#DNP12

nachhaltigkeitspreis
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MAGAZIN DES DEUTSCHEN NACHHALTIGKEITSPREISES

NACHHALTIGKEIT MADE IN GERMANY

17 GLOBALE ZIELE

Nachhaltig Wirtschaften

für die Agenda 2030

IM KANZLERAMT

Sieger des DNP

treffen Angela Merkel

DIGITALISIERUNG

Grüne Geschäftsmodelle

der digitalen Zukunft

DESIGNPREIS

Neue Auszeichnung für

nachhaltiges Design


#13

3

EDITORIAL.

KLIMASCHUTZ

FÜR ALLE!

Stefan Schulze-Hausmann ist Wissenschaftsjournalist und Rechtsanwalt. Er moderiert für das ZDF seit 1989

verschiedene Formate (u. a. das tägliche 3sat-Zukunftsmagazin „nano“). 2008 rief er die Stiftung Deutscher

Nachhaltigkeitspreis e. V. ins Leben, deren Vorstandsvorsitzender er ist.

Das Jahr 2019 ist ein Jahr auf Messers Schneide.

Während Europa im Bann des Brexit verharrt, zeigen

die Wahlen zum EU-Parlament, was wirklich auf

der Agenda steht: Klimaschutz, Zukunftswirtschaft,

Gerechtigkeit. 2019 sieht Terroranschläge, den brennenden

Amazonas, Gletschersterben, Hitzerekorde.

In Landtagswahlen dominieren Angst und Ablehnung.

Aber 2019 hat auch ein anderes Gesicht. Das

Gesicht von Hoffnung und beeindruckendem Protest.

Greta Thunberg bringt mit Fridays for Future

Millionen Menschen auf die Strasse, die mit ihren

Forderungen nach schnellem und wirksamem

Klimaschutz überwältigendes Gehör finden. Die Erneuerbaren

Energien überschreiten die 40-Prozent-

Marke. Das Bundeskabinett beschließt am 9. Oktober

ein Klimaschutzpaket, vielen zu schwach, doch voller

Maßnahmen, die eben noch vehement verweigert

wurden.

Dennoch ist das Jahr 2019 vor allem ein Jahr der

Zukunft. Für die weltweiten Nachhaltigkeitsziele, für

Klimaschutz, für Toleranz und Gerechtigkeit. Ein Jahr

der Zukunft für die nachkommenden Generationen.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist Teil dieser

Bewegung. Wir vertrauen darauf, dass ein Wettbe-

werb der Besten immer mehr Antworten liefert

und die Transformation befördert – fokussiert, qualifiziert,

aus erster Hand von denen, die wissen,

erklären und entscheiden.

Wir entwickeln den Kongress weiter, greifen aktuelle

Themen in Sonderpreisen auf und verändern 2020

umfassend unsere Assessments. Dann werden konkrete,

messbare Beiträge zur Transformation in den

Mittelpunkt aller Wettbewerbe gerückt. Und: Der

Deutsche Nachhaltigkeitspreis Design feiert 2020

seine Premiere.

Ich lade Sie ein, uns auf den nächsten Seiten besser

kennen zu lernen. Vielleicht begegnen wir uns im

Wettbewerb, auf dem Kongress oder bei der

Preisverleihung.

Stefan Schulze-Hausmann

„Wir

prämieren

die Vorreiter

und

zeigen so,

wie Transformation

konkret

gelingen

kann.“

Wir setzen die UN-Nachhaltigkeitsziele um – machen Sie mit!


4

INHALT.

DIE ZUKUNFT DES BAUENS.

06

IM JAHR DES

PILLEPALLE –

RADIKAL IST NUR

DIE REALITÄT.

10

IM MITTELPUNKT

STEHT DER MENSCH

UNTERWEGS.

11

MOBILITÄT

DER ZUKUNFT –

SICHER, SAUBER,

VERNETZT.

12

NACHHALTIG

WIRTSCHAFTEN

FÜR DIE

AGENDA 2030.

14

AGENDA 2030

HEISST

PARTNERSCHAFT.

16

INTERVIEW MIT

GERD MÜLLER.

18

ZU BESUCH BEI

DER KANZLERIN.

16

NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN.

Nachhaltiges Wirtschaften und eine nachhaltige

Entwicklung bedeuten, niemand im gesellschaftlichen

Wandel zurückzulassen und wo immer

möglich für men schenwürdige und fair bezahlte

Arbeitsplätze und eine gesunde Umwelt zu sorgen.

Dieser Auftrag richtet sich an Regierungen und

Unternehmen in gleicher Weise und ist zudem eine

grundlegende Forderung der Agenda 2030.

ZU BESUCH BEI DER KANZLERIN.

Vorbildliches Nachhaltigkeitsengagement: Preisträger

des Deutschen Nachhaltigkeitspreises informierten

Angela Merkel, wie sie den Wandel hin

zu einer nachhaltigen Gesellschaft unterstützen.

GLOBALE PARTNERSCHAFTEN.

Bis zum Jahr 2030 soll es keinen Hunger, extreme

Armut und Ungleichheit mehr geben, Geschlechtergerechtigkeit

weltweit gelten und gute Entwicklungschancen

für eine wachsende Weltbevölkerung

geschaffen werden. Dazu braucht es neue Kooperationen

zwischen staatlichen und nichtstaatlichen

Gruppen, die auch Sektor- und Landesgrenzen

überschreiten. Im Interview spricht Bundesentwicklungsminister

Gerd Müller über globale

Verantwortung, nachhaltige Textilien, die Allianz für

Entwicklung und Klima sowie den DNP als Plattform

für nachhaltigkeitsorientierte Unternehmen.

17

SPRACHE.

34

Das Rathaus Freiburg, das Schmuttertal-Gymnasium

Diedorf und das Aktiv-Stadthaus in Frankfurt waren

in den letzten Jahren Sieger oder unter den Top 3

beim Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur.

Sie zeigen, dass wir heute bereits die Gebäude

planen und bauen können, die einen positiven

Beitrag für unsere Zukunft leisten.

ENGAGEMENT FÜR DIE JUGEND.

Weltweit demonstrieren Kinder und Jugendliche

für umfassende, schnelle und effiziente Umweltund

Klimaschutzmaßnahmen und fordern zum

Handeln auf. Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis

für Städte und Gemeinden setzt genau dort an –

hier wird nicht nur über Nachhaltigkeit geredet,

sondern gehandelt. Der Preis engagiert sich schon

seit vielen Jahren für die Jugend.

BILDNACHWEISE

26

22

NACHHALTIGKEIT

DURCH

DIGITALISIERUNG.

24

NEUE GESCHÄFTS-

MODELLE.

26

STÄDTEPREIS

FOR FUTURE.

28

ZIRKULÄRE

WERTSCHÖPFUNG

IN KOMMUNEN.

31

INTERVIEW MIT

LIONEL SOUQUE.

32

GLOBAL

VERANWORTLICH

WIRTSCHAFTEN.

34

DIE ZUKUNFT

DES BAUENS

IST KLIMAPOSITIV.

36

DESIGN FÜR

NACHHALTIGKEIT.

20

CIRCULAR

ECONOMY –

THE NEXT

BIG THING.

21

BRAUCHT

NACHHALTIGE

GASTRONOMIE

EINEN PREIS?

18

12

Die vom Büro Deutscher Nachhaltigkeitspreis verfassten Beiträge sind unter

Berücksichtigung von Lesbarkeit und Ästhetik in geschlechtergerechten

Sprache geschrieben. Die gendergerechte Formulierung stand unseren

Gastautor/innen frei.

IMPRESSUM.

HERAUSGEBER:

Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis

Neuer Zollhof 3 / 40221 Düsseldorf

V.I.S.D.P.

Stefan Schulze-Hausmann

REDAKTION

Sebastian Klement-Aschendorff

GESTALTUNG

Büro Deutscher Nachhaltigkeitspreis / Anna Krolzig

Titel: Damir Tomas/brandmission; Seite 3: Frank Fendler; Seite 4: Michael

Gottschalk/Photothek.net; Joshua Rawson Harris/unsplash.com; Ralf Rühmeier;

Seite 5: Roland Halbe; Leon Bublitz/unsplash.com; Seite 6: Nick Fewings/unsplash.com;

Seite 7: Victoriano Izquierdo/unsplash.com; Seite 9: Lisa

Holler; Seite 10: Jonas Deister/Sozialhelden e.V.; Elke Häußler/HsKA; AutoNV_

OPR; Seite 11: Andy Beales/unsplash.com; Frank Fendler; BMBF/Laurence

Chaperon; Seite 12: Dariusz Misztal; Seite 13: UN Photo/Manuel Elias; Frank

Fendler; Seite 14: Dariusz Misztal; Seite 15: Frank Fendler; Tcmphotography.

co.za; Seite 16: Michael Gottschalk/Photothek.net; Seite 17: Dariusz Misztal;

Seiten 18/19: Ralf Rühmeier (2); Seite 20: Guillaume Bolduc/unsplash.com;

Seite 21: Jan Voth; Metro Germany; Seite 22: Ashwin Vaswani/unsplash.com;

Seite 23: Frank Fendler; eric-kemnitz.com/Leipzig Mobil 2.0; Seite 24: Simon

Veith/nachhaltige Fotografie; Seite 25: Mohdammed Ali/unsplash.com; PY-

DRO GmbH; Seite 26: Leon Bublitz/unsplash.com; Markus Spiske/unsplash.

com; Seite 27: Frank Fendler; Stadt Neumarkt; Seite 28: Oliver Cole/unsplash.

com; Seite 29: Terry Mclaughlin/Copenhagen Media Center; Seite 31: REWE

Group; Frank Fendler; Seite 32: Solidarity Center; Seite 33: ILO in Asia and

the Pacific; Seite 34: HGEsch, Hennef; Seite 35: Frank Fendler; DGNB; Seite

36: EET; Seite 37: Fair-Cup UG; Frank Fendler; Seite 38: betterECO GmbH;

ECOFARIO GmbH; Daniela Lea Schafroth; right. based on science UG; Seite

39: DIHK/Jens Schicke; Frank Fendler; Seite 40: Dean Chalkley.

38

GRÜNE STARTUPS.

39

INTERVIEW MIT

ACHIM DERCKS.

40

MICK HUCKNALL –

IF YOU DON´T

KNOW HIM BY NOW.


7

weder die Politik und ihr Zwilling, der Protest, noch

sind es die unternehmerischen Nachhaltigkeitsstrategien

der jüngsten Zeit. Radikal ist nur die Realität.

und intakter Umwelt verdienen. Nicht nur, weil

Wissenschaftler/innen Katastrophen voraussagen.

Sondern vor allem, weil wir können.

„Wo agile

Selbstkorrektur

gefragt ist,

denken wir

allzu oft

prozessverliebt

und in

Details.“

IM JAHR DES PILLEPALLE –

WIRKLICH RADIKAL

IST NUR DIE REALITÄT.

Autor

PROF. DR. GÜNTHER BACHMANN, GENERALSEKRETÄR DES RATES FÜR NACHHALTIGE ENTWICKLUNG

Der Sommer war zu lange zu heiß. Fichten und

Buchen sterben zu hunderttausenden. Binnen

historisch kurzer Zeit sind eine Million Pflanzen-

und Tierarten ausgestorben, bei der nächsten

Million könnte Homo sapiens dabei sein. Der Ausbau

einer nachhaltigen Infrastruktur, ob Kreislaufwirtschaft,

Mobilität oder Erneuerbare Energien,

schwankt zwischen Leerlauf und Rückwärtsgang.

Die Bundesregierung legt zwar klimapolitisch

einen Gang zu; aber es ist nur einer. Dass der nicht

ausreicht, wissen alle und viele bekennen es offen.

Die größte Bürde der Klimapolitik sind die verlorenen

Jahre und verläpperten Chancen für eine

industriepolitische, ökologische und soziale Rückbesinnung

auf die Zukunft.

Gerade unter diesen Bedingungen muss man einen

Deutschen Nachhaltigkeitspreis vergeben! Weil

alle Maßnahmen im Verkehr, in der Ernährung und

beim Klima immer differenzierter und kleinteiliger

werden, wird das ganzheitliche Denken wichtiger;

und damit die Nachhaltigkeitsstrategien. Kommunen

sind mit neuen Ideen unterwegs. Aus der Industrie

wird mehr statt weniger Regulation gefordert.

Auch inner-ökologische Zielkonflikte machen

Nachhaltigkeitsdenken immer dringlicher. In den

Wahlen überraschten Nachhaltigkeitsthemen, die

sich zuvor in keinem Parteiprogramm fanden. Die

Bienen schütteln die Landespolitik um. 2019 ist das

Kohle-Jahr.

Und natürlich: Die neue Ungeduld einer protestierenden

Jugend macht den Unterschied. Eine

Gesellschaft ohne jugendliche Protestkultur wäre

nicht wirklich brauchbar. Diesen Mangel haben wir

zu lange kaum wahrgenommen und Protestliches

dem Feuilleton überlassen. Jetzt bläst das Jahr

2019 mit anderem Wind. Sogar jene, denen der

Protest eigentlich gilt, beklatschen die Jugend. Sie

erscheinen fast wie erlöst. Wirklich radikal ist aber

ANNÄHERUNG DURCH WANDEL, DIESMAL DEN

EIGENEN

Die Transformation einer ganzen Gesellschaft hat

eine Voraussetzung, die viel zu oft als nebensächlich

und unpolitisch, bisweilen auch als nervig

gilt. Wir sind eine Welt gewohnt, in der mit dem

Finger zunächst auf andere gezeigt wird, wenn es

um Transformation geht. Das funktioniert in wohl

geordneten Bahnen: Zwischen NGO und Industrie,

zwischen Industrie und Handel, zwischen Vertretern

sozialer Belange und ökologischer Belange,

zwischen Investoren und der Realwirtschaft, Werbern

und Designern. Und natürlich auch jeweils

andersherum und in beliebiger Aufstellung. Mitunter

löst ein klärender Krach sogar einen Fortschritt

aus. Es gibt gute Beispiele für solide Konflikte, die

zum Konsens reifen. Aber meist vernichtet das

Alpha-Gebrüll nur wertvolle Zeit. Es simuliert Beschäftigung,

Besorgnis und Bereitschaft, ohne das

Risiko wirklich etwas tun zu müssen. Forderungen

stellt man in der Gewissheit, dass die andere Seite

ihnen ohnehin nicht nachkommt. Man ist laut ohne

das Geräusch der Veränderung. Was mit Nachhaltigkeit

eigentlich gemeint ist, verlottert.

Wandel durch Annäherung war einst die Formel

der Entspannungspolitik der 70er Jahre. Heute ist

der Wandel eine noch viel größere Aufgabe. Und

er ist nicht durch zwei Systeme, eine Grenze und

viel Armee abgegrenzt, sondern mitten unter uns.

Mit einer aktuellen Metapher: Die Gesellschaft

muss ihr Betriebssystem bei laufendem Betrieb

auswechseln. Beim Computer geht das nicht, in

der Gesellschaft haben wir keine andere Wahl als

es zu versuchen. Das wichtigste Instrument hierzu

ist Glaubwürdigkeit. Und die baut sich nirgendwo

sonst auf als bei und mit dem eigenen Wandel. Der

Bundespolitik fehlt vieles, aber entscheidenderweise

ein/e Staatsminister/in für Nachhaltigkeit.

Den Märkten fehlt vieles, aber im Kern eine sichtbare

(!) Hand für Innovationen zur Nachhaltigkeit,

sei es Klimaneutralität oder vollständige Kreislaufwirtschaft.

Kommunen müssen befähigt werden,

Nachhaltigkeit zur Leistungsaufgabe zu machen,

um die (oftmals viel zu vielen) Projekte zu Strukturen

verbinden zu können. Wo agile Selbstkorrektur

gefragt ist, denken wir allzu oft prozessverliebt

und in Details. Mikromanagement verhindert Systementscheidungen.

Die Folge ist das kleine Karo,

das irgendwie auch immer richtig ist und trotzdem

nicht hilft. So wird die deutsche Energiewende

ihre selbstverschuldeten Ketten aus ideenarmen

Fehlanreizen und politischer Überdeterminierung

kaum abschütteln. So wirkt das Pathos von der

großen Transformation kaum und wird sogar selbst

zum Risiko.

Es geht auch anders. Und zwar nicht nur, weil wir

ganz eigentlich müssten und es dringend nötig ist.

Nicht nur, weil alle Menschen ein Leben in Würde

Wir können, weil viele alte und junge Menschen die

Welt mit sehr realistischen Augen sehen. Daraus

kann man Zukunft machen. Geld ist da, denn die

Eigenkapitalquote deutscher Unternehmen liegt im

Rekordhoch und Gewinne steigen stärker als Umsätze.

Die private Sparquote ist (man muss sagen:

selbst ohne Zinsanreiz) sehr hoch. Der Staat hat

volle Kassen. Steigende Löhne stärken per Konsum

den Binnenmarkt gegen wilde Trump-Effekte. Uns

geht es so gut, dass Milliarden Euro, die der Bund

zur Förderung diverser Anliegen bereitstellt, kaum

abgerufen werden.

Im Ausland sieht das zuweilen völlig anders aus.

Wo Hunger und Gewalt herrschen, ist Nachhaltigkeitspolitik

weit schwerer. Wo fossile Rentenökonomien

und Sojadiktaturen ihren Weltregionen

den Stempel verzweifelten Wachstums aufdrücken,

ist der Einsatz für Nachhaltigkeit mit Gefahren

für Leib und Seele verbunden. Es ist kein Wunder,

dass die Welt zunehmend auf Deutschland schaut.

Sie will aus guten Beispielen gelingender (oder

jedenfalls Beispiele von halbwegs entschlossen

begonnener) Transformation lernen. Dringend

versucht sie unsere Fehler zu verstehen, um Überund

Unterförderung zu vermeiden. Sie will wissen,

wie sie Risiken in eigene Chancen verkehren kann.

Sie fragt nach den Wegen für eine Transformation

ohne Angst und mit kompetenten Ergebnissen der

repräsentativen Demokratie. Ausländische Partner

interessieren sich dafür, welchen Unterschied ein

unabhängiger Nachhaltigkeitsrat machen kann,

welche Rolle Wissenschaft und Kunst spielen

können, und wie man einen prestigeträchtigen

Nachhaltigkeitspreis etabliert.

UMDENKEN: DIE GESELLSCHAFT MUSS IHR BETRIEBSSYSTEM BEI LAUFENDEM BETRIEB AUSWECHSELN.


Düsseldorf

mart – nachhaltig –

zukunftsweisend

Nähe trifft Freiheit

Live close Feel free

Düsseldorf begrüßt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer

des 12. Deutschen Nachhaltigkeitstages 2019.

9

VERMEIDEN, DASS WIR UNS ARM WACHSEN

Unsere Antworten müssen mindestens so gut

sein, dass sie neue Fragen aufwerfen. Das ist der

Kern des Wettbewerbs: neue Ideen und schnellere

Wirkungen in Richtung nachhaltige Entwicklung.

Begriffe wie Suffizienz und Substitution dürfen

keine Fremdworte bleiben – weil Nachhaltigkeitslösungen

für einen produktiveren und sparsameren

Umgang mit Ressourcen, zur effizienten

Nutzung sauberer Energien, zum innovativen

Produktdesign nur mit ihnen und kaum je gegen

sie bestehen können. Die Gretchenfrage ist

Wachstum.

Die konventionelle Wachstumsbilanz trügt. Sie

zählt nur Geld und klammert einen großen Teil der

zudem wichtigen Werte aus. Bis zu 60 Prozent des

Wertes von Unternehmen stecken in der Lieferkette,

in der Unternehmenskultur, in der für die

Produktion benutzten Umwelt, in der Kompetenz

der Arbeiter und Angestellten. Die Kapitalisierung

anhand von Börsendaten „externalisiert“ diese

relevanten Aspekte. Unternehmen wie Kämmerer

können sich darauf nicht mehr verlassen, wenn sie

es je konnten. Ihre Nachhaltigkeitsberichte und

-strategien müssen andere Wege gehen, um die

Materialität, Risiken oder Chancen zu verstehen,

denken wir nur an Bananen, Kaffee, Tee, Fisch, an

die textile Kette, an Konfliktminerale, an Menschenrechte

in der Lieferkette, an unfaire Preise

für Urproduzenten, die Sustainable Development

Goals. Solange die vollen Kosten und der volle Nutzen

nicht berechnet sind, bleiben „Wachstum“ und

„wirtschaftlicher Erfolg“ trügerische Kategorien.

Solange ist es mehr als wahrscheinlich, dass wir

uns in eine neue Form von Armut hineinwachsen.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zeichnet Unternehmen

und Kommunen für wichtige Nachhaltigkeitsstandards

in den eigenen Strategien

und Organisationsrichtlinien aus. Der Deutsche

Nachhaltigkeitspreis ist wie ein Kompendium von

Good-Practices. Es berücksichtigt die Proportionalität

von großen und kleinen Unternehmen und von

breiter und tiefer Nachhaltigkeit. Wo der Staat und

der Markt Mindestanforderungen stellen, ergänzen

Pioniere und Champions diese durch das Ausmessen

des Möglichen, Leistbaren und seiner Grenzflächen.

Pioniere der Nachhaltigkeit zeigen als

Gewinner des Deutschen Nachhaltigkeitspreises,

was heute schon machbar ist und dass noch viel

mehr gehen kann.

Unter den aufgeschlossenen, an Innovationen interessierten

Unternehmen und Kommunen gilt die

Basis dieses Handelns mittlerweile als „gelernt“:

dass man das Thema organisatorisch verankert,

verlässliche Strukturen schafft, mit gutem Beispiel

vorangeht, um nach innen zu überzeugen und nach

außen Vorteile zu erzeugen. Nachhaltigkeit zahlt

sich aus. Das wird auch dadurch unterstrichen,

dass Investoren und Rechnungsprüfer verstärkt

nachfragen und kontrollieren. Pioniere haben ihre

Verfahren zum Benchmark gemacht. Nun müssen

sie jedoch aufpassen. Da, wo der Massenmarkt

nachzieht, geraten entweder die Margen unter

Druck oder die Qualität der Benchmarks leidet.

Gravierend ist, wenn beides zusammenkommt.

WAS HEUTE SCHON MACHBAR IST: DER LETZTJÄHRIGE SIEGER IN DER KATEGORIE GROSSUNTERNEHMEN.

DIE AUSSICHTEN

Geschäftsstrategien müssen die Chancen und

Risiken der Nachhaltigkeit deshalb zu einer harten

Kategorie aufwerten. Der Binnenblick ist wichtig,

weil er Mitarbeiter mitnimmt und Partizipation

schafft. Er kann sehr ergiebig sein. Was indessen

notwendig ist und – entscheidender – was möglich

ist, das erfordert mehr als nur den Binnenblick.

Stallgeruch ist gut, aber Echokammern schaffen

Scheinwirklichkeiten. Durchschnitt ist trügerisch,

Formeln wie die Triple Bottom Line und der Fokus

auf Konsens liefern nicht mehr genug. Ausschläge,

Zufälle, Überraschungen, Innovationen aus

Reallaboren macht oft erst der unabhängige

Schulterblick erkennbar. Nur so lassen sich komplexe

Herausforderungen wie Klimaneutralität,

Ressourcen-Zirkularität, Reboundeffekte oder

Landverbrauch und Bodenökologie überschauen.

So schafft man eine bessere Chance, Zukunft nicht

linear zu sehen oder sie gar abwarten zu wollen.

Wird eine hohe Pendlerquote in Zukunft als Strukturschwäche

gewertet werden? Zieht man sich aus

Geschäftsfeldern mit fossilen Energieträgern ruckartig

oder kontinuierlich zurück? Wird das Paradigma

„Bauen auf der grünen Wiese“ abgelöst durch

ein Bauen mit der Grauen Energie im Bestand?

Wer nicht von Verzichtsforderungen überrascht

werden will, der muss seine Freiheit durch innovatives

Denken verteidigen.

In ihr kombiniert sich Empathie, Mut und die Kunst

des Experimentierens. Empathie, weil der Mensch

das Zutrauen zur eigenen Kompetenz braucht und

ihm dieses Zutrauen von anderen auch gelegentlich

zugemutet werden muss. Mut, weil es um Lösungen

geht, die es mit der Radikalität der Realität

aufnehmen müssen. Experimentieren, weil man nur

lernt, was man kann, wenn man es auch macht.

„Solange

die vollen

Kosten und

der volle

Nutzen nicht

berechnet

sind, bleiben

Wachstum

und

wirtschaftlicher

Erfolg

trügerische

Kategorien.“


10

IM MITTELPUNKT:

DER MENSCH UNTERWEGS.

PROJEKT ELEVATE –

VORHER WISSEN, OB

DER AUFZUG GEHT.

Aufzüge sind insbesondere für

Menschen mit Mobilitätseinschränkungen

ein zentraler

Bestandteil, um barrierefrei

unterwegs zu sein. Nicht funktionierende

Aufzüge stellen die

Betroffenen vor große Herausforderungen.

Per Liveauskunft

will der gemeinnützige Verein

„Sozialhelden“ mit dem Projekt

„Elevate“ dafür sorgen, dass ein

Informationsdienst Auskunft

darüber gibt, wo Aufzüge vorhanden

sind und ob diese auch

tatsächlich funktionieren. Dieser

Dienst soll durch die Nutzung

und Vernetzung offener Daten

bundesweit, flächendeckend und

frei verfügbar genutzt werden

können. Für das Projekt und die

bereitgestellten Daten kooperiert

Elevate mit Verkehrsunternehmen,

Aufzugherstellern und weiteren

Stakeholdern.

REALLABOR GO KARLSRUHE –

EIN FORSCHUNGSPROJEKT FÜR

FUSSGÄNGER/INNEN.

Der Fußverkehr ist ein elementarer Bestandteil im

Rahmen einer nachhaltigen Stadtentwicklung. Das

Reallabor GO Karlsruhe der Hochschule Karlsruhe –

Technik und Wirtschaft, setzt auf Realexperimente,

um den Fußverkehr zu fördern. Dabei werden praktikable

und kostengünstige Maßnahmen zur Verbesserung

des Fußverkehrs eingesetzt, die in einem

dynamischen Beteiligungsprozess entwickelt werden.

So haben Fußgänger/innen die Möglichkeit, mittels

digitaler Anwendungen die aktuelle Verkehrssituation

an verschiedenen Orten zu bewerten. Beispielsweise

machten Markierungen auf der Straße auf einen neun

verkehrsberuhigten Bereich aufmerksam und führten

zu einer signifikanten Verlangsamung des Verkehrs.

AUTONV_OPR – AUTONOMER

ÖFFENTLICHER NAHVERKEHR

IM LÄNDLICHEN RAUM.

Für viele deutsche Kommunen ist der öffentliche

Nahverkehr kaum noch finanzierbar. Insbesondere im

ländlichen Raum sinken die Fahrgastzahlen stetig. Dabei

ist der ÖPNV gerade auf dem Land eine wichtige

Voraussetzung für Menschen ohne PKW, um den Alltag

selbstbestimmt zu gestalten. Das Projekt „AutoNV_

OPR“, mitinitiiert von der Technischen Universität

Berlin, will dieser Entwicklung mit dem Einsatz fahrerloser,

elektrischer Kleinbusse im Landkreis Ostprignitz-

Ruppin entgegenwirken. Die Integration des automatisierten

Kleinbusses in den öffentlichen Nahverkehr

soll die Versorgung und Erreichbarkeit optimieren und

durch die verbesserte Infrastruktur den Individualverkehr

und damit CO 2

-Emissionen reduzieren.

MOBILITÄT DER ZUKUNFT –

SICHER, SAUBER, VERNETZT.

Autorin

Wir sind viel unterwegs. Bequeme und schnelle

Fortbewegungsmittel erlauben eine Vielzahl von

Ortswechseln und Lebensentwürfen, ermöglichen

Teilhabe und sind Teil unseres Wirtschaftens. Nur so

können wir Wohnort oder Arbeitsplatz frei wählen,

können wir Beruf und Freizeit frei gestalten. Es steht

außer Zweifel: Mobilität ist ein menschliches Grundbedürfnis.

ANJA KARLICZEK, MITGLIED DES DEUTSCHEN BUNDESTAGES, BUNDESMINISTERIN FÜR BILDUNG UND FORSCHUNG

Doch unsere Mobilität hinterlässt Spuren: Luftverschmutzung,

Lärm und Flächenverbrauch sind die

Folgen. Das Klima wird durch den Verkehr besonders

stark belastet, denn Mobilität beruht noch immer

– mehr als hundert Jahre nach Erfindung des Automobils

– zum größten Teil auf fossilen Energieträgern.

Und während in den Städten die Straßen immer

voller werden, fahren auf dem Land immer weniger

Busse und Bahnen. Nicht von ungefähr gehört eine

umwelt- und gesellschaftsverträgliche Mobilität

darum zu den Schwerpunkten des Klimapakets der

Bundesregierung.

Die Mobilität der Zukunft muss nachhaltig und

technologieoffen sein. Dazu gehört, dass wir die

individuelle Mobilität sichern, die Umwelt- und

Lebensqualität insbesondere in den Städten steigern

Anja Karliczek leitet das Bundesministerium für

Bildung und Forschung. Seit 2013 ist sie Mitglied

des Deutschen Bundestages. Von 2017 bis März

2018 war sie Parlamentarische Geschäftsführerin

der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

– und dabei gleichzeitig die Innovationsfähigkeit des

Mobilitätssektors stärken. Im Zentrum stehen dabei

die Menschen mit ihren Bedürfnissen. Technik muss

dem Menschen dienen. Nur, wenn wir technologische

und soziale Innovationen zusammen denken, wird

die Mobilitätswende ein Erfolg.

Forschung leistet dazu einen entscheidenden Beitrag.

So nimmt die systemische Mobilitätsforschung

die Mobilität als Ganzes in den Blick. Dazu gehört,

dass Kommunen den Wandel vor Ort gestalten –

zusammen mit der Wirtschaft, der Gesellschaft

und der Wissenschaft. Vor allem aber brauchen wir

Innovationen: leistungsfähige Batterien, Wasserstoff-

Brennstoffzellen und synthetische Kraftstoffe. Und

nicht zuletzt ist eine effiziente und vertrauenswürdige

Mikroelektronik nötig. Sie ist ein Schlüssel,

um das Potenzial von Künstlicher Intelligenz für

das autonome Fahren zu heben. Mit dem Aktionsplan

„Forschung für Autonomes Fahren“ bringt das

Bundesforschungsministerium – zusammen mit dem

Bundeswirtschaftsministerium und dem Bundesverkehrsministerium

– den Wandel entschieden

voran. Das Ziel unserer Forschungsförderung ist eine

Mobilität, die sicher ist, sauber und vernetzt.

Darum geht es auch beim Deutschen Nachhaltigkeits-

preis Forschung mit dem diesjährigen Schwer-

punktthema „Nachhaltige urbane Mobilität“. Die

drei nominierten Projekte ELEVATE, Reallabor GO

Karlsruhe und AutoNV_OPR (siehe linke Seite)

demonstrieren bereits jetzt auf eindrucksvolle Weise,

wie es gelingen kann, mit innovativen Ansätzen

nachhaltige Lösungen zu schaffen. Besonders gut

hat mir gefallen, dass diese Projekte häufig vernachlässigte

Gruppen in den Mittelpunkt stellen:

mobilitätseingeschränkte Menschen, Fußgänger

und Menschen im ländlichen Raum.

Ich bedanke mich ganz herzlich bei allen, die sich in

diesem Jahr um den Preis beworben haben, gratuliere

den drei Finalisten für ihre Nominierung und

wünsche ihnen viel Erfolg beim Endspurt um den

ersten Platz!

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

FORSCHUNG

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis

Forschung wird in

diesem Jahr zum achten Mal

gemeinsam mit dem Bundesministerium

für Bildung

und Forschung (BMBF) vergeben.

Er würdigt nachhaltigkeitsbezogene

Forschungsleistungen

in Deutschland. In

diesem Jahr steht das Thema

„Urbane Mobilität“ im Mittelpunkt

der Auszeichnung.

#DNP12


12

NACHHALTIG WIRTSCHAFTEN

FÜR DIE AGENDA 2030.

Es gehört zu den Aufgaben der Bundesregierung,

Umwelt und Klima zu schützen, die Lebensfähigkeit

auf unserem Planeten zu erhalten und eine nachhaltige

Wirtschafts- und Lebensweise zu fördern.

Diese Agenda wird im Rahmen von Partnerschaften,

Kooperationen und Ordnungsrecht umgesetzt und

wirkt inzwischen längst über die nationalen Grenzen

hinaus, denn Deutschland trägt eine enorme Verantwortung

für globale Entwicklungen.

Deutsche Unternehmen zählen in der Regel zu den

Gewinnern der Globalisierung. Davon profitieren

Viele hier in unserem Land, Konsumentinnen und

Konsumenten und vor allem auch Arbeitnehmerin-

aus. Unsere gemeinsame Aufgabe ist es, diese

Kraft unserer Wirtschaft zu erhalten und in den

Dienst des Gemeinwohls zu stellen. Nachhaltiges

Wirtschaften und eine nachhaltige Entwicklung

bedeuten, niemand im gesellschaftlichen Wandel

zurückzulassen und wo immer möglich für menschenwürdige

und fair bezahlte Arbeitsplätze und

eine gesunde Umwelt zu sorgen. Dieser Auftrag

richtet sich an Regierungen und Unternehmen in

gleicher Weise. Es ist zudem eine grundlegende

Forderung der Agenda 2030 für Nachhaltige Entwicklung

der Vereinten Nationen, die ganz ausdrücklich

auch die Lieferketten mit einbezieht, und

zwar nationale, europäische und internationale.

EINE DER GRUNDLEGENDEN FORDERUNGEN DER AGENDA 2030: EINE NACHHALTIGE WIRTSCHAFTS- UND LEBENSWEISE FÖRDERN.

BUNDESMINISTERIN SVENJA SCHULZE ÜBERREICHTE 2018 DEN DEUTSCHEN NACHHALTIGKEITSPREIS UNTERNEHMEN AN DEN WUPPERTALER ZANGENHERSTELLER KNIPEX.

nen und Arbeitnehmer. Der Export ist eine tragende Die Debatte dazu hat in den vergangenen Monaten

Säule unserer Volkswirtschaft, wie die Zahlen eindrucksvoll

belegen. Nach vorläufigen Erhebungen in der Zivilgesellschaft, von Gewerkschaften bis

deutlich Fahrt aufgenommen. Ein breites Bündnis

des Statistischen Bundesamtes nahmen die deutschen

Ausfuhren in den vergangenen 10 Jahren um Lieferkettengesetz“ Eckpunkte für einen gesetzli-

zu den Umweltverbänden, hat mit der „Initiative

34 Prozent und die Einfuhren um 35 Prozent zu. Der chen Rahmen vorgelegt, mit dem der Schutz von

Gesamtwert der Ausfuhren im Jahr 2018 betrug 1,32 Menschenrechten und der Umwelt in weltweiten

Billionen Euro, der Einfuhren 1,09 Billionen Euro. Die Lieferketten verbessert werden soll. In der Schweiz

Ausfuhren der vier größten Warengruppen (Kraftwagen

und Kraftwagenteile, Maschinen, chemische antwortungsinitiative“ in den parlamentarischen

befindet sich das Volksbegehren der „Konzernver-

Erzeugnisse sowie Datenverarbeitungsgeräte, elektronische

und optische Erzeugnisse) machten entsprechendes Sorgfaltspflichtengesetz. Darüber

Beratungen. In Frankreich existiert bereits ein

2018 wertmäßig die Hälfte der Gesamtausfuhren hinaus wird aktuell und durchaus streitig ein völker-

rechtlicher Vertrag im Menschenrechtsrat der

Vereinten Nationen verhandelt, der die Unternehmensverantwortung

im Bereich der Menschenrechte

künftig regulieren soll.

Die Beispiele zeigen, dass es viele gute Ansätze für

die Umsetzung von Nachhaltigkeit in unternehmerischen

Wertschöpfungsketten gibt, die einen Beitrag

zu einer gerechteren Globalisierung leisten

könnten. Gleichzeitig sehen immer mehr Unternehmen

darin einen zusätzlichen Wettbewerbsfaktor.

Viele Unternehmen haben dies wie die Preisträgerinnen

und Preisträger bereits erkannt, weitere

müssen noch überzeugt werden. Aus Sicht des

BMUs muss es das Ziel sein, dass Regelungen zu

unternehmerischen Sorgfaltspflichten für Umweltbelange,

Menschenrechte, Arbeitnehmerbelange,

Sozialbelange und Antikorruption für alle Unternehmen

gleichermaßen gelten müssen.

Die Bundesregierung macht seit Jahren gute Erfahrungen

mit dem freiwilligen Umweltmanagementsystem

EMAS und seinen Kernelementen

Umweltpolitik, Betrachtung von Risiken und Chancen,

Ermittlung der wesentlichen Umweltaspekte,

Stakeholdereinbindung, externer Überprüfung und

Transparenz. Das öffentliche EMAS-Register ist eine

Sammlung von „Best Practice-Beispielen“ der Umweltberichterstattung

von mehr als 2000 Unternehmens-

und Organisationsstandorten. Diese kommunizieren

öffentlich ihre Ziele und Erfolge, aber auch

die weiteren Herausforderungen.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ist dafür eine

gute Standortbestimmung. Hier wird deutlich, wer

einen wesentlichen Beitrag zum Fortschritt in unserem

Land leistet. Die Preisträgerinnen und Preisträger

beweisen, dass es möglich ist, Verantwortung

für die ökologischen Wirkungen des eigenen Handelns

zu übernehmen und das gesellschaftliche Bewusstsein

dafür zu sensibilisieren. Sie zeigen auch,

dass es sich lohnt, die wichtigen Debatten über eine

nachhaltige Zukunft immer wieder neu anzustoßen.

Das ist eine große Leistung und Grund genug, dass

das Bundesumweltministerium auch in diesem Jahr

den Deutschen Nachhaltigkeitspreis und das damit

verbundene Engagement unterstützt.

„Der Beitrag der

Unternehmen zu

den globalen

Nachhaltigkeitszielen

ist von

enormer Bedeutung.

Die Preisträger

zeigen außerdem:

Nachhaltigkeit ist

auch ein

business case.“

SVENJA SCHULZE,

BUNDESUMWELTMINISTERIN

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

UNTERNEHMEN

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis

für Unternehmen

wird in Zusammenarbeit

mit dem Bundesministerium

für Umwelt, Naturschutz

und nukleare Sicherheit

(BMU) vergeben. Er zeichnet

Unternehmen aus, die

mit ihren Produkten und

Dienstleistungen besonders

erfolgreich ökologischen und

sozialen Problemen begegnen

und damit Nachhaltigkeit

als wirtschaftliche Chance

nutzen. Die Auszeichnung

wird in den drei Größenklassen

KMU, mittelgroße

Unternehmen und Großunternehmen

vergeben.

#DNP12


15

terium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und

Entwicklung (BMZ) Multi-Akteurs-Partnerschaften

zwischen Staat, Zivilgesellschaft, Wirtschaft oder

Wissenschaft.

DIE KRAFT VON UNTERNEHMEN NUTZEN

die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen auf

globale Partnerschaften, auch auf lokaler Ebene,

an der sich alle Kommunen – ob reich oder arm,

groß oder klein, Nord oder Süd – beteiligen, um

sich gemeinsam für eine nachhaltige Welt vor Ort

einzusetzen.

HERAUSFORDERUNGEN GEMEINSAM LÖSEN: BUNDESMINISTER MÜLLER ÜBERREICHTE 2018 DIE DEUTSCHEN NACHHALTIGKEITSPREISE FÜR GLOBALE PARTNERSCHAFTEN.

„Um die

SDGs zu

erreichen,

müssen sie

in die

Mitte der

Gesellschaft

getragen

werden.“

AGENDA 2030 HEISST

PARTNERSCHAFT –

IN DEUTSCHLAND UND

GLOBAL.

In den vergangenen Monaten sind weltweit Millionen

von Menschen für mehr Klimaschutz und mehr Nachhaltigkeit

auf die Straßen gegangen. Vier Jahre nach

der Verabschiedung der Agenda 2030 ist sie somit

aktueller denn je.

Mit der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

drückt die Weltgemeinschaft ihre Hoffnung aus, dass

sich die Herausforderungen unserer Zeit gemeinsam

lösen lassen. Die 17 Ziele der Agenda 2030, die

sogenannten SDGs (engl. Sustainable Development

Goals) sind ambitioniert und vielfältig. Bis zum Jahr

2030 soll es keinen Hunger, extreme Armut und

Ungleichheit mehr geben, Geschlechtergerechtigkeit

weltweit gelten und gute Entwicklungschancen

für eine wachsende Weltbevölkerung geschaffen

werden. Gleichzeitig geht es darum, die Erderwärmung

aufzuhalten, die Folge des Klimawandels

abzufedern und den Schutz natürlicher Ressourcen

zu sichern.

GEMEINSAM VORANSCHREITEN

Mit der Agenda 2030 haben wir einen neuen Geist

der internationalen Kooperation – eine globale Partnerschaft.

Denn die Umsetzung der Agenda steht

längst nicht mehr nur auf den Arbeitsprogrammen

der Regierungen. Eine nachhaltige Entwicklung und

die SDGs können nur erreicht werden, wenn alle Akteure

gemeinsam zu mehr nachhaltiger Entwicklung

beitragen: Regierungen, Unternehmen, Zivilgesellschaft,

Wissenschaft und Bürgerinnen und Bürger.

Wenn wir die SDGs wirklich erreichen wollen, dann

müssen sie in die Mitte der Gesellschaft getragen

werden.

Dazu braucht es neue Kooperationen zwischen

staatlichen und nichtstaatlichen Gruppen, die auch

Sektor- und Landesgrenzen überschreiten. So kann

jeder seine Stärken bei der Umsetzung der Agenda

2030 einbringen. Daher fördert das Bundesminis-

Unternehmen tragen als Innovatoren, Wissensträger, Immer mehr deutsche Kommunen engagieren sich

Investoren und Arbeitgeber erheblich zum gesellschaftlichen

Wohlstand bei. Zugleich sind sie durch schaften für eine nachhaltige Zukunft. Durch die

international in Rahmen von kommunalen Partner-

ihr Wirtschaften – je nach Branche, Geschäftsmodell Zusammenarbeit werden sie ihrer globalen Verantwortung

gerecht. Die Agenda 2030 mit ihren

und Region – der Ursprung vieler Herausforderungen,

die es zu überwinden gilt. Die Privatwirtschaft 17 globalen Nachhaltigkeitszielen eignet sich dabei

spielt eine wichtige Rolle. Genau deshalb fordert die hervorragend als Leitfaden für die Entwicklung und

Agenda 2030 Unternehmen explizit dazu auf, ihre Umsetzung gemeinsamer Aktivitäten.

Innovationskraft zu nutzen, um ihre Wirtschaftsprozesse

sozial- und ressourcenverträglich umzugestalten.

Nur wenn jedes Unternehmen fair schaftsarbeit auf ihre eigenen Stärken. Sie vermit-

Viele Kommunen konzentrieren sich in ihrer Partner-

und ökologisch wirtschaftet und für sein Handeln teln zum Beispiel Wissen zu zentralen Aufgaben

Verantwortung übernimmt, wird eine nachhaltige der kommunalen Daseinsvorsorge, also darauf, die

Entwicklung zum Wohle aller gelingen.

für die Bevölkerung notwendigen Grundleistungen

wie Energieversorgung, Verkehr, Wasserversorgung,

Die Umsetzung der Agenda 2030 benötigt viele Abwasser- und Müllentsorgung, Bildung und öffentliche

Sicherheit bereitzustellen – natürlich auf nach-

Ressourcen. Diese Transformation ist nicht ausschließlich

durch staatliche Mittel zu leisten und die haltige Weise.

private Wirtschaft verfügt über gewaltige Hebel zur

Erreichung der SDGs.

SDG-SONDERPREISE „GLOBALE PARTNER-

SCHAFTEN“

Sie kann ihren Beitrag leisten, indem sie in saubere

Technologien, faire Löhne und umweltverträgliche Unter dem Dach „Globale Partnerschaften“ des

Geschäftsmodelle investiert. Der Staat muss nachhaltiges

Wirtschaften mit Anreizen und verlässlichen 2019 zwei Preise prämiert, die vom Bundesminis-

Deutschen Nachhaltigkeitspreises werden auch

Rahmenbedingungen flankieren. Die Wirtschaft terium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und

der Zukunft ist nachhaltig und das muss sich auch Entwicklung gefördert werden. In der Kategorie

finanziell lohnen.

„Unternehmenspartnerschaften“ wird die Zusammenarbeit

eines deutschen und eines Unternehmens

aus einem Schwellen- oder Entwicklungsland

GLOBALE KOMMUNALE PARTNERSCHAFTEN

IM ZEICHEN DER AGENDA 2030

ausgezeichnet. Die Zusammenarbeit ist geprägt von

Spitzenleistungen des privaten Sektors für eine faire

Global nachhaltige Entwicklung – dieses Kernanliegen

der Agenda 2030 lässt sich nur durch

und nachhaltige Globalisierung.

vielfältige und vielgestaltige Partnerschaften

In der Kategorie „Kommunale Partnerschaften“

erreichen. Partnerschaften auf allen Ebenen von wird die partnerschaftliche Zusammenarbeit einer

den Vereinten Nationen über die Staaten und

deutschen und einer Kommune im Globalen Süden

Unternehmen bis zu den Kommunen und Vereinen. ausgezeichnet, da sie die Verantwortung und

Deshalb heißt das letzte der 17 globalen Ziele für Handlungsmöglichkeiten der lokalen Ebene für

nachhaltige Entwicklung der Agenda 2030: „Partnerschaften

zur Erreichung der Ziele“. Damit setzen macht.

die Umsetzung der Agenda 2030 anschaulich

KOMMUNALE PARTNERSCHAFTEN: BREMEN UND DAS SÜDAFRIKANISCHE DURBAN STEHEN BEREITS SEIT JAHRZEHNTEN IN KONTAKT.

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

GLOBALE

PARTNERSCHAFTEN

In Zusammenarbeit mit

dem Bundesministerium

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung

(BMZ) und der Servicestelle

Kommunen in der Einen Welt

(SKEW) von Engagement

Global werden Partnerschaften

zwischen Unternehmen in

Deutschland und in Entwicklungs-

und Schwellenländern

sowie zwischen deutschen

Kommunen und ihren Partnerkommunen

im Globalen

Süden prämiert, die sich

besonders vorbildlich für die

Verwirklichung der Agenda

2030 engagieren.

#DNP12


16

17

„DER DNP BIETET EINE SPANNENDE

PLATTFORM FÜR NACHHALTIGKEITS-

ORIENTIERTE UNTERNEHMEN.“

überwacht. Darum kümmert sich die staatliche

Deutsche Akkreditierungsstelle. Als „Prüfer der

Prüfer“ stellt sie sicher, dass die Prüfstellen die

notwendige Expertise haben und wissen, worauf

es ankommt.

UND DARAUF LASSEN SICH DIE UNTERNEHMEN

EIN?

oder dem Ausbau erneuerbarer Energien. Damit

stellen Sie zusätzliche private Mittel für den internationalen

Klimaschutz und den Technologietransfer in

Entwicklungsländer bereit. Jede und jeder kann hier

mitmachen.

WAS KONNTE DIE ALLIANZ BEREITS ERREI-

CHEN?

Interview

DR. GERD MÜLLER, BUNDESMINISTER FÜR WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT UND ENTWICKLUNG

HERR MÜLLER, DAS BUNDESMINISTERIUM FÜR … UND BEI UNTERNEHMEN?

WIRTSCHAFTLICHE ZUSAMMENARBEIT UND

ENTWICKLUNG (BMZ) UNTERSTÜTZT AUCH IN In der Kategorie Unternehmenspartnerschaften

DIESEM JAHR DEN SDG-SONDERPREIS „GLO- wurde die Firma Fosera aus Ulm und ihr Partner

BALE PARTNERSCHAFTEN“. INWIEFERN KANN VITALITE aus Sambia mit dem SDG-Preis ausgezeichnet.

Gemeinsam arbeiten die Unternehmen

DER PREIS VERÄNDERUNGEN BEWIRKEN?

daran, Länder in Afrika, Asien und Lateinamerika mit

Mit dem SDG-Sonderpreis senden wir ein wichtiges

Signal an Unternehmen und Kommunen: Ihr schaffen sie zum Beispiel für viele Menschen in

bezahlbarer Solarenergie zu versorgen. In Sambia

Engagement ist wichtig für die Umsetzung der den ländlichen Gebieten Zugang zu erneuerbarer

UN Nachhaltigkeitsziele, den sogenannten SDGs, Energie.

in Deutschland und in Entwicklungsländern! Die

globalen Partnerschaften schaffen einen Dialog und UM UNTERNEHMENSVERANTWORTUNG GEHT

Wissensaustausch mit den Partnerländern auf Augenhöhe.

Darum geht es. Die Menschen einbeziehen, SOMMER EINGEFÜHRT HABEN. WARUM BRAU-

ES AUCH BEIM GRÜNEN KNOPF, DEN SIE IM

die SDGs bekannt zu machen und jede und jeden CHEN WIR EIN WEITERES TEXTILSIEGEL?

zum Mitmachen anregen. So schaffen wir es, die

SDGs und die Agenda 2030 erfolgreich umzusetzen. Für drei Viertel der Verbraucherinnen und Verbraucher

ist nachhaltige Mode wichtig. Sie wollen

zu Recht kein T-Shirt tragen, das in 14-Stunden-

Schichten für einen Hungerlohn genäht wurde. Aber

bei den unterschiedlichen Siegeln blicken doch viele

nicht mehr durch. Einige Siegel konzentrieren sich

auf faire Arbeitsbedingungen, andere auf das Verbot

giftiger Chemikalien. Der Grüne Knopf ändert

das. Kunden haben jetzt ein Leitsiegel beim Einkauf

und müssen nicht mehr 30 verschiedene Siegel

vergleichen.

WAS IST DAS BESONDERE AM GRÜNEN KNOPF?

Der Staat legt zum ersten Mal die Kriterien fest. Und

die sind hoch. Unternehmen müssen ihre komplette

Produktionslinie von Bangladesch bis Berlin anhand

von 46 anspruchsvollen Sozial- und Umweltstandards

überprüfen lassen – von A wie Abwassergrenzwerte

bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Das Besondere

ist: Das ganze Unternehmen wird geprüft,

ob es verantwortungsvoll handelt: Legt es seine

WIE ZEIGT SICH DAS KONKRET BEI DEN

Lieferkette offen? Gibt es überall Beschwerdemöglichkeiten

für die Näherinnen vor Ort? Einzelne

KOMMUNEN?

Vorzeigeprodukte reichen nicht aus. In dieser Tiefe

Im vergangenen Jahr wurden Wernigerode und prüft sonst keiner.

die vietnamesische Stadt Hôi An ausgezeichnet.

Wernigerode und Hôi An engagieren sich in ihrer UND WER SOLL DAS ALLES ÜBERPRÜFEN?

Städtepartnerschaft für den Klimaschutz und profitieren

gemeinsam von dem Erfahrungsaustausch auf Das machen unabhängige Prüfer wie der TÜV oder

diesem Gebiet. Das Preisgeld von 60.000 Euro wird die DEKRA. Wenn notwendig, kontrollieren sie auch

genutzt, um in öffentlichen Parks beider Städte je die Produktionsstätten vor Ort, in Bangladesch

eine Solar- bzw. Photovoltaik-Anlage zu installieren. oder Rumänien. Der Prüfprozess wird ebenfalls

Ja. Fair Fashion ist ein Mega-Trend. Das zeigt auch

die Bandbreite der Unternehmen, die schon dabei

sind: Nachhaltigkeits-Vorreiter wie hessnatur, große

Unternehmen wie die Otto Group, Tchibo, Lidl,

Aldi und Rewe, Outdoor-Spezialisten wie Vaude und

Startups wie Brands Fashion und Melawear. Seit

dem Start gibt es über 100 weitere Anfragen. Der

Grüne Knopf holt faire Mode raus aus der Nische

– rein in die Normalität. Jetzt kommt es auf die

Kunden an, zuzugreifen.

WIE GEHT ES WEITER?

Wir werden die Anforderungen des Grünen Knopf

kontinuierlich weiterentwickeln. Zum Start deckt

er die wichtigsten Arbeitsschritte „Färben“ sowie

„Nähen und Schneiden“ ab: Hier laufen alle 100 Milliarden

Kleidungsstücke weltweit durch. Hier arbeiten

75 Millionen Menschen, vor allem Frauen. Aber

unser Ziel ist der Schutz von Mensch und Natur

in der gesamten Lieferkette – bis zum Baumwollfeld.

Ein unabhängiger Beirat aus Wissenschaft,

Wirtschaft und Zivilgesellschaft wird uns dabei

unterstützen.

DER PARTNERSCHAFTSGEDANKE MIT UNTER-

NEHMEN FUNKTIONIERT AUCH BEIM KLIMA-

SCHUTZ. DIE WIRTSCHAFT IST EINER DER

GRÖSSTEN EMITTENTEN VON TREIBHAUS-

GASEN. GIBT ES HIER BEMÜHUNGEN VERÄNDE-

RUNGEN ZU ERZIELEN?

Der Schutz des Klimas ist die Überlebensfrage der

Menschheit. Hauptverantwortlich für den Klimawandel

sind wir in den Industrieländern. Die Hauptleidtragenden

sind aber die Menschen in den Entwicklungsländern,

die am wenigsten dazu beigetragen

haben. Schon heute mussten bereits 20 Millionen

Menschen aus den Dürreregionen Afrikas fliehen.

Klimaschutz ist daher ein zentraler Schwerpunkt unserer

Arbeit. Aber der Staat schafft das nicht alleine.

Bürger und Unternehmen müssen mitmachen. Vor

diesem Hintergrund hat das BMZ im vergangenen

Herbst die „Allianz für Entwicklung und Klima“ gestartet.

WOFÜR STEHT DIE ALLIANZ FÜR ENTWICK-

LUNG UND KLIMA?

Alle Mitglieder arbeiten daran, klimaneutral zu

werden. Das heißt: Sie verringern und vermeiden

CO 2

wo es geht. Den restlichen CO 2

-Ausstoß

kompensieren sie mit qualitätsgeprüften Klimaschutzprojekten

in Entwicklungs- und Schwellenländern.

Etwa zur Aufforstung des Regenwaldes

Nach einem Jahr machen bereits 400 Unternehmen,

Städte, und Vereine mit – unter anderem Bosch,

SAP, MunichRe, die TSG Hoffenheim, die Stadt Ulm

und ganz neu Kühne und Nagel. Das Ziel sind 1.000

klimaneutrale Unternehmen im nächsten Jahr. Das

Bundesentwicklungsministerium wird übrigens bis

Ende des Jahres klimaneutral.

GERD MÜLLER ÜBERREICHT DEN PREIS AN DIE STÄDTE WERNIGERODE UND HOI AN AUS VIETNAM.

WIE KANN MAN AUCH UNTERNEHMEN MOTI-

VIEREN, DIE BISHER EHER WENIGER FOKUS

AUF ENTWICKLUNG UND KLIMA LEGEN?

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis 2019 bietet eine

spannende Plattform, um nachhaltigkeitsorientierte

Unternehmerinnen und Unternehmern zum

Mitmachen zu begeistern. Zum Beispiel bei unserer

Allianz für Entwicklung und Klima – passend zum

ersten Geburtstag.

AUCH BEI DER FÖRDERUNG EINER WELT-

WEITEN KREISLAUFWIRTSCHAFT BIETEN

SICH PARTNERSCHAFTEN AN. WAS UNTER-

NEHMEN SIE?

Wir haben dieses Jahr die PREVENT Abfall Allianz

ins Leben gerufen, um unsere Partnerländer beim

Aufbau einer Abfall- und Kreislaufwirtschaft zu unterstützen.

Die 60 Mitglieder setzen sich gemeinsam

dafür ein, weltweit Abfälle zu minimieren, Schadstoffe

zu eliminieren und Ressourcen im Kreislauf

zu führen. Sie sehen: Unternehmen und Kommunen

sind bereits auf verschiedenste Art und Weise aktiv,

die UN Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. Das wollen

wir in den nächsten Jahren ausbauen!

„ Der Schutz

des Klimas

ist die

Überlebensfrage

der

Menschheit.“


BRIEFING FÜR DIE

KANZLERIN

Autor

STEFAN SCHULZE-HAUSMANN, INITIATOR DES DEUTSCHEN NACHHALTIGKEITSPREISES

Angekommen. Die Bundeskanzlerin informiert

sich aus erster Hand über den Deutschen Nachhaltigkeitspreis

und die Praxis von ausgezeichneten

Unternehmen. Auf Vorschlag von Günther Bachmann

hat sie den Initiator der Auszeichnung, Stefan

Schulze-Hausmann, zusammen mit Vertreter/innen

von fünf preisgekrönten Unternehmen zu einem

einstündigen Gespräch eingeladen.

Es ist 11.45 Uhr am 6. November 2019, Berlin, Willy

Brandt-Platz 1, Bundeskanzleramt, Kanzlerinnen-

Ebene. Protokoll- und Sicherheitskräfte haben die

kleine Gruppe in den sechsten Stock geleitet. Nach

einem schnellen Gruppenfoto sitzen wir im Kleinen

Lageraum an einem runden Tisch mit Rundumblick

auf das Berliner Regierungsviertel. Unsere Gruppe

ist nach Frauen und Männern ausbalanciert. Aber

die Kanzlerin toppt uns mit drei Begleiterinnen. Unter

einem Gemälde von Konrad Adenauer eröffnet

Bundeskanzlerin Angela Merkel verbindlich und

schnörkellos das Gespräch.

Mehrfach in den letzten Jahren hatte sie die jährliche

Schirmherrschaft über den Deutschen Nachhaltigkeitspreis

übernommen und häufiger schon

die Vorreiterrolle der Preisträger angesprochen.

Nun will sie aus erster Hand wissen, wie es weitergehen

soll mit dem nachhaltigen Wirtschaften.

Die zentralen Fragen: Was machen die „nachhaltige

DIE KANZLERIN EMPFING AUSGEWÄHLTE SIEGER DES DEUTSCHEN NACHHALTIGKEITSPREISES.

Unternehmen“ anders und besser als die Wettbewerber?

Wo klemmt es aber auch? Wo braucht „das

nachhaltige Wirtschaften“ Unterstützung durch die

Regierung, und welche?

DAS BRIEFING

Günther Bachmann stellt die Gäste vor. Stefan

Schulze-Hausmann referiert zu Erfolgen und

Wirkung des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

Konzentriert zuhören, neugierig Details nachfragen

und auch schon mal im Kopf nachrechnen, informiert

keine Antwort schuldig bleiben – die Bundeskanzlerin

lässt sich ein. Sie moderiert das Gespräch

selbst, gibt aber auch Raum für spontane Einwürfe

und Rückfragen.

Birgit Bohle, Vorstandsmitglied der Deutschen

Telekom, legt ihren Fokus auf das ambitionierte

Ziel, den steigenden Datenverkehr vom Energieverbrauch

zu entkoppeln. Für sie die größte Engstelle:

Energiepreise und -abgaben verhindern derzeit,

dass eine Europäische Datencloud auch Server in

Deutschland hat. Dr. Daniela Büchel, Bereichsvorstand

bei der REWE Group, beschreibt die Rolle von

wöchentlich über 75 Millionen Kundenkontakten für

den Aufbau von nachhaltigeren Sortimenten, fairen

Umgang mit Partnern und Lieferanten und umweltund

klimabewusstere Verpackungslösungen im Massenmarkt.

Gerade weil zehn Jahre Nachhaltigkeit bei

REWE und im Markt viel erreicht haben, müsse jetzt

STARKES ZEICHEN DER ANERKENNUNG: ANGELA MERKEL FÜHRTE EIN INTENSIVES GESPRÄCH ÜBER DIE CHANCEN NACHHALTIG WIRTSCHAFTENDER UNTERNEHMEN.

die Politik helfen, die Tierwohlbelange verbindlich

und klar vorzugeben. Ralf Putsch, geschäftsführender

Gesellschafter von KNIPEX, berichtet über die

Erfolge der Material- und Energieeffizienz seiner

besonders hochwertigen Werkzeuge. Getroffen

werden diese Erfolge gegenwärtig durch die amerikanische

Zollpolitik und langfristig durch drohende

Energiepreissteigerungen. Dass Nachhaltigkeit

von Anfang an der originäre Gründungsimpuls von

Sodasan war, erklärt Kerstin Stromberg, CEO von

Sodasan. Mit innovativen Wirkstoffen aus ökologisch

„Was machen die

nachhaltigen

Unternehmen besser

als die Wettbewerber?“

angebauten, nachwachsenden Rohstoffen macht

sie Wasch- und Reinigungsmittel noch effizienter

und hilft den Kunden dadurch bei der nachhaltigen

Lebensweise. Michael Wiener, CEO der Unternehmensgruppe

mit dem Grünen Punkt, erläutert die

Situation beim Plastik-Recycling, insbesondere von

Verkaufsverpackungen. Recyclingkunststoffen gehört

die Zukunft, aber die Nachfrage stockt und gibt

den Herstellern zu wenige Impulse. Um den Kreislauf

von Kunststoffen voranzubringen, spricht er sich für

eine politisch vorzugebende Einsatzquote aus. Dis-

kutiert wird nicht mehr, was in den Spitzen-Unternehmen

einst die ersten Schritte zur Nachhaltigkeit

waren – Strukturen schaffen, Chefinnen-Sache,

Stakeholder einbeziehen, Berichterstatten. In der

Spitze gilt das mittlerweile als „gelernt“, aber noch

nicht in der Breite. Jetzt, so wird deutlich, kann und

muss die Politik nachziehen, um den Impuls der Pio-

niere in die gesamte Breite zu bringen. Die Sorge vor

Sonderbelastungen und kontraproduktiven Effekten

insbesondere der EEG-Umlage wird ebenso deutlich

wie das Setzen auf die Regierungsverantwortung für

Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeitssiegel.

Günther Bachmann regt zusammenfassend für

die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung

an, den ausgezeichneten Unternehmen und ihren

Impulsen einen Platz zu geben. Angesprochen wird

auch, wie die Ressorts der Bundesregierung das

Bundesinteresse zur nachhaltigen Wirtschaft sehen

und den DNP unterstützen. Die politische Wahrnehmung

der Nachhaltigkeitsimpulse aus der Wirtschaft

sei zum beiderseitigen Nutzen noch zu steigern, so

Bachmann.

Die Bundeskanzlerin dankt für die zahlreichen

Anregungen, die ungeschminkte Diskussion und

das hervorragende Nachhaltigkeitsengagement in

deutschen Unternehmen.


21

BRAUCHT NACHHALTIGE

GASTRONOMIE EINEN PREIS?

Interview

ANDREA WEBER

WIE BEEINFLUSST DAS UNSERE RESTAURANT-

BESUCHE?

Die Menschen setzen sich nicht zuletzt wegen der

#FridaysForFuture zunehmend mit den Fragen des

Klimawandels auseinander. Essen ist dabei zu einem

Dreh- und Angelpunkt geworden, zum Beispiel die

Frage, ob nun moderater Fleischgenuss, Rückbesinnung

auf Regionalität oder Fleischverzicht der

goldene Weg zum Klimaschutz ist, der auf unseren

„Wer es

schafft,

seine

Produkte

und Services

vor seinen

Mitbewerbern

im

Kreislauf zu

planen, der

wird zu den

Gewinnern

gehören.“

CIRCULAR ECONOMY –

THE NEXT BIG THING.

Autor

Seit vielen Jahrzehnten kennt unsere Wirtschaftsweise

nur eine Richtung: Herstellen, Verwenden,

Entsorgen. Dies gilt für die Produktion, die globale

Verteilung und die Verwendung von Produkten und

ist ein wesentlicher Baustein unseres Wohlstands.

Wenn man nur in eine Richtung denken muss, vereinfacht

dies vieles. Doch wir merken immer mehr, dass

es auf einem Planeten mit begrenztem Ökosystem

und limitierten Ressourcen kein lineares Denken

geben kann.

DR. CARSTEN GERHARDT, PARTNER BEI A.T. KEARNEY IM BEREICH ENERGY AND PROCESS INDUSTRIES

Dafür sind die massiven, menschengemachten

Einträge in die natürliche Umwelt zu erheblich. Sie

scheinen für uns in Europa (noch) weit weg wie im

Falle des „Plastic-Ocean“, des Artensterbens oder

des Klimawandels. Tatsächlich spüren wir die Folgen,

seien es Mikroplastik im Fisch auf unseren Tellern

oder die Rekordhitzen.

Bisher sind die Kosten für diese externen Schäden

nicht in die Wirtschaftlichkeitsrechnung eingepreist.

Damit verschaffen sie der linearen Wirtschaft einen

wichtigen Kostenvorsteil gegenüber geschlossenen

Systemen, auch wenn sich in vielen Ländern bei Glas

oder der Abwasserreinigung schon das Kreislaufprinzip

etabliert hat.

Doch die Tage des linearen Wirtschaftens sind

gezählt. Verbraucher und Regulatoren akzeptieren

immer weniger, dass Kosten externalisiert werden.

Unternehmen sehen sich damit auf drei Ebenen gefordert:

In Bereichen, wo Umwelteinträge vermeidbar

sind, wie bei größeren Plastikprodukten, ist die

Umstellung über Recylingsysteme mehr eine Frage

des Wollens. Bei unbeabsichtigten oder technisch

schwer zu vermeidenden Umwelteinträgen, wie etwa

Mikroplastik in Kosmetik oder Reifenabrieb, ist eine

Umstellung deutlich diffiziler. Nahezu unmöglich

scheint sie, wo Einträge ins Ökosystem gewollt sind –

wie bei Pflanzenschutzmitteln.

Wer es schafft, seine Produkte und Services vor

seinen Mitbewerbern im Kreislauf zu planen, der

wird zu den Gewinnern gehören. Denn der Druck zur

Veränderung wird angesichts einer wachsenden und

wohlhabenderen Weltbevölkerung weiter massiv

zunehmen.

Für alle Zögerer gilt, Optimismus aus der Vergangenheit

zu schöpfen. Wann immer sinnvolle

Umweltstandards gesetzt wurden, waren diese nicht

der Weltuntergang und haben oft Innovationen

ausgelöst. Ein Grund liegt darin, dass der Teil der

Wertschöpfung, der Umweltschäden auslösen kann,

weniger als 20 Prozent der Gesamtkosten ausmacht.

Selbst wenn man in diesem Teil durch andere Materialien

oder Recycling die Kosten um 50 Prozent

steigert, so ist diese Hälfte von 20 Prozent doch

nur zehn Prozent vom Gesamtpreis – wenn sie nur

eins zu eins durchgereicht und nicht beaufschlagt

wird. Für den Abwasserreinigungskreislauf zahlt

jeder Bundesbürger beispielsweise kaum 50 Cent

am Tag.

Die Juristin mit dem grünen Herzen trägt in der

METRO AG als Director Corporate Responsibility u. a.

die Verantwortung für nachhaltige Einkaufsrichtlinien.

Sie ist Teil der Jury, die 3 Gastronomen*innen

für das Finale im METRO Preis für nachhaltige

Gastronomie auswählt. Über den Gewinner entscheiden

Jury und DNP-Publikum am 21. November um

14.15 Uhr im METRO Forum gemeinsam.

FRAU WEBER, WARUM SPRECHEN WIR ÜBER

NACHHALTIGKEIT IN DER GASTRONOMIE?

Zwei Mega-Trends, Außer-Haus-Essen und nachhaltiger

Lebensstil, überschneiden sich zunehmend.

Aktuell sind unsere Ausgeh-Entscheidungen davon

geleitet, ob mich das Restaurant online die Karte

einsehen oder einen Tisch reservieren lässt, und

– noch wichtiger – wie andere Besucher das Restaurant

bewerten. In Zukunft, und mit Blick auf

Themen wie Klimaschutz oder Plastikmüll wird

es auch entscheidend sein, wie nachhaltig ein

Restaurant ist.

WIE KOMMT ES, DASS DIESE THEMEN UNSERE

RESTAURANTWAHL BEEINFLUSSEN?

Wir alle erleben, dass unsere Umwelt unter großem

Druck steht, weil wir viel zu lange nicht ausreichend

verantwortungsvoll mit ihr umgegangen sind. Der

Klimawandel ist eine Realität, die in den letzten

Jahren durch Extremwetterereignisse, Hitzewellen

und Ernteausfälle für jeden von uns spürbar wurde.

Diese Entwicklungen machen auch an Restauranttüren

nicht halt. Die Besucher wollen sehen, dass

Themen wie Plastikmüllvermeidung, die Bekämpfung

von Lebensmittelverschwendung oder Regionalität

einen hohen Stellenwert haben. Zusätzlich

wollen sie sich auch in ihrem Lebensstil bestätigt

fühlen. Eine Karte kommt heute nicht mehr ohne

vegetarische und vegane Gerichte aus.

Tellern beginnt, wie viele Medien, Blogs und Politik

diskutieren. Die gastronomischen Betriebe müssen

sich damit auseinandersetzen, wie sie zu dem nachhaltigen

Lebensstil beitragen, den ihre Kundinnen

und Kunden im Alltag vermehrt anstreben. Wir

essen täglich mehrmals. Mit unseren Entscheidungen

können wir Veränderungen selbst und sofort

herbeiführen. Deswegen ist Essen so essenziell in

dieser Debatte.

UND WAS WILL DER „METRO PREIS FÜR NACH-

HALTIGE GASTRONOMIE“ ERREICHEN?

Wir wollen mit dieser Ausschreibung zeigen, dass es

bereits „grüne“ und verantwortungsbewusste Gastronomie

gibt. Einreichungen aus ganz Deutschland

haben uns erreicht, die unterschiedlicher nicht sein

könnten – von der Betriebsgastronomie bis zum

Deli. Die Bandbreite der Bewerbungen und die

unterschiedlichen Konzepte haben uns gezeigt, dass

Nachhaltigkeit längst ein bestimmendes Thema in

der Gastronomie geworden ist.

„ Nachhaltigkeit

ist längst

ein bestimmendes

Thema in

der Gastronomie

geworden.“

IN ZUKUNFT WIRD ES AUCH ENTSCHEIDEND SEIN, WIE NACHHALTIG EIN RESTAURANT IST.


23

NACHHALTIGKEIT

DURCH DIGITALISIERUNG –

EINE CHANCENREICHE

GRATWANDERUNG.

Autor

FELIX SÜHLMANN-FAUL, EXPERTE FÜR NACHHALTIGE DIGITALISIERUNG

„ Es gibt

viele

Chancen,

das Ziel der

Nachhaltigkeit

durch

digitale

Lösungen zu

erreichen.“

Wir befinden uns – unbestreitbar – im Zeitalter der

Digitalisierung. Spezialthemen wie Blockchain,

Künstliche Intelligenz oder die Beeinflussung von

Wahlen durch die Hintertür sozialer Medien gehören

inzwischen zu unserem Alltag. Viele Menschen

fühlen sich überfordert oder fürchten um ihre Arbeit,

die vielleicht bald von einer Maschine schneller erledigt

werden könnte. An vielen Stellen werden wir

inzwischen überwacht, registriert und analysiert.

Eine öffentliche Thematisierung der wahrscheinlich

größten Gefahr der Digitalisierung findet jedoch nur

begrenzt statt – nämlich, dass die Digitalisierung

viele Faktoren zu verstärken vermag, die eine ohnehin

schon bedrohte Umwelt noch näher an den

Kollaps führen. Beispiele für diese Faktoren sind der

steigende Energieverbrauch, die Umweltbelastung

durch Datenzentren und die stetig steigende Menge

an Logistik durch schwunghaften E-Commerce oder

die sozialen Folgen des Rohstoffabbaus, der in der

Demokratischen Republik Kongo den Bürgerkrieg

mitfinanziert. Nach wie vor wird fälschlicherweise

mit Digitalisierung meist ein reiner, technologischer

– ergo auch nachhaltiger – Akt assoziiert. Das hängt

unter anderem mit den Potenzialen wie Dematerialisierung

und Effizienzsteigerung zusammen. Das

sind jedoch Potenziale, die sich empirisch selten bis

nie realisieren.

marktwirtschaftliche Interessen bestimmt wird. Das

Leitbild eines stetigen Wirtschaftswachstums hat

im exponentiellen Wachstum der Technologie einen

mächtigen Verbündeten gewonnen. Durch Big Data,

ständige Beobachtung durch soziale Netzwerke und

Apps auf unseren Smartphones werden uns maßgeschneiderte

Konsumchancen an jeder Ecke und zu

jeder Uhrzeit mit niedrigsten Schwellen offeriert.

Immerhin scheinen sich jedoch die Zeiten zu ändern,

in denen die Stimmen der Wirtschaft einstimmig das

Lied der ‚automatischen Nachhaltigkeit per Digitalisierung‘

gesungen haben. Einige Unternehmen nutz-

en die Chance der Digitalisierung ihrer Produktion,

ihres Geschäfts- oder Betriebsmodells, um im Zuge

dieser Transformation auch das Thema Nachhaltig-

keit in den Vordergrund zu rücken. Es gibt Vorreiter

dafür, die beide Themen – Digitalisierung und

Nachhaltigkeit – beispielhaft miteinander verbinden.

Bekleidungshersteller, die die Wertschöpfungskette

ihrer Produkte mit den Mitteln der Digitalisierung

genau überprüfen, um festzustellen, ob in den

Fertigungsstätten ökologische und soziale Auflagen

eingehalten werden. Oder Hosting-Unternehmen,

die sich genossenschaftlich organisieren und das

Unternehmensziel auf maximale Nachhaltigkeit und

nicht auf Gewinnmaximierung ausrichten.

in diesem Jahr erstmals der Deutsche Nachhaltigkeitspreis.

Und so wird in diesem Jahr das erste Mal

der Sonderpreis Digitalisierung in sämtlichen Bewerbungskategorien

vergeben. Im Auswahlverfahren

für die Nominierungsplätze zeigte sich, dass

einige Unternehmen, Städte und Kommunen, Startups,

Forschungs- und Architekturprojekte verstanden

haben, worauf es wirklich bei einer nachhaltigen

Digitalisierung ankommt: auf Nachhaltigkeit. Das

klingt vielleicht banal – ist es aber keineswegs. Denn

genauso wenig wie der Strom einfach aus der Steckdose

kommt, erzeugt die Digitalisierung automatisch

Nachhaltigkeit. Wenn man Nachhaltigkeit als

Ziel wählt – und diese vor allem mehrdimensional

denkt – kann die Digitalisierung in vielen Bereichen

ein hilfreiches Werkzeug sein, Nachhaltigkeit erfolgreich

zu erreichen.

Beispiele aus den Nominierungsrängen zeigen, wie

das geht: Das Unternehmen Stadtwerke Trier verfolgt

den nachhaltigen Einsatz von regenerativem

Strom in allen Sektoren. Da Energieversorgung aus

erneuerbaren Quellen kleinteilig, komplex ist und

dezentral erfolgt, unterstützen neuronale Netze

die Steuerung der Anlagen. Ziel hierbei ist es, die

gesamte Region nach und nach vollständig durch

erneuerbare Energien zu versorgen. Eine von vielen

Bemühungen um eine nachhaltige Digitalisierung

der Stadt Ulm besteht im Test, die Verwendung von

KI zur Übersetzung bestehender Informationstexte

in leichte Sprache einzusetzen. Das Forschungsprojekt

Leipzig mobil 2.0 ermöglicht es, über die App

der Leipziger Verkehrsbetriebe sehr übersichtlich

neben dem ÖPNV eine Vielzahl anderer Mobilitätsdienstleistungen

wie Leihräder, Carsharing und

vieles mehr zu finden, zu buchen und zu bezahlen.

Dies ermöglicht individuelle, multimodale Mobilität

mit Zeit- und Kostentransparenz und vor allem

ökologischer Nachhaltigkeit.

Die beschriebenen nominierten Projekte und

Unternehmen bewegen sich auf einer Nachhaltigkeitsebene,

die sich erst durch die Digitalisierung erschließen

lässt. Daher handelt es sich um besonders

gute Beispiele für eine nachhaltige Digitalisierung.

Nun darf nur der Fehler nicht begangen werden zu

denken, dass sich alles am besten durch Technologie

lösen lassen würde. Zwar waren wir in der

Menschheitsgeschichte nie so allgegenwärtig umfasst

von Technologie und nie waren wir so abhängig:

Energieerzeugung, Wasseraufbereitung,

Nahrungsmittelproduktion sind nur drei sehr essenzielle

Gebiete, von denen unser Leben abhängt.

Und diese sind hochtechnisiert organisiert. Da liegt

der Gedanke nahe, dass alle Probleme – auch auf

ökologischer oder sozialer Ebene – einfach per

Knopfdruck gelöst werden könnten.

Der Einsatz der Werkzeuge der digitalen Transformation

muss jedoch behutsam und intelligent

erfolgen. Sie können eine Hilfe auf dem Weg

zur Nachhaltigkeit sein – das zeigen die obigen

Beispiele deutlich. Aber Nachhaltigkeit entsteht

durch Digitalisierung keineswegs automatisch, da

auch eine gut gemeinte digitale Lösung ihrerseits

durch Energieverbrauch, die verbauten Rohstoffe

oder einen sehr kurzen Lebenszyklus neue Nachhaltigkeitsprobleme

erzeugen kann. Da die Chancen

und Risiken der Digitalisierung so eng beieinander

liegen, muss hier sauber abgewogen werden. Das

Ziel muss Nachhaltigkeit sein und bleiben – das darf

dabei nicht vergessen werden.

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

SONDERPREIS

DIGITALISIERUNG

Der Sonderpreis Digitalisierung

prämiert Unternehmen

und Startups,

die mit digitalen Produkten,

Prozessen oder Dienstleistungen

erfolgreich Nachhaltigkeitsherausforderungen

begegnen. Er honoriert Kommunen

für Digitalisierung,

die den Bürger/innen nutzt,

sowie Forschungs-

und Architekturprojekte,

in denen digitaler auch

nachhaltiger bedeutet. Die

Auszeichnung wird in Partnerschaft

mit der Deutschen

Telekom AG vergeben.

#DNP12

Ein besonderes Nachhaltigkeitsdefizit besteht darin,

dass die digitale Transformation sehr stark durch

Dass es viele Chancen gibt, das Ziel der Nachhaltigkeit

durch digitale Lösungen zu erreichen, prämiert

DIE MULTIMODALE PLATTFORM DER LEIPZIGER VERKEHRSBETRIEBE INTEGRIERT NEBEN DEN ÖFFENTLICHEN PERSONENNAHVERKEHR AUCH ALTERNATIVE VERKEHRSTRÄGER.


24

25

„Digitale Transformation ist nichts Magisches“ –

für Sebastian Klauke, CDO der Otto Group, ist es

vielmehr wichtig, offen für neue und kreative Wege

zu sein und Ideen konsequent zu verfolgen. Das

beinhaltet auch die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen.

Denn die Digitalisierung bedeutet

zwar keine automatische Disruption von bestehenden

Geschäftsmodellen, aber sie offenbart neue

Möglichkeiten und schafft Chancen, die genutzt und

gestaltet werden wollen (Weitkamp 2019; t3n Nr. 56

S. 96 – 99).

„Neue

digitale

Geschäftsansätze

haben ein

großes

Potenzial

für eine

ökologisch

positive

Wirkung.“

Im besten Fall antizipieren Unternehmen Markttrends

oder wesentliche Änderungen auf dem Markt,

die etwa durch die Digitalisierung bewirkt werden,

mittels einer Anpassung ihrer Geschäftsmodelle.

Angesichts der Potenziale, aber auch der Risiken

von Digitalisierung für eine nachhaltige Entwicklung,

liegt das Augenmerk im Folgenden darauf, wie

digitale Geschäftsmodelle zu einer nachhaltigen

Wirtschaftsform beitragen können.

Häufig sind digitale Geschäftsumfelder komplexer

und agiler als traditionelle. Konkret kann dies bedeuten,

dass eine produktorientierte Sichtweise aus

traditionellen Geschäftsmodellen sich nicht unbedingt

langfristig gegen eine agilere durchsetzen wird.

Ermöglicht werden digitale Geschäftsmodelle durch

Verfahren und Technologien wie Big Data, Künstliche

Intelligenz oder Digitale Plattformen – sogenannte

Enabler – die neue Leistungen, Produkte und

Geschäftsmodelle generieren.

Doch wie kann ein Unternehmen ein neues Geschäftsmodell

entwickeln? Eine Analyse des eigenen

Kundenstamms kann ein guter Beginn sein. Im Fokus

steht dabei, mit welchem Problem der Kunde auf das

eigene Angebot zukommt und was für einen Nutzen

er sich dadurch erhofft. Mit der strategischen und

analytischen Beobachtung ergeben sich zielgruppenspezifischere

Aussagen und Angebotsnischen für

das Unternehmen. Einem Beispiel von Theodor

AUFTAKTKONFERENZ: INNOVATIVE LÖSUNGSANSÄTZE FÜR EINE NACHHALTIG-DIGITALE ENTWICKLUNG.

Levitt folgend hat ein Kunde, der einen Bohrer kauft,

wahrscheinlich zunächst kein grundlegendes Interesse

an dem Bohrer selbst, sondern an einem Loch

in einer Wand, um somit etwas befestigen zu können.

Ein gutes Angebot ist folglich eins, das das bestmögliche

Loch bietet.

Beispiel für ein solches Geschäftsmodell ist die

Leih- beziehungsweise Leasingmöglichkeit einer

Bohrmaschine. Sie ist kostengünstiger als der

Erwerb eines herkömmlichen Bohrers und wird dadurch

insbesondere für Privathaushalte attraktiv.

Das Leasingmodell liefert somit nicht nur eine

kostengünstigere Alternative, sondern kann auch

ökologische Verbesserungen ermöglichen. Gerade

in Bezug auf Alltagsgegenstände, die nicht täglich

genutzt werden, wie Werkzeuge, kann ein intelligent

entwickeltes Leih- bzw. Leasingmodell nicht

nur neue Absatzwege ermöglichen, sondern auch

große Ressourceneffizienzpotenziale erschließen

– indem ein Gut mehreren Konsument*innen zugänglich

gemacht, nach der Beendigung der Nutzung

aufbereitet und somit der Lebenszyklus verlängert

wird. Die Dynamik der Digitalisierung lässt derzeit

stets neue kreative Modelle in diesem Bereich entstehen.

So werden – von Rücksäcken über private

Heizungsanlagen bis hin zu verschiedenen Fahrradarten

– Gebrauchsgegenstände verliehen oder

geleast. Solche Wirtschaftsmodelle können, ebenso

wie neue Produkte oder Dienstleistungen, dazu beitragen,

Stoffkreisläufe zu schließen und Ressourcen

zu schonen.

NEUE GESCHÄFTSMODELLE –

DIGITAL UND NACHHALTIG?

Autor/innen

JULIA FINK UND JAN RÜTER, WISSENSCHAFTLICHE MITARBEITER NACHHALTIG.DIGITAL

Und doch ist auch bei Nutzen-statt-Besitzen-Angeboten

nicht grundsätzlich klar, ob sie ökologisch

positiv wirken, da häufig Alltagsroutinen verändert

werden müssen. So wird das flexible free-floating-

Carsharing auch genutzt, um Fahrten mit dem öffentlichen

Nahverkehr oder dem Fahrrad zu ersetzen,

und wirkt damit nicht nur positiv im Sinne einer

Substitution des eigenen Autos.

Dort, wo neue digitale Geschäftsmodelle mit erhöhten

Ressourcen- und Energieverbräuchen, wie

zum Beispiel Rebound-Effekten, verbunden sind,

gilt es daher umso mehr die ökologischen, sozialen

und ethischen Implikationen mit zu berücksichtigen.

Dann können neue Geschäftsansätze, wie sie

häufig von Startups entwickelt werden, ein großes

Potenzial für eine ökologisch positive Wirkung

haben. Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)

hat dieses Potenzial erkannt und ein spezielles

Förderprogramm für grüne Startups mit einem

Schwerpunkt auf Digitalisierung aufgelegt, um

gezielt unternehmerische digitale Lösungen für noch

ungelöste Umweltprobleme zu fördern.

Neben dem Förderprogramm hat die Stiftung gemeinsam

mit dem Unternehmensverband B.A.U.M. e.V.

2018 die Kompetenzplattform nachhaltig.digital

initiiert. Primär werden mit dem Mittelstand Dialoge

geführt, Ideen vernetzt und über Branchengrenzen

hinweg konkrete Lösungsansätze entwickelt. Die

Plattform bündelt praxisrelevante Informationen,

z. B. Veranstaltungshinweise oder Gastbeiträge zu

den Schwerpunktthemen, neben Geschäftsmodellen

insbesondere zu Künstlicher Intelligenz, New Work

oder Messbarkeit. Good-Practice-Beispiele zeigen,

wie Digitalisierung als Werkzeug für Nachhaltigkeit

bereits eingesetzt wird. So sollen Innovationen

initiiert und Übertragungsmöglichkeiten zwischen

Branchen aufgezeigt werden. Haben auch Sie ein interessantes

Digitalisierungsprojekt, das Sie vorstellen

wollen oder möchten sich informieren, dann können

Sie dieses unter https://nachhaltig.digital tun.

DBU FÖRDERUNG: DAS STARTUP PYDRO WILL MIT INTELLIGENTEN WASSERROHRSYSTEMEN ENERGIE SPAREN.


27

DAS JUGENDPARLAMENT

und achtet man auch,“ so Lutz Spandau. Darüber

hinaus wird die Voliere für Umweltbildung genutzt.

2013 erhielt die Stadt Pfaffenhofen an der Ilm

Besonders Kinder sollen von den Möglichkeiten

den Deutschen Nachhaltigkeitspreis für Städte

des interaktiven Lernens profitieren und so früh mit

und Gemeinden. Hinsichtlich der Heranführung

Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen in Berührung

Jugendlicher an politische Verantwortung und

kommen: Ein Zwitscher-Lehrpfad bietet einen

soziale Integration ist das „Jugendparlament“ eine

Mix aus Infotafeln und interaktiven Stationen. Da

Erfolgsgeschichte. Die Kleinstadt entschloss sich

einheimische Vögel in den Lehrplänen diverser

dazu, die Jugendlichen entscheiden zu lassen, wel-

Schulformen vorkommen, wird über den Lehrpfad

che Projekte mit dem Preisgeld unterstützt werden.

eine Unterrichtseinheit zu diesem Thema ausgear-

U. a. wurden folgende nachhaltige Projekte bewilligt:

Die Einrichtung einer Energieverbrauchsanzeige

am Gymnasium, der barrierefreie Bau eines

Kräuterhochbeetes durch psychisch Kranke, die

Anschaffung von Materialien zur Freizeitgestaltung

beitet werden.

NACHHALTIGKEIT ZUM MITMACHEN

Die Stadt Neumarkt in der Oberpfalz erhielt 2012

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

FÜR STÄDTE UND

GEMEINDEN

von Asylbewerbern und eine virtuelle Ausstellung

den Titel als „Deutschlands nachhaltigste Stadt

„ Der DNP

fördert

herausragende

Nachhaltigkeitsinitiativen,

prämiert die

Besten und

verschafft

deren Träger

hohe öffentliche

Aufmerksamkeit.“

STÄDTEPREIS FOR FUTURE –

ENGAGEMENT FÜR

DIE JUGEND.

Warum sollen wir für eine Zukunft lernen, die nicht

lebenswert ist? Das fragen sich weltweit Kinder und

Jugendliche der sozialen Bewegung „Fridays For

Future“. Es ist eine Ermahnung zum Handeln, für

möglichst umfassende, schnelle und effiziente Umwelt-

und Klimaschutzmaßnahmen. Der Deutsche

Nachhaltigkeitspreis für Städte und Gemeinden

setzt genau dort an – hier wird nicht nur über

Nachhaltigkeit geredet, sondern gehandelt. Der

Preis engagiert sich schon seit vielen Jahren für die

Jugend: Die ausgezeichneten Kommunen erhalten

von der Allianz Umweltstiftung jeweils € 30.000,-

für Projekte zur nachhaltigen Stadtentwicklung. „Wir

verfolgen das Ziel, nachhaltiges Handeln zu fördern

und damit den Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft

voranzubringen“, sagt Dr. Lutz Spandau,

Vorstand der Allianz Umweltstiftung. Insbesondere

zukünftige Generationen, so Spandau, werden bereits

seit Beginn der Auszeichnung mit Fördermitteln

bedacht: „Unsere Projekte für junge Menschen

zeigen, dass Umweltschutz Freude macht, wenn

er sich nicht nur auf Verbote und den erhobenen

Zeigefinger beschränkt – das ist gelerntes nachhaltiges

Handeln und Denken.“

zum Thema Klimawandel des Energie- und Solarvereines.

Mittlerweile gibt es das Jugendparlament

seit 20 Jahren. Durch das Einbringen von Vorschlägen

in die Stadtverwaltung und eigene Aktivitäten

sowie Projekte gestaltet das Jugendparlament das

Pfaffenhofener Gemeinwesen aktiv mit.

VERMITTLUNG VON UMWELTWISSEN

Delitzsch wurde als „Deutschlands nachhaltigste

Stadt mittlerer Größe 2016“ ausgezeichnet. In

Abstimmung mit der Allianz Umweltstiftung entschied

die Kommune, das Preisgeld in den Neubau

einer Voliere im Tiergarten Delitzsch zu investieren.

Sie soll einen Beitrag dazu leisten, auf die inzwischen

problematische Situation der Singvögel

aufmerksam zu machen: „Ich wünsche mir, dass

sich die Kinder auf die Bank in der Voliere setzen,

beobachten, staunen und sich an dieser Vogelwelt

erfreuen. Denn was man liebt, das schützt

mittlerer Größe“. Das mit der Auszeichnung verbundene

Preisgeld verwendete die Kommune für

die Umsetzung des Programms „Nachhaltigkeit

neu lernen“. Das Prinzip ist einfach: Man wähle

viele kleinere, so genannte Mikroprojekte zur

Nachhaltigkeit aus, unterstütze sie mit kleineren

Geldbeträgen und stifte so möglichst viele Bürger

zu entsprechendem Handeln an. Die geförderten

Projekte reichen von Schulprojekten zum Klimawandel

über Kindergarten-Aktionen zur gesunden

Ernährung bis zu Abendkursen über längst

vergessene Methoden zur Haltbarmachung von

Lebensmitteln. Ein Teil des Preisgeldes wurde

beispielsweise zur Förderung des Mikro-Projektes

„Papierrecycling mal anders“ und „Solar-Velo-Taxi“

verwendet. Schüler bastelten solarbetriebene

Automodelle und gemeinsam mit einem Lehrer ein

solar betriebenes Fahrrad-Taxi, das es nun möglich

macht, auf den Rollstuhl angewiesene Mitschüler

am Wandertag mitzunehmen.

Der Preis zeichnet deutsche

Städte und Gemeinden

aus, die im Rahmen ihrer

wirtschaftlichen Mög-

lichkeiten eine umfassende

nachhaltige Stadtentwicklung

betreiben. Der Deutsche

Nachhaltigkeitspreis für

Städte und Gemeinden

wird jährlich an eine Groß-,

Mittel- und Kleinstadt/

Gemeinde vergeben. Die

diesjährigen Sieger Bad

Berleburg, Aschaffenburg

und Osnabrück erhalten von

der Allianz Umweltstiftung

jeweils 30.000,- Euro für

Nachhaltigkeitsprojekte.

#DNP12

DR. LUTZ SPANDAU,

VORSTAND DER ALLIANZ UMWELT-

STIFTUNG

DAS „SOLAR-VELO-TAXI“ IST EINES VON 52 MIKROPROJEKTEN IM RAHMEN DES FÖRDERPROGRAMMS „NACHHALTIGKEIT NEU LERNEN“.


28

ZIRKULÄRE WERTSCHÖPFUNG –

UNTERSCHÄTZTE POTENZIALE

FÜR KOMMUNEN.

Autor

OLIVER HAUBNER, SENIOR PROJECT MANAGER, BERTELSMANN STIFTUNG

Man könnte vermuten, das Konzept der zirkulären

Wertschöpfung sei nur ein neuer, weiterer Trend der

Stadtentwicklung. In Wirklichkeit jedoch birgt der

Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft zahlreiche

Chancen, um langfristig stabile wirtschaftliche, soziale

und umwelttechnische Vorteile in Kommunen zu

schaffen.

Zirkuläre Wertschöpfung, Kreislaufwirtschaft,

Cradle to Cradle. Drei Konzepte, die – von Akzentuierungen

abgesehen – im Grunde alle denselben

Paradigmenwechsel beschreiben: Die Abkehr von

der klassischen linearen Ökonomie (herstellen,

verwenden, entsorgen) hin zu einem Modell, das

restaurativ und regenerativ angelegt ist. Das klassische

„End-of-Life-Konzept“ wird durch das Prinzip

der Wiederherstellung, eine zunehmende Nutzung

erneuerbarer Energien, den Verzicht auf den Einsatz

giftiger Chemikalien, die die Wiederverwendung

und Rückführung in die Biosphäre beeinträchtigen,

ersetzt. Im Kern zielt die Kreislaufwirtschaft auf die

Beseitigung von Abfällen durch einen verbesserten

Einsatz von Materialien, Produkten, Systemen und

Geschäftsmodellen ab.

VIEL PLATZ FÜR DAS STADTLEBEN IN OSLO DURCH EIN VERBOT VON PRIVAT-PKWS IN DER INNENSTADT.

Konsequent zu Ende gedacht reden wir von einer

Wertschöpfungsform, die eine Entkopplung des

Wirtschaftswachstums von der Ressourcenentnahme

ermöglicht und damit Wirtschaftswachstum

in einen positiven Zusammenhang mit dem Schutz

der Umwelt und von natürlichen Ressourcen bringt.

DIE „R-PRINZIPIEN“

Die Grundidee, Ressourcen so lange wie möglich

im Einsatz zu halten und dabei den größtmöglichen

Nutzen erfahrbar zu machen sowie am Ende jeder

Nutzungsdauer Produkte und Materialien zurückzugewinnen

und zu regenerieren, lässt sich mit einer

Reihe von „R‘s“ umschreiben:

Rethink: Umdenken

Redesign: Neu- oder Umgestaltung

Repurpose, Reuse and Share: Wiederverwendung,

gemeinschaftliche Nutzung

Repair

Remanufacture: Wiederaufbereitung

Recycle

Recover: Wiedergewinnung

VERANKERUNG IN DEN SDGs

Die Kreislaufwirtschaft ist in den 17 Nachhaltigkeitszielen

(SDGs) der Vereinten Nationen, der

Agenda 2030, verankert. Querschnittsziel 12

fordert zu nachhaltigem Konsum und nachhaltigen

Produktionsmustern auf. Zudem lässt sich die

Kreislaufwirtschaft einer ganzen Reihe weiterer

Nachhaltigkeitsziele zuordnen, da sie zum Erreichen

dieser Ziele einen signifikanten Beitrag leisten kann.

Hierzu gehören zum Beispiel Ziel 6 (Sauberes Wasser),

Ziel 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden),

Ziel 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) sowie Ziel 15

(Leben an Land).

Was heißt das auf Kommunen übertragen? Wie

können sie den Übergang zur „Kreislaufstadt“

gestalten? Grundsätzlich gilt auch in diesem Fall:

„One size fits all“ gibt es nicht. Was in Amsterdam,

Haarlemmermeer, Kopenhagen oder Paris sinnvoll

ist, muss nicht notwendigerweise auf eine deutsche

Kommune zutreffen. Aber lohnend ist der Blick ins

(europäische) Ausland allemal.

VORBILDLICHE RADINFRASTRUKTUR: DIE HÄLFTE ALLER FAHRTEN INNERHALB KOPENHAGENS WERDEN MIT DEM FAHRRAD ERLEDIGT.

DIE VISION

Grundsätzlich möchte man eine kreislauforientierte

Stadt so gestalten, um

ein regeneratives, allgemein zugängliches

und ergiebiges urbanes System zu schaffen,

welches Wohlstand fördert, indem es die

Lebensqualität der Bürgerinnen und Bürger

erhöht und

die Resilienz der Stadt verbessert sowie

gleichzeitig

die Wertschöpfung vom Verbrauch endlicher

Ressourcen entkoppelt.

Kein leichtes Unterfangen. Aber die Prinzipien der

Kreislaufwirtschaft lassen sich in zahlreichen nachhaltigkeitsrelevanten

Bereichen einer Kommune

verankern.

ANSATZPUNKTE FÜR EINE KREISLAUFSTADT

Im Bereich Bauen geht es um modulare und flexible

Gestaltung sowie die Nutzung gesunder Materialien,

welche die Lebensqualität der Bewohner verbessern

und den Einsatz neuwertiger Ressourcen minimiert.

Die Energiesysteme bauen auf lokale, erneuerbare

Energien, senken Kosten und erzeugen positive Auswirkungen

auf die Umwelt. Das Mobilitätssystem ist

leicht zugänglich, erschwinglich und zeichnet sich

durch eine multimodale Mobilitätsstruktur aus. On-

Demand-Autos als flexible Last-Mile-Lösung sind

fester Bestandteil. Die urbane Bioökonomie führt

die Nährstoffe in geeigneter Weise in den Boden

zurück und Lebensmittelabfälle werden minimiert.

Die Produktionssysteme fördern konsequent die

Schaffung lokaler Wertschöpfungsketten.

BEISPIELE

In Kopenhagen haben breite, gut ausgebaute Radwege

und eine vorbildliche Radinfrastruktur dafür

gesorgt, dass die Hälfte aller Fahrten innerhalb der

Stadt mit dem Fahrrad erledigt werden. Oslo hat

Privatfahrzeuge in der Innenstadt ganz verboten,

was mehr Platz für Fußgänger und das Stadtleben

geschaffen hat. Oslos neue Hauptallee bietet Platz für

Fahrräder und Straßenbahnen, 10.000 Quadratmeter

an neuen Gehwegen und 600 Bäume für die neue

Innenstadt.

Auch in Sachen Bioökonomie kann sich Oslo sehen

lassen: Basierend auf einem ausgeklügelten System

der Abfalltrennung verwandelt die Stadt organische

Abfälle in Biodünger und Biogas. Letzteres wird in

den städtischen Müllwagen sowie in den Bussen des

öffentlichen Verkehrs eingesetzt. Das Nebenprodukt

der Biogasproduktion wird als Biodünger an die

Landwirte weitergegeben.

2015 beauftragte Amsterdam die weltweit erste

stadtweite Wirtschaftserhebung „Amsterdam

Circular“, um sich einen Überblick über die wichtigsten

Stoffströme zu verschaffen und die Vorteile einer

werthaltigeren Nutzung der Materialien zu verstehen.

Eine „Roadmap for Circular Buildings“ sowie der

„Sharing Economy Action Plan“ komplettieren das

Engagement in Sachen zirkuläre Wertschöpfung.

„ Die Prinzipien

der

Kreislaufwirtschaft

lassen sich in

zahlreichen

nachhaltigkeitsrelevanten

Bereichen

einer

Kommune

verankern.“


31

„WIR HABEN DIE VERPFLICHTUNG,

DIE AUSWIRKUNGEN UNSERER

GESCHÄFTSTÄTIGKEIT POSITIV

ZU BEEINFLUSSEN.“

Interview

LIONEL SOUQUE

HERR SOUQUE, WAS VERSTEHT DIE REWE

GROUP UNTER NACHHALTIGKEIT?

Als genossenschaftliches Traditionsunternehmen haben

wir Nachhaltigkeit seit über 90 Jahren in unserer

Kultur verankert: Zusammenhalt, Solidarität und Verantwortung

sind unsere Grundwerte. Umweltschutz

und soziales Engagement gehören zu unseren strategischen

Prioritäten. Unser Kerngeschäft, der Handel

und die Touristik, ist jeden Tag mit dem Leben

von Millionen Menschen unmittelbar verbunden – in

Deutschland und Europa. Als international agierender

Konzern mit rund 360.000 Mitarbeiterinnen und

Mitarbeitern trägt die REWE Group große gesellschaftliche

und ökologische Verantwortung. Mehr

noch: Wir haben die Verpflichtung, die Auswirkungen

unserer Geschäftstätigkeit, als Arbeitgeber und

Wirtschaftsunternehmen, positiv zu beeinflussen.

Lionel Souque trat 1996 in die REWE Group ein und

besetzte führende Positionen im Ausland, 2007

wurde er in den Vorstand der REWE International

in Wien berufen. Seit 2009 ist er CEO von REWE

Deutschland und Mitglied des REWE Group Vorstandes.

Seit dem 1. Juli 2017 ist er CEO der REWE

Group.

DIE REWE GROUP ENGAGIERT SICH SEIT JAHREN

IN SACHEN NACHHALTIGKEIT. WORAUF LEGEN

SIE IHREN FOKUS?

Mit 40 Millionen Kundenkontakten in der Woche

leisten wir einen wichtigen Beitrag, den nachhaltigeren

Konsum aus der Nische in den Massenmarkt

und somit in den Alltag unserer Kunden zu übertragen.

Unser Anspruch ist es, unseren Kunden

grundsätzlich nachhaltigere Sortimente zu bieten.

Deshalb müssen wir die Lieferketten und globale

Nachhaltigkeitsherausforderungen ebenso gut kennen

wie die Bedürfnisse unserer Kunden vor Ort. Die

Herausforderungen werden zahlreicher: Maßnahmen

gegen den zunehmenden Verlust der Artenvielfalt,

der Klimaschutz, das Engagement gegen

Einwegplastik, der Schutz und die Stärkung von

Menschenrechten in den komplexen globalen Lieferund

Wertschöpfungsketten sowie die Förderung

der nachhaltigen Tier- und Landwirtschaft stehen

weit oben auf einer sehr großen und weitreichenden

Agenda. Wir beschreiten immer wieder neue Wege

und wollen im Dialog mit Kunden, Lieferanten und

Politik die besten Lösungen finden.

DER VERZICHT AUF PLASTIKVERPACKUNGEN IST

MOMENTAN IN ALLER MUNDE. WIE GEHEN SIE IN

IHREN MÄRKTEN MIT DIESEM THEMA UM?

Unser strategisches Ziel ist es, Verpackungen in

unseren Sortimenten wo möglich zu vermeiden, zu

reduzieren oder umweltfreundlicher zu gestalten.

Wir waren die ersten im deutschen Handel, die vollständig

auf Plastiktüten verzichtet haben. Aktuell

konzentrieren wir uns darauf, Plastikverpackungen

von Obst und Gemüse zu reduzieren. Wir setzen in

unseren Märkten zudem bundesweit auf die Verwendung

von Mehrwegfrischenetzen als umweltfreundlichere

Alternative zu den Knotenbeuteln. Bis

2030 soll jede Verpackung der REWE Group

Eigenmarkenprodukte in Deutschland und Österreich

einen umweltfreundlicheren Mehrwert bieten,

alle unvermeidbaren Kunststoffverpackungen

werden bis 2025 recyclingfähig sein.

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

SONDERPREIS

VERPACKUNG

Der Sonderpreis Verpackung

prämiert in Kooperation mit

der REWE Group marktreife

Konzepte/Produkte und

beispielhafte Ideen, die Verpackungen

reduzieren,

optimieren oder vermeiden,

im Massenmarkt bezahlbar

bleiben und in weitest

möglichem Umfang den Verbraucherbedürfnissen

nach

Hygiene, Information und

Bequemlichkeit entsprechen.

#DNP12


32

GLOBAL VERANWORTLICH

WIRTSCHAFTEN –

HERAUSFORDERUNG

MENSCHENRECHTE.

Autorin

EVA-MARIA REINWALD, SÜDWIND E. V.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass

Beschäftigte, die unsere Kleidung oder Schuhe

herstellen, an ihrem Arbeitsplatz keine Gesundheitsschäden

erleiden; dass Menschen nicht ihrer Lebensgrundlage

beraubt werden, wenn Rohstoffe für

unsere PKWs und Elektrogeräte abgebaut werden;

dass Kinder zur Schule gehen, statt im Anbau unseres

Kakaos zu arbeiten. Zahlreiche Berichte aus

Fabriken, Minen, Feldern und Plantagen weltweit

jedoch belegen: Menschenrechtsverletzungen

sind keine Ausnahmen im grenzüberschreitenden

Wirtschaften.

Auch Unternehmen in Deutschland stellt die Achtung

von Menschenrechten in ihren Lieferketten

vor Herausforderungen. So registrierte das Portal

Business and Human Rights Ressource Center seit

2005 280 öffentlich gewordene Menschenrechtsvorwürfe

gegen deutsche Unternehmen. Auch wenn

einige Unternehmen mit gutem Beispiel vorangehen

und Verantwortung übernehmen: Auf dem Weg

freiwilliger Maßnahmen konnten die meisten der

seit Langem bekannten Missstände nicht behoben

werden.

Erst ein gesetzlicher Rahmen für die Achtung von

Menschenrechten und Umweltstandards würde die

Basis wirksamen Handels schaffen. So argumentieren

inzwischen auch eine Reihe von Unternehmen

wie etwa BMW und Daimler, Tchibo und Vaude.

Denn bislang sind Unternehmen im Wettbewerbsnachteil,

wenn sie Zeit und Ressourcen investieren,

um ihrer menschenrechtlichen Verantwortung

gerecht zu werden. Die Erfahrungen zeigen: Um

zu tatsächlichen Veränderungen zu gelangen,

braucht es mehr als Verhaltenskataloge und Audits.

Wichtiger ist oft eine langfristige Zusammenarbeit

mit Zulieferern. Schulungen müssen durchgeführt,

Einkaufspraktiken umgestellt und Akteure vor Ort

einbezogen werden, um soziale und ökologische

Verbesserungen zu erzielen. In Initiativen wie der

Fair Wear Foundation oder dem Runden Tisch

„Menschenrechte im Tourismus“ machen – auch

kleine und mittlere – Unternehmen die Erfahrung,

dass langfristiges Engagement Früchte trägt und

Vertrauen bei Kundinnen und Kunden schafft.

Die menschenrechtliche Verantwortung von Unternehmen

wurde 2011 auf Ebene der Vereinten

Nationen in den Leitprinzipien für Wirtschaft und

Menschenrechte konkretisiert. Ein Unternehmen

muss demnach Risiken seiner globalen Geschäftstätigkeit

auf Menschenrechte und Umwelt ermitteln

und vorsorgliche Maßnahmen ergreifen. Schwerwiegende

Auswirkungen müssen vor Ort überprüft, Beschwerdemechanismen

für Betroffene eingerichtet,

bestehende Verletzungen beendet und Schäden

wiedergutgemacht werden. Über all dies soll ein

Unternehmen berichten.

Die „Initiative Lieferkettengesetz“, ein breites

Bündnis aus Gewerkschaften, Kirchen und zivilgesellschaftlichen

Organisationen, fordert aktuell, dass

diese menschenrechtlichen Sorgfaltspflichten von

Unternehmen gesetzlich festgeschrieben werden

(lieferkettengesetz.de). Bislang setzt die Bundesregierung

jedoch auf das Prinzip Freiwilligkeit: In

ihrem 2016 beschlossenen Nationalen Aktionsplan

MENSCHENRECHTE: UM ZU TATSÄCHLICHEN VERÄNDERUNGEN ZU GELANGEN, BRAUCHT ES MEHR ALS VERHALTENSKATALOGE UND AUDITS.

Wirtschaft und Menschenrechte äußert sie lediglich

die Erwartung an Unternehmen, dass sie Prozesse

menschenrechtlicher Sorgfalt einführen. Für den

Einstieg in die Thematik bietet die Bundesregierung

Unterstützung an: So können sich Unternehmen

z. B. über den CSR-Risiko-Check über produkt- und

landesspezifische Herausforderungen in ihren Lieferketten

informieren (www.csr-risiko-check.de).

Aktuell wird auf Basis einer (sehr umstrittenen)

Unternehmensbefragung geprüft, wie es um die

Umsetzung der Sorgfaltsprozesse bei großen

Unternehmen steht. Im Koalitionsvertrag kündigte

die Bundesregierung an, dass sie „gesetzlich tätig“

werde, falls sich der bisherige freiwillige Ansatz als

unzureichend erweisen sollte.

International lässt sich ein Trend hin zu verbindlichen

Regeln für Unternehmensverantwortung beobachten.

So hat Frankreich bereits 2017 ein Gesetz

zur menschenrechtlichen Sorgfalt für sehr große

Unternehmen beschlossen und in den Niederlanden

wurde dieses Jahr ein Gesetz zur Vermeidung von

Kinderarbeit in Lieferketten verabschiedet. Um

langfristig die Spielregeln globaler Märkte auf Basis

der Menschenrechte zu gestalten, wären auch

Regeln auf europäischer Ebene und ein verbindliches

UN-Abkommen zu Wirtschaft und Menschenrechten

notwendig. Ein starkes Lieferkettengesetz

in Deutschland würde auch Dynamik und Antrieb in

diese internationalen Debatten bringen.

BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT FÜR

NACHHALTIGE LIEFERKETTEN

Ohne das Engagement zahlreicher zivilgesellschaftlicher

Organisationen wäre die Debatte um global verantwortliches

Wirtschaften längst nicht dort, wo sie heute steht. Die

Stiftung Umwelt und Entwicklung Nordrhein-Westfalen, die

Kooperationspartner des Deutschen Nachhaltigkeitstages

ist, fördert daher immer wieder Projekte, welche die Achtung

von Menschenrechten und Umweltstandards in Lieferketten

in den Fokus stellen.

Nichtregierungsorganisationen wie SÜDWIND, Femnet,

FIAN, Urgewald und die Christliche Initiative Romero

stoßen durch fundierte Recherchen, Publikationen, Aus-

stellungen und Veranstaltungen Debatten in Nordrhein-

Westfalen an, qualifizieren eine Vielzahl von Akteuren

und stehen in Dialog mit Unternehmen und öffentlichen

Einrichtungen.

Andere Organisationen integrieren diese Themen in Bildungsprojekte

für Zielgruppen aller Altersstufen. Auch das

Engagement von Kommunen für nachhaltige Beschaffung

wird durch die Stiftung unterstützt – aktuell über ein Projekt

des Eine Welt Netz NRW.

„ International

lässt sich ein

Trend hin zu

verbindlichen

Regeln

für Unternehmensverantwortung

beobachten.“


35

„ Auf dem

Weg zur

Dekarbonisierung

der

Weltwirtschaft

ist

es genau

richtig, beim

Bauen anzufangen.“

DIE ZUKUNFT DES BAUENS

IST KLIMAPOSITIV.

Autorin

DR. CHRISTINE LEMAITRE, GESCHÄFTSFÜHRENDER VORSTAND DGNB

RATHAUS FREIBURG: DAS ERSTE ÖFFENTLICHE NETTO-PLUSENERGIEGEBÄUDE DER WELT ERZEUGT IM LAUFE EINES JAHRES MEHR ENERGIE ALS ES VERBRAUCHT.

Was verbindet das Rathaus Freiburg, das Schmuttertal-Gymnasium

Diedorf und das Aktiv-Stadthaus

in Frankfurt? Wir wissen bereits, dass sie Vorbilder

des nachhaltigen Bauens sind und in den letzten

Jahren Sieger oder unter den Top 3 beim Deutschen

Nachhaltigkeitspreis Architektur – ehemals DGNB

Preis „Nachhaltiges Bauen“ – waren. Neu ist: Alle

drei gehören zu den ersten Projekten, die die Auszeichnung

„Klimapositiv“ der Deutschen Gesellschaft

für Nachhaltiges Bauen – DGNB e. V. erhalten.

Ganzheitliche Nachhaltigkeit, wie sie der Deutsche

Nachhaltigkeitspreis Architektur prämiert, geht also

einher mit einem klimapositiven Kurs und ist damit

nachweislich zukunftsfähig!

GEBÄUDE: VOM KONSUMENTEN ZUM

PRODUZENTEN

Klimapositiv – was heißt das überhaupt? Technisch

ausgedrückt handelt es sich um eine ausgeglichene

oder idealerweise negative CO 2

-Jahresbilanz als

Ergebnis der folgenden Betrachtung: Auf der einen

Seite steht der CO 2

-Ausstoß, den das Gebäude

im Jahr verursacht. Davon abgezogen werden

die Emissionen, die durch den Export von selbstproduzierter,

treibhausgasfreier Energie im Netz

vermieden werden. Solch ein Gebäude spart also

in Summe mehr Treibhausgase bei anderen ein, als

es selbst ausstößt. Mit der Auszeichnung „Klimapositiv“

möchte die DGNB den Gestaltungswillen

der Akteure und den damit verbundenen positiven

Beitrag zum globalen Klimaschutz, zur Dekarbonisierung

der Weltwirtschaft und zum großen Ganzen

betonen. Denn diese Vorbilder transformieren den

Gebäudesektor vom Energiefresser zum produzierenden

ausgleichenden Element und geben ihm

damit die nötige aktive Rolle im Klimaschutz.

DIE AUSZEICHNUNG FÜR VORBILDER MIT

GESTALTUNGSWILLEN

Noch ist die Auszeichnung etwas Besonderes; die

Projekte sind Leuchttürme, die nach vorn ziehen

und inspirieren. Da ist das Rathaus Freiburg,

bekannt als größtes Plusenergiegebäude Europas,

das den Bürgern neben allen Verwaltungsbelangen

auch noch als „kleines Kraftwerk“ mit Solarenergie

und Geothermie dient. Da ist das Schmuttertal-

Gymnasium, das mit seinem klimapositiven Betrieb

für die heranwachsende Generation hautnah erlebbar

macht, was heute schon möglich ist und Begeisterung

weckt. Und da ist das große innerstädtische

Mehrfamilienhaus in Frankfurt am Main mit dem

verheißungsvollen Namen Aktiv-Stadthaus. Der im

Sommer 2015 bezogene Geschosswohnungsbau

zeigt in seiner Jahresbilanz, dass klimagerechtes

Wohnen in einer dichten städtebaulichen Situation

möglich ist, und steht damit beispielhaft für zu-

künftige städtische Konzepte. Alle drei Projekte

haben einen geringen Energieverbrauch, versorgen

andere Gebäude mit überschüssiger, selbstproduzierter

Energie und zeigen, dass der klimapositive

Kurs einhergeht mit Qualität in allen Dimensionen

des nachhaltigen Bauens: Wohlbefinden des

Nutzers, Umwelt- und Klimaschutz, Wirtschaftlichkeit

und gute Architektur.

KLARES SIGNAL AN DIE POLITIK

übersetzt. Das Planungs- und Managementtool

zeigt auf, dass jedes Bestandsgebäude Optimierungspotenziale

hat, die in einem individuellen

Was noch eine Rarität ist, soll schnellstmöglich und

an vielen Projekten umgesetzt werden. Die DGNB Klimaschutzfahrplan ausgearbeitet werden können.

verfolgt mit der Auszeichnung deshalb auch das Dank ganzheitlicher Betrachtung des Energie-

Ziel, das Thema in die Breite zu tragen bzw. die klare bedarfs, Bilanzierung mit realen Zahlen und jährlichem

Monitoring ist dieser Fahrplan zukunftssicher

Botschaft an Politik, Städte, Kommunen, Investoren

und Bauherren zu senden, dass wir heute bereits und lässt keine Verschleierung zu, die weder der

die Gebäude planen und bauen können, die einen Welt noch dem Nutzer selbst hilft. Zum ganzheitlichen

Performance-Ansatz gehört beispielsweise

positiven Beitrag für unsere Zukunft leisten. Das

notwendige Wissen und die Planungskompetenz auch, dass neben den Energieströmen zur Konditionierung

des Gebäudes der Nutzerstrom in die

sind bereits vorhanden. Man muss es jetzt einfach

tun! Und wenn das nicht aus eigener Überzeugung Optimierungsmaßnahmen sowie die Bilanzierung

passiert, wie es bei den genannten Projekten der integriert wird.

Fall ist, dann vielleicht, weil nachhaltiges Bauen

besonders attraktiv ist, in eine sichere, planbare Zukunft

führt oder die gewohnten Wege zunehmend KLAR!

KLIMAPOSITIV: DIE NÄCHSTEN SCHRITTE SIND

ungemütlich werden. Anders gesagt: Eine konsequente

Förderpolitik und ambitionierte Regularien Die Auszeichnung „Klimapositiv“ bezieht sich bis

sind gefragt. Die aktuelle Klimadebatte zeigt, dass dato auf den Betrieb von Gebäuden. Das ist ein

wir darauf nicht warten können, wenn wir einen klimaneutralen

Gebäudebestand bis spätestens 2050 weitere folgen müssen! Einige hat die DGNB bereits

wichtiger Schritt – dem so schnell wie möglich

– eigentlich früher – sowie klimaneutrale Neubauten im Blick. So sollen langfristig Gebäude klimapositiv

ausgezeichnet werden, bei denen sämtliche

bis 2030 haben wollen.

Emissionen des gesamten Lebenszyklus mitberücksichtigt

werden – von der Material- und Baustoff-

NUR WER MISST, KANN SICH VERBESSERN

herstellung über Transporte und Bauprozesse bis

Seit mehr als zehn Jahren setzt sich die DGNB dafür hin zum Rückbau. Damit wird das kreislauffähige

ein, dass Wissen von den Köpfen in die Hände gelangt

und mehr passiert als vorgegeben. Über 5000 kette Bau gefördert – und darüber hinaus. Denn

Wirtschaftsmodell in der gesamten Wertschöpfungs-

Gebäude mit DGNB Zertifikat, mit dem Deutschen letztlich hat der klimapositive Kurs des Gebäudesektors

Einfluss auf Industrie, Energie, Verkehr

Nachhaltigkeitspreis Architektur prämierte Projekte

und viele weitere sprechen für sich. Mit ihrem Rahmenwerk

für klimaneutrale Gebäude und Standorte dem Weg zur Dekarbonisierung der Weltwirt-

und Landwirtschaft, kurz: auf alle Sektoren. Auf

hat die DGNB im Speziellen die im Paris-Abkommen schaft ist es also genau richtig, beim Bauen anzufangen.

Schließlich geht die gebaute Umwelt uns

definierten Ziele für den Gebäudesektor in konkrete,

handhabbare und messbare Anforderungen alle an!

VERGABE DER DGNB AUSZEICHNUNG „KLIMAPOSITIV“ AN DAS SCHMUTTERTAL-GYMNASIUM DIEDORF.

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

ARCHITEKTUR

Der Architekturpreis zeichnet

Gebäude aus, die auf

beispielhafte Weise Nachhaltigkeit,

eine herausragende

Gestaltung und eine hohe

Innovationskraft verbinden.

Die Projekte müssen in

Deutschland stehen, zum

Zeitpunkt der Bewerbung

bereits in Betrieb sein und

eine personenbezogene Nutzung

aufweisen. Der Preis

wird in Partnerschaft mit

der Deutschen Gesellschaft

für Nachhaltiges Bauen –

DGNB e. V. vergeben und

durch Caparol, den Bund

Deutscher Architekten, die

Bundesarchitektenkammer

sowie die Bundesstiftung

Baukultur unterstützt.

#DNP12


36

DESIGN FÜR NACHHALTIGKEIT –

VOM EGODESIGN ZUM

ECOSOZIALEN DESIGN.

Autorin

URSULA TISCHNER, CEO ECONCEPT UND DOZENTIN AN DER FH JOANNEUM GRAZ

„Nachhaltiges

Design

schafft

Lösungen, die

der Gesellschaft

einen

sinnvollen

Nutzen bringen

und die

Lebensqualität

verbessern.“

DesignerInnen arbeiten an der Schnittstelle zwischen

Produzieren und Konsumieren. Sie gestalten von zuvor manuell bedienbaren Funktionen statt,

Bereich des Bordcomputers und der Elektrifizierung

Produkte, Kommunikation, Dienstleistungen und alles andere ist Styling.

Systeme im Auftrag der Anbieter aber für die

Empfänger bzw. NutzerInnen. Sie versuchen ihre Die Welt braucht etwas anderes! Nützlich wäre

Gestaltung möglichst attraktiv für die KonsumentInnen

und NutzerInnen und möglichst profitabel für forderungen der Menschheit zu beschäftigen: von

es, sich auch im Design mit den großen Heraus-

die Anbieter zu konzipieren. Umwelt und soziale Klimawandel, Umweltverschmutzung und Ressourcenverknappung,

über soziale Ungerechtigkeit und

Aspekte spielen dabei immer noch eine untergeordnete

Rolle. Zwar ist das Design einmal angetreten, die Bedrohung der Menschenrechte, zur fortschreitenden

Zerstörung der bewohnbaren Flächen auf

wirkliche Probleme für die Menschen zu lösen – das

beschreibt zum Beispiel die Definition von Carlos unserem Planeten. Nützlich wäre es, an der Entwicklung

von nachhaltigen Produktions- und Konsumsys-

Obers (1984) „Design ist Kunst, die sich nützlich

macht“.

temen mitzuwirken und nachhaltige Lebensstile zu

unterstützen.

De facto dient Design aber heute vorwiegend dazu,

den Konsum und damit die Wegwerfgesellschaft Design für Nachhaltigkeit oder nachhaltiges Design

anzutreiben, den Materialfluss durch die Gesellschaft

immer noch weiter zu beschleunigen, die len Nutzen bringen, die Lebensqualität verbessern

schafft Lösungen, die der Gesellschaft einen sinnvol-

schnellen Profite der Unternehmen und Shareholder – insbesondere für weniger wohlhabende Menschen.

und oft auch die Berühmtheit der Designer selbst Es schafft Wertschöpfung für Anbieter, Kunden

zu steigern. Leider ist das mittlerweile nicht nur in und möglichst viele Stakeholder und vermeidet

der Mode so, sondern viele andere Produktbereiche gleichzeitig Schäden an der natürlichen Umwelt

funktionieren nach dem gleichen Prinzip: „Designer“ oder wirkt sogar positiv auf die Natur. Nachhaltiges

Möbel sind nicht gut zu gebrauchen und halten Design sucht nach radikaleren, deutlich besseren,

keinen Umzug aus, designte Smartphones unterscheiden

sich von einer zur nächsten Produktge-

Konsumsysteme deutlich ökologisch und sozial bes-

disruptiven Lösungen, die unsere Produktions- und

neration nur durch marginale Oberflächenkosmetik, ser gestalten – nicht nach der ein bisschen effizienteren

Waschmaschine. Letztendlich geht es darum,

technische Produkte werden durch eingebaute

technische Lebensdauerverkürzung und modisches die Transformation zu einer Diversität nachhaltiger

Design zu Wegwerfprodukten, in der Automobilindustrie

findet Innovation lange schon vor allem im alle Bewohner des Planeten Erde zu gestalten.

Lebensstile und einer wünschenswerten Zukunft für

NACHHALTIGES DESIGN: MIT SOLMATE KANN IN ZUKUNFT JEDER SEINEN EIGENEN STROM PRODUZIEREN.

DER FAIRCUP IST EINE RESSOURCENSCHONENDE ALTERNATIVE FÜR DIE RUND SECHS MRD. EINWEGBECHER, DIE JÄHRLICH IN DEUTSCHLAND VERBRAUCHT WERDEN.

Nachhaltige Güter (Produkte, Systeme und

Dienstleistungen) sind

Nützlich: erfüllen eine sinnvolle soziale

Funktion, lösen ein Problem.

Effizient und effektiv: in der Energie-, Landund

Ressourcennutzung.

Solar: nutzen erneuerbarer Energien – Sonne,

Wasser, Wind, Erdwärme, Muskelkraft oder

nachhaltig erzeugte Biokraftstoffe.

Sicher: Sind risikofrei und „narrensicher“,

ergonomisch und umweltfreundlich, unbedenklich

für Mensch und Natur.

Angemessen dauerhaft: Je nach Funktion

(kurz oder langlebig) sollte die Lebensdauer

immer angemessen sein, kurzlebige Verbrauchsgüter

wie Verpackungen sollten besonders

zyklisch sein (siehe unten).

Zyklisch: Jeglicher Abfall und Ausschuss

werden als Nährstoff in gleichen oder anderen

technischen oder natürlichen Anwendungen

verwendet.

So regional wie sinnvoll: Geringer Transport-

und Verpackungsaufwand (jedoch kann es

sinnvoll sein, die lokale Wirtschaft in anderen

Ländern zu unterstützen, insbesondere wenn

Waren in anderen Regionen effizienter

produziert werden können).

Sozial: Gut für das soziokulturelle Umfeld

Verbesserung der Lebensqualität, Sicherung

von Arbeitsplätzen, Einhaltung mindestens

der Normen der Internationalen Arbeitsorganisation

(ILO) und Herstellung unter

(regional) akzeptablen Arbeitsbedingungen.

Wertvoll: Tragen dazu bei, die langfristige

Rentabilität des Anbieters zu sichern und

haben ein angemessenes Preis-Leistungs-

Verhältnis, das der Nutzer zu schätzen weiß.

Alle diese Merkmale müssen für den gesamten Lebenszyklus

und das gesamte Gütersystem berücksichtigt

werden. Manchmal treten Zielkonflikte auf,

dann gilt es den besten umsetzbaren Kompromiss

zu finden. Selbstverständlich braucht nachhaltiges

Design auch zielgruppengerechte Ästhetik, womöglich

einen Wow-Effekt. Die nachhaltige Story

muss attraktiv und gut erzählt werden. NutzerInnen

dürfen ihre nachhaltigen Güter liebgewinnen und

Freude an ihnen haben. Von zurück in die Höhle ist

hier keine Rede.

DEUTSCHER NACH-

HALTIGKEITSPREIS

DESIGN

2020 ruft die Stiftung

Deutscher Nachhaltigkeitspreis

e. V. den DNP Design ins

Leben. Der Preis sucht und

prämiert die vorbildlichen

Beispiele nachhaltigen

Designs, um die relevanten

Akteure zu mehr nachhaltigem

Engagement zu

motivieren und Konsumenten

bei der Produktauswahl

Orientierung zu geben.

#DNP12


39

In Zusammenarbeit mit dem Rat für Nachhaltige Entwicklung und dem Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK) vergibt

die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e. V. zum fünften Mal den Next Economy Award (NEA). Stellvertretend für die NEA-Kategorien

„Change“, „People“ und „Resources“ stellen wir vier nachhaltige Geschäftsmodelle der Finalisten vor. Alle Startups sind zudem

unter www.nexteconomyaward.de porträtiert.

BETTERECO GMBH

ECOFARIO GMBH

„WIR HELFEN ERFOLG-

VERSPRECHENDEN ANSÄTZEN

AUF DIE SPRÜNGE.“

Für europäische Unternehmen der Nahrungsmit-

ECOFARIO hat ein neuartiges, auf Hydrozyklontech-

Interview

ACHIM DERCKS

tel-, Pharma- und Kosmetikindustrie erschließt das

nologie basiertes Verfahren entwickelt, das es kom-

Berliner Startup betterECO GmbH Bio-Agrarrohstoffe

munalen und industriellen Kläranlagen ermöglicht,

von Großkooperativen aus Entwicklungsländern und

die ausgetragene Menge an Mikroplastikpartikeln

schafft durch seinen Ansatz des „Gegengeschäftes“

und die damit verbundenen Schadstoffe signifikant

eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Eine

zu reduzieren. Die gefilterten Partikel werden an-

Agrar- und Technologievermittlungsplattform ohne

schließend zusammen mit den anhaftenden Toxinen

IHRE ORGANISATION STEHT FÜR MILLIONEN

DER DIHK UNTERSTÜTZT DEN NEXT ECONOMY

Zwischenhändler garantiert internationale Erreich-

und Schadstoffen der thermischen Verwertung des

GEWERBLICHE UNTERNEHMEN AUS HANDEL,

AWARD VON ANFANG AN. WELCHE BOTSCHAFT

barkeit und damit Skalierbarkeit von Angebot und

Klärschlamms zugeführt. Nur so kann garantiert

DIENSTLEISTUNG UND INDUSTRIE. WIE UNTER-

VERKNÜPFEN SIE DAMIT?

Nachfrage der Agrar- und Technologieprodukte. Die

werden, dass die Partikel und vor allem die anhaf-

STÜTZEN SIE DIE WIRTSCHAFT VON MORGEN,

Blockchain-Technologie gewährleistet fälschungs-

tenden Gift- und Schadstoffe nicht wieder in die

ALSO EXISTENZGRÜNDUNGEN UND STARTUPS?

Der Next Economy Award zeigt im nunmehr fünften

„Unsere

Finalisten

machen

mit ihren

grünen Geschäftsmodellen

konkrete

Vorschläge,

wie ökologischer

und

sozialer

Fortschritt

gelingen

kann.“

STEFAN SCHULZE-HAUSMANN,

NEA-INITIATOR

sichere Rückverfolgbarkeit, Food-Security und Vertrauen

in die Abläufe.

NOOR MEDICAL UG

Das Startup Noor Medical setzt sich unter dem Motto

„Safe Surgery Anywhere“ dafür ein, Operationen

in ländlichen Kliniken im Globalen Süden durch die

Bereitstellung von Sterilisationsgeräten sicherer zu

gestalten. In der Folge sollen postoperative Infektionen

reduziert werden. Noor Medical hat mit Hybriclave

einen Dampfsterilisator entwickelt, der mit

Solarenergie genutzt werden kann, um medizinische

Instrumente ordnungsgemäß zu sterilisieren. Das

Gerät ist somit unabhängig vom Stromnetz und

kann dadurch auch in Gesundheitseinrichtungen

zum Einsatz kommen, die eine mangelnde Stromversorgung

haben.

Umwelt gelangen.

RIGHT. BASED ON SCIENCE UG

Das Frankfurter Startup right. based on science ist

ein Modellentwickler, der den Beitrag einer einzelnen

wirtschaftlichen Einheit, z. B. eines Unternehmens,

zum Klimawandel berechnet. Das sogenannte XDC

Modell ermöglicht die Berechnung des Beitrags zur

globalen Erderwärmung. Das Modell projiziert die

Eingabeparameter der Bruttowertschöpfung und

Treibhausgase eines Unternehmens in die Zukunft

und setzt diese in ein Klimamodell ein, wodurch sich

die XDC ergibt. Diese gibt in Grad Celsius an, um wie

viel sich die Erde erwärmen würde, wenn jedes Unternehmen

so emissionsintensiv wirtschaften würde,

wie das betrachtete Unternehmen.

Die Industrie- und Handelskammern stehen Gründerinnen

und Gründern vor Ort mit einem vielseitigen

Service zur Seite. Sie bieten Einstiegsgespräche,

Beratungen, Seminare und Gründertage mit jährlich

rund 200.000 persönlichen Kontakten. Dabei stehen

den Gründern 79 IHKs mit 200 Geschäftsstellen

offen – niemand hat es weit zu seiner IHK. Und

über unser Netzwerk der Auslandshandelskammern

(AHKs) können Startups auch Kontakte in

internationale Märkte anbahnen. Die AHKs geben

Antworten auf viele Fragen an 140 Standorten in

92 Ländern dieser Welt. Vom kleinen Kiosk bis zum

innovativen Hightech-Startup – unser Netzwerk im

In- und Ausland bietet Gründern passgenaue Unterstützung.

DER DIHK VERTRITT ALS GROSSE WIRT-

SCHAFTSORGANISATION GEGENÜBER DER

POLITIK AUCH DIE INTERESSEN DER EXISTENZ-

GRÜNDER. KOMMEN IHRE BOTSCHAFTEN BEI

DER POLITIK AN?

Ankommen tun Sie auf jeden Fall – wir bringen

uns in Berlin und Brüssel bei vielen Themen von

der Bildungspolitik bis zur Energiepolitik intensiv

ein. Die Umsetzung ist dann aber natürlich in der

politischen Diskussion oftmals ein dickes Brett.

Der Bundeswirtschaftsminister hat z. B. gerade mit

einer neuen Mittelstandstrategie vorgelegt. Darin

finden sich viele unserer Empfehlungen – sei es zum

Bürokratieabbau, zur Unternehmensnachfolge oder

für innovative Startups. Jüngst hat das Bundeskabinett

etwa bei der Umsatzsteuer beschlossen,

Gründer um acht Voranmeldungen pro Jahr zu

entlasten und diese statt monatlich nur noch vierteljährlich

zu verlangen. Ein wichtiger Schritt, dem

aber weitere Entlastungen folgen müssen, wie etwa

Online-One-Stop-Shops zum Bürokratieabbau.

Jahr, dass Innovationen von unten wachsen – oft aus

den jungen Unternehmen, wo innovative und kreative

Menschen zusammenarbeiten. Solche Initiativen

entstehen quasi an der Graswurzel, nämlich im

Markt. Es gibt tausende engagierte Menschen, deren

kluge Ideen eine große Bühne verdienen. Für den

DIHK ist es wichtig, solchen erfolgversprechenden

Ansätzen auf die Sprünge zu helfen.

WIE LAUTET IHR FAZIT NACH DEN ERSTEN

FÜNF JAHREN NEXT ECONOMY AWARD?

Mich faszinieren immer wieder der Pioniergeist, die

Innovationskraft und die Vielfalt der Ideen. Schauen

wir nur einmal auf das Tableau der Nominierten in

diesem Jahr. Wir sehen Lösungen für Ressourceneffizienz

in Entwicklungsländern, für die Messung

der Klima-Auswirkungen des eigenen Unternehmens,

für bessere Gesundheit in Regionen ohne

Elektrizität, zur Therapiebegleitung für gelähmte

Menschen, für sauberes Wasser. Die Debatte um

Nachhaltigkeit wird derzeit engagiert und intensiv

geführt. Und der Next Economy Award sendet

viele hoffnungsvolle Signale.

Achim Dercks ist seit 2004 stellvertretender Hauptgeschäftsführer

des DIHK e.V. Er ist Mitglied des

CSR-Forums der Deutschen Bundesregierung sowie

Stellvertretender Vorsitzender des ZDF-Fernsehrats.

Darüber hinaus ist er Geschäftsführer der DIHK

Service GmbH und stellvertretender Kuratoriumsvorsitzender

des Senior-Experten-Services (SES).

NEXT

ECONOMY

AWARD

Der Next Economy Award

ist die nationale Spitzenauszeichnung

für Startups, die

auf soziale und ökologische

Nachhaltigkeit setzen.

Die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis

e. V. vergibt

die Auszeichnung in Zusammenarbeit

mit dem Rat für

Nachhaltige Entwicklung und

dem Deutschen Industrie- und

Handelskammertag (DIHK).

#DNP12


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IF YOU DON’T KNOW

HIM BY NOW.

„This earth

is the only

home we

have and

I am

saddened

when I see

the way we

humans

neglect the

welfare of

our planet

and one

another.“

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zeichnet – neben

Unternehmen, Städten, Gebäuden und Forschungseinrichtungen

– Jahr für Jahr auch Persönlichkeiten

aus, die Verantwortung übernehmen und sich für die

Idee der Nachhaltigkeit einsetzen. Unsere Ehrenpreisträger

nehmen eine besondere Rolle ein: Sie

setzen ihre Popularität, ihren guten Namen und

ihre Strahlkraft ein, um die Idee der Nachhaltigkeit

populär zu machen.

Mick Hucknall feierte mit Simply Red ab 1984 Welterfolge

und verkaufte weltweit über 70 Millionen

Tonträger. Den Durchbruch schafft die Band aus

Manchester mit ihrem Debutalbum „Picture Book“

(1985), es folgen weitere erfolgreiche Alben und

Songs. Mit Hits wie „If You Don’t Know Me By Now“

(1989) oder „Holding Back The Years“ (1995) gehört

die Musik des Frontsängers von Simply Red zu den

Klassikern der Musikgeschichte.

Seit Beginn seiner Karriere nutzt er seine Bekanntheit

zur Unterstützung benachteiligter Menschen.

Er setzt sich für Nonprofit-Organisationen wie die

SOS-Kinderdörfer ein, um Kindern und Jugendlichen

Unterstützung, Bildung und eine Chance auf

ein besseres Leben zu ermöglichen. Gemeinsam

mit internationalen Künstlern bezieht er Position in

humanitären Krisen – zum Beispiel bei Veranstaltungen

wie dem Konzert „Refugee Voices for Darfur“

zugunsten der Opfer des Bürgerkriegs im Sudan

und dem „Concert of Hope“ zum Welt-Aids-Tag.

Als Teil der Initiative „Music Declares Emergency“,

rief Hucknall jüngst im Namen der Musikindustrie

den Klimanotstand aus. Von der britischen Regierung

fordern sie, den Verlust der Biodiversität

umzukehren und die Klimaneutralität bis zum Jahr

2030 zu erreichen.

Vermeiden,

verringern,

verbessern.

J

edes Jahr fallen in Deutschland mehr als 18 Millionen Tonnen Verpackungsmüll

an. Um einen Beitrag zur Reduzierung der Abfallmenge zu

leisten, setzt sich die REWE Group dafür ein, Verpackungen wo möglich zu

vermeiden, zu verringern oder zu verbessern.

Verpackungen sind im Alltag allgegenwärtig.

Nicht ohne Grund: Sie halten Nahrungsmittel

frisch, schützen sie und machen häufig ihren

Transport erst möglich. Außerdem bieten

sie Platz für wichtige Informationen über das

Produkt.

Die REWE Group hat es sich zum Ziel gesetzt,

bis Ende 2030 sämtliche Verkaufs- und

Serviceverpackungen der Eigenmarken von

REWE, PENNY und toom Baumarkt umweltfreundlicher

zu gestalten. Wo es möglich ist,

soll komplett auf Verpackungen verzichtet

werden. Ein Beispiel hierfür ist die Salatgurke,

bei der durch Optimierung der komplexen

Transportprozesse trotz ihrer hohen Empfindlichkeit

ab sofort ganzjährig auf die Schutzfolie

verzichtet werden kann.

Häufig ist es auch möglich, Kunststoffverpackungen

zu verringern, wie bei den Nudelverpackungen

von REWE und PENNY. Durch die

Umstellung des Verpackungsdesgins von einem

Clipbeutel auf einen verschweißten Beutel

werden mehrere Tonnen Kunststoff jährlich

eingespart. Zur weiteren Reduzierung von

Plastik wurde außerdem die Folienstärke reduziert

– zum Beispiel bei den Umverpackungen

von Toilettenpapier und Küchentüchern.

Wie sich Verpackungen umweltfreundlicher

gestalten lassen, zeigt der vermehrte Einsatz

von Rezyklat bei Eigenmarken für Wasch-,

Putz- und Reinigungsmittel von REWE und

PENNY. Sie bestehen teilweise zu 100 Prozent

aus wiederverwertetem Kunststoff, der

wiederum zu einem Fünftel aus dem Gelben

Sack stammt. Als erster Händler hat REWE im

Frühjahr 2019 zudem eine Wasserflasche auf

den Markt gebracht, die zu 100 Prozent (ausgenommen

Deckel und Etikett) aus recyceltem

Kunststoff besteht. Seit Sommer verkauft auch

PENNY zwei Wasserflaschen, die zu 100 bzw.

80 Prozent aus Rezyklat hergestellt werden.

So werden Rohstoffe im Kreislauf gehalten und

Ressourcen eingespart. Zur weiteren Reduzierung

von Verpackungsmüll werden stetig alle

Sortimente geprüft, um Schritt für Schritt die

Eigenmarkenverpackungen zu optimieren. Immer

getreu der Devise: vermeiden, verringern,

verbessern.

Insgesamt sparen wir über

8.200 Tonnen Kunststoff pro Jahr!

Über

202

Millionen

Plastiktüten

pro Jahr

0,5

Tonnen

Treibhausgase bei

einer Millionen

Verpackungen

5

Tonnen

Verpackung pro

Jahr

Rund

590

Tonnen Plastik

pro Jahr

188

Millionen

Stück

pro Jahr

Über

205

Tonnen Plastik

pro Jahr


Druck: www.druckstudiogruppe.com

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