er sagt, wir müssen

unsere Erinnerungskultur um 180

Grad drehen? Soll das heißen, dass

wir jetzt Denkmäler für KZ-Kommandanten

bauen sollen? Und da sagen

die Leute dann immer: „Ne, das

will ich nicht. Und das hat er auch

gar nicht gesagt.“ Wo ich dann erwidere:

„Natürlich sagt er das nicht

explizit, aber er lässt ganz bewusst

diesen Interpretationsspielraum zu.

Deswegen muss Ihnen klar sein:

Wenn Sie AfD wählen, unterstützen

Sie solche Positionen, ob Ihnen das

gefällt oder nicht. Ich verurteile Sie

nicht dafür, ich möchte nur, dass Sie

das wissen.“ Nur so kann man den

Leuten klarmachen, warum die

anderen Parteien nichts mit der AfD

zu tun haben wollen.

Wie Alexander Ahrens Menschen

Ängste nehmen will, lesen Sie unter

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Aus eigenem Antrieb hätten weder Nicolas (links)

noch Sebastian den Kontakt gesucht.

Unterhaltsam war die Begegnung dennoch.

Typisch

Nachwendekinder?

Begegnung Nicolas und Sebastian haben

das geteilte Deutschland niemals erlebt

und begreifen sich dennoch als „Ossi“

und „Wessi“. Im Berliner Mauerpark kommt

es zum Gespräch. Von Nicole Wieden und

Lukas Grybowski

Zehn Menschen stehen

nebeneinander. Wer

ist Ossi, wer ist Wessi?

Sebastian ist 29 Jahre

alt und glaubt den

Unterschied sofort zu erkennen:

„Ossi-Mädels sind die mit zwei

Haarfarben“, sagt er und muss

lachen. Dass der Pony eine andere

Farbe als die restlichen

Haare hat, bekomme man bei

Wessi-Mädels nicht zu sehen.

Bei den Jungs werde es schon

schwieriger. „Mal ehrlich,

Hauptsache, man läuft entspannt

rum“, wirft Nicolas ein.

Der 22-Jährige glaubt nicht, dass

er Ossis von Wessis ad hoc unterscheiden

könnte. Aber Unterschiede

gebe es. Die Sache mit

den Haarfarben jedenfalls ist

ihm nie aufgefallen.

Für die meisten unter 30 ist

der Mauerfall nicht mehr als ein

geschichtliches Ereignis, das in

der Schule auf dem Lehrplan

steht. Aber ist die Wende noch

ein Thema? Die Otto-Brenner-Stiftung

hat dies gemeinsam

mit der Forschungsagentur Pollytix

untersucht und hält fest:

Eine Mauer in den Köpfen existiert

selbst in den Generationen

noch, die ohne die Mauer aufgewachsen

sind. Außerdem identifizieren

sich junge Ostdeutsche

genauso stark als ostdeutsch

wie als deutsch. So geht

es Nicolas, der in der Gemeinde

Panketal im Speckgürtel Berlins

lebt. Sebastian dagegen

wohnt in Berlin-Steglitz und

versteht sich als Wessi. Das ist

unüblich, denn laut der Studie

verstehen sich junge Westdeutsche

in erster Linie als Deutsche.

„In Bayern oder Baden-

Württemberg bekommt man die

Unterschiede halt nicht so mit“,

erklärt Sebastian.

" Ossi-Mädels

sind die

mit zwei

Haarfarben.“

Wo fängt man an?

Nicolas trinkt Berliner Kindl,

Sebastian Gösser Naturradler,

und beide wären sich vermutlich

nie begegnet, hätte man sie

nicht zu einem gemeinsamen

Abend überredet. Sebastian hätte

es auch nicht in den Mauerpark

verschlagen. Zwischen den

Sprayern, die mit Kippe im

Mund auf den Mauerresten malen,

kann er sich nicht wirklich

entspannen. Der Park ist kein

Teil von seinem Berlin. Umso

lässiger greift Nicolas zu seinem

Bier.

„Es heißt ja immer, dass man

etwas Neues kennenlernen soll,

aber ich habe nicht mal meine

eigene Gegend komplett kennengelernt.

Da muss man erstmal

anfangen.“ Nicolas ist zurzeit

auf Wohnungssuche im Ostteil

der Stadt. In Westberlin kenne

er sich nicht aus und müsse

das auch gar nicht.

Dabei fühlt sich der Anlagenmechaniker-Azubi

weniger als

Ost-Berliner, sondern vor allem

als Neu-Brandenburger. Geboren

wurde er in der Charité in

Berlin-Mitte. Nach seinen ersten

vier Jahren im Prenzlauer

Berg zog er mit seinen Eltern

nach Panketal. In Außenbezirke

wie Spandau würde es ihn allerdings

nie verschlagen. „Nüscht

gibt es in Spandau. Nüscht,

nüscht, nüscht“, sagt er energisch.

In Sachen Spandau

stimmt ihm Sebastian beherzt

zu, nur ohne Berliner Dialekt,

weil der sein Ohr beleidigt: „Im

Osten kommt der Dialekt viel

stärker durch“, bemerkt er. Aber

das vereine doch, empört sich

Nicolas. „Boah ne“, entfährt es

Sebastian.

Sebastian arbeitet für die Personalabteilung

eines weltweit

agierenden Logistikdienstleisters.

Aufgewachsen ist er in

Neukölln, gerade noch auf Westberliner

Seite. Schon als Kind ist

ihm beim Fahrradfahren der

breite Grenzstreifen mit dem

restlichen Stacheldraht aufgefallen.

Sein Vater sei ein „typischer

Wessi“, der gerne über die Ossis

meckert. Seine Mutter dagegen,

eine Engländerin, hat auch

ostdeutsche Freunde. Sebastian

steht irgendwo dazwischen: Er

habe nichts gegen Ostdeutsche,

aber zu seinen Freunden zählen

ausschließlich Westdeutsche.

Nicolas hat als Kind dagegen

keine Unterschiede gespürt,

weil es keinen Kontakt zu Westdeutschen

gab. Dass die Stadt

geteilt war, weiß er aus Erzählungen

seiner Eltern und Großeltern.

Stolz ist er auf die Werte,

die ihm zu Hause vermittelt

wurden: „Die Familie steht an

erster Stelle. Der Job oder was


STREITGESPRÄCH – Ein Land

27

FOTOS: LUKAS GRYBOWSKI

Nicolas (22) aus Panketal

man verdient, ist nicht so wichtig,

solange man glücklich ist.“

Meckern macht Spaß

Geld und Wohlstand verbinden

Nicolas und Sebastian beide mit

dem Westen. Nicolas muss auch

an eine gewisse Arroganz denken,

die Wessis an den Tag legten.

„Man hat sich die Wiedervereinigung

zu einfach gemacht“,

sagt er und erinnert an

die Treuhand. Der Materialismus

allerdings sei auch in den

Köpfen der Ostdeutschen voll

im Kommen: „Aber es ist kein

asozialer Materialismus. Nicht

so offensiv wie im Westen.“ Sebastian

widerspricht nicht; ein

guter Job sei nun einmal wichtig.

Gerade auf der Arbeit daure

es nicht lange, bis das Thema

aufkomme. „Wo wohnst du?“

bedeutet eigentlich „Kommst du

aus Ost- oder Westberlin?“, sagt

Sebastian.

Wenn das geklärt ist, geht es

mit dem „Gemecker“ los: „Ach,

der scheiß Ostler mal wieder“,

zitiert Nicolas und grinst. Gemeckert

werde auf beiden Seiten,

aber das sei einfach nur

Spaß, finden beide.

Von dem wiederum verstehe

der Ossi übrigens mehr als der

Wessi. Sebastian klingt ein wenig

zerknirscht, wenn er erzählt,

dass Ostberlin als „cooler“ Teil

der Stadt gelte: „Ja, dieses Dreckige

hat schon was.“ Dass die

meisten Menschen das alternative

Berlin im Kopf haben, wenn

sie an die Hauptstadt denken,

findet er dennoch einseitig.

Etwa drei Stunden sitzen Nicolas

und Sebastian zusammen.

„Die Grenzen werden zerfließen“,

ist sich Sebastian am Ende

sicher: „Wenn ich sehe, was sich

alles in Pankow getan hat. Auch

"

Aah, einer

aus der Zone“

Sebastian (29) aus Steglitz

wenn das viele Ostberliner vielleicht

gar nicht so mögen.“ Nicolas

vermutet Ähnliches. „Wir

haben alles noch von zwei Generationen

erzählt bekommen.

Ich kann darüber schon keine

richtigen Geschichten mehr erzählen.

Aber ganz weg sein,

wird es wohl nie.“ Das gelte vor

allem für die Situation auf dem

Land. „Dieser Gedanke, dass im

Osten eh nichts ist, wird bleiben,

weil die Leute nur wenige

Berührungspunkte haben. Das

ist traurig.“ In Berlin aber verschmelze

alles. Und überhaupt:

„Typisch Wessi – eigentlich

weiß doch niemand, was damit

gemeint ist“, sagt Nicolas.

Je später der Abend wird,

desto gelöster ist die Stimmung

im Mauerpark. Als einige Sprayer

in der Nähe plötzlich grölen,

müssen Nicolas und Sebastian

unweigerlich den Kopf drehen.

„Aaah, einer aus der Zone“,

ruft Nicolas begeistert. Sebastian

nickt andächtig: „Jaja. Dat sin

se. Die Ossis.“

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28

Ein Land – ESSAY

Die unendliche

Geschichte

Identität Der Mauerfall beschäftigt uns auch noch 30 Jahre, nachdem er stattfand. Über

eine Erzählung, die längst nicht abgeschlossen ist. Von Liesa Hellmann und Daniel Roßbach

Es ist eine beliebte Frage:

Was hast du am

9. November 1989 gemacht?

Die Antwort

der meisten von uns

Autor*innen lautet: nichts. Wir

waren noch nicht geboren. Wir

haben die ehemalige Grenze

mehrfach überquert, meist ohne

sie wahrzunehmen. Oft war sie

für uns nur ein Hinweisschild

am Straßenrand. Für uns war

Deutschland immer ein Land.

Wir sind die erste Generation,

der es so geht. Deshalb fragen

wir uns: Wie ist aus zwei

Ländern eines geworden? Welche

Geschichten machen dieses

eine Land zu dem, was es heute

ist? Gibt es die eine Erzählung,

in der sich alle wiederfinden?

Es bleibt kompliziert, von

Deutschland als einem Land zu

reden, denn Mauerfall und Wende

erscheinen in Ost und West

als unterschiedlich bedeutend.

Die Vereinigung ist ökonomisch,

politisch und soziokulturell

nicht abgeschlossen. Deshalb

können Probleme, die es

überall in diesem einen Land

gibt, etwa das Erstarken von

Rechtsradikalismus, als Defizite

nur eines seiner Teile wahrgenommen

werden. Allein, dass

die Kategorien „Ost“ und „West“

für die Nachwendegenerationen

verständlich sind, zeigt, dass sie

weiter identitätsstiftend sind.

Problematische Metapher

Dabei ist das Credo, dass „zusammen

wächst, was zusammen

gehört“, zur beliebtesten Wende-Metapher

avanciert. Im 1400

Kilometer langen Grünen Band

zwischen Ostsee und Fichtelgebirge

scheint sie Wirklichkeit

geworden zu sein. Aber diese

Metapher passt nicht auf politisches

Handeln. Denn niedrigere

Löhne und Renten, Beschäftigungsraten

und Lebenserwartungen

in den ehemals neuen

Bundesländern verschwinden

nicht irgendwann von selbst wie

Ein Mahnmal der Teilung

in Bodesruh, Hessen.

der mittlerweile grün überwucherte

Grenzstreifen.

Die Metapher des Zusammenwachsens

lässt den mit der

Wende entstandenen Nationalstaat

als natürliches Gebilde erscheinen.

Eine Vorstellung, die

es einfach macht, alle vermeintlich

anderen auszuschließen,

weil sie angeblich nicht dazu gehören.

Dabei greift das Bild gerade

an den Grenzen viel zu

kurz: In Städten wie Guben in

der Lausitz und ihrer polnischen

Schwester Gubin oder im nordrhein-westfälischen

Herzogenrath

und Kerkrade in den Niederlanden

sind praktische und

kulturelle Kooperationen gewachsen,

die nicht Halt an nationalen

Grenzen machen.

Lautet das Leitmotiv für jüngere

deutsche Geschichte, dass

nur zusammenwächst, was

schon immer zueinander gehört,

bedeutet das, Erzählungen,

Menschen und Identitäten auszublenden.

Bei unseren Protagonist*innen

wie auch bei uns Autor*innen

dominiert eine weiße

Perspektive. In unserem Magazin

kommen migrantische Geschichten

kaum vor. Dabei wurden

auch die Leben vieler Menschen

ohne deutschen Pass

durch die Vereinigung geprägt,

aber nicht positiv: Beispielsweise

verloren zahlreiche Vertragsarbeiter*innen

in der DDR

"

Wir brauchen

eine

vielstimmige,

diverse

Erinnerung.“

FOTO: DANIEL ROSSBACH

plötzlich ihr Aufenthaltsrecht.

Während Millionen die deutsche

Einheit feierten, mussten

tausende Menschen, die hier

lebten, arbeiteten und Steuern

zahlten, das neue, geeinte Land

verlassen.

Auslassungen werden auch

beim Blick auf das Geschlechterverhältnis

in unseren Texten

deutlich. Polemisch zusammengefasst:

Männer haben die Wende

gemacht, Frauen ist sie widerfahren.

Männer sind geflohen,

Männer haben Fußball gespielt

und Verwaltungen

geprägt, Männer schreiben Bücher

oder streiten über Unterschiede

zwischen Ost und West.

Zu all den Themen hätten

auch Frauen ihre Geschichten

erzählen können. Dass sie in unserem

Magazin wenig zu Wort

kommen, hat auch strukturelle

Gründe: Die DDR war, die BRD

ist bis heute patriarchalisch geprägt.

Und offensichtlich haben

auch wir zuerst an Männer gedacht,

um uns von ihren Erfahrungen

berichten zu lassen.

Längst nicht alle Geschichten

rund um Mauerfall und Wendeprozess

sind erzählt. Wir brauchen

eine vielstimmige, diverse

Erinnerung, um zu verstehen,

was das Ereignis für unser Zusammenleben

heute bedeutet.

Zu diesem einen Land, das stets

im Werden ist, gehören viele

verschiedene Identitäten – in

denen das Erbe von Ost und

West ein Aspekt unter vielen ist.


ONLINE – Ein Land

29

Ein Land im Netz

Das Projekt „Ein Land

ist nicht nur ein gedrucktes

Magazin. All

unsere Beiträge gibt es

auch online auf der Website

www.einland.net – frei zugänglich

für jede*n. Außerdem finden

Sie dort exklusive Online-Texte

und Videos. So haben

wir Vorschulkinder aus Ost- und

Westdeutschland gefragt, was

Begriffe wie „DDR“, „Mauerspecht“

und „Wendehals“ bedeuten

könnten. Von den Erwachsenen

im Südwesten wollten

wir wissen, wie sie die Maueröffnung

erlebten – und von

denen im Osten, wofür sie das

Begrüßungsgeld ausgaben. Im

Netz informieren wir auch über

die Entstehung dieses Projekts:

Auf unserem Instagram-Account

@ein_land_magazin stellen

sich die Autor*innen vor.

Außerdem gibt es dort Recherche-Einblicke

und Fakten zur

Wendezeit.

Moritz Clauß

Portrait

Der Kick

im Osten

Der fränkische Fußballer Werner

Rank (li.) wechselte unmittelbar

nach der Wiedervereinigung

in die ehemalige DDR. Er

traf auf knallharte Trainer und

euphorische Fans, die dachten,

er sei Ostdeutscher.

Was Rank in Ostdeutschland

erlebt hat unter

www.einland.net/fussball

FOTO: LOTHAR BENESCH

Video & Bericht

Eine Badewanne

voller Bier

Der Westunternehmer Helmut

Fritsche privatisierte eine

DDR-Brauerei und nahm ein

Bad in Schwarzbier. Er fand veraltete

Produktionsanlagen vor,

doch sein Unternehmen gibt es

bis heute.

Die Geschichte Fritsches und

seiner Brauerei auf

www.einland.net/brauerei

FOTO: THOMAS SABIN

Video

Vom Leben am

Grenzzaun

Die DDR-Bürger*innen Cordula

und Christophorus Baumert

zogen 1985 mit ihren Kindern

nach Dömitz, direkt an den

Grenzzaun. Der Umzug war

nicht freiwillig, aber das Ehepaar

ist bis heute geblieben.

Das Video-Interview mit den

beiden Zeitzeug*innen unter

www.einland.net/zaun

FOTO: MORITZ CLAUSS

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