Unternehmensrisiko Wasser

macondogroup

Eine wachsende Weltbevölkerung und ein steigender Bedarf an Konsumgütern: Süßwasser ist eine knappe Ressource, von der wir künftig immer mehr benötigen. Gleichzeitig gefährden Dürre- und Hochwasserkatastrophen die bestehenden Vorkommen. Für Unternehmen sind das keine guten Nachrichten, sind sie doch auf sauberes Süßwasser angewiesen, um ihre Produkte herzustellen. Aber wie können Unternehmen mit den Wasserrisiken in ihrer Lieferkette umgehen und ihre Geschäftstätigkeit absichern?
Diese und weitere Fragen zum Thema Wassermanagement beantworten wir im altuellen UmweltDialog-Magazin „Unternehmensrisiko Wasser“.

Ausgabe 12

November 2019

9,00 EUR

Wasser

Über den nachhaltigen Umgang mit

unserer wertvollsten Ressource

umweltdialog.de


Kli. ma . schutz . sys . tem =

klimafreundlich drucken

und kopieren

Klimaschutz ist wichtiger denn je. Kyocera hilft Ihnen dabei, Ihren Büroalltag klima- und umweltfreundlicher

zu gestalten. Rohmaterial, Produktion, Transport und Entsorgung der Basissysteme werden

durch Klimaschutzprojekte CO 2 -kompensiert.* Mehr Informationen unter: printgreen.kyocera.de

* Alle von Kyocera Document Solutions Deutschland und Kyocera Document Solutions Österreich vertriebenen

Toner (ab dem 01.05.2013) sowie Geräte (ab dem 01.10.2019) sind durch zertifizierte CO 2 -Kompensation klimaneutral;

Geräte mit Ausnahme von Zubehör, Software, Ersatzteilen sowie Lieferungen aus vor dem 01.10.2019

begründeten Lieferverpflichtungen.

kyoceradocumentsolutions.de


Wasser

Beginnen wir ...

EDITORIAL

... mit drei einfachen, schon tausend Mal wiederholten Tatsachen: Erstens, ohne

Wasser gibt es kein Leben. Zweitens, nur ein Bruchteil der Wasservorkommen

weltweit ist trinkbar. Und drittens: Ungeachtet dessen verschwenden, verschmutzen

und vernichten wir jeden Tag enorme Wasserreserven.

Unter den Folgen leiden nicht nur ärmere Länder. Auch reiche Länder wie

Deutschland oder die USA trifft es. Wir reden etwa über zu hohe Nitratwerte

hierzulande. In Michigan ist das Trinkwasser bleiverseucht. In Teilen Bangladeschs

sind zu hohe Salzgehalte für 20 Prozent der Kindersterblichkeit verantwortlich.

In Großbritannien befinden sich nur 14 Prozent der Flüsse in einem

guten Zustand. Und überall natürlich Mikroplastik und Chemikalien.

Die Weltbank warnt in einer neuen Studie vor den Folgen der schleichenden

Verschmutzung unseres Trinkwassers. Die Bedrohung sei deutlich größer als

bisher bekannt, schreiben die Autoren: „Das ganze Ausmaß des Problems zu

verstehen, die Schwere der Auswirkungen zu identifizieren und Möglichkeiten

zur Bekämpfung zu formulieren wird für die Verbesserung der Gesundheit der

Menschen, für den Schutz der Ökosysteme und die Erzeugung eines nachhaltigen

Wirtschaftswachstums im 21. Jahrhundert entscheidend sein.“

In unserer aktuellen Ausgabe gehen wir deshalb auf das Wasserthema mit all

seinen Facetten ein: Wassermangel ist ein ganz wesentlicher Punkt. Immer

größere Teile der Welt stehen unter erheblichem Wasserstress. Das wird ein

wachsender Grund für Konflikte und Fluchtursachen werden.

Kluges Wassermanagement ist die richtige Antwort darauf: Wasser ist eine

geteilte Ressource – was an der einen Stelle entnommen wird, fehlt an anderer.

Immer mehr Firmen erkennen, dass gutes Wassermanagement auch gut für die

Gesellschaft und damit letztendlich das eigene Geschäftsmodell ist.

Abschließend schauen wir auf Wasser als Ware: Das „blaue Gold“ ist das ganz große

Geschäft. Manche Player machen dabei schäbbige Geschäfte, manche ehrliche.

Viel Spaß beim Lesen wünscht im Namen der gesamten Redaktion Ihr

Dr. Elmer Lenzen

Chefredakteur

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 15.05.2020.


6

Wasser ist eine geteilte Ressource:

Was der eine sich nimmt, steht dem

anderen nie mehr zur Verfügung.

WASSERMANGEL

Wasser. Knappheit, Klimawandel, Welternährung .......20

Jahrhundertdürre, sinkendes Grundwasser,

Brände – Bricht jetzt eine Ära weltumspannender

Wasserknappheit an?

Matt Damon: Trinken heißt denken ................................24

Der Filmstar, Philanthrop und Mitbegründer von

Water.org, Matt Damon, erklärt, wie Wasser

bedrückende Lebensumstände verbessern kann.

Wasserkrise Indien: „Wir bekommen,

was wir verdienen“ .............................................................28

Einmal im Jahr wird Indien daran erinnert, dass die

Katastrophe schon da ist. Sie ist zum großen Teil

selbstverschuldet.

Das 50-Liter-Haus .............................................................34

Duschen, kochen, waschen, Toilettenspülungen.

Alles mit nur 50l am Tag? Klar, sagt P&G und zeigt wie.

Inhalt

BEWÄSSERUNG

Nach uns die Wüste ...........................................................38

Intensive Landwirtschaft sichert in Spanien Jobs.

Aber nur kurzfristig. Immer schneller versiegt das

Grundwasser.

EINFÜHRUNG

Wasser: Eine kostbare, geteilte und vor allem

verschwendete Ressource .................................................. 6

Megatrend Wasser: In vielen Regionen der Welt ist der

Bedarf an sauberem Wasser groß, die Ressourcen sind

aber knapp. Das Geschäft mit dem „blauen Gold“ boomt.

Doch abseits der Renditen bahnt sich eine globale

humanitäre Katastrophe an.

„Die Vergeudung von Trinkwasser

ist ein Kernproblem“ ............................................................ 9

Interview mit Dr. Frank Hüesker, Sprecher Arbeitsgemeinschaft

Sozialwissenschaftliche Wasserforschung

Verantwortung für Wasser

Umsetzung bei Nestlé .......................................................45

Nestlé will bis 2025 will alle Standorte der Wasser-

Sparte nach dem AWS-Standard zertifizieren lassen.

Kleiner Tropfen, große Wirkung .......................................48

Methoden wie die Tröpfchenbewässerung und ein

innovatives Wasserressourcen-Management werden

nicht nur in Ländern mit großer Trockenheit immer

wichtiger.

Fishyleaks ............................................................................50

Wasser als Lebensgrundlage? Das gilt auch für den

Fischfang. Whistleblower helfen gegen Überfischung.


Wasser

WASSERMANAGEMENT

Ohne Wasser laufen die Geschäfte nicht .......................52

Ob Geschäftsmodell oder wichtiges Produktionsmittel:

Unternehmen sind auf ausreichend sauberes Wasser

angewiesen, wollen sie dauerhaft am Markt bestehen.

„Eine schlechte Governance führt zur

Wasserknappheit“ ..............................................................54

Die Alliance for Water Stewardship (AWS) unter Leitung

des WWF will Wassermanagement professionalisieren.

24

Viele Prominente engagieren sich.

Nicht jeder glaubhaft.

Matt Damon schon.

Wasserrisiken managen – ja! Aber wie? ........................60

Der Global Compact hilft mit Coachings bei besserem

betrieblichen Wasserumgang.

Standards und Leitfäden ...................................................62

Gärtner haben ein natürliches Interesse an

effizientem Wassermanagement ....................................64

Das Geheimnis guten Gärtnerns liegt nicht zuletzt

in der richtigen Bewässerung der Pflanzen. Für

Hobbygärtner sind Gartencenter und Baumärkte

dabei wichtige Partner.

Abwasserfreie Automobilproduktion ..............................66

Die Autobranche will auf Dauer Automobile CO 2

-neutral

und abwasserfrei produzieren. Beobachtungen von der

Wegstrecke.

WASSER ALS WARE

28

Wasserkrise Indien:

„Wir bekommen, was wir

verdienen“

Schlürfrechte .......................................................................68

Mit kaum einer anderen Ressource lässt sich so viel Geld

verdienen. Tendenz steigend.

Wasser als Ware ................................................................. 74

Vorteile und Nachteile der Privatisierung der

Wasserwirtschaft

Deutschland hat genug Trinkwasser

für alle – noch ..................................................................... 78

Nahezu in der gesamten Nordhälfte Deutschlands sind

die Böden in einer Tiefe von bis zu 1,80 Meter extrem

ausgetrocknet.

68

Beim Geschäft mit

Wasserflaschen herrscht

Goldgräberstimmung.


Wasser

Wasser:

Eine kostbare, geteilte und vor allem

verschwendete Ressource

Megatrend Wasser: In vielen

Regionen der Welt ist der

Bedarf an sauberem Wasser

groß, die Ressourcen sind

aber knapp. Das Geschäft mit

dem „blauen Gold“ boomt.

Doch abseits der Renditen

bahnt sich eine globale

humanitäre Katastrophe an

– mit weit reichenden Folgen

für Politik und Wirtschaft.

Von Dr. Elmer Lenzen

Eigentlich müsste Carolyn Goodman

eine glückliche Frau sein. Die 80-Jährige

ist seit 8 Jahren Bürgermeisterin

von Las Vegas. Zuvor regierte ihr

Mann an gleicher Stelle 12 Jahre die

Stadtgeschicke. Seit zwei Jahrzehnten

ist die Politik in der Glitzerstadt in der

Wüste von Nevada, die sich ganz dem

Glück verschrieben hat, somit eine

Art Familienbetrieb.

Goodman kann aber auch aus anderen

Gründen zufrieden sein: Ihre Stadt

boomt wie kaum eine andere in den

USA. 6.000 Neubürger zieht es monatlich

nach Las Vegas. Sie kommen,

weil die Steuern niedrig sind und

das Jobangebot groß ist. Die Winter

sind mild, das Wetter ist meist sonnig

– und es regnet so gut wie nie.

Und genau hier fangen die Probleme

von Carolyn Goodman an: Der Glücksspielmetropole

Las Vegas droht der

Verdurstungstod. Die künstliche Oase

liegt in einer der trockensten Regionen

der Erde.

Nach Angaben von Umweltexperten

könnten die Wasserquellen in den

kommenden 50 Jahren versiegen,

wenn nicht bald der Verschwendung

ein Ende bereitet wird. Derzeit verbraucht

jeder Bürger von Las Vegas

umgerechnet täglich 776 Liter Wasser,

berichtet die US-Umweltbehörde

EPA. Was übrigens schon eine

Verbesserung bedeutet: 2003 lag der

Wert noch bei fast 1.200 Litern. Zum

Vergleich: In Deutschland liegt der

durchschnittliche Wasserverbrauch

pro Kopf und Tag bei 123 Litern. Gar

nicht mitgerechnet sind dabei die in-

6 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Foto: Paul / stock.adobe.com

Wassermangel

wird

zunehmend

zu einem

Politikum.

direkten Verbräuche, etwa durch den

Konsum entsprechend Wasser-intensiv

hergestellter Produkte wie Kaffee

oder Kakao.

So wie Goodman geht es immer mehr

Bürgermeistern in aller Welt: Das

Wasser wird knapp. In den letzten 100

Jahren hat sich der Verbrauch versiebenfacht,

und als Folge ist die verfügbare

Süßwassermenge allein seit

1970 um 40 Prozent gesunken. 400

von 660 chinesischen Großstädten leiden

heute bereits unter Wasserproblemen.

Alleine in Peking fehlen fast 800

Millionen Kubikmeter Wasser und

312 Millionen Bauern haben nicht genug

sauberes Trinkwasser. Spanien,

Portugal und Frankreich mussten im

Jahr 2005 aufgrund von unerwarteten

Niederschlagsausfällen ihre Wasserversorgung

rationieren, und in Mexiko

lag der Anteil übernutzter unterirdischer

Reservoirs bereits Mitte der

90er Jahre bei 20 Prozent, berichtet

der auf Wasser spezialisierte Fondsanbieter

Pictet.

Der Großteil der Süßwasserentnahmen

entfällt nicht etwa auf die Haushalte,

sondern auf Landwirtschaft und

Industrie. Und an dieser Stelle setzen

Konzepte zu Wassermanagement

bzw. Water Stewardship an. Im weiteren

Verlauf der Ausgabe berichten

wir mit Praxisbeispielen ausführlich

darüber.

„Die nächsten Kriege werden um

Wasser geführt“

Doch mit Blick auf die Zukunft sollte

man auch Risiken nicht aus den Augen

lassen: Wassermangel wird zunehmend

zu einem Politikum. Dem ehemaligen

UN-Generalsekretär Butros

Ghali wird die Prophezeiung zugeschrieben,

dass „die nächsten Kriege

um Wasser geführt werden“. Vorboten

zeichnen sich schon heute ab:

So nutzt etwa die Türkei den GAP-

Staudamm in Ostanatolien, der an der

Quelle von Eufrath und Tigres erbaut

wurde, um die Anrainerstaaten Syrien

und Irak politisch zu disziplinieren.

Die Ernten und damit das Überleben

im Zweistromland hängen heute auch

davon ab, wieviel Wasser die Türkei

weiterleitet.

Besonders dramatisch ist die Situation

in vielen Ländern der Südhalbkugel:

Die Migrationswellen, die heute

schon Afrika verlassen und auf Europa

zurollen, wie etwa jüngst auf

die Kanaren, sind auch dem Wassermangel

geschuldet. Die Vereinten

Nationen schlugen daher schon vor

Jahren Alarm und forderten in ihren

Millennium Development Goals eindringlich

eine gerechtere Verteilung.

Ihren Berechnungen zufolge werden

sich im Jahr 2050 fast zehn Milliarden

Menschen das Süßwasser der Erde

teilen müssen. Schon heute aber fehlt

für 2,2 Milliarden Menschen weltweit

der Zugang zu sauberem Trinkwasser.

4,2 Milliarden Menschen, das entspricht

rund 55 Prozent der Weltbevölkerung,

müssen ohne Latrinen und

ohne jegliche Abwasserversorgung

auskommen. Verschmutztes Trinkwasser

und mangelhafte Abwasserentsorgung

sind die Ursache für 80

Prozent aller Krankheiten in den Entwicklungsländern.

Täglich sterben

Tausende Kinder an Durchfallerkrankungen,

Hepatitis A und Wurminfektionen,

die durch verseuchtes Wasser

übertragen werden.

Wasser ist Frauensache

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation

(WHO) braucht der

Mensch mindestens 20 Liter sau- >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

7


Wasser

Foto: Marion Lenzen

beres Wasser am Tag, um gesund leben

zu können. Drei bis fünf Liter zum

Kochen, den Rest als Trinkwasser und

für Hygiene. Allein durch einfaches

Händewaschen mit Wasser und Seife

ließe sich die Zahl der oft tödlichen

Durchfallerkrankungen weltweit um

über ein Fünftel senken.

Die Länder südlich der Sahara leiden

am stärksten unter Wassermangel.

Hier verfügt im Schnitt nur jeder

zweite Einwohner über ausreichend

Trinkwasser und den Zugang zu sanitären

Einrichtungen. In Afrika ist

das Wasserholen traditionell Frauensache.

Der Weg zu den häufig entfernt

liegenden Wasserstellen oder verschmutzten

Flüssen kostet die Frauen

und Mädchen oft viele Stunden am

Tag. Zeit, die für die Arbeit und den

Schulbesuch fehlt. Im Senegal, wo

nur 35 Prozent der Landbevölkerung

Zugang zu sauberem Trinkwasser hat,

können 72 Prozent der erwachsenen

Frauen nicht lesen und schreiben, dagegen

nur 53 Prozent der Männer.

Hilfe und ein Umlenken sind hier

dringend gefordert. Dabei setzen die

UN sowie staatliche und zivilgesellschaftliche

Entwicklungshilfe-Organisationen

verstärkt auf die Partnerschaft

mit Unternehmen und privaten

Investoren. „Es ist entscheidend, dass

wir proaktiv werden und den Privatsektor

einbinden, um diese Herausforderungen

in Chancen zu verwandeln,“

mahnte etwa Klaus Töpfer, vormals

Direktor von UNEP. In rund 70 Ländern

arbeiten entwicklungspolitische

Organisationen und private Unternehmen

in Public Private Partnerships,

sogenannten PPP-Projekten, zusammen.

Das Thema Wasser ist hierbei

nach Angaben der Bundesregierung

zentral.

Es geht aber auch anders, nämlich

durch sinnvolles Wassermanagement

und pfiffige Ideen: Eine Handvoll

Lehm, Tee oder Reis, Stroh und Kuhfladen

sind die einfachen Mittel, durch

die Menschen in aller Welt Zugang zu

sauberem Wasser bekommen könnten.

Tony Flynn, Materialwissenschaftler

an der Australian National University

in Canberra, hat schon vor Jahren eine

innovative Technik entwickelt, durch

die Wasserfilter aus einfachen, weit

verbreiteten und billigen Materialien

hergestellt werden könnten.

Eine Handvoll Lehm

Zum Brennen der Filter ist kein spezieller

Ofen notwendig, sondern nur

ein Feuer aus Stroh und Kuhdung.

Die Filter entfernen zuverlässig

Krankheitserreger wie beispielsweise

Coli-Bakterien. Tony Flynns Ziel war

es, eine effektive Filtertechnik zu entwickeln,

die überall auf der Welt die

leichte und kostengünstige Aufbereitung

von Wasser zulässt. "Diese Filter

haben das Potenzial, allen Menschen

sauberes Trinkwasser zugänglich

zu machen", so der Wissenschaftler.

Die Herstellung und Anwendung der

Filter ist sehr einfach zu erklären

und kann von jedermann überall auf

der Welt durchgeführt werden. Man

braucht dazu keinerlei westliche

Technologien oder spezielle Ausrüstungen.

Zur Herstellung der Filter wird eine

Handvoll trockener, zerstoßener Lehm

mit organischen Materialien wie

Teeblättern, Kaffeesatz oder Reishülsen

und etwas Wasser zu einer festen

Masse vermischt. Daraus wird ein zylindrischer

Topf geformt, der an einem

Ende geschlossen ist. Diese Form wird

in der Sonne getrocknet und dann gebrannt.

Innerhalb einer Stunde ist der

Filter gebrauchsfertig gebrannt. Seine

Erfindung hat Tony Flynn übrigens mit

Absicht nicht patentieren lassen, in

der Hoffnung, dass sie bald überall in

der Welt angewendet wird.

Auch in Las Vegas kann es so wie bisher

nicht weitergehen, weiß Bürgermeisterin

Goodman. Die Ableitungen

von Wasser aus dem Colorado River

reichen bei weitem nicht mehr aus.

Daher setzt die Stadt jetzt auf eine

Milliarden Dollar teure und mehr als

550 Kilometer lange Pipeline, die vom

Norden des Bundesstaates Wasser in

die durstige Stadt bringen soll. Doch

damit zog sie sich die Feindschaft der

Bauern in den umliegenden Counties

Clark, Lincoln und White Pine zu: Die

dürfen nämlich künftig nur eine festgelegte

Menge Wasser entnehmen.

Die Rechte für ihr Grundwasser hatte

Las Vegas vor 20 Jahren gekauft. In

Las Vegas weiß man eben, wann man

ein gutes Blatt hat. f

8 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de



Wasser

Die Vergeudung von

Trinkwasser ist ein

Kernproblem

Interview mit

Dr. Frank Hüesker,

Sprecher Arbeitsgemeinschaft

Sozialwissenschaftliche

Wasserforschung,

Helmholtz-Centre for

Environmental

Research – UFZ

UmweltDialog: Wasser ist eine geteilte

Ressource – was der eine nimmt,

nimmt er immer auch dem anderen.

Was heißt das für unseren Blick auf

und unser Verständnis von Wasser?

Dr. Frank Hüesker: Das heißt, dass

Wasser ein Politikobjekt ist und die

Fragen seiner Verteilung in politisierten

Prozessen und Institutionen

geregelt werden muss. Zugleich sind

Begrenztheit und Umkämpftheit von

verfügbarem sauberen Wasser im

Alltagshandeln – ob von Privatleuten

oder Unternehmen – meist nicht

sichtbar. Deswegen erregen seltene

Dürren wie 2018 bei Mitteleuropäern

auch solche Aufmerksamkeit.

Viel wertvolles Trinkwasser geht aufgrund

schlechter Leitungen verloren

oder wird für Toilettenspülungen

vergeudet. Nun haben weder Staaten

ausreichend Geld, tausende Kilometer

Leitungen neu zu verlegen, noch

lassen sich in Altbauten die Wassernetze

einfach ändern. Was kann man

dennoch tun?

Hüesker: Die Vergeudung von Trinkwasser

ist eines der Kernprobleme,

wenn Wasserinfrastrukturen privatisiert

oder kommerzialisiert werden.

Dies geschieht, weil die Priorität des

Managements auf Fragen der Rentabilität

und Kosteneinsparungen gelenkt

wird. Wassertarif- bzw. Abwassertarifkalkulationsmodelle

mit bestandserhaltenden

Abschreibungsanreizen

werden in vielen Staaten erfolgreich

angewandt, sodass weniger schlechte

Leitungen als überdimensionierte >>

Wasserverbrauch im Haushalt in Deutschland

35 %

31 %

15 %

6 %

4 %

4 %

3 %

2 %

Baden /

Duschen

Toilette

Wäsche

waschen

Spülen

Putzen

Sonstiges

Kochen /

Trinken

Garten

Quelle:wohn-in.de

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

9


Wasser

Quellwasser

8,4 %

Uferfiltrat

8,6 %

Angereichertes

Grundwasser

8,8 %

See- und

Talsperrenwasser

12,2 %

Quelle: Statistisches Bundesamt,

Fachserie 19 Reihe 2.1.1 Öffentliche

Wasserversorgung und öffentliche

Abwasserbeseitigung – Öffentliche

Wasserversorgung 2015

Wassergewinnung

nach Wasserarten *

2013

*

Einschließlich der Wassermenge, die

durch Unternehmen gewonnen wird, die

Wasser ausschließlich weiterverteilen

Gesamt

5.053,4 Millionen

Kubikmeter

Grundwasser

60,9 %

Flusswasser

1,2 %

Leitungen

entstehen.

Auch außerhalb

Europas kann mit Entscheidungsträgern

diskutiert

werden, ob das gemeinwirtschaftliche

Politikmodell der kommunalen Daseinsvorsorge

ein Vorbild sein kann.

Anreize für Immobilieneigentümer,

in dezentrale Wasserwiederverwertungstechniken

zu investieren, müssen

von staatlichen Akteuren auf alle

Ebenen proaktiv geschaffen werden,

sonst sind solche Veränderungen

beispielsweise in Wohneigentümergemeinschaften

schwierig.

Vor allem durch die Intensivlandwirtschaft

wird der Grundwasserhaushalt

gestört. Andererseits brauchen

wir bei wachsender Weltbevölkerung

mehr Lebensmittel. Ein Teufelskreis?

Hüesker: Nein, ein Teufelskreis ist es

nicht, die landwirtschaftliche Produktion

muss sich aus vielen Gründen

aus der intensiven Bewirtschaftung

verabschieden, ob es um Wasserverbrauch,

Düngemitteleinsatz, Pflanzenschutzmittelverbrauch

oder anderes

geht, der Ressourcenverbrauch

ist zu hoch. Um die Ausgestaltung

dieser Agrarwende – natürlich mit

dem primären Ziel der Schaffung

von Lebensmittelsicherheit – wird

es harte politische Auseinandersetzungen

und es wird Gewinner und

Verlierer geben. Für die sozialwissenschaftliche

Wasserforschung sind

Fragen des Water Reuse interessant,

beispielsweise, welche Wasserqualitätsstandards

für Tierfuttergetreide

gelten sollten.

Der Klimawandel verlangt Anpassungsstrategien.

Dazu zählt Geoengineering.

Gibt es vergleichbare Techniken

auch beim Thema Wasser? Wie

sehen Sie hier insbesondere die Rolle

von Entsalzungsanlagen?

Hüesker: Der Klimawandel verlangt

Anpassungsstrategien, wie Dürren

zuletzt in Südafrika oder Australien

zeigen. Akteure wie Landwirte oder

private Gartenbesitzer sowie einzelne

industrielle Großverbraucher sind

hier zentral. Ob es sich in Einzelfällen

anbietet, hierfür Großtechnologien

wie Meerwasserentsalzungsanlagen

anzuwenden, die teuer und energieintensiv

sind, kann nur vor Ort von

den legitimierten Akteuren entschieden

werden. Aber zumeist kann die

sozialwissenschaftliche Wasserforschung

feststellen, dass Umverteilungen

und Verbrauchsmessungen

Knappheitsprobleme lösen können,

wie beispielsweise rund um Cape

Town die Reduktion des Wasserverbrauchs

durch Weinbauern.

10 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Wenn wir über verschmutztes Wasser

reden, denken die meisten an Rückstände

der Industrieproduktion. Sind

das wirklich die Hauptprobleme?

Hüesker: In Deutschland ist, wenn

wir an die Mikroschadstoffe in Gewässern

denken, die Landwirtschaft

ein großer Problemverursacher, ob

Pflanzenschutzmittel, Dünger oder

Tierarzneimittel. Auch der Alltagskonsum

von Medizin oder Plastik

verschmutzt flächendeckend Gewässer.

Hier stehen auch Herstellerindustrien

dahinter, die natürlich

den Absatz ihrer Produkte steigern

wollen und somit problemverstärkend

wirken.

Nitrat, Mikroplastik, Antibiotika, immer

mehr Belastungen im Wasser lassen

sich nur schwer, falls überhaupt,

herausfiltern. Was bedeutet das auf

lange Sicht für unsere Trinkwasserversorgung?

Hüesker: Aus dem Abwasser sind

diese Mikroschadstoffe nach dem

Stand der Forschung am UFZ herauszufiltern,

aber der Energieverbrauch

und der finanzielle Aufwand

sind hoch. Es ist eine politisch zu

entscheidende Frage, welche Gesellschaftsgruppe

welchen Teil der Verantwortung

und Kosten tragen sollte:

Die zentralen Infrastrukturen der Abwasserwirtschaft,

die Hersteller von

Pflanzenschutzmitteln oder Arzneien

oder die Nutzer (und Entsorger!) von

diesen Mikroschadstoffen. Für die

Trinkwasserwirtschaft ist die gestellte

Frage absolut zentral, genauso wie

öffentliche Forschung zu den langfristigen

Folgen von Mikroschadstoffen in

Gewässern für Ökosysteme und Menschen,

denn Industrieforschung reicht

hierzu nicht aus.

Zur Lösung der globalen Wasserkrise

werden in zunehmendem Maße Partnerschaften

zwischen staatlichen

Akteuren, Unternehmen und zivilgesellschaftlichen

Akteuren diskutiert.

Können Sie die Idee dahinter und die

Vorteile näher erläutern?

Hüesker: Die sogenannte globale

Wasserkrise ist grundsätzlich ein regional

auftretendes Wasserqualitätsund

/ oder -quantitätsproblem, und

natürlich kann es gut sein, dass private

Public Partnerships situativ zu

guten Problemlösungen und Verbesserungen

der Situation führen.

Gerade wenn sich Rahmenbedingungen

durch den Klimawandel ändern,

sind partizipative Politikmodelle

anzuwenden, um möglichst viele Akteure

und vorhandenes Wissen einzubinden.

Unternehmen sind dann

zentral, weil sie Technologien und

Infrastrukturen bereitstellen können,

beispielsweise für die Erfassung von

Wasserverbräuchen oder progressive

Regenwassersammlung. Aber der

Staat als Regulator muss die Partizipation

organisieren und faire Regeln

sicherstellen, wie kritische Diskussionen

um Water Metering und Social

Justice zeigen.

Unternehmen werden beim Thema

Wasser in der öffentlichen Wahrnehmung

oft nicht als Partner, sondern

als raffgierig und damit als Problem

wahrgenommen. Wie müssen Firmen

agieren, und was müssen sie auf jeden

Fall vermeiden, um gute Partner

zu sein?

Hüesker: Um gute Partner zu sein,

sollten sich Unternehmen auf den

kommunalwirtschaftlichen (kostendeckenden)

Geist der Wasserwirtschaft

einlassen und jeden Anschein

der Kommerzialisierung der Trinkwasserversorgung

und der Renditeerzielungsabsicht

vermeiden. Ein Negativbeispiel

war die Kampagne der

teilprivatisierten Berliner Wasserbetriebe

für eine Erhöhung des Wasserbrauchs

aus diesen Gründen.

Vielen Dank für das Gespräch! f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

11


Wasser

Die Welt im

Wasser-

stress

Die größten Städte im Wasserstress

Städtische

Ballungsgebiete

Land

Einwohnerzahl

(2010)

Quellen

Tokyo Japan 36.933.000 Surface (WG)

Delhi Indien 21.935.000 Surface (WBM, WG), Ground

Mexiko Stadt Mexiko 20.142.000 Ground (stress), Surface

Shanghai China 19.554.000 Surface (WBM, WG), Ground

Peking China 15.000.000 Ground (stress), Surface

Kalkutta Indien 14.283.000 Surface (WBM, WG), Ground

Karachi Pakistan 13.500.000 Surface (WBM, WG), Ground

Los Angeles USA 13.223.000 Surface (WBM, WG), Ground

Rio de Janeiro Brasilien 11.867.000 Surface (WG)

Moskau Russland 11.472.000 Surface (WBM, WG), Ground

Istanbul Türkei 10.953.000 Surface (WG), Ground

Shenzhen China 10.222.000 Surface (WG)

Chongqing China 9.732.000 Surface (WBM), Ground

Lima Peru 8.950.000 Surface (WG), Ground (stress)

London UK 8.923.000 Surface (WBM, WG), Ground

Wuhan China 8.904.000 Surface (WBM, WG)

Tianjin China 8.535.000 Surface (WBM, WG), Ground

Chennai Indien 8.523.000 Surface (WG), Ground

Bangalore Indien 8.275.000 Surface (WG), Ground

Hyderabad Indien 7.578.000 Surface (WBM, WG), Ground

Quelle: ScienceDirect

12 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

wenig oder keine Wasserknappheit

Ökonomische Wasserknappheit

annähernd Physische Wasserknappheit

Physische Wasserknappheit

Nicht erfasst

Quelle Grafik: Comprehensive Assessment of

Water Management in Agriculture, 2007

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

13


Wasser

#Verfügbarkeit

Foto: UN Photo / Ky Chung

14 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Foto: UN Photo/Logan Abassi

Foto: Dusan Kostic / stock.adobe.com

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

15


Wasser

Foto: Richard Carey / stock.adobe.com

16 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

Foto: Magnus Manske, flickr2commons / commons.wikimedia.org/wiki/File:

A_young_boy_sits_over_an_open_sewer_in_the_Kibera_slum,_Nairobi.jpg


Wasser

#Verschmutzung

Foto: Hanoi Photography / stock.adobe.com

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

17


Wasser

Foto: masahiro / stock.adobe.com

Foto: TOMASZ TULIK / stock.adobe.com

18 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Foto: UN Photo / Olivier Chassot

#Verteilung

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

19


Wasser

Wasser.

Knappheit, Klimawandel, Welternährung

Foto: ollirg / Fotolia.com

20 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

„Jahrhundertdürre in

Australien“, „Die Flüsse

trocknen aus“, „Die

Grundwasservorräte

schwinden“: Eine Ära

weltumspannender

Wasserknappheit scheint

angebrochen zu sein.

Von Dr. Dieter Gerten

In gewissem Sinne täuscht das oft

beschworene Bild vom „blauen

Planeten“, und zwar auf dreierlei

Weise: Erstens ist nur ein kleiner

Bruchteil des Wassers auf der Erde für

eine menschliche Nutzung geeignet,

da es sich ganz überwiegend um salziges

Meerwasser handelt und auch

die Süßwasservorräte nach Abzug der

unzugänglichen Anteile (Eismassen,

tief liegendes Grundwasser, entlegene

Gewässer, Schutzgebiete, Hochwasserabflüsse)

stark begrenzt sind.

Zweitens bleibt die globale Wassermenge

zwar immer gleich, doch ist sie

aufgrund der natürlichen Anordnung

der Klimazonen und der permanenten

Wasserkreisläufe sehr ungleich

in Raum und Zeit verteilt. Drittens

schließlich ist das lebensnotwendige

Element Wasser durch absolut nichts

ersetzbar.

Kein Wunder also, dass die Menschheit

seit Anbeginn einen erstaunlichen

Erfindungsreichtum an den Tag

gelegt hat, sich immer neue Wasservorräte

zu erschließen und zu diesem

Zwecke die natürlichen Vorräte und

Läufe einer Kontrolle und ‚Korrektur‘

zu unterwerfen: durch Umlenkung,

Regulierung und Aufstauung

von Flüssen; durch Entnahmen für

Bewässerung, Haushalte und Industrie;

durch Auffangen von Tau und

Nebel mit Netzen und Türmchen;

durch Pumpen aus immer tieferen

Grundwasserschichten; durch Einfuhr

von Produkten, da für deren eigene

Herstellung das Wasser fehlt; und

neuerdings auch durch energie- und

kostenaufwändige Entsalzung von

Meerwasser. Aber mittlerweile sind

wir global in einem kritischen Stadium,

denn die vor allem in den letzten

Jahrzehnten immens gestiegene Wassernachfrage

kann in vielen Regionen

kaum noch gedeckt werden.

So leben derzeit um die zwei Milliarden

Menschen in wasserknappen

Gebieten, wohinter sich eine Vielzahl

an Wasserkrisen mit unterschiedlichen

Symptomen verbirgt. Beispielsweise

sind in einigen Regionen, etwa

im Mittleren Westen der USA und im

nördlichen Indien, die (allenfalls über

viele Jahrhunderte hinweg wieder

auffüllbaren) Grundwasserspeicher

nahezu leergepumpt; viele Gewässerökosysteme

sind degradiert; und Wasserversorgungsengpässe

betreffen

mittlerweile selbst Megastädte wie

Mexiko-Stadt, Kapstadt oder Neu-Delhi.

Hinzu kommen massive Wasserqualitätsprobleme:

immer noch zweieinhalb

Milliarden Menschen haben

keine sanitäre Grundversorgung, 750

Millionen Menschen keinen gesicherten

Zugang zu Trinkwasser. Darüber

hinaus zeigt inzwischen auch der

globale Klimawandel Konsequenzen

wie zurückgehende Niederschläge,

häufigere und intensivere Dürren gerade

in Regionen, die ohnehin schon

recht trocken sind, was die Konflikte

um Wasser in Zukunft nur verschärfen

kann.

Jede Pflanze benötigt eine bestimmte

Menge Wasser zum Wachstum:

Infolge dieses Grundprinzips ist die

Landwirtschaft von jeglicher Wasserknappheit

ganz unmittelbar betroffen.

Deshalb rückt die Frage in den

Vordergrund, ob angesichts der aktuellen

Ausgangslage und unter dem

Szenario eines weiter voranschreitenden

Klimawandels die Nahrungsmittelproduktion

für eine zukünftig >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

21


Wasser

auf etwa zehn Milliarden steigende

Weltbevölkerung gewährleistet werden

kann. Bilanzierungen zufolge

wäre dies zwar möglich, aber letztlich

nur, wenn quasi weltweit die Wasser-

und Landwirtschaft reformiert

und nachhaltiger gestaltet wird. Eine

solche Entwicklung deutet sich im

Rahmen des im dem letzten Jahrzehnt

begonnenen Paradigmenwandels an,

der indes konsequent weitergeführt

werden muss. Eine Maxime dieser

wasserwirtschaftlichen Renaissance

ist ein Perspektivwechsel weg von der

Frage, woher immer mehr Wasser für

die Befriedigung verschiedenster Bedürfnisse

herangezogen werden kann,

hin zur Frage, wie viel Wasser in einem

bestimmten Gebiet natürlich vorhanden

ist und wie dieses nachhaltig

unter Beachtung der lokalen hydrologischen,

ökologischen und sozialen

Voraussetzungen nutzbar ist.

Zur Umsetzung dieser Agenda bietet

sich ein Füllhorn unterschiedlichster

Maßnahmen an. Ein Bespiel ist die

Hinwendung zu Wasserversorgungstechniken,

die keiner neuen Großbauten

und keines Wassertransfers

über weite Strecken hinweg bedürfen

(Prestigeprojekte, die ökologische

und soziale Probleme mit sich

bringen und auch wirtschaftlich oft

nicht rentabel sind). Bei solchen „weichen“

Techniken handelt es sich im

Wesentlichen um kleinskalige, dezentrale

Bewirtschaftungsmethoden

mit hoher Wassernutzungseffizienz.

Im landwirtschaftlichen Bereich wären

dies etwa Wassersammelanlagen

(Zisternen, Mikrodämme, Einlassungen

in den Boden), hoch effiziente

Bewässerungstechnologien wie die

verlustarme Tropfbewässerung oder

die Umlenkung von „unproduktiver“

Verdunstung aus dem Boden zuguns-

22 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Foto: Tobias Müller / Fotolia.com

Wasser

ten der Pflanzentranspiration und somit

des Biomasseaufbaus.

Letzteres ist eine von vielen Möglichkeiten,

das oft übersehene, insbesondere

für die nicht bewässerte

Landwirtschaft jedoch essentielle

„grüne“ Wasser – also das im Boden

gespeicherte Regenwasser im Gegensatz

zum flüssigen „blauen“ Wasser

in Flüssen, Seen und Grundwasserkörpern

– aktiv in das Management

einzubeziehen. Mit einer klugen, an

den jeweiligen Standort angepassten

Kombination von Maßnahmen zur effektiven

Nutzung grünen und blauen

Wassers wäre es sogar möglich, die

Agrarproduktion weltweit deutlich zu

steigern, ohne zusätzliches Wasser

oder Land zu beanspruchen.

Bei allem technischen Einsparpotenzial

ist es aber auch ein unverzichtbares

Element, den Wasserbedarf an

sich zu hinterfragen und Anreize für

dessen Reduzierung zu schaffen. Unter

anderem kann eine Umstellung

der Ernährung – und hierbei namentlich

der Verzicht auf tierische Produkte

– große Wassermengen einsparen

(insbesondere bezüglich der Bewässerung

von Futtermitteln) und für andere

Nutzungen freigeben. Dies verweist

auch direkt auf die Herkunft unserer

international gehandelten Konsumprodukte

bzw. die „virtuellen“ Wassermengen,

die bei deren Erzeugung

verbraucht werden bzw. verdunsten

(ohne direkt im Endprodukt enthalten

zu sein): Durch den Anbau von

Produkten in eher wasserreichen Ländern

und deren Export in wasserarme

Länder bzw. in Länder, wo die Erzeugung

desselben Produkts einen höheren

Wasserverbrauch hätte, können

global größere Wassermengen eingespart

werden.

Dieser virtuelle Wasserhandel spielt

bereits heute eine eminente Rolle für

Länder etwa im Nahen Osten, denen

es an Wasser und somit urbarem Land

fehlt, um genügend Nahrungsmittel

für ihre eigene Bevölkerung anzubauen.

Somit wäre es auch Aufgabe jedes

Unternehmens, seine Lieferketten

hinsichtlich ihres Wasserverbrauchs

und entsprechende Einsparpotenziale

zu prüfen.

Schon diese kurze Liste an Varianten

der Wassereinsparung macht

deutlich, dass die Vermeidung einer

„globalen Wasserkrise“ ganz wesentlich

eine kulturelle Frage ist. In der

Wasserfrage spiegelt sich sozusagen

unser Verhältnis zur Natur, und so

ist es nur folgerichtig, dass auch die

weit verbreitete und tief in der Zivilisationsgeschichte

verankerte religiöse

Symbolik des Wassers als vitales

Schöpfungs- und Lebenselement wiederentdeckt

bzw. neu betont wird.

All dies gipfelt in dem Bemühen, eine

neue Wasserethik zu etablieren, welche

die Gewässerökosysteme wieder

in einen intakten Zustand überführt

und den gerechten, transparent und

demokratisch ausgehandelten Zugang

aller Menschen zu sauberem Wasser

gewährleistet – also allen Menschen

eine Mindestwasserversorgung zur

Deckung ihrer Grundbedürfnisse zu

garantieren.

Frauen, Kindern, Armen und indigenen

Bevölkerungsgruppen und deren

spezifischen Sichtweisen kommt insbesondere

bezüglich der gerechten

Verteilung von Wasser eine besondere

Rolle zu. Die Frage, wie man

das unentbehrliche, durch nichts ersetzbare

Wasser nutzen kann, ohne

die natürlichen Lebensgrundlagen

zu kompromittieren, ist eine massive

zivilisatorische Aufgabe für das

21. Jahrhundert und darüber hinaus:

Sie wird die Menschheit bis an ihr

Ende begleiten. f

Dr. Dieter Gerten ist Professor of

Global Change Climatology &

Hydrology, Humboldt-Universität zu

Berlin sowie Coordinator Earth

Modelling and Head of Flagship

Activity OPEN am PIK in Potsdam.

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

23


Wasser

Foto: Jon Lee

24 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Matt Damon:

Trinken heißt denken

Der Filmstar, Philanthrop und Mitbegründer von Water.org, Matt Damon, erklärt, wie einer der

simpelsten Rohstoffe der Erde in der Lage dazu ist, die komplexesten und teilweise sogar die

verheerendsten Lebensumstände zu verbessern.

Von Danny Bowman

Viele Prominente engagieren sich.

Nicht jeder glaubhaft. Daraus hat sich

bei einigen Aktivisten die Angewohnheit

entwickelt, jedes Engagement zu

kritisieren. Das bekommt beispielsweise

Matt Damon zu spüren, der sich

sehr dezidiert für Nachhaltigkeitsfragen

einsetzt. Als eines der bekanntesten

Gesichter seiner Branche stellt der

Schauspieler ein leichtes Angriffsziel

dar. Mit all dem Hype und Rummel

um seine Person ist er in der Tat auch

Teil einer globalen Vermarktungsmaschine,

die in den Augen mancher

Kritiker finanzielle Interessen über

das Wohlergehen der Welt stellt, sei

es das des natürlichen Lebensraums

oder das der Weltbevölkerung.

Im Falle des 48-Jährigen ist allerdings

jegliche Kritik haltlos. Der Star

aus „Good Will Hunting“, der „Jason

Bourne“-Serie, „Oceans Twelve“ und

„Der Marsianer“ ist alles andere

als ein dreister und herzloser Hollywood-Beau

- stattdessen hat er sogar

Verständnis dafür, dass einige Menschen

ein kritisches Auge auf prominente

Botschafter werfen.

„Ich denke, dass es im Kampf gegen

Natur- und Umweltschutz wesentlich

darum geht, dass Menschen nicht das

Gefühl haben wollen, man würde sie

belehren“, sagt Damon. „Das kann ich

vollkommen nachvollziehen.“

Zugleich sind es Sätze wie dieser, aus

denen sein Frust spricht und die anecken:

„Natürlich sind auch nicht alle

Hilfegesuche frei von Scheinheiligkeit.

Es gibt auch Leute, die um Hilfe

bitten und selber nicht das Geringste

tun.“

Versöhnlicher fügt er hinzu: „Ich

möchte nur sagen, dass ich hoffe, dass

meine Taten lauter sprechen als meine

Worte. Ich weiß mit Gewissheit,

dass ich die Projekte, die ich derzeit

unterstütze, immer noch verfolgen

würde, selbst wenn ich nicht im Rampenlicht

stünde. Den leidenschaftlichen

Drang etwas zu verändern, habe

ich schon immer besessen, er kommt

von innen heraus.“

Damons Arbeit ist in vielerlei Hinsicht

bemerkenswert. Er ist Mitinitiator des

Projekts „Not On Our Watch / The

Sentry“, in dessen Rahmen Finanzmittel

mobilisiert werden, um Völkermorde

und Massengräueltaten in Afrika,

wie etwa in Dafur, aufzuarbeiten. Dazu

zählt etwa die Förderung lokaler Projekte

der Hilfsorganisation Feeding

America, die sich für die Bekämpfung

des Hungers einsetzt und ver- >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

25


Wasser

sucht, mithilfe der „ONE“-Kampagne

die Risiken von AIDS und Armut einzudämmen.

Die Mitbegründung der Nichtregierungsorganisation

Water.org bezeichnet

Matt Damon als seinen bisher

bedeutendsten Beitrag. Die auf Gary

Whites Vision beruhende Organisation

hat es sich zum Ziel gesetzt, eines

der elementarsten menschlichen

Bedürfnisse zu befriedigen – nämlich

das nach sauberem, frischem Wasser.

Die Grundidee ist, dass nichts das Zusammenleben

in einer Gemeinschaft

so verändert wie die Verfügbarkeit

von Wasser.

„Von Anfang an wollte ich auch die

Wahrnehmung in Bezug auf das Wasser

verändern. Tatsache ist, dass im

Falle einer von Menschen verursachten

Naturkatastrophe eine Wasserkrise

praktisch überall auftreten kann“,

sagt er. „Wir müssen uns der Vorstellung

entziehen, dass dies ein Problem

ist, das in von Armut betroffenen Regionen

und weit entfernten, abgelegenen

Ländern auftreten kann. In Wahrheit

kann es uns alle treffen. Solange

keine schnellen und maßgeblichen

Maßnahmen erfolgen, sind wir aller

einer potenziellen Gefahr ausgesetzt,

die uns binnen 48 Stunden erreichen

kann.“

Die Tatsache, dass Damon, Absolvent

der Harvard University, gleichermaßen

klug wie mitfühlend ist, ist

für den in Massachusetts geborenen

Schauspieler ironischer Weise nicht

immer von Vorteil. Denn seine Verbundenheit

zu den Menschen und ihren

Geschichten bedeutet auch, dass

er nicht einfach loslassen kann.

Er erzählt die Geschichte eines 13-jährigen

Mädchens im vom Erdbeben

Wasser ist

überall zu

finden – in

Flüssen, in

Ozeanen,

sogar unter

unseren

Füßen. Es

ist absurd,

dass wir

immer noch

Probleme

haben, es

dorthin zu

bringen, wo

es dringend

benötigt

wird.“

geplagten Haiti, dessen Dorf endlich

dazu in der Lage war, eine zuverlässige

Wasserversorgung wiederherzustellen.

„Dieses junge Mädchen hatte

zuvor drei bis vier Stunden am Tag

damit verbracht, nach Wasser zu suchen

– kann man sich das vorstellen?

Ich fragte sie, was sie nun mit all der

zusätzlichen Zeit anfangen würde und

sie entgegnete nur: Spielen.

Das hat mich bis ins Mark erschüttert.

Diese Kinder sollten nicht mit solchen

Dingen konfrontiert werden. Viele leiden

unter extremer Armut, und man

mag glauben, dass die Überlebenden

Glück gehabt hätten, weil sie noch

hier sind und ihre Geschichte erzählen

können. Allerdings haben sie ihre

Kindheit, ihre Lebensgrundlage oder

jegliche Aussicht auf eine erfolgreiche

Zukunft verloren.

Die wahre Ironie besteht darin, dass

wir, während wir in den betroffenen

Regionen mit den Leuten sprechen,

sehr oft nicht weiter als 20 Fuß (6 Meter)

von einer Wasserquelle entfernt

sind. Da sich das Wasser aber im Erdinneren

befindet, ist es für die örtlichen

Bewohner nicht zugänglich.“

Als Damon von Whites Vision von

Water.org erfuhr, wollte er mitmachen:

Die NGO vergibt Mikrokredite („Water

Credits“) an Bedürftige. Der erste

Schritt der Projektarbeit ist oft der

Ausbau bzw. die Instandsetzung der

Infrastruktur: Je nach regionalen Gegebenheiten

liegt der Fokus zunächst

auf der Wasseranbindung der Slums

sowie der finanziellen Unterstützung

der dort lebenden Menschen. Ähnlich

wie im Fall des 13-jährigen Mädchens

aus Haiti steigen mit der sichergestellten

Wasserversorgung dann auch die

Hygienestandards. Den Slum-Bewohnern

wird nun auch die Möglichkeit

26 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

geboten, die eingesparte Zeit in bezahlte

Arbeit zu investieren, damit ein

aufgenommener Kredit in einem regulären

Zeitraum von ein bis drei Jahren

zurückgezahlt werden kann.

„In der heutigen Gesellschaft ist man

der Ansicht, dass alle Staaten sich um

ihre Bürger kümmern sollten. Die Realität

sieht leider anders aus“, sagt

Damon. „In einigen Fällen wurden

bis zu 25 Prozent des Einkommens

für die Anbindung des eigenen Heims

an Wasser ausgegeben – das ist untragbar.

Wenn eine Initiative wie

‚WaterCredit‘ dazu beiträgt, den Ausbau

der Wasserversorgung mit Hilfe

von finanzieller Unterstützung voranzutreiben,

dann müssen wir unsere

Arbeit fortsetzen.“

Water.org bietet hierfür ein Investitionsprogramm

(sogenannte Water-

Equities), das die Ziele von Kreditnehmern

und Kapitalgebern vereint,

indem es den Bedürftigsten notwenige

Finanzmittel gewährt, während

Investoren durch Renditen (etwa 3,5

Prozent) ebenfalls davon profitieren.

Mit jedem Jahr setzt sich die Vision

der Gründer ein Stück mehr in die Tat

um. Damon: „Die Darlehen zahlen sich

zwischen 97 und 99 Prozent aus, mein

Mitbegründer kam auf diese geniale

Idee. Damit werden nicht nur Leben

verändert, sondern auch sichere Renditen

geboten.“

Das durchschnittlich aufgenommene

Darlehen beläuft sich auf rund 300

US-Dollar. Inzwischen sind fast 2,5

Millionen dieser Kredite ausgegeben

worden. Doch es bleibt viel Arbeit:

Nach neuesten Angaben der Weltgesundheitsorganisation

(WHO) haben

rund 850 Millionen Menschen weltweit

auch heute noch keinen Zugang

zu grundlegender Wasserversorgung.

Dies kommt zum Teil daher, dass

die Distribution, die Qualität und der

Preis des Wassers immer als lokales

Problem wahrgenommen wird. Das

führt dazu, dass es auf Seiten der

Vereinten Nationen keine Anlaufstelle

gibt, die sich ausschließlich mit

Wasserfragen befasst. Stattdessen

überwachen, strukturieren und stellen

über 30 UN-Organisationen ihre

jeweils eigenen Wasser- und Sanitärprogramme

zusammen.

„Wahrscheinlich soll es so sein: Wenn

wir Wasser als lokales Projekt begreifen,

dann können wir auf dieser Ebene

die Feinheiten besser klären“, stimmt

Damon zu. „Das einzige, was global

bleiben muss, ist das Bewusstsein,

und dazu können wir alle beitragen:

Wir schreiten gemeinsam voran.“

Im Jahr 2018 geriet das Projekt heftig

in die Kritik, als „Water.org“ während

des Super Bowl Finales einen

gemeinsamen Werbespot mit Stella

Artois ausstrahlte. Die Getränkemarke

erklärte sich in der sogenannten

„Taps“-Kampagne dazu bereit, für

jedes verkaufte, 13 US-Dollar teure

Trinkglas 3,13 US-Dollar zu spenden.

Mit jedem erworbenen Glas sollte

der Wasserbedarf einer Person in einem

Entwicklungsland für fünf Jahre

finanziert werden.

Social-Media-Nutzer, Wasserexperten

und Zahlenakrobaten stellten diese

Kennzahlen jedoch sehr schnell in

Frage. Außerdem zweifelten sie an der

Glaubwürdigkeit der Werbeaktion, die

nicht eindeutig klarstellte, dass das

Wasser nicht direkt an die Haustüren

derjenigen gebracht werde würde, die

es benötigten. Die Skepsis beweist

in diesem Fall allerdings nicht, dass

„Water.org“, Stella Artois oder Matt

Damon (in seiner leidenschaftlichen

Werbeansprache) in irgendeiner Weise

unaufrichtig waren oder dass ihre

angegebenen Zahlen nicht gerechtfertigt

und verifiziert werden konnten;

vielmehr wurde deutlich, dass wir in

einer Zeit leben, in der Fakten besser

überprüft werden können als je zuvor.

In Zeiten, in denen jeder über einen

Internetzugang verfügt, müssen

Organisationen ihre Botschaften noch

präziser, wohlüberlegter und auf

potenzielle Kritik hin überprüfen.

„Es enttäuscht mich, dass es Leute

manchmal darauf anlegen, Gesten der

Hilfe falsch zu interpretieren“, sagt

Damon. „Hautfarbe, Armutsgrad oder

Herkunft dürfen keine Rolle spielen –

wir sollten die Thematik stattdessen

unter den simpelsten Gesichtspunkten

betrachten: Diese Menschen brauchen

Hilfe, und wenn es umgekehrt

wäre, würden wir hoffen, sie würden

uns auch helfen.“

Er fährt fort: „Wir wollen weder Lob

noch Publicity. Stattdessen möchten

wir sicherstellen, dass irgendwann

genug getan wurde, damit hoffentlich

kein Kind eines Glases Wasser wegen

leiden muss.

Ein Scheitern in dieser Sache wäre

katastrophal, da es sich bei Wasser

um viel mehr handelt als nur darum,

den Wasserhahn aufzudrehen. Das

Wasser nimmt einen erheblichen Einfluss

auf den Klimawandel, die Hygienestandards,

den Erwerbstätigkeitsgrad,

den Urbanisierungsprozess, die

Menschenrechte, die Ernährung wie

auch die Geschlechtergleichstellung.

Es ist die Quelle des Lebens und nicht

bloß ein Schluck aus einem Glas.“ f

Aus dem Englischen

von Darja Ljubin

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

27


Wasser

Foto: khandrola / istock.com

28 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Wasserkrise Indien:

„Wir bekommen,

was wir verdienen“

Einmal im Jahr wird Indien daran erinnert,

dass die Katastrophe schon da ist. Sie ist

zum großen Teil selbstverschuldet.

Von Gilbert Kolonko

Dass es in Indien heiß ist und

der Asphalt schmilzt, generierte

diesen Sommer nur in

wenigen deutschen Medien

Schlagzeilen, denn das ist es um diese

Zeit dort jedes Jahr.

Dafür schaffte es die südindische Metropole

Chennai bei uns in die Nachrichten.

Dort soll das Wasser für die

10 Millionen Bewohner nun per Zug

aus dem benachbarten Bundesstaat

Kerala kommen, weil die eigenen

Wasserreserven aufgebraucht sind.

Dass der auch dieses Jahr zu spät eintreffende

Monsun in Chennai zum

Wasserproblem beiträgt, trifft zu,

doch hat die lokale Wasserkrise auch

vorwiegend lokale Ursachen: Die sich

ehemals über 200 Quadratkilometer

erstreckenden Feuchtgebiete vor den

Toren der Stadt waren bis 1980 'moderat'

geschrumpft, auf eine Fläche von

186,3 km 2 . Heute weisen sie aber >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

29


Wasser

„Lernt aus

unseren

Fehlern und

stoppt die

Zerstörung

der Feuchtgebiete

in

Kolkata“

nur noch 15 Prozent ihrer einstigen

Größe auf, wie eine Studie des Care-

Earth Trust aufzeigt. Hauptgründe

sind der Boom von IT-Unternehmen

im Süden von Chennai und allgemein

das Wachstum des Immobilienmarktes.

So werden 35 Prozent des Wassers

für die wachsende Bevölkerung

Chennais vom 235 Kilometer entfernten

Veeranam-See herangepumpt.

Zusätzlich wird massiv Grundwasser

abgezapft. Wegen der Verdichtung

der Metropole haben sich die Grundwasserstöcke

nicht wieder aufgefüllt

und dürften in naher Zukunft komplett

leer sein.

Im Jahr 2015 kam es in Chennai durch

starken Regen zu großen Überflutungen.

Früher nahmen die Feuchtgebiete

mit ihren Seen und Zuläufen einen

großen Teil des Wassers auf, linderten

damit die Flutschäden und agierten

als Speicher.

Heute nehmen die Verantwortlichen

nicht einmal die Gelegenheit wahr,

größere Mengen Regenwasser zu

nutzen. Zwar werden in Chennai seit

2001 Anstrengungen unternommen,

Regenwasser zu speichern, doch bisher

schafft es die Regierung nicht,

die Einhaltung der neugeschaffenen

Gesetze, etwa Bauvorschriften, zu

kontrollieren. So wird zwar in nachahmenswerten

Einzelfällen Wasser

gespeichert, doch bleibt das unsystematisch.

„Die Regierung von Tamil

Nadu braucht einen Wasserplan für

den Bundesstaat und für Chennai“,

sagt Dr. Avilash Roul vom Indian Institute

of Technology (IIT) aus

Chennai gegenüber Telepolis und

fährt fort: „Chennai benötigt jeden Tag

1.200 Millionen Liter Wasser. Doch

aktuell kann die Regierung nur 550

Millionen Liter liefern. Im Jahr 2030

wird Chennai sogar 2.100 Millionen

Liter pro Tag benötigen.“ Dann erklärt

Roul, warum die Regierung endlich

ihre gesammelten Wasserdaten mit

der Öffentlichkeit teilen müsse: „Viele

verschiedene Organisationen versuchen,

die Wasserkrise zu lösen. Im

Kleinen die deutsche GIZ, oder die holländische

Regierung, die selbst einige

Wasser-Projekte ausführt. Auch das

IIT-Institut versucht seinen Teil zur

Lösung beizutragen, obwohl es selbst

Probleme hat und es auf seinem Campus

nicht genug Wasser gibt. Doch

damit diese Projekte nicht mit denen

der großen Player, der diversen Entwicklungsbanken

kollidieren, braucht

es einen Gesamtplan der Regierung.“

Dann mahnt Roul an, die Feuchtgebiete

Chennais Stück für Stück zurückzugewinnen

und gibt dem Bundesstaat

West-Bengalen einen Rat: „Lernt

aus unseren Fehlern und stoppt die

Zerstörung der Feuchtgebiete in Kolkata“,

um abschließend zu betonen,

dass nicht nur Chennai einen Plan für

die Bewältigung der Wasserkrise benötige,

sondern das ganze Land. „Der

30 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Schon nach einer

halben Stunde

Regen stehen

indische Städte

wegen Versiegelung

der Böden

und verstopfter

Gullys unter

Wasser.

Eine öffentliche

Fähre in Kolkata –

die Regierung

schafft es kaum,

die staatlichen

Angebote instand

zu halten, aber will

die Geografie des

Landes auf den

Kopf stellen.

Kolkatas

Feuchtgebiete

müssen dem

Wachstum

weichen.

Fotos: Gilbert Kolonko

jüngste nationale Wasserplan für Indien

stammt aus dem Jahr 2012.“

Einen Plan gibt es auch in West-Bengalen

nicht. Wie schon mehrmals auf

Telepolis berichtet, wird in Kolkata

jeden Tag ein weiteres Stück der

Feuchtgebiete dem Wirtschaftswachstum

geopfert. Dies obwohl die Feuchtgebiete

der Hauptstadt West-Bengalens

die Abwässer von Millionen von

Menschen reinigen und das Klima moderieren.

Laut einer Studie der Weltbank

wird Kolkata in der Zukunft eine

von zehn Städten sein, die die Folgen

der Klimakrise am meisten zu spüren

bekommen werden – und die Autoren

erwähnen sogar, dass die Armen am

meisten darunter leiden.

Doch nicht nur in Bengalen oder

Tamil Nadu haben die Verantwortlichen

seit Jahren die Augen verschlossen;

21 indischen Städten soll bis

2020 das Grundwasser ausgehen, darunter

auch der Hauptstadt New Delhi,

sagt eine Studie des regierungsnahen

Thinkthanks Niti Aayog. Die Studie

prognostiziert, im Jahr 2030 würden

40 Prozent der indischen Bevölkerung

keinen Zugang zu Trinkwasser mehr

haben.

„Wir bekommen, was wir verdienen“,

erklärt der Aktivist Pratip Nag aus

Kolkata: „Indien ist kein Land unschuldiger,

des Lesens und Schreibens

unkundiger Eingeborener – in

den Großstädten sind 90 Prozent der

Bevölkerung alphabetisiert. Aber

genau diese angeblich gebildeten

Großstädter aus der aufstrebenden

Mittelklasse sind es, die nur das eigene

Vorankommen interessiert, dazu

Konsum und die Anhäufung von Luxusgütern.

Vor zwei Monaten haben

sie wieder einen Mann zum Premierminister

gewählt, der nichts zu bieten

hat außer Populismus und Nationalismus.“

Nag fügt an, Narendra Modi

habe nichts dafür unternommen, die

Verschmutzung der Flüsse oder der

Luft zu stoppen oder ein anderes der

elementaren Probleme Indiens anzugehen

und nennt als Beispiel dafür,

dass Indien die höchste Arbeitslosenzahl

seit 47 Jahren aufweise.

Auch ein Blick nach Neu-Delhi zeigt,

was Nag meint. Dort regiert die Aam

Aadmi Party (AAP), die 2012 aus einer

Antikorruptions-Bewegung heraus

entstand und drei Jahre später

67 von 70 Sitzen im Stadtparlament

gewinnen konnte. Mittlerweile machen

immer mehr Hauptstädter die

AAP dafür verantwortlich, dass Delhi

das Wasser ausgeht und der Fluss der

Hauptstadt, der Yamuna, immer noch

eine Kloake ist. Für beides ist aber die

Zentralregierung zuständig. Auch in

Sachen Luftverschmutzung hat keine

Regierung Delhis je so viel versucht,

wie die AAP. Sie verbot für das Lichterfest

Diwali, während dem die gesamte

Metropole für Tage in Rauchschwaden

gehüllt zu sein pflegte, den Verkauf

von Feuerwerk. Unter der Woche

dürfen Fahrzeuge nur im tagweisen

Wechsel auf Delhis Straßen fahren,

entsprechend ungerader oder gerader

Anfangszahl auf ihrem Nummernschild.

Alte Diesellaster werden seit

2017 nicht mehr in die Stadt gelassen,

Arbeiten auf Baustellen wurden eingestellt.

Die AAP trifft keine Schuld

daran, dass jedes Jahr im November

die Bauern in den umliegenden Bundestaaten

Punjab und Haryana die

Stoppeln auf ihren Feldern abbrennen

und Delhi so von einer Rauchwolke

eingehüllt wird. Die Bauern können es

sich nicht leisten, die Überbleibsel der

Pflanzen auf umweltschonende Weise

zu entsorgen.

So hätten die Wähler Delhis eigentlich

bei den Parlamentswahlen 2019

die Zentral-Regierung abstrafen müssen,

stattdessen gewann Modis >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

31


Wasser

Der Yamuna

Fluss in Delhi

Fotos: Gilbert Kolonko

Sandraub aus

indischen

Flüssen und

eine tatenlose

Regierung mit

gefährlichen

Träumen

Bharatiya Janata Party (BJP) in Delhi

alle sieben Sitze. Dass sich Indiens

Wähler nicht von Fakten beeinflussen

lassen, zeigte auch eine Studie

des Umweltministeriums; nach vier

Modi Jahren war der Ganges an vielen

Stellen dreckiger als 2014. In Zukunft

wird es solche Wasser-Studien wohl

nicht mehr geben, denn das Umweltministerium

musste die Aufsicht über

die Flüsse an das Wasser-Ministerium

abtreten. Dieses ist nach der Parlamentswahl

2019 in Jal-Shakti-Ministerium

umbenannt worden und plant

nun das größte Bewässerungsinfrastruktur-Programm

der Erde – die

Vernetzung von Flüssen und Wasserreservoirs

in ganz Indien. Dabei sollen

3.000 zusätzliche Staudämme und

15.000 Kilometer neue, die 30 großen

Flüsse Indiens miteinander verbindende

Kanäle entstehen, um auch die

Großstädte mit Wasser zu versorgen.

Ähnliche Pläne gab es auch schon

früher, doch 1999 lehnte die National

Commission for Water Resource

Development so etwas nach intensiver

Prüfung ab, da die Auswirkungen

auf Natur und Umwelt nicht absehbar

sind. Nun befürwortet Mukesh

Ambani diese Pläne, der Besitzer des

Konzerns Reliance Industries Limited,

der von Narendra Modi in den

letzten Jahren mit einer Reihe von

Staatsaufträgen bedacht wurde. Doch

dass bei solchen massiven Eingriffen

in die Natur auf einen Konzernchef

gehört werden sollte, bezweifelt Dr.

Gopal Krishna von Toxicwatch: „Dass

natürliche Flüsse in ein künstliches

Netzwerk verwandelt werden können,

heißt nicht, dass man einfach Wasser

von A nach B transportieren kann, wie

es mit Containern getan wird. Flüsse

sind nicht einfach ,Dinge‘, in denen

Wasser fließt, sie sind ein Teil der

Dynamik der Umwelt, die sie umgibt.

Die derart groß angelegte Umleitung

der Flüsse wird Teilen Indiens das bescheren,

was dem Aralsee widerfahren

ist.“ Das heißt die Austrocknung.

Auf die Behauptung der Befürworter

der Mega-Flussumleitungen, es würde

Indien viel kosten, das Projekt nicht

in Angriff zu nehmen, antwortete Dr.

Krishna mit einigen Fragen, die das

South Asia Network of Dams, Rivers

& People (SANDRP) stellt: Was kostet

die Vernachlässigung des Regenwasser-Erntepotenzials

in den indischen

32 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Flusseinzugsgebieten, einschließlich

der Austrocknung der Grundwasserstöcke

in den Städten? Was kostet die

Vernachlässigung der Wartung von

Entwässerungssystemen in landwirtschaftlichen

Gebieten? Was kostet die

Verschmutzung der indischen Süßwassersysteme?

Was kostet Indien die

Exportgewinne der wasserintensiven,

indirekt vom Staat subventionierten

Zuckerindustrie? Und zusätzlich fragt

Dr. Krishna, was es Indien kostet,

wenn eine Generation von Kindern

wie in New Delhi wegen Luftverschmutzung

mit kleineren Lungen

aufwächst als ihre Altersgenossen in

der westlichen Welt.

In ein paar Wochen wird die Wasserkrise

in Indien wieder für 10 Monate

aus den Medien verschwunden sein.

Auch in Chennai gehen seit Dienstag

die ersten Monsunschauer nieder. In

den nächsten Wochen werden dann

aus Indien vorwiegend Meldungen

von Überschwemmungen zu lesen

sein, wie auch aus Bangladesch, Nepal

und Pakistan – im letzten Winter

hat es außergewöhnlich viel geschneit

im Himalaya und Karakorum. Dazu

ticken in Indiens nördlichen Bergstaaten

etliche Zeitbomben, Hunderte von

Erdrutschen und auslaufgefährdeten

Gletscherseen bedrohte Staudämme.

Nach Schätzungen wurden dieses

Jahr im nordwestlichen Bundesstaat

Uttarkhand alleine auf der 770 km langen

Strecke zwischen Rishikesh und

Srinagar 19 Millionen Tonnen Erde

bewegt und Tausende von Bäumen gefällt,

um es mehr indischen Touristen

zu ermöglichen, schneller in ihre Sommerurlaubsgebiete

zu gelangen.

Was Monsun und Erosion entblößter

Zonen anrichten können, zeigte

sich 2013, als Überschwemmungen

und Erdrutsche im Tempelparadies

Uttarkhand 1.000 Menschen das Leben

kosteten.

Was eine damals 28-jährige Australierin

erzählte, die sich während des

Unglücks in den Bergen Uttarkhands

aufhielt, überraschte mich nicht:

„Zwar waren Brücken und viele Wege

weggespült worden, aber schon leichtes

Trekking über Erdhügel half mir,

wieder ins Tal zu gelangen. Doch viele

indische Touristen waren körperlich

nicht einmal fähig, die kleinste Anhöhe

zu erklimmen.“ Wie auch? Wer

möchte schon bei bis zu 999 Mikrogramm

Feinstaub (Partikelgröße 2,5)

in Indiens Großstädten Joggen gehen –

mehr zeigen die Feinstaubmessgeräte

in Indien glücklicherweise nicht an…

So verstehen viele indische Wochenend-Touristen

unter Trekking auch

nicht Laufen, sondern einen Ausflug

in die Berge mit dem Jeep, sogenanntes

Jeep-Trecking. Dass in diesem Teil

der Erde eine von der Natur völlig entfremdete

Mittelklasse heranwächst,

ist kein Vorwurf, sondern eine Tatsache.

Eine Generation, die sich anscheinend

so sehr an Lärm, Dreck und

verpestete Luft gewöhnt hat, dass sie

glaubt, das Äußerste an Natürlichkeit

im öffentlichen Raum sei eine saubere

und klimatisierte Shopping-Mall.

Ausnahmen gibt es natürlich auch in

Indien.

Um dieser Entwicklung zu begegnen,

sind eigentlich Schulen und Medien

da. Indiens Schulen werden jedoch

immer mehr privatisiert und sind daher

gewinnorientiert. Wichtig ist, die

Lernenden mit Fähigkeiten auszustatten,

die hilfreich sind, um einen gut

bezahlten Job zu ergattern. Was die

Qualität der Medien anbelangt, ist ein

Blick auf den Index der Pressefreiheit

2019 erhellend; Indien ist unter 180

Ländern auf Platz 140 abgerutscht

(Pakistan 142., Bangladesch 150.).

Was

kostet die

Verschmutzung

der

indischen

Süßwassersysteme?

Spätestens ab Oktober werden in

den deutschsprachigen Medien wieder

die üblichen Schlagzeilen zu den

Chancen der deutschen Wirtschaft

auf einem boomenden Riesen-Markt

auftauchen. Artikel über die dreckigen

Ledergerbereien Kolkatas und

Chennais eher nicht, schließlich ist

die EU mit Deutschland und Italien an

der Spitze der größte Abnehmer der

Gerbereierzeugnisse Indiens. Ersatzweise

zu Hauf Nachrichten über Einzelschicksale,

wie die Vergewaltigung

einer 100-Jährigen. Im Januar 2019

stellte Neues Deutschland fest, dass

die Suchmaschine bei den Begriffen

'Indien Vergewaltigung' alleine bei

Spiegel Online 367 Artikel „auswarf“.

Unter 'Spiegel Online Indien, Kolkata,

Feuchtgebiete' findet man nichts,

nichts über Indien.

Ab Mai 2020 wird es dann wieder

heiß in Indien, bis im Juni der Asphalt

schmilzt. Das tat er übrigens am

Dienstag (25.6.) auch in Alstedde/Lünen

bei Dortmund. f

Der Artikel erschien

im Original in Telepolis.

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

33


Wasser

Das 50-Liter-Haus

Duschen, kochen, waschen und vor allem Toilettenspülungen.

Über 160 Liter Wasser verbraucht jeder

von uns im Haushalt – jeden Tag. Zu viel, findet

Procter & Gamble. Das Unternehmen steht deshalb mit

an der Spitze eines Programms, das sich einen 50-Liter

Wasserverbrauch je Haushalt zum Ziel gesetzt hat.

Grafik: Salome / stock.adobe.com

Duschen? Maximal eine Minute.

Klospülung? Ein Mal

am Tag. Kochen, putzen,

trinken, Wasser für Haustiere,

Blumen gießen? Maximal acht

Liter. Anfang 2018 stand die südafrikanische

Metropole Kapstadt kurz vor

„Day Zero“ – dem Tag, an dem kein

Wasser mehr aus dem Hahn kommt.

Schon vorher hatte die Stadtverwaltung

strenge Auflagen für die Wassernutzung

erlassen und die Wasserausgabe

auf gerade einmal 50 Liter pro

Person beschränkt. In allen Haushalt

wurden Wasserzähler installiert, die

wöchentlich abgelesen werden. Bei

Verstößen drohen 10.000 Rand Strafe.

Das sind umgerechnet rund 700 Euro.

Seitdem hat sich die Wassersituation

am Kap zwar etwas entspannt, aber

die latente Gefahr bleibt bestehen.

Christine Colvin, Wasserbeauftragte

des WWF Südafrika, warnte in der

34 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Tagesschau: „Wir müssen uns vor Augen

halten, dass Dürren Teil unseres

neuen Alltags sind. Die Gefahr bleibt,

und wir müssen uns auf das nächste

Mal vorbereiten.“

Genau an dieser Stelle setzt ein innovatives

Projekt des Konsumgüterherstellers

Procter & Gamble an: Das

weltweite Programm „50L Home“ zielt

darauf ab, den städtischen Wasserverbrauch

im urbanen Leben mit einer

einfachen Frage neu zu erfinden:

„Was wäre, wenn unsere zukünftigen

Häuser mit 50 Litern Wasser pro Tag

und Person betrieben werden könnten,

sich aber dennoch „wie 500 Liter

anfühlen“ würden?“ So wie Kapstadt

droht nämlich vielen Metropolen rund

um den Globus in Zukunft ein „Day

Zero“-Szenario. 14 der 20 größten

Städte der Welt erleben bereits Wasserknappheit.

Wir sprachen über die Projektidee

und was das alles beinhaltet mit

Frantz Beznik, R&D Director und Head

of Sustainable Innovation bei P&G. Mit

mehr als 20 Jahren Erfahrung in der

Forschung und Entwicklung von P&G

ist Beznik ein unermüdlicher Streiter

für Nachhaltigkeitsfragen in verschiedenen

Kategorien und P&G-Milliarden-Dollar-Marken

(Ariel/Tide, Mr

Clean/Meister Proper etc.). So hat

er unter anderem die Themen Cold-

Washing und Einzeldosierung durch

„Ariel-Pods“ ins Leben gerufen.

Beznik sagt von sich selbst, seine

Leidenschaft sei es, „Innovationsgrenzen

auf Make Sustainable Irresistible

anzuheben“. Dafür hat er

neue Ansätze entwickelt, um Ideen

und Innovationen zu inspirieren, die

„für den Verbraucher im Kern wirklich

unwiderstehlich sind und somit

zu unwiderstehlichen Angeboten für

das Unternehmen führen“. Der Weg

dahin sei es, zunächst die wichtigen

Zukunftsfragen zu stellen und daraufhin

Ziele für P&G in Richtung eines

verantwortungsbewussten Konsums

bis 2030 zu definieren.

>>

Durchschnittlicher Wasserverbrauch

in einem Privathaushalt

Deutschland

Kapstadt

Toilettenspülung 47 l 9 l

Baden/duschen 32 l 10 l

Wasch-/

Spülmaschine

Kochen, trinken,

Geschirr spülen,

putzen

Körperpflege/

Hände waschen

34 l 10 l

24 l 18 l

21 l 2 l

Sonstiges 4 l 1 l

Summe 162 l 50 l

Quelle: Fraunhofer IKTS, Capetown Government/Thinkwater

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

35


Wasser


Wasser

ist das

neue

Gold.

Frantz Beznik, R&D Director

und Head of Sustainable

Innovation bei P&G

UmweltDialog: 50 Liter pro Person

und Haushalt, das bedeutet derzeit

erhebliche Einschränkungen. Wie

wollen Sie uns darauf vorbereiten?

Frantz Beznik: Das „50l-Home“-Projekt

ist eine Inspiration und eine Ambition

zugleich. Derzeit gibt es keine

Science-based targets für Wasser, an

denen wir uns orientieren können.

Aber 50 Liter Wasserverbrauch pro

Person war die Vorgabe in Kapstadt.

Wir haben deshalb diesen Wert als

Grundlage genommen und uns gefragt:

Was bedeutet es für Privathaushalte,

wenn wir diesen Wert

langfristig als normal voraussetzen?

Es gibt heute innerhalb der Fachwelt

und insbesondere den Wasserversorgungsgesellschaften

einen Konsens,

dass der Verbrauchswert unter 100

Litern Wasser pro Person und Tag

liegen kann und sollte. Das Ziel ist,

den Verbrauch auf durchschnittlich

80 Liter bis 2040 zu senken. Für die

Zeit danach müssen wir die 50 Liter

anpeilen. Das sind zwar keine wissenschaftlichen

Ziele, aber es sind

ambitionierte Ziele. Und das ist gut so,

denn es bewirkt, dass Innovation und

Ideen freigesetzt werden, um aus der

Vision Realität zu machen. Diese Idee

greift weit über die Handlungsfelder

von P&G hinaus. Deshalb streben wir

übergreifend öffentlich-private Partnerschaften

an, um neue, mutige Lösungen

zu entwickeln, die ein Leben

mit 50 Liter Wasser am Tag als Standard

von morgen wirklich attraktiv

machen.

Der Zusammenhang zwischen Wasser

und Klimawandel ist offensichtlich

und wird auch immer stärker

von Investoren eingeplant. Das zeigt

auch die Ausrichtung des Carbon Disclosure

Projects (CDP). Sind das für

Sie die Treiber des Umdenkens?

Beznik: Wasser ist das neue Gold. Natürlich

sind Kapitalmärkte wichtige

Treiber. Andere sind zivilgesellschaftliche

Akteure. Dabei fällt auf, dass

nicht immer alle Bereiche ausgeleuchtet

werden. Einigen Nichtregierungsorganisationen

geht es vor allem um

die Bewahrung der Wasserreservoirs.

Sie haben einen ökologischen Blick

auf das Thema. Andere wiederum beschäftigen

sich mit dem Zugang zu

Wasser, etwa im ländlichen Raum und

in Entwicklungszonen. Hier stehen

soziale Fragen im Mittelpunkt.

Wir ergänzen das mit dem Blick auf

die Privathaushalte. Neben der Landwirtschaft

ist das nämlich das größte

Verbrauchssegment. Immer mehr

Menschen ziehen außerdem in die

Städte, und deshalb werden Fragen

zum Wasserverbrauch in Privathaushalten

in immer mehr Städten existenziell.

Foto: P&G

Vielerorts kommt dann oft noch die

schlechte Infrastruktur dazu. Viel zu

viel Wasser geht auf dem Transportweg

verloren. Müssen da nicht erst

mal die Kommunen ihre Hausaufgaben

machen, bevor wir unser persönliches

Dusch- und Waschverhalten

ändern?

36 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Beznik: Das ist absolut richtig, und

deshalb sprechen wir hier auch von

einem notwendigen Systemwechsel.

Es reicht absolut nicht aus, wenn wir

als P&G neue Produkte entwickeln,

die soundso viel weniger Wasser verbrauchen.

Das ist zwar sehr wichtig,

aber wir müssen auch die Häuser und

Wohnungen selbst mit einbeziehen.

Wir müssen die Wasserleitungen

und das ganze Leitungssystem im

Haus verbessern. Deshalb schauen

wir beim 50l-Home Projekt auf das

gesamte Bild und nicht nur einzelne

Aspekte.

Wie funktioniert das 50l Home

Projekt ganz konkret?

Beznik: Wir beschäftigen uns mit der

Optimierung der Wasserkreisläufe

und Wasserverbräuche vor allem bei

Neubauten, aber auch bei Bestandsimmobilien.

Wir gehen dabei der Frage

nach, wie wir das Thema Bauen neu

denken und angehen müssen. Ein

Haus bauen bedeutet nämlich viel

mehr als nur die äußere Hülle errichten.

Es gibt bereits enorme Fortschritte bei

der Errichtung sogenannter Null-Emissions-Häuser

und sogar beim Aspekt

der Null-Emissions-Produktion der

Baubestandteile. Das ist alles die Hülle,

wenn Sie so wollen. Aber was passiert

danach? Dann werden oft völlig

dumme und überholte Technologien

in diese Häuser eingebaut. Ich denke

da an Hausgeräte, Boiler etc. Das alles

verursacht Konsum-basierte Emissionen

und die emittieren dann anschließend

das Vielfache an CO 2

, das vorher

beim Bau mühsam eingespart wurde.

Diese Fehler müssen wir vermeiden.

Wir müssen das Thema ganzheitlich

betrachten.

Bei Wasser etwa geht es um geschlossene

Wasserkreisläufe, kurze Wasserwege

im Haus sowie um eine effizientere

und auch mehrfache Nutzung

von Wasser. Nehmen wir das Beispiel

Duschen: Nur die ersten Minuten fällt

wirklich schmutziges Abwasser an.

Das meiste Wasser ist kaum verunreinigt.

Für Toilettenspülungen reicht

es vollkommen aus. Dafür müssen wir

kein Trinkwasser vergeuden. Wir müssen

die zu- und abgehenden Leitungen

im Haus so verlegen, dass Duschwasser

für Sanitäreinrichtungen gesammelt

und genutzt werden kann.

Wie gehen Sie dabei vor?

Beznik: Wir bemühen uns sehr aktiv

darum, Unternehmen, Entscheidungsträger,

Influencer und Communities

zusammenzubringen und bilden dabei

die gesamte Kette beim Wasserverbrauch

ab. Unser Ziel ist es, einen

niedrigeren Wasserverbrauch zuhause

in den Fokus der Aufmerksamkeit

zu rücken. Darüber hinaus entwickeln

wir gemeinsam konkrete Pilotprojekte,

um das Leben mit 50 Litern Wasser

am Tag in Städten überzeugend

zu demonstrieren. Wir werden das

am Beispiel von städtischen Wohnungen,

Hochhäusern und sogar einem

gesamten Stadtviertel an verschiedenen

Orten weltweit testen. Auf diese

Weise werden wir lernen, wie man die

Grundidee global skaliert.

Häuser bauen oder Leitungen verlegen

ist nun nicht das Geschäft von

Procter & Gamble. Warum beschäftigt

Sie das Thema?

Beznik: Die meisten unserer Produkte

sind mit der Nutzung von Wasser im

Haushalt verknüpft. Die Frage, wie

viel Wasser zur Verfügung steht, ist

daher elementar. Unter dem Stichwort

Cold Washing beschäftigen wir uns bereits

länger mit den Facetten. Beispiel

Ariel PODs für Waschmaschinen: Mit

Ariel und Tide können Verbraucher

zu Hause viel Energie sparen, indem

sie den Temperaturregler bei jeder

Wäsche nach unten drehen und so bis

zu 50 Prozent weniger Energie als bei

der Warmwäsche verbrauchen. Bis zur

Fertigstellung jedes Produkts waren

Jahre der Innovation und die Zusammenarbeit

mit Partnern nötig. Jedes

Produkt wird durch fortlaufende Kampagnen

in den Geschäften unterstützt,

damit die Käufer den Nachhaltigkeitswert

von Kaltwaschgängen bei gleichzeitig

hoher Leistung kennenlernen.

Der Anteil der Kaltwaschgänge ist seit

2010 von 38 auf 56 Prozent angestiegen.

Wir möchten, dass bis 2020 70

Prozent aller Waschladungen mit kaltem

Wasser gewaschen werden.

Anfang des Jahres haben wir außerdem

ein Trockenshampoo und verwandte

Produkte auf den Markt gebracht. Die

Kollektion umfasst ein ultraleichtes

wasserloses Schaumshampoo, ein

wasserloses Trockenshampoo-Spray,

wasserlose Trockenspülungen und

alkoholfreie wasserlose Haar-Erfrischer.

Die Haarpflegekollektion wird

zunächst in Kapstadt eingeführt. Darüber

hinaus planen wir flüssigkeitsfreie

Reinigungsprodukte für den

Haushalt. Die innovative Idee dabei

ist, Wasser aus dem Endprodukt zu

entfernen. Das spart außerdem 80

Prozent des Gewichts und gleichzeitig

70 Prozent des Platzbedarfs. f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

37


Wasser

Nach uns die

Wüste

Von Franziska Dürrmeister

Intensive Landwirtschaft

sichert in Spanien Jobs. Aber

nur kurzfristig. Immer schneller

versiegt das Grundwasser.

„Wir verlieren unwiderruflich

die besten Böden", klagen

Anwohner.

38 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Foto: Alex Tihonov / stock.adobe.com

Wasser

Agrarkonzerne graben den Menschen in Südspanien das

Wasser ab und hinterlassen plastikverseuchte Wüsten.

Jetzt regt sich Widerstand.

Alejandro Ortuño bremst das Auto ab und rollt im

Schritttempo ein Feld entlang. „Er ist magisch“, sagt er

und blickt auf einen markanten Berg, den Monte Arabí.

Grüne niedrige Bäume heben sich vom ockerfarbenen

Fels ab, der am höchsten Punkt steil abfällt. „Die Leute

hier lieben diesen Ort, diesen Berg“, sagt Ortuño, Leiter

der Umweltinitiative „Salvemos el Arabí y Comarca“. Es

dämmert. Aufgewirbelter Staub leuchtet im Abendlicht.

Auf dem Feld reflektiert etwas die letzten Sonnenstrahlen,

zwischen sattgrünen Brokkolipfanzen funkelt etwas. Es

sind Plastikfetzen, die, wohin man blickt, aus dem kargen

Ackerboden ragen.

In Yecla, in der Provinz Murcia im Südosten Spaniens, ist

die Erde trocken, staubtrocken und verschmutzt. Desertifikation

nennen Wissenschaftler den Prozess, der Ökosysteme

zerstört und Böden unfruchtbar zurücklässt, manche

sprechen auch von Verwüstung. Zwar herrschte hier

schon immer ein trockenes Klima, doch früher betrieben

die Bauern einen ressourcenschonenden Trockenfeldbau

von Wein, Oliven und Mandeln. In den vergangenen Jahren

jedoch haben Konzerne zunehmend Ackerflächen aufgekauft,

um dort Salat, Paprika, Brokkoli und Zitrusfrüchte

zu pflanzen. Früchte, die viel Wasser benötigen.

Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen

wird

Wasser, das hier nicht vorhanden ist. In Spanien blüht

das Geschäft der Agrarindustrie, Deutschland ist einer

der Hauptabnehmer der Feldfrüchte. Doch die ganzjährige

Verfügbarkeit von preiswertem Obst und Gemüse hierzulande

geht zu Lasten der Menschen in Spanien, denn die

dortigen Wasservorräte schrumpfen dramatisch. Der Klimawandel

verschärft die Situation. Der Sommer dauert in

Spanien inzwischen durchschnittlich fünf Wochen länger

als in den 80ern, Hitzewellen sind intensiver. In 33 der 50

spanischen Provinzen war es am Donnerstag zeitweise 44

Grad heiß. Es fällt wenig Niederschlag. Im vergange- >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

39


Wasser

nen Winter regnete es fast gar nicht. Aber nicht nur der Klimawandel

verschärft die Desertifikation, die Desertifikation

verschärft umgekehrt den Klimawandel, da sie natürliche Regenerationskreisläufe

zerstört.

Es ist ein Teufelskreis, der kaum wahrgenommen wird. Viele

Menschen denken bei Desertifikation in Spanien an die sogenannten

Badlands, etwa die Pseudowüste Tabernas in Andalusien.

Sie entstanden vor Tausenden Jahren mit der Verlandung

von Binnenseen nach einer tektonischen Hebung. Die

Erosion der Sedimente hinterließ eine karge Landschaft, die

an eine Wüste erinnert, aber keine ist. „Der Blick auf die Badlands

ist irreführend und der Grund dafür, dass wir Desertifikation

nicht genügend Aufmerksamkeit schenken“, sagt der

Landschaftsökologe Gabriel Del Barrio. Die wirklichen Hotspots

seien die Gewächshäuser in Almería, die kontinentalen

bewässerten Felder oder die Dehesa-Agroforstwirtschaft, bei

der Viehzucht, Bäume und Ackerbau kombiniert werden.

Zurück bleibt Fels

Die Desertifikation in Spanien ist ein für die Menschen existenzbedrohender

Prozess. Er wird häufig zu spät erkannt,

wenn sich die Böden bereits in karge, oft vermüllte und chemisch

verseuchte Brachflächen verwandelt haben, die sich

kaum mehr regenerieren können. „Desertifikation wird oft

über die Auswirkungen definiert, nicht über ihre Ursachen“,

sagt Del Barrio. „Aber Wassermangel, Bodendegradation und

Bodenerosion sind Konsequenzen. Dem, was sie verursacht,

wird kaum Aufmerksamkeit geschenkt.“

Stattdessen werden die natürlichen Ressourcen bis zum letzten

Tropfen ausgepresst, etwa mit kräftigeren Pumpen oder

Ableitungen von Flüssen. Dieses Wasser werde allerdings

nicht genutzt, um das Defizit auszugleichen, sondern um

noch mehr Land zu bewässern und damit alles schlimmer zu

machen, sagt Del Barrio. Dabei sei der erwirtschaftete Profit

anfangs sogar höher, eben weil das System übermäßig genutzt

werde, erklärt der Bodenwissenschaftler Víctor Castillo.

Erst wenn das System kollabiere, realisiere man, dass es sich

nicht erholen kann. „Das ist der Kern von Desertifikation. Man

bringt das System über einen Kipppunkt. Und wenn der Stress

vorbei ist, gibt es kein Zurück mehr.“ Terrassen stürzen zu-

40 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Foto: philipus / stock.adobe.com

Wasser

sammen, der Boden versalzt, die natürliche

Pflanzendecke verschwindet,

der Regen spült Nährstoffe und feine

Partikel weg, zurück bleibt Fels.

Viele südeuropäische Länder leiden

unter Desertifikation. In Spanien liegen

die Hotspots Murcia, Almería

und Alicante in der semi-ariden Küstenzone.

Betroffen sind aber auch La

Mancha, Extremadura und das Flusstal

des Ebro. In ganz Spanien entfällt

mittlerweile 80 Prozent des Wasserverbrauchs

auf künstliche Bewässerung

in der Landwirtschaft. Deshalb

sinken Flusspegel, gehen Feuchtgebiete

verloren und versiegen Quellen,

erklärt die Biologin Julia Fernández.

„Es ist unmöglich, das alles zu

entfernen.“

Da sich die Bewässerungslandwirtschaft

trotzdem weiter ausbreite,

gebe es inzwischen Hunderttausende

illegale Bohrungen, um an Wasser zu

gelangen. „Wir verbrauchen gerade

die Reserven der Grundwasserspeicher.

Trotzdem steigt die Nachfrage.

Das ist absolut nicht nachhaltig

und man weiß nicht, wie viele Jahre

das noch so weitergehen kann“, sagt

Fernández. „Wir verlieren unwiderruflich

die besten und auf natürliche

Weise fruchtbarsten Böden.“

Alejandro Ortuño zeigt auf eine weite

Ackerfläche, die vor alten Olivenhainen

liegt. „All das hier ist neu und

existierte vor 2016 und 2017 nicht.

Zuvor lagen hier kleine Bauernhöfe

mit traditioneller Landwirtschaft.“

Auf denselben Flächen bauen nun

große Firmen Gemüse an, am Rande

der Felder liegen Bewässerungsanlagen.

„Das Wasser, das sie nutzen, ist

das Wasser unserer Zukunft“, sagt

Ortuño. Zudem werde Wasser auch

in andere Gegenden transferiert, etwa

nach Alicante, ebenfalls für die Landwirtschaft,

aber auch für Hotel-, Golfund

andere Freizeitanlagen.

Ortuño steigt wieder ins Auto, fährt

langsam vorbei an graubraunen

Äckern, auf denen schwarze und

transparente Plastikfetzen im Wind

zittern. Vorbei an noch jungen Pflänzchen,

ordentlich in endlose Reihen

eingelassen. Vorbei an einem rot- beigen

Haus. Ein Altenheim, das statt

alte Olivenbäume nun brache Äcker

umgeben. Ein beißender Geruch

schwappt durch das Autofenster.

Auch der Einsatz von Chemikalien bereitet

Ortuño Sorge, die Verwendung

von Plastik, die Überproduktion, die

Arbeitsbedingungen der Feldarbeiter.

„All das ist nicht nachhaltig, es ist

eine Blase, eine Blase der Landwirtschaft“,

sagt der 38-Jährige, eigentlich

ein wortkarger, ruhiger Mensch,

der plötzlich emotional wird: „Ich bin

wütend, traurig und frustriert. All das

Plastik wird im Boden bleiben oder

vom Wind weitergetragen. Es ist unmöglich,

das alles zu entfernen.“

Die Plastikfolien decken die Samen

ab, um den Treibhauseffekt zu nutzen,

Feuchtigkeit und Wärme zu

speichern, sie vor Schädlingen und

Krankheiten zu schützen. Nach Gebrauch

werden die Planen in die Erde

gepflügt und zurückgelassen. „Plastik

ist die technologische Antwort >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

41


Wasser

auf den Wassermangel“, kommentiert

Gabriel Del Barrio das Vorgehen.

Der Boden unter dem Plastik werde

schließlich ausgebeutet zurückgelassen,

„er ist steril“. Selbst wenn man

das Plastik entfernen und den Boden

sich selbst überlassen würde, könne

sich die Vegetation nicht mehr erholen.

Manchmal sei der Boden von Chemikalien

durchdrungen, das sei noch

schlimmer. Im Extremfall werde, wie

in Almería, gleich in Steinwolle gepflanzt

und Nährstoffe per Flüssigkeit

hinzugefügt.

In der Provinz Murcia leiden ausgerechnet

Trockenbauern am stärksten

unter Desertifikation und Klimawandel,

denn sie sind auf regulären Regen

angewiesen. „Sie arbeiten an der

Grenze des Profitablen und müssen

ansehen, wie die traditionelle Landschaft

verloren geht“, sagt Castillo.

Die neuen Monokulturen bedrohen

das traditionelle Mosaik vielfältiger

Anbauflächen. Die Biobauern Marta

Ortega, 33, und Antonio Bernal Balao,

38, aus Yecla arbeiten noch traditionell.

Sie gehören zur jungen Generation,

die etwas bewegen will. Beide

haben tiefe Wurzeln in der Region,

die eines der bekanntesten Weinbaugebiete

Spaniens ist. „Es änderte sich

in einer sehr kurzen Zeit“, beginnt

Marta zu erzählen. „Zuvor waren

hier Olivenbäume, Mandelbäume,

Weinreben. Aber man ist nie auf Salat

oder Brokkoli gestoßen. Diese neuen

Praktiken begannen vor 15 Jahren.

Die großen Monster kamen vor vier.

In diesen vier Jahren haben wir viel

Boden verloren und viel Wasser.“ Bislang

waren die Plastikmeere vor al-

Foto: margarita vazquez / stock.adobe.com

42 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

lem in der Küstenregion um Almería

bekannt, doch sie breiten sich aus,

auch in Yecla.

„Jetzt haben wir Trinkwasser, aber

in ein paar Jahren? Ohne Wasser hat

man kein Leben.“

„Es ist eine traurige Situation“, sagt

Ortega. „Landwirtschaft ist eine

wundervolle Arbeit, wenn man die

Verbindung zu den Pflanzen, Bäumen

und Tieren spürt. Mit den neuen

Methoden sieht man kaum mehr

eine andere Pflanze, ein Tier. Und

wenn man eins sieht, denkt man, oh,

ein Überlebender.“ Alte Mandel- und

Weintraubensorten verschwinden,

weil immer weniger Menschen die

Landwirtschaft ihrer Familien fortführen.

Ortega stellt Olivenöl her, Balao

Wein. Zwar halten sie sich an eine

biologische Anbauweise, kompostierten,

pflanzten Bäume. Doch was nutze

das, wenn der Nachbar genau das

Gegenteil mache? „Die Chemikalien

sind im Boden, in der Luft“, sagt Ortega.

Zudem fürchtet sie eine Kontaminierung

des Grundwassers: „Jetzt haben

wir Trinkwasser, aber in ein paar

Jahren? Ohne Wasser hat man kein

Leben. Die Firmen werden nicht lange

bleiben, weil sie so nicht dauerhaft arbeiten

können. Das Problem werden

wir hier alle haben.“ Die neue Konkurrenz

durch die Giganten schlaucht

sie auch finanziell. Die Preise auf dem

Markt sinken. „Wenn wir an der jetzigen

Situation nichts ändern, wird es

sehr schwer“, sagt Balao.

Marta Ortega und Antonio Bernal Balao

gehören zu den wenigen Landwirten,

die trotzdem weitermachen und

Gleichgesinnte suchen. „Es ist zwar

noch eine kleine Bewegung - aber mit

viel Kraft“, sagt Ortega. „Wir müssen

Leute motivieren, etwas zu pflanzen.

Wenn du einen Samen pflanzt, siehst,

wie er keimt und wächst, daraus eine

Frucht entsteht, ich finde, das ist

eines der schönsten Dinge auf der

Welt.“ Sie ist optimistisch: „Wir alle

sind Konsumenten, es liegt in unseren

Entscheidungen, welche Zukunft

wir haben.“

Wissenschaftler äußern sich allerdings

vorsichtiger: „Ich glaube, dass

die Situation kontrolliert werden

könnte, aber nicht gecancelt“, sagt

Gabriel Del Barrio. „Landdegradierung

kann nicht rückgängig gemacht

werden.“ Hilfreich wäre, wenn das

Plastik nach der Nutzung ordentlich

entsorgt werde. „Wenn wir Recycling-

Netzwerke schaffen, können wir die

Landdegradierung verlangsamen. Das

ist machbar. Aber ob es von den Politikern

und Stakeholdern angenommen

wird, liegt außer meiner Kontrolle.

Ich bin relativ pessimistisch.“ Seiner

Meinung nach liegt die Lösung bei

nachhaltigen Entwicklungszielen,

etwa dem UN-Nachhaltigkeitsziel

der „Land Degradation Neutrality“

bis 2030. Doch gebe es auf EU-Ebene

noch nicht mal eine einheitliche Methode

für das Monitoring, kritisiert

Del Barrio.

Die ausgehobene Fläche klafft wie

eine Wunde neben dem Berg

Angesichts des Klimawandels rät

Víctor Castillo zur Anpassung. Schon

im Kleinen könne man etwas tun:

Pflanzenbarrieren bauen, Gebiete

wieder bepflanzen und damit die Biodiversität

steigern. Julia Fernández

fordert als Leiterin der Wasser- Stiftung

„Fundación Nueva Cultura del

Agua“ vor allem eine „neue Wasserkultur“,

eine Kultur der Nachhaltigkeit,

in der Wasser als eine der Grundlagen

der Gesellschaft verstanden

wird. „Es ist nicht akzeptabel, dass

es soziale Gewinner und Verlierer

des Klimawandels gibt, die aufgrund

ihrer Wirtschaftskraft identifiziert

werden“, findet Fernández. In der

spanischen Presse äußerte sich einer

der in Yecla tätigen Agrarkonzerne

über das Plastik: Dieses sei biologisch

abbaubar, werde innerhalb von zwölf

Monaten zersetzt. Auf eine Anfrage

der Süddeutschen Zeitung reagierte

der Konzern nicht. Und auch die Regionalverwaltung

Murcia sowie das

Landwirtschaftsministerium und das

Ministerium für ökologischen Wandel

von Spanien nahmen auf Anfrage

keine Stellung zum Plastik oder zum

Wasserverbrauch.

Vor einem Eingriff konnte Alejandro

Ortuño gemeinsam mit anderen Umweltschützern

die Landschaft um den

Monte Arabí immerhin bereits bewahren.

Durch Proteste konnte der Bau

einer industriellen Schweinefarm gestoppt

werden. Zurück blieb eine ausgehobene

Fläche, die wie eine Wunde

neben dem Berg klafft. Was wird die

industrielle Landwirtschaft wohl auf

den Feldern hinterlassen? Auf dem

Rückweg schaut Ortuño abwesend auf

die Fahrbahn, über die der Abendwind

immer wieder Plastikfetzen weht. f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

43


Wasser

Foto: Nestlé

1 kg Kakao

27.000 Liter

1 kg Kakao

27.000 Liter

1 kg Kaffee

20.000 Liter

1 kg Kaffee

20.000 Liter

1 kg Rindfleisch

15.455 Liter

1 kg Rindfleisch

15.455 Liter

1 kg Käse

5.000 Liter

1 kg Käse

5.000 Liter

1 kg Reis

3.400 Liter

1 kg Reis

3.400 Liter

1 kg Eier

3.300 Liter

1 kg Zucker

1.500 Liter

1 kg Weizen

1.300 Liter

1 kg Milch

1.000 Liter

1 kg Äpfel

700 Liter

1 kg Bier

300 Liter

1 kg Eier

3.300 Liter

1 kg Zucker

1.500 Liter

1 kg Weizen

1.300 Liter

1 l Milch

1.000 Liter

1 kg Äpfel

700 Liter

1 l Bier

300 Liter

das wir nicht

sehen, aber

verbrauchen.

Für die Herstellung eines Kilogramms

Lebensmittel bzw. eines Liters an Getränken

wird die vielfache Menge Wasser benötigt,

so genanntes „virtuelles Wasser“.

Fotos: stock.adobe.com

1 kg Kartoffeln

255 Liter

1 kg Kartoffeln

255 Liter

1 kg Tomaten

184 Liter

1 kg Tomaten

184 Liter

1 Badewanneninhalt entspricht etwa 140 Litern Wasser.

1 kg Möhren

131 Liter

1 kg Möhren

131 Liter

Quelle: www.waterfootprint.org; Vereinigung Deutscher Gewässerschutz e.V.

44 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Advertorial

VERANTWORTUNG

FÜR WASSER

Trinkwasser- und

Waschstation einer

Siedlung in Sululta,

die vom Internationalen

Roten Kreuz

mit Unterstützung

von Nestlé aufgebaut

wurde.

Umsetzung bei Nestlé

Wasserknappheit und mögliche

Nutzungskonflikte stellen auch

für Unternehmen ein

erhebliches Risiko dar. Das

Beispiel Nestlé zeigt, wie man

damit umgehen kann. Bis 2025

will der Konzern all seine

Standorte der Wasser-Sparte

nach dem AWS-Standard

zertifizieren lassen und setzt

sich für den Zugang der lokalen

Bevölkerung zu sauberem

Trinkwasser ein. Beim neuen

Wasser-Standort in Äthiopien

hat Nestlé bereits einiges auf

den Weg gebracht.

Ein gelber Plastikkanister steht neben

dem anderen. An den Wasserhähnen

befüllen die Menschen die Kanister

mit sauberem Trinkwasser. So sieht

es an der öffentlichen Wasserstation

aus, die Nestlé am Rande des Wasser-Standorts

in Sululta, Äthiopien,

für die Anwohner installiert hat. Etwa

ein Drittel des im Werk erzeugten

Wassers stellt der Konzern für die

Menschen vor Ort bereit. „Wir unterstützen

das Menschenrecht auf Wasser

und sanitäre Einrichtungen, auch

indem wir sicherstellen, dass unsere

Werke ihren Mitarbeitern Zugang

zu sauberem Wasser und sanitären

Einrichtungen ermöglichen“, erklärt

Carlo Galli, Nachhaltigkeitsmanager

von Nestlé Waters global: „Außerdem

helfen wir bei der Bereitstellung von

sauberem Wasser und verbesserter

sanitärer Versorgung für die lokale

Bevölkerung, wo dies erforderlich >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

45


Wasser

ist.“ Der Lebensmittel- und Getränkehersteller hat sich zum

Ziel gesetzt, Vorreiter in Sachen verantwortungsvollem

Umgang mit Wasser zu sein – dazu gehört die Optimierung

des Wassermanagements in den Werken, der Schutz von

Wassereinzugsbereichen und, wo immer nötig, der ansässigen

Bevölkerung den Zugang zu sauberem Trinkwasser

zu ermöglichen.

Zertifizierung nach dem AWS-Standard

Keine kleine Aufgabe. Nestlé Waters ist – als einer der

größten Anbieter von abgefülltem Wasser weltweit – in

über 30 Ländern mit mehr als 90 Produktionsstätten tätig.

Davon befinden sich einige auch in Entwicklungs- und

Schwellenländern, in denen der Zugang zu Wasser keine

Selbstverständlichkeit ist. Das erfordert einen ganzheitlichen

Ansatz, bei dem ökologische und soziale Anforderungen

je nach der lokalen Situation berücksichtigt werden.

Ein weiteres Problem: Wasser ist eine geteilte Ressource.

Mehrere Akteure, wie beispielsweise Kommunen, die

Landwirtschaft und Unternehmen, greifen häufig auf ein

und dieselbe (begrenzte) Wasserquelle zu: „Die Herausforderungen

rund um das Thema Wasser können nur durch

die Zusammenarbeit aller Interessengruppen angegangen

werden. Verantwortungsbewusstes Wassermanagement

erfordert ein gemeinsames Verständnis der Herausforderungen“,

weiß Galli. Daher lässt Nestlé alle seine

Wasser-Standorte nach dem Standard der Alliance for

Water Stewardship (AWS) zertifizieren.

Der Standard schafft für Unternehmen einen unabhängigen

und überprüfbaren Rahmen, um die Wassernutzung eines

Standortes besonders im Zusammenhang mit der Region

und den ansässigen Akteuren zu verstehen. Daraus können

die Unternehmen Maßnahmen ableiten, um die möglichen

negativen Auswirkungen ihres Wasserverbrauchs zu minimieren

und einen positiven Beitrag zur Verbesserung der

Gesamtsituation zu leisten: So zielt der aktuelle AWS Standard

2.0. explizit darauf ab, den Zugang zu Wasser- und

Sanitärversorgung zu verbessern. Mit dem AWS-Standard

lassen sich die erzielten Ergebnisse außerdem transparent

machen. Aktuell haben 16 Wasserwerke von Nestlé Waters

eine AWS-Zertifizierung, bis 2025 sollen alle Standorte zertifiziert

sein.

46 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Wassermanagement in Sululta

Wie die Umsetzung des AWS-Standards

in einem herausfordernden

Umfeld konkret aussehen kann, zeigt

Nestlé beispielsweise in dem Werk

in Sululta. Neben der eigenen öffentlichen

Wasserstation für rund 7.500

Menschen in der Nachbarschaft hat

der Konzern hier durch weitere Maßnahmen

Verbesserungen für die Bevölkerung

erreicht.

Wasser gibt es in Sululta im äthiopischen

Hochland reichlich. Neben

dem Joint Venture mit einem lokalen

Unternehmen, an dem sich Nestlé

2016 beteiligt hat, füllen sechs weitere

Unternehmen dort Wasser für den

lokalen Markt ab. Zu den ersten Maßnahmen,

die Nestlé Waters nach der

Beteiligung umgesetzt hat, gehörten

der Bau der Wasserstation, die Verbesserung

des Wassermanagements

im Werk selber und eine umfassende

Studie zur Wassersituation in der Region.

Die Niederschläge in der Region

sind höher als z.B. in der Schweiz.

Trotzdem reicht die öffentliche Wasserversorgung

nicht aus, um die Bevölkerung

angemessen zu versorgen

– wenn der Strom ausfällt, sitzen die

Menschen wörtlich auf dem Trockenen,

und Gemeinschaften am Rande

der Stadt haben noch keinen Zugang

zum öffentlichen Leitungsnetz.

Um die Wasserprobleme der Bevölkerung

vor Ort anzugehen, arbeitet das

Unternehmen mit Partnern zusammen.

So erstellte man in Kooperation

mit der Universität in Addis Abeba eine

Studie zur sozio-ökonomischen und

hydrologischen Situation in Sululta.

Dabei standen folgende Fragen auf der

Agenda: Was sind die drängendsten

Probleme in Bezug auf die Wasserinfrastruktur

und -versorgung? Welche

Probleme können schnell gelöst

werden, und welche Themen benötigen

langfristige Projekte, die nur in

Zusammenarbeit mit Partnern initiiert

werden können? Im Rahmen der

Community Relationship-Programme

tauschte sich Nestlé Waters außerdem

intensiv mit den Verantwortlichen vor

Ort aus, um deren Bedürfnisse und Erwartungen

zu verstehen.

Bedarfsgerechte Maßnahmen

Aus den Ergebnissen der Studie und

des Stakeholder-Dialogs wurden bedarfsgerechte

Maßnahmen abgeleitet,

die den Menschen schnell helfen. So

stellte der Konzern öffentliche Wasserstellen

der Stadt wieder her und

sanierte zwei der fünf öffentlichen

Tiefbrunnen der Stadt, die mangels

technischen Know-hows nicht funktionierten.

Dadurch erhielten über

12.000 Menschen besseren Zugang

zu sauberem Trinkwasser. Da sanitäre

Anlagen in den örtlichen Schulen

Mangelware sind, baute Nestlé Waters

in Kooperation mit dem internationalen

Roten Kreuz Toilettengebäude

und setzte Schulungsprogramme zum

Thema Hygiene auf. Eine langfristige

Strategie, die die Lebenssituation der

lokalen Bevölkerung insgesamt verbessert,

wird derzeit mit lokalen Anspruchsgruppen

und zusammen mit

weiteren Unternehmenspartnern erarbeitet.

Das Werk wurde Ende 2018

erfolgreich nach dem AWS-Standard

zertifiziert – als erster Wasser-Standard

in Afrika überhaupt.

Adrian Sym, CEO der AWS, begrüßt

das Engagement von Nestlé bei der

Umsetzung des Standards: „Es zeigt

die Bedeutung der gemeinschaftlichen

Verantwortung und den wirtschaftlichen

Mehrwert eines verantwortungsvollen

Umgangs mit Wasser.

Über unsere weltweite Mitgliederbasis

werden wir auch andere wichtige

Unternehmen dazu aufrufen und sie

dabei unterstützen, dem Beispiel von

Nestlé Waters zu folgen und durch die

Umsetzung des AWS-Standards einen

substanziellen und unabhängig überprüfbaren

Beitrag zu unseren gemeinsamen

Herausforderungen, in Bezug

auf Wasser, zu leisten.“ f

Fotos (re / li):

Trinkwasserversorgung

für

Anwohner des

Nestlé Standortes

in Sululta

Fotos: Nestlé

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

47


Wasser

Kleiner

Tropfen,

große

Wirkung

Foto: Floki / stock.adobe.com

Effizientere Bewässerungsmethoden wie die

Tröpfchenbewässerung und ein innovatives

Wasserressourcen-Management werden

nicht nur in Ländern mit großer Trockenheit

immer wichtiger. Lösungen gibt es von weltweit

agierenden Unternehmen und innovativen

Forschungsprojekten.

Von Elena Köhn

Die Landwirtschaft ist mit einem Gesamtverbrauch

von fast 70 Prozent

der größte Nutzer von Trinkwasser

weltweit. Doch die Wasserressourcen

werden in vielen Teilen der Welt übernutzt.

Nicht nur besonders trockene

Länder sind daher vom Wasserstress

betroffen, sondern auch Regionen mit

intensiver landwirtschaftlicher Bewässerung,

wie beispielsweise China. Wir

brauchen daher neue Strategien: „Eine

regelrechte Wasserwende hin zu einer

nachhaltigen Nutzung aller vorhandenen

Ressourcen ist möglich und eine

wichtige Voraussetzung für die weltweite

Wasser- und Sanitärversorgung“,

48 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

erklärt Martin Zimmermann, Wasserforscher

beim Institut für sozialökologische

Forschung (ISOE).

Drip Irrigation

Wie lässt sich das in der Landwirtschaft

umsetzen? Eine mögliche

Lösung: effizientere Bewässerungstechniken,

wie die Tröpfchenbewässerung.

Dabei transportieren Rohr- oder

Schlauchleitungen das Wasser direkt

zu den Wurzeln der Pflanzen, wo es

in exakten Mengen abgegeben wird.

Als Pionier der Tröpfchenbewässerung

gilt das israelische Unternehmen

NETAFIM. Schon seit 1965 stellt

der Konzern solche Systeme her. Was

ursprünglich entwickelt wurde, um

in Israel mit der Wasserknappheit

umzugehen, ist heutzutage am Weltmarkt

angekommen. Mehr als 2,5 Milliarden

Meter an Tropfrohr produziert

NETAFIM jährlich für Abnehmer in

über 110 Ländern.

Der Erfolg dieses Bewässerungssystems

begründet sich vor allem

durch die vielen Vorteile: „Landwirte,

die Tropfbewässerung anwenden,

erreichen Wasserersparnisse von 40

bis 60 Prozent oder mehr, während

größere und höherwertige Erträge erzielt

werden“, heißt es bei NETAFIM

Deutschland. Windabdrifte werden

vermieden, die Verdunstung stark

reduziert. Auch eine Überversorgung

der Pflanzen kommt so nicht mehr

vor. In Deutschland lohnt sich das

System wirtschaftlich aktuell aber

nur für besonders umsatzstarke Sonderkulturen,

zeigt eine Beispielkalkulation

von Dr. Thomas de Witte vom

Thünen-Institut für Betriebswirtschaft.

Zwar erhöht sich der Ertrag um

etwa 20 Prozent, dafür ist die Tröpfchenbewässerung

in Anschaffung

und Unterhalt vergleichsweise teuer.

Ganzheitliche Lösungen von der

NORMA Group

Die Nachfrage nach solchen Bewässerungslösungen

steigt trotzdem

weltweit: „Wassermanagement ist

ein maßgeblicher Wachstumsmarkt

für uns als Marktführer für Verbindungs-

und Fluid-Handling-Technologie“,

weiß Bernd Kleinhens, ehemaliger

Vorstandsvorsitzender der

NORMA Group. Die Tröpfchenbewässerungssysteme

des Unternehmens

sparen eigenen Angaben zufolge bis

zu 70 Prozent Wasser im Vergleich

zu herkömmlichen Sprinklersystemen.

Sie sind dabei nicht nur für die

Landwirtschaft ausgelegt, sondern

lassen sich auch für den Garten- und

Landschaftsbau sowie das Bauwesen

anpassen. Mit NORMA Clean Water

setzen sich die Maintaler zudem für

eine bessere Wasserversorgung in

Regionen mit großer Wasserknappheit

ein. Bis 2020 will das Unternehmen

in den ländlichen Regionen von

Codó und Peritoró in Brasilien neue

Trinkwasseranlagen errichten. Zirka

400 Familien erhalten so Zugang zu

sauberem Wasser.

Integriertes Wasserressourcen-

Management in Namibia

Wie man Ländern, die von starker

Wasserknappheit betroffen sind, helfen

kann, zeigt auch das internationale

Verbundprojekt CuveWaters in Namibia.

Die Region im Cuvelai-Etosha

Becken leidet unter extremen klimatischen

Schwankungen. Dürren und

Überflutungen wechseln sich ab, das

Grundwasser ist sehr salzhaltig. Um

die Wasserverfügbarkeit dort deutlich

zu verbessern, führte CuveWaters gemeinsam

mit den Einheimischen ein

integriertes Wasserressourcen-Management

ein.

Dazu installierte das Projektteam

beispielsweise eine Regenwassersammlung

und eine unterirdische

Wasserspeicherung. Das so gewonnene

Wasser lässt sich für die Bewässerung

landwirtschaftlicher Flächen

nutzen. Eine solargekoppelte Grundwasserentsalzung

sowie ein städtisches

Abwasser- und Sanitärkonzept

mit Wasserwiederverwendung vervollständigen

das System. Die Ergebnisse

und Erfahrungen des Projektes

hielt CuveWaters 2018 schließlich in

einer Publikation fest: „Die im Buch

beschriebenen Lösungen können nun

Blaupause sein für andere Trockenregionen

der Erde, die von dem Wechsel

klimatischer Extreme wie Überschwemmungen

und Dürre betroffen

sind“, findet Stefan Liehr, Wasserforscher

beim ISOE und Mitherausgeber

des Buches. f

Fotos: Cuve Waters

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

49


Wasser

Fishyleaks

Von Tristan Rayner

Whistleblowing gegen

Überfischung: Über eine

Plattform können Zeugen

illegale oder unethische

Aktivitäten in der Fischerei

melden und so die Überfischung

in EU-Gewässern

bekämpfen.

Die Gewässer der Europäischen Union

erstrecken sich von den baltischen

Staaten bis zum Atlantik und zum

Mittelmeer und umfassen auch die

Meeresgewässer vor dem Vereinigten

Königreich und Irland. Im Rahmen der

vereinbarten Gemeinsamen Fischereipolitik

(GFP) werden für jedes Land

Fangquoten festgelegt, um die Fischbestände

nachhaltiger zu bewirtschaften.

Wenn man sich diese Daten jedoch

genauer ansieht, passen die Zahlen

nicht immer zusammen. Es scheint,

als würden ständig Schlupflöcher ausgenutzt

und Regeln gebrochen – was

katastrophal für die Umwelt ist und

die Zukunft der europäischen Fischbestände

gefährdet. Für bestimmte

Fischarten sind diese bereits auf einem

gefährlich niedrigen Niveau.

So schreiben die EU-Vorschriften eigentlich

vor, dass der Beifang an untermaßigen,

also zu kleinen Fischen,

nicht mehr über Bord geworfen werden

darf. Allerdings wird beispielsweise

bei Kabeljau zwangsläufig auch

untermaßiger Beifang gemacht, das

zeigen die über viele Jahre erfassten

Daten. Das Vereinigte Königreich vermeldete

im vergangenen Jahr jedoch

Null Tonnen. Laut der Organisation

Our Fish (eine Initiative von Funding

Fish) müssten jedoch mindestens

7.500 Tonnen an untermaßig gefangenem

Kabeljau registriert sein.

Dass untermaßiger Fang nicht gemeldet

wurde, bedeutet letztlich, dass

die zu kleinen Fische – entgegen der

EU-Vorschrift – wieder ins Meer „entsorgt“

werden. Die Fischereibetriebe

nutzen so die Zusatzquote aus, die ihnen

eingeräumt wird, um die Last der

Anlandung von Beifang zu bewältigen.

Diese wird von ihnen stattdessen ge-

50 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Foto: Wollwerth Imagery / stock.adobe.com


Wir haben

Fishyleaks

gegründet, um

denen zu helfen,

die Informationen

mit uns teilen

wollen, und zwar

vertraulich, anonym

und sicher.

nutzt, um mehr erwachsene Fische zu

fangen. Das System, das eigentlich vor

Überfischung schützen soll, wird also

manipuliert und in ihr Gegenteil verkehrt.

Fische werden außerdem oft – sterbend

oder bereits tot – ins Meer zurückgeworfen,

weil sie einen geringen

Handelswert haben oder ihr Fang

durch Fangquoten limitiert wird.

Das Projekt Fishyleaks.eu wurde von

Our Fish gegründet, um Menschen,

die in der Fischereibranche, in Behörden

oder anderen Bereichen tätig

sind, eine vertrauliche und anonyme

Möglichkeit zu bieten, über unzulässige,

unethische oder illegale Fangmethoden

zu berichten. Ein Beispiel

dafür ist das Videomaterial über groß

angelegte illegale Rückwürfe vor der

Küste Schottlands im Jahr 2014, bei

dem Tausende von „ungewollten“

toten Fischen ins Wasser zurückbefördert

wurden. Und das, obwohl

ein Verbot des so genannten „High

Grading“ besteht, bei dem die Fische

mit dem niedrigsten Verkaufswert

wieder im Meer landen und nur die

Fänge mit dem höchsten Wert erfasst

und angelandet werden.

„Wir haben Fishyleaks gegründet, um

denen zu helfen, die Informationen

mit uns teilen wollen, und zwar vertraulich,

anonym und sicher“, erklärt

Rebecca Hubbard, Programmdirektorin

von Our Fish. „Die europäische Fischerei

ist eine gemeinsame Ressource

zum Nutzen aller Bürger, die daher

nachhaltig und rechtmäßig verwaltet

werden sollte, um die Zukunft der

Küstengemeinden, die Ernährungssicherheit

und die Erhaltung der Meere

angesichts der Klimakrise zu gewährleisten.

Fishyleaks möchte eine Plattform

für Menschen bieten, die Zeugen

von Aktivitäten sind, die diese wichtigen

Bestrebungen untergraben. So

können sie diese Informationen teilen

und gleichzeitig das Risiko für sich

selbst minimieren."

Aber auch andere Arten von Verstößen

oder unethischem Verhalten können

gemeldet werden. Gibt es zum Beispiel

Fänge auf See, die beim Anlanden im

Hafen als etwas anderes gemeldet werden?

Werden wichtige Berichte über

Misswirtschaft in der Fischereiindustrie

zurückgehalten und nicht an die

Öffentlichkeit weitergegeben?

Schätzungsweise 1,7 Millionen Tonnen

Fisch werden jedes Jahr in der gesamten

EU entsorgt. „Our Fish erhält

oft Nachrichten über Verstöße, aber

es fehlen die nötigen Nachweise, um

diese zu belegen. Wir hoffen, durch

die Informationen über Fishyleaks die

Probleme in diesem Sektor aufdecken

zu können, um so Lösungen voranzutreiben“,

so Hubbard. Die über Fishyleaks

empfangenen Inhalte werden

über ihr sicheres Nachrichtensystem

und durch Gegenkontrolle mit anderen

Quellen analysiert und verifiziert,

bevor sie gegebenenfalls in Berichten

an die nationalen Fischereibehörden,

die nationalen oder EU-Parlamente,

die EU-Kommission oder andere zuständige

Behörden weitergegeben

werden.

Fishyleaks.eu wurde mit der Open-

Source-Plattform GlobaLeaks für sichere

und anonyme Whistleblowing-

Initiativen entwickelt. Genutzt wird

diese Plattform derzeit von mehr als

1.000 Projekten weltweit, von Anti-

Korruptionsinitiativen bis hin zu investigativem

Journalismus und mehr.

Die Fishyleaks-Website ist derzeit nur

auf Englisch verfügbar, laut der offiziellen

Pressemitteilung werden jedoch

weitere Sprachversionen folgen. Derzeit

kann jeder, der über Fishyleaks

einen Bericht einreichen möchte, dies

in der Sprache tun, mit der er sich am

wohlsten fühlt – Our Fish führt Übersetzungen

von Berichten durch. f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

51


Wasser

Ohne Wasser

laufen die

Geschäfte nicht

Ob Geschäftsmodell oder wichtiges Produktionsmittel: Unternehmen sind auf ausreichend

sauberes Wasser angewiesen, wollen sie dauerhaft am Markt bestehen.

So wies Phillip Wagnitz, Süßwasser-Experte

beim WWF Deutschland, bereits

vor Jahren auf die schwerwiegenden

Auswirkungen für Betriebe hin, wenn

Wasser zur Mangelware wird: „Immer

häufiger sind Unternehmen innerhalb

der Wertschöpfungsketten von lokalen

Wasserrisiken betroffen. Spürbare

Folgen reichen von Imageproblemen

über temporäre Produktionsstopps

bis hin zu Standortschließungen.“

Konkret bedeutet das, dass Unternehmen

folgenden Risiken ausgesetzt

sind, wie die Naturschutzorganisation

verdeutlicht:

1.

2.

3.

Physisches Risiko, das

Wasserknappheit und schlechte

Wasserqualität ausdrückt. Dieses

entsteht durch Trockenheit, Übernutzung

oder Verschmutzung von

Flüssen, Seen oder Grundwasservorkommen.

Regulatives Risiko, das auf die

mangelnde Wassergesetzgebung vor

Ort anspielt, wodurch nachhaltiges

Wassermanagement erschwert wird.

Reputatives Risiko, das aufgrund

von Protesten in Folge von

Übernutzung oder Verschmutzung der

Ressource entsteht.

Oftmals denkt man bei Wasserrisiken an den Anfang von

betrieblichen Lieferketten, weil ein Großteil der Rohstoffe

unserer Produkte aus Schwellen- und Entwicklungsländern

stammen.

Dass deutsche Unternehmen auch hierzulande von Wasserrisiken

abseits von Flutkatastrophen eingeholt werden

können, zeigt das Beispiel BASF. Im vergangenen Jahr

musste der Chemiekonzern zwischenzeitlich die Herstellung

von TDI, einem Vorprodukt zur Kunststoffproduktion,

in Ludwigshafen einstellen. Der Grund: In Folge der Trocken-

und Hitzeperioden führte der Rhein nicht mehr genügend

Wasser und der Transport wichtiger Rohstoffe über

den Fluss musste eingeschränkt werden.

52 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

ImPortIertes WasserrIsIk

Beispiele Beispiele für Länder für Länder und Warenströme und Warenströme mit hohem mit hohem Wasserrisiko, Wasserrisiko,

die durch die Importe durch Importe nach Deutschland nach Deutschland von großer von großer Bedeutung Bedeutung sind: sind:

tomaten tomaten

aus Spanien aus Spanien

Bekleidung Bekleidung

aus Bangladesch aus Bangladesch

180.000 180.000 tonnen tonnen 204.948 204.948 tonnen tonnen

250 millionen 250 euro millionen euro

2,9 milliarden 2,9 milliarden euro euro

© WWF / Infographic by Anita Drbohlav, www.paneemadesign.com

© WWF / Infographic by Anita Drbohlav, www.paneemadesign.com

5,4 millionen 5,4 tonnen millionen tonnen 6.600 tonnen 6.600 tonnen

1,9 milliarden 1,9 milliarden euro euro 31 millionen 31 euro millionen euro

rohstoffe, rohstoffe, rosen rosen und und

metalle, metalle, erze erze schnittblumen

aus Südafrika aus Südafrika aus Keniaus Kenia

Angaben Angaben pro Jahrpro

Jahr

Landwirtschaft Landwirtschaft Bergbau Bergbau Textil- und Textil- Bekeidungsindustrie

und Bekeidungsindustrie

Grafik: WWF / Infographic by Anita Drbohlav, www.paneemadesign.com

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

53


Wasser

„Eine

schlechte

Governance

führt zur

Wasserknappheit“

Sauberes Wasser ist in vielen Ländern der Welt Mangelware. Was das mit

unserem Konsumverhalten zu tun hat und wie man mit den vorhandenen

Ressourcen verantwortungsvoll umgehen kann, hat uns Johannes Schmiester

vom WWF erklärt. Die Umweltorganisation ist Mitglied in der Alliance for Water

Stewardship (AWS), die die globalen Wasserrisiken bekämpfen will.

Von Sonja Scheferling

54 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

UmweltDialog: Der Zugang zu sauberem Wasser ist ein

Menschenrecht. Auch die SDGs fordern dieses Recht ein.

Mehreren Hundert Millionen Menschen bleibt es aber verwehrt.

Wie können wir die Wasserkrise bis 2030 lösen?

Johannes Schmiester: Um das zu beantworten, müssen

wir zunächst die genaue Problematik erläutern. In Deutschland

etwa haben wir genügend Trinkwasser, während es

für andere Menschen auf der Welt Mangelware ist. Diese

beiden Ebenen hängen miteinander zusammen. Denn das

meiste Wasser, das wir hierzulande verbrauchen, verbrauchen

wir ja nicht in unseren Haushalten, sondern indirekt

über die Produkte, die wir konsumieren. Vor allem über

unsere Lebensmittel. Aber die Lebensmittelproduktion in

der Landwirtschaft findet oft woanders statt. Dort steht sie

dann zur Trinkwasserversorgung und zu Ökosystemen in

Konkurrenz, die auch ein bestimmtes Maß an Wasser für

ihr Fortbestehen benötigen.

Also müssen wir unser Konsumverhalten verändern.

Foto: Meinzahn / iStock.com

Schmiester: Wir Verbraucher tragen einen Teil der Verantwortung.

In Deutschland gibt es in der Regel genügend

Wasser, das gerecht verteilt wird. Um die Wasserressourcen

anderer Länder zu schonen, sollten wir grundsätzlich

regionale und saisonale Lebensmittel einkaufen. Außerdem

sollten wir weniger tierische Produkte wie Fleisch essen,

weil ihre Herstellung besonders viel Wasser benötigt.

Nachhaltig zu konsumieren, bedeutet aber auch, Lebensmittel

wertzuschätzen. Schmeißt man beispielsweise eine

verdorbene Banane weg, hat man im übertragenen Sinn

160 Liter Wasser im Abfalleimer entsorgt. Das ist mehr

Wasser, als der Durchschnittsverbraucher pro Tag im

Haushalt benötigt.

>>

OHNE WASSER KEIN

MENSCHENWÜRDIGES LEBEN

Menschenrechte wie etwa das Recht auf Leben, das

Recht auf Nahrung oder das Recht auf Gesundheit wären

ohne Wasser gar nicht denkbar, weil die Ressource

essenziell für unser Überleben und unser Wohlergehen

ist. So hat die UN-Generalversammlung 2010 das Recht

auf Wasser ebenfalls als Menschenrecht anerkannt.

Dieses beinhaltet den Zugang zu sauberem Wasser und

zu sanitären Einrichtungen. Wenn Menschen beides

fehlt, sind ihre persönlichen Entfaltungsmöglichkeiten

eingeschränkt. Das zeigt sich u.a. am Faktor Zeit. So

benötigen Millionen Menschen täglich mehrere Stunden,

um Wasser zu holen. Diese Zeit fehlt ihnen dann für

Bildung, Kindererziehung oder für ihre Arbeit. Außerdem

entstehen viele Krankheiten erst, wenn es kein sauberes

Trinkwasser und keine Toiletten gibt.

>>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

55


Wasser

Foto: antiksu / stock.adobe.com

Schmiester: Wir kennen alle die gegenwärtige

Situation in Syrien. Bevor

der Bürgerkrieg ausgebrochen war,

litt das Land unter einer extremen

Wassernot. Diese hatte unterschiedliche

Gründe: Etwa der Bau von Staudämmen

und Wasserkraftwerken in

der Türkei, Effekte des Klimawandels

wie Dürreperioden oder die landwirtschaftliche

Übernutzung der Wasserreservoire.

Aufgrund des Wassermangels

mussten viele Bauern ihre

Betriebe schließen oder ihre Mitarbeiter

entlassen. Die Folge: Es kam zu

einer massiven Landflucht der Betroffenen,

die in den Städten aber keine

Arbeit und keinen gesellschaftlichen

Anschluss fanden, wodurch sich wiederum

soziale Spannungen verschärften.

Natürlich ist die Wasserkrise

nicht die Ursache für den Krieg in

Syrien; dennoch verstärkte sie vorhandene

Konfliktpotenziale.

Natürlich müssen wir auch mit anderen

Produkten wie etwa Elektrogeräten

oder Baumwollkleidung, die in

ihrer Herstellung einen hohen Wasser-Fußabdruck

haben, verantwortungsvoll

umgehen und dürfen sie

nicht wahllos einkaufen.

Welche Länder sind besonders vom

Wassermangel betroffen?

Schmiester: In vielen Regionen der

Welt kommt Wasserknappheit vor.

Beispielsweise in Nordafrika oder

dem mittleren Osten. Das sind Gegenden,

in denen die Bevölkerung extrem

schnell wächst, während die Ressourcen

schwinden.

In Lateinamerika mangelt es den Menschen

und der Natur vor allem westlich

der Anden an ausreichend sauberem

Wasser, und in Nordamerika

kommt es im Landwirtschaftshotspot

Kalifornien immer wieder zu Dürreperioden.

Aber auch innerhalb der EU

gibt es Wassermangel, vor allem in

Südeuropa wie Südspanien. Die Region

ist der Obst- und Gemüsegartens

der EU, und dort leidet vor allem die

Natur unter der Wassernot.

Die physikalische Wasserknappheit

ist aber nicht der einzige Grund, warum

es Menschen und Natur an sauberem

Wasser fehlt. Vielerorts haben

wir das Problem, dass die vorhandenen

Ressourcen unbrauchbar sind,

weil Rohstoffabbau, beispielsweise im

Bergbau, oder wirtschaftliche Produktionsprozesse

das Wasser verschmutzen

und dadurch für die Trinkwasserversorgung

entfallen.

Experten warnen, dass Kriege künftig

auch um Wasser geführt werden.

Schon jetzt befeuert Wassernot gesellschaftliche

Konflikte. Nennen Sie uns

aktuelle Beispiele?

Dieser Wirkmechanismus lässt sich

auf andere Länder mit gesellschaftlichen

und politischen Spannungen

übertragen.

Einige Kommunen in wasserarmen

Regionen versuchen, den Ressourcenmangel

durch technologische Mittel

wie Meerwasserentsalzungsanlagen

in den Griff zu bekommen. Liegt die

Lösung also in einer besseren Wasser-

Infrastruktur?

Schmiester: Natürlich spielt die Infrastruktur

zur Wasseraufbereitung

und -verteilung vor allem in Großstädten

eine wichtige Rolle, um Menschen

mit ausreichend Trinkwasser

zu versorgen. Hier müssen viele der

betroffenen Regionen nachrüsten. Für

uns sind aber Technologie und Infrastruktur

nachgelagerte Fragen. Denn

in erster Linie führt eine schlechte

Governance zur Wasserknappheit.

Diese kennzeichnet sich etwa durch

extreme Ausdehnung von Landwirtschaftsflächen

aufgrund wirtschaftlicher

Interessen, kommunale Akzeptanz

illegaler Brunnen, mangelnde

Regulierung von Wasserressourcen

und deren Überverteilung an wirtschaftliche

Akteure, sodass für den

Privatverbraucher nicht mehr genügend

Trinkwasser übrig bleibt.

Selbst in Ländern wie Spanien, das

als Teil der Europäischen Union an

56 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

MIT EINEM ONLINE-TOOL DIE

WASSERRISIKEN MESSEN

Gemeinsam mit der Deutschen Investitions- und

Entwicklungsgesellschaft hat der WWF ein Online-Tool

entwickelt, mit dem Unternehmen und Investoren

Wasserrisiken ermitteln und bewerten können. Der

Wasserrisikofilter ist weltweit einsetzbar und zieht

sektor- und regionenspezifische Informationen

von 235 Ländern und Gebieten heran, zu denen

interaktives Kartenmaterial und Fallstudien

bereitgestellt werden.

„Was passiert

zum Beispiel,

wenn es

zu einer

Dürreperiode

kommt? Wie

viel Wasser

bekommen

Menschen und

Wirtschaft

dann

zugeteilt?“

die EU-Wasserrahmenrichtlinie gebunden

ist, tolerieren einige Kommunen

die Missachtung von Wassernutzungsvorschriften

zum Nachteil von

Menschen und Natur.

Was muss stattdessen passieren?

Schmiester: Es geht darum, die Wasserressourcen

eines Flussgebietes

– das ist die geografische Einheit für

Wasser – richtig zu managen. Dabei

sind zunächst politische Akteure

gefragt, die Regulierungsvorschriften

erlassen. Was passiert zum Beispiel,

wenn es zu einer Dürreperiode

kommt? Wie viel Wasser bekommen

Menschen und Wirtschaft dann zugeteilt?

In einer funktionierenden Governance-Struktur

finden Politik, Zivilgesellschaft

und die Privatwirtschaft, die ja

unter Umständen mit bis zu 80 Prozent

am meisten Wasser in einer Region

verbraucht, gemeinsam ganzheitliche

Wassermanagement-Ansätze.

Diese müssen Flussgebiete als komplexe

Systeme begreifen und dürfen

nicht versuchen, Probleme punktuell

oder im Alleingang zu lösen.

Denn Wasser ist eine geteilte Ressource

mit Co-Abhängigkeiten der unterschiedlichen

Nutzer. Wenn flussaufwärts

etwa ein Betrieb zu viel

Wasser benötigt, bleibt flussabwärts

für einen anderen nichts mehr übrig,

unabhängig davon, ob diese Firma besonders

wassereffizient wirtschaftet

oder nicht.

Der WWF hat einen Ansatz entwickelt,

wie Unternehmen mit anderen

Akteuren kooperativ Lösungen für

Wasserrisiken entwickeln können.

Wie funktioniert Ihr Water Stewardship-Konzept?

Schmiester: Unser Programm sieht

vor, dass Unternehmen sich über

die Wassersituation ihrer Standorte

vor Ort bewusst werden. Welche

Rolle spielt die Ressource innerhalb

der Wertschöpfung? Wo wird sie verbraucht?

Wie steht das in Konkurrenz

zu den Bedürfnissen anderer Wassernutzer?

Sind Wassermangel oder

Flutkatastrophen die spezifischen

Probleme der Flussgebiete? Nach der

Analyse und Datenerhebung müssen

die Unternehmen geeignete Maßnahmen

ableiten, die negative soziale

und ökologische Auswirkungen ihres

Wasserverbrauchs innerhalb eines

Flussgebietes reduzieren.

Darüber hinaus erwarten wir, dass

die Firmen sich mit anderen lokalen

Akteuren wie Gemeinden und NGOs

vernetzen, Wissen austauschen und

Maßnahmen über die Betriebsgrenzen

hinweg entwickeln. Das können

etwa Projekte zum Hochwasserschutz

oder zur Wiederaufforstung sein. Bei

der Kooperation geht es nicht darum,

dass Unternehmen für den Wasserverbrauch

ihrer Geschäftstätigkeit

lobbyieren und ausschließlich ihre

Interessen durchsetzen. Es sollen vielmehr

Lösungen entstehen, die allen

lokalen Beteiligten eine nachhaltige

Wassernutzung ermöglichen.

Auf diese Weise soll der Water

Stewardship-Ansatz ein Stück weit

das Kräfteverhältnis zwischen >>

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

57


Wasser

Wirtschaft, Gemeinden und Zivilgesellschaft

ausgleichen, da Unternehmen

aufgrund ihrer Kapitalausstattung

immer in der finanzstärkeren

Position sind. Denn im Endeffekt geht

es darum, dass staatliche Institutionen

ihre Rolle wahrnehmen können

und eine gerechte Wasserverteilung

gewährleisten.

Der WWF ist außerdem Teil der

Alliance for Water Stewardship

(AWS). Was ist das und wer macht

alles mit?

AWS-STANDARD:

Der AWS-Standard bietet Unternehmen einen unabhängig

überprüfbaren Rahmen, um die Wassernutzung

eines Standorts im Zusammenhang mit dem Einzugsgebiet

zu verstehen und schrittweise an vier Ergebnissen

zu arbeiten und transparent zu machen: nachhaltige

Wasserbilanz, verbesserte Wasserqualität, guter Zustand

wichtiger wasserbezogener Gebiete und gute Wasser-Governance,

wie die Zertifizierungsgesellschaft DNV

GL sagt. Im Frühjahr 2019 wurde die zweite Version des

Standards veröffentlicht.

Schmiester: AWS ist eine mitgliedergeführte

NGO, deren Teilnehmer

aus unterschiedlichen Sektoren wie

Wirtschaft, Forschung oder Zivilgesellschaft

kommen und jeweils große

Expertise beim Thema Wasser mitbringen.

Damit ist der kooperative

Water Stewardship-Ansatz genuin in

der Organisation verankert. Ziel ist

es, die globalen Wasserkrisen zu bekämpfen.

Für ihre Mitglieder ist AWS

gleichzeitig eine Dialogplattform, die

lokal Trainings für nachhaltiges Wassermanagement

anbietet.

Die AWS gibt außerdem seit 2014

einen Standard heraus, der den verantwortungsvollen

Wasserumgang

von Unternehmen zertifiziert. Bitte

erklären Sie den Standard und den

Zertifizierungsprozess.

Schmiester: Andere Standards haben

die wasserspezifischen Risiken

in der Lieferkette und im Wassereinzugsgebiet

von Unternehmen nur

ungenügend abgebildet. Diese Lücke

wollten die Mitglieder von AWS

schließen und haben einen eigenen

unabhängigen Standard ins Leben

gerufen. Dieser versucht Maßnahmen

abzufragen, die ein Unternehmen intern

im Bereich Wassermanagement

umsetzt. Außerdem muss ein Unternehmen

erklären, welche Maßnahmen

in Zusammenarbeit mit anderen

Akteuren die Situation im Flussgebiet

verbessern. Damit greift der Standard

genau die Prinzipien des Water Stewardships

auf.

Es gibt ein Set von Kernkriterien, die

jeder Unternehmensstandort für eine

Zertifizierung erfüllen muss. Über

weiterführende Maßnahmen, vor allem

bei der Kooperation mit anderen

Akteuren, können Betriebe zusätzlich

Punkte sammeln und damit eine Goldoder

Platinzertifizierung erhalten. Der

Standard setzt klassische Managementprozesse

voraus, die ein Commitment

zur Water Stewardship und ihre

strategische Umsetzung beinhalten.

Innerhalb des Auditierungsprozesses

werden relevante Dokumente kontrolliert

und die Betriebe besucht, um die

tatsächliche Umsetzung der Maßnahmen

zu begutachten.

Dem WWF wird von Medien und anderen

NGOs vorgeworfen, zu eng mit

der Wirtschaft zusammenzuarbeiten.

Die Kritik lautet, dass Unternehmen

Ihre Standards wie MSC unterliefen

und zum Greenwashing benutzten.

Warum soll der Verbraucher Vertrauen

in den AWS-Standard haben?

Schmiester: Unternehmen spielen

innerhalb der AWS-Organisation zwar

eine Rolle, ihre Anliegen haben aber

kein größeres Gewicht als die der anderen

Akteure. Beim Water Stewardship

geht es darum, dass Firmen ihren

Teil der Verantwortung für nachhaltiges

Wassermanagement übernehmen.

Der Standard ist kontextspezifisch

aufgebaut, sodass Betriebe ihren

Zulieferern innerhalb der Lieferkette

nicht einfach Dinge auferlegen können.

Es geht darum, dass beispielsweise

Landwirte die Wasserrisiken ihres

Umfeldes erkennen und dann gemeinsam

mit den Unternehmen geeignete

Lösungen entwickeln.

Für uns ist es wichtig, dass sich Betriebe

in Branchen mit einem hohen

Wasser-Fußabdruck zertifizieren lassen.

Dazu gehören unserer Meinung

nach die Landwirtschaft, der Bergbau

und die Textilindustrie. f

Das Interview erschien im Original

bei UmweltDialog.de

Johannes Schmiester vom WWF

Foto:Daniel Seiffert / WWF

58 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Wieso? Weshalb?

Warum? Wer nicht

fragt, bleibt dumm!

UmweltDialog bietet verlässlichen und objektiven Nachhaltigkeits-Journalismus.

Klar, verständlich, kompakt und überparteilich.

Ausgabe 8

November 2017

9,00 EUR

ne.

+

all.

Iss was?

Wie die Food-Industrie nachhaltig werden kann

GRATIS

Die aktuelle Ausgabe

des deutschen

Global Compact

Jahrbuches.

umweltdialog.de

01.11.17 12:44

Jetzt einfach bestellen:

macondo.de/produkt/abo

Telefon: +49 (0) 251 / 20078 2-0 | E-Mail: bestellung@macondo.de

Jahresabonnement UmweltDialog-Magazin: Zwei Ausgaben des UmweltDialog-Magazins frei Haus für Euro 18,–

www.umweltdialog.de

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

59


Wasser

Wasserrisiken managen – ja!

Aber wie? Von

Lena Kern

Spätestens seit dem

„Dürresommer“ 2018 sind

sich viele Unternehmen

dessen bewusst, dass

Wasser selbst in unseren

Breiten zum Risiko für ihre

Tätigkeiten werden kann.

Doch wie das Thema

angehen, fragen sich viele.

Das Wichtigste vorab

Wassermanagement sollte immer im

lokalen Kontext gedacht werden. Da

Wasser eine lokale Ressource ist, sollte

von Risikoanalyse bis Maßnahmen

alles im Kontext der jeweiligen Flussgebiete

durchgeführt werden.

Welche Risiken bestehen für mein

Unternehmen?

Zuerst sollte ein Unternehmen analysieren,

in welchen Stufen der Wertschöpfungskette

Wasser eine Rolle

spielt, bzw., welche seiner Tätigkeiten

negative Auswirkungen auf die

Ressource verursachen können – und

ob diese geographisch in einem Gebiet

vonstattengehen, in dem daraus

Risiken entstehen können. Diese Risiken

sind von Kontext zu Kontext

unterschiedlich: Sie können physischer

Natur sein – zu wenig oder zu

viel Wasser, regulatorischer Natur

– mangelnde Gesetzgebung oder eine

Verschärfung davon, oder die Reputation

des Unternehmens gefährden.

Wichtig dabei ist immer auch die Wesentlichkeit

festzustellen: wesentliche

Lieferketten oder Wertschöpfungsstufen

bzw. wesentliche Einflüsse auf die

Wasserressourcen.

Wie weiter strategisch vorgehen?

Idealerweise entwickeln Unternehmen

eine kontext-basierte Wasserstrategie

mit Zielen, die sich an den

identifizierten Risiken und dem jeweiligen

lokalen Kontext orientieren:

• Contextual Water Targets = Ziele, die

sich zwar auf innere Wassereffizienz

konzentrieren, dabei aber die Probleme,

die sich im Flussgebiet ergeben,

mit einbeziehen

• Context-based Water Targets = Ziele,

welche einen ausreichenden Beitrag

zur Aufrechterhaltung einer nachhaltigen

Nutzung der verfügbaren

Wasserressourcen eines Flussgebiets

gewährleisten

Mit welchen Maßnahmen und

Projekten kann ich meine Ziele

erreichen?

Neben Maßnahmen wie Prozessoptimierungen

oder Produktdesign, die

einen internen, effizienzgesteuerten

Fokus haben, gibt es im Bereich Wasser

eine Besonderheit – Collective

Action. Collective Action beschreibt

Projekte, in denen sich unterschiedliche,

lokal betroffene Stakeholder wie

60 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Unternehmen, Zivilgesellschaft oder

die Verwaltung zusammentun, denn

so lassen sich oft effektivere und/oder

effizientere Maßnahmen durchführen.

Und nicht zuletzt – Berichterstattung

und Kommunikation!

Interne und externe Stakeholder können

mittels gängiger Berichtsformate,

wie die Global Reporting Initiative

(GRI) oder CDP Water berichten. Auch

der Alliance for Water Stewardship

Standard bietet eine Orientierung. Darüber

hinaus sind der individuellen,

kundenspezifischen Berichterstattung

keine Grenzen gesetzt.

Lena Kern ist Leiterin

Wirtschaft und Umwelt & Reporting,

Geschäftsstelle Deutsches Global

Compact Netzwerk

DGCN WASSER-COACHING

Gemeinsam mit dem WWF bietet das DGCN in regelmäßigen

Abständen Trainings an, die Unternehmen

darin unterstützen, anhand der beschriebenen Schritte

ihre Wasserrisiken zu analysieren und eine kontextbasierte

Wasserstrategie zu entwickeln. Diese Inhalte

werden Sie in Kürze auch in handlichem und praxisnahem

Format in einem Leitfaden zu kontext-basiertem

Wassermanagement in Unternehmen finden, gemeinsam

herausgegeben vom DGCN und WWF.

Nächster Termin:

Entwicklung einer Wasserstrategie – Risikoanalyse,

Zieldefinition und Umsetzung

03.-04. Dezember 2019

Frankfurt a.M.

Flyer zum Download:

globalcompact.de/de/2019_Wassercoaching.pdf

100 ANTWORTEN.

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

61


Wasser

Standards und Leitfäden

Water Footprint Network (WFN)

ist eine Plattform für die Zusammenarbeit zwischen

Unternehmen, Organisationen und Einzelpersonen.

Ziel ist es, Lösungen für die weltweiten Wasserkrisen

zu erarbeiten und eine faire und intelligente Wassernutzung

zu fördern. Das Netzwerk bietet zwei Arten

von Ressourcen an:

a) Interaktive Tools

Der Wissensvorsprung und der Austausch von Informationen,

Ideen und Innovationen ist ein Eckpfeiler der

WFN-Philosophie. Um den Wandel zu beschleunigen,

bietet die Initiative uneingeschränkten Zugang zu ihren

Tools. Die praktischen interaktiven Anwendungen stehen

Interessenten online kostenlos zur Verfügung und

liefern nützliche Daten und Einblicke in betriebliche

Wassernutzung.

b) Statistiken zum Wasserfußabdruck

Fundierte und vergleichbare Wasserfußabdruckstatistiken

sind das Fundament, auf dem solide, gut informierte

Strategien festgelegt und praktische Maßnahmen

umgesetzt werden können. WaterStat – die weltweit

umfassendste Datenbank für den Wasserfußabdruck –

steht für alle zur Verfügung.

waterfootprint.org

Smart Water Navigator von Ecolab

Der Navigator ist ein neues, kostenloses Online-Tool,

das eine Roadmap für Unternehmen bietet, um einen

ganzheitlichen Ansatz in der Wasserwirtschaft zu verfolgen.

Unterstützt wird die Anwendung durch einen

praktischen Leitfaden für nachhaltige Wasserpraktiken

auf Anlagenebene: All das hilft Unternehmen dabei,

entlang einer „Water Maturity Curve“ voranzukommen.

Mit dem Navigator können Unternehmen Kategorien

wie „ungenutzt“ über „linear“, „explorativ“ bis „wassersparend“

anwenden.

Der Navigator fordert Unternehmen auf, eine Bewertung

mit 13 Fragen vorzunehmen, die sie nach vier

Schlüsselkriterien bewertet:

• Standortmanagement

Wasserwirtschaftliche Praktiken

• Zielvorgabe

Wasserverantwortung

Unternehmen können bei diesen Kriterien naturgemäß

sehr unterschiedlich abschneiden. Ein Kandidat verfügt

z.B. über fortschrittliche Wassermanagementpraktiken,

aber nicht über die Unterstützung seiner Führungskräfte.

Ein anderer mag über starke interne Praktiken für

Governance und Wassermanagement verfügen, obwohl

er diese Prinzipien nicht über seine eigenen Unternehmensgrenzen

hinaus erweitert und einen umfassenden

Ansatz zur Wasserbewirtschaftung entwickelt hat.

Basierend auf der individuellen Punktzahl eines Unternehmens

bietet der Navigator maßgeschneiderte praktische

Maßnahmen und Fallstudien, die dazu beitragen

können, dass Unternehmen schließlich „wasserintelligent“

werden. Dabei sparen sie nicht nur Geld durch

weniger Wasserverbrauch, sondern managen auch die

vielen Wasserrisiken ihres Unternehmens und schaffen

ein solides, sicheres Fundament für das Unternehmen

in den kommenden Jahren.

de-de.ecolab.com/sustainability/

smart-water-navigator

62 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Crowdsourcing der ersten

Wasserwirtschaftsdatenbank

Wenn es um die Untersuchung und Verbesserung der

Wasserwirtschaft in Ländern und Städten geht, gibt es

wenig Daten. Obwohl es umfangreiche Daten über die

globale Knappheit gibt, gibt es nur begrenzte Daten

über die Praktiken der Wasserwirtschaft. Die meisten

Informationen konzentrieren sich auf physische Eigenschaften

wie Quantität und Qualität.

Andererseits verfolgen Unternehmen, die weltweit in

Wassereinzugsgebieten tätig sind, bereits lokale Managementpraktiken.

Crowdsourcing-Daten durch Unternehmen,

die diese Informationen zusammentragen,

bieten die Möglichkeit, die weltweit erste Geodatenbank

der Wassermanagementpraktiken zu erstellen – eine

Ressource, die dazu beitragen wird, den Wasserfluss für

alle Nutzer aufrechtzuerhalten. WRI und MIT haben eine

bewährte Methode entwickelt, um lokale Daten durch

Unternehmen zu sammeln und eine einzigartige Geodatenbank

für die Wasserwirtschaft zu entwickeln, die

derzeit skaliert wird. Dieser Atlas wird der Öffentlichkeit

den Zugang zu lokalen Managementinformationen

ermöglichen, um Gebiete mit starker oder schwacher

Wasserwirtschaft zu ermitteln, und es Regierungen,

Versorgungsunternehmen, Unternehmen und Investoren

ermöglichen, Ressourcen genauer zu kanalisieren

und an Orte mit dem größten Bedarf zu leiten.

www.wri.org/publication/mapping-public-water

Science Based Targets-Modell

wird ausgedehnt

Im Jahr 2015 kam eine Gruppe von gemeinnützigen

Organisationen zusammen, um Unternehmen bei der

Festlegung von Zielen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen

zu unterstützen, die mit dem 2-Grad

Celsius-Ziel des Pariser Abkommens von 2015 übereinstimmen.

Jetzt untersucht die Initiative, wie man wissenschaftsbasierte

Ziele für andere Umweltauswirkungen

festlegen kann, einschließlich solcher für Wasser,

Landnutzung, Biodiversität und Ozeane. Im vergangenen

Herbst bildete eine Gruppe von etwa 25 Organisationen

das Science-Based Targets (SBT) Network, um

diese komplexe Aufgabe zu bewältigen.

Wissenschaftlich fundierte Ziele sind sinnvoll, gerade

in einer Welt, in der das globale Gemeinwesen – die natürliche

Hauptstadt, auf die die Menschen angewiesen

sind, um das Leben zu unterstützen, Nahrung anzubauen

und Süßwasser zu liefern, unter anderem – von

Land zu Land, von Region zu Region sehr unterschiedlich

geregelt wird. Durch die Schaffung einer Reihe

von Standard-Zielen und -Methoden, die in der Wissenschaft

verwurzelt sind, können Unternehmen und andere

interessierte Parteien beurteilen, ob sie Lösungen

in angemessenem Umfang umsetzen. Wasser kann das

am einfachsten zu bewältigende Problem sein, vor allem

wegen der Menge an Arbeit, die bereits geleistet

wurde, um die Wasserwirtschaft auf der ganzen Welt

zu fördern.

Erste Unternehmen haben mit der Anwendung von

SBTs für Wasser begonnen: Mars z.B., der weltweit tätige

Hersteller von Süßigkeiten, Tiernahrung und anderen

Produkten, entwickelte 2016 in Zusammenarbeit

mit WRI „kontextbasierte“ Wasserziele. Die empfohlenen

Ziele beziehen sich auf die Gesamtwasserentnahmen

innerhalb eines bestimmten Einzugsgebietes bei

40 Prozent der von den Vereinten Nationen ermittelten

durchschnittlichen jährlichen erneuerbaren Vorräte.

sciencebasedtargets.org

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

63


Wasser

Gärtner haben

ein natürliches

Interesse

an effizientem

Wassermanagement

Das Geheimnis guten Gärtnerns liegt nicht

zuletzt in der richtigen Bewässerung der

Pflanzen. Für Hobbygärtner sind Gartencenter

und Baumärkte wichtige Partner. Wie können

die Märkte ihre Kunden darin unterstützen,

sorgsam mit der knappen Ressource Wasser

umzugehen? Welche Maßnahmen ergreifen

sie selbst? Antworten auf diese Fragen hat

Dominique Rotondi, Geschäftsführer Einkauf

und Logistik bei toom Baumarkt.

Advertorial

UmweltDialog: Herr Rotondi, Wasser ist ein kostbares

Gut. Was tut toom, um diese Ressource in seinen Prozessen

zu schonen?

Dominique Rotondi: Ein großer Teil des Wassers, das wir

an unseren Standorten verbrauchen, wird für das Gießen

unserer Pflanzen im Gartencenterbereich eingesetzt. Gerade

in trockenen Sommern ist da der Bedarf natürlich höher.

Um hier den Trinkwasserverbrauch zu minimieren, haben

viele unserer Märkte Zisternen, aus denen sie einen Großteil

der benötigten Menge abdecken können. Zusätzlich

sensibilisieren wir natürlich unsere Mitarbeiter, mit der

Ressource Wasser effizient umzugehen. Darüber hinaus

haben wir einen neuen Baustandard. Hier werden dann

u.a. bei neuen Standorten nur noch „berührungslose Armaturen“

eingebaut, die den Auslauf von Trinkwasser zum

Händewaschen minimieren.

Des Weiteren haben wir ein Energie-Monitoring, welches

auffällige Mehrverbräuche direkt verfolgt und evtl. Mängel

(Beispiel: durchlaufende WC-Spülung) abstellt.

Schon bei der Aufzucht beim Gartenbaubetrieb verbrauchen

Pflanzen Wasser und belasten eventuell anderweitig

die Umwelt. Können Kunden erkennen, wie ressourcenschonend

ihre Pflanzen erzeugt wurden?

Gärtner haben natürlich ein eigenes Interesse, mit einem

effizienten Wassermanagement den Verbrauch in der Anzucht

ihrer Kulturen zu minimieren. Zusätzlich setzen wir

bei unseren Lieferanten voraus, dass sie zu 100 Prozent

entweder nach MPS oder GLOBALG.A.P. zertifiziert sind.

Durch die umgesetzten Zertifizierungen wird der Umgang

mit Ressourcen jährlich kontrolliert und dokumentiert. Dadurch

kann der Gartenbaubetrieb transparent Potenziale

für weitere Einsparungen erkennen, und er wird für ge-

Foto: Tom Werner / gettyimages.de

64 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

gebenenfalls vorhandene Risiken der

Umweltbelastung sensibilisiert. Außerdem

werden die Auswirkungen auf

Grundwasser oder Oberflächengewässer

durch die Einhaltung der guten

Agrarpraxis und der kontrollierten

Sicherheitsvorkehrungen minimiert.

Viele unserer Gärtnereien nutzen für

die Bewässerung der Pflanzen aufgefangenes

Regenwasser und fangen

überschüssiges Wasser wieder auf.

Wir sind nicht nur aufgerufen, Wasser

zu sparen, sondern auch dafür

zu sorgen, dass das Wasser sauber

bleibt. Wie unterstützt toom

Hobby-Gärtner darin, dass sie nicht

durch unbedachtes Spritzen oder

falsches Düngen das Grundwasser

belasten?

toom Mitarbeiter in den Märkten

und speziell im Gartencenter beraten

unsere Kunden zu den relevanten

Produkten. Dazu gehört insbesondere

auch die richtige Anwendung, da

hier z.B. durch Überdosierung oder

Anwendung an falschen Stellen wie

Oberflächengewässern weitreichende

negative Folgen entstehen können.

Dies gilt vor allem für Produkte, die

nicht vom Kunden im Selbstbedienungsbereich

der Märkte ausgewählt

werden können, sondern nur

nach vorheriger Beratung durch den

Mitarbeiter aus abgeschlossenen

Schränken herausgegeben werden.

Hier müssen unsere Mitarbeiter auch

regelmäßig den Sachkundenachweis

durch Prüfungen erneuern, um immer

die aktuellen notwendigen Informationen

an die Kunden geben zu

können. Darüber hinaus möchten wir

unsere Kunden auch sensibilisieren

und ihnen alternative Produkte anbieten.

So haben wir als erster Baumarkt

in Deutschland Glyphosat ausgelistet

und gleichzeitig ein Sortiment an umweltverträglichen

Produkten zur Verfügung

gestellt.

toom Baumarkt hat sich in seiner

Nachhaltigkeitsstrategie dem respektvollen

Umgang mit Mensch und

Umwelt verschrieben. Welche Einflüsse

hat diese Zielsetzung auf Ihr

gesamtes Sortiment?

Nachhaltigkeit ist zentraler Bestandteil

der toom Unternehmensstrategie.

Auf Produktebene ist neben dem

Aspekt Umweltverträglichkeit auch

die Sicherstellung von fairen Arbeitsbedingungen

bei der Produktion ein

Teil unseres nachhaltigen Engagements.

Je nach Produktgruppe unterscheiden

sich dann die Kriterien, die

ein Produkt nachhaltiger machen. Im

Bereich Blumenerde ist zum Beispiel

unsere Strategie, bis 2025 zu 100

Prozent aus torfhaltigen Erden auszusteigen.

Das hat positive Auswirkungen

auf das Klima und die sensiblen

Ökosysteme in Mooren. Im Bereich

Natursteine war uns wichtig, durch

das Xertifix Plus Label in den Produktionsländern

China und Indien faire

Arbeitsbedingungen durchzusetzen.

Ebenso sorgen wir mit Fair Trees dafür,

dass für jede unserer verkauften

Nordmanntannen ein fairer Baum

nachgepflanzt wird. Voraussetzung

dafür sind sichere Arbeitsbedingungen

der Samenpflücker in Georgien,

faire Löhne sowie Kranken- und

Unfallversicherungen. Das stellen wir

mit Fair Trees gemeinsam sicher. Im

Bereich Anstrichmittel und Bodenbeläge

steht das Thema Wohngesundheit

im Vordergrund: hier können unsere

Kunden beispielsweise am PRO

PLANET Label oder dem Blauen Engel

besonders emissionsarme Produkte

erkennen. Ein Highlight ist zum Beispiel

Green Vinyl, das bei vergleichbaren

Eigenschaften wie dem beliebten

Vinylboden ohne PVC und Weichmacher

produziert wird.

Kommen wir zu Verpackungen: Baumarktprodukte

werden oft in Einweg-

Kunststoffverpackungen angeboten,

die letztendlich den Plastikmüllberg

vergrößern und als Mikroplastik

in den Wasserkreislauf gelangen.

Gibt es dazu alternative Lösungswege?

Wir arbeiten an verschiedenen Stellen

und Produktbereichen daran, unsere

Verpackungen zu optimieren. Im

Idealfall bedeutet das, dass wir komplett

auf Verpackungen verzichten.

Alternativ verringern wir den Materialeinsatz

oder setzen alternative Materialien

wie Rezyklate oder FSC-zertifizierten

Karton ein. So haben wir

z.B. im Bereich Dispersionsfarben seit

der Umstellung auf Rezyklat schon

900 Tonnen an CO 2

eingespart. Auch

verzichtet toom seit 2018 schon auf

Einwegtüten und bietet nur noch

Mehrwegvarianten wie Tüten aus

recyceltem PET oder Baumwolle an.

So sparen wir knapp 500.000 Einwegtüten

pro Jahr ein. Im Bereich Pflanzen

werden wir im nächsten Jahr zu

den ersten gehören, die das neue Floritray-Mehrwegsystem

für den Pflanzentransport

vom Gärtner in die Märkte

nutzen werden. Hierdurch können

wir im Vergleich zu den millionenfach

genutzten Einweg-Wasserpaletten z.B.

30 Prozent an CO 2

einsparen und

einen Teil des Kunststoffverbrauchs

im Bereich Garten reduzieren. f

Dominique Rotondi,

Geschäftsführer Einkauf und

Logistik bei toom Baumarkt.

Foto: toom

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

65


Wasser

Abwasserfreie

AUTOMOBILPRODUKTION

Foto: Daimler AG

Wasser ist im gesamten Fertigungsprozess eines Automobils notwendig, beispielsweise in der

Lackiererei. Mit neuen Techniken und vor allem frischen Wassermanagement-Konzepten

nutzen die Autobauer die Ressource Wasser immer effizienter. Langfristig verfolgt die Branche

das Ziel, Automobile CO 2

-neutral und abwasserfrei zu produzieren.

Beispiel Audi: Die Marke mit den vier Ringen

spart am Hauptstandort Ingolstadt jährlich bis zu

500.000 Kubikmeter Frischwasser ein. Das gelingt

dank eines ausgeklügelten Systems: Dazu

hat Audi ein neues Betriebswasserversorgungszentrum

in Betrieb genommen. In Verbindung mit der bisherigen

Aufbereitungsanlage kann rund die Hälfte des am Standort

entstehenden Abwassers in einen Kreislauf zugeführt und

zur Wiederverwendung aufbereitet werden.

66 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Projektleiter Rainer

Beringer überprüft

die feingliedrigen,

spaghettiähnlichen

Membranen

des MBR-Filterblocks

im Betriebswasserversorgungszentrum.

Die langen,

hohlen Fäden

bestehen aus einem

speziellen Kunststoffmaterial

und

filtern Bakterien

und Viren aus dem

Abwasser.

Herzstück des Betriebswasserversorgungszentrums

ist der sogenannte

Membran-Bio-Reaktor (MBR): Hier

wird das Produktionswasser mit Sanitärabwasser

vermischt und von organischen

Bestandteilen befreit. Anschließend

entfernt der MBR mittels

porenfeiner Membranen Bakterien

und Viren aus dem Abwasser. Audi

geht damit in der Wasseraufbereitung

einen Schritt weiter als konventionelle

Kläranlagen, die dieses Verfahren

nicht einsetzen. Zuletzt schleust eine

Umkehrosmose zurückgebliebene

Salze aus. Danach gelangt das gereinigte

Abwasser als Brauchwasser zurück

in die Produktion.

Mercedes-Benz Werk Rastatt:

Absicherung nach unten

Mit der „Ambition 2039“ beschreibt

Daimler den Weg zu nachhaltiger

Mobilität entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Dass „Grüne Produktion“

schon auf Werksebene anfängt,

zeigt das Mercedes-Benz Werk Rastatt.

Beispielsweise beim Umgang mit Wasser.

„Wir klären das“, heißt die blaue

Stele neben der Wagenwaschanlage.

Dort entsteht viel Schmutzwasser, das

Öl und Schadstoffe enthalten kann.

„Dieses Wasser muss vorbehandelt

werden, bevor wir es in den Kreislauf

zurückführen“, erläutert Daimler-Umweltexperte

Heiko Kärst.

Um das Rastatter Grundwasser vor

gefährlichen Stoffen zu schützen, ist

im Werk die Fläche eines kleinen Fußballfeldes

mit einem Schutzsystem

versehen. Diese „Absicherung nach

unten“ ist besonders wichtig, denn

der Abstand zum Grundwasser beträgt

hier nur 3,5 Meter, erklärt Heiko

Kärst.

Wir stehen am Tanklager für technische

Flüssigkeiten auf der so genannten

Entladetasse, die eher einer

breiten Wanne gleicht. Ginge beim

Entladen eines Tanklasters etwas daneben,

bliebe das Benzin in der zehn

Kubikmeter großen Wanne liegen

statt zu versickern – einer mehrlagigen

Spezialbeschichtung sei Dank.

Ford als global führend ausgezeichnet

Nachhaltigkeit ist keine rein deutsche

Disziplin – Ford zählt zu den weltweit

Besten beim Thema Wassermanagement:

Ganz aktuell hat der Detroiter

Autobauer die Bestnote „A“ von CDP

(Carbon Disclosure Project), einer

Non-Profit-Organisation für mehr

Nachhaltigkeit und Umweltschutz in

der Wirtschaft, erhalten.

Seit dem Jahr 2000 arbeitet Ford an

einer globalen Wasserinitiative und

konnte seither den Verbrauch um

62,5 Prozent reduzieren. Mehr als 47

Milliarden Liter Wasser konnten so

eingespart werden. Ford ist auf dem

besten Weg, das selbstgesteckte Ziel,

die Senkung des Wasserverbrauchs

bis 2020 um fast drei Viertel, zu erreichen.

Langfristig soll gar kein Trinkwasser

mehr bei der Fahrzeugproduktion

verwendet werden.

Foto: AUDI AG

„Der Zugang zu sauberem Wasser ist

ein grundlegendes Menschenrecht“,

sagte Kim Pittel, Nachhaltigkeitschef

bei der Ford Motor Company. „Wir

wissen, dass wir eine wichtige Rolle

bei der Etablierung von Umweltschutz-Verfahren

spielen, sowohl

hier bei Ford als auch in unserer Lieferkette.“

f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

67


Wasser

Schlürfrechte

Wasser ist flüssiges Gold", lautet eine

Redensart. Tatsächlich lässt sich mit

kaum einer anderen Ressource so viel

Geld verdienen. Tendenz steigend.

Von Dr. Elmer Lenzen

Es gibt Orte, die jeder von uns

kennt, auch wenn kaum einer

von uns dort war. Die französische

Kleinstadt Vittel ist so

ein Ort. Mitte des 19. Jahrhunderts

sprach sich die Qualität des Wassers

herum, und Vittel wuchs in der Belle

Époque zu einem mondänen Heilbad-Ort

mit Hotels, Stadtvillen und

Casinos heran. Schon früh basierte

das Geschäftsmodell der örtlichen

Foto: STEVE CUKROV / stock.adobe.com

68 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Kaufleute nicht nur auf Wasser für

reiche Kurgäste, sondern in kleine

Mengen abgefüllt sollte es auch

den „gemeinen Bürger“ erfreuen.

1882 wurde die Mineralwassergesellschaft

„Société Générale des Eaux

Minérales de Vittel“ gegründet.

Der Erfolg ist bis heute bahnbrechend

– schon 1898 verkaufte Vittel eine Million

Flaschen Wasser. Im Jahr. Auch

heute wird eine Million Flaschen verkauft.

Am Tag. Und genau da beginnt

das Problem: In Vittel werden heute

750 Millionen Liter Wasser im Jahr

gepumpt. Das bleibt nicht ohne Folgen:

Der Wasserspiegel sinkt jährlich

um 30 Zentimeter. Die Bewohner sollen

deshalb künftig mit Leitungswasser

vom Nachbarort versorgt werden.

Die Nutzung des wertvollen Vittel-

Wassers bleibt dem Eigner der Mineralwassergesellschaft,

und das ist

heute der Nestlé-Konzern, vorbehalten.

Dagegen regt sich Widerstand: „Nestlé

plündert und trocknet uns aus“, heißt

es auf Strohballen am Ortseingang.

Großer, böser Konzern gegen kleine,

schutzlose Gemeinde? Für viele Aktivisten

ist der Fall klar. „Die Ressource

Wasser gehört allen“, fordert >>

Top 20 der privaten Wasserbetriebe

Rang Firma Land Wassereinnahmen Anzahl der versorgten Personen

1 Suez Frankreich EUR 7.814 Mrd. 148.120.142

2 Veolia Frankreich EUR 11.138 Mrd. 122.000.000

3 Beijing Enterprises Water China HKD 17.354 Mrd. 58.419.728

4 Shanghai Industrial Holdings China HKD 4.667 Mrd. 54.087.042

5 Beijing Origin Water China CNY 8.892 Mrd. 43.557.169

6 Guangdong Investment China HKD 6.532 Mrd. 41.949.387

7 Beijing Capital China CNY 3,76 Mrd. 40.000.000

8 Acciona Agua Spanien EUR 708 Mio. 39.124.116

9 Sabesp Brasilien BRL 14.1 Mrd. 27.800.000

10 VA Tech Wabag Indien INR 32.1 Mrd. 23.300.000

11 FCC (Aqualia) Spanien EUR 1.009 Mrd. 22.500.000

12 Shanghai Chengtou Group China - 21.160.000

13 Shenzhen Water China - 21.047.357

14 Mitsui Japan JPY 120 Mio. 17.050.000

15 BRK Ambiental Brasilien BRL 1.811 Mrd. 17.000.000

16 Andrade Guitierrez Brasilien - 16.000.000

17 Tianjin Capital Environmental China CNY 1.77 Mrd. 15.027.223

18 American Water Works US USD 3.3 Mrd. 15.000.000

19 Thames Water UK GBP 2.06 Mrd. 15.000.000

20 Sound Global China CNY 4.086 Mrd. 13.901.162

Quelle: GWI WaterData; company data

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

69


Wasser

Weltweit

werden weit

über 100

Milliarden

Liter Wasser

jährlich in

Plastikflaschen

abgefüllt.

Jean-Francois Fleck vom regionalen

Umweltschutzverband Vosges Nature

Environnement in der Tagesschau.

Der Bürgermeister von Vittel, Frank

Perry, sieht es differenzierter: 900 der

5.000 Einwohner arbeiten für Nestlé.

Ohne die berühmte Quelle wäre Vittel

so bedeutend wie sein Nachbarort

Bulgnéville, nämlich gar nicht.

In Indien boomen Wasserautomaten

Szenenwechsel: Indien erlebt derzeit

die schlimmste Wasserknappheit seiner

Geschichte. Einem aktuellen Bericht

von WaterAid zufolge leiden fast

163 Millionen Inder darunter. Regierungsdaten

belegen, dass die durchschnittliche

jährliche Wasserverfügbarkeit

pro Kopf zwischen 2001 und

2050 von 1,8 Millionen Litern auf 1,1

Millionen Litern absinken wird.

Glücklicherweise haben nicht nur die

Regierung, sondern auch indische

Sozialunternehmer die Situation erkannt,

und ihre Start-ups bieten Lösungen

für den zunehmenden Mangel

im Land: Ob nun Swajal Water, Piramal

Sarvajal, AMRIT oder Waah – alle

funktionieren nach dem Prinzip des

Getränkeautomaten. Das Wasser hierfür

wird solarbetrieben aufbereitet.

Sozial werden die Geschäftsmodelle

durch die moderaten Preise und begleitende

Hilfsprojekte für Schulen

und Dorfbewohner.

Was rar ist, hat seinen Preis

Wasser wird in den nächsten Jahrzehnten

durch Klimawandel und

wachsenden Weltverbrauch zu einem

global knappen Gut werden. Für

Investoren ergeben sich aus diesem

Szenario attraktive Investitionschancen,

konstatiert die Fondsgesellschaft

Pictet nüchtern. Unternehmen, die im

Bereich der Wasserversorgung tätig

sind, würden von „überdurchschnittlichen

Wachstumsaussichten“ profitieren.

Das ruft viele Akteure auf den Plan:

Wasserfonds bescheren Anlegern

seit Jahren hohe Renditen. Der

Pictet-Wasserfonds brachte in den

letzten fünf Jahren über 62 Prozent

Rendite. Der RobecoSAM Sustainable

Water Fund brachte es auf mehr als 66

Prozent. Und Fonds, die sich am Referenzindex

World Water orientieren,

brachten mehr als 80 Prozent Rendite

in fünf Jahren. Davon kann Otto-

Normal- Sparer nur träumen.

Und wie wird mit Wasser Geld

verdient?

Erstens mit den Versorgern. Peter

Hermann schreibt in einem Anleger-Blog:

„So ist der Weltmarkt für das

kühle Nass längst unter einigen wenigen

Konzernen aufgeteilt: Neben den

beiden großen französischen Konzernen

Veolia und Suez gehören hierzu

die US-amerikanischen Unternehmen

Xylem und Lindsay.“ Beim Thema

Wasser sind die Franzosen stark im

Geschäft: Suez und Veolia beliefern

270 Millionen. Kunden weltweit und

machen damit annähernd 20 Milliarden

Euro Umsatz im Jahr.

In Deutschland, wie in den meisten

Teilen Europas, ist der Trend ein anderer:

Wasserversorgungs-Unternehmen

sind in der Regel in kommunaler

Hand. Und das soll nach Verbraucherwunsch

auch so bleiben. Eine

Bürgerinitiative hat das im letzten

Jahr auch auf EU-Ebene durchgesetzt.

Der für den Binnenmarkt zuständige

EU-Kommissar Michel Barnier versprach,

Wasser aus allen Privatisierungs-Richtlinien

zu streichen. Zuvor

war es vor allem in Berlin zu heftigen

70 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Protesten gekommen. 1999 hatte der

damalige CDU-Bürgermeister Eberhard

Diepgen die Berliner Wasserbetriebe

teilprivatisiert. Den neuen

Miteignern RWE, Vivendi (später

Veolia) und Allianz wurden in einem

Konsortialvertrag satte Gewinne versprochen.

Bezahlen durften das die

Verbraucher. „Nach wenigen Jahren

zahlten die Berliner etwa ein Drittel

mehr für ihr Wasser als zuvor“,

schreibt Patricia Huber im österreichischen

Magazin Kontrast. Es folgten

jahrelange Proteste und schließlich

2011 ein Volksentscheid mit 98 Prozent

Zustimmung für den Rückkauf.

Das ganz große Geld wird mit

Flaschenwasser gemacht

Der zweite große Gewinnbringer ist

das Geschäft mit abgefülltem Wasser:

Weltweit werden weit über 100

Milliarden Liter Wasser jährlich in

Plastikflaschen abgefüllt. Vielleicht

20 Prozent von diesen werden später

auch recycelt. Verdienen tun daran

die bekannten großen Marken im Lebensmittelgeschäft:

Nestlé, Danone,

Coca-Cola machen schon den Großteil

des Weltmarktes unter sich aus. Allein

Nestlé erwirtschaftet mit seiner

Wassersparte über sieben Milliarden

Franken Jahresumsatz. In Deutschland

werden Statistiken zufolge etwa

11,5 Milliarden Liter abgefülltes

Wasser pro Jahr getrunken. Das entspricht

142 Litern pro Kopf. Damit

ist Deutschland nach Mexiko, Thailand

und Italien weltweit Spitze beim

Verbrauch von abgepacktem Wasser.

Davon profitiert auch der Handel: Das

Getränkeliefer-Startup Flaschenpost

aus Münster hat unlängst 20 Millionen

Euro von Investoren eingesammelt.

>>

Top Ten der weltweit führenden Mineralwasserunternehmen

pro Umsatz (2015)

Danone

Nestlé

Coca-Cola

PepsiCo

Yangshengtang

Acqua Minerale

Ting Hsin

China Resources Enterprise

Alma

Hangzhou Wahaha

23,4 Billionen Liter

20,1

16,2

8,6

4,4

3,2

3,1

3

3

2,9

Quelle: ATLAS | Daten: Euromonitor

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

71


Wasser

Die Triodos Bank sieht den Trend kritisch:

„Leitungswasser ist in Deutschland

nahezu flächendeckend ohne

Bedenken konsumierbar, es wird

strenger kontrolliert als abgefülltes

Wasser und ist etwa 180 Mal günstiger.

Hinzu kommt, dass abgefülltes

Wasser überwiegend in Plastikflaschen

abgepackt wird, oftmals weit

transportiert werden muss und somit

einen verheerenden ökologischen

Fußabdruck hat.“

Digitalisierung liegt auch hier im

Trend

Foto: showcake / stock.adobe.com

Wasser kommt aus dem Hahn oder

der Flasche. Das klingt nach altmodischem,

analogem Geschäft. Ist es

aber längst nicht mehr. Digitale Wassertechnologien

sind der absolute

Megatrend, sagen Experten: Digitale

Lösungen bieten Instrumente zur Verbesserung

der Leistungsfähigkeit der

Infrastruktur der Wasserversorgung,

der Effizienz und Effektivität der Infrastrukturreparatur

und der Kapitalinvestitionen.

Die neuen smarten

Systeme nutzen Satellitenbildauswertungen

für die kostengünstige Lecksuche

oder Vorhersagen der Abwasserbedingungen.

Die Anwendungen

beinhalten künstliche Intelligenz zur

Verwaltung von Infrastrukturanlagen

sowie Virtual und Augmented Reality

(AR)-Technologien, um den Mitarbeitern

eine effizientere Reparatur zu

ermöglichen. Ein Unternehmen, das

diese Art von Fähigkeiten anbietet,

ist das japanische Metawater, das die

Instandhaltung von Wasseranlagen

mit AR-Technologie von Fujitsu unterstützt.

Der Analyst Will Sarni schreibt über

die vernetzten Wasserwege von

morgen: „Versorgungsunternehmen

können auch die Ressourcenverfügbarkeit

durch Satellitenbilder, Daten

72 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

und Analysen des NASA GRACE-

Programms besser verstehen; oder sie

könnten die Hochwasservorhersage

mit Dienstleistungen von Unternehmen

wie Cloud to Street verbessern.

Diese Unternehmen können auch eine

bessere Verbindung zu ihren Kunden

herstellen. Diese Kunden wiederum

haben „Smart Home“-Lösungen, um

ihren Wasserverbrauch effizient zu

steuern.“

Absurd: Wer Wasser spart, zahlt

mehr

Zuweilen treiben Investitionen aber

auch skurrile Blüten: So ist der Wasserverbrauch

pro Kopf in Deutschland

in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken.

1990 betrug er 145 Liter täglich,

heute sind es dagegen nur noch

127 Liter. Besonders drastisch fallen

die Einsparungen übrigens in Ostdeutschland

aus: Geburtenrückgänge,

Abwanderungen und neue Technologien

haben den Pro-Kopf-Verbrauch

seit der Wende von 142 Litern auf 90

Liter reduziert. Eine gute Nachricht?

Jein, denn der sparsame Verbraucher

hat die Rechnung ohne die Politik gemacht:

Diese ging nämlich bis weit

in die 90er Jahre davon aus, dass der

Wasserverbrauch hierzulande steigen

werde und plante entsprechend.

Vor allem in den neuen Bundesländern

entstanden überdimensionierte

Wasserwerke, Leitungsnetze und

Entsorgungsanlagen, die heute nur

mangelhaft ausgelastet sind. Für den

Verbraucher bedeutet dies höhere

Abgaben, da die Kosten umgelegt werden.

Digitale

Wassertechnologien

sind der absolute

Megatrend, sagen

Experten.

Auch für die Trinkwasserqualität

wirkt sich Sparsamkeit negativ aus:

Geringere Wasserentnahmen führen

in den Leitungsnetzen zu einer langsameren

Fließgeschwindigkeit und

einer längeren Verweildauer des Wassers

in den Leitungen. Folge: Fäkalien

werden nicht schnell genug in die Klärwerke

gespült, und das schadstoffreiche

Wasser wiederum greift die Rohre

an. Als Lösung des Problems greifen

viele Gemeinden darauf zurück, dass

sie zusätzliches, sauberes Trinkwasser

in das Kanalnetz pumpen, um so

die Fließgeschwindigkeit künstlich zu

erhöhen. Die Alternative wären neue,

kleinere Rohre, für die aber das Geld

fehlt. f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

73


Wasser

Vorteile und Nachteile

der Privatisierung

der Wasserwirtschaft

Von Tim Starke und Christoph Mengs

Die Aufgabe der Trinkwasserversorgung

betrifft ein existenzielles Grundbedürfnis

und stellt eine Kernaufgabe

der öffentlichen Daseinsvorsorge dar.

Gemäß dem pflichtigen Selbstverwaltungscharakter

der Aufgabe können

Kommunen die Leistungsbereitstellung

selbst übernehmen oder per

Ausschreibungsverfahren auf Dritte

übertragen. Bundesweit sind daher

in vielen Unternehmen heterogene

Gesellschafterstrukturen mit privaten

Minderheitsbeteiligungen zu beobachten,

wobei der Trend zu einer

Dominanz der privatwirtschaftlichen

Leistungserstellung in den letzten Jahren

abgenommen hat. Der Widerstand

gegen Privatisierungen fußt vor allem

auf der Annahme bzw. dem Vorurteil,

dass private Unternehmen eigene Ertragsziele

vor die Versorgungsansprüche

der öffentlichen Hand stellen.

Der Artikel soll zwei konkreten Vorund

Nachteilen der Privatisierung in

der Trinkwasserversorgung nachgehen:

Erstens soll dargelegt werden,

inwiefern sich ein erhöhter Privatisierungsgrad

auf die Höhe des variablen

Wasserpreises auswirkt. Zweitens

soll auf die Frage der Schonung von

Trinkwasserressourcen eingegangen

werden.

Einfluss der Eigentümerstruktur

auf die variablen Trinkwasserpreise

Mit Bezug auf die mikroökonomische

Theorie ist der deutsche Trinkwassermarkt

als natürliches Monopol

anzusehen, welches hohe Fixkosten

74 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Foto: Sashkin / stock.adobe.com

und geringe produktionsabhängige

Kosten verzeichnet. Damit verbunden

sind zum einen niedrige Grenzkosten

und zum anderen sinkende Durchschnittskosten,

wodurch ein einzelnes

Unternehmen langfristig kostengünstiger

agieren kann als eine Mehrzahl

verschiedener Unternehmen. Zusätzliche

Markteintritte, die – wie im

Falle vollständiger Konkurrenz – den

Wettbewerb fördern würden, entfallen

dadurch. Darüber hinaus ist die

Kostenfunktion in der Regel nur dem

Unternehmen selbst bekannt. Im

Zuge ihrer Gewinnerzielungsabsichten

möchte der natürliche Monopolist

dieses öffentliche Informationsdefizit

nutzen, um höhere Preise anzusetzen,

als zur Kostendeckung überhaupt erforderlich

sind. Durch die stärkere

Einbeziehung von privaten Akteuren

in die Leistungserbringung könnte die

Gewinnerzielungsabsicht zu Lasten

des Bedarfsdeckungsprinzips in den

Vordergrund rücken. Die Folgen sind

Diskrepanzen bei den gemeinwohlund

erwerbswirtschaftlichen Unternehmenszielen.

Würde dies zutreffen, müsste ein signifikanter

Zusammenhang von privaten

Gesellschaftsanteilen und erhobenen

Preisen feststellbar sein. Blickt

man auf die 100 größten deutschen

Städte, so wird ersichtlich, dass sich

im Jahr 2017 47 Wasserversorger in

vollständig öffentlicher Hand befanden.

Lediglich zwei Versorger waren

demgegenüber in vollständig privater

Hand. Demzufolge zeigt sich bei 51

Versorgern eine gemischtwirtschaftliche

bzw. teilprivatisierte Struktur. Seit

2009 steigt der Anteil der öffentlichen

Hand an der Eigentümerstruktur. Der

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

75


Wasser

variable Trinkwasserpreis hat sich in

den vergangenen zehn Jahren – bei

gleichzeitig hoher Varianz zwischen

den Versorgern – nur geringfügig verändert.

Empirischen Untersuchungen

von Starke / Rottmann / Hesse /

Kratzmann / Mengs zufolge sind diese

jedoch nicht auf die Veränderungen

in der Eigentümerstruktur zurückzuführen.

Ganz im Gegenteil hat die

im Zeitraum 2009-2015 beobachtete

Umstrukturierung der Wasserversorger

in den 100 größten Städten der

Bundesrepublik Deutschland weder

einen preissenkenden noch einen

preissteigernden Effekt verursacht.

Somit lässt sich keine Überdehnung

der Preissetzungsmöglichkeiten von

gemischtwirtschaftlich organisierten

Wasserversorgern feststellen. Ferner

wurde der für natürliche Monopole

exemplarische Fixkostencharakter in

der Trinkwasserversorgung sichtbar,

wodurch deutlich wird, dass eine

reine Preisbetrachtung den Blick

auf eine nachhaltige Lebenszyklusfinanzierung

vernachlässigt. Seit

mehreren Jahren sind die investiven

Ausgaben im Bereich der Wasserwirtschaft

rückläufig. Daher ist mittel- bis

langfristig mit einem Wertverzehr

der Netze zu rechnen. Folglich kann

eine alleinige Betrachtung der Trinkwasserpreise

nicht abschließend

beantworten, inwieweit eine privatwirtschaftliche

Leistungserbringung

langfristig die Trinkwasserpreise beeinflusst.

76 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Reduktion von Wasserverbrauch

und Wasserrisiken

Eine effiziente Trinkwasserbereitstellung

bemisst sich neben der

Preissetzung für die Kunden an dem

schonenden Umgang mit den natürlichen

Ressourcen: Die Reduktion des

Verbrauchs sowie von Risiken gilt es

hierbei zu bewerten.

Bevor Trinkwasserversorger zu einer

stärkeren Ressourcenschonung beitragen,

gilt es, den zu verwendenden

Maßstab zu benennen, um den konkreten

Handlungsbedarf zu erfassen:

Die Schonung des allgemeinen Wasserdargebots

sowie die Sicherung einer

hohen Trinkwassergüte.

Foto: vladk213 / stock.adobe.com

Zur Ermittlung des optimalen Maßes

der Entnahme aus dem Trinkwasserdargebot

eignet es sich in der

praktischen Anwendung nicht, das

umweltökonomische Konzept an die

Grenzkosten der Schadensvermeidung

gleich dem Grenzschaden zu

setzen, da die genaue Ermittlung der

beiden Maße nicht möglich ist. Somit

ist eine objektive Ermittlung des optimalen

Maßes der Wasserentnahme

sowie der Wassergüte nicht möglich.

Es bedarf staatlicher Vorgaben in

Form von Ge- und Verboten, die die

Entnahme und Güte der Ressource

Wasser klar vorgeben.

Ergänzende Maßnahmen des Trinkwasserversorgers,

um das Wasserdargebot

zu schonen, sind darüber

hinaus grundsätzlich denkbar. Einen

ersten Ansatz bilden moralische

Appelle an den Endkunden. Dieser

Ansatz stellt einen Versuch dar, die

Endkunden für das Umweltproblem

zu sensibilisieren und so die Bereitschaft

zu erzeugen, freiwillig den

individuellen Wasserverbrauch zu

reduzieren. Ein zweiter Ansatz stellt

die Reduktion der Wasserverluste

dar. So konnten die Wasserverluste

in Deutschland bereits seit 1990 um

circa 37,9 Prozent reduziert werden.

Durch die Erfassung von Echtzeitdaten

– z.B. im Rahmen von Smart Metering

– können die zeitliche Erfassung

und räumliche Ortung von Leckagen

im Netz sowie von anormalen Verbrauchsmustern

von Endkunden reduziert

werden. Ein dritter Ansatz

kann durch die Veränderung von

Trinkwasserpreisen erfolgen. Üblich

ist eine Unterteilung der Trinkwasserpreise

in einen festen Basis- bzw.

Bereitstellungspreis und einen verbrauchsabhängigen

Mengenpreis.

Um einen stärkeren Preisanreiz zu

schaffen, ist es denkbar, nur noch

einen Mengenpreis auszuweisen.

Dies würde den monetären Anreiz

erhöhen, den eigenen Trinkwasserverbrauch

zu reduzieren. Allerdings

widerspricht dies dem Verursacherprinzip,

nachdem Kosten, die klar einem

Verursacher angelastet werden

können, auch von diesem zu tragen

sind.

Alle Ansätze einer Verbrauchsreduktion,

die zu einem schonenderen Umgang

mit dem Wasserdargebot führen,

sind mit dem ursächlich technischen

Problem der Kostenremanenz belastet,

welches in der Wasserwirtschaft

aufgrund des hohen Fixkostenanteils

unvermeidlich scheint. Folglich bestehen

sowohl in einem öffentlich als

auch einem privatwirtschaftlich organisierten

Unternehmen nur bedingt

Anreize zu einer erheblichen Reduktion

des Trinkwasserverbrauchs. Dies

lässt sich nur durchbrechen, wenn

mit Blick auf den langen Lebenszyklus

der Infrastruktur, welche einen

maßgeblichen Einfluss auf die hohen

Fixkosten verzeichnet, Anpassungen

des Gesamtverbrauchs mit notwendigen

Investitionen oder anstehenden

Instandhaltungs- und Sanierungsmaßnamen

einhergehen.

Eine Reduktion des generellen Wasserverbrauchs

lässt darüber hinaus

nicht zwangsläufig die variablen

Trinkwasserpreise sinken, da der

hohe Fixkostenanteil sowie Kostenremanenzen

dies konterkarieren. Nur

ein zeitgleich erfolgender Netzumbau

kann die variablen Trinkwasserpreise

reduzieren. Hierbei scheint eine klare

Einordnung der Organisationsstruktur

mehr als schwierig. Jedoch lässt

sich konstatieren: Ausschlaggebend

sind die jeweiligen Ziele.

Ausblickend erscheint die Frage

spannend, inwieweit die Betrachtung

des Preises und der Ressourcenschonung

in Bezug auf weitere Bereiche

der Siedlungswasserwirtschaft übertragbar

sind, in denen z.T. ebenfalls

privatwirtschaftliche und öffentliche

Organisationsformen die öffentliche

Daseinsvorsorge erbringen. f

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

77


Wasser

Deutschland hat genug

Trinkwasser für alle

– noch!

Aus

Deutschland

kamen im Sommer die

Nachrichten, die lange Zeit nur aus

südlichen Gefilden bekannt waren. Nahezu in der

gesamten Nordhälfte waren laut „Dürremonitor“ des

Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung die Böden in einer Tiefe von

bis zu 1,80 Meter extrem ausgetrocknet.

Von Ulrich Klose

78 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Der „Water Risk Atlas“ stellt

wiederum fest, dass in einem

Streifen von Niedersachsen

über Hessen

bis Baden-Württemberg

und Nordbayern

binnen eines

Jahres zwischen

40 bis 80 Prozent

der vorhandenen

Süßwasserressourcen

entnommen

wurden.

Eigentlich

liegt dieser

Wert hierzulande

bei etwas

über zehn Prozent.

Foto: MARION STEPHAN PHOTOGRAPHIE / stock.adobe.com

In vielen Regionen

war es den

Bürgern auch diesen

Sommer wieder

verboten, die Gärten

zu wässern sowie Swimming

Pools aufzufüllen.

Droht in Deutschland also

Wasserknappheit? Ist gar die

Trinkwasserversorgung in Gefahr?

Der Bundesverband der Energie- und

Wasserwirtschaft (BDEW) sagt ganz

klar: Nein! „Zurzeit kann von einem

Engpass bei der öffentlichen Trinkwasserversorgung

in Deutschland

keine Rede sein.“ Die öffentliche

Wasserversorgung beansprucht nämlich

nur 2,7 Prozent der verfügbaren

Wasserressourcen, weiß das Umweltbundesamt.

Zudem haben Privatverbraucher

und Industrie ihren

Wasserverbrauch in den vergangenen

25 Jahren deutlich reduziert.

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de

79


Wasser

Selbst bei vollen Speichern kann

Wasser knapp werden

„Wenn es in einigen Orten Einschränkungen

zum Beispiel bei der Gartenbewässerung

gibt, so ist das in der

Regel auf technische oder hydraulische

Gegebenheiten zurückzuführen“,

stellt BDEW-Hauptgeschäftsführer

Martin Weyand klar. Wenn viele

Verbraucher gleichzeitig den Wasserhahn

aufdrehen, erklärt Fred Carl

vom Trinkwasserverband Stader Land

der Zeitschrift „Kommunal“, sinkt die

Fließgeschwindigkeit in den Versorgungsleitungen.

Obwohl die Wasserspeicher

eigentlich noch gut gefüllt

sind, tröpfelt es dann nur noch aus

dem Hahn.

Trotzdem warnt das Umweltbundesamt:

„Weitere aufeinander folgende

trockene Sommer mit zusätzlich wenig

Niederschlag im Winter hätten

in jedem Fall negative Auswirkungen

auf die Wasserverfügbarkeit.“ Zumal

mit der Landwirtschaft ein großer

Verbraucher hinzukommen würde.

Aktuell werden nämlich nur 2,7 Prozent

der landwirtschaftlich genutzten

Flächen bewässert. Dafür werden

gerade mal 0,2 Prozent der öffentlich

bereitgestellten Trinkwassermenge

genutzt.

Ausgeklügeltes System gerät

durcheinander

Stiege der Wasserbedarf dauerhaft

an, geriete ein ausgeklügeltes System

durcheinander. In Deutschland

sind die Kommunen dafür zuständig,

dass immer ausreichend Trinkwasser

durch die Leitungen fließt – Fachleute

sprechen vom „Wasserdargebot“.

Städte, Gemeinden und Kreise übertragen

die Wasserversorgung üblicherweise

an Eigenbetriebe, Zweckverbände,

Privatunternehmen oder

andere Organisationen.

14.418 Wasserversorgungsunternehmen

zählte das Statistische Bundesamt

2016 in der Bundesrepublik. Sie

müssen sich die Wasserentnahmen

auf Basis des Wasserhaushaltsgesetzes

und der Landeswassergesetze

durch die Aufsichtsbehörden – meist

die Bezirksregierungen – genehmigen

lassen.

Damit es nicht zu Wasserkrisen

kommt, in denen die Kommunen

beispielsweise die Gartenbewässerung

verbieten müssen, erstellen die

Wasserversorger langfristige Versorgungskonzepte.

Dabei gilt der Grundsatz,

dass nur soviel Wasser entnommen

werden darf, wie innerhalb eines

bestimmten Zeitraums wieder neu

gebildet wird, erläutert Kirsten Arp,

Geschäftsführerin der Allianz der öffentlichen

Wasserwirtschaft (AöW).

Vorrang habe immer die Versorgung

der Privathaushalte.

Was passiert, wenn diese Konzepte

ins Wanken geraten, erlebten

dieses Jahr Landwirte im

niedersächsischen Peine.

Der dortige „Beregnungsverband“

hat

allen Bauern ein

individuelles, auf

15 Jahre angelegtes Kontingent an

Grundwasser zugebilligt, das sie für

die Bewässerung ihrer Felder nutzen

dürfen. Nun haben die ersten Betriebe

die ihnen zustehenden Mengen

bereits verbraucht und müssen ihre

Pflanzen vertrocknen lassen, berichtet

das ARD-Magazin „Report München“.

Trinkwasser ist das höchste Gut

„Ohne Sicherstellung, dass Trinkwasser

als höchstes Gut geschützt

ist, können wir nicht zulassen, dass

weitere Grundwassermengen, zum

Beispiel für das Thema Beregnung,

entnommen werden“, wirbt Niedersachsens

Umweltminister Olaf Lies

gegenüber der ARD um Verständnis

für die Maßnahmen in Peine. Karsten

Specht, Vizepräsident des Verbands

der kommunalen Unternehmen

(VKU), regte in einem Medienbericht

an, dass sich Landwirte zukünftig verstärkt

auf Brauchwasseraufbereitung

konzentrieren sollten.

80 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

Selbst in grundsätzlich wasserreichen

Regionen kommt es mittlerweile

zu nicht für möglich gehaltenen

Auseinandersetzungen. Weitgehend

konfliktfrei gestaltete sich beispielsweise

über mehr als ein Jahrhundert

hinweg das Verhältnis Münchens

zum benachbarten Mangfalltal. Seit

1880 bezieht die bayerische Metropole

etwa 80 Prozent ihres Trinkwassers

von dort. Nun möchte sich die

Isarstadt in der Region nördlich von

Miesbach eine zusätzliche, 900 Hektar

große Schutzzone für ihr dortiges

Wasserschutzgebiet sichern. Dagegen

protestieren aber die ortsansässigen

Bauern, die dann einige Felder nicht

mehr nutzen könnten und mit den

angebotenen Ausgleichsflächen nicht

einverstanden sind.

gesellschaftliche Diskussion über die

gerechte Verteilung des Wassers bevorsteht,

wie sie das Umweltbundesamt

anregt. f

„Das ist ein neuartiger Konflikt, den

wir bisher in der Form noch gar nicht

kannten“, bewertet Dr. Karsten Rinke

vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung

gegenüber der ARD derartige

Auseinandersetzungen. Vieles

spricht dafür, dass Deutschland eine

Foto: Mopic / stock.adobe.com

Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Wasser

guter

Letzt

Zu

Grafik: strichfiguren.de / stock.adobe.com

Wasser wird

großzügiger geteilt als

Geld

Wer durstig ist, teilt Wasser eher als Geld. Zu diesem

Ergebnis kommen Forscher der Alpen-Adria-Universität

Klagenfurt in ihrer aktuellen wissenschaftlichen

Erhebung. Es wurde untersucht, wie knappe, dringend

benötigte Ressourcen geteilt werden. Dazu wurden 84

Studienteilnehmer mittels einer intensiven Sporteinheit

auf einem Fahrrad-Ergometer durstig gemacht. Dann

wurde deren Bereitschaft gemessen, sowohl eine limitierte

Menge Wasser als auch Geld mit einer anonymen

fremden Person zu teilen.

Das vielfach verwendete Diktatorspiel, ein simples experimentelles

Teilungsszenario aus der experimentellen

Ökonomie, diente den Wissenschaftlern bei ihrer Experimentieranordnung

als Vorlage für das Experiment.

Unterschieden wurde dabei zwischen Teilnehmern, die

jeweils Wasser- beziehungsweise Geldmengen durch

das Radfahren „verdient“ hatten und jenen, denen beide

Güter beliebig zugewiesen wurden.

Das Ergebnis: Wasser wird großzügiger geteilt als Geld.

Sogar jene, die das Gefühl hatten, ihre kleine Wassermenge

durch intensives Radeln „verdient“ zu haben, waren

bereit, die Hälfte oder mehr als die Hälfte abzugeben.

Im Gegensatz dazu gaben sie viel weniger Geld ab. „Vermutlich

fiel es unseren Teilnehmern leichter, sich in Bedürfnisse

anderer, wie deren Durst, einzufühlen, wenn

sie diese selbst verspürten. Geld hingegen lässt sich in

unterschiedlichster Weise verwenden, so dass es schwerer

sein könnte, Empathie zu entwickeln. Empathie wiederum

könnte das altruistische Verhalten begünstigen“,

sagt Forscherin Astrid Kause. f

IMPRESSUM

UmweltDialog ist ein unabhängiger Nachrichtendienst

rund um die Themen Nachhaltigkeit und Corporate

Social Responsibility. Die Redaktion von Umwelt-

Dialog berichtet unabhängig, auch von den Interessen

der eigenen Gesellschafter, über alle relevanten Themen

und Ereignisse aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Herausgeber:

macondo publishing GmbH

Dahlweg 87

48153 Münster

Tel.: 0251 / 200782-0

Fax: 0251 / 200782-22

E-Mail: redaktion@umweltdialog.de

Redaktion dieser Ausgabe:

Dr. Elmer Lenzen (V.i.S.d.P.), Sonja Scheferling,

Elena Köhn, Ulrich Klose

Bildredaktion:

Marion Lenzen

Gestaltung:

Gesa Weber

Lektorat:

Marion Lenzen, Bettina Althaus

klimaneutral

natureOffice.com | DE-220-778323

gedruckt

Klimaneutraler Druck, FSC-zertifiziertes

Papier, CO 2 -neutrale Server

© 2019 macondo publishing GmbH

© Titelbild: Von alphaspirit / stock.adobe.com

ISSN

Digital: 2199-1626

Print: 2367-4113

82 Ausgabe 12 | November 2019 | Umweltdialog.de


Bisherige Ausgaben

Das nächste

UmweltDialog-Magazin

erscheint am 15.05.2020.


kfw.de

Mehr zum nachhaltigen

Engagement der KfW:

kfw.de/stories/plastik

Weiterdenker bekämpfen künstliche

Feinde: Tüten, Becher, Folien.

Die KfW fördert nachhaltige Projekte zur Reduzierung von Plastikmüll. Durch die Finanzierung

von Meeresschutzzonen und innovativem Abfallmanagement leistet die KfW einen wichtigen Beitrag gegen

die Verschmutzung der Meere. Schließlich bieten sie Nahrung für zwei Milliarden Menschen und sind von

elementarer Bedeutung für unser Klima und die Artenvielfalt. Plastik gefährdet dieses sensible Ökosystem –

und damit uns alle. Als nachhaltige und moderne Förderbank unterstützt die KfW Weiterdenker, die

zukunftsweisende Lösungen zur Abfallvermeidung, -verwertung und -entsorgung in die Tat umsetzen.

Weitere Informationen unter kfw.de/stories/plastik

Weitere Magazine dieses Users